Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1908 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate sowie regional gefärbte Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende des jeweiligen Kapitels verschoben. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin
Vom gleichen Verfasser ist erschienen:
Hahn Berta
Drittes Tausend Eine Erzählung Drittes Tausend
205 Seiten. Duodez. Kart. 2 M., geb. 3 M.
Das ist ein ganz vortreffliches Buch, eins jener wenigen, die man wiederholt mit Genuß liest, deren ganze Schönheit sich sogar nur dem erschließt, der sich mehr als einmal in sie vertieft. Neben dem von der stillen, verschüchterten Mutter ererbten redlichen Sinn ist in Berta Hahn, der Tochter des Häuslers Hahn, eine wild gärende Kraft, die sich unter allen Umständen auf eigenen Bahnen durchzusetzen trachtet. Von dem Reichtum an innerem Erleben, das in diesem Buche geschildert wird, kann ich nicht einmal eine Andeutung geben. Der Dichter geht den Seelenregungen der von ihm mit großer Kunst charakterisierten Menschen liebevoll nach und hat in den Gestalten der Hahn Berta und ihres Vaters Vortreffliches geleistet. Von großer Schönheit sind die Naturschilderungen. Sie sind niemals um ihrer selbst willen da, sondern aufs innigste mit der Handlung verwoben. Die Schilderungen des Waldbrandes und der Wanderung Bertas durch den toten Wald sind bedeutend. Das Buch verdient die Beachtung aller Leser, die von einer Erzählung mehr als Unterhaltung verlangen.
Leipziger Neueste Nachrichten vom 24. 8. 1907.
Wenn ein Buch Berechtigung hat, von jedermann -- hoch oder niedrig -- gelesen und beachtet zu werden wegen der Allgemeingültigkeit seines Inhalts, der genialen Befähigung der Menschenprägung und der Folgerichtigkeit ihres Entwicklungsganges, sowie wegen seiner eigenartigen, herben, an Hebbel erinnernden klassischen Sprache, so ist es dieses Werk. Es müßte ein Besitz aller Volksbibliotheken werden. Gerade nach diesem Buche müßten alle diejenigen greifen, die heute der deutschen Nation das Beste bieten wollen: das auf Verstand, Gemüt und Nachdenken Wirkende, und die in Taten umgesetzte Religion.
Tägliche Rundschau vom 30. 4. 1908.
Grote’sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
Vierundneunzigster Band
F. Hugin, Durch den Nebel
Durch den Nebel
Roman
von
F. Hugin
Berlin
1908
G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Titel- und Einbandzeichnung von Heinrich Vogeler-Worpswede. Druck von Oscar :::: Brandstetter in Leipzig ::::
Inhalt
Seite
Einleitung 1
Kapitel I 2
Kapitel II 12
Kapitel III 18
Kapitel IV 25
Kapitel V 30
Kapitel VI 39
Kapitel VII 51
Kapitel VIII 56
Kapitel IX 68
Kapitel X 78
Kapitel XI 86
Kapitel XII 97
Kapitel XIII 104
Kapitel XIV 112
Kapitel XV 123
Kapitel XVI 135
Kapitel XVII 144
Kapitel XVIII 155
Kapitel XIX 164
Kapitel XX 177
Kapitel XXI 187
Kapitel XXII 194
Kapitel XXIII 201
Kapitel XXIV 213
Kapitel XXV 219
Kapitel XXVI 225
Kapitel XXVII 237
Kapitel XXVIII 245
Kapitel XXIX 256
Kapitel XXX 266
Kapitel XXXI 273
Kapitel XXXII 276
Durch den Nebel
Die See ist es. Die See mit ihrem grauen Nebel und ihrem starken Wind. Der Wind langt herüber und knickt alles, was klein und schwach ist, und wirft es fort, daß die Wälder dastehn in großen, geschlossenen Massen, unbeugsam, feierlich. Und die schlichten, ruhevollen Formen der Koppeln umschließen die wogenden Weiten. Dazwischen singt die See ihr Lied, die alte, graue Mutter; und selbst wenn es in kleinen sonnigen Wellen auflacht, es hat immer etwas Geheimnisvolles, daß der Mensch vor ihr steht, ehrfürchtig, fast feierlich.
So bildet die See auch ihn. Sie läßt ihm nichts Kleinliches, und die bewegliche Lustigkeit gewöhnt sie ihm ab. Die große Ruhe um ihn her macht ihn still, und er lernt bald, schweigend hineinsehen in das große Nebelwogen und warten auf ein Kommendes, auf das große Geheimnisvolle. Und über dem Stillesitzen und Warten wird er oft grau und alt und hat darüber die Zeit der Tat verpaßt.
Dann lachen seiner die klirrenden Stürme; denn die See ist unbarmherzig und liebt nur das Große, -- auch die große Tat.
Kapitel I
Er hatte so sonderbare Augen. Die Farbe hatten sie von der See. Und er sah sie auch fast immer an, die wogende, atmende, in ihrer Unruhe ewig ruhende See -- wenn er im Riedgras lag. Und er lag dort oft. Mit den andern Kindern auf dem Hof hatte er wenig gemeinsam. Er spielte lieber mit der See. Er lief mit bloßen stämmigen Beinen hinein, und wenn die großen grünen Wellen gelaufen kamen, riß er aus.
Oder er watete von fern hinter den Krabbenfängern her, wenn es silbern von ihrem Netze traufte und sich die Ufer tief im Wasser spiegelten.
Oder wenn die See ihr Lied sang und in eintönig platschendem Jubelton auf die Steine schlug, dann saß er auf den Steinen und sang auch, -- sang ein Lied nach dem andern.
Aber wenn die Sonnenstrahlen heiß zwischen dem storren, blauen Strandgras lagen, war er dort. Und er sah in die See hinein mit seinen großen, ernsten Augen. Die Ostluft streichelte ihm die Backen warm und salzkräftig. So still saß er, daß die Möven seiner nicht mehr achteten. Sie schimmerten in der Luft wie weiße Blitze, und wenn sie ins Wasser tauchten, gab es einen silbernen Ring. Ihr Schrei klang wild und frei und unbarmherzig wie das Meerlied. Dann sah er sich nachdenklich nach ihnen um, wenn sie so jäh aufschrien, und dann lachte er leise.
„Lars! Lars!“ rief die Mutter, aber er rührte sich gar nicht. -- Sie wußte aber lange, wo er zu finden war. Sie wurde auch nicht zornig, wenn sie rufend fast über ihn stolperte im langen Riedgras. Sie zog ihn nur in die Höhe und hielt ihn fest am Handgelenk, wenn sie wieder nach dem Hof hinauf ging.
Der Hof hatte ein überhängendes Strohdach und weiße niedere Wände. Mitten zwischen den Gebäuden stand ein Brunnen. Dort plätscherte und klatschte und murmelte ein Wasserstrahl, besonders des Nachts hatte er viel zu sagen. Wenn Lars nicht am Strande war, unterhielt er sich mit dem Wasserstrahl.
Lars’ Vater stand mit der Pfeife im Mund an der Haustür. Dort stand er fast so oft, wie Lars am Strande saß. Und wenn Mutter ihn rief, lachte er freundlich, aber er kam auch nicht.
Christian Asmussen war überhaupt ein freundlicher Mann. Die Leute mochten ihn fast alle gern. Sie fanden auch, daß er ein hübscher Mann wäre mit seinen freundlichen blauen Augen. Nur ein wenig dick und ein wenig rot und gedunsen war er geworden. Aber wovon das kam, wollten sie nicht so gern sagen; denn sie hatten ihn eben alle gern. Auch die kleinen Leute mochten ihn wohl leiden, denn er vertrat oft ihre Sache, und für den Armen saß ihm das Geld lose in der Hand. Darum sahen sie auch an dem großen Loch im Strohdach vorbei, das sie nun schon fünf Jahre kannten. Und daß jedes Jahr ein paar Kühe weniger auf der Koppel gingen, wollte man nicht recht bemerken. Man lachte nur, wenn Frau Asmussens ernstes Gesicht mit den ängstlichen Augen abends im Kruge bei Triensen erschien. Sie schob sich dann langsam bis hinten nach dem Stammtisch vor, wo ihr Mann saß, und tippte ihm auf die Schulter.
„Crischan“, sagte sie, „Crischan.“
„Gleich, gleich“, machte er dann. Aber manchmal kam er auch mit, und manchmal schwankte er ein wenig.
Dann lachten die andern noch mehr und sahen der Frau nach und sagten: „Die Stackel!“[1]
Aber was sie auch sagten, Frau Asmussens Gesicht veränderte sich nicht. Es lag etwas darüber, als wäre es in einem großen Schweigen stehn geblieben und könne sich nie mehr regen in aufzuckendem Zorn oder lachendem Scherze. Und in dem Schweigen hatten sich tiefe Linien hineingegraben um den festgeschlossenen Mund und die angstvollen Augen. Sie sah viel älter aus als der freundliche Herr Asmussen.
* * *
„Ja“, sagte Herr Asmussen, „wenn wir also Geld hätten, dort könnten die Schuppen wohl stehn; meinst du nicht auch, Stina?“ Und er machte eine großartig deutende Bewegung nach der Koppel links vom Hof.
„Ja, Crischan, aber wir haben doch nun keins.“
„Ach was! Zwei müßten es sein, oder meinst du, eine wäre genug?“
„Aber Crischan!“
„Ach was! Es ist mächtig viel gewachsen dies Jahr; wenn es so weitergeht, wird es ein gutes Jahr, ein richtig gutes Jahr, ich glaube, wir brauchen zwei. -- Ich meine ja nur Schuppen, billige Holzschuppen, keine richtigen Scheunen.“ --
„Crischan, du +weißt+ es aber doch.“ --
„Ach was, na, ich werde mal nachsehen, wieviel noch da ist.“
„Das tu, du hast lange nicht gerechnet.“
Mutter Asmussen saß im Schatten der Kastanie mit ihrem Strickzeug. Es war spät nachmittag. Sie hatte Lars beredet, daß er einmal bei ihr blieb. Es hatte noch mancherlei mitgeholfen beim Bereden: die großen, gelben Sonnenlichter, die zwischen den Kastanienblättern breit aufs bläuliche Gras fielen, die große, weiße Pfingstrose und die Libellen, die ihm mit surrendem Wehen fast die Nase streiften. Er lag im Gras auf dem Rücken und konnte ein kleines Stücklein Blau zwischen den breiten dunklen Blättern sehn, und ein weißes Blütenlicht ragte hoch und steil in das Blau hinein.
Der Mai war gerade zu Ende. Und es war die Zeit, da sich in dem nordischen Lande die Erde fertig besonnen hat und nun mit Macht herausbricht in unaufhaltsamer Frühlingswonne. Sie ist lange spröde und zurückhaltend gewesen, nun ist sie über sich selbst errötet in lastenden Blüten. Kein Busch und kein Wiesenfleck, wo nicht der wallende Jubel heraufdrängt in üppigen, lachenden Farben, und noch weit hinaus zwischen dunklem Ackerland ziehn sich die weißen Hecken wie Kränze um ein lachend junges Haupt.
Eine Zeit waren sie ganz still, Lars und seine Mutter, und man hörte das surrende Schwirren der Libellen; dann fing sie leise an, wie zu sich selbst zu sprechen.
Lars rührte sich nicht, aber er hörte auf jedes Wort.
Und sie erzählte ihm von den zweien, die nicht mehr da waren, dem stämmigen Bruder und der kleinen, blonden Schwester, und daß sie in den Himmel gegangen wären und dann Lars heruntergeschickt hätten zur Mutter. Und wie gut sie es hätten dort oben, sagte sie.
Und Lars sah durch das wundersam blaudämmrige Netzwerk der Kastanie hinauf zu dem Himmelsflecklein und sah eine große blaue Halle mit zahllos weißen Blütenlichtern geschmückt, und Leute mit goldenen Kleidern gingen dort und winkten zu ihm nieder.
Und Mutter redete weiter, wie Lars nun groß und stark werden würde, und wie gut er würde und klug, denn die Geschwister aus dem Himmel hätten ihn doch der Mutter geschickt.
Und Lars saß auf einem großen, goldenen Wagen, da drin war die Mutter, und Lars hatte vier Pferde vor sich. -- Peter Lassen hatte ihm in der Schule von Bauer Toms erzählt, der hätte einmal vier Pferde vor dem Wagen gehabt. -- Und neben Lars stand ein Sack mit Gold, und da griff er hinein und schenkte dem alten, lahmen Tumpe-Jens und Miete Juste, der alten Fischfrau, und dem kleinen kranken Steffen Maas.
„Und dann baust du schöne, große, neue Scheunen“, sagte Mutter.
Und er dachte, wie Maurer Pertersen den nassen Lehm auf die Steine schmierte, und wie fein die Balken dadrin zusammengepaßt würden. Und dann hämmerte er und probierte und baute so groß und mächtig, und von dem, was Mutter sonst noch sagte, hörte Lars kein Wort, denn er war nun ganz bei der Arbeit.
Und mitten in das Sommergeschimmer und das Schwirren und Summen und das eintönige Reden fiel es wie ein Stein ins Wasser: „Justina“, rief der Vater.
Da ging Mutter in das Haus. -- Aber noch ganz in Träumen mit dunklen Augen, die nach innen sahen, stand der kleine Lars auf und ging an den Tisch, wo Mutters Arbeitszeug lag. Und die Stricknadeln bohrte er in den Tisch und zog die Näharbeit aus der Arbeitstasche und machte das Dach damit. Und mit der Strickerei und der Leinwand machte er die Wände und nähte alles schön fest aneinander und um die Stricknadeln herum, so daß es eine feine Scheune geworden war, als Mutter zum Abendbrot rief. Aber er erzählte weiter nicht davon, denn Vater sah mißmutig aus beim Essen und sprach nicht mit ihm. Mutter aber schwieg auch. Und es war so etwas wie eine Beklommenheit in der Stube.
Sie hatten Lars voriges Jahr zu Ostern in die Schule gegeben. Er war noch kaum schulpflichtig, aber Vater hatte es gewollt, weil der Junge doch so klug war. Er meinte, er werde Ehre einlegen. Aber es war erst gar nicht recht gegangen in der Schule. Es gefiel Lars dort nicht, und so blieb er fort. -- Er ging wohl von Hause weg mit dem großen Schulranzen, wenn es Zeit war, aber weiter wußte dann bis Mittag keiner etwas von ihm, am wenigsten der Lehrer. Aber Herr Asmussen hatte nur dazu gelacht. Und seitdem die zwei kleinen Gräber auf dem Kirchhof waren, hatte Mutter das Schelten ganz verlernt.
Als aber eine Mahnung kam von der Polizei wegen Schulversäumnis, da hatte sich Vater geräuspert, den Bart glatt gestrichen und Lars gerufen. Und Lars hatte sehr große, ernste Augen gemacht, als er hörte, daß die Polizei ihm einen Brief geschrieben hatte.
Aber in diesem goldenen Sommer saß es sich besonders schlecht in der dumpfen Schulstube. Da draußen war alles von Gold. Von den Sonnenstrahlen triefte es, und auf den weiten Koppeln stand es aufrecht und rauschte, und abends, wenn die Sonne sank, lag es breit auf der flimmernden See, und die Möven trugen es zwischen den Flügeln bis hinauf zu den goldenen Toren, wo die Sonne in goldgrünen Weiten ertrank.
Und Lars stand am Waldrand und hörte es dort drin aus den kleinen Vogelstimmen rinnen, wie goldene Tropfen, bis die Vögel in schlummernder Dämmerung zur Ruhe gingen oder verstummten in der satten Sommerwärme.
Herr Asmussen hatte zur Erntezeit ein paar Arbeiter mehr gemietet, um die goldenen Schätze sicher zu bergen. Und es war gut, denn gegen Ende der Erntezeit schlug das Wetter um.
Aber als das eintönige Klatschen der großen Tropfen Tag aus Tag ein auf der Steinstufe vor dem Hause erklang, da war der größte Teil der Ernte geborgen. Was nicht in die enge, alte Scheune ging, das stand in Diemen auf der Koppel. Und Herr Asmussen stand mit der Pfeife im Mundwinkel unter der Haustür und lächelte in das rinnende, fließende, platschende Grau.
Aber als er noch ein paar Tage so hinausgesehn hatte, wollten die Augen nicht mehr mit den Lippen lächeln. Und als nach einer Woche noch immer der klatschende Ton auf der Stufe klang, spuckte er manchmal rasch seitwärts hinaus und fluchte dazu. Und mit zornigen Stapfen stieg er zwischen den großen Wasserlachen hindurch nach dem Felde, wo die Diemen standen. Von den dunklen Diemen sickerte es sachte -- sachte, und täglich sahen sie trübseliger und finsterer aus, und Herr Asmussen ging rund herum und stocherte mit dem Stock darin, und schüttelte mit dem Kopf und murmelte halblaute Worte. Und dann ging er wieder zurück und stand in der Haustür und spuckte in den Regen. Aber als das graue Tuch noch Tag um Tag über dem Land gebreitet lag, fuhr er die Mutter oft im Zorne an: „Die Schuppen, die Schuppen, na siehst du es nun?“
Aber Mutter sah noch ängstlicher drein und sagte kein Wort.
[1] Die Arme.
Kapitel II
Es war nun kein Zweifel mehr, die goldenen Schätze des Sommers waren verloren gegangen. Das Korn in den Diemen war verfault.
Wenn Mutter jetzt des Abends im Wirtshaus Herrn Asmussen auf die Schulter tippte: „Crischan, Crischan,“ sagte er nicht einmal: „Gleich, gleich;“ er ruckte die Schulter zur Seite und sah in die Karten oder in seinen Grog. Und einer von den Stammgästen mußte ihn fast jeden Abend am Arm nach Hause führen.
Und es kam eine Nacht, in der horchte Mutter Stunde um Stunde auf den tiefen Schlag der Uhr draußen auf der Diele. Aber Herr Asmussen kam nicht.
Ticke-tack! sagte die Uhr, und Mutter hörte den harten Klang in der Kammer. Und es war ihr, als schreite die Zeit mit harten Füßen über sie hin, weiter -- weiter, über Lust und Leid, weiter -- weiter. Und es war, als müßte sie halten und hemmen, aber es ging weiter, ticke-tack, mit harten Füßen weiter -- weiter. Da konnte sie es nicht mehr ertragen im Bett, zog sich hastig an und ging zu Lars hinein.
Lars warf sich im Bette hin und her, und endlich machte er langsam die Augen weit auf. Da stand wahrhaftig im Mondschein Mutter an seinem Bett, ganz still, und starrte und starrte Lars ins Gesicht. Und ganz schlaftrunken sah Lars wieder hinauf, ohne sich zu regen, noch halb im Traume, aber in großem Verwundern.
Und als sie sich so eine Weile angesehen hatten und draußen mit harten Tritten die Zeit weiterging, da kam ein Ton. -- -- Mutter fuhr zusammen und ging zur Tür hinaus, aber Lars war nun völlig wach und setzte sich im Bette auf. Da kam der Ton wieder -- ein lautes, dröhnendes Klopfen an der Haustür.
Und dann kam es herauf aus der dunklen, stillen Nacht, ein unheimlicher Klang um den andern. Es durchzog das stille Haus, und Lars saß zitternd in seinem Bett und lauschte. Erst war es wie das Scharren von vielen Füßen, gedämpft, als träten sie leise auf, und ein Flüstern und Raunen, wie von leisen Männerstimmen, und dann ein Rücken und Poltern und wieder das Raunen und Scharren.
So ging es eine Weile und wollte nicht verstummen. Lars hätte gerne geweint vor Angst, aber er wagte es nicht.
Dann klangen die Laute wieder auf der Diele, und dann schlug dumpf die Haustür, und nur die alte Uhr ging ticke-tack über der Menschen Lebenswege weiter.
Der Mond schien nicht mehr ins Zimmer. Die Dunkelheit lag über Lars wie eine erstickende Decke. Aber aus der schwarzen Tiefe kam noch ein Klang bis zum kleinen lauschenden Jungen. Es währte eine Weile, bis er ihn unterschied; dann wußte er endlich, was es war. Von nebenan aus der schrecklichen Nachtstille kam ein Schluchzen, ein herzbrechendes Weinen.
Er wußte selbst nicht, woher ihm der Mut gekommen war; aber auf einmal lief er draußen über die Diele, und seine kleinen bloßen Füße klatschten auf die Steinfließen.
Unter der Tür zum Schlafzimmer der Eltern lag ein heller, gelber Schein. Da schob er sich leise ins Zimmer. Vater lag auf seinem Bett, den Kopf ein wenig hintenüber, und er sah so sonderbar aus. Mutter aber kniete auf der Erde und schluchzte und schluchzte. Und auf einmal packte Lars das Grausen noch ärger als vorhin, und er hastete hinaus und in sein Bett. Die Decke zog er weit hinauf und lag noch lange mit weit offenen Augen zitternd da.
* * *
Es tat den Leuten allen leid. Und Herrn Asmussens Freunde kamen alle mit ihren Frauen. Und die Frauen setzten sich auf das gute Plüschsofa und hatten das Taschentuch in der Hand und sagten schöne, tröstliche und fromme Dinge. Aber Frau Asmussens Gesicht lag immer unter dem großen Schweigen. Sie sah zur Seite und sagte meist kein Wort. Da gingen sie wieder und fanden, daß man ihr die niedere Herkunft anmerke.
Auch von den kleinen Leuten kamen manche, die sahen ihr fest in die Augen und gaben ihr still die Hand. Und manche sagten ihr, daß ihnen Herr Asmussen da und da geholfen hätte, und daß sie ihn nicht vergessen würden.
Aber sie konnten es doch alle nicht ändern, daß die fremden Männer kamen und in Herrn Asmussens Büchern rechneten und durch das Haus gingen und auf die alten edelgeformten Spiegel und Stühle und auf die glänzenden neuen Möbel Zettel klebten. Und im Stall und der Scheune redeten sie breit und laut; und in der Küche saß die Magd am Tisch und weinte; und der junge Knecht ließ sich von dem alten noch einmal sagen, wie es zugegangen sei, daß der gute Hof so verschuldet wurde, und daß für den kleinen Lars, nun da seinen Vater im Rausch der Schlag gerührt habe, so gut wie gar nichts geblieben sei.
* * *
Es war an einem windigen Wintertage. Die öde, graue Kälte drängte und pfiff ums Haus und trachtete schon Besitz zu nehmen von den herrenlosen Räumen. Mutter hatte Lars bei der Hand genommen und war noch einmal in jedes Zimmer gegangen. Und es war als atmeten die alten Möbel und sprächen mit einer leisen singenden Stimme und als strömten sie eine Wärme aus trotz der frostigen Öde vor den Fenstern.
Dann hatte sie den Mägden und Knechten die Hand gegeben. -- Lars’ Hand war ganz naß, weil Trina so darauf geweint hatte. Und dann fuhr der Wind in Mutters kümmerliches, schwarzes Kleid und wippte den Crêpeschleier auf ihrem Hute auf und nieder. Aber Mutters stilles Gesicht zuckte nicht; es war nur noch schmaler und blasser. Sie hielt Lars ganz fest und ging zum Wagen. Da packte sie den Jungen warm ein, und dann setzte sie sich neben ihn. -- Kutscher Maaß schlug mit den Zügeln und schnalzte mit der Zunge, dann rasselten sie fort.
An der Ecke sah sich Lars noch einmal um. Er wußte ganz genau, daß es ein Abschied war fürs ganze Leben. Er sah das große Strohdach mit dem Loch und den Wasserstrahl vom Brunnen mitten im Hof, und es war, als ginge etwas entzwei in seiner kleinen Brust; aber er sagte kein einziges Wort, und Mutter hatte sich nicht einmal umgesehen.
Kapitel III
Zuerst war es wie ein würgender Schmerz abends, wenn er im Bett lag. Er drückte dann die Augen fest zu und versuchte zu fühlen, daß er in seiner Kammer war, daheim auf dem Hof. Er dachte an den tiefen Schlag der Uhr auf der Diele, und dann war es auf einmal Morgen, und er stand draußen unter der Kastanie, und Sommertag war es, blauer, golddurchwirkter Sommertag.
Und die See rauschte. Er lag im Strandgras, und die See rauschte.
Hier rauschte sie nicht so laut. Hier war sie fast überall begrenzt von hügeligen Ufern. Dafür lag aber Großvaters Haus hart am Strand.
Mit der Zeit kam das furchtbare Würgen und Hungern nach den weißen Mauern, nach dem plätschernden Wasserstrahl, nach dem warmen Kuhstallduft und den tausend andern Dingen seltener und seltener, und es lag über dem allen wie ein dunstig blauer Schleier, bis sie mehr und mehr verschwammen. Dafür aber nahmen die Dinge um ihn her an Saft und Farbe zu.
Sie saßen in einem kleinen Hause, aber sie saßen warm und gut, die beiden Heimatlosen.
Es war still um den kleinen Jungen, denn der alte Fischer Klaas Klaaßen war ein stiller Mann. Mutter Justina und ihr alter Vater waren aus einem Holz geschnitten, und sie hatten sich nicht viel zu sagen. Aber sie hatte sich nicht weiter besonnen und war mit ihrem Kinde zu ihm gekommen, als sie im Unglück saß.
Klaas Klaaßen hatte keine Worte gemacht. Er war vom Fischen zu Hause geblieben, obgleich er wußte, daß die Heringe in der Föhrde waren und das Wetter gut war, und hatte wie verzweifelt in der alten Truhe gesucht und im Schrank, wo Mutter-selig das Bettzeug aufhob. Und die guten Tassen hatte er auf den Tisch gestellt und sein Sonntagszeug angezogen.
Und so saß er schon lange auf dem Lehnstuhl, als sie ankamen.