Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Part 12

Chapter 123,399 wordsPublic domain

An einem sonnigen Nachmittage machte ich mich von den vielen Personen frei, die immer bereit waren, mir dieses oder jenes zu zeigen, und bahnte meinen Weg allein durch die Bazare, jenen bezauberndsten Ort, um Mußestunden zu verbringen, und begab mich nach den Toren der Großen Moschee. Es war die Stunde des Nachmittagsgebetes. Meine Schuhe in der Hut eines gelähmten Negers am Eingange zurücklassend, wandelte ich nach dem großen Säulengang, der sich an der ganzen Westseite der Moschee hinzieht. Zwar hat das Gebäude vor zehn Jahren durch eine Feuersbrunst und die dadurch notwendigen Reparaturen viel von seiner Schönheit eingebüßt, ist jedoch immer noch von großem Interesse für den Archäologen, der sich über allerhand an Mauern und Toren befindliche Zeichen und Gott weiß, was sonst noch, den Kopf zerbricht. In den Hof teilte sich die Sonne bereits mit den Schatten des Nachmittags, und kleine Knaben mit grünen Weidenzweigen in den Händen rannten, geräuschlos spielend, hin und her, während die ankommenden Gläubigen am Eingang zur Moschee in die Kniee fielen. Ich folgte und sah, wie sie sich in Schiff und Seitenflügel in westlicher Richtung zu langen Reihen gruppierten. Da standen sie Schulter an Schulter ohne Unterschied des Ranges, der gelehrte Doktor im Gewande von Seide und pelzgefüttertem Mantel neben dem zerlumptesten Kameltreiber aus der Wüste; erkennt doch der Islam, dieser einzige religiöse Freistaat der Welt, weder Reichtum noch Stand als Unterschied an. Jetzt war die Zahl zu drei- oder vierhundert angewachsen, und der Imām begann seinen Gesang. »Gott!« rief er, worauf die Versammelten wie ein einziger Mann niederfielen und eine Minute lang in stiller Anbetung verharrten, bis der Hochgesang von neuem ertönte: »Der Schöpfer dieser Welt und der zukünftigen, Er, der den Gerechten auf den rechten Weg leitet und den Gottlosen zum Verderben: Gott!« Und als des Allmächtigen Name in dem Säulengang widerhallte, wie er es nahe an die 2000 Jahre getan, da warfen sich die Andächtigen abermals nieder, und das Heiligtum lag einen Moment in tiefem Schweigen. Denselben Abend begab ich mich zu einer Abendgesellschaft auf die Einladung von Schekīb el Arslān hin, eines Drusen aus wohlbekannter Familie im Libanon. Auch Poet war er -- hat er mir nicht ein Exemplar seiner neusten Ode verehrt? Die Gesellschaft fand im Meidān statt, in dem Hause von Getreidehändlern, die im Auftrage der Haurān-Drusen Getreide verkaufen, und die in den politischen Angelegenheiten des Berglandes wohl bewandert sind. Wir waren 12-14 Personen, Schekīb, ich und die Kaufleute, die nach Art Wohlhabender blauseidene Gewänder und bestickte gelbe Turbane trugen; außerdem noch einige, deren ich mich nicht weiter erinnere. Der Raum war lediglich mit Teppichen, Diwan und Kohlenbecken ausgestattet, was wirklich bemerkenswert war, denn selbst den Häusern von 'Abd ul Kādir werden weder die blau und roten Glasvasen erspart, noch auch jene befransten Matten, die sich wie ein häßlicher Ausschlag inmitten der Marmortäfelung und auf den Fächern der Gipsetageren ausnehmen. Schekīb war ein gebildeter und wohlerfahrener Mann, -- war er doch einst bis nach London gekommen. Er sprach Französisch, bis einer unsrer Wirte ihn unterbrach:

»O Schekīb! Sie können Arabisch, und die Dame hier auch. Reden Sie also, daß wir es ebenfalls verstehen.«

Seine Ansichten über türkische Politik waren hörenswert.

»Meine Freunde,« sagte er, »die fremden Nationen sind an dem Mißgeschick schuld, unter dem wir leiden, sie wollen das türkische Reich sich nicht frei bewegen lassen. Führt es Krieg, so nehmen sie ihm die Früchte seines Sieges weg, wie es im Kriege gegen die Griechen geschah. Was nützt es uns, die aufsässigen Albanesen zu besiegen? Nur die Bulgaren würden Vorteil davon haben, und die Nachfolger unseres Propheten (dabei war er ein Druse!) könnten ebensowenig unter dem Zepter der Bulgaren leben, wie sie unter dem der Griechen auf Kreta leben möchten. Denn sehen Sie, die Muselmänner von Kreta wohnen bekanntlich jetzt in Salahiyyeh, und Kreta hat unter ihrem Weggang gelitten.«

Darin lag so viel Wahres, daß ich wünschte, die Feinde der Türkei hätten es hören können und würden den Standpunkt intelligenter und gut unterrichteter Untertanen des Ottomanenreiches wohl in Erwägung ziehen.

Mein letzter Tag in Damaskus war ein Freitag. Nun ist Damaskus an einem schönen Freitag ein Anblick, der auch einer weiten Reise wert ist. Die gesamte männliche Bevölkerung paradiert in den besten Gewändern durch die Straßen, die Geschäfte in Zuckerwaren und die in getragenen Kleidern florieren, den fertig vorgerichteten Speisen in den Eßwarenläden entströmen wahrhaft verlockende Gerüche, und prächtig aufgezäumte Rosse galoppieren den Weg am Flusse Abana entlang. Am zeitigen Nachmittag bekam ich vornehmen Besuch, als ersten Mohammed Pascha, den Scheich von Djerūd, letzteres eine Oase halbwegs nach Palmyra. Djerūdi ist der zweitgrößte Brigant im ganzen Lande, der größte aber (niemand wird ihm den Rang streitig machen) ist Fayyād Agha von Karyatein, einer anderen Oase an der Straße nach Palmyra. Fayyād mag wohl ein schlimmer Bösewicht sein, wenn er mich auch höflich genug behandelte, als ich seinen Weg kreuzte, Djerūdis Schurkerei aber ist ganz anderer Art. Dieser große kräftige Mann mit dem Glasauge war seiner Zeit ein tüchtiger Reiter und Räuber, denn in seinen Adern fließt arabisches Blut, und sein Großvater entstammte dem stolzen Geschlecht der 'Anazeh. Aber nun ist er alt, schwerfällig und gichtisch geworden und wünscht weiter nichts als Frieden, den er jedoch mit Rücksicht auf sein Vorleben und die Lage von Djerūd, die diese Oase zu einem günstigen Zufluchtsort für alle unruhigen Geister der Wüste macht, schwerlich erlangen wird. Er muß sich sowohl mit seinen arabischen Stammesbrüdern als auch mit der Regierung gut stellen; während jede dieser Parteien seinen Einfluß auf die andre auszunützen sucht, muß er selbst von beiden Nutzen zu ziehen suchen, sein Glasauge auf die Forderungen des Gesetzes, das gesunde auf seinen eignen Vorteil richten. So wenigstens verstehe ich ihn. In gerechtfertigtem Unwillen hat mancher Konsul schon vom Vāli seine sofortige Hinrichtung verlangt, aber zu einem solchen Schritt kann sich der Vāli nicht entschließen, wenn er auch nicht selten eine besondere Greueltat durch Verhängung einer Kerkerhaft geahndet hat. Wie er sagt, hat die Regierung in Djerūdi gelegentlich einen nützlichen Mann gesehen, und -- der Vāli muß es ja am besten wissen. Zu seinem großen Kummer hat Mohammed Pascha keine Söhne als Erben seines immensen Reichtums, und die Grünspechte, in Gestalt einer Schar spekulierender Neffen, sind eine Plage seiner alten Tage. Neuerdings hat er eine Tochter aus Fayyāds Haus, ein fünfzehnjähriges Mädchen, geheiratet, aber sie hat ihm kein Kind geboren. Übrigens kursiert in Damaskus eine hübsche Geschichte von ihm, auf die jedoch in seinem Beisein nicht angespielt wird. Beim Ausbruch des letzten Drusenkrieges wurde Djerūdi, der zufälligerweise gerade mit der Regierung auf gutem Fuße stand und sich im Gebirge wohl auskannte, mit 30 oder 40 Mann ausgeschickt, um zu rekognoszieren und Bericht zu erstatten. Das Heer folgte ihm auf dem Fuße. Als er durch ein Dörfchen nahe bei Ormān zog, lud ihn der Scheich, sein alter Bekannter, zu Tische. Während er noch im Mak'ad des Mahles harrte, hörte er die Drusen draußen beraten, ob es nicht geraten sei, ihn bei dieser Gelegenheit als Beauftragten der türkischen Armee zu töten. Er wünschte sehnlichst, den Ort zu verlassen, aber die Regeln des guten Tones forderten, daß er das Mahl auch verzehrte, welches eben bereitet wurde. Als es endlich erschien, beförderte er es in größter Hast, denn die Lebhaftigkeit der Beratung draußen erfüllte ihn mit ernster Besorgnis, bestieg alsdann sein Pferd und ritt davon, ehe noch die Drusen zu einem Entschluß gekommen waren. Aber plötzlich befand er sich zwischen zwei Feuern, denn das türkische Heer war eingetroffen, und das erste Gefecht war im Gange. Djerūdi und seine Genossen suchten in ihrer Verwirrung hinter einigen Felsen Schutz, und schließlich schlich sich einer nach dem andern zu dem türkischen Nachtrab zurück. Die Drusen haben den Vorfall in einem Liede verewigt; es beginnt:

»Djerūdis goldne Rosse sind berühmt, und schön die Reiter auf der wirren Flucht! Mohammed Pascha, sage deinem Herrn, wo sind die Mannen, wo die Waffen?«

Das Lied wird nicht oft vor ihm gesungen.

Mein nächster Gast war Scheich Hassan Nakschibendi, der mit dem glatten und schlauen Frömmlergesicht. Er wußte sogar die zehn Minuten gut auszunützen, die er im Gastzimmer des Wirtshauses verbrachte. Denn als er einen prunkvollen Ring an Sēlim Begs Finger erspähte, wünschte er ihn zu sehen und fand so großen Gefallen daran, daß er ihn in die Tasche steckte und bemerkte, Sēlim würde gewiß gern seiner khānum (jüngsten Frau), die er vor ein oder zwei Jahren geheiratet, ein Geschenk damit machen. Sēlim schlug darauf vor, sofort nach seinem Hause in Salahijjeh zu fahren, um das Präsent zu überbringen, und da Scheich Hassan und Mohammed Pascha ihre Landauer an der Tür hatten, stiegen wir ein und fuhren durch die freundlichen, festtägigen Straßen nach Salahijjeh. Vor der Tür des Hauses meinte Sēlim, ich möchte mich erst vom Vāli, der ganz nahe wohnte, verabschieden, und er borgte Djerūdis Wagen, »des Pompes halber«. Dann sagte Sēlim zu Mohammed Pascha:

»Ihr kommt nicht mit uns?« Eine sarkastische Frage, denn er wußte gar wohl, daß Djerūdi gerade in Ungnade und eben erst aus wohlverdienter Haft entlassen worden war.

Djerūdi schüttelte den Kopf, kam dann ganz nahe heran an uns, die wir im Landauer saßen, und flüsterte:

»Sagt etwas zu meinem Gunsten beim Pascha!«

Wir versprachen das lachend. Im Fortfahren vertraute mir Sēlim an, daß auch kein einziger Mann zu ihm selbst gehalten hätte, als er in Ungnade war (»nur Intrigen meiner Feinde waren daran schuld«), kein einziger hätte ihm helfen wollen; jetzt aber, wo er in Gunst stand, würde er von allen Seiten um seine Vermittlung gebeten. Und, die Rockschöße um sich breitend, lehnte er sich in stolzem Selbstbewußtsein in Djerūdis Wagen zurück.

Nāzim Pascha stand auf der Türschwelle und verabschiedete sich eben vom Oberbefehlshaber. Er stieg die Stufen herunter und lud uns mit der größten Freundlichkeit in sein Haus. Und dieser zweite Besuch bei ihm (er hatte mich inzwischen aufgesucht) war weit weniger förmlich als der erste. Wir unterhielten uns über den Krieg in Japan, ein Stoff, der meinen jungen und alten Partnern im Gespräch überhaupt nie fern lag, und ich erkühnte mich, ihn um seine Ansicht zu befragen.

»Offiziell bin ich neutral,« lautete die Antwort.

»Aber unter Freunden?«

»Natürlich bin ich auf Seiten der Japaner. Die Engländer haben durch ihren Sieg gewonnen,« fügte er noch hinzu.

Worauf ich: »Und werden Sie nicht auch gewinnen?«

»Bis jetzt haben wir noch nicht gewonnen,« erwiderte er düster, »in Mazedonien noch gar nicht.«

Dann erkundigte er sich, wie mir mein Aufenthalt in Damaskus gefallen hätte. Da fuhr Sēlim hastig dazwischen:

»Heute hat sie eine große Enttäuschung erfahren.«

Der Vāli sah betroffen drein.

»Ja,« fuhr Sēlim fort, »sie hoffte einen Räuberhauptmann zu sehen und fand nur einen friedlichen Untertan, Ew. Exzellenz.«

»Und der wäre?« forschte Nāzim.

»Mohammed Pascha Djerūdi,« sagte Sēlim. Damit war das gute Wort sehr geschickt angebracht.

In Scheich Hassans Haus zurückgekehrt, teilten wir diesen Teil der Unterhaltung dem Gegenstand derselben mit. Djerūdi zog ein schiefes Gesicht, erklärte sich aber zufrieden. Dann führte mich Hassan zu seiner Frau -- seiner fünften, die er geheiratet hatte, nachdem er sich von seiner gesetzmäßigen vierten hatte scheiden lassen. Er ist so diskret, jeder einzelnen ihren besonderen Hausstand zu halten, und ohne Frage wird ihm dafür auch durch Frieden in seinen Häuslichkeiten gelohnt. Drei Frauen befanden sich im inneren Gemach, außer der Gattin noch eine andre, die offenbar nicht zum Haushalt gehörte, denn bei Scheich Hassans Eintritt verbarg sie das Gesicht in den Betten, und eine Christin, die sich um die Bedürfnisse der männlichen Gäste verdient machte (außer Djerūdi und Sēlim waren noch andre anwesend), und die in den Bazaren, wo sie sich freier bewegen kann als ihre mohammedanischen Schwestern, die Einkäufe besorgt. Im Harem sah es entsetzlich wüst aus. Wofern die Frauen nicht Besuch erwarten und darauf vorbereitet haben, herrscht in der Tat überall eine unvergleichliche Unordnung. Es läßt sich dieselbe teilweise dadurch erklären, daß weder Schubladen noch Schränke vorhanden sind, und alle Habseligkeiten in großen grünen oder vergoldeten Kästen aufbewahrt werden, die man auspacken muß, so oft auch nur ein Taschentuch gebraucht wird, und die häufig auch ausgepackt bleiben. Scheich Hassans Frau war jung und hübsch; freilich hing ihr das Haar in Strähnen um Gesicht und Hals, und ein schmutziger Morgenrock umkleidete eine Gestalt, die leider schon verfallen war.

Die Aussicht von Nakschibendis Balkon ist mir unvergeßlich. Zu unsern Füßen die große, prächtige Stadt Damaskus mit ihren Gärten, Kuppeln und Minarets, und weiterhin die Wüste, die fast bis an ihre Tore heranreicht. Und das ist der Kernpunkt der ganzen Sache.

Dies meine Erlebnisse in Damaskus. Was die Kirchen und Kastells betrifft, diese können die Herrschaften selbst sehen.

Achtes Kapitel.

Als ich dem Vāli (Generalgouverneur) auf seine Fragen, wohin ich von Damaskus aus zu reisen gedächte, Ba'albek als Ziel nannte, äußerte er die Absicht, eine Schar Bewaffneter zum Schutze einer so vornehmen Dame mitzuschicken. Um dieses Thema abzubrechen, erwiderte ich kurzerhand, ich würde die Bahn benutzen. Da ich aber im Ernste nicht die geringste Lust zu diesem Beförderungsmittel verspürte, blieb mir, wollte ich allein reisen, nur ein möglichst früher Aufbruch übrig. Es war ein freundlicher, sonniger Morgen, als wir durch die bereits von einer Schar fröhlicher Menschen belebten Straßen ritten; unsre Pferde zerrten ungeduldig am Zaumzeug nach ihrer achttägigen Ruhe. An Amīr Omars Haus in der Wādi Barada vorüberkommend, erblickten wir diesen Herrn in der Morgensonne auf seinem Dach sich gütlich tun. Er rief mir zu, doch heraufzukommen, aber ich erklärte, daß Geschäfte vorlägen, und er mich ziehen lassen müßte.

»So zieht in Frieden!« gab er zurück, »so Gott will, reiten wir eines Tages zusammen.«

»So Gott will!« sagte ich und »Gott mit euch!«

Als sich nach ein oder zwei Meilen der Weg teilte, schlug ich die direkte Richtung nach dem Antilibanon ein, denn mir lag daran, der Aufmerksamkeit behördlicher Personen zu entgehen, die angewiesen worden waren, mir ihre Achtung zu bezeigen. Wir kamen durch das schöne, mit Aprikosenbäumen bestandene Tal der Barada (noch war die Zeit der Blüte nicht gekommen), kreuzten den Fluß oberhalb der prächtigen Schlucht Barada, und ritten über eine zwischen schneebedeckten Bergen liegende Ebene nach dem durch seine Äpfel berühmten Zebdāny. Hier schlugen wir auf einer grünen Wiese neben einem Brunnen unser Lager auf; nach Süden zu begrenzten die schneeigen Flanken des Hermon das Bild, nach Norden lagen die Dorfhäuser verstreut auf den Hügelwellen; kein einziger aus Zebdāny bekümmerte sich um die kleinen Zelte. Am nächsten Tage passierten wir im Sturmgeheul den Antilibanon. Eine weite Tour war es von 8¼ Meilen, aber reizvoll und unterhaltend. Wir mußten auf der großen Römerstraße von Damaskus nach Ba'albek sein; das ganze Tal entlang sah man ab und zu lateinische Inschriften an den Felswänden. Ganz durchnäßt, denn die letzten Meilen wurden durch kahle Gegend in strömendem Regen zurückgelegt, gelangten wir endlich in Ba'albek an. Es war fast zu stürmisch, um ein Lager auszuschlagen, und doch lehnte sich alles in mir gegen den Gedanken an ein Hotel auf. Aber Michaïl wußte Rat. Er kannte eine anständige, christliche Frau, die am Eingang des Dorfes wohnte, die würde uns sicherlich Obdach geben. Und so geschah es auch. Die Frau war hocherfreut, uns zu sehen, und richtete sofort einen sauberen leeren Raum für mein Zeltzubehör ein, während Michaïl sich mit seinen Kochutensilien in einem anderen niederließ. Mochte nun der Regen wütend gegen die Fenster schlagen -- wir waren geborgen.

Meine Wirtin, Kurunfuleh, die Nelke, mit Namen, hatte zum Gatten einen gewissen Jūsef el 'Awais, der gerade in Amerika sein Glück suchte, wohin sie ihm zu folgen gedachte. Ich verbrachte einige Stunden in ihrer Gesellschaft; auch ihr Sohn und ihre Tochter waren da, und ein paar Verwandte, die ihre Lauten mitgebracht hatten. Man plauderte und musizierte. Wie sie sagten, macht ihnen die Zukunft viel Sorge, denn die Bevölkerung von Ba'albek und der Umgegend gehört größtenteils zu den Metāwileh, einer freisinnigen und wegen ihres Fanatismus und ihrer Unwissenheit berüchtigten Sekte des Islam. So oft die Japaner siegreich waren, pflegten diese Leute zu kommen, ballten ihre Fäuste drohend gegen die Christennachbarn und riefen: »Die Christen sind geschlagen worden! Hütet euch, wir werden euch auch bald davonjagen und eure Habe nehmen.« »Und ganz so geht es in Jerusalem her,« fiel Michaïl ein (ob seine Worte auf Wahrheit beruhten, weiß ich nicht), »dort haben die Muselmänner dem Mufti durch eine Deputation sagen lassen: ‚Die Zeit ist für uns gekommen, die Christen zu verjagen.’ Aber der Mufti versetzte: ‚Wenn ihr Unruhen heraufbeschwört, werden die europäischen Mächte sich einmischen, denn Jerusalem ist ihr Augapfel; sie werden das ganze Land einnehmen, und wir werden schlimmer dran sein als zuvor.’«

Ich suchte Kurunfuleh zu trösten, indem ich sagte, es sei undenkbar, daß die Christen in Syrien verfolgt werden könnten, da das Land so wohl bekannt und von Touristen viel besucht sei, die sicherlich entrüstet sein würden. Der alljährlich wiederkehrende Strom von Touristen bietet in der Tat eine der besten Garantien für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Aber warum kehrte denn Kurunfuleh nicht in den Libanon, ihre Heimat, zurück, wo sie unter dem direkten Schutz der Mächte stand und keine Gefahr zu befürchten brauchte? Sie antwortete:

»O meine Dame, das Haus hier ist auf meines Gatten Namen eingetragen, es darf vor seiner Rückkehr nicht verkauft werden noch unbewohnt bleiben, und außerdem lebt es sich in der Ebene so ganz anders, als im Libanon; ich könnte es nicht wieder ertragen, dort zu wohnen. Dort tun die Leute weiter nichts als ihre Nachbarn beobachten, und zieht man einen neuen Rock an, so stecken sie die Köpfe zusammen und spotten: Hast die feine Dame gesehen? Und lassen Sie sich auch nur sagen, wie man im Libanon lebt: ich esse in Ba'albek jeden Tag Fleisch, die im Libanon aber nur einmal in der Woche. Sie teilen eine Zwiebel in drei Teile und würzen drei Abende hintereinander ihren burghul (geschroteter Weizen) damit; ich aber werfe Abend für Abend eine ganze Handvoll Zwiebeln in den Kochtopf. Ja, es geht karg her im Libanon.«

Sie hatte recht. Es geht so karg dort her, daß jeder, der nur irgendwie das Reisegeld erschwingen kann, nach den Vereinigten Staaten auswandert, so daß es in den Kulturen von Getreide, Wein und Maulbeerbäumen entsetzlich an Arbeitskräften mangelt. »Es ist kein Vorwärtskommen«, wie der Syrer sagt. Die Provinz ist eine Sackgasse ohne eignen Hafen, ohne Handel. Du brauchst dort nicht gerade zu verhungern, aber was hast du von einem Leben, das dir nicht mehr als den dritten Teil einer Zwiebel zum Abendbrot bietet? Die Hohe Pforte ist den Mächten einmal wieder übergewesen. Sie hat alles bewilligt, was von ihr gefordert worden ist, o ja, auch mit Freuden, aber die Zugeständnisse, welche die Türen zum Wohlstand anscheinend erschlossen, haben in Wirklichkeit den Pfad denen versperrt, die Nutzen daraus ziehen sollten.

Am nächsten Tage hatte der Regen noch nicht nachgelassen. Ich empfing den Polizeikommissar, der mich hergeleitet hatte, und stattete dann in dem meiner Wohnung nahegelegenen Hotel einer vielköpfigen Portugiesenfamilie einen Besuch ab. Monsieur Luiz de Sommar war mit Gattin, Töchtern und Neffen über den Djebel Druz von Jerusalem nach Damaskus gereist. In Salchad hatte ich von ihrer Ankunft in Sueda gehört und mich gewundert, wie sie sich Zulaß verschafft haben mochten. Ich hörte eine seltsame Geschichte, die sehr zugunsten Sommars spricht, gleichzeitig aber auch dartut, wie ängstlich die Regierung das Bergland vor den spionierenden Augen der Touristen zu hüten bestrebt ist. Die Portugiesen hatten Mr. Mark Sykes in 'Ammān getroffen, der ihnen riet, ihre Tour lieber über Kanawāt im Djebel Druz zu nehmen, da sie keinerlei Schwierigkeit haben würden, die Erlaubnis dazu zu erhalten. Monsieur Sommar war denn auch gutes Mutes vorwärtsmarschiert, aber in Sueda, dem Hauptsitz der Regierung, angekommen, hatte ihn der Kāimakām angehalten und zwar höflich aber fest angedeutet, daß er auf demselben Wege, den er gekommen, wieder zurückreisen müsse. Der Herr verweigerte das in ebenso bestimmter Weise und sandte Telegramme an seinen Konsul in Damaskus und seinen Minister in Konstantinopel. Und nun erfolgte ein erregter Depeschenaustausch mit dem Endergebnis, daß Monsieur Sommar nach Kanawāt weiterreisen dürfte, falls er hundert Zaptiehs mitnehmen würde. »Denn«, sagte der Kāimakām, »das Land ist über die Maßen gefährlich.« (Ein Land, durch welches, wie ich weiß, eine Frau in der alleinigen Begleitung eines Drusenjungen, ja, ganz allein reiten kann, selbst wenn ihre Satteltaschen mit Gold angefüllt sind!) Aber Monsieur de Sommar war ein kluger Mann. Er erwiderte, daß er die hundert Zaptiehs schon mitnehmen wolle, aber keinen Piaster würden sie von ihm bekommen. Man feilschte, der Kāimakām änderte seinen Beschluß und setzte die Eskorte auf zwanzig fest, unter welchem Schutz die Sommars glücklich in Kanawāt landeten. Ich beglückwünschte sie zu diesem Abenteuer und mich selber, die ich meinen Passierschein von Fellāh ul 'Isa und nicht vom syrischen Vāli erwirkt hatte.