Durch den Nebel: Roman

Part 2

Chapter 23,872 wordsPublic domain

Dann hatte er bald Lars zwischen seine Knie gestellt und ihm immer mit der harten, schweren Hand über den hellen Kopf gestrichen.

Lars aber sah ihm fest in die freundlichen Augen, die so aussahen, als blickten sie von weit -- weit her und hätten dort wunderlich ernste Dinge gesehn.

Es mochten die guten Augen sein, die immer von Treuhalten reden wollten, oder war es der Schalk, der irgend wo zwischen den Runzeln versteckt saß -- aber Lars faßte ein Zutrauen zu seinem Großvater.

* * *

Seit seine Kinder in die Welt hinaus waren und seine alte Frau ihre erste große Reise ohne ihn hatte antreten müssen, hatte Klaas Klaaßen nur einen einzigen Freund. Des Sonntags, wenn er nicht hinausging, und an langen Winterabenden, da redete er manche Stunde mit ihm. Seine alte Stina-Marie hatte sich schon weidlich über diesen Freund geärgert, und damals war er doch noch stiller und kleiner gewesen.

Fischer Klaaßen war immer einer von den Ordentlichen und hatte manchen Pfennig zurückgelegt. Mutter Stina-Marie aber war geizig mit dem Geld, denn sie wollte alles für die Kinder zurückgelegt haben. Aber Klaas Klaaßen war eigensinnig, und wenn er doch nicht trank und nicht spielte, so wollte er wenigstens seinen Freund haben.

Und so hatte er sich ein Harmonium gekauft.

Er studierte in den Büchern und probierte und probierte wieder, bis er es endlich heraus hatte. Und nun saß er mit seinen schweren, steifen Händen und einem versonnenen Gesicht; aber einem Licht in den Augen, wie ein Jugendschein, Stunde um Stunde, und redete mit seinem Freunde.

Und seit die Alte tot und die Kinder versorgt waren, hatte er sich ein größeres erstanden. Und nun quoll und brauste es manchmal im Dämmern aus der Strohdachhütte, daß die Nachbarn die Köpfe schüttelten. Aber die Töne woben und breiteten sich über den kleinen Garten hin und weit hinauf in die alten Eschen und bis hinunter an das weite, graue Wasser. Und die Eschen und die wogende Weite gaben Antwort in tiefem ernsten Rauschen. Die alte Stina-Marie hatte es nicht recht ertragen können, dies endlose Brausen und Rauschen, und war manchmal zu ihrer Schwestertochter hinüber gegangen, die in der Nähe wohnte. Das hatte Klaas Klaaßen nicht weiter gestört.

Aber nun war es anders. Seine Tochter Justina Asmussen hörte dies ernste Tönen gern. Sie saß dann über ihre Arbeit gebeugt mit ihrem stillen, schmalen Gesicht und sann in sich hinein.

Lars hatte es gleich gefaßt, wie ein Zauber. Und Großvater sah gütig zur Seite, wo der kleine Junge neben ihm lehnte mit weit offenen Augen, und spielte ein Lied, das er kannte, und brummte es leise vor sich hin; und erst leise und immer lauter und heller fiel die frische Kinderstimme ein, bis es ihnen endlich zur Gewohnheit wurde, so zusammen Musik zu machen in dem engen, traulichen Gehäuse vor der stillen Frau im spärlichen Trauerkleide.

Manchmal nahm Großvater den Jungen mit hinaus aufs Meer. Um ihn wogte es und wallte, zischte und klatschte, und seine Freunde, die Möven, waren dicht um ihn her. Er hielt sich mit beiden Händen fest an dem Brett, auf dem er saß, und staunte hinein in das Auf und Nieder des grauen Geschiebes. Er wagte kaum zu atmen und sprach kein einzig Wort. Aber es war eine Luft in ihm und ein jauchzendes Entzücken.

Lars hatte aber noch eine Freude: sein Freund Peter Lassen wohnte seit einiger Zeit in dem andern Strohdachhause dicht am Strand. Fischer Lassen war vor kurzem hierhergezogen. Nun gingen die zwei wieder wie sonst zusammen den weiten Weg in die Schule. Und seit er größer geworden war, erlaubte Lars dem andern mitunter, am Strande mit ihm zu spielen. Einem andern hätte Lars das nie gestattet, denn er war am liebsten für sich mit der See und seinen wunderlichen Gedanken. Aber Peter Lassen war ein Fischerkind und kannte die See und wußte manches zu erzählen, denn er war älter als Lars. Und er hatte schon manche Erlebnisse mit der grauen, wogenden Alten.

Sie hatte ihn wieder mit feinen, unsichtbaren Fingern herangezogen, die graue, ruhelose See. Ihr brausendes Lied und ihre stille Weite durchwoben sein Denken und Fühlen, daß er ihr verstrickt ward mit tausend unsichtbaren Fäden.

Es kamen wenig Menschen ins Fischerhaus.

Dem raschen, unruhigen Peter Lassen mit seinen hübschen, klugen Blauaugen war es wohl in dem warmen Gehäuse. Dort konnte er lange brav und still hocken, und Frau Lassen sagte, Mutter Asmussen habe nähere Bekanntschaft mit ihrem Jungen als sie selbst.

Zwei- oder dreimal war oben vom Flecken Kaufmann Asmussen, Lars’ Vatersbruder, bei ihnen eingekehrt. Er sah dem freundlichen Herrn Christian ähnlich, nur etwas Würdigeres hatte er. Er sprach väterlich gütig mit dem kleinen Lars, und seine Stimme hatte einen Klang, als hole er sie tief aus seinem behäbigen Fett herauf. Und er klopfte ihm auf den Kopf und fragte nach seinen Schularbeiten und sprach laut, als ob Lars noch nicht verstehen könne, und mit einem scherzenden Klang. Lars mochte den Onkel nicht, und als er ihn einmal mit hinaufnahm, um mit seinem kleinen Mädchen zu spielen, sagte er vor Zorn den ganzen Nachmittag kein Wort.

* * *

Es war an einem Sonntagnachmittag. Lars hatte mit Peter Lassen eine weite Entdeckungsfahrt den Strand hinunter gemacht. Da kam ihm Onkel Gust in der Haustür entgegen. Er hielt Lars’ Hand fest und klopfte ihm auf die Backe, sagte ein paar freundliche Worte mit seiner dicken Stimme und ging dann lachend weiter.

Als Lars in die Stube kam, saß Großvater am Harmonium, aber er spielte nicht. Er hatte die Hände auf die Knie gestützt und sah still und steif vor sich hin. Aber Mutter hatte die Hände vor dem Gesicht, und als Lars an der Tür stehn blieb und sich mit großen verwunderten Augen umschaute, da sah er, daß ganz, ganz langsam große Tropfen durch Mutters Finger rannen und ganz, ganz langsam auf das schwarze Kleid fielen.

Kapitel IV

Es war in der guten Stube mit den roten Plüschsesseln und den vielen Nippsachen. Das Dämmerlicht war ein wenig bedrückend, weil die gehäkelten Gardinen fast das Fenster deckten. Und die ganze Luft hatte etwas Drückendes, denn Frau Henriette Asmussen war erregt. Sie saß auf einem der roten Plüschsessel und sprach scharf, und die Worte fielen wie das Hackmesser in der Küche. Aber Herr Asmussen ging lächelnd auf und ab und pfiff zuweilen ein wenig. Das war schwer zu ertragen, denn Frau Henriette war noch dazu müde. Sie hatte den ganzen Morgen in der Küche gestanden, denn das Mädchen verwandte zu viel in der Wirtschaft, und am Nachmittag hatte sie dem Kommis auf die Finger gepaßt.

Sie mochte das Getändel mit den Käufern und besonders den Käuferinnen nicht leiden. Auf all so was mußte Frau Henriette achten, und in die Bücher mußte sie sehen, denn den Männern war nirgends zu trauen. Und nun war sie gereizt, weil sie müde war und Herr Asmussen wieder ins Wirtshaus wollte; und der Lehnstuhl ächzte unter ihr. Aber Herr Asmussen war gar nicht müde; denn er hatte nur morgens ein paar Stunden mit seiner schweren, goldenen Uhrkette gespielt und ein paar Kunden wohlwollend auf die Schulter geklopft. -- Jetzt aber hatte er allerhand Neues gehört am Stammtisch; und seine Freunde hatten bei Herrn Asmussens Reden zugehört, als würde ihnen aus der Zeitung vorgelesen, mit andächtigem Kopfnicken. So etwas hatte Herr Asmussen gern. -- Und darum lächelte er jetzt behaglich und pfiff leise vor sich hin, bis Frau Henriette es nicht mehr aushielt und fast kreischend auffuhr mit hellen, glitzerigen Augen, dunkelrot im Gesicht, daß der gute Lehnstuhl fast umgeschlagen wäre.

Und derweilen saß mit traurig dunklen Augen der kleine Junge in der Ecke beim Nippschrank und hörte zu.

Es war eine ganz neue Erfahrung in seinem Leben. Vater hatte wohl einmal zornige Worte gebraucht, aber Mutter war dann nur noch leiser geworden, und dann hatte Vater bald wieder gelacht. Und bei Großvater waren sie alle still bis auf „Perle“ mit seinem Gekläff und manchmal Peters lachendes Schwatzen.

Hier lag das Lärmen und Keifen in der Luft wie eine vibrierende Unruhe, die den Menschen überall umzittert mit ödem Unbehagen. Selbst die kleine Miete gehörte in die Unruhe hinein mit ihrem zappligen Bewegen und ihrer schrillen Stimme. Und obgleich sie den stillen Vetter liebte, war sie Lars doch kein rechter Trost.

Er begriff es immer noch nicht, daß sie ihn fortgegeben hatten. Er wohnte nun in dem hohen Hause mit dem übelriechenden Laden, und nebenan standen große steinerne Häuser.

Und die See konnte er nicht sehn. --

Und die friedlichen Wanderungen in die Dorfschule mit seinem Freunde Peter Lassen waren ganz vorbei. Er ging mit vielen gutgekleideten Kindern in ein Schulhaus dicht nebenan. Und er mochte nicht die kleine, feine Lehrerin und nicht die gutgekleideten Kinder. Es hieß auch, Lars sei ungezogen. Und Mutter hatte doch beim Fortgehen mit ihm geredet wie mit einem Manne. Lars hatte es auch wohl verstanden, daß der Onkel für ihn sorgen wolle, und er nun groß und reich werden würde, wie er zu Hause unter der Kastanie geträumt hatte.

Aber er vergaß es immer wieder und vor allem, daß er versprochen hatte, artig zu sein. Es lastete eben auf ihm und zerrte in dem fremden Haus. Und wenn die Nachmittagssonne in seine Dachkammer schien, dann warf er die Schulbücher unter den Tisch.

Klapp, klapp klangen die laufenden Füße die lange Straße hinunter. -- Da war er auch schon draußen. -- Ein Stück ging es auf der hohen Landstraße hin. Und die großen Wolkenschatten liefen nebenher über das erste feine Saatengrün. Und das weite, offne Land lag weich verschwommen im ersten Frühlingsduft bis hin in die traumweckenden blauen Fernen.

Dann kam der Fußweg durch den Wald. -- Da war rings ein heimliches Atmen und Regen in den keimenden Kräutern und den zugeschlossenen Blätterknospen, ein Drängen und Tasten in dem feinen Gezweige, hinaus in die weiche, starke Luft. Und es packte den Jungen, wie eine weitende Lust, daß er Raum schaffen mußte. Und da er nicht wußte, wie anders, so begann er ein Pfeifen laut und jubelnd und eigenwillig.

Und wenn er oben stand auf der freien Koppel, und unten lag im glitzernd blauen Schein der breite, blanke Wasserspiegel, dann konnte er sich nicht lassen vor wilder Wonne und warf die Mütze hoch in die Luft.

Und wenn er dann drinnen in warmer Traulichkeit hockte mit stillen, glücklichen Augen, dann brachten es Großvater und Mutter nicht übers Herz, den Jungen heimzuschicken. Erst wenn mit weichen Händen die Dämmerung das große stille Land einzudecken begann und die Bäume und Waldklumpen scharf und mächtig in den hellen Abendhimmel ragten, dann begleitete Peter Lassen seinen Freund nach dem Flecken hinauf und schlenderte erst im Dunkeln wieder heim. Aber den Schularbeiten merkte man Lars’ Heimfahrten an.

Kapitel V

Ein langgliedriger, sehniger Junge von zwölf Jahren war Lars geworden. Aber die ernsten, sonderbaren Augen, die so aussahen wie das Meer, hatte er immer noch.

Die Uhr auf dem alten Hof daheim hatte vielemal getickt, und Lars wußte kaum, wie die Jahre hingerollt waren.

Viele, viele Fahrten ins Land hinaus zur alten Fischerhütte waren es gewesen und ein stilles Dulden der kleinen Miete und ihrer Liebe und ein leiser Widerstand und ein leises Mißtrauen gegen Onkel Gust und ein offener Krieg mit Tante Jette; und nun sollte wieder ein Neues kommen.

Einer von den geheimnisvollen Herbsttagen war es. Hinter weichen, wallenden Schleiern lag die Welt, und es ließ sich gut von ihr träumen. -- Hinter den wunderlichen, ziehenden Gebilden mochte sich das Wunderland verbergen im goldenen Schein, oder war es eine finstere Öde?

Auf dem Schiff, das nach der Stadt fuhr, saß Lars ganz am Ende der Bank. Er saß ganz vorn im Schiff und hatte das Wasser dicht vor sich. Mit beiden Händen hielt er seine Reisetasche auf den Knien fest; und sein kleiner Koffer stand neben ihm.

Onkel Gust ging hierhin und dahin und fand überall gute Freunde und trank auch wohl einen Kognak, weil der Morgen frisch war.

Aber Lars sah in den Nebel und träumte.

Das Wasser lag da still und dunkel wie ein Spiegel, und alles Ding war in eine ernste Heimlichkeit getaucht. Auf einem Pfahl saß eine reglose Möve. Ihr weißes Bild spiegelte sich im schwarzen Grunde, und leise glitt das Schiff vorüber.

Braune Segel tauchten aus dem lichten Grau und glitten vorüber. Nun glänzte es auf von lichten Segeln, ein königliches Geschimmer, und die schwarze Tiefe leuchtete das Bild zurück, dann war der Schoner im Nebel verschwunden.

Aber lichter und lichter ward der weiche Schleier. -- Nun bauschte er sich zu riesigen Gebilden, und dazwischen leuchtete es und gleißte auf der Flut, wie flüssiges Gold, und spann in Wunderfarben in den Lüften, wie Gewebe lichter Klarheit.

Und nun glitt es voneinander -- und lachend leuchtete im blauen Äther blendende Sonne.

Da atmete der stille Junge lang und tief auf. Er hatte die Hände um die Reisetasche gekrampft, regungslos die Wunder geschaut. Ihm war es, als gleite so sein Leben durch graue Heimlichkeit hinein in goldene Zukunft. Die Tränen wollten kommen, aber er schluckte sie männlich hinunter. „Brav und treu“, hatte Großvater beim Abschied gesagt, und er hatte ihm die Hand darauf gegeben. Er würde jetzt auf sich selbst stehen, und er wollte ein Mann sein. Darum hatte er auch beim Abschied von der Mutter nicht geweint, und sie hatte ihm auch nur still mit der Hand über die kurzen blonden Haare gestrichen.

Alle Sonnabend sollte er zum Onkel nach Hause kommen, und jeden dritten Sonntag durfte er die Mutter besuchen. Da war es nicht so schlimm. Und er fuhr ja in das leuchtende Licht hinein. --

Aus bläulichem Dunst tauchten rings die Ufer. -- Auf weiten Koppeln stand das rotleuchtende Vieh und blickte verwundert und gelassen in das erwachende Licht und genoß des warmen Scheins. Und bunte Herbstwälder ragten in die klare Luft und warfen breite, blaue Schatten auf das Land. Und aus stillen Strohdachhütten stiegen blaue Rauchsäulen ruhevoll nach oben.

Mit dem warmen Sonnenschein waren auch manche Bekannte von Herrn Asmussen an Deck gekommen. In behäbiger Zufriedenheit gingen sie rauchend auf und ab und ordneten den Gang der Welt im allgemeinen und den Gang des Geschäftes im besonderen. Und was sie sagten, war meistenteils dänisch.

Und ihre Frauen setzten sich in der Sonne zusammen und zogen die Häkelarbeit heraus. Und sie waren sehr bedacht auf ihre Vornehmheit und achteten aufeinander und sprachen freundlich zusammen und hofften, daß ihre Aussprache für echtes Kopenhagener galt.

Und der kleine Lars saß still am Ende der Bank mit zornigen Augen und hörte, wie Onkel Gust von Dänemark sprach und von seiner Fürsorge für das arme Süderjütland, von dem besseren Geschäftsverkehr und den billigen Prozenten und der deutschen Mißwirtschaft.

Und Lars hörte in Gedanken die stockend langsame Rede des Großvaters, wenn er von der schönen Schleswig-Holsteinschen Armee erzählte und der Zeit, als sie in die Schlacht gezogen waren, wie zum Fest, und dann wurde Großvaters Rede leiser und stockte noch öfter, und er erzählte vom Tage bei Idstedt, wie sie die schöne Armee verraten hatten, und wie sie heimgeschickt wurden ins Elend.

Aber keiner achtete auf den kleinen Jungen mit den zornigen Augen.

* * *

Er wurde in einer Beamtenfamilie untergebracht.

Noch vier Gymnasiasten wohnten dort. Zwei kleine Jungen teilten seine Stube: Hans Todtsen, der Zapplige -- mit seinem klugen Kopf und seinen lustigen Einfällen, und der bescheidene, kleine Jakob Lind, der einen so gerade und freundlich ansehen konnte. Man hatte sie erst vor wenigen Tagen in der Quinta aufgenommen; auch waren sie jünger als Lars; aber er hatte doch eine gewisse Hochachtung vor diesen beiden jungen Städtern.

Auch die beiden andern Jungen, Swend und Aage Michelsen, waren Stadtkinder, dänischredende Geschwister von der Grenze her. Von ihnen aber trennte Lars ein weites Meer. Der eine war schon zur Quarta und der andere sogar schon zur Sekunda hinaufgedrungen. Besonders der Quartaner ließ es merken, wie weltenhoch er über den drei Stubennachbarn stand.

Lars nahm die Dinge ernsthaft, und die Aufnahme ins Gymnasium war ihm ein großer Abschnitt seines jungen Lebens. Wenn ihm auch über dem Träumen und den Traumfahrten manche Pflichten durch die Finger geronnen waren, so hatte er im Grunde die Bücher lieb gehabt, und er hatte die andern rasch eingeholt, wenn er einmal bei der Arbeit war. Obgleich er in den friedlichen Jahren der Dorfschule manches versäumt hatte, so bestand er die Aufnahmeprüfung gut. Er war freilich der Älteste in seiner Klasse.

Wie bei den Wilden in Afrika eine Kunde schneller von Mund zu Munde fliegt, als wenn der Telegraph sie verbreitet, so wußten die Gymnasiasten über des Neuen Herkunft Bescheid. Und mehr als die kühle Nichtachtung der Großen reizte Lars die mitleidige Duldung der Kleineren. Er war sich oft nicht klar, was ihm so heiß nach dem Kopf stieg und in die Fäuste fuhr, daß sie den andern nach dem Gesicht zucken wollten. Aber er wurde nur noch stiller dabei und ging seine eigenen Wege. -- Und diese Wege führten ihn, so oft er frei war, zur Stadt hinaus.

Da war sie -- die ihm Heimat, Freund und Spielgefährte war. Und wie in alten Zeiten lag er im Riedgras und horchte auf ihr Lied, aber es klang ihm trauriger als damals.

* * *

Die graue Trübe lastete über den steilen grauen Häusern; und über den Köpfen der Menschen lag sie wie ein Druck, der die Freude verscheucht. Aber die Schar der Buben im Schulhof achtete weder der kalten Feuchte noch der lastenden Wolken. Es war da ein buntwogendes Durcheinander lauter herrisch-froher Töne und wechselnd beweglicher Bilder. Mitten im toten Grau des sterbenden Jahres war hier ein Stück selbstherrlich strotzenden Lebens.

„Du, Jakob,“ sagte Aage, „die alte Braunsche ist verrückt, gibt sie so ’nem Stift die feine Wurst aufs Brot und mir so’n Zeug. Her damit, Mensch!“

Aber Jakob riß aus mitsamt der Wurst.

Michelsen II war zu dick zum Laufen, aber er kommandierte: „Lind aus Quinta soll mir gebracht werden.“

Aus der Quarta und Quinta waren dem Dicken ein paar Jungen verpflichtet. -- Jakob Lind aus Quinta wurde herangeschleppt.

Von allen Jungen war aber der kleine gute Jakob der, den Lars am liebsten hatte. Und da geschah es, daß ihm der Zorn diesmal so übermächtig in die Fäuste fuhr, daß er auf den fetten Quälgeist sprang wie eine wilde Katze.

Michelsen II war ein Tyrann und wegen seiner Mißgunst unbeliebt. Es hielten wohl manche zu ihm, die an dem rothaarigen Faulpelz wegen seines Witzes ihren Spaß hatten, oder die er durch sein großes Taschengeld gewonnen hatte. Aber da der sehnige, kleine Quintaner auf ihn einsprang, standen sie alle zur Seite und warteten gespannt.

Blaurot vor Zorn, die roten Borsten gesträubt, warf sich der große Junge mit dem ganzen Übergewicht seines schweren Körpers gegen den Kleinen.

Lars wurde zurückgedrängt, aber er machte eine wendige Biegung und hatte den plumpen Großen untergefaßt. Und es war sonderbar, als die großen, schweren Fäuste ihm auf Kopf und Rücken zu hageln begannen, wuchs eine Wut in ihm, die mit jedem Schmerz an Kraft zunahm und ihm in alle Glieder fuhr, daß sie stahlhart wurden und drückten und preßten und wieder schlugen und zupackten, daß ihm der Atem keuchend herausfuhr, und er es doch nicht gewahr wurde.

Da tat der unbeholfene Dicke in seinem Bemühen, Lars an die Mauer zu drängen, einen Fehltritt. Lars aber packte zu, und keiner konnte sagen, wie es geschah, aber der Dicke lag am Boden, und Lars’ Fäuste trafen ihn ins Gesicht.

„Den Fuß hast du gestellt, du hast gemogelt,“ schrie der Dicke von unten herauf.

Aber Michelsen I, der gleichmütig zugesehn hatte, sagte: „Das ist nicht wahr.“

Da stand Lars auf, blaß und ohne Atem -- aber von dem Tage an achteten ihn seine Mitschüler, und der kleine Jakob war sein getreuer Anhänger.

Kapitel VI

Es war wieder Sommer, und an Onkel Gusts Hause blühten an der Gartenseite die Rosen.

So ein Nachhausekommen am Sonnabend, wenn die kleine Bucht im stillen Abendsonnenschein lag und man das öde Mauergewirr hinter sich wußte, warf doch einen ganz anderen Schein auf die Dinge. Selbst Tante Jette schien erträglich, und Mietes Vorzüge waren in ein glänzendes Licht getreten. In den Jahren, wo andern Mädchen einzelne Gliedmaßen und Gesichtszüge davonzulaufen scheinen, die dann erst mit achtzehn, neunzehn Jahren eingeholt werden, war sie immer ein feines, schmuckes, kleines Mädchen geblieben. Ihr hübsches blondes Haar hing Sonntags offen über ihren Rücken herunter, und eine blaue Schleife saß an der Seite. Ihr vornehmes Wesen sagte an so einem Tage jedem, daß sie heute das gute Kleid trug. Da war freilich wenig mit ihr anzufangen für einen knapp vierzehnjährigen Quartaner. Aber draußen in der Laube verstanden sie sich doch recht gut. Dort in der Tischschublade fanden sich Wurst- und Kuchenstücke, die liebende Fürsorge ihm heimlich aufgehoben hatte. Wenn sie schon ein wenig alt waren, so sicherte ein Gymnasiastenhunger doch gnädige Aufnahme. Und während er kauend in dem grünlichen Blätterdämmern saß, spielte er zuweilen nachlässig mit den feinen, blonden Haaren. Und der kleine rote Mund neben ihm mit der spitzen, altklugen Ausdrucksweise war immer in Bewegung, aber der kauende Vetter war ein guter Zuhörer.

Die lustige Stina, die immer so nett zu ihnen gewesen war, hatte also auch wieder fortgemußt. Es war doch schrecklich, das war nun schon das dritte Mädchen, seit er fort war, oder war es die vierte. -- Stina, Jule, Marie, richtig, Emma war da ja noch. -- Und bei dieser war Mutter richtig toll geworden und hatte sie fast geschüttelt, und Vater war dann erst recht böse auf Mutter geworden, -- ‚Mama‘ sagte Miete meistens. -- Und Stina hatte eine Faust gemacht und gesagt, sie sei man froh, bei so einer geizigen Frau wolle sie gar nicht bleiben. Aber Vater sei ganz traurig geblieben. Dann warf Miete hastig einen heimlichen Seitenblick auf den Vetter. Aber der machte ein ganz unbewegliches, fast böses Gesicht.

„Das ist alles gar nichts für dich,“ sagte er dann in belehrendem Tone von Swend Michelsen.

Aber Miete lachte hell, daß es vibrierend durch den Garten klang. „Du Dummer -- ich weiß mehr als du -- bist ja auch nur ein halbes Jahr älter.“ Dann sah er unbeholfen aus und wußte nicht recht was zu sagen.

An einem sonnigen Sommersonntag war es, daß Lars am Morgen mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett sprang, weil die Sonne so strahlend in sein Giebelfenster herein schien. Er sah hinaus über Onkels Garten in den blauen Sommermorgen hinein.

Ringsum hoch, hoch oben zwischen den weißen Cirruswolken und unten tief unter dem satten, saftstrotzenden Grün war es heut Sonntag. -- Der Sonntag lag blaudämmernd über dem seidenausgespannten kleinen See und lockte geheimnisvoll in das Wunderdämmern, wo der Wald sich tief ins Wasser neigte. Und in stillem Sonnenglanze lag er über dem kleinen Garten und seinen geraden, gelben Wegen. Die alte, grünbewachsene Urne ragte in feierlicher Ruhe, und der Buchsbaum roch nach Sonne. Am strahlendsten aber breiteten sich die taufrischen gelben Rosen an der Laube. Da kleidete sich Lars hastig an. Und als er gefrühstückt hatte, lief er nach der See hinunter, um seine Schulfreunde vom Frühschiff abzuholen. -- Als sie wiederkamen, hörten sie Herrn Asmussen in der Laube sprechen.

Er saß dort fast verborgen hinter dem großen dänischen Zeitungsblatt. Blaue Rauchwolken quollen gemächlich darüber, und er trommelte langsam und in kleinen Pausen auf der Tischplatte. Am Tisch stand das neue Mädchen und räumte den Kaffee fort. Frau Asmussen vertrat heute die Familie in der Kirche.

Herr Asmussen schmunzelte von Zeit zu Zeit gütig zu dem neuen Mädchen auf. Und er fragte dies und das, und sie gab Antwort, verlegen und ein wenig kichernd. Auf dem weißen Tischtuch lag das grünliche Gedämmer, und goldene Sonnenflecken glitten dazwischen.