Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens
Part 11
Ich muß gestehen, daß es hauptsächlich ein Gefühl der Reue war, mit dem ich das große, neue Haus betrat, das Se. Exzellenz sich draußen vor der Vorstadt Salahijjeh erbaut hat, die sich am Fuße der nördlich von Damaskus liegenden kahlen Hügel ausbreitet. Ich hegte den großen Wunsch, mich zu entschuldigen, oder wenigstens zu zeigen, daß ich nicht als vorsätzlicher Feind zu betrachten sei, und dieser Wunsch wurde nur noch verstärkt durch die Freundlichkeit, mit der ich empfangen wurde, und durch die Achtung, die der Vāli jedem einflößt, der ihn kennen lernt. Er ist ein ziemlich nervöser Mann, der immer auf die Schwierigkeiten gefaßt ist, mit denen seine Provinz ihn reichlich genug versieht, dabei gewissenhaft und auch aufrichtig, wie ich glaube, und stets ängstlich bemüht, Interessen zu vereinigen, die oft so schwer zu verschmelzen sind, wie Essig und Öl. Ein Winkel seines Auges aber bleibt unablässig auf seinen königlichen Herrn geheftet, der wohl darauf bedacht ist, eine so hervorragende Persönlichkeit, wie Nāzim Pascha, in gehöriger Entfernung vom Bosporus zu halten. Obgleich die gewöhnliche Amtsdauer nur fünf Jahre beträgt, befindet sich der Generalgouverneur bereits acht Jahre in Damaskus und hat augenscheinlich auch die Absicht, hier zu bleiben, wenn kein Unfall dazwischenkommt, denn er hat sich ein großes Haus gebaut und plant einen schönen Garten, dessen Anlage ihn hoffentlich von den ihn beschäftigenden Angelegenheiten abzieht, die nur selten erfreulicher Natur sein dürften. Der beste Schutz für ihn ist sein lebhaftes Interesse am Bau der Heddjasbahn, an der auch der Sultan großen Anteil nimmt. Solange sie nicht vollendet oder aufgegeben worden ist, wird es der Sultan für nützlich erachten, den Vāli an seinem Platz zu belassen.[7]
[7] Seit ich diese Zeilen schrieb, ist der Vāli durch eine Drehung des politischen Rades nach unten gekommen und hat jetzt eine Stellung auf der Insel Rhodus inne.....
Trotz des Widerstandes des Emirs von Mekka und seiner ganzen Sippe, die dem Sultan noch immer kein gesetzmäßiges Anrecht auf das Kalifat des Islam zugestehen wollen, und die ihn gern von jeder näheren Berührung mit ihren heiligen Städten fernhalten wollen, glaubt der Bazar, das ist die öffentliche Meinung, nicht, daß man das Bahnprojekt fallen lassen wird. Der Bazar gewährt dem Sultan Rückhalt gegen den Emir und alle seine anderen Gegner, seien es geistliche oder weltliche. Die Mühlen des Türken mahlen langsam und stehen oft still, besonders wenn arabische Stämme das Mahlkorn sind, die durch ihre privaten Zänkereien, Verdächtigungen und Anmaßungen schon morsch geworden. Die türkische Politik ähnelt der, von der Ibn Kulthum singt:
»Wenn unsre Mühle in einem Volke aufgestellt ist, so ist es wie Mehl schon vor unserem Kommen. Unser Mahltuch ist ostwärts von Nedj ausgebreitet, und unser Korn ist der ganze Stamm Kuda'a. Wie Gäste seid ihr vor unsrer Tür abgestiegen, und wir haben euch Gastlichkeit gewährt, daß ihr euch nicht gegen uns kehrtet. Wir haben euch Willkomm geboten, schnellen Willkomm: ja, vor Tag, und unsre Mühlen mahlen fein.«
Nāzim Pascha spricht nicht Arabisch, obgleich er acht Jahre in Syrien gelebt hat. Wir in Europa sprechen von der Türkei als von einem geschlossenen Ganzen, begehen aber damit denselben Fehler, als wenn wir in den Namen England Indien, die Schanstaaten, Hongkong und Uganda mit einbegreifen wollten. Versteht man unter Türkei ein Land, das hauptsächlich von Türken bewohnt ist, so gibt es keine Türkei. Der Teile des Landes, in denen der Türke in der Majorität ist, sind wenige; im allgemeinen nimmt er die Stellung eines Widersachers ein, der mit einer Handvoll Soldaten und einer leeren Börse ein zusammengewürfeltes Gemisch von Untertanen regiert, die nicht nur ihm, sondern auch einander feindlich gesinnt sind. Er kennt ihre Sprache nicht, und es ist widersinnig, von ihm besondere Sympathie für ihre politischen und religiösen Wünsche zu erwarten, die ihm noch dazu gewöhnlich unter Musketengeknatter bekannt gegeben werden. Richten sich, wie es nicht selten geschieht, die Kugeln der einen aufsässigen, ungebärdigen Partei gegen eine andere ebenso aufsässige und ungebärdige, so wird die Regierung wohl nicht viel Bedauern über den daraus folgenden Verlust an Menschenleben empfinden. Wenn dem Türken freier Lauf gelassen wird, so zeigt er großen Sinn für die Segnungen des Gesetzes und der Ordnung. Man beobachte nur die inneren Einrichtungen in einem türkischen Dorfe und man wird sehen, daß der Türke versteht, Verhaltungsmaßregeln zu geben und sie zu befolgen. Ich glaube, daß die besten unsrer eingebornen Lokalbeamten in Ägypten Türken sind, welche unter dem neuen Regime ihren gesunden Verstand und ihre natürlichen Gaben zum Regieren, die unter der alten Herrschaft brachliegen mußten, erst recht zur Geltung gebracht haben. In den oberen Ämtern hat sich die Hierarchie der ottomanischen Regierung sehr mangelhaft bewiesen. Und wer hält diese oberen Ämter besetzt? Griechen, Armenier, Syrer und Personen anderer Nationalitäten, die im Osten allgemein (und nicht ohne Grund) als nicht vertrauenswürdig gelten. Und in der Tatsache, daß solche Männer bis auf die oberste Stufe der Leiter steigen, liegt der Grund zu den Mißerfolgen des Türken. Er kann wohl eine Dorfgemeinde organisieren, aber im großen Maßstabe herrschen, -- das kann er nicht. Vor allem versteht er nicht, in moderner Weise zu regieren und wird doch unglücklicherweise mehr und mehr mit fremden Nationen in Berührung gebracht. Sind doch seine eigenen Untertanen bereits vom Fortschritt angesteckt worden! Die Griechen und Armenier sind Kaufleute und Bankiers geworden, die Syrer Kaufleute und Grundbesitzer; nun aber sehen sie sich an allen Ecken und Enden durch eine Regierung gehemmt, die nicht begreifen kann, daß eine Nation nur reich wird, wenn sie reiche Untertanen ihr eigen nennt. Und doch weiß man trotz aller ihrer Fehler niemand, der wirklich geeignet wäre, die Türken zu ersetzen. Ich spreche hier nur von Syrien, der Provinz, mit der ich am besten vertraut bin. Welchen Wert haben die großen arabischen Bündnisse und die begeisternden Schriften, die sie in ausländischen Druckereien herstellen lassen? Die Antwort ist sehr leicht: sie haben gar keinen Wert. Denn es gibt überhaupt keine arabische Nation; ein weiterer Abgrund trennt den syrischen Kaufmann vom Beduinen als vom Osmanen, und das syrische Land ist von allerlei arabisch sprechenden Völkerschaften bewohnt, die am liebsten einander an den Hals springen würden, wenn sie nicht an der Ausführung dieser ihrer natürlichen Instinkte durch die zerlumpten, halb verhungerten Soldaten gehindert würden, die nur in langen Pausen des Sultans Sold in Empfang nehmen. Und diese Soldaten, mögen sie nun Kurden, Zirkassier oder Araber aus Damaskus sein, sind viel mehr wert als der Lohn, der ihnen zuteil wird. Andere Armeen mögen meutern, die türkische steht stets treu zu ihrem Kalifen; mögen andere vor Leiden, Seuchen und Entbehrungen die Waffen strecken, der türkische Soldat geht vorwärts, solange er sich aufrecht erhalten kann, er kämpft, solange ihm Waffen zu Gebote stehen und siegt, solange er Führer hat. Er gibt nichts Bewundernswerteres und Mitleiderregenderes als ein türkisches Regiment auf dem Marsche: Graubärte neben halbflüggen Knaben, schlecht gekleidet, oft barfuß, geknechtet, abgemattet -- und unbesiegbar. Siehst du sie vorüberziehen, so rufe ihnen zu: Ihr seid von dem Stoff, aus dem in den Tagen, da der Krieg noch mehr eine Kunst als eine Wissenschaft war, die Weltbezwinger gemacht waren.
Aber ich habe den Generalgouverneur von Syrien viel zu lange warten lassen. Da er die französische Sprache, in der wir uns unterhielten, nur unvollkommen beherrschte, half ihm von Zeit zu Zeit ein türkischer Herr über die Steine des Anstoßes hinweg. Dieser Syrer war ein reicher Grundbesitzer aus dem Libanon und stand in großer Gunst im Hause des Gouverneurs, obgleich er erst kürzlich ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte. Er begleitete mich auf meinem Besuche und wurde vom Vāli zu meinem Cicerone in Damaskus ernannt; Sēlim Beg war sein Name. Wir sprachen hauptsächlich von Archäologie. Ich betonte ganz nachdrücklich mein weitaus größeres Interesse für dieses Gebiet als für die Politik des Gebirges und der Wüste, welch letzteres Thema wir nicht mehr als flüchtig streiften. Der Vāli war die Liebenswürdigkeit selbst. Er überreichte mir mehrere Photographien der unschätzbaren Manuskripte der dem Publikum nun für alle Zeiten verschlossenen Kubbet el Chazneh in der Großen Moschee und versprach mir die übrigen der ganzen Serie. Zu diesem Zweck schrieb eine sich verbeugende Persönlichkeit meine Adresse in England mit der größten Sorgfalt in ein Notizbuch, und das war -- ich brauche es wohl kaum zu erwähnen -- das Letzte, was von dieser Angelegenheit je gehört wurde. Darauf bemerkte der Vāli, daß Madame Pascha und die Kinder meinen Besuch erwarteten, weshalb ich ihm treppauf in ein sonniges Zimmer folgte, dessen Balkon einen Ausblick auf ganz Damaskus mit seinen Gärten und auf die jenseitigen Hügel bot. Augenblicklich gibt es nur eine Madame Pascha, eine hübsche Zirkassierin mit ausgeprägten Zügen, eine weitere (die bevorzugtere, wie man sagt) ist vor einem Jahr gestorben. Die Kinder waren von sehr einnehmendem Wesen. Sie sagten französische Gedichte auf, wobei ihre hellen Augen jeden Blick der Billigung oder der Heiterkeit auffingen und beantworteten. Die Rattenschwänzchen über ihren Samtrücken hinabhängend, saßen sie kerzengerade auf dem Musikschemel und spielten muntere Polkas. Der Pascha lehnte strahlenden Gesichts am Fenster, die Zirkassierin rauchte Zigaretten und verbeugte sich, sobald mein Auge dem ihren begegnete, an der Tür stand ein schwarzer Sklavenjunge und grinste von einem Ohr bis zum anderen, während seine kleinen Herren und Herrinnen, die zugleich seine Spielgefährten und Schulkameraden waren, ihre Künste zeigten. Es war ein sehr guter Eindruck, den ich mit fortnahm, ich hatte angenehme, gewinnende Manieren und lebhaften Geist kennen gelernt und bezeugte dem Pascha meine Freude darüber, als wir hinabstiegen.
»Ach,« sagte er höflich, »könnte ich sie nur Englisch lernen lassen! Aber was hilft der Wunsch? Wir können keine Engländerin bekommen, die sich an das Leben hier gewöhnt. Wir haben nur die Griechin, welche Sie oben sahen, die lehrt Französisch.«
Ich hatte sie wohl bemerkt, die kleine ungebildete Person, deren Verhalten in der ganzen anmutigen Gesellschaft oben nicht unbemerkt bleiben konnte, aber -- möge mir der Himmel verzeihen -- ich zögerte nicht, mich in Lobsprüchen über die Vortrefflichkeit ihres Französisch zu ergehen. Der Pascha schüttelte jedoch den Kopf.
»Könnte ich nur eine Engländerin bekommen,« sprach er. Unglücklicherweise konnte ich niemand für die Stelle vorschlagen; wahrscheinlich wäre ihm ein Vorschlag auch gar nicht willkommen gewesen.
Ehe ich mich verabschiedete, kamen zwei angesehene Persönlichkeiten zur Audienz zum Vāli. Die eine, der Amīr 'Abdullah Pascha, der Sohn von 'Abd ul Kādir, dem großen Algerier, und einer Negersklavin, hatte fast den Teint eines Negers, sonst aber den unverkennbaren Rassetypus und einen durchdringenden, lebhaften Blick. Der zweite Herr war Hassan Nakschibendi, ein erbliches Oberhaupt (beinahe hätte ich Pope gesagt) einer in Damaskus berühmten, orthodoxen Sekte des Islam. Dort befindet sich auch ihr Hauptsitz, die Tekyah. (Diese ist ein religiöses Stift für bettelnde Derwische und andere heilige Leute. Könnte beinahe ein Kloster genannt werden, nur daß für seine Brüder das Gelübde der Keuschheit nicht gilt, da sie außerhalb des Stiftes beliebig viel Frauen haben dürfen. Scheich Hassan hatte in der Tat die Vollzahl vier.) Die schlauen Züge des würdigen Kirchenmannes strahlten seine ganze Verschlagenheit wider. Ob sein Verstand besonders hervorragend war, weiß ich nicht, aber wenn sein Lächeln nicht trog, muß seine Skrupellosigkeit all seine Defekte wettgemacht haben.
Meine Begegnung mit diesen beiden Herren hatte meine Einführung in die Gesellschaft von Damaskus zur Folge. Beide luden mich ein, sie in ihren Häusern, in der Tekyah oder sonstwo zu besuchen, ich nahm auch alles an, ging aber zuerst zu dem Amīr 'Abdullah.
Oder vielmehr in das Haus des Amīr 'Ali Pascha, seines ältesten Bruders, und zwar weil 'Abd ul Kādir dort gewohnt und in den trüben Tagen des Blutbades von 1860 tausend Christen daselbst beherbergt hat. Ein Schimmer von Mut und Vaterlandsliebe verherrlicht seinen Namen, und außerdem verleiht sein Reichtum dem bejahrten weisen Manne Ansehen und Macht, besitzt doch die Familie 'Abd ul Kādir das ganze Viertel, das sie bewohnt, als ihr eigen. Das Haus macht, wie alle großen Häuser in Damaskus, äußerlich nichts von sich. Aus einer kleinen krummen Straße traten wir durch eine Tür in einen dunklen Gang, bogen um etliche Ecken und sahen uns in einem rings mit Orangenbäumen bepflanzten Marmorhof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befand. Auf diesen Hof mündeten alle größeren Räume; nachdem sämtliche Türen weit für mich geöffnet worden waren, präsentierte ein Diener Kaffee und Konfekt. Ich bewunderte die Verzierungen der Mauern und das in die Marmorbecken plätschernde Wasser, das durch Marmorrinnen abfloß. Wie bei allen Palästen in Damaskus, so war auch hier jede Fensterbrüstung mit einem gurgelnden Wässerchen versehen, so daß die in den Raum eindringende Luft immer feuchte Kühle mit sich führt. Der Amīr 'Ali war zwar nicht anwesend, aber sein Haushofmeister, -- er trug ganz den Typus eines hochherrschaftlichen Dieners und befleißigte sich jener ehrerbietigen Vertraulichkeit, die der untergebene Orientale sich so leicht aneignet -- zeigte uns die Schätze seines Herrn. Da war der juwelenbesetzte Säbel, den Napoleon ~III.~ dem alten Amīr überreicht hatte, dann 'Abd ul Kādirs Flinten und einige schwere, silberbeschlagene Schwerter von 'Abd ul 'Aziz ibn er Raschid aus dem letzten Jahre. Wie ich hörte, verbindet eine alte Freundschaft die algerische Familie mit den Lords von Haīl. Ferner zeigte er uns verschiedene Gemälde von 'Abd ul Kādir: wie er seine Reiterei anführt, wie er in Versailles mit Napoleon die Stufen des Palastes hinunterschreitet in der Haltung eines Mannes, der gewinnt und nicht verliert, und endlich Amīr als Greis in Damaskus; überall trägt er die weiße, algerische Tracht, die er überhaupt nie ablegt, immer zeigt er auch dieselben ernsten und würdevollen Züge. Und nun wurde ich über eine kleine Brücke geführt, die hinter dem großen Hofe einen Bach überspannte, und wir gelangten aus einem Garten voll Veilchen in die Ställe. So luftig, hell und trocken waren sie, wie nur die besten europäischen Ställe sein könnten. Hier standen zwei prächtige Araberstuten aus dem Gestüte der Ruwalla, und, fast ebenso wertvoll wie sie, ein gut zugerittenes Maultier. Auf unserm Rundgang begleitete uns ein Mann, der scheinbar nicht zu dem Haushalt gehörte. Er blickte so melancholisch drein, daß er mir auffiel, und ich Sēlim Beg nach ihm fragte. »Ein Christ,« erklärte dieser, »er entstammt einer reichen Familie, die ihre Religion zu wechseln gezwungen war und bei Amīr Ali Zuflucht suchte.« Weiter hörte ich nichts von ihm, aber er paßte in das Bild, das 'Abd ul Kādirs Haus mir hinterließ: eine Wohnstätte edler Leute, die von einer gut geschulten Dienerschaft geleitet wird, und die, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens versehen, auch den Bedrängten Schutz gewährt.
Am nächsten Morgen besuchte ich den Amīr 'Abdullah, der direkt neben seinem Bruder wohnt. Ich fand da den Amīr Tāhir, den Neffen Abdullahs, als Sohn eines dritten Bruders vor. Meine Ankunft erregte um so mehr Freude, als zufällig ein vornehmer Gast anwesend war, ein gewisser Scheich Tāhir ul Djezāiri, der wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner ungestümen, revolutionären politischen Tätigkeit wohlbekannt war. Er wurde schleunigst in das mit Diwan und Teppichen ausgerüstete Oberzimmer, in dem wir saßen, gebeten, kam wie ein Wirbelwind herein und, sich neben mich setzend, ergötzte er sowohl meine als alle Ohren in der Nähe (er sprach sehr laut) mit Klagen darüber, daß ihm der Vāli nicht erlaubte, nach Gutdünken mit begabten Ausländern, wie mit amerikanischen Archäologen oder auch mit mir, zu verkehren. »Oh, behüte Gott!« protestierte ich bescheiden. Und noch manchen anderen Kummer hatte er. Als das Thema ziemlich abgelaufen war, ließ er den Amīr Tāhir einige von ihm selbst verfaßte Schriftstücke holen und verehrte sie mir. Sie handelten von der arabischen und ihr verwandter Sprachen, der nabathäischen, safaitischen und phönizischen. Die Lettern des Alphabetes waren höchst peinlich zu vergleichenden Tabellen zusammengestellt, und doch verstand der gute Mann keine einzige dieser Sprachen außer seiner eigenen. Scheich Tāhir repräsentiert wirklich ein seltsames und typisches Beispiel orientalischer Gelehrsamkeit, aber nach seiner Unterhaltung zu urteilen, bin ich doch zweifelhaft, ob die Sympathien von Ordnung und Frieden liebenden Leuten sich nicht eher dem Vāli zuneigen. Jetzt trat noch ein andrer Edelmann, Mustafa Pascha el Barāzi, ein Glied einer der vier ersten Familien von Hamah, ein. Der ganze Kreis wendete sich inneren Angelegenheiten zu, der Politik Syriens und dergleichen, ich aber lauschte, schaute dabei durch das Fenster in Amīrs Garten und auf den angrenzenden Fluß hin und wunderte mich über mein Glück, an einer Morgenvisite in Damaskus teilnehmen zu können. Schließlich führten mich der Amīr 'Abdullah und sein Neffe abseits, um über ein großes Projekt zu beraten, das ich ihnen vorgelegt hatte, hier aber nicht erörtern will. Als der Besuch beendet war, ging ich mit Sēlim und Mustafa nach dem griechischen Bazar, um in einem vortrefflichen heimischen Restaurant zu frühstücken. Da saß ich denn Schulter an Schulter neben einem Beduinen der Wüste, und wir drei genossen, für den Betrag von 1,50 Mark gemeinschaftlich, die auserlesensten Speisen und als Dessert delikate Rahmtörtchen. Der Preis umschloß auch den Kaffee und ein reichliches Trinkgeld.
Noch ein andrer, nicht weniger angenehme Morgen erwartete mich, als ich mit dem treuen Sēlim, einem prächtigen alten Mann, dem berühmtesten Künstler der Feder, Mustafa el Asbā'i, meine Aufwartung machen ging. Sein Haus war in dem vor etwa zwei Jahrhunderten herrschenden trefflichen Geschmack dekoriert: bunte Marmortäfelung und Gipsstuck, ganz in dem Muster des Titelblattes von einem berühmten persischen Manuskript; in der Malerei, die in sanften, satten Farben ausgeführt war, herrschten gold und goldigbraun vor. Aus dem Empfangsraum wurden wir in ein kleines oberes Zimmer geführt, wo Mustafa jene Verzierungen zu entwerfen pflegte, die im mohammedanischen Orient die Bilder ersetzen. Rings an den Wänden hingen antike und moderne Proben von der Hand berühmter Künstler, auch mein Freund, Mohammed Ali, war vertreten, der Sohn des persischen Propheten Beha Ulla. Meiner Ansicht nach ist er der geschickteste Meister der Feder, obgleich die Orientalen Muschkin Kalam, einem anderen Propheten derselben Sekte, den Vorzug geben. Auch ihn zähle ich zu meinen Freunden. Während wir, auf Kissen sitzend, unsern Kaffee tranken, blätterten wir in kostbaren Manuskripten verschiedenster Perioden und Länder, von denen etliche aus Gold oder Silber, andre auf Brokat oder geschmeidiges Pergament geschrieben waren. (Unter den letzteren befanden sich einige Seiten cufischer Schriften, die man dem Kubbet el Chazneh entnommen hatte, bevor derselbe geschlossen worden war.)
Als wir uns verabschiedeten, überreichte mir Mustafa drei Proben seiner eignen Kunst, die ich hocherfreut annahm.
Am späteren Nachmittage fuhren Selim und ich nach dem Tale des Barada, um einem dritten Sohn Abd ul Kādirs Besuch abzustatten. Die in lateinischen Lettern gehaltene Visitenkarte meldete »Amir Omar, princ d'Abd ul Kadir«. Er ist der Landedelmann der Familie. 'Ali ist durch seine Ehe mit einer Schwester 'Isset Paschas (ein mächtiger Schatten hinter dem Throne von Konstantinopel) in einflußreichere Sphären gelenkt, 'Abdullah wird immer durch tausenderlei Geschäfte an die Stadt gefesselt, aber 'Umar jagt, schießt, pflegt seinen Garten und fühlt sich in diesem einfachen Leben glücklich. Eben promenierte er, mit Rauchkäppchen, Schlafrock und Gurtschuhen angetan, durch die Wege seines Gartens. Er nahm uns in sein Haus, das, wie alle Häuser seiner Familie, voller Blumen war, und von da nach dem Lusthäuschen auf dem Dach, wohin uns auch sein Hühnerhund mit wohlwollender, kameradschaftlicher Miene folgte. Zwischen blühenden Hyazinthen- und Tulpenpflanzen hindurch beobachteten wir die Sonne hinter den schneeigen Hügeln verschwinden und sprachen von Wild und Sport der Wüste.
Aber lassen Sie mich über so hochstehenden Persönlichkeiten auch nicht meine bescheideneren Freunde vergessen: den Afghanen mit den schwarzen Locken um die Schläfe, der mir, so oft wir uns begegneten, seinen Segen spendete (der Amir von Afghanistan hat einen Beamten in Damaskus, um seinen Untertanen auf ihrer Pilgerfahrt beizustehen), den am Eingang zur Großen Moschee sitzenden Zuckerwarenhändler, der mich wiederholt durch das Labyrinth der Bazare geleitet und mir, so oft ich an ihm vorüberkam, zurief: »Benötigen Ew. Exzellenz heute keinen Dragoman?« Auch der Derwische aus Scheich Hassans Tekyah gedenke ich, von denen ich zu einem Freitags-Gebet geladen wurde, und nicht minder gern des rotbärtigen Persers, der ein Teelädchen am Kornmarkt besitzt und zur Sekte der Beha'i gehört, von welcher viele Glieder zu meinen Bekannten zählen. Als ich einst an seinem Tische köstlichen persischen Tee nippte, trank ich ihm in seiner eignen Sprache zu und flüsterte: »Ich bin von der Heiligen Familie in Acre hochgeehrt worden,« worauf er lächelte und, mit dem Kopfe nickend, antwortete: »Ew. Exzellenz sind unter uns wohlbekannt.« Wenn ich ihn beim Fortgehen aber nach seinem Guthaben fragte, sagte er: »Für Sie gibt es nie etwas zu bezahlen.« Es gibt in der Tat nichts, das dem Herzen so wohltut, wie in den geheimen Kreis orientalischen Wohlwollens aufgenommen zu werden. Auch fast nichts Selteneres.