Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens
Part 10
‚Schureik, Sohn des Naghafat, Sohn des Nafis, Sohn des Numan,’ lautete die eine Inschrift, und eine andere: ‚Buchalih, Sohn des Thann, Sohn des An'am, Sohn des Rawak, Sohn des Buhhalih. Er fand die Inschrift seines Onkels und sehnte sich, ihn zu sehen.’ Eine weitere auf einer Deckplatte befindliche habe ich nicht genau genug kopiert, um ihre Bedeutung mit Sicherheit angeben zu können. Sie enthält wahrscheinlich zwei durch ibn verbundene Namen, ‚Sohn des’. Über den Namen befinden sich sieben gerade Linien, die nach Dussauds geistreicher Auslegung die sieben Planeten darstellen sollen[6]. Die griechischen Schriftzeichen ergaben das Wort Hanelos, das heißt Johannes; es ist ein semitischer Name, den sein Inhaber wahrscheinlich deshalb in dieser fremden Sprache eingezeichnet, weil er sie während seines Dienstes unter den römischen Adlern erlernt hatte. Die kufischen Worte sind fromme Wünsche, die den Segen des Himmels auf den Reisenden herabflehen, der hier innegehalten, um sie einzugraben. So hat jeder einen seiner Art entsprechenden Bericht hinter sich gelassen, um dann im grauen Nebel der Zeit zu verschwinden, und außer diesen wenigen Strichen auf den schwarzen Felsen wissen wir nichts von seinem Volk und seiner Lebensgeschichte, nichts von dem Vorhaben, das ihn in das unwirtliche Ghādir el Gharz geführt hat. Die Sätze, die ich niederschrieb, kamen mir vor wie feine Stimmen aus einer längstvergessenen Vergangenheit; selbst Orpheus mit seiner Laute hätte den Steinen kein deutlicheres Zeugnis über die toten Generationen entlocken können. In der ganzen Safa raunt und flüstert es; geisterartig flattern diese Namen in der flimmernden Luft über den Steinen und rufen in den verschiedensten Zungen ihren Gott an.
[6] _Dussaud_, wissenschaftliche Mission, S. 64. Die Übersetzungen der Inschriften verdanke ich ~Dr.~ _Littmann_, der meine ersten Kopien der Originale in seinem Werk »Semitische Inschriften« veröffentlichen wird.
In Eile nur konnte ich die Inschriften niederschreiben, denn wir hatten an dem Tage keine Zeit zu verlieren. Ungeduldig umstanden mich die Drusen, und 'Awād rief: »Jallah, jallah! ya sitt!« was so viel heißt wie: »Mach' schnell!« Weiter zogen wir bis an die Ostgrenze der Safa, umritten das Ende des Lavastromes und sahen die weite, gelbe Ebene der Ruhbeh vor uns. Vom Djebel Druz aus hatte ich gesehen, daß diese Steppe sich sehr weit nach Osten hin erstreckt, jetzt aber erschien sie uns nicht mehr als ungefähr eine halbe Meile breit und wurde von einem herrlichen blauen, in duftigem Nebel liegenden See begrenzt. Inseln gleich erhoben sich die fernen kleinen Vulkane aus dem Wasser, in dem ihr Spiegelbild zitterte; je mehr wir uns aber dieser lockenden Flut inmitten der Wüste näherten, um so mehr wichen ihre Gestade zurück, denn es war nur ein visionäres Meer, dem wir zueilten, in dem höchstens die visionären Besucher der Wüste ihren Durst löschen können. Endlich erblickten wir am Fuße der Lavahügel einen grauen Turm, und in der Ebene davor einen weißen, mit einer Kuppel versehenen Tempel, die Chirbet (Ruine) el Beida und den Mazār (Tempel) des Scheich Serāk. Der letztere hat sein Amt als Hüter der Ruhbeh von Zeus Saphatenos geerbt, der seinerzeit der direkte Nachfolger des Gottes El, der ersten Gottheit der Safa, war. Er hat über die Saaten zu wachen, die die Araber in guten Jahren um die Wohnung seiner Seele säen; er wird von den Moslemiten sowie auch von den Drusen angebetet, die ihm zu Ehren ein wohlbesuchtes jährliches Fest veranstalten, das ungefähr 14 Tage vor meiner Ankunft abgehalten worden war. Der Tempel selbst ist ein Gebäude im haurānischen Stil, sein Steindach wird von Querbalken getragen. Über dem Tor befindet sich ein mit Steinmeißeleien verzierter Querpfosten aus den Ruinen der Weißen Burg.
Kaum vermochte ich so lange an dem Tempel zu verweilen, bis alle meine Leute zusammengekommen waren, so sehr zog es mich nach der Kal'at el Beida hin. Chirbeh oder Kal'at, Ruine oder Burg, beide Namen werden ohne Unterschied von den Arabern gebraucht. Ich verließ die Drusen -- mochten sie dem Zeus Saphatenos, oder wer es sonst war, die ihm gebührende Verehrung bezeigen -- und sprengte hinüber nach dem Rande der Lavafläche. Ein tiefer Graben trennte mich von ihr, der so tief mit Wasser gefüllt war, daß ich nur mit Hilfe einer leichten Bretterbrücke hinüberkonnte; ich vertraute mein Pferd Habīb an, der hier sein Maultier tränkte, dieses wunderbare Maultier, das es an Schnelligkeit den Pferden gleichtat, und eilte über die rissige Lava in den Festungshof. Einige Araber schlenderten darin umher, schenkten mir aber ebensowenig Beachtung, wie ich ihnen. Das war es also, das berühmte Kastell, das ein erstorbenes Land vor einem unbevölkerten schützt, die Safa vor der Hamad. Wie der gespenstische Zufluchtsort einer ganzen Welt von Geistern erscheinen mir diese Mauern aus sorgfältig behauenen Steinen, die sich grauweiß schimmernd auf der weißen Plattform erhoben. Wessen Hand sie errichtete, wessen Kunst die Arabeskengewinde auf den Türpfosten und Querbalken bildete, wessen Auge wachehaltend vom Turm herabblickte, kann noch nicht mit Gewißheit festgestellt werden. Hanelos und Schuraik und Buchalih haben vielleicht nach dem Kastell ausgeschaut, als sie aus dem Wādi el Gharz heraustraten; vielleicht hat Gott El es unter seinen Schutz genommen, vielleicht sind die Gebete des Wächters auf dem Turme irgend einem fernen Tempel zugeeilt und den Göttern der Griechen oder Römer dargebracht worden. Tausend unbeantwortete, unbeantwortbare Fragen fliegen dir beim Überschreiten der Schwelle blitzartig durch den Sinn.
De Vogüé sowohl als auch Oppenheim und Dussaud haben die Ruine el Beida beschrieben, und wen es interessiert, der mag wissen, daß sie aus einer rechtwinkeligen Umfriedigung besteht, die in jeder Ecke einen runden Turm trägt. Zwischen den Türmen befindet sich eine runde Bastion und ein viereckiges, inneres Gefängnisgebäude an der Südmauer. In die Türpfosten sind prächtige Muster in Schlangenlinien eingemeißelt: Arabesken, Blumen und Blätter mit schreitenden Tieren dazwischen. Die obengenannten Forscher halten die Ruine für eine Grenzfestung der Römer, die aus der Zeit vom 2. bis 4. Jahrhundert stammt. Mit absoluter Sicherheit aber können wir nichts über die Entstehung behaupten, ebensowenig wie über die unweit davon liegenden Ruinen im Djebel Sēs, oder über Mschitta oder über irgend ein Gebäude der westlichen Wüste. Sie alle ähneln einander und zeigen doch wieder bedeutende Unterschiede, wie ja auch die Kal'at el Beida und die Architektur des Haurān Gemeinsames haben. Welcher Bildhauer des Gebirges aber würde seine Phantasie so von allen klassischen Regeln haben abweichen lassen, wie der Mann, der Abbildungen von Wüstentieren über die Tore der Weißen Burg setzte? Ein Etwas, das der benachbarten Kunst fremd ist, geht durch diese Architektur, ein wilderer, freierer Zug, der weniger geschult, roher, wahrscheinlich auch älter ist als der Geist, der die Steinmeißelungen von Mschitta schuf. Vorläufig sind alles Vermutungen; mag auch die Wüste uns ihre Geheimnisse ausliefern, mag man auch die Geschichte der Safa und der Ruhbeh aus den beschriebenen Felsen zusammensetzen, noch müssen viele Reisen, noch viele Ausgrabungen an den syrischen Grenzen, vielleicht auch in Hiran oder Jemen vorgenommen werden. Nur bemerken will ich noch, daß die Gebäude der Kal'at el Beida, so wie sie jetzt sind, unmöglich ein und derselben Periode angehören können. Das Gefängnis ist sicher jüngeren Datums als die Zwischenwände im Kastell. Während zu den letzteren Mörtel verwendet worden ist, wie zu dem römischen Fort in Kastal und der Festung in Muwaggar, besteht das Gefängnis aus trocknem Mauerwerk, wie es im Haurān üblich ist, und zeigt bildergeschmückte Steine eingefügt, die sicherlich nicht für den Zweck, dem sie jetzt dienen, hergestellt wurden. Selbst die Verzierungen am Haupttore des Gefängnisses bestehen aus entliehenen Steinen; die beiden übereinanderliegenden Steine des oberen Querbalkens passen weder zueinander noch zu dem Türrahmen. Jedoch wage ich daraus keinen weiteren Schluß zu ziehen, als daß beide Vermutungen der Archäologen über den Ursprung der Ruine richtig sein können, daß sie ein römisches Lager und zugleich eine Ghassanidenfestung gewesen ist.
Der Rand des Lavaplateaus ragt einige Fuß über die Ebene hinaus. Längs dieser natürlichen Schanze befinden sich noch andere Gebäude, aber keins kommt an architektonischem Interesse der Weißen Burg gleich. Ihre Mauern bestehen aus sorglos aufgeschichteten, viereckigen Lavablöcken ohne Mörtel, während die Burg aus einem grauweißen Gestein hergestellt wurde, das teilweise mit Mörtel verbunden ist. Das einzige bedeutendere Gebäude, das ich besichtigte, lag etwas nördlich; sein Dach hatte nach haurānischer Art aus Steinplatten bestanden, die auf querlaufenden Bogen ruhten. In Zwischenräumen standen längs der Lava auch kleine Türme wie Schilderhäuschen, die den Zugang zu der Burg schützten und ebenfalls aus trocknem Mauerwerk bestanden, das heißt, ohne Mörtel geschichtet waren.
Eine Rast von wenigen Stunden war alles, was wir uns gestatten konnten, denn wollten wir die Nacht nicht in der offnen Safa verbringen, mußte uns vor Einbruch der Dämmerung unser Ghiāthlager wieder in Sicht sein. Rasch verzehrten wir die Reste der fünf von Umm Ruweik mitgebrachten Hühner -- sie waren mit den Röhren der wilden Zwiebel gewürzt, die 'Awād in der Lava gefunden hatte -- und traten dann den Heimweg an. Wir legten die 4¾stündige Wegstrecke gerade in der richtigen Zeit zurück, das heißt, wir sahen den Rauch der Lagerfeuer, noch ehe es dunkelte, und richteten uns danach. Über eine Anzahl freier Plätze gelangten wir schließlich zu den Zelten. Diese gesäuberten Stellen in der Wüste sind die Marāh (frühere Lagerplätze) der 'Anazeh, die ihre Zelte in der Safa aufzuschlagen pflegten, ehe die Drusen sich vor mehr als hundert Jahren im Gebirge niederließen. Wenigstens ein Jahrhundert lang sind also diese Marāh sichtbar geblieben und werden es noch viele Jahrhunderte lang sein. Es blies ein kalter Wind an diesem Abend, und obgleich die Hauptwand des Zeltes so gedreht war, daß sie uns schützte, verbrachten wir doch eine recht ungemütliche Nacht. Mehrere Male weckte mich die Kälte und brachte mich dadurch zum Bewußtsein eines Gefühles, als hätte ich mich auf einen Ameisenhaufen schlafen gelegt. Wie es die Araber ermöglichen, in ihren Habseligkeiten so viele Flöhe zu beherbergen, ist mir ein unlösbares Rätsel. Außer den Zeltwänden bleibt den Tierchen wirklich kein passender Zufluchtsort, und wenn diese Wände herabgenommen werden, so müssen sie tatsächlich eine weit über die gewöhnliche Flohgeschicklichkeit und -behendigkeit hinausgehende Kunstfertigkeit zeigen, um sich mit zusammenpacken und an den nächsten Lagerplatz bringen zu lassen, aber daß sie dieser Aufgabe gewachsen sind, weiß jeder, der eine Nacht in solchem Haarhause zugebracht hat. Nach den zwei Nächten bei den Ghiāth erschienen unsre Zelte, die wir am nächsten Nachmittag wieder erreichten, ein wahres Paradies von Luxus, und ein Bad der Gipfel eines sybaritischen Lebens, selbst wenn man es bei einer Temperatur von mehreren Grad unter dem Gefrierpunkt nehmen mußte.
Auf unsrer Heimreise ereignete sich ein Zwischenfall, der des Erzählens wert ist, da er die drusischen Sitten charakterisiert. Dieses Volk wird, wie schon früher erwähnt, in Eingeweihte und Uneingeweihte eingeteilt. Für den Fremden besteht der Hauptunterschied zwischen beiden darin, daß die Eingeweihten sich des Tabakgenusses enthalten; so hatte ich an dem in Sāleh verbrachten Abend bemerkt, daß kein Glied von Mohammed en Nassārs Familie rauchte. Ich war daher nicht wenig erstaunt, als Fāiz, sobald er sich mit Michaïl und mir allein befand, den ersteren um eine Zigarette bat. Auf meine Entschuldigung, ihm nicht schon früher eine angeboten zu haben, weil ich geglaubt, daß ihm das Rauchen verboten sei, blinzelte Fāiz mit seinen schiefen Augen und erwiderte, daß es wohl an dem sei, und daß er auch in Gegenwart eines anderen Drusen keine Zigarette annehmen würde, da aber keiner seiner Religionsgenossen anwesend, fühle er sich frei zu tun, was ihm beliebe. Er bat mich jedoch, seinem Bruder gegenüber dieses seines Sprunges vom Pfade der Tugend nicht zu erwähnen. In dieser Nacht schmiedete ich im Mak'ad von Umm Ruweik mit den drei Scheichs noch manchen Plan zur weiteren Erforschung der Safa; wir setzten die Zahl der mitzunehmenden Kamele fest, ja bestimmten sogar die Geschenke, mit denen ich am Ende der Reise meine Begleiter belohnen sollte. Wenn mir die Wahl bleibt, sollen Fāiz und 'Ahmed und Chittāb jedenfalls an der Expedition teilnehmen.
Am nächsten Tag, früh 9½ Uhr, begannen wir unsern dreitägigen Ritt nach Damaskus.
Von Umm Ruweik habe ich nur noch hinzuzufügen, daß gerade vier Tage dazu nötig waren, bei den Einwohnern Geld genug zum Wechseln eines Goldstückes zusammenzubringen. Wir hatten zwar einen Sack voll Silber und Kupfermünzen aus Jerusalem mitgebracht, aber als dieser Vorrat erschöpft war, bereitete uns das Bezahlen unsrer Schulden die größte Schwierigkeit -- es ist dies ebenfalls einer der »Winke für Reisende«, die Michaïl mich bat, meinem Buche einzuverleiben. Wir ritten an den herrlichen Hängen hin, die überall da, wo kein Schnee mehr lag, mit der himmelblauen Iris Histrio bedeckt waren, und verbrachten dann einige Stunden in Schakka, dem Hauptzentrum von de Vogüés archäologischer Arbeit. Die Basilika, die er in seinem Werke noch als fast vollständig erhalten hinstellt, ist inzwischen gänzlich verfallen, nur die Fassade ist verblieben; aber die Kaisariēh steht noch, ebenso das Kloster, welches er für eins der ältesten noch existierenden Klostergebäude hält. Wir kamen über Hīt, ein interessantes Dorf mit einem schönen vorarabischen Hause, in dem der Scheich wohnt, und übernachteten in Bathaniyyeh bei so starkem Frost, daß ich zitternd ins Bett kroch. Um einige von meiner früheren Reise her gebliebenen Lücken auszufüllen und zu sehen, was für Gebäude an der Nordabdachung des Gebirges zu finden sind, machte ich am nächsten Tage einen Umweg nach Hayat, dessen schöne Kalybeh (Ruine) von de Vogüé beschrieben worden ist. Die altertümlichen Dörfer bevölkern sich jetzt schnell, und in wenigen Jahren wird keine Spur ihrer Baudenkmäler mehr vorhanden sein. Allmählich gelangten wir in die Ebene und stießen bei Lahiteh auf die von Schaba nach Damaskus führende Ledschastraße, der wir bis nach Brāk, dem letzten Dorfe des Haurān, folgten. Hier befindet sich ein aus ungefähr 20 Soldaten bestehender Militärposten. Knapp vor dem Orte kauerte ein kleines Drusenmädchen am Wege und weinte bei unserm Anblicke vor Furcht. »Ich bin ein Mädchen!« rief sie, »ich bin ein Mädchen!« Ihre Worte warfen einen bedenklichen Schatten auf das türkische Regiment, unter dem wir uns wieder befanden. In der Nähe des Forts begegneten wir zwei aus Damaskus zurückkehrenden Drusen. Sie grüßten freundlich, und ich fragte:
»Geht's dem Gebirge zu?«
Sie erwiderten: »Bei Gott! Gott schütze dich!«
Darauf fügte ich noch hinzu: »Ich komme von dort -- grüßt es von mir!« worauf sie antworteten:
»Gott grüße dich! Gehe in Frieden!«
Nie wird der Reisende das Drusenland ohne ein Gefühl des Schmerzes verlassen, nie auch ohne das ernste Gelübde, sobald als möglich dorthin zurückzukehren.
Nachdem wir unter dem schützenden Auge des Sultans vorübergezogen waren, stellte es sich heraus, daß mir für den nächsten Tag ein Weg durch ein recht gefährliches Stück Land bevorstand. Die Zirkassier und Türken von Brāk (die Türken waren liebenswürdige Leute aus dem nördlichen Kleinasien) redeten mir ernstlich ab, den kürzeren Weg über die Berge nach Damaskus zu wählen, so ernstlich, daß ich den Gedanken beinahe aufgegeben hätte. Die Hügel sollten von Räubern wimmeln, in der jetzigen Jahreszeit aber von arabischen Lagern gänzlich verlassen sein, so daß die Wegelagerer schalten und walten konnten, wie sie wollten. Glücklicherweise hörten wir am andern Morgen, daß eine Kompagnie Soldaten über die Berge nach Damaskus reiten würde, und dieses Gerücht ermutigte uns, in ihrem Schutz desselben Wegs zu ziehen. Sie kamen uns nicht zu Gesicht; ich glaube auch gar nicht an ihr wirkliches Vorhandensein. Dagegen sahen wir gerade auf dem schlimmsten Stück des Weges ein paar schwarze Zelte zum Trost, die Räuber aber müssen anderweitig beschäftigt gewesen sein, denn sie erschienen nicht. Zweierlei war mir interessant zu beobachten, erstens nämlich, daß das Wüstenleben sich bis auf wenige Meilen vor Damaskus erstreckt, eine Tatsache, die mir früher, als ich auf der Hauptstraße reiste, entgangen war, und zweitens, daß der Friede des Sultans, wenn man es überhaupt Friede nennen kann, fast an den Mauern der syrischen Hauptstadt aufhört. Wir kreuzten den Nahr el 'Awadj, den alten Pharpar, und erreichten kurz nach Mittag das zirkassische Dorf Nedja. Hier machte ich Halt, um mein Frühstück unter einigen Pappeln einzunehmen, der ersten Baumgruppe, die ich seit meiner Abreise von Salt gesehen.
Wie man auch nach Damaskus kommt, ob auf einem Richtweg oder auf der Chaussee, ob vom Haurān oder von Palmyra -- immer scheint die Entfernung weiter als nach irgend einem anderen bekannten Ort. Vielleicht liegt es daran, daß der Reisende so begierig ist, die große, prächtige Araberstadt zu erreichen, die in einen Kranz von Obstbäumen eingebettet liegt und von dem Geriesel rinnenden Wassers erfüllt ist. Aber bei Geduld nimmt auch der längste Weg endlich ein Ende, und so erreichten auch wir endlich die Aprikosengärten und das Bawābet Ullah, die Tore Gottes, und schritten hinein in das Meidān, das große Viertel voll Läden und Karawansereien, das sich wie der Stiel eines großen Löffels bis in die Schüssel hinein erstreckt, in der die Minarets und Kuppeln der vornehmen Stadtteile liegen. Um 4 Uhr war ich im Hotel Viktoria einquartiert und hielt die Briefe und Zeitungen eines ganzen Monates in Händen.
Siebentes Kapitel.
Als ich Damaskus vor fünf Jahren besuchte, war Lütticke, Chef des Bankhauses gleiches Namens und deutscher Honorarkonsul, mein Ratgeber und bester Freund, ein Freund, dessen Tod gewiß von manchem Besucher Syriens beklagt wird. Durch eine ganz zufällige Bemerkung klärte er mich darüber auf, welche Rolle die Stadt in der arabischen Geschichte gespielt hat und noch spielt. »Ich bin überzeugt,« sagte er, »daß Sie in und um Damaskus die edelste arabische Bevölkerung finden, die es überhaupt gibt. Es sind dies die Nachkommen der ursprünglichen Einwanderer, die bei der Eroberung des Landes von der ersten großen Kriegswoge hierhergeschwemmt wurden, und die ihr Blut fast ganz rein erhalten haben.«
Mehr als alle anderen großen Städte muß Damaskus die Hauptstadt der Wüste genannt werden. Bis an die Tore erstreckt sich die Wüste, jeder Windstoß trägt ihren Atem über die Mauern, mit jedem Kameltreiber dringt ihr Geist durch die östlichen Tore herein. In Damaskus haben die Scheichs der reicheren Stämme ihre Stadtwohnungen. Sie können Mohammed von den Haseneh oder Bassān von den Beni Raschid sehen, wie er an einem schönen Freitag im goldgestickten Mantel an den Bazars hinabstolziert. Die purpur- und silberfarbenen Tücher, die seine Stirn schmücken, sind mit golddurchflochtenen Kamelshaarschnuren umwunden. Sie tragen ihre Häupter hoch, diese Herren der Wildnis, wenn sie durch die festtägliche Menge schreiten, die sich öffnet, um ihnen Raum zu geben, als wäre ganz Damaskus ihr eigen. Und das ist es ja eigentlich auch, denn es war die erste Hauptstadt aller der außerhalb der Provinz Hedschas wohnenden Beduinenkalifen und ist der Schauplatz und die Bewahrerin der heiligsten Traditionen Arabiens. Als eine der ersten der weltbekannten Städte fiel Damaskus der unwiderstehlichen Tapferkeit der Wüste zum Opfer, die Mohammed zu den Waffen gerufen, der er ein Ziel gesteckt und einen Schlachtruf gegeben hatte, und es war die einzige, die unter der Herrschaft des Islam ebenso bedeutend blieb, wie sie während des römischen Kaiserreichs gewesen. Mu'āwiyah machte es zu seiner Hauptstadt, und es verblieb in dieser Würde, bis etwa neunzig Jahre später das Haus Ummayah gestürzt wurde. Es war die letzte mohammedanische Hauptstadt, die in Übereinstimmung mit den Traditionen der Wüste herrschte. Persische Generale setzten die Beni Abbās auf ihren Thron in Mesopotamien, persischer und türkischer Einfluß begann in Bagdad vorzuherrschen, und mit ihm schlich sich der so verhängnisvolle Luxus ein, den die Wüste nie gekannt, und dem auch die früheren Kalifen nicht gehuldigt haben, die ihre Ziegen noch selbst melkten und ihre Siegesbeute unter die Gläubigen verteilten. Schien doch selbst der Boden von Mesopotamien eine Luft auszuströmen, die keine Mannhaftigkeit aufkommen ließ. Die alten Geister der babylonischen und assyrischen Palastintrige entstiegen ihren schmutzigen Gräbern wieder und versuchten, mächtig im Bösen, den Soldatenkalifen zu stürzen, ihn seiner Rüstung zu entkleiden und ihm Hände und Füße mit Fesseln von Gold und Seide zu binden. Damaskus, das von dem frischen, reinigenden Wüstenwind durchfegte, kannte das alles nicht, es hatte das Reich des Propheten mit dem an spartanische Strenge gemahnenden Geist der früheren Tage regiert. Kein Parvenü, wie die Hauptstädte am Tigris, hatte es Könige und Kaiser in seinen Mauern gesehen, den Unterschied zwischen Kraft und Schwäche kennen gelernt und erprobt, welcher Weg zur Herrschaft und welcher zur Sklaverei führt.
Bei meiner Ankunft wurde ich mit der Nachricht begrüßt, daß Se. Exzellenz, Nāzim Pascha, der Generalgouverneur von Syrien, sich in großer Erregung über meine Reise in den Haurān befinde, ja gerüchtweise verlautete sogar, daß der vielbeschäftigte und sich in schwieriger Stellung befindende Herr über mein plötzliches Erscheinen in Salchad ungewöhnlich ärgerlich gewesen und sich ins Bett verfügt habe, sobald ich den Bereich von Jūsef Effendis wachsamen Augen verlassen. Andere freilich vermuteten den wahren Grund von Sr. Exzellenz plötzlichem Unwohlsein in dem Wunsch, nicht an der Trauerfeier für den Großfürsten Sergius teilnehmen zu müssen. Sei dem, wie ihm wolle, am Tage meiner Ankunft schickte mir der Vāli einen sehr höflichen Brief, in dem er die Hoffnung ausdrückte, daß ich ihm das Vergnügen meiner Bekanntschaft zuteil werden lasse.