Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Part 16

Chapter 163,041 wordsPublic domain

Inzwischen war das Frühstück fertig geworden. Nachdem sich die Hausfrau zurückgezogen, fanden die übrigen Gäste Einlaß. Es waren vier an der Zahl: der Zābit, der Kadi und zwei andere. Wir hielten ein reichliches, vortreffliches und unterhaltendes Mahl. Es wurde von munterem Gespräch belebt, das der Kāimakām anregte und aufrechterhielt, der jedes Thema mit der gewandten Leichtigkeit eines Mannes von Welt behandelte. Während er sprach, kam mir immer wieder von neuem zum Bewußtsein, was für eine schöne, elegante Sprache das Syrisch-Arabisch im Munde des Gebildeten ist. Bei meinem Abschied eröffnete mir der Kāimakām, daß ich noch während der ganzen folgenden Nacht sein Gast sein würde. Er hatte nämlich, wie er sagte, von meiner Absicht erfahren, mein Lager am verfallnen Tempel von Husn es Suleimān aufzuschlagen, und meine Karawane unter dem Schutze eines Zaptiehs bereits dahin gesandt. Einer seiner Vettern, der für meine Bedürfnisse Sorge tragen sollte, war mit Dienern und Vorräten ebenfalls schon vorausgegangen. Der Zābit und Rā'ib Effendi el Helu, ein andrer Teilnehmer an der Frühstücksgesellschaft, sollten mich begleiten. Hoffentlich war das alles zu meiner Zufriedenheit. Ich dankte dem Kāimakām herzlich für seine Güte und versicherte, ihn schon an seiner großmütigen Gastfreundschaft als Araber von edler Geburt erkannt zu haben.

Unser Pfad führte uns bis zur Höhe des Nosairischen Gebirges, wo wir, auf dem Kamme hinreitend, eine felsige, romantische Wegspur verfolgten. Die Abhänge waren außerordentlich steil und zeigten außer Gras und Blumen keinen Pflanzenwuchs. Nur hier und da waren die höchsten Gipfel von einer Eichengruppe gekrönt, durch deren kahles Gezweig die weiße Kuppel einer nosairischen Mazār leuchtete. Die Nosairijjeh haben weder Kirchen noch Moscheen, aber auf jedem Berggipfel errichten sie eine Kapelle, das Zeichen einer Begräbnisstätte. Diese hochgebetteten Toten haben zwar die Erdenwelt verlassen, fahren aber noch fort, sie mit ihren Segnungen zu beglücken, denn sie sind die Beschützer der Bäume, deren Wurzeln ihre Gebeine umschlingen, und die deshalb als die einzigen ihrer Art ungehindert wachsen dürfen.

Husn es Suleimān liegt hoch oben in den Bergen am Anfang eines Tales. Ein klarer Quell rieselt unter dem Gestein hervor und umspült eine natürliche, mit grünem Moos bewachsene Plattform, auf der wir unsre Zelte errichteten. Amphitheatralisch steigen die Berge hinter dem Tempel hinan, vor ihm senkt sich das Tal abwärts, und die Götter, denen er geweiht war, können sich in ungestörter Einsamkeit der in Trümmer gesunkenen Lieblichkeit ihres Heiligtums erfreuen. Die Mauern sind mit Efeu übersponnen, und Veilchen sprossen in den Ritzen. Vier Tore führen in den Hof, in dessen Mitte sich die Ruinen des Tempels befinden, während etwas südlich von der Cella noch das Mauerwerk eines Altars sichtbar ist, der in schönen griechischen Lettern eine Widmung trägt. Sie berichtet, daß der Centurio Decimus, aus der Legion des Flavian, nebst zwei Söhnen und einer Tochter dem Gott von Baitokaikē einen erzenen Altar stiftete und auf einem Steinsockel errichtete. Das geschah im Jahre 444 der seleucidischen Zeitrechnung. Dieses Datum entspricht unserm Jahre 132 nach Christus. Es ist bedauerlich, daß Decimus sich nicht bewogen fühlte, auch den Namen des Gottes hinzuzufügen; derselbe bleibt in allen Inschriften unerwähnt. Der Nordeingang besteht aus einem dreiteiligen Tor und liegt einer zweiten rechteckigen Umfriedigung gegenüber, in deren südöstlichen Winkel ein kleiner Tempel steht, während aus der Nordmauer eine kuppelförmige Überdachung hervorragt. Letztere schützte vielleicht die Statue des unbekannten Gottes, denn es führen Stufen hinauf, und Säulenstümpfe umstehen den Platz. Wie in Ba'albek, so heiligten die Christen auch diese Stelle durch das Erbauen einer Kirche, die in der zweiten Umfriedigung und zwar rechtwinkelig zu dem Heiligtum an der Nordwand lag. Die äußeren Mauern beider Höfe sind außerordentlich massiv, sind doch die Steine nicht selten 6-8 Fuß dick. Obgleich der Schmuck viel strenger, herber ist als in Ba'albek, so erinnern doch gewisse Details so lebhaft an das letztere, daß ich mich der Vermutung nicht entschlagen kann, es müsse ein und derselbe Architekt gewesen sein, der in die untere Seite der Architrave zu Baitokaikē die Adler und Cherubine einmeißelte, mit denen er bereits die Architrave des Jupitertempels geschmückt hatte. Nach der Behauptung der Bauern befinden sich unter beiden Tempeln und Höfen tiefe Gewölbe. Sicherlich ist die Ruine sorgfältige Ausgrabungen wert, wenn auch keine weitere Entdeckung die Schönheit des großartigen Heiligtums in den Bergen steigern kann.

Der Kāimakām hatte sein Wort gehalten. Es waren uns Scharen von Schafen und Hühnern zum Opfer gefallen, und nachdem ich und meine Freunde gespeist hatten, taten sich auch die Soldaten und Maultiertreiber gütlich. Lustig flackerten die Lagerfeuer in der klaren, reinen Gebirgsluft, die Sterne glitzerten am Himmel, über die Steine plätscherte der Bach; alles übrige lag in Schweigen, denn Kurt war nicht mehr. Irgendwo in den Bergen war er uns davongelaufen und nicht wiedergekommen. Ich betrauerte seinen Verlust, konnte aber in Zukunft um so friedlicher schlafen.

Alle meine Freunde sowie auch die Soldaten begleiteten uns am nächsten Tage bis an die Grenze der Provinz Drekisch und verließen uns hier, nachdem sie noch einen widerwilligen Nosairijjeh in seinem Hause zu 'Ain es Schems aufgejagt und ihm befohlen hatten, dem mich begleitenden Zaptieh bei der Auffindung des außerordentlich felsigen Pfades nach Masjād behilflich zu sein. Nach seinem Weggang rief ich Michaïl, um seine Meinung über unsre Bewirtung am gestrigen Tage zu hören. Er gab den arabischen Ersatz für ein Grunzen von sich und sagte:

»Zweifellos denken Ew. Exzellenz, daß Sie der Gast des Kāimakām waren. Ich will Ihnen sagen, wessen Gast Sie gewesen sind. Sie haben die nosairischen Bauern gesehen, das elende Volk, das Ihnen an der Ruine Antiquitäten verkaufte. Das waren Ihre Wirte. Alles ist von ihnen ohne Bezahlung genommen worden. Sie haben das Holz für die Lagerfeuer gesammelt, die Hühner und Eier gehörten ihnen, die Schafe entstammen ihren Herden, und als Sie sagten ‚Ich habe genug!’ und sich weigerten, mehr zu nehmen, ergriffen die Soldaten noch ein Schaf und behielten es für sich. Und das einzige Entgelt, was die Bauern bekamen, waren die Metalliks, die Sie Ihnen für ihre alten Münzen gaben. Aber wenn Sie mir folgen wollen,« fügte Michaïl höchst inkonsequenterweise hinzu, »sollen Sie durch ganz Anatolien reisen, ohne den vierten Teil eines Medjideh aus Ihrer Börse nehmen zu müssen. Sie werden von Kāimakām zu Kāimakām ziehen und überall Gastfreundschaft finden -- den Leuten ist es nicht um Bezahlung zu tun, sie wünschen nur, daß Ew. Exzellenz ein gutes Wort für sie einlegen, wenn Sie nach Konstantinopel kommen. Sie werden in ihren Häusern schlafen und an ihrem Tisch essen, wie es war, als ich mit Sacks reiste ....«

Aber wenn ich alles erzählen wollte, was sich ereignete, während Michaïl mit Mark Sykes reiste, würde ich nie nach Masjād kommen.

Der Tag war bemerkenswert um der außerordentlichen Unzugänglichkeit der Wege und der Schönheit der Blumen willen. Auf den Berggipfeln wuchsen gelbe, weiße, purpurrote Krokus, alpine Cyclamen und ganze Flächen weißer Primeln; weiter unten blühten Iris, Narzissen, schwarze, grüne, rote Orchideen, und im Myrtengebüsch die blauen gefüllten Anemonen. Am Fuße des steilsten Abfalls angelangt, entließ ich den unglücklichen Nosairijjeh mit einem Trinkgeld, das jedenfalls viel mehr war, als er aus einem Abenteuer zu gewinnen gehofft, das mit einem Polizeibefehl begonnen. Um 3 Uhr erreichten wir Masjād und schlugen unsre Zelte am Fuße der Burg auf.

Aber Masjād war eine Enttäuschung. Wohl weist der Ort eine große Burg auf, aber sie ist, soviel ich beurteilen konnte, arabischen Ursprungs, ebenso wie die Stadtmauern arabische Arbeit sind. Da eine alte Römerstraße von Hamāh durch die Stadt geht, sollten sich darin auch Spuren römischer Niederlassung vorfinden, aber ich sah keine. Ich hörte nur von einer Burg in Abu Kbēsch auf dem Kamm des Gebirges, da sie aber nach dem Ausspruch der Leute gerade wie Masjād, nur kleiner war, ging ich nicht hinauf. Die Burg von Masjād hat eine äußere Mauer und innere Befestigungswerke, zu denen man, ähnlich wie in Kal'at el Husn, durch einen überwölbten Gang gelangt. Die alte Festung ist fast gänzlich zerstört und nun durch flüchtig hingebaute Hallen und Säulen ersetzt worden, die die Ismailiten vor einigen hundert Jahren, als sie im Besitz des Ortes waren, errichteten. So wenigstens erzählte mir ein alter Mann, der Emir Mustafa Milhēm, der jener Sekte angehörte und mir als Führer diente. Er behauptete auch, daß seine Familie die Festung 7-8 Jahrhunderte lang bewohnt habe. Vielleicht log er damit, wenn es auch auf Wahrheit beruht, daß sie den Ismailiten so lange gehört hat. In die äußeren Tore sind eine Anzahl Säulen und Kapitäle eingebaut, die von byzantinischen Bauten herrühren müssen. Es finden sich auch auf der Innenseite des zweiten Tores einige alte arabische Inschriften vor, die den Namen der Erbauer dieses Festungsteiles berichten, aber sie sind sehr verwittert. Später sagte man mir auch, ich hätte einen Ort, namens Deir es Sleb, besuchen müssen, wo zwei Kirchen und ein kleines Kastell zu sehen sind. Er ist auf der Karte nicht eingezeichnet und lag schon weit hinter uns, als ich davon erfuhr. Als ich am nächsten Tag nach Hamāh reiste, sah ich Reste des Rasīf, der alten Römerstraße. 4½ Meilen von Masjād entfernt, liegt an der Brücke über den Fluß Sarut ein eigentümlicher Erdwall, an dessen Vorderseite eine hohe Mauer aus ungeheuren Steinblöcken bis zur Spitze hinaufläuft. Michaïl fand unten am Fuße eine römische Münze in den Furchen des Felsens. Von der Brücke an stand uns noch eine 2½stündige langweilige Reise bevor, die uns durch die Gegenwart eines alten Türken, eines Telegraphenbeamten, sehr verschönt wurde, der sich an der Brücke zu uns gesellte und mir im Weiterreisen seine Geschichte erzählte.

»Effendim, meine Familie wohnt in der Nähe von Sofia. Effendim, kennen Sie den Ort? Mascha'llah, es ist ein schönes Land! In meiner Heimat sind die Berge mit Bäumen, Obstbäumen und Tannen bewachsen, und die Ebenen sind Rosengärten. Effendim, viele von uns sind nach dem Krieg mit den Moskowitern hierhergezogen, weil wir unter keiner anderen als des Sultans Hand leben wollten. Aber viele sind bald wieder zurückgekehrt. Warum Effendim? Sie mochten nicht in einem Lande ohne Bäume wohnen; sie konnten es nicht ertragen, bei Gott!«

So plaudernd, erreichten wir Hamāh.

Zehntes Kapitel.

Man sieht Hamāh nicht eher, bis man tatsächlich darauf ist -- darauf ist das einzige Wort, das die Stellung des Ankommenden richtig bezeichnet. Der Orontes fließt hier in einem tiefen Bett, und die Stadt liegt zwischen den Uferhöhen versteckt. Eine weite eintönige Ebene voller Kornfelder breitet sich ohne Unterbrechung vor dem Auge aus, bis man plötzlich ein wahres Gewirr von Begräbnisstätten erreicht, -- wir kamen gerade an dem allwöchentlich wiederkehrenden Allerseelentag an, und alle Kirchhöfe waren ebenso gedrängt voll von Lebenden wie von Toten. Plötzlich hörte die Ebene zu unsern Füßen auf, und wir standen am Rande einer steilen Böschung. Wir überblickten die ganze Stadt, den Orontes im Schmuck der mächtigen persischen Räder und jenseits derselben den kegelförmigen Erdwall, der die Festungen Hamath und Epiphania und wer weiß, was sonst noch trägt, denn er ist einer der ältesten festen Plätze der Welt. Bei unserem Kommen erhoben sich zwei Soldaten vom Erdboden und schickten sich an, mir einen Lagerplatz anzuweisen, aber ich war müde und gereizt, wie das manchmal auf Reisen vorkommt, und alle die kahlen, von Häusern umschlossenen Plätze, an die wir geführt wurden, kamen mir ganz abscheulich vor. Endlich erklärte mein guter Türke, der mich noch nicht verlassen hatte, ein Fleckchen zu kennen, das mir gefallen würde; er führte uns am Rande der Böschung entlang bis zum Nordende der Stadt an eine grasbewachsene Stelle, die den schönsten Lagerplatz bot, den ich mir wünschen konnte. Unter uns verließ der Orontes, zwischen Gärten voll blühender Aprikosenbäume dahingleitend, die Stadt, goldener Abendschein lag hinter den Minarets, und eine große Na'oura entlockte den Fluten ein harmonisches Lied.

Hamāh ist gegenwärtig die Endstation der französischen Eisenbahn[8], und der Sitz eines Muteserrif. Die Eisenbahn versah mich mit einem Führer und Gesellschafter in der Person eines syrischen Stationsvorstehers, eines aufgeblasenen, unfertigen, kleinen Mannes, der in einer Missionsschule erzogen worden war und es verschmähte, Arabisch zu reden, sobald er Französisch radebrechen konnte. Er tat mir zu wissen, daß sein Name Monsieur Kbēs und sein Steckenpferd Archäologie sei, und um seinen Standpunkt auf der Höhe modernen Wissens zu dokumentieren, schrieb er jeden historischen Überrest in Hamāh den Hittitern zu, mochte es nun ein byzantinisches Kapitäl oder eine durchbrochene arabische Verzierung sein. Zwischen dem Muteserrif und mir entstand sofort eine kleine Meinungsverschiedenheit, da er darauf bestand, mein Lager während der Nacht durch acht Soldaten bewachen zu lassen. Welch widersinnige Menge, wenn man bedenkt, daß bisher in jedem Dorfe zwei genügt hatten. Eine so zahlreiche Wachmannschaft bedeutete für mich eine unerträgliche Plage, denn sie hätten sich die ganze Nacht unterhalten und das Lager um die Ruhe gebracht. Ich schickte also sechs wieder weg trotz ihrer Beteuerung, daß sie den Befehlen ihrer Vorgesetzten zu gehorchen hätten. Sie brachten schließlich die Befehle des Muteserrif mit den meinen in Einklang, indem sie die Nacht in einer nahen Moschee zubrachten, wo sie sich, durch kein Gefühl der Verantwortung gestört, eines vortrefflichen Schlafes erfreuen konnten.

[8] Es wird höchstens noch ein oder zwei Monate die Endstation sein, da die Linie bis Aleppo weitergeführt worden ist.

Keine Stadt in Syrien kann sich einer gleich malerischen Lage rühmen wie Hamāh. Der breite Fluß mit seinen Wasserrädern verleiht einen nie versagenden Reiz, die schwarz und weiß gestreiften Türme der Moscheen sind von prächtiger architektonischer Wirkung, die engen, zum Teil überwölbten Straßen bieten in ihrem Wechsel von Sonnenschein und Schatten unvergleichliche Lichteffekte, und die Bazare sind noch nicht durch die eisernen Dächer entstellt, die die Verkaufsstraßen von Damaskus und Homs so sehr ihres charakteristischen Gepräges beraubt haben. Die große Moschee im Mittelpunkte der Stadt war einst eine byzantinische Kirche. Noch heute zeichnen sich die Türen und Fenster des ehemaligen Gebäudes deutlich in den Mauern der Moschee ab; der untere Teil des westlichen Minarets bildete augenscheinlich die Grundmauern eines früheren Turmes; im Hofe liegen zahlreiche byzantinische Säulenschäfte und Kapitäle, und die schöne kleine Kubbeh wird von acht korinthischen Säulen getragen. Auf einer der letzteren bemerkte ich das byzantinische Motiv des wehenden Akanthus. Die Steinschneider aber schienen es müde geworden zu sein, die Blätter in stereotyper Einförmigkeit aufrecht zu stellen, und haben sie statt dessen leicht um das Kapitäl gelegt, als ob ein Wirbelwind über sie hinweggefahren wäre. Diese neue Anordnung wirkt außerordentlich anmutig und pikant.

Kbēs und ich erkletterten den Burgberg und fanden oben ein ungeheuer großes Ruinenfeld, aber alle behauenen Steine der ehemaligen Festungen sind fortgeschafft und zum Bau der Stadt verwendet worden. Meinem Eindrucke nach steht der Festungskegel nicht von Natur so isoliert da, sondern er ist entstanden, indem man durch einen Einschnitt ein in das Tal vorspringendes Vorgebirge von dem Hauptbergzug abgetrennt hat. Wenn es an dem ist, so haben wir ein ungeheures Werk der Vergangenheit vor uns, denn der Durchstich ist sehr breit und tief.

Das Interessanteste dieses Tages in Hamāh waren die Bewohner. Vier machtvolle mohammedanische Geschlechter bilden die Aristokratie der Stadt. Es sind dies die Familien 'Azam Zadēh, Teifūr, Killani und Barāzi. Ein Glied der letzteren hatte ich bereits in Damaskus kennen gelernt. Das Gesamteinkommen jeder dieser Familien beläuft sich vielleicht auf 6000 Pfund Sterling im Jahre und entstammt dem Besitz an Dörfern und Ländereien, denn es wird in Hamāh nur wenig Handel getrieben. Als die ottomanische Regierung noch nicht so fest begründet stand wie jetzt, waren diese vier Familien die Herren von Hamāh und seiner Umgegend, und noch jetzt haben sie beträchtlichen Einfluß auf die Verwaltung der Stadt. Die Beamten des Sultans lassen sie fast immer ihre eigenen Wege gehen, die nicht selten ungesetzmäßige sind. So hört man von den 'Azam Zadēh oft eine alte, böse Geschichte erzählen, die, soviel ich erfahren konnte, auch von der Familie nicht in Abrede gestellt wird. In alten Zeiten lebte ein 'Azam, der, wie weiland König Ahab, nach seines Nachbars Weinberg trachtete, den sein Eigentümer nicht verkaufen wollte. Da schmiedete der große Mann einen Plan. Er ließ einen seiner Sklaven töten, in Stücke schneiden und nicht zu tief in eine Ecke des umstrittenen Besitztums einscharren. Nach einer angemessenen Zeit sandte er seinem Nachbar folgende Botschaft: »Du hast mich oft eingeladen, mit Dir in Deinem Garten Kaffee zu trinken. Ich werde kommen, halte alles bereit!« Der Mann freute sich der Herablassung und richtete ein Fest zu. Der festgesetzte Tag erschien, und mit ihm Fürst 'Azam. Das Mahl sollte in einer Laube eingenommen werden, der Gast aber gab vor, der gewählte Platz sage ihm nicht zu, und führte seinen Wirt gerade an die Stelle, wo der Sklave begraben lag. Der Hausherr erhob Einspruch, da es ein unschöner Winkel in der Nähe des Abraumhaufens war, 'Azam aber behauptete, daß es ihm hier gefiele, und das Fest nahm seinen Anfang. Plötzlich erhob der Gast den Kopf mit der Bemerkung: »Hier herrscht ein eigner Geruch!« »Gnädigster Herr,« entgegnete der Wirt, »er kommt von dem Abraumhaufen.« Der andere aber behauptete: »Nein, das ist etwas anderes!« rief seinen Diener und ließ an der Stelle, wo er saß, die Erde aufgraben. Man fand den gevierteilten Körper des Sklaven und erkannte ihn. Der Eigentümer des Gartens wurde unter Anklage des Mordes verhaftet und gebunden und mußte all seine Güter als Buße hergeben.

Wie Kbēs sagte, wurden auch jetzt noch solch gewaltsame Mittel voll Ungerechtigkeit angewendet. Erst ganz kürzlich waren aus einem 'Abd ul Kādir el 'Azam gehörigen Laden in dem gerade unter meinen Zelten liegenden Stadtviertel Zwiebeln gestohlen worden.

Da kamen 'Abd ul Kādirs Diener zu dem Bezirksscheich und verlangten von ihm das Eigentum ihres Herrn zurück; da er nichts von der Angelegenheit wußte und ihnen den Dieb nicht bezeichnen konnte, ergriffen sie ihn und seinen Sohn, wobei letzterer durch eine Kugel an der Hand verwundet wurde, schleppten sie an das Flußufer, entkleideten sie, schlugen sie fast zu Tode und überließen es dann ihnen selbst, sich wieder nach Hause zu finden. Der Vorfall wurde in ganz Hamāh bekannt, die Regierung tat aber keine Schritte zur Bestrafung 'Abd ul Kādirs. Ich stattete auch dem Hause Chālid Beg 'Azams einen Besuch ab, welches das prächtigste der ganzen Stadt und ebenso schön wie das berühmte Azamhaus in Damaskus ist. Chālid zeigte mir alle Räume. Jeder Zoll war mit einer endlosen Mannigfaltigkeit arabischer Muster in Stuck, Holzschnitzerei oder Mosaik bedeckt. Die Zimmer öffneten sich alle auf einen Hof, der von einem Säulengang in bester arabischer Arbeit umgeben war. Ein Springbrunnen plätscherte in der Mitte, Töpfe blühender Ranunkeln und Narzissen schmückten die Ecken. Die Frauen des Hauses Azam genießen einen noch größeren Ruf als die prächtigen Räume, die ihnen zur Wohnung dienen: sie gelten für die schönsten in ganz Hamāh.