Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Part 9

Chapter 93,601 wordsPublic domain

Um 10 Uhr fragte man mich, welche Zeit ich zu schlafen wünschte. Zum augenscheinlichen Verdruß aller der Anwesenden, die nicht den ganzen Tag durch den Schnee geritten waren, erwiderte ich, daß die Zeit gekommen sei. Die Söhne und Neffen empfahlen sich, es wurden wattierte Decken gebracht und auf den drei Seiten des Diwans zu je einem Bette aufgetürmt. Der Scheich, Jūsef und ich wickelten uns hinein, und ich wußte von nichts mehr, bis ich im scharfen Frost der Dämmerung erwachte. Schnell stand ich auf und ging an die frische Luft. Sāleh lag noch fest schlafend im Schnee; selbst das kleine Bächlein, das ein Wasserbassin inmitten des Dorfes speiste, schlummerte unter seinem dicken Eispelz. In dem klaren, kalten Schweigen beobachtete ich, wie der Osthimmel sich rötete und wieder erblich, und wie die Sonne einen ersten langen Lichtstrahl über das Schneefeld entsandte, das wir gestern mit so vieler Mühe bezwungen. Nachdem ein kurzes Dankgebet für schönes Wetter meinem Herzen entstiegen war, weckte ich die Maultiertreiber und die Tiere in ihrem gewöhnlichen Ruheplatz unter den Wölbungen der Karawanserei, genoß das von Mohammed en Nassār gebotene Frühstück und sagte meinem Wirt und seiner Familie ein langausgedehntes, dankbares Lebewohl. Kein Wanderer durch Berg und Tal kann sich einer angenehmeren Gesellschaft und einer erquickenderen Nachtruhe erfreuen, als mir in Sāleh zu teil wurden.

Sechstes Kapitel.

Das Ziel dieses Tages war das Dorf Umm Ruweik am Osthange des Drusengebirges. Da ich die Ungenauigkeit der Karte kannte, nahm ich einen von Mohammeds Neffen als Führer mit; er hieß Fāiz und war ein Bruder Gischgāschs, des Scheichs von Umm Ruweik. Ich hatte ihn mir am Abend vorher als das angenehmste Glied des ganzen angenehmen Kreises im Mak'ad auserkoren, und während unsrer viertägigen Bekanntschaft ereignete sich auch nicht der geringste Zwischenfall, der mich meine Wahl hätte bereuen lassen. Er war ein Mensch mit gänzlich verzeichnetem Gesicht: die Nase war schief, der Mund war schief, und niemand konnte ihm geradgestellte Augen nachsagen, aber sein Wesen war außerordentlich sanft und liebenswürdig, seine Unterhaltung klug, er war voll guter Ratschläge und wußte überall Abhilfe. Wir ritten am Abhang der Hügel dahin, und unablässig ruhte mein Auge sehnsüchtig auf der sich nach Osten hin ausbreitenden Steppe, wie auf einem verheißenen Lande, das mein Fuß nicht betreten sollte. Noch waren wir nicht weit gekommen, als Fāiz mir einen Plan entwickelte, wie wir unsre Tiere und Zelte in Umm Ruweik zurücklassen und einen Abstecher über die Safa nach der Ruhbeh zu der großen Ruine machen wollten, von der ich so viel Wunderbares gehört hatte, daß meine Phantasie gereizt war. In einem Augenblick hatte die Welt ein anderes Aussehen gewonnen, alles verhieß Erfolg: der blaue Himmel über mir und die goldenen Nebelschleier über der Ebene dort unten, die nicht länger unerreichbar vor mir lag.

Unser Weg führte schnell bergab; bereits nach einer halben Stunde waren wir aus dem Bereich von Schnee und Eis, die uns während der letzten 24 Stunden zur Plage geworden waren, und als wir nach einer weiteren halben Stunde den Wādi Busān erreichten, dessen flinkes Wasser ein Mühlrad drehte, hatten wir den Winter ganz hinter uns gelassen. Sāneh, ein blühendes Dorf am Nordufer des Wādi Būsan, enthielt einige schöne Proben haurānischer Architektur. So erinnere ich mich z. B. eines prächtigen Architravs, in den zwei Ranken, aus Trauben und Weinblättern bestehend, eingemeißelt waren, die zu beiden Seiten einer in der Mitte des Steines stehenden Vase herabfielen. Mit Sāneh hatten wir zugleich den äußersten Rand des Hochplateaus erreicht und sahen nun die Safa wie ein weites Meer unmittelbar unter uns liegen. Sonderbar mutete es uns an, daß ihre Oberfläche kohlschwarz wie ein schwarzes Zeltdach aussah, eine Eigentümlichkeit, die diese Steppe den Lavaschichten und vulkanischen Steinen verdankt, mit denen sie bedeckt ist. Hier und da bemerkte ich auch helle Flecke. Es waren dies, wie ich später entdeckte, Stellen, an denen die Tuffsteine zufällig fehlten, so daß die Erde zutage lag. Von den Arabern werden solche Stellen Beida, das Weiße Land, genannt, im Gegensatz zu Harra, dem aus Lava und erratischen Steinen gebildeten Schwarzen Land. In der Safa ist sowohl das Weiße als auch das Schwarze Land unfruchtbar, obgleich Beida oft im Sinne von Kulturland gebraucht wird.

Die Safa erstreckte sich bis zu einer dunklen Masse kleiner Vulkane, die fast direkt nach Norden und Süden lagen, deren Höhe uns aber kaum bewußt wurde, da wir so hoch über ihnen standen. Jenseits derselben erblickten wir eine weite Beidafläche, die Ruhbehsteppe. Nach Osten und Süden hin aber zeigten sich am unermeßlich fernen Horizont einige niedrige Vulkankegel, die letzten Ausläufer des Haurāngebirges und der Anfang der großen Hamad, der wasserlosen Wüste, die sich bis Bagdad ausdehnt. Nach Norden zu liegen die Hügel von Dmer und noch weiter nördlich ein zweiter Höhenzug, der das zehn Meilen breite, nach Palmyra führende Tal säumt, jenseits aber bis an den Antilibanon heranreicht, dessen schneebedeckte Häupter über der Wüstenstraße nach Homs sich am Himmel abzeichneten. Wir wandten uns ostwärts nach Schibbekeh, einem merkwürdigen Orte, der am Rande eines Tales erbaut war, dessen ganzer Nordhang wabenartig mit Höhlen durchsetzt ist, und dann nordwärts nach Scheikhly und Rameh. Beide Orte liegen am Südrande des eine tiefe Schlucht bildenden Wādi esch Schām; an demselben Flusse finden wir weiter abwärts die östlichsten aller bewohnten Dörfer, Fedhāmeh und Edj Djeida. Alle Niederlassungen auf dieser Seite des Gebirges tragen das Gepräge außerordentlich hohen Alters. Die Höhlendörfer müssen schon lange vor der nabathäischen Zeit bestanden haben; möglicherweise datieren sie sogar zurück bis in die graue, vorgeschichtliche Zeit des King Og oder des Volkes, das hinter seinem Namen steht, wo ganze Städte in die Felsen hineingehauen, -- das berühmteste Beispiel ist Dera'a in der Haurānsteppe, südlich von Mezērib. Muschennef ließen wir westlich liegen, nicht ohne Bedauern meinerseits, denn in der großen Dorfzisterne spiegelt sich der schönste Tempel im Djebel Druz, der selbst von den prächtigen Baudenkmälern in Kanawāt nicht an Schönheit übertroffen wird. Das nördlich vom Wādi esch Schām liegende El Adjlād ist auf dem Gipfel eines so hohen Tells erbaut, daß es die Februarschneegrenze erreicht. Von hier aus führt ein zweites Tal hinab in die Safa, an dessen unterm Ende eine Ruine mit einer Inschrift liegen soll, aber ich konnte sie nicht besuchen. Gegen 4 Uhr nachmittags kamen wir in Umm Ruweik an, und wir errichteten unsre Zelte am Rande der Hochebene, so daß ich durch meine offene Zelttür die Safa in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken konnte.

Scheich Gischgāsch war ganz Liebenswürdigkeit. Sicherlich konnte ich in die Steppe Ruhbeh hinüberreiten, wenn ich mich nur von ihm, seinem Sohne Ahmed und Fāiz begleiten lassen wollte. Den Vorschlag, eine größere Eskorte mitzunehmen, wies er voll Hohn von sich. Beim Himmel, die Ghiāth waren seine Diener, seine Leibeignen, und würden uns aufnehmen, wie es den Edlen gebührt, und uns das prächtigste Unterkommen anweisen. Ich speiste mit Gischgāsch, der keine Weigerung gelten ließ, und lernte ihn als einen gutmütigen, ruhmredigen, beschränkten und gesprächigen Menschen kennen, dessen ganzes Geschwätz nicht so viel wert war, wie ein einziger Satz von Fāiz. Der letztere war ziemlich schweigsam, auch Ahmed sprach nicht viel, aber das wenige war verständig und hörenswert. Gischgāsch erzählte Wunderdinge von der Safa und von dem, was sie enthielt. Außer den bereits bekannten Ruinen war nichts darin zu finden, wie er sagte, aber wenn man eine Tagereise ostwärts von der Ruhbeh ritt, würde man an einen Steinbruch und ein verfallenes Kastell kommen, das der Weißen Ruine von Ruhbeh, unserm jetzigen Ziele, ganz ähnlich, nur kleiner und weniger gut erhalten war. Darüber hinaus aber erstreckte sich die Hamad, ganz ohne Wohnungen und Ruinen, die große Wüste, die selbst die tapfersten Araber im Sommer wegen gänzlichen Wassermangels verlassen mußten. Mein Herz verlangte nach der geheimnisvollen Ruine östlich der Ruhbeh, die wahrscheinlich noch keines Reisenden Auge erblickt hatte, aber die Reise war zu weit, als daß man sie ohne Vorbereitungen, nur auf die Eingebung eines Augenblicks hin, hätte unternehmen können. »Wenn Sie das nächste Mal wiederkommen, meine Dame --«. Ja, wenn ich wiederkomme. Aber bei einer zweiten Gelegenheit werde ich mich nicht wieder auf die üppige Verpflegung der Ghiāth verlassen.

Nach einer Beratung beschloß ich, Michaïl und Habīb mitzunehmen, den letzten auf seine ausdrückliche Bitte. Er wollte sein bestes Maultier reiten, versicherte er, das mit jedem Pferd Schritt halten und außerdem noch die Decken und die fünf Hühner tragen würde, die wir als Ergänzung der Gastfreundschaft der Ghiāths mitnahmen. Ich hatte einen Pelzmantel hinter meinem Sattel aufgeschnallt, und die Satteltaschen bargen wie gewöhnlich eine Kamera und ein Notizbuch. Ungefähr eine Stunde lang ritten wir steile Abhänge hinab. Unterwegs gesellten sich drei weitere Drusen zu Pferde zu uns. Ich bemerkte wohl, daß die Scheichs sie der von ihnen selbst vorgeschlagenen Eskorte noch zugefügt hatten, machte aber keine Bemerkung. Einer der drei war ein Verwandter von Gischgāsch, mit Namen Chittāb; er war mit Oppenheim gereist und erwies sich als ein angenehmer Gesellschafter. Wir ritten durch das zu Gischgāschs Dorf gehörige Ackerland und dann fast ganz kahle Hänge hinab, die trotzdem den von Arabern gehüteten Herden noch genug Weide boten, und betraten am Fuße des Berges ein flaches, steiniges Tal, in dem sich eine kleine Niederlassung und noch weitere Schafherden befanden, die ihre armselige Nahrung zwischen dem Geröll suchten. Eine Stunde lang wand sich das Tal zwischen vulkanischen Felsen dahin, dann betraten wir die große Einöde der Safa. Sie ist fast ganz eben. Die Oberfläche zeigt flache, sanft gebogene Wellen, gerade tief genug, um dem in der Senkung befindlichen Reiter den Ausblick auf die Landschaft zu verwehren. So kann eine Stunde oder mehr vergehen, ohne daß er mehr sieht, als rechts und links, wenige Fuß über seinem Haupte, die einen schmalen Himmelsstrich begrenzende schwarze Steinlinie. Die Wellen sind planmäßig angeordnet; sie bilden fortlaufende wasserlose Täler, deren jedes dem Araber mit Namen bekannt ist. Wellental sowie Wellenberg sind mit vulkanischen Steinen bedeckt, die an Größe von sechs Zoll bis zu einem Meter Durchmesser und mehr variieren. Wo sie Lücken lassen, sieht man den harten, gelben Boden durchschimmern, auf dem sie liegen, und der an Farbe dem Seesande gleicht. Ganz spärlich drängt sich eine kümmerliche Flora durch die Steine, Hamad und Schih und Hadscheineh, hier und da auch ein winziges Geranium, Tulpenblätter oder die Sternchen des Knoblauchs; im allgemeinen aber liegen die Steine so eng aneinander, daß auch das schlankste Pflänzchen nicht Platz dazwischen findet. Schwarz, glatt und eckenlos sind diese Steine, als wären sie in einem Wasserlauf abgeschliffen worden; wenn die Sonne scheint, flimmert die Luft über der Steppe wie über einer Fläche geschmolzenen Metalls, und im Sommer läßt sich dieser Vergleich noch weiter ziehen, denn die erbarmungslose Glut soll fast unerträglich sein. Ganz unmöglich wäre es, über die Safa zu kommen, wenn sie nicht von zahllosen kleinen Pfaden durchkreuzt würde. Sie sind so schmal und undeutlich, daß der Reiter sie zunächst gar nicht bemerkt, bald aber wundert er sich, warum vor ihm und seinem Tier gerade noch Platz genug zum Weiterschreiten ist, und sieht ein, daß er einen Weg verfolgt. Die wandernden Füße zahlloser Generationen haben die Tuffsteine ganz allmählich zur Seite geschoben und es möglich gemacht, durch dieses Steinmeer zu reisen.

Wir folgten der Bodensenkung Ghadīr el Gharz und trafen nach zwei Stunden auf einen zerlumpten Menschen, der den Namen Gottesherz führte. Er war außerordentlich erfreut, uns zu sehen, dieser Gottesherz, denn er war ein langjähriger Freund der Familie (wenigstens 80 Jahre, sollte ich meinen), und groß war sein Staunen, als er mich in der Kavalkade entdeckte. Damit hörte seine Verwunderung aber auch schon auf, denn daß ich Engländerin sei, wie sie ihm sagten, machte keinen Eindruck auf ihn, da sein Gemüt mit den Namen und der Geschichte fremder Völker gänzlich unbelastet war. Wir erfuhren von ihm, daß wir Wasser ganz in der Nähe und arabische Zelte in einer Entfernung von höchstens zwei Stunden finden würden, dann wünschte er Gischgāsch Gottes Frieden, und möge auch die Fremde bei ihm in Frieden ziehen. Was die Zelte anbetraf, so hatte er gelogen, dieser Gottesherz, oder wir hatten ihn falsch verstanden, aber das Wasser fanden wir in Gestalt eines schlammigen Tümpels, an dem wir in Gesellschaft einer Kamelherde frühstückten. Europäischen Anforderungen entsprechendes Trinkwasser gibt es in der Safa ebensowenig wie im Djebel Druz. Gebirgsquellen im letzteren sind unbekannt, der Wasservorrat wird in offenen Löchern gesammelt, und der Reisende kann sich glücklich preisen, wenn ihm nicht eine Flüssigkeit zum Trinken geboten wird, in der er eben Kamele und Maultiere sich hat wälzen sehen. Im besten Falle ist das Wasser wenigstens stark mit Fremdstoffen versetzt, die selbst das Kochen nicht entfernt, wenn es sie auch verhältnismäßig unschädlich macht. Tee, der mit dieser Flüssigkeit bereitet worden, ist dick und von eigenem Geschmack; er sieht aus wie trüber Kaffee und hinterläßt einen Bodensatz in der Tasse. Michaïl führte für mich einen irdenen Krug mit gekochtem Wasser von Quartier zu Quartier mit, und da ich mich konsequent weigerte, unterwegs aus etwaigen Tümpeln und Wasserlöchern zu trinken, zwang ich ihn, diese Vorsichtsmaßregel auch während meiner Reise durch die Safa fortzusetzen. Er und die Drusen und die Maultiertreiber tranken, gleichviel ob in der Wüste oder im Gebirge, alles, was ihnen vor Augen kam, und schienen keine üblen Folgen davon zu verspüren. Wahrscheinlich waren die Keime, die die Männer bei ihrem leichtsinnigen Trinken hinabschluckten, so zahlreich und tatkräftig, daß sie genug zu tun hatten, einander umzubringen.

Weiter und weiter ritten wir, über alle Steine der Welt. Selbst Gischgāsch verfiel in Schweigen oder sprach nur, um seine Verwunderung auszudrücken, daß wir die Zelte der Ghiāth noch immer nicht erreichten. Chittāb war der Meinung, daß wir sie schon sehen würden, wenn wir den Kantarah, den Bogen, erreichten, und ich spitzte die Ohren bei der Erwähnung eines Namens, der auf irgend ein Bauwerk schließen ließ. Aber der Kantarah war nichts als eine nur wenig über ihre Umgebung hervorragende Erhöhung, die eben so steinig war, wie alles übrige. Solcher Hügel gibt es viele, meist führt ein Pfad zur Spitze, den die Araber auf dem Bauche liegend hinaufrutschen, um nach Feinden Umschau zu halten. Sie selbst sind dabei durch den kleinen schwarzen Steinhaufen verdeckt, der als bleibende Bastion auf dem Gipfel errichtet worden ist. Im Sommer wimmelt die Safa von Räubern. Große Stämme, wie die 'Anazeh, durchstreifen sie, führen bald im Norden, bald im Süden einen plötzlichen Streich gegen irgend einen Feind und quälen die Ghiāth im Vorbeigehen. Da es in der unvergleichlichen Glut der Steinwüste nur sehr wenig Wasserplätze gibt, sind sowohl die Räuber als auch diejenigen Ghiātharaber, die noch in der Safa zurückgeblieben, gezwungen, in der Dämmerung die gleichen schlammigen Löcher aufzusuchen: kein Wunder, daß die Tage und Nächte der Ghiāth durch beständige Furcht vergällt werden, bis endlich die großen Stämme wieder ostwärts in die Hamad ziehen. Auch von dem Kantarah aus erblickten wir keine Spur von Zelten, und es begann immer wahrscheinlicher zu werden, daß wir mitten in den Steinen unter dem frostklaren Himmel eine wasserlose Nacht würden verbringen müssen, als ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang Chittāb plötzlich nach Nordwesten hin Rauch von Lagerfeuern entdeckte. Wir ritten ein gut Stück zurück, so daß der von uns zurückgelegte Weg schließlich einen Halbkreis bildete, und erreichten die Zelte gerade nach Einbruch der Nacht nach einer neunstündigen Tagereise. Mit den Ziegen und Kamelen, die eben von ihrer mühseligen Tagesweide heimkehrten, stolperten wir über die Steine mitten in das kleine Lager hinein, das so ärmlich aussah und doch so sehnsüchtig von uns herbeigewünscht worden war. Ein paar Hundert Pfund würden ein schöner Preis für alle irdischen Güter der Ghiāth sein, sie besitzen nichts als die schwarzen Zelte, ein paar Kamele und ihre Kaffeetöpfe, und hätten sie mehr, es würde ihnen bei einem sommerlichen Raubzuge genommen werden. Sie leben ausschließlich von Brot -- Schirak, den dünnen, braunem Packpapier ähnelnden Kuchen -- und wandern während ihres ganzen Lebens in beständiger Todesangst zwischen den Steinen umher; verhältnismäßig sicher sind sie nur in den wenigen Monaten, die sie auf den Weiden des Djebel Druz verbringen.

Da wir eine große Gesellschaft waren, zerstreuten wir uns; Gischgāsch, meine Diener und ich begaben uns in das Haus des Scheichs, der den Namen »Weisheit« führte. Seine zwei Söhne, Mohammed und Hamdān, zündeten ein Feuer aus Reisig und Kameldünger an, das ganz abscheulich rauchte. Mohammed, als der Älteste, machte die Honneurs. Mit großem Geschick ließ er die Mörserkeule singen und schlug lustige Wirbel auf der Mörserwand. Er hatte ein schmales, dunkles Gesicht, und seine weißen Zähne blitzten, wenn er lächelte; seine höchst luftige Kleidung bestand aus schmutzigen, weißen Baumwollgewändern, ein baumwollenes Tuch fiel von der Kamelhaarschnur auf seinem Kopf bis auf die nackte Brust hernieder, und er sprach in harten, nur schwer verständlichen Gutturaltönen. Unsre Mahlzeit bestand aus Schirak und Dibs; die Ghiāth sind zu arm, um ein Schaf für ihren Gast zu schlachten, und wäre er selbst eine so wichtige Persönlichkeit wie Gischgāsch. Der letztere war in seinem Element und benahm sich wie ein echter Narr. Er brüstete und blähte sich vor Stolz, kämmte seinen langen Bart vor den bewundernden Blicken seiner Wirtsleute und sprach unaufhörlich bis in die Nacht hinein -- dummes Geschwätz, schien es mir, die ich mich sehnte, schlafen zu können. Mit meinem Sattel als Kopfkissen und einem Plaid als Zudecke lag ich in einer Ecke an der Sāhah, der Wand, die das Frauengemach abtrennt, und lauschte bald dem nicht besonders erbaulichen Gespräch, bald verwünschte ich den scharfen, beißenden Rauch. Um die Mitte der Nacht weckte mich der Mond, der mit frostigem Glanz in das Zelt schien. Das Feuer war niedergebrannt, der Rauch hatte sich verzogen, die Araber und Drusen lagen schlafend um den kalten Herd; friedlich standen einige Pferde an der Zeltstange und schauten mit klugen Augen auf ihre Herren, während weiter draußen ein Kamel wiederkäuend zwischen den Steinen lag. Die fremdartige schweigende Schönheit einer Szenerie, die so alt ist wie die Welt selbst, machte einen wunderbaren Eindruck auf mich und hielt meine Phantasie gefesselt, als ich schon wieder in Schlaf gesunken war.

Noch vor Tagesanbruch war es Michaïl gelungen, mir über dem launischen Reisigfeuer eine Tasse Tee zu bereiten, und als die Sonne aufging, stiegen wir in den Sattel, denn wir hatten einen weiten Weg vor uns. »Gottes gütige, unerforschliche Vorsehung« hatte die Steppe in wunderbare Schönheit gekleidet; die aufgehende Sonne, der wir entgegenritten, umgab jeden Stein mit einem goldenen Schein, in klaren, scharfgeschnittenen Linien zeichnete sich die ostwärts liegende Vulkanreihe vom wolkenlosen Himmel ab, und im Nordwesten erglänzten die Schneegipfel des Antilibanon und Hermon in blendender Weiße und bildeten einen scharfen Kontrast zu dem funkelnden Schwarz des Vordergrundes. Einer der Araber hatte sich uns als Führer zugesellt; 'Awād war sein Name. Er ritt ein Kamel und unterhielt sich von diesem erhabenen Standpunkt aus durch ein lautes Schreien mit uns, als wolle er damit den unendlichen Abstand zwischen rākib und fāris, Kamelreiter und zu Pferde Sitzenden, überbrücken. Wir zitterten alle vor Frost, als wir durch den kühlen Morgen dahinzogen, 'Awād aber machte einen Scherz aus diesem Übel, indem er von seinem Tier herunterrief: »Meine Dame, meine Dame, wissen Sie, warum ich so friere? Weil ich zu Hause vier Frauen habe!« Die anderen lachten, denn er stand im Rufe, ein wenig Don Juan zu sein, und die Kapitalien, die ihm zu Gebote standen, kamen seinem Harem mehr als seinem Kleiderschrank zugute.

Schnell erreichten wir wieder den Ghādir el Gharz. Nach einem zweistündigen Ritt kreuzten wir eine Erhebung südwestlich der Tulūl es Safa, der Vulkanlinie, und sprengten über eine beträchtliche Strecke steinlosen, gelben Sandes Beida, bis wir das Südende des Lavastromes erreichten. Die Lava lag zu unsrer Linken wie ein schrecklicher, gespenstischer See, der nicht sowohl gefroren, als vielmehr plötzlich erstarrt schien, als hätte ihn irgend ein großer Schreck mitten im Laufe aufgehalten und den Ausdruck der zurückschreckenden Furcht auf seiner Oberfläche versteinert. Aber das war lange, lange her, daß eine mächtige Hand den Wogen des Tulūl es Safa das Gorgonenhaupt vorhielt. Sonne, Frost und Jahrtausende hatten das ursprüngliche Aussehen der Vulkane inzwischen verändert, hatten die Lavaströme zerrissen, die Abgründe zugeschüttet und die charakteristischen Züge der Hügel verwischt. Ein oder zwei Terpentinbäumchen hatten sich in den Spalten angesiedelt, aber als wir vorübergingen, waren sie noch kahl und grau, und trugen nicht dazu bei, den allgemeinen Eindruck der Öde und Leblosigkeit zu beheben.

Während wir diese Grenzen des Todes umritten, wurde ich gewahr, daß wir einen Pfad verfolgten, der fast ebenso alt sein mußte wie die Berge selbst; ein kleiner Zeuge der Weltgeschichte führte uns mitten durch dieses verödete Stück Land. 'Awād sprach wiederholt von einem Stein, den er El 'Ablā nannte, ein Wort, das einen weithin sichtbaren, weißen Felsen bezeichnet, aber ich war so sehr an Namen gewöhnt, deren Bedeutung nicht zutraf, daß ich 'Awāds Worten keine Aufmerksamkeit schenkte, bis er plötzlich sein Kamel anhielt und ausrief:

»O meine Dame, das ist er! Bei Gottes Angesicht, das ist El 'Ablā!«

Es war nicht mehr und nicht weniger als ein Brunnenstein. Wo das Seil gelaufen war, befand sich ein mehrere Zoll tiefer Einschnitt, ein Beweis, daß der Brunnen lange Zeit gedient haben mußte, denn dieser schwarze Stein ist sehr hart. Dicht daneben stand ein großer Steinhaufen und noch zwei weitere, und so zwei bis drei in jeder Viertelmeile Wegs. Näheres Hinschauen überzeugte mich, daß sie erbaut, nicht aufeinandergehäuft waren. Schätzesuchende Araber hatten einige geöffnet; nach Entfernung der oberen Steinschichten zeigte sich ein flacher, viereckiger, aus halbzugehauenen Steinen erbauter Raum. 'Awād sagte, daß man seines Wissens nie etwas darin gefunden, und daß ihm unbekannt, was sie früher enthielten. Vermutlich waren die Steinhaufen als Wegzeichen der alten, durch dieses Steinmeer führenden Wüstenstraße errichtet worden. Einige Hundert Meter weiter hielt 'Awād wieder an einigen, kaum über die Oberfläche hervorragenden schwarzen Felsen. Sie glichen den offenen Seiten eines Buches, in das alle vorüberziehenden Nationalitäten ihre Namen eingetragen, sei es in der griechischen, cufischen, arabischen oder auch in jener seltsamen Sprache, die die Gelehrten Safaitisch nennen. Als die letzten hatten auch die ungelehrten Beduinen ihre Namenszeichen eingekritzelt.