Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens
Part 14
Hassan Beg Nā'i war ein rothaariger und rotbärtiger Mann mit den harten Zügen des schottischen Hochländertypus. Er war freilich gar nicht entzückt, mich zu sehen, aber auf die Bitten des Zaptieh kroch er doch aus seiner Klause hervor, wo er mit seinen Freunden den Freitagsmorgenkaffee trank, führte mich über die Straße in seinen Harem und überließ mich den Frauen, die ebenso freundlich waren, wie er sich sauertöpfisch gezeigt hatte. Sie zeigten sich in der Tat höchst erfreut über den Besuch, denn Hassan Beg ist ein gar gestrenger Herr, welcher weder Frau noch Mutter oder irgend einer anderen Angehörigen erlaubt, die Nase aus der Tür zu stecken; nicht einmal ein Spaziergang im Friedhof oder eine Fahrt am Orontesufer an einem schönen Sommernachmittag ist ihnen gestattet. Der Harem war ehemals ein sehr schönes arabisches Haus nach Art der Häuser von Damaskus. Zimmer und Liwān (Sprechzimmer im Hintergrund des Hofes) waren gewölbt, aber der Stuck blätterte sich ab, und Fußboden sowie Treppen knirschten unter den Füßen der Dahinschreitenden. In die eine Mauer war eine Marmorsäule mit einem Akanthuskapitäl gebaut, und auf dem Fußboden des Liwān stand ebenfalls ein großes, in seiner Art hübsches, wenn auch einfaches Kapitäl. Es war jetzt in ein Wasserbecken verwandelt worden, mag aber wohl als Taufstein gedient haben, ehe die Araber Emesa einnahmen, und nachdem die älteren Gebäude der Römerstadt in Verfall geraten waren, und ihr Material zu anderen Zwecken genommen wurde. Auf meinem Heimweg kam ich an einem schönen Minaret vorbei, das abwechselnd schwarze und weiße Streifen zeigte. Die Moschee oder christliche Kirche, zu welcher der Turm gehört hatte, war eingefallen; wie mein Zaptieh berichtete, soll der Turm für den ältesten der Stadt gelten. Sicherlich war die Moschee am Eingang zum Bazar von nicht geringem architektonischen Wert.
Da Homs weiter nichts Sehenswertes bot, und der Nachmittag schön war, ritt ich nach dem Anger am Orontes hinab, der in Frühlings- und Sommertagen einen beliebten Schauplatz für alle Feiertagsbelustigungen abgibt. Der Orontes läßt Homs eine gute Meile südlich liegen, und die Versorgung mit Wasser ist, nach Beschaffenheit und auch Menge, unbefriedigend, da sie einem Kanal entstammt, der am Nordende des Sees seinen Anfang nimmt. Der Orontesanger, Mardj ul 'Asi, gibt einen guten Begriff von den Örtlichkeiten, wo der Orientale, mag er Türke, Syrer oder Perser sein, seine Mußestunden zuzubringen liebt. »Drei Dinge sind es,« sagt das arabische Sprichwort, »die das Herz von Kummer befreien: Wasser, grünes Gras und Frauenschönheit.« Der hurtige Orontes strömte durch die bereits mit Gänseblumen besternten grünen Flächen, unter Weidenbäumen, die schon der Hauch des Frühlings gestreift hatte, stiegen leicht verschleierte Christendamen von ihren Mauleseln. Das Wasser drehte eine große Na'oura (persisches Rad), sein angenehmes Rauschen erfüllte die Luft. Ein Kaffeekocher hatte an der Straße sein Kohlenbecken aufgestellt, ein Zuckerwarenhändler breitete am Ufer seine Schätze aus, und auf der breiteren Rasenfläche tummelten buntgekleidete Jünglinge ihre Araberstuten. Der Osten hielt in der ihm eigenen, zufriedenen Weise Feiertag, und seine eigene Sonne spendete ihre Wärme dazu.
Der übrige Nachmittag wurde der Geselligkeit und den fruchtlosen Bemühungen gewidmet, der Neugierde der Städter zu entgehen. Es war ein Freitagnachmittag, und wie hätte man ihn besser anwenden können, als sich in einer Schar von vielen Hunderten rings um meine Zelte aufzustellen und jede Bewegung jeder einzelnen Person im Lager zu beobachten? Trieben es die Männer schon schlimm genug, so übertrafen die Frauen sie noch, und die Kinder waren am schlimmsten. Nichts konnte sie zurückschrecken, und die Aufregung erreichte ihren Gipfel, als Abd ul Hamed Pascha Druby, der reichste Mann von Homs, vorsprach und den Kādi Mohammed Sāid ul Chāni mitbrachte. Bei dem uns umgebenden Auf- und Abwogen der Menge konnte ich unmöglich der interessanten, geistreichen Unterhaltung die gebührende Aufmerksamkeit widmen; als ich eine Stunde drauf den Besuch in des Paschas schönem neuen Hause am Stadttor erwiderte, war ich von mindestens 300 Personen begleitet. Ich muß einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen haben, als die Tür sich hinter meiner eignen Begleitung schloß, denn nachdem ich mich in dem kühlen, ruhigen Liwān niedergelassen, sagte 'Abd ul Hamed:
»Möge Gott geben, daß das Volk Ew. Exzellenz nicht belästigt, ich werde sonst ein Regiment Soldaten ausschicken.«
Ich murmelte eine mir nur halb von Herzen kommende Ablehnung, hätte ich doch mit Befriedigung jene kleinen Burschen von einer ganzen Musketensalve niedergestreckt gesehen. Darauf bemerkte der Pascha nachdenklich:
»Als der deutsche Kaiser in Damaskus weilte, gab er Befehl, daß niemandem untersagt würde zu kommen und ihn sich anzusehen.«
Mit diesem erhabenen Vorbild vor Augen ward mir klar, daß ich die Buße für Größe und fremde Herkunft klaglos auf mich nehmen mußte.
Das Gespräch ging auf religiöses Gebiet über. Ich fragte nach den Nosairijjeh, aber der Kādi verzog den Mund und erwiderte:
»Es sind keine angenehmen Leute. Einige geben vor, 'Ali anzubeten, andre verehren die Sonne. Sie glauben, daß, wenn sie sterben, ihre Seele in den Körper von anderen Menschen, ja sogar Tieren übergeht, wie es der Glaube in Indien oder China lehrt.«
Worauf ich sagte: »Ich habe von einer Geschichte gehört, die unter ihnen geht. Ein Mann hatte einen Weinberg, und als er starb, hinterließ er ihn seinem Sohn. Der junge Mann arbeitete in dem Weinberg, aber als die Trauben reif waren, kam jeden Abend ein Wolf hinein und fraß die Frucht. Der junge Mann versuchte ihn zu verjagen, aber er kehrte jeden Abend wieder. Und in einer Nacht rief der Wolf laut: ‚Soll ich nicht von den Trauben essen dürfen, ich, der ich den Weinberg pflanzte?’ Da staunte der Mann und fragte: ‚Wer bist du denn?’ Der Wolf antwortete: ‚Ich bin dein Vater.’ Und der junge Mann fragte: ‚Wenn du wirklich mein Vater bist, so sprich, wo hast du denn das Gartenmesser hin? Denn ich habe es nicht gesehen, nachdem deine Seele deinen Körper floh!’ Da führte ihn der Wolf an den Ort, wo er das Messer hingelegt hatte, und der junge Mann glaubte, ja wußte nun, daß der Wolf sein Vater war.«
Der Kādi ließ den Beweis unbeachtet.
»Sie sind ohne Zweifel große Lügner,« sprach er.
Später fragte ich ihn, ob er mit den Behā'is bekannt wäre. Er erwiderte:
»Wie Ew. Exzellenz wissen, hat der Prophet (Gott schenke ihm ewigen Frieden!) gesagt, daß es 72 falsche und nur ein wahres Glaubensbekenntnis gibt; ich aber weiß, daß von diesen 72 wenigstens 50 in unserm Lande zu finden sind. So viel von den Behā'is und ihresgleichen.«
Ich erwiderte, daß Propheten allein befähigt wären, echten und falschen Glauben zu unterscheiden, und daß wir in Europa, denen keine solchen zur Seite stehen, es für eine schwere Sache halten.
»Es ist mir gesagt worden,« entgegnete der Kādi, »daß in Europa die Gelehrten die Propheten sind.«
»Und sie gestehen ein, daß sie nichts wissen,« gab ich zur Antwort. »Ihre Augen haben die Sterne erforscht, und doch können sie uns nicht die Bedeutung des Wortes Unendlichkeit erklären.«
»Wenn Sie damit das unendliche Himmelsgewölbe meinen, so wissen wir, daß es von den sieben Himmeln ausgefüllt wird.«
»Und was befindet sich jenseits des siebenten Himmels?«
»Wissen Ew. Exzellenz nicht, daß die Zahl Eins der Anfang aller Dinge ist? Können Sie mir angeben, was vor der Zahl Eins kommt, so will ich ihnen sagen, was sich hinter dem siebenten Himmel befindet.«
Der Pascha lachte und erkundigte sich, ob der Kādi mit seiner Beweisführung zu Ende sei. Dann fragte er mich, was man in Europa vom Gedankenlesen hielte. »Denn,« fuhr er fort, »vor einem Monat wurde ein wertvoller Ring in meinem Haus gestohlen, und ich konnte den Dieb nicht finden. Da kam ein gewisser, mir befreundeter Effendi, der von der Sache gehört hatte, zu mir und sagte: ‚Ich kenne einen Mann im Libanon, der sich auf diese Dinge versteht.’ Ich bat, ihn holen zu lassen. Der Mann kam und forschte in Homs nach, bis er eine Frau gefunden hatte, die das zweite Gesicht besaß. Dank seinen Beschwörungsformeln sagte sie endlich aus: ‚Der Dieb heißt so und so; er hat den Ring in seinem Hause.’ Wir suchten und fanden das Juwel. Dies sind meine Erfahrungen, denn die Sache hat sich unter meinen Augen zugetragen.«
Auf meine Erwiderung, daß die Gedankenleser im Libanon einen besseren Gebrauch von ihrer Gabe zu machen verstünden als die in London, entgegnete der Pascha nachdenklich:
»Vielleicht hatte die Frau irgend etwas gegen den Mann, in dessen Hause wir den Ring gefunden haben -- Gott allein weiß es, sein Name sei gelobt!«
Damit verließen wir das Thema.
Bei meiner Rückkehr in mein Zelt fand ich eine Visitenkarte auf dem Tische, die folgenden Namen und Titel trug: »Hanna Chabbaz, Prediger an der protestantischen Kirche in Homs.« Darunter stand geschrieben: »Madame, meine Frau und ich sind gern bereit, Ihnen jeden Dienst zu leisten, dessen Sie im Dienste Christi und der Menschlichkeit benötigen. Wir würden Sie gern besuchen, wenn Sie uns annehmen wollen. Ihr gehorsamer Diener.« Ich schickte sofort die Botschaft, daß ich mich sehr über ihren Besuch freuen würde, und so kamen sie denn gerade vor Sonnenuntergang, die beiden guten Leute. Dringend boten sie mir ihre Gastfreundschaft an, von der Gebrauch zu machen, ich jedoch keine Gelegenheit hatte. Ich bedauerte dies um so weniger, als ich in dem Pascha und dem Kādi so überaus angenehme Gesellschafter für den Nachmittag gefunden hatte, und wenn ich an meinen sehr unruhigen Aufenthalt in Homs zurückdenke, erscheint mir die mit den beiden höflichen, gebildeten Mohammedanern verbrachte Stunde immer wie eine ruhige, geschützte Insel in einem stürmischen, brandenden Meere.
Neuntes Kapitel.
Wir brachen am andern Morgen sehr zeitig auf, aber die Leute in Homs standen früh auf, um uns abreisen zu sehen. Nur der feste Entschluß, ihnen nicht mehr Vergnügen zu bereiten, als unbedingt nötig war, hielt mich äußerlich ruhig. Eine Viertelstunde später hatten wir das Tripolitor und den römischen Ziegelbau hinter uns und waren damit außerhalb des Gesichtskreises selbst des scharfäugigsten der kleinen Buben angelangt. Die friedliche Schönheit des Morgens beruhigte auch unsre Gemüter, und ich ging nun daran, die Bekanntschaft der Gefährten zu machen, die der Kāimakām mir zugesellt hatte. Es waren ihrer vier; zwei gingen frei, die anderen in Fesseln. Die beiden ersteren waren kurdische Zaptiehs, der eine war beauftragt, mich nach Kal'at el Husn zu geleiten, der andere hatte das zweite Paar meiner Reisegenossen zu bewachen. Dies waren Gefangene, die der Kāimakām schon einige Tage in seinem Gewahrsam hatte, bis ihm meine Reise endlich günstige Gelegenheit bot, sie nach der Festung im Djebel Nosairijjeh zu senden, von wo aus sie dann weiter in das große Gefängnis zu Tripoli befördert wurden. Sie waren in zerlumpte Baumwollengewänder gekleidet und aneinandergefesselt, diese Ärmsten. Wie sie so tapfer durch Schmutz und Schlamm dahintrotteten, äußerte ich ein Wort des Mitgefühls; darauf erwiderten sie, Gott möge mir langes Leben schenken, aber es sei der Wille ihres Herrn, des Sultans, daß sie in Ketten gingen. Einer der Kurden unterbrach sie mit der Erklärung:
»Es sind Deserteure aus dem Heere des Sultans: Gott vergelte ihnen nach ihren Taten! Übrigens sind sie Ismailiten aus Selemijjeh und beten einen fremden Gott an, der im Lande Hind wohnt. Es wird gesagt, dieser Gott sei eine Frau, und daß sie sie aus diesem Grunde anbeten. Jedes Jahr läßt sie durch Abgesandte auch in diesem Lande das ihr gebührende Geld einsammeln, und auch die ärmsten Ismailiten spenden ihr einige Piaster. Trotzdem behaupten sie, Moslemiten zu sein: Gott allein weiß, was sie glauben. Komm, Chudr, sage uns, was du glaubst!«
Der also aufgeforderte Gefangene erwiderte verstockt:
»Wir sind Moslemiten.« Aber die Worte des Soldaten waren mir ein Fingerzeig gewesen, dem ich folgte, als die beiden Unglücklichen, sich nahe an mein Pferd drängend, mir zuflüsterten:
»Meine Dame, meine Dame, sind Sie im Lande Hind gewesen?«
»Ja,« sagte ich.
»Gott segne Sie für dieses Ja! Haben Sie auch von dem großen König gehört, den sie König Mohammed nennen?«
Wieder konnte ich bejahend antworten und sogar hinzufügen, daß ich ihn selbst kannte und mit ihm gesprochen habe, denn ihr König Mohammed war niemand anders als mein Mituntertan, der Agha Chān, und die Religion der Gefangenen konnte sich eines ehrwürdigen Alters rühmen, da sie von dem gegründet ist, den wir den ‚Alten vom Berge’ nennen. Die beiden waren demütige Vertreter der vielgefürchteten (und wohl auch vielverleumdeten) Sekte der Assassinen.
Chudr faßte meinen Steigbügel mit der freien Hand und fragte eifrig:
»Ist er nicht ein großer König?«
Diesmal antwortete ich vorsichtig. Obzwar der Agha Chān wohl im modernen Sinne, das heißt um seines außerordentlichen Reichtums willen, ein großer König genannt werden kann, würde es mir doch sehr schwer geworden sein, seinen Jüngern das Wesen dieses gewandten, wohlunterrichteten Weltmannes genau zu erklären, den ich zuletzt in London bei einem Diner gesehen, und der mir den Marlborough-Club als seine Adresse angegeben hatte. Nicht daß ihnen solche Dinge, selbst, wenn sie sie verstanden hätten, anstößig erschienen wären; ist doch der Agha Chān sich selbst Gesetz, und sollte er sich auch größeren Ausschweifungen als Diners u. dgl. hingeben, so würde doch jede seiner Handlungen schon dadurch gerechtfertigt sein, daß _er_ sie begeht. Sein Vater pflegte seinen Untertanen Empfehlungsbriefe an den Erzengel Gabriel mitzugeben, um ihnen einen guten Platz im Paradies zu sichern, und wenn auch der Sohn, dank seiner englischen Erziehung und seiner Bekanntschaft mit englischer Denkungsart, sich dieses Vorrechtes nicht mehr bedient, so ist er doch in der Meinung seiner Anhänger noch immer der Hüter der Schlüssel zum Himmelreich. Ihr Glaube an ihn findet seinen sehr konkreten Ausdruck in dem Einkommen, das sie durch Subskription für ihn in Asien und Afrika aufbringen, und das jährlich in die Zehntausende geht.
Ungefähr eine Stunde ritten wir durch Gärten dahin. Scharen von Arabern der niedersten Klasse begegneten uns. Auf ihren mit Milch und Quark beladenen Eseln trotteten sie zum Markt nach Homs. Endlich gelangten wir in die jenseits des Orontes liegende Ebene, wo diese Araber zu Hause sind. Diese Steppe bot einen vertrauten Anblick: sie ähnelte der Landschaft im Drusengebirge und war gleich dem Haurān mit schwarzem, vulkanischem Gestein bedeckt. Sie ist der Steinlieferant für die Stadt Homs. Alle zum Bauen benötigten Steine werden auf Eseln jenseits vom Flusse hereingebracht. Sie gelten in der Stadt einen Metallik (es ist eine so kleine Münze, daß sie kein europäisches Gegenstück besitzt), und ein Mann mit einem guten Gespann kann bis zu 10 Piaster pro Tag verdienen. Im Frühjahr ist Wa'r Homs, die steinige Steppe von Homs, nur von den verachtetsten Arabern bewohnt, die die Stadt mit Lebensmitteln versorgen, -- wohlgemerkt, kein Beduine würde seinen Lebensunterhalt durch Quarkhandel oder durch irgend etwas anderes als durch Kampf erwerben -- im Sommer aber lassen sich große Stämme, wie z. B. die Haseneh, auf einige Monate hier nieder, und nach der Ernte folgen ihnen gewisse Familien der 'Anazeh, die ihre Kamele die Stoppeln abweiden lassen. Diese großen Völkerschaften sind dem Lachs zu vergleichen, der aus dem offenen Meere in den Forellenbach eindringt und die kleineren Fische in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt, im März, stand die Steppe zum Teil unter Wasser, und zwischen den Steinen sproßten Gras und Blumen; als wir aber, weiter westwärts ziehend, ein allmählich ansteigendes Terrain erreichten, bot die Landschaft das Bild eines wahren Blumengartens. Lichtblaue Hyazinthen erhoben ihre dichtgedrängten Glöckchen über die Lavablöcke, Schwertlilien, rote Anemonen, gelbes Habichtskraut und die prächtige purpurfarbene Nieswurz schmückten das Gras -- kurz, die ganze Fülle des syrischen Frühlings lag an diesem glücklichen Tage unter unseren Füßen ausgebreitet. Während der ersten fünf Stunden folgten wir der Fahrstraße nach Tripoli, passierten die die letzte Station vor Homs bildende Karawanserei und überschritten die Grenzlinie zwischen Damaskus und Beirut. Dann wandten wir uns zur Rechten und betraten einen Saumpfad, der eine wellige Grasfläche durchschnitt, die zum Teil angebaut war und einen noch reicheren Blumenflor zeigte als die Ränder der Fahrstraße. Anemonen vom lichtesten Weiß bis zum dunkelsten Purpur und kleine blaue Iris säumten den Pfad, gelbe Krokus drängten einander an den Ufern des Stromes. Für uns aber, die wir vor kurzem Südsyrien durchzogen, bot das Gras eine noch größere Augenweide als die Blumen. Tragen doch selbst die höchsten Gipfel des Djebel Nosairijjeh ein so saftiggrünes Gewand, daß sich sogar die fruchtbarsten Hänge Judäas und Samarias keines solchen rühmen können. Nachdem wir einen niederen Höhenzug überschritten, senkte sich der Pfad nach einem kurdischen Dorfe, dessen Wohnungen teils aus Zelten, teils aus Erdhütten bestanden. Sicher lebten die Einwohner schon lange in Syrien, denn sie hatten ihre heimische Sprache vergessen und konnten nur Arabisch, das sie, ebenso wie unsre beiden Zaptiehs, mit dem abgehackten Akzent der Kurden aussprachen. Über dem Dorfe drüben erstreckte sich eine ungefähr drei Meilen breite Steppe, die Bkei'a, bis an den Fuß des steilen Abfalls des Nosairijjehgebirges, von dessen höchstem Gipfel die große Festung aus der Zeit der Kreuzzüge herniederdräute, die unser nächstes Ziel war. Noch lag sie von der Sonne beschienen da, hinter ihren Türmen aber kroch bereits ein schwarzes Wetter empor; schon hörten wir den Donner in den Bergen grollen, und zackige Blitze durchzuckten den schwarzen Hintergrund der Burg. Leider war der direkte Weg durch die Bkei'a dem Berittenen unzugänglich dank der schwammigen Sümpfe, die nach Aussage der Dörfler tief genug waren, um ein Maultier samt seiner Ladung zu verschlingen; wir wandten uns deshalb, zwar widerwillig nur, nach rechts und umritten den Fuß des Gebirges. Noch waren wir nicht weit gekommen, als uns zwei Reiter begegneten, die der Kāimakām von Kal'at el Husn zu unsrer Begrüßung ausgeschickt; kaum hatten sie sich uns zugesellt, als das Wetter losbrach und uns in Ströme von Regen hüllte. Durch Pfützen und Schlamm plätschernd, gelangten wir gegen 5 Uhr vom Regen durchweicht an den Fuß des Berges. Hier ließ ich meine Karawane die Hauptstraße weiter verfolgen und erklomm mit einem von des Kāimakāms Reitern den Gipfel auf einem steilen, schmalen, gerade hinaufführenden Pfade. Sonnenuntergang brachte uns an den »Schwarzen Turm«. Durch ein prächtiges arabisches Tor ritten wir in einen gewölbten Gang, durch den eine Wendeltreppe aufwärtsführte. Es war fast Nacht darin; einige Schießscharten gewährten der grauen Dämmerung von draußen Eingang und verbreiteten kaum einen Schimmer von Tageslicht. Hin und wieder ritten wir an Türen vorüber, hinter denen tiefste Finsternis lag. Die Steinstufen waren flach und breit, aber vielfach zerbrochen; unsre Pferde stolperten und klapperten höher und höher hinauf, bogen um eine Ecke nach der anderen, ritten durch Tor um Tor, bis das letzte uns endlich in den innern Hof der Festung brachte. Mir war, als ritt ich an der Seite eines Ritters aus dem Feenreich, und ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn mir wie in Spencers Dichtung von dem Torbogen Worte wie »Sei kühn!« »Sei kühn!« »Sei nicht zu kühn!« entgegengeleuchtet hätten. Es befand sich jedoch kein Zauberer im Innern der Burg -- nichts als eine Schar Dörfler reckten ihre Hälse, um uns zu sehen, und der Kāimakām versicherte mir lächelnd und freundlich, daß er nicht daran denken könnte, mich in dieser nassen, stürmischen Nacht ein Lager aufschlagen zu lassen. Er hatte bereits für ein Nachtquartier in der Burg gesorgt.
Der Kāimakām von Kal'at el Husn ist ein ganz hervorragender Gelehrter. Sein Name ist 'Abd ul Hamid Beg Rāfi'a Zādeh; seine Familie stammt aus Ägypten, wo noch jetzt viele Verwandte von ihm leben. Er wohnt im höchsten Turme der Festung, und hier lag auch mein Gastzimmer, bequem ausgestattet mit Teppichen, einem Diwan, einer viersäuligen Bettstelle und einem Mahagonischrank mit Spiegeltüren, deren Glas jedoch während des Transportes von Tripoli auf dem Rücken des Kameles so zersplittert worden war, daß ich auch nicht das kleinste Fleckchen meines Antlitzes darin erblicken konnte. Obgleich ich bis auf die Haut naß war, mußte ich doch den Forderungen des guten Tones nachkommen, und der schrieb vor, daß wir uns zunächst auf den Diwan niederlassen und Höflichkeiten austauschen mußten, während ich mehrere Gläser schwachen Tees zu mir nahm. Mein Wirt schien nachdenklich und augenscheinlich nicht zu lebhafter Konversation aufgelegt -- aus einem guten Grund, wie mir später klar wurde, -- aber schon bei meiner Antwort auf seine erste Begrüßung löste sich ein Seufzer der Erleichterung aus seiner Brust.
»Gottlob! Ew. Exzellenz sprechen Arabisch. Wir fürchteten schon, uns nicht mit Ihnen unterhalten zu können, und ich habe deshalb eine syrische Dame, die der englischen Sprache mächtig ist, gebeten, den Abend hier zu verbringen und als Dolmetscherin zu dienen.«