Part 3
Dann fiel das kräftige Tönen heller, starker Kinderstimmen durch die Luft. Herr Asmussen räusperte sich und hob Zeitung und Zigarre nachlässig auf. Auf dem gelben Kiesgang traf er Lars mit seinen beiden Mitschülern und die sonntäglich geputzte Miete.
„Nun wieder Hans und Jakob?“ fragte Herr Asmussen, „warum denn nicht einmal Swend und Aage?“
„Die waren letzten Sonntag da, Onkel, und Swend will auch gar nicht so oft, und Tante meint überhaupt, Aage ißt zu viel.“
Miete stieß das neue Mädchen an, und sie kicherten.
„Und dann ist heute Großvaters Sonntag, da gehen wir eben hin.“
„So, so,“ machte Onkel Gust. „Und Miete muß wieder allein bleiben?“ Miete maulte ein wenig, und ihr Vater legte den Arm um ihren Nacken und streichelte ihre Backe. „Nicht traurig sein, klein Deern.“ Aber Miete dachte an ihre Locken und rekelte sich aus Vaters Arm heraus.
Die drei Freunde machten, so schnell sie konnten, daß sie aus dem Garten heraus ins Freie kamen. Leise schwang die Gartenpforte hinter ihnen her und quietschte ein wenig. -- Bald trabten sie auf dem hellen Fußsteig über die Koppeln, und das Korn bauschte sich in grünen Wogen zu beiden Seiten. Hans schwatzte laut und machte große Zeichen in die Luft und war so eifrig, daß er Lars mit hineinriß. Aber Jakob ging ein Ende hinterdrein und ließ sich die jungen Ähren durch die Hand gleiten.
Sie waren alle willkommene Gäste unter dem Strohdach, und sie saßen gedrängt um den braunen Tisch am kleinen breiten Fenster und stippten schweigend ihre Kartoffeln in die braune Sauce und löffelten ihre Grütze, als hätten sie nie etwas Besseres geschmeckt. Und Mutter Stina ging eifrig auf und ab und achtete mit Andacht, ob es ihnen mundete, und setzte sich endlich in der Küche zu ihrem flüchtigen Mittagsmahl.
Auch diese Stadtkinder hatte schon längst der leise klingende Zauber dieses heimatwarmen Gehäuses gefangen, und sie hatten sich in die stille, schlichte Weise hineingepaßt, daß sie mit Großvater redeten, als wie mit dem Direktor selbst, und Mutter Stina ihre Leiden und Freuden vertrauten und ihre Sachen zum Stopfen brachten, in unbedingtem Vertrauen.
Nur einer litt unter ihrem Kommen. Peter Lassen haßte die Eindringlinge. Mit der ganzen Leidenschaft seiner Jungenseele mißgönnte er ihnen Lars’ Freundschaft. Jakob war arm und bescheiden. Und weil er klein und ängstlich war, hatte Peter für ihn nur eine leise Verachtung. Aber Hans mit seiner großartigen, aufgeregten Art war ihm ein Greul.
Nachdem sie gegessen hatten, fragte Lars den Großvater, ob sie das Boot haben könnten. Nach alter Weise sah er ihm fest in die Augen.
Großvater trat in die Tür und schnüffelte in die Luft. „Ost Süd-Ost -- wenn er noch mehr umgeht, gibts ander Wetter. Ihr kommt nicht gut gegen an, aber wenn ihr zurückkommt, paßt man auf; wo die Hölzung aufhört, kommt es manchmal unversehens, und es ist böiges Wetter geworden.“ --
Da kletterten sie in Großvaters Boot, und Lars wies ihnen ernsthaft ihre Plätze an.
Dann saß er mit unbeweglichem Gesicht am Ruder. Ihm war nun wieder wohl bis in den tiefsten Grund der Seele hinein. Mit großartiger Miene und zusammengezogenen Brauen hielt Hans die Segelleine. Aber der kleine Jakob und Peter saßen auf dem Fischkasten. In Peter Lassens ganzer Haltung stand es überall geschrieben, daß er ganz und gar nicht beteiligt sein wollte und ihn das Ganze nichts anging. Die Hände hingen ihm lässig zwischen den Knien, und die Augen sahen scharf über See. Sprechen wollte er überhaupt nichts, so schwer es ihm wurde.
Es waren große, wuchtige Wolkengebilde aufgequollen und warfen von Zeit zu Zeit ihre mächtigen Schatten über die See. Die Farben jagten sich über die weite Fläche. Jetzt tanzte das Boot durch ein unsäglich tiefes Blau, nun glitt es durch smaragdgrüne Wunder, nun deckte graue Öde alles Glänzen, um wieder in Leuchtefarben aufzuglühn. Und ringsum ein jauchzendes Bewegen, ein rastloses Auf- und Niederkämpfen von zischenden, platschenden weißen Köpfen und durchleuchteten grünen Tiefen.
Und wie es ihnen bis auf die Haut und bis ans Herz griff, das salz- und lebenstarke Sausen, vergaßen die vier ihre eigene junge Wichtigkeit mit Groll und Würde, und das laute, lachende Geschwätz klang hell in den sausenden Wind.
Nur Lars blieb still am Ruder sitzen und sah in das endlose Gewoge, und seine Augen schimmerten dunkel und wechselten wie das Meer, und es war in ihnen ein großes, unbewußtes Strahlen der Freude.
Sie mußten gegenauf kreuzen, und das Boot tauchte durch die Wellen mit klatschendem Ton. Der Gischt spritzte über Bord und Hans schrie lachend auf, wenn ihm das Wasser ins Genick schlug. Sie zogen Großvaters Ölrock heraus und hängten ihn über Hans’ Schultern. Später fuhren sie ein wenig unter Land an die andere Seite der Bucht, um zu drehen. Dann faßte sie bald der Wind mit doppelter Gewalt. Es ging eine steife Böe über die Bucht.
„Wir wollen doch lieber ein Reff einstecken“, sagte Lars.
„Du Bangbüx,“ schrie Hans zurück, „es ist grade schön.“ Peter Lassen kriegte schon seine zornigen Augen.
„Ich muß doch das Ganze verantworten vor Großvater. Ich sitze am Ruder, und ich sage: steckt ein Reff ein!“
Peter Lassen stand gehorsam auf. Gegen den am Ruder war keine Einwendung zu machen. Aber Hans rührte sich nicht. „Du fürcht’st dich ja man“, klang es herausfordernd. Da schwang sich Peter über die Duchte und haute Hans eine Ohrfeige. Glühend vor Zorn warf sich Hans auf ihn.
„Menschen, seid ihr verrückt?“ schrie Lars, „Jakob, die Leine -- die Segelleine!“ -- Aber schon war es zu spät, das Segel war losgefahren und schlug donnernd im Wind, und das Boot tauchte und rollte und schlingerte, wie ein Wesen, das plötzlich den Verstand verloren hat.
Hans und Peter Lassen waren gleichzeitig auf die Duchte gesprungen und griffen nach dem unschierigen braunen Ungetüm, das sich mit krachendem Getöse ihrer jungen Kraft entzog. Hans hatte sich weit hinüber geworfen, und als seinen Händen die rauhen braunen Falten wieder entglitten, rutschte sein Fuß auf der nassen Bank.
Das Wasser schlug klatschend auf und spritzte hoch in die Luft.
Eine Sekunde starrten die drei auf die Stelle, wo die grünen Wellen zusammen geschlagen waren, da hatte Peter Lassen schon seine Jacke heruntergerissen und zerrte wütend an seinen Stiefeln. -- Nur einen Augenblick stand er dann auf dem Bootrand, streckte die Arme vor, wie zum Kopfsprung und starrte in die rauschende grünschwarze Tiefe.
Klatsch klang es -- und das Boot schlug gewaltig nach der andern Seite zurück. Lars aber hatte Jakob bei den Schultern genommen und ihn beim Ruder hingestoßen. Er drückte seine Hände darum mit hartem Griff. Dann war es ihm, als fahre es wieder in ihn, wie damals beim Kampfe mit Aage, wie eine unsinnige Kraft, die ihm heiß und bebend durch alle Fibern ging. Er stand auf der Duchte und faßte nach dem Segel. Und die mageren sehnigen Jungenarme griffen in das wogende, schlagende, braune Gewühl und zwangen es zusammen und faßten die Leine und knoteten sie fest. Und dann erst blickte er mit großen wilden Augen in das grüne, sprühende Gewoge.
Da war es -- da glänzte Peter Lassens Kopf auf der Welle. -- Jetzt tauchte er wieder herunter und verschwand hinter dem Wasserberg.
Und jetzt war er deutlich zu sehn, er ruderte gewaltig und prustete und spuckte, und mit der rechten Hand zog er etwas Dunkles mit, das von Zeit zu Zeit unbeholfen im Wasser patschte. --
Lars konnte später selbst nicht sagen, wie er mit dem kleinen Jakob das Segel umgelegt hatte und zur Stelle zurückgekreuzt war. Aber auf einmal hatten sie die zwei an der Steuerbordseite, und Lars lehnte sich hart über Backbord, weil Peter Lassen so schwer am Bootrand zog und der kleine Jakob mit dem halben Leibe herüberhing, um ziehen zu helfen.
Als Peter Lassen im Boot stand und sich schüttelte wie ein nasser Hund, war das einzige Wort, das er fand: „He swimmt as Bli, jämmerliche Landratte, -- so was von swimmen!“
Aber Hans hockte triefend auf der Duchte und sagte gar nichts und sah aus, als wüßte er noch nicht recht, wer er sei.
Eine Stunde später lag er in Großvaters Bett. Tief drin in der Wand, wie ein Strandschwalbennest im Loch, war das Bett hinter bemalten Schiebetüren. Und zwischen Federbetten ragte nur noch seine Nase heraus, und selbst die Nase sah beschämt aus. Derweilen hing sein Anzug in der Küche vor einem gewaltigen Feuer.
Als er aber abends in seinem knitterigen feuchten Zeuge neben Jakob auf dem Schiff stand, das nach der Stadt fuhr, glich er gar nicht mehr dem großartigen Hans Todtsen von heute morgen, und Jakob sah neben ihm aus, als sei er gewachsen. Aber Peter Lassen stand am Strande, haute sich auf die Knie und lachte.
Kapitel VII
Lars sollte erst mit dem Frühschiff nach der Stadt, so kam er noch gerade zur Schule zurecht. Der Onkel hatte es diesmal so gewünscht. Der Vollmond stand schon am Himmel, als er über die Koppeln nach Onkels Hause schlenderte. Die grünschimmerige nordische Dämmerung und das milde Mondgespinst aus gelblichem Geflimmer hatten alle Dinge verzaubert. Lars sah sich um, blieb stehn und sah sich wieder um, und ein Verwundern war in seinen Augen. Er kannte jeden Busch und jeden Stein, und doch war heute so etwas Sonderbares ringsum. Es sah ihn alles an so groß und feierlich und so in seltsam tiefe Zauberfarben getaucht. Es wallte etwas in ihm auf, er wußte nicht, war es Lust oder Leid, ein wonnig heißes Empfinden, die Liebe zu dieser stillen, großen, geheimnisvoll-farbenglühenden Heimatwelt. -- Er warf sich in den saftig-feuchten Klee und wälzte sich da wie ein Tier vor schierem drängenden Behagen. Dann sprang er auf, sah bedenklich auf den zerquetschten Klee und lief den ganzen Weg bis zu Onkel Gusts Haus; denn es war spät, und er sollte eigentlich zum Abendbrot da sein.
Wie er sich scheu durch die Hintertür ins Haus drückte, zogen ihm zugleich mit den herrlichen Wohlgerüchen zornig laute Töne aus der Küche entgegen. Die Tante beklagte sich bei der Mamsell, daß das gute Abendbrot verdarb, denn Onkel Gust hatte die Zeit wieder am Stammtisch verpaßt.
Da schlug Lars die Mütze eilig über den Haken und setzte sich in die Wohnstube, mit einem Gesicht, als säße er schon eine halbe Stunde auf dem nämlichen Stuhl. Es dauerte auch nur kurz, da klang die Haustür mit schrillem Geläut und laut redende Stimmen kamen die Treppe herauf. Das Essen wurde auf den Tisch gestellt, und Miete half diensteifrig beim Rücken und Richten; Lars aber fand, daß Tante Jettes Zorn gerechtfertigt war, denn die Wohlgerüche hatten nicht getrogen. Sie saßen um den runden Tisch unter der traulichen Hängelampe, und das dänische Gespräch floß leicht und fröhlich. Onkel Gust hatte einen fremden Herrn mitgebracht, der gewandt und höflich sprach und eine echt dänische Ausdrucksweise hatte.
Die Teller wurden abgeräumt, und die Herren steckten ihre Zigarren an, und Lars wunderte sich, wie schnell und treffend Tante Jettes Bemerkungen über ihre feine Häkelei weg nach dem Tisch zu klangen, nun sich die Rede zur Politik gewandt hatte.
Der fremde Herr kehrte sich oft zu dem stillen Jungen mit den großen achtsamen Augen. Und mit der Zeit fühlte sich Lars geschmeichelt über des fremden Herrn Freundlichkeit. Allmählich aber dämmerte in ihm eine Ahnung davon auf, wer dieser Mann mit der gewandten höflichen Redeweise war.
Vor bald einem Jahr war es einmal geschehn, daß Peter Lassen eine Zeitung mitgebracht hatte, die sein Vater hielt. Sie lag auf dem Tisch, an dem Großvater saß, und seine Augen fielen darauf. Er rückte langsam herum, setzte seine Brille auf und fuhr mit dem Finger die Zeilen entlang. Und während er las, zogen sich die buschigen, grauen Brauen immer tiefer zusammen, daß sich die beiden Jungen schweigend an die Wand drückten und Mutters Hände mit der Arbeit in den Schoß sanken. Da kam es. -- Der alte Mann schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es dumpf aufdröhnte. Und dumpf wie ein Gewittergrollen und unbeholfen und stoßweise kamen die Worte: „Unser Lied, unser Lied, was wir gesungen haben in Lust, wie wenn der Morgen kam, -- und in Not und Tod, -- daß es uns war, rein wie ein Gebet, -- das machen uns die Halunken von Agitatoren schlecht und nennen es ein Aufrührerlied! -- Schämen sollte sich dein Vater, Peter, daß er so ein Schandblatt hält -- das sollst du ihm man gern sagen, Junge. -- Wir stammen nur drüben von der andern Seite der Bucht, aber wir haben das im Herzen und wissen, wie tief die deutsche Art im Volk sitzt, daß sie selbst das Blut nicht herauswäscht und all’ die elende Quälerei sie nicht herauskriegt, ebenso wenig wie die fetten Lockköder. -- Nur ihr hier von der Grenze, euch hat man hin- und hergeworfen, und die Fürsten haben mit euch gespielt, wie Kinder mit einem Ball, -- da ist euer echtes Herz dabei flöten gegangen, daß ihr nichts mehr deutlich und stark fühlen könnt und mit jedem lauft, der euch winkt. Schade ist’s um euch und das schöne Stückchen Land, jammerschade, -- und das kannst du gern deinem Vater sagen, min Jung’, das kannst du gern sagen.“ -- Dann hatte der Alte mit seinem feierlichen Gesicht das Blatt durchgerissen und war auf seinen Pantoffeln zum Ofen hingeschurrt und hatte es da hinein gestoßen, und dann hatte er langsam sein Harmonium aufgeschlossen, und schwer und mächtig hatte er die Akkorde angeschlagen, und es hatte nicht lange gedauert, da hatten sie alle mit eingestimmt, sogar die Mutter, in das Lied, -- sein Lied, -- ihr Lied --, und es war ihnen allen ein Druck in den Hals gekommen, der ihnen feucht in die Augen steigen wollte. Und ein Nachklingen von den großen, schweren Akkorden war Lars immer irgendwo im Winkel des Herzens geblieben.
Und jetzt, unter der traulichen Hängelampe bei dem leicht und gefällig hinfließenden Gespräch war es Lars irgendwie zum Bewußtsein gekommen, daß der höfliche Mann und das Blatt, das in Großvaters Ofen brannte, zusammen gehörten. Und das Lied klang lauter durch seine Seele, und die Antworten des Jungen wurden immer einsilbiger, bis Tante Jette ihn ansah und Onkel Gust mit mißbilligendem Lachen sagte: „Geh’ man lieber zu Bett, du dummer Bengel. Deine Zunge ist ja wohl rein schon eingeschlafen.“
Da stand er auf und sagte Gute Nacht. Aber Mietes Kinn war ordentlich spitz geworden vor Stolz, daß sie noch mit den Großen aufbleiben durfte. --
Kapitel VIII
Ein Schultag hatte sich an den andern gereiht mit Verbum und Fallgesetzen, Extemporalien und Spektralanalysen. Herz und Muskel erstarkten in prächtigen Schlägereien und der Sinn, der nach Innen lauscht, in träumenden Wanderungen über schlickigen Ufersand.
Und Sonntag war dem Sonntag nachgerollt, keiner konnte sagen wohin. Stille Viertelstunden neben der blonden Miete waren verronnen und immer dringender werdende Gespräche mit Onkel Gust und seinem Freunde aus der Stadt.
Und stille Sonntage mit ernstem, breitem Tönen aus dem alten Harmonium und ernster, stockender Weisheit von Großvaters Lippen und dem alten, klatschenden Getön der jauchzenden, schluchzenden, lockenden, zürnenden Wellen.
Aus den schreienden, lachenden kleinen Quintanern waren langbeinige eifrige Quartaner und endlich große ernste Tertianer geworden, die in den Konfirmandenunterricht gingen.
Für Peter Lassen hatte sich das Leben verändert. Der große, starke Mensch hatte alles das, was das Vaterland ihm an Bildung mitzugeben gedachte, empfangen, und die Zeit der Arbeit schlug. Fischer Lassen fischte seit Jahren mit in des alten Klaas Klaaßens Boot. Für einen Dritten war weder Boot noch Fischgefährte da. So senkte denn Peter den Kopf, daß ihm keiner in die wachen Blauaugen sehen konnte, und ging aufs trockne Land als Ziegeleiarbeiter.
* * *
Es war Ostermontag.
Die drei Freunde waren Palmarum eingesegnet worden. Sie gingen auf den gelben Kieswegen auf und ab, und der Frühlingswind wischte ihnen das Haar aus der Stirn. Es lag eine Feierlichkeit in den Falten ihrer schwarzen Anzüge, und eine Feierlichkeit saß auf den jungen Stirnen. Aber sie sprachen nicht viel über das, was tief im Herzen vor sich ging, diese nordischen Jungen. Sie gingen eine Weile still nebeneinander durch Onkel Gusts Garten in der weichen, warmen Frühlingssonne.
Jakob Lind blieb manchmal stehn und sah auf das Krokusbeet nieder. Die langen, feinen Blätter lüfteten sich von den Knospen und ließen vereinzelt die Sonnenstrahlen einen Blick in das farbentiefe Blüteninnere tun.
Jetzt blieb auch Hans stehn und schnitt mit dem Taschenmesser einen Kerb in die junge Buche. -- „Weißt du, ich habe jetzt mit meinem Alten gesprochen, Lars, und er erlaubt es.“
„Was denn?“ fragte Lars wie aus der Ferne.
„Na, daß ich nach dem Reifezeugnis auf das Polytechnikum darf. Was soll unsereins denn mit dem ganzen gelehrten Kram. Vorwärts mit der Zeit und ihren Entdeckungen, den greifbaren, praktischen!“ Er schnitt einen großen Kerb in die Buche und sah sich dann triumphierend um. -- „Und du Lars, hast du schon gesprochen?“
„Nein,“ sagte Lars und machte mit dem Fuß Zeichen in den Kies.
„Was will er denn sprechen?“ fragte Jakob.
„Na, doch natürlich, daß er auch aufs Polytechnikum möchte und Schiffe bauen. Aber du, alter Jakob du, hast noch mächtig dicht gehalten mit dem, was du werden willst, oder weißt du’s noch nicht?“
„Doch, und Lars weiß auch.“ Jakob sah fest vor sich hin.
„Na?“ fragte Hans.
„Theologie will er studieren,“ Lars scharrte noch im Sande. „Soo“ -- sagte Hans. -- Dann waren sie still und nahmen ihre Wanderung wieder auf.
Oben am Fenster erschien von Zeit zu Zeit die Rückseite von Aages rotem Kopf und gegenüber, mehr im Dämmern der Stube, das weiße Spitzenhäubchen von Tante Jette. Es wippte auf und nieder, und sie schienen eifrig zu reden. Tante Jette wollte ihnen allen einen Osterschmaus machen. Sie hatte es mit einer so großartigen Würde ausgesprochen, wie keine Königin zu ihrem Feste lud.
Jetzt klirrte das Fenster. Onkel Gust sah in den Garten: „Lars,“ rief er, „Lars!“ Der lange steife Junge machte ein paar große Sätze ins Haus hinein, und seine langen Beine nahmen immer gleich drei von den steilen Treppenstufen. Aber oben blieb er einen Augenblick auf der dunklen Treppe stehen, eh’ er die Klinke aufdrückte. Es hatte ihn auf einmal etwas überkommen, das ihn umwehte, wie ein großer Ernst.
In der vorderen Stube ging Onkel Gust auf und nieder. Er war allein. Durch die offene Tür konnte man Tante Jette und Aage am Fenster sitzen sehn. Lars war bei der Tür stehen geblieben.
„Setz dich, mein Jung’, setz dich,“ sagte Onkel Gust. Da setzte er sich auf den Stuhl bei der Tür. Und Onkel Gust ging auf und ab, die Hände in den Hosentaschen. -- Man hörte, daß sich Tante Jette nebenan räusperte.
„Ja, also mein Jung’, wir sind ja sehr zufrieden mit dir, und deine Lehrer auch, besonders mit deinen Aufsätzen. Im Sprechen bist du ja langsam, aber das Schreiben ist gut -- auch das andere --, aber besonders das Schreiben, Herr Tiensen hat es auch gesagt.“
„Herr Tiensen?“ fragte Lars aus seiner Ecke. Herr Tiensen war der höfliche Herr vom dänischen Blatt.
Lars hatte keine Ahnung, wo der Onkel hinwollte. „Ja, mein Junge, -- Herr Tiensen, gerade Herr Tiensen.“ Er war vor Lars stehen geblieben. Jetzt spielte er mit der schweren, goldenen Uhrkette. „Und was ich noch sagen wollte, -- wir möchten uns doch alle nützlich machen, wo wir können, und der guten Sache dienen. Ich tue das ja auch, so weit es in meinen Kräften steht, das weiß auch jeder.“ Es schimmerte ordentlich feucht in Herrn Asmussens Augen, und die Stimme kam tief und überzeugungsvoll aus seinem Fett herauf. „Und ich habe +schwer+ darunter gelitten, daß ich keinen Sohn hatte, den ich in den Dienst der guten Sache stellen konnte. Und nun Herr Tiensen es bestätigt, daß du begabt bist und einen guten Stil schreibst, ist es mir wie eine Gabe des Himmels.“ Herrn Asmussens Augen ruhten in feuchter Rührung auf dem Neffen. Aber der Neffe saß stumm und stocksteif im dunklen Winkel. „Ich möchte, daß du von jetzt ab noch ganz besonders Gewicht darauf legst in deinem Studium, -- besonders auf den Aufsatz, auf den Stil.“ --
„Aber so sag es ihm doch endlich,“ klang es scharf aus der Nebenstube.
„Ja, mein Jung’, denke dir, welch’ ein Glück für dich: Herr Tiensen hält eine Stelle in der Redaktion seines Blattes für dich offen. Herr Tiensen ist sehr mit Arbeit überlastet. Du weißt ja, mit der Agitation und seiner Arbeit im Reichstag und was sonst, und er hofft nach allem, was er gehört hat, daß du dich rasch heraufarbeiten wirst und bald eine der oberen Stellen einnehmen und ihm in seiner großen, schönen Arbeit zur Hand gehn wirst.“
Jetzt richtete sich der Junge langsam auf. Nun stand er da in seiner ganzen Länge. Der Onkel trat rasch einen Schritt näher und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich weiß, ich weiß, mein Jung’, dein Großvater hat dir manches dumme Zeug in den Kopf gesteckt. Aber nun bist du groß und vernünftig geworden, und ich habe dir schon manche klugen Schriften über unsere geschichtliche Entwicklung zu lesen gegeben und dann über die wirtschaftlichen Vorteile und schließlich, du bist jetzt alt genug, daß du eine ehrenvolle, sichere Versorgung nicht mehr von der Hand weisen wirst. Es soll ja auch nicht gleich sein. -- Du hast ja noch Zeit. Aber du sollst dich darauf vorbereiten, du sollst --“
„Nein, Onkel!“
Herr Asmussen trat einen Schritt zurück. „Was meinst du eigentlich?“
„Ich will nicht für die dänische Sache arbeiten. Ich bin deutsch.“
„Und alles, was wir für dich getan haben, und alle Hoffnungen, die wir auf dich gesetzt haben?“ -- Herrn Asmussens Stimme schlug um. --
Da stand Frau Henriette Asmussen wie hingezaubert. Und ihre stahlharten hellen Augen sprühten. „Damit du’s immer weißt, -- dein Onkel macht wieder so viele unnütze Worte. -- Wir haben dich an Sohnesstatt erzogen, damit du der guten Sache dienst, und wir werden auch weiter an dir handeln, wie an unserm leiblichen Sohn, wenn du zu uns stehst. Wir bieten dir einen schönen, reichen Beruf. Da kannst du dich heraufarbeiten, ein Führer von vielen und ein reicher Mann werden. -- Wenn du aber bei deinem Undank bleibst, und wir haben alle Wohltaten an dich verschwendet, dann ist da die Tür!“ -- Sie stand da, groß und mit den kalten, glitzerigen Augen. Herr Asmussen saß am Tisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt.
Und alle die großartigen Worte und die großartige Art hatten etwas so Sonderbares zwischen dem Nippschrank und dem guten Plüschsofa und den biederen Gesichtern der alten Asmussen in den schwarzen runden Rahmen. Und die enge, muffige Stube und die großartigen Worte und der unbarmherzige Zwang, der überall herauslugte wie ein böses, langarmiges Tier, krochen an Lars heran wie eine große Bangigkeit. Es hatte alles vom ersten Tage an auf ihm gelastet, und je älter er wurde, je klarer hatte er es gefühlt, aber es hatte unter der Gewohnheit versteckt gelegen, und er hatte so dahingelebt in seiner Traumwelt, ohne sich davon Rechenschaft zu geben. Jetzt hatte er nur ein Bewußtsein zorniger Verhärtung. Man hatte ihm die Wohltaten vorgehalten wie einem Bettler. Aber aus dem Zorn wuchs ein klarer Gedanke herauf, wie wenn ein Sonnenstrahl in eine dunkle Stube fällt: „Jetzt bin ich frei.“
Beide, Onkel Gust und Tante Jette, sahen noch ganz verblüfft auf die Stelle, wo Lars eben gestanden hatte, und dann auf die geschlossene Tür.
„Das hast du nun wieder mit deiner bissigen Art. Es ist doch schließlich auch der Sohn von meinem einzigen Bruder.“ Onkel Gust war noch immer in der gerührten Stimmung. Tante Jette aber sah noch hart auf die geschlossene Tür. „Undankbares Krott,“ sagte sie.
* * *
Die Krokus waren lange verblüht. An den Buchen waren die kleinen, feinen Blättchen herausgekommen und schimmerten silberig in ihrem schleierhaft zarten Duftegrün. Und die Fischer dachten an den Aalfang. --