Du Schwert an meiner Linken

Part 14

Chapter 143,830 wordsPublic domain

Ein allgemeines »Ah!« der Bewunderung ertönte im Kreis. Die junge Frau Adda von Ottersleben erschien am Arme ihres Mannes, blaß und weiß, im Myrtenkranz und Schleier und langer Schleppe, Brautjungfern um sie, Brautführer mit Buketts, kleine, trippelnde Mädchen, ein ganzer Hofstaat. In dem Getümmel des allgemeinen Aufbruchs zog Erich von Logow seine Frau zur Seite. Seine Stimme zitterte.

»Was heißt das, Ulla? Maxe hat zu uns kommen wollen?«

»Ja.«

»Und was hast du ihr geantwortet?«

»Es ginge nicht! Du hättest Dienst, und ich sei nicht wohl!«

»Und dann?«

»Sie hat's schon verstanden! Sie ist vom Telephon weg. Sie hat nichts weiter gesagt!«

»Und das hast du gewagt -- sie von uns fern zu halten -- einen Gast, der zu uns kommt ... meine eigene Schwägerin?«

»Als meine Schwester steht sie mir wohl noch näher!«

»Und trotzdem beleidigst du sie ...«

Um sie war niemand mehr. Die Wagen rollten draußen vor der Rampe. Man fing an, einzusteigen. Es war ein Hin- und Herlaufen und Rufen auf Gängen und Treppen. Ulla schaute aus ihren großen dunklen Augen um sich. Sich unbelauscht wissend, fuhr sie plötzlich leidenschaftlich auf.

»Sie soll nicht zu uns kommen! Ich will nicht!«

»Ulla!«

»Ich will nicht! Sie hat schon genug Unheil bei uns angestiftet! Ich wehr' mich gegen sie! Sie soll sich hüten!«

»Sei nicht so laut! Nimm dich doch wenigstens zusammen!«

»Ach -- mir ist's gleich! Mir ist überhaupt alles gleich. Aber die Maxe will ich nicht mehr sehen!...« Sie stampfte mit dem Fuß. Ein Aufflammen von Zorn, wie es ihr Mann noch nie an ihr erlebt und nie für möglich gehalten, veränderte ihr regelmäßiges, wie aus Marmor gemeißeltes Gesicht und ließ es in seiner jähen Vermenschlichung beinahe unheimlich schön erscheinen. »Ich hasse sie! Ich hasse die Maxe! Ich wollte, sie wäre tot und läge in Straßburg begraben und käme nie wieder!«

»Um Gottes willen ...«

»Ja, dir wäre das freilich nicht recht! Aber mir! Dann hätt' sie's!... Sie hat das letzte bißchen Glück aus unserm Haus mit sich genommen! Das bleibt sie mir schuldig! Das verzeih' ich ihr nie ...«

»Komm jetzt zu dir! Mach hier keine Szene!«

Die junge Frau wehrte sich gegen seinen Arm. Sie stieß ihm leidenschaftlich die Worte ins Gesicht: »Ein schöner Dank: ich nehm' sie auf, um Gottes Barmherzigkeit, nach Papas Tod, weil kein Mensch wußte, wohin mit dem Unglückswurm ... Ich lieg' krank und elend zu Bett, und die Zeit benutzt sie, um ... um ... ich spreche es nicht aus ... du verstehst mich schon ...«

»Nein! Ich versteh' dich nicht. Nie ist etwas vorgekommen, solang' sie da war, und seit beinahe einem halben Jahr hat sie unser Haus verlassen!«

Ulla von Logow lachte wild auf.

»Und du? ... Wo bist du denn seitdem? ... Bist du bei mir? ... Hab' ich dich? Nein! ... Glaubst du denn, ich sei taub? ... Glaubst du, ich sei blind, daß ich das nicht merke? ... Bist du nicht ganz verändert? Mit allen deinen Gedanken in Straßburg statt in Berlin? ... Nein -- laß mich ausreden! ... Ißt und trinkst du denn überhaupt noch? Schläfst du noch? ... Nichts! Wie ein Nachtwandler läufst du umher! ... Jeder schüttelt den Kopf. Deine Vorgesetzten. Deine Verwandten. Deine Freunde. Keiner weiß was! Nur ich, deine Frau! Ich kenne deine Krankheit. Vorhin hab' ich sie mit sehenden Augen erkannt. Verliebt bist du! Aber nicht, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte, in mich, deine Frau, sondern in deine Schwägerin! Und das bis über die Ohren!«

»Hör auf ... um Gottes willen ... Berufe das nicht ...«

»Nein. Ich rede ...«

»Still ... still ... Ulla ... du steckst ja unser Haus in Brand!«

»~Sie~ tut's ... die Maxe ...« Die Leidenschaft erstickte die Stimme der jungen Frau. »Und ich will Herr in meinem Hause bleiben! Sie kommt mir nicht über die Schwelle! Ich lasse sie dir nicht! Ich wehr' mich! Ihr beide sollt mich noch kennen lernen ...«

Sie brach atemlos ab. Ein Hustenanfall schüttelte sie und warf eine flüchtige Röte über ihre bleichen Wangen. Erich von Logow blickte sie entsetzt an. In die plötzliche Stille zwischen ihnen tönten rasch näherkommende Schritte. Onkel Emil, der Festordner, erschien. Seine Frackschöße flatterten in der Eile.

»Schönste Frau, Sie müssen Ihre Gardinenpredigt vertagen!« rief er lachend. »Es ist allerhöchste Zeit! Sie kommen sonst zu spät zur Trauung!« Und während Ulla schweigend sich zur Abfahrt fertig machte, stieß er draußen vor dem Haus den Hauptmann vertraulich in die Seite. »Ich gratuliere, Verehrtester!«

»Wieso?« sagte Erich von Logow geistesabwesend.

»Na -- wenn eine Frau ihrem Herrn und Gebieter noch ~die~ Augen bei einem kleinen ehelichen Zwist macht, dann -- verzeihen Sie einem alten Greis und Praktikus die Randbemerkung -- hat sie noch viel für ihn übrig! ... Zu viel! Besser als zu wenig, nicht wahr? ... Hä ... hä ... ich an Ihrer Stelle fühlte mich geschmeichelt durch so viel Verve! ... Bitte ... Kommen Sie, gnädige Frau!«

Er geleitete Ulla an den Wagen und verabschiedete sich. Das Ehepaar fuhr allein zur Kirche. Sie wechselten unterwegs kein Wort. Erich von Logow saß, ohne sich zu rühren. Ihm war, als ob er träumte. Es war eine Erkenntnis, ein Schrecken ... er sagte es sich und glaubte es selbst noch nicht: das Unerwartete ... das Unerhörte ist geschehen! Meine Frau ist auf einmal zum Leben erwacht! Sie fühlt und leidet wie andere Menschen. Ich bin ihr etwas! Die Eifersucht spricht aus ihr. Jetzt will sie besitzen, was sie verloren hat ... Jetzt, wo es zu spät ist, kommt bei ihr die Liebe ...

Sie traten eben noch vor Beginn der Trauung ein. Gerade vor ihnen war der Altar. Dort oben saß das Brautpaar, rechts und links von ihm im Halbkreis je drei Brautführer und -führerinnen. Und unter ihnen -- Erich von Logow zuckte zusammen -- da zur Rechten die vorderste -- das war seine Schwägerin Maxe ...

Sie hielt sich ruhig und aufrecht und hatte einen großen, weißen Rosenstrauß im Schoß. Lichtgrüner Seidenflor, unter dem ein weißes Unterkleid schimmerte, überrieselte sie in durchsichtigen, an das Plätschern eines Bergbachs erinnernden Wellen. In dem blonden Haar trug sie einen dicken Kranz von weißen Rosen. Sie sahen wie Seerosen aus. Sie gaben ihr etwas Nixenhaftes, Geheimnisvolles. Sie war weitaus die Schönste. Er verschlang sie mit den Augen. Er fühlte einen brennenden Neid gegen den neben ihr sitzenden, ihm unbekannten Brautführer, einen Herrn im Frack, ohne Orden, also jedenfalls von der anderen Seite, aus dem Lager der Bannersen.

Die Orgel spielte. Die kirchliche Handlung begann. Er faltete mechanisch die Hände. Er sah vor sich, oben auf den Stufen, Maxe von Otterslebens gesenktes Profil. Er mußte es sehen. Er konnte den Kopf nicht nach rechts oder links wenden und angesichts aller derer, die hinter ihm die Bänke erfüllten, unaufmerksam erscheinen. Er prägte sich andächtig dies Bild ein, das er seit einem halben Jahr und mehr im Traum geschaut: diese eigenwillig geschwungenen, kühnen Züge von der niederen Stirn bis zu dem etwas vorspringenden Kinn -- den herben Reiz der Linie, in der ihre schlanke Gestalt sich etwas nach vorne bog. Er trank es stumm mit seinen fiebernden dunklen Augen in sich ein. Seine Frau saß mit starrem Gesichtsausdruck neben ihm. Einmal entfiel ihr ihr Tuch. Er bückte sich und hob es auf. Sie dankte mechanisch. Dabei trafen sich ihre Blicke. Unheimlich, halb voll Angst, halb im Aufkeimen einer verzweifelten Feindschaft zwischen ihnen, im Kampfe um die dritte ... Der Pfarrer oben predigte mit wohltönender, starker Stimme vom Segen der Ehe. Von der Braut vor ihm sah man eigentlich nur Schleppe und Schleier. Jetzt erhob sie sich. Eine zarte Wolke von Weiß. Mit ihr ihr Mann. Es war feierliche Stille. Der Ringewechsel. Das laute und das leise Ja! Maxe von Ottersleben hatte eine rasche Bewegung nach vorne gemacht und ihrer Schwägerin Strauß und Spitzentaschentuch abgenommen. Sie stand dicht neben ihr. Nun sah Logow ihre ganze hohe, biegsame Erscheinung -- ein Widerschein von Blond und Grün auf weißem Grund. Verklärender, gedämpfter Lichtschein fiel von oben durch die gotischen Fensterwölbungen auf sie nieder -- märchenhaft stand sie vor seinen Augen -- ein Wunder -- ein Traumbild, das ihm nicht von dieser Welt schien -- streng, jungfräulich, unnahbar wie eine Göttin, ohne sich um die Versammlung unten zu kümmern, den Blick nur hilfsbereit auf der Braut, ein schwaches, schwesterliches Lächeln um die halboffenen Lippen. Die junge Frau von Ottersleben kniete mit ihrem Gatten nieder. Der Geistliche hob die Hände zum Segen ... Vorne in der ersten Reihe weinten die älteren Damen. Die Orgel setzte brausend ein. Die Trauung war zu Ende. Draußen in der Sonnenhelle des Herbsttages standen Hunderte von Menschen und waren enttäuscht, daß es sich nur um eine so kleine Hochzeit handelte. Denn es waren keine vierzig Gäste, die sich im Festsaal des Hotels wieder zur Tafel zusammenfanden, und unter ihnen herrschte eine gedämpfte, mehr höfliche als fröhliche Stimmung. Das machte nicht nur die Halbtrauer, sondern auch die ungleichartige Zusammensetzung der Tischrunde. Die Bannersen und die Ottersleben mit ihrem Anhang verhielten sich zueinander wie Öl und Wasser. Sie vertrugen sich gegenseitig, aber sie mischten sich nicht.

Während Erich von Logow eine ihm unbekannte Bremenserin zur Tafel führte, glitt sein Auge hastig über den Tisch, an dem sie entlang gingen. Er hatte eine zähe Hoffnung, der Zufall würde Maxe in seine Nähe bringen. Nein! Da saß sie bereits. Sie zog sich eben die langen Handschuhe aus und plauderte, ohne ihn zu sehen. Er kam dicht an ihr vorbei. In ihm war eine Verzweiflung: Ich muß sie sprechen! Dann die Stimme der Vernunft: Was willst du ihr denn sagen? Das, was du auf dem Herzen hast, doch nicht! Und trotzdem -- die quälende Sehnsucht blieb. Vor ihm schritt, breit und groß, sein Oheim, der Oberst von Ottersleben, mit einer älteren Dame. Er konnte sich nicht halten. Er raunte ihm von hinten zu: »Du, Onkel -- wie lange bleibst du eigentlich in Berlin?«

Und der Straßburger Regimentskommandeur wandte den Kopf. »Nur bis morgen mittag!«

»Und deine Damen reisen mit dir?«

»Na, meine Frau auf alle Fälle! Ohne die kann ich alter Ehekrüppel mich nicht behelfen. Aber was unsere Vizetochter betrifft ...« Er blieb vor dem Stuhl des jungen Mädchens stehen. »Du, Mäxchen ... hast du Lust, noch ein bißchen in Berlin zu bleiben? Da ist gerade der Erich! Den kannst du um Freiquartier bitten!«

Maximiliane von Ottersleben drehte sich um und reichte unbefangen ihrem Schwager im Sitzen über die Stuhllehne die Hand. »Tag, Erich! ... Sieht man dich endlich einmal!« Und dann zu dem Oberst: »Nein, danke schon, Onkel! Ich hab' hier nichts verloren! Ich geh' wieder mit euch!«

Erich von Logow mußte weiter. Sein Herz zitterte. Er hatte ihre Stimme gehört, dies schöne, ruhige Mädchenantlitz gesehen, und auf ihm -- nur ihm bemerkbar, wie ihm schien -- eine plötzliche Blässe, die ihre heiteren Worte Lügen strafte. Er nahm Platz, ganz am anderen Ende der Tafel, weit von ihr entfernt. Sie schwatzte da drüben und lachte ein paarmal hellauf. Ihr Tischnachbar, der Mann mit dem Kaufmannsgesicht, mußte einen eigenen, trockenen und drolligen Humor besitzen. Sie unterhielt sich offenbar sehr gut mit ihm. Er war der einzige Sohn eines Bremer Millionärs. Seine Nachbarin verriet es ihm. Sie lächelte dabei verstohlen. Natürlich: ohne Grund setzte man solch schönes Mädchen nicht mit solch reichem, jungem Mann zusammen. Die Brautmütter hatten da schon ihre stillen Absichten und mischten die Karten. Brütende Eifersucht gegen diesen Unbekannten bemächtigte sich Logows. Dies schien ihm selber lächerlich. Er fing an, Angst vor sich selber zu empfinden und vor dem, was nachgerade aus ihm wurde. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Er trank rasch ein Glas Wein. Er bemühte sich, eine Unterhaltung mit seiner Tischdame anzuknüpfen. Sie war ganz lebhaft und empfänglich, aber das Gespräch schlief doch immer wieder ein, und die Hanseatin wandte sich schließlich resolut zu ihrem Nachbar zur Rechten. Auf Logows anderer Seite saß ein junger, stumm und unermüdlich kauender Kadett, um den er sich nicht zu kümmern brauchte. So konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen und blickte immer wieder flüchtig auf Maxes blondes Haupt mit den weißen Rosen dort drüben. Auf seiner eigenen Hochzeit hatte sie auch einen solchen Kranz auf dem Scheitel getragen. Der war rosafarben gewesen und ebenso ihr Kleid. Er erinnerte sich wohl. Das war nun Jahre her und Jahre. Und neben ihm, auf dem Ehrenplatz, hatte damals seine junge Frau gesessen. Zum erstenmal heute suchte sein Auge Ulla an der Tafel. Sie saß Maxe schräg gegenüber, gleichgültig und stumm. Ihr Tischherr gähnte eben verstohlen. Natürlich. Es war kein Vergnügen, dies Bild von Stein statt eines Wesens von Fleisch und Blut neben sich zu haben. Das wußte niemand besser als er selber, ihr Mann! Aber heute -- heute hatte sich etwas in ihr enthüllt -- ein Mensch hatte plötzlich aus ihr aufgeschrieen in seiner Not -- in Angst -- in Eifersucht auf die eigene Schwester ... Wieder verwirrten sich seine Gedanken und hefteten sich an Maxe. In einem Zittern: Morgen reiste sie ab. Und kehrte dann überhaupt nicht wieder. Diesmal hatte sie gezwungen kommen müssen. Aber er kannte sie zu gut. Freiwillig fand sie nicht mehr den Weg in eine Stadt, in der er war ...

Die Tafel war schon vorgerückt, die Trinksprüche zu Ende, die Stimmung belebter geworden. In der Heiterkeit und dem Gläserklingen um ihn her bemühte sich Logow noch einmal, zum letztenmal, einen Blick von Maxe zu erhaschen. Es war umsonst. Er bildete sich ein, daß ihr Auge absichtlich das seine mied. Und schon stand man auf, und seine Tischdame meinte mit einem Aufseufzen der Erleichterung: »Sie haben wohl schrecklich viel zu tun, Herr Hauptmann!«

»Warum, gnädiges Fräulein?«

»Na -- weil Sie so einsilbig sind!«

»Bitte, seien Sie mir nicht böse!« sagte er, und sie lachte.

»Ach wo! ... Ich denk' nicht dran! Und jetzt wird getanzt!«

Erich von Logow stand, unruhig suchend, im Nebenraum, wo man Kaffee nahm. Dort in der Ecke war Maxe. Sie saß an einem Tischchen, das nur für zwei Platz bot, ihr gegenüber ihr jüngster Bruder Peter. Die Geschwister hatten sich lange nicht gesehen. Es schien, daß ihr der kleine rotwangige Grenadier in Kürze einen Überblick über seinen bisherigen Lebenslauf im Regiment gab. Logow hörte beim langsamen, scheinbar unabsichtlichen Nähertreten, wie jener eifrig, immer noch mit seinen runden, erstaunten Kinderaugen, berichtete.

»Also der Oberst ist kolossal nett! Na -- und mit dem Hauptmann geht's! Er kolkt immer davon, ich sei so schwach im Felddienst! Ja, woher soll ich's denn haben -- frisch von der Selekta ins Regiment? ... Nächsten Sommer wird's schon besser! Da hab' ich keine Sorge! Und was den Major betrifft ...«

Zwei lange, aufgeschossene Kadetten, die Söhne des Obersten Bruno von Ottersleben, drängten sich heran, um den Vetter zu begrüßen, mit dem sie im Korps in Lichterfelde zusammengewesen waren. Der Leutnant erhob sich und empfing sie mit gönnerhafter Herzlichkeit. Sie zogen sich zusammen zurück. Logow atmete auf. Er hätte den kleinen Mann am liebsten mit Gewalt von seinem Platz neben Maxe verjagt. Jetzt ließ er sich hastig da nieder, ehe sie ihm noch entfliehen konnte, und seltsam: im Augenblick, wo er nun am Ziele war, legte sich eine tiefe Ruhe über ihn, wie Stille nach dem Sturm. Oder vor dem Sturm. Er wußte es nicht ... Er fühlte sich willenlos ... Irgend etwas war in ihm ... Irgend etwas trieb ihn ... Er rückte ein wenig seinen Stuhl. Nun konnte sie überhaupt nicht mehr aus ihrer Ecke an ihm vorbei. Sie war seine Gefangene. Sie schien nicht darauf zu achten. Sie hob den Kopf und sah ihn freundlich ruhig an. Es war wie eine Frage: Was willst du hier? Beide lächelten. Menschen waren in Menge um sie und sahen sie. Es war eine Pause. Dann versetzte er: »Guten Tag, Maxe!«

»Guten Tag!«

»Wie geht's dir denn?«

»Danke!«

»Gefällt dir Straßburg?«

»O, ganz gut!«

»Und Onkel und Tante sind nett zu dir?«

»Wie zu einem eigenen Kind.«

»Da wirst du wohl da bleiben?«

»Ich weiß noch nicht ...«

Nach einem neuen Schweigen fügte sie hinzu: »Wenn Mama wirklich am ersten Januar nach Darmstadt zieht, wie sie mir eben gesagt hat, dann muß ich ja wohl zu ihr!«

»Ist dir das lieber?«

»Es ist doch jedenfalls meine Pflicht!«

Vom Nebensaal hörte man das Stimmen der Instrumente. Er beugte sich vor und sagte leise: »Maxe ... du bist damals ohne Abschied von mir fort ...«

Sie erwiderte ihm nichts.

»Maxe ... möchtest du nicht wieder zu uns?«

Es kam keine Antwort.

»Maxe ... nur ein bißchen ... nur für ein paar Wochen ... Du ahnst nicht, was das für mich heißt ...«

Nun sagte sie ruhig: »Du weißt so gut wie ich, daß das ganz unmöglich ist!«

»Wieso?«

»Schon nach der Art, wie Ulla mich ansieht oder vielmehr nicht ansieht, seit ich heute hier bin ... Wenn es noch überhaupt eines Gegengrundes für mich bedürfte! Aber das tut nicht einmal not!«

»Gestern wolltest du doch zu uns kommen?«

»Ich muß doch höflichkeitshalber. Wo ich so lange euer Gast war. Aber ihr wart verhindert ...«

»Das hat Ulla gelogen. Wir waren wohl zu Hause!«

Eine Sekunde wurde Maxe Ottersleben bleich. Dann sagte sie, ohne daß der Ausdruck ihrer Züge sich veränderte: »Nun -- da siehst du ja wieder, daß das eine wahnsinnige Idee ist ... von dir ... Also laß mich! Und bitte, laß mich jetzt überhaupt ...«

Sie wollte aufstehen, um zu gehen. Er machte ihr nicht Platz. Sie konnte sich nicht vorüberdrängen, ohne Aufsehen zu erregen. Sie mußte sich in Geduld fassen und blieb seufzend sitzen. Er frug nach einer Weile leise: »Bist du auch so traurig auf einer Hochzeit, Maxe?«

»Warum?«

»Auf meiner warst du traurig ... Ich weiß es ... Ich weiß es ... Ulla hat es mir gesagt ...«

»Ach ... immer Ulla ...«

Sie preßte finster die Lippen zusammen.

Er fuhr fort: »Aber freilich: Du hast nichts zu bereuen, so wie ich ... Mein Leben lang! Ich war ein blinder Narr, Maxe ... Ich hab' es dir ja schon einmal gesagt, dieses Frühjahr ...«

»Weil du es mir gesagt hast, deswegen bin ich ja fort!«

Es schien, als ob Erich von Logow das überhörte. Sein dunkles, heißes Auge irrte durch den Saal.

»Ja, solch eine Hochzeit!« sagte er. »Da wird nun wieder ein Menschenschicksal geschmiedet! Für immer! Man denkt hinterher über so vieles nach! ... Man möchte so vieles ungeschehen machen! Du kannst dich besser als ich verstellen, Maxe!«

»Was heißt das? Ich geb' mich, wie ich bin ...«

Er sah sie so durchdringend an, daß sie die Augen niederschlug.

»Das ist nicht wahr, Maxe! ... Ich weiß es besser! Du hast keine Geheimnisse vor mir. Und ich nicht vor dir, wenn wir's uns auch nie gesagt haben!«

»Ich denke, wir hören jetzt auf, Erich!«

Er achtete nicht darauf. Er fuhr langsam fort: »Ich hab' gezittert und gebebt vor Glück, bis ich jetzt endlich in deine Nähe gekommen bin. Und jetzt bin ich schon wieder traurig, daß ich dich in ein paar Minuten wieder hergeben muß ...«

»Ja. Das mußt du! Geh jetzt! Dort steht deine Frau!«

»Ach, meine Frau!« Er machte eine Bewegung der Ungeduld. »Aber ich will nicht ungerecht sein: eigentlich macht sie mich nicht unglücklich, sondern ich hab's selbst getan! Ich hab's selbst gewollt. Ich hätte sie ja nicht zu nehmen brauchen, sondern ... weißt du, was die einzige glückliche Zeit in meiner Ehe war, Maxe?«

»Laß mich jetzt und geh zu deiner Frau!«

»Das war die Zeit, wo du bei uns warst, als mein lieber, blonder Kamerad! ... Ach, die paar armen Wochen! ... Die goldene Zeit ... Das bißchen Sonnenschein .. das bißchen Lebensfreude ... Ich bin ein harter Mensch. Damals hab' ich mein Herz gefunden, Maxe! Es tut weh. Furchtbar weh! Das weißt du auch, das weißt du Ärmste viel, viel länger als ich. Wir sind zwei unglückselige Schicksalsgenossen.«

»Soll es denn durchaus hier ein Aufsehen geben, Erich? Ich erzwinge mir jetzt den Ausweg, wenn du nicht ...«

»Nein! Bleib! Bleib! Ich hab' dir noch so viel zu sagen!«

»Wir haben uns gar nichts zu sagen! Dort ist deine Frau! Sie sieht uns!«

»Maxe! Ich kann's nicht ändern! Meine Spannkraft ist zu Ende. Meine Karriere ruiniert. Ich komme nicht mehr vorwärts. Ich kann mich nicht mehr zusammenraffen. Der Mühlstein um den Hals zieht mich in die Tiefe. Es hat sich furchtbar an ihr und mir gerächt, Maxe! ... Sie hat mich ohne Liebe genommen, obwohl sie gewußt hat, daß du ... gleich am ersten Tag unserer Verlobung hat sie mir's mitgeteilt ... Ja, schrick nur zusammen, mein armes Herz ... Es wäre besser gewesen, ich hätt' es nie erfahren! Und dann bist du dies Frühjahr gekommen und hast mir das letzte genommen, was mir aus dem großen Schiffbruch noch übriggeblieben war!«

Maxe Ottersleben warf heftig das Haupt zurück.

»Nun soll auch ich noch schuld sein!« sagte sie. »Das ist zu viel! Ich bin mir keines Unrechts bewußt. Du allein spielst fortwährend mit dem Feuer! Und nun mach ein Ende! Sei ein Mann! Gib mir den Weg frei!«

»Nein!«

»Ja, was willst du denn noch?«

Sie frug es halb verzweifelt.

Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es selbst nicht,« murmelte er.

Auf einmal erfaßte sie die Angst. »So komm doch zu dir! ... Du hast ja ganz irre Augen ... Um Gottes willen ...«

Da fuhr er zu ihr herum. Er raunte es zwischen den Zähnen: »Ich will nur hier sitzen und dich anschauen und dir sagen, daß ...«

»Sei still!«

»Ich will dir's sagen ... Weißt du, Maxe ... eigentlich müßte ich mich umbringen für meine Dummheit damals ...«

»So hör doch endlich auf! Quäle mich doch nicht so entsetzlich! Ich bin doch auch nur ein Mensch! Ich kann ja bald nicht mehr an mich halten! Ich fang' an zu weinen ...«

Er musterte sie mit fiebrigglänzenden Augen wie ein Verzückter. Seine Stimme war leise.

»Damals hast du rote Rosen getragen und warst schön! Jetzt hast du weiße und bist viel schöner! Die Schönste von allen!«

»Hör auf ... Was soll denn das um Jesu willen werden?«

»Verrückt werd' ich! Oder bin's schon! Verrückt ... Aus Liebe zu dir ...«

Sie fuhr empor. Er erhob sich auch. Sie standen sich gegenüber.

»Ich lieb' dich, Maxe ... Ich lieb' dich ... Ich sag's tausendmal: ... Ich lieb' dich ... Ich möchte dich küssen vor all den Leuten ... dich auf den Arm nehmen und mit mir forttragen ... Ich lieb' dich ... Ich lieb' dich!«

Das Tischchen zwischen ihnen schwankte. Eine Tasse klirrte. Maxe Ottersleben hatte sich gewaltsam frei gemacht. Es hatte niemand darauf geachtet. Man tanzte schon. Im Saal drehten sich die Paare.

Eine fremde Dame rang die Hände: »Ach Gott ... das schöne Kleid ... über und über ...« Sie wies auf die Kaffeeflecken in der grünen Seide.

Zugleich sagte Frau von Ottersleben, die eben über die Schwelle getreten war, erschrocken: »Komm nur rasch! Wir waschen es gleich aus!«

Sie führte Maxe nach hinten. Als sie nach geraumer Zeit zu ihrem Mann zurückkehrte, war sie ganz erregt.

»Du, Bruno ... das hätt' ich doch nie geglaubt ... Die Maxe ist doch sonst so vernünftig ... Daß sich die über ein verdorbenes Kleid so aufregen könnte ...«

»Was ist denn geschehen?«

»Denk dir: sie ist direkt draußen in Ohnmacht gefallen! ... Ich hab' sie gerade noch aufgefangen! Jetzt eben erst kommt sie wieder zu sich!«

11

Die Esplanade von Metz war an dem schönen Sonnabendnachmittag farbig von Uniformen, Offizieren und ihren Damen des Waffenplatzes an der Westgrenze, in dem jeder dritte Mensch Soldat war. Es war schon in der zweiten Hälfte Oktober, aber in dieser Gartengegend Lothringens schien die Herbstsonne noch mild und golden über dem tief eingeschnittenen Tal der Mosel, die dort unten strömte. Blaßblau spannte sich der Himmel über dem mittelalterlichen Gassengewirr der grauen Grenzfeste. Trotzig ragte drüben der St. Quentin, das festeste der festen Werke, zu ihm empor. Der leise Rauch einer Militärbäckerei kräuselte sich auf ihm hoch oben aus dem Fort Friedrich Karl.