Part 13
Am Nachmittag desselben Tages ging Maximiliane Ottersleben mutterseelenallein weit draußen vor Straßburg in dem Grünen und Blühen der Orangerie spazieren. Eigentlich hatte sie eine Verabredung mit Freundinnen gehabt. Ein paar Leutnants waren natürlich auch bei der Partie. Man wollte mit der Bahn bis zur Kehler Brücke fahren und da im Rhein schwimmen, oder zu dem Schleusenwirtshaus am Illkanal hinausradeln, um dort Matelotte zu essen -- sie wußte es selbst nicht mehr recht. Sie hatte keine Lust gehabt. Sie war einfach ferngeblieben. Sie mochte in ihrer heutigen Stimmung, die durch den Brief aus Berlin in ihr wieder wach geworden war, niemanden um sich sehen -- eine Stimmung -- sie hatte vorhin wieder in einem dunkelschnurrbärtigen, straffen Offizier, der rasch die Straße herunterkam, aus der Ferne Erich von Logow zu erblicken geglaubt ... sie war vor atemlosem Schrecken stehen geblieben.. sie hätte jetzt noch, nachträglich, hellauf weinen mögen vor Hilflosigkeit ... er war immer da ... er kehrte immer wieder ... er ließ sie nicht ...
Um sie war kein Mensch. Es war noch viel zu heiß für die Besucher der Gartenwirtschaft. Eine lähmende Schwüle lag in der Luft. Drüben am Bergrand, gerade über St. Odilien, verfärbte sich der Horizont bleigrau. Dort brütete ein Gewitter. Es blitzte und donnerte jetzt täglich in der breiten Ebene zwischen Vogesen und Schwarzwald. Man sah jeden Nachmittag die dunkle Wand aus stundenweiter Ferne aufziehen. Das junge Mädchen warf einen prüfenden Blick nach dem Himmel und ging dann langsam weiter. In ihrem weißen, schwarzgarnierten Sommerkleid hob sie sich, schmal und schlank, den blonden Kopf vom weißen Schirm überschattet, von den zopfig regelmäßigen Reihen der Orangen- und Zitronenbäume des altfranzösischen Parkes ab, die sich in ihren Kübeln vor den Glashäusern sonnten. Ihre Halbschuhe knirschten leise in flüchtigem Schreiten auf dem Kies des Weges. Das und das eintönige Summen der Mücken war der einzige Laut umher. Und dann etwas anderes ... hinter ihr: ein Sporenklirren, das rasch und energisch näher kam. Sie dachte sich noch: ›Ich möchte wohl wissen, wer von der Garnison jetzt da draußen bei der Hitze spazieren läuft!‹ Und fast zugleich hörte sie an ihrem linken Ohr eine helle, vergnügte Stimme: »Na -- so menschenscheu, Fräulein Maxe ...«
»Oh ... Exzellenz ... Sie ...«
Olaf von Glümke nickte, gab ihr die Hand und ging neben ihr hin, als ob sich das von selbst verstünde.
»Ja! Ich! Ich mußte nämlich mal wieder nach Straßburg ... Dumme Geschichten ... In meiner Eigenschaft als Gerichtsherr ...«
Es fuhr ihr, dem Soldatenkind, durch den Kopf: Seine Division ist ja in einem anderen Armeekorps! Er hat bei unserem Kommandierenden gar nichts zu suchen. Das stimmt doch nicht!
Er sprach unbekümmert weiter: »Na ... und da ich erst mit dem Abendzuge heimfahre und vorher ein bißchen frische Luft schnappen wollte ...« Er lachte plötzlich, angesichts des tiefen Mißtrauens in ihren Zügen. Er war nicht im geringsten verlegen. Der alte Schalk blitzte in seinen großen, blauen, übermütigen Augen. »Nee -- also -- wir wollen mal lieber hübsch bei der Wahrheit bleiben! Ist netter -- nicht? Also ich saß vorhin wieder im Café am Broglie und sah Sie vorübergehen, in der Richtung hier heraus! Da dacht' ich mir: Wozu hat der Mensch die Straßenbahn? ... Vielleicht hab' ich Glück und hol' sie irgendwo ein ... Und so bin ich nun mit Gottes Hilfe hier!«
»Hatten Sie wirklich nichts Wichtigeres zu tun, Exzellenz?«
»Nein!« sagte er mit verblüffender Offenheit. »Es kam mir wie gerufen. Ich wollt' schon lange mal vernünftig mit Ihnen reden, Fräulein Maxe -- wegen damals -- Sie wissen schon ... Ein anderer an meiner Stelle, der wäre ja wütend, nach dem, was ihm passiert ist ... der sähe Sie gar nicht mehr an ...«
»Das verlange ich ja auch gar nicht, Exzellenz!«
»Ach -- seien Sie doch nicht so schnippisch, Kind! ... Lassen Sie das doch den kleinen Mädchen! Es steht Ihnen gar nicht. Sie haben den großen Stil ... Sie sind die geborene große Dame! Ja -- was ich sagen wollte ... Ich hab's mir nachträglich überlegt ... Es war natürlich eine Dummheit von mir. Ich hätte Sie nicht so überrumpeln dürfen. Ich hätte mir sagen sollen, daß man damit bei einem Dickkopf wie Ihnen nur das Gegenteil erreicht. Na -- es hat eben nicht sein sollen. Ich hab's jetzt verwunden. Es war ja ein recht kräftiger Stoß gegen meine Eigenliebe. Aber ich denke jetzt ruhiger darüber. Ich bin Ihnen nicht mehr böse ...«
»Das freut mich von Herzen, Exzellenz!«
»Lassen Sie doch die ewige ›Exzellenz‹! Das ist ja gräßlich. Das ist, wie wenn ich mit einem von meinen Leutnants spreche. Ihnen gegenüber komme ich mir nicht so würdevoll vor. Sagen Sie wenigstens: Herr von Glümke!«
»Wenn Ihnen das lieber ist ...«
»Ja! Wir wollen doch wieder gute Freunde werden, wie früher! ... Wir wollen die Geschichte wegwischen aus dem Gedächtnis, nicht wahr ...? Kommen Sie ... geben Sie mir mal die Hand, Fräulein Maxe ... fürchten Sie sich doch nicht, Kind ... ich tue Ihnen doch nichts ... So ... ganz kameradschaftlich ... Und nun bilden wir uns ein, es wäre überhaupt nie etwas anderes gewesen! ... Ich hab's schon total vergessen! Sie nicht?«
Maxe Ottersleben mußte lachen.
»Ja!« sagte sie.
Sie gingen weiter. Eigentlich war jetzt auch ihr wieder leichter zumut. Nun hatte sie Olaf wieder ganz gern, wo er nicht mehr ihr Mann werden wollte. Er war doch immer der alte verrückte Kerl. Es ging Feuer und Leben von ihm aus. Sogar jetzt, wo er merklich hinkte, schritt er immer noch rascher und elastischer als im Durchschnitt einer seiner Stabsoffiziere.
»Warum ich rechts schone?« meinte er auf ihre Frage. »Einer meiner Gäule ist mit mir abgeschrammt ... heidi ins Unterholz ... Kniekaltschale an den Bäumen ... na ... ich danke ...«
»Reiten Sie denn immer noch so junge Pferde, Exzellenz?«
»Kind: wenn Sie noch mal Exzellenz sagen, kriegen Sie einen Klaps auf die Hand! Was freut Sie denn so an der Exzellenz? Sie haben's ja nicht werden wollen! Meine Pferde? ... Schade, daß ich sie Ihnen nicht mal zeigen kann! Famos! ... Woran soll ich mich denn sonst noch freuen -- so 'n armer oller Kriegsknecht wie ich.«
Er schirmte die scharfen Augen mit der Rechten und blickte hinüber nach Westen in den fahlen Glanz der untergehenden, von Wetterdunst blutig verschleierten Sonne. Grau und ehrwürdig stand, weiter nach links, der mächtige Turm des Münsters, wie ein dräuendes Bollwerk und Wahrzeichen des Reiches im bleichen Abendlicht. Es war unheimlich still umher. Selbst die Vögel schwiegen.
»Ich wollte, die Rothosen kämen mal wieder 'rüber!« sagte Olaf von Glümke. »Haben sich noch eigens seinerzeit das schöne Loch in den Vogesen bei Belfort frei gelassen und benutzen es nun nicht! ... Da wüßte man doch mal, wozu man eigentlich auf der Welt ist und seinem Herrgott die Tage stiehlt. So wird man schließlich mal eingebuddelt und hat zeitlebens kein Pulver gerochen!«
Er wurde ernster.
»Mein Vater ist bei Mars-la-Tour gefallen!« versetzte er nach einer Pause. »Damals war ich ein Bengel von dreizehn Jahren. Seine letzten Worte waren: ›Grüßen Sie meine Frau und meinen Jungen! ... Er soll an mich denken und ein tüchtiger Offizier werden, an dem der König seine Freude hat! ...‹ Na ... ich hab' mir ja Mühe gegeben! Es ist ja ganz nett gegangen. Ich bin ja so weit oben! Und ich hab' so ein freches Gottvertrauen in mir: Vielleicht wird es auch noch mehr!«
»Da seien Sie doch froh, Herr von Glümke!«
»Jawohl: im Dienst, gutes Kind! ... Aber außer Dienst: Essen Sie mal jeden Tag allein zu Haus, ein Mensch wie ich, um den 'rum ewig was los sein muß! ... Ich kann doch nicht stillsitzen ... das wissen Sie doch! ... Und ins Kasino, zu den jungen Dächsen, kann ich doch nicht! ... Und des Abends: die ganze hohe Generalität ist natürlich ordnungsgemäß verheiratet! ... Will ich 'ne Menschenseele sehen, so muß ich mich zu Gast ansagen und die Beine unter einen fremden Tisch strecken, und sie machen noch Umstände ... äh pfui ... Mir kribbelt's manchmal in den Fingerspitzen vor Ungeduld. Sagen Sie mal: Wie lange bleiben Sie eigentlich noch in Straßburg, Fräulein Maxe?«
»Ich weiß noch nicht.«
»Mir scheint, Sie wissen überhaupt nicht recht, was aus Ihnen werden soll!«
Maxe Ottersleben antwortete nichts. Er wiederholte nach einer Weile die Frage.
»Oder haben Sie eine Ahnung, wo der liebe Gott schließlich mit Ihnen hinaus will ...?«
»Zerbrechen Sie sich doch nicht meinen Kopf, Herr von Glümke.«
Er nickte nachdenklich.
»Freilich!« sagte er. »Mich geht's nichts an ...!« Dann lachte er vor sich hin. »Erinnern Sie sich, wie Sie damals im Wald, im Winter nach der Felddienstübung, böse waren, wie ich Sie frug, wann die blonde Maxe heiraten würde? Ach ... ich fürchte, die blonde Maxe heiratet überhaupt nicht!«
»Ich glaub's auch!« sagte das junge Mädchen.
»Ja, aber erlauben Sie mal ... das ist doch ...«
»Was denn, Exzellenz?«
»Nichts ... nichts ... Wenn Sie ›Exzellenz‹ sagen, bin ich schon still ... ich rede keinen Ton mehr ... ich denke mir für mich mein Teil ...«
»Das kann ich nicht verhindern! Aber lassen Sie mir jetzt bitte meine Ruhe ...«
Er schwieg. Er schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: »Irgend etwas ist da nicht in Ordnung!« Sie hatten den Ausgang der Orangerie erreicht. Er blieb stehen und blickte sie von der Seite an: »Mein Gott ja ...« sprach er förmlich andächtig. »Wie sehen Sie aus ... Schon jetzt da in dem schlichten Hundstagfähnchen. Wie haben Sie sich in den zwei Jahren herausgemacht! ... Wer hätte geahnt, daß Sie ~so~ schön werden würden ...«
»Exzellenz ... nun aber bitte ...«
Er beachtete es nicht. Er ließ das Auge verloren auf ihr ruhen.
»Ich bin der einzige gewesen, der's gewußt hat, Fräulein Maxe ...« sagte er langsam. »Immer ... Sie wären wie geschaffen gewesen zu ... na ... lassen wir's! ... Es hilft ja nichts!«
Stumm gingen sie nebeneinander weiter, den breiten Weg hinab, den Blick auf das Häusermeer Straßburgs in der Ferne, über dessen Giebeln schon scheinbar greifbar noch das Unwetter lastete. Aus dieser Stille vor dem Sturm, der Verfinsterung umher, dem Verschwimmen von Licht und Schatten in einer sonderbaren schwefelgelben Dämmerung ward in ihnen, zwischen ihnen eine Beklommenheit wach. Sie mußten sich eilen, um dem Regen zu entfliehen. Sie machten lange Schritte. Einmal frug er: »Geht's zu schnell?« Sie verneinte und fuhr nervös bei einem roten Blitzgeschlängel in der schwarzen Wolkenwand vor ihnen zusammen. Wieder war das Schweigen. In ihm ihre gleichmäßigen Tritte, ein schwerer Windstoß, der heulend Staubwolken aufpeitschte und drüben die uralten Baumkronen des Contades zauste und schüttelte, die ersten Tropfen -- in Maxe Ottersleben eine eigene Empfindung: Es ist doch manchmal gut, sich unter Schutz und Schirm zu wissen. Manchmal fürchtet man sich doch allein ...
Aber nun hatten sie schon die Stadt erreicht. Olaf von Glümke blieb stehen.
»Ich will Sie lieber hier von meiner Gegenwart befreien!« sagte er. »Es ist besser, wir marschieren nicht so nebeneinander durch alle Straßen! Gruß zu Hause! Adieu, Fräulein Maxe ...!«
»Adieu!«
Sie reichte ihm rasch, mit einem freundlichen Lächeln die Hand. Er merkte, daß sie wie erlöst war bei dem Gedanken, von ihm wegzukommen. Er schaute ihr nach, wie sie den Bürgersteig hinabeilte und mit gesenktem Haupt gegen die Windstöße ankämpfte. Ihre mädchenhafte Gestalt bog sich in einer schlanken Linie nach vorne, ihr weißes Kleid flatterte und flog. Nun war sie um die Ecke ... Da seufzte er und setzte seinen Weg einsam fort.
Maxe von Ottersleben stand unterdessen schon daheim am Fenster und sah in das Rauschen des Wolkenbruchs hinaus. Die Begegnung in der Orangerie war ihr schon wieder wie im Winde draußen verflogen, ihr Eindruck auf sie wie weggewaschen durch diese strömenden Fluten. Sie mußte immer an etwas anderes denken: an den flüchtigen Satz in dem Briefe Logows von heute früh: ›Hoffentlich hat sich Maxe bei Euch gut eingelebt.‹ Es waren kurze Worte. Ganz er selbst. Hart. Kalt. Willensbewußt. Es gab für ihn eine Grenze. Die war aufgerichtet. Die blieb. Und sie hob trotzig den blonden Kopf. Was er konnte, konnte sie auch! Erst recht! Aus eigener Kraft!
»Na, Maxe!« sagte an einem der nächsten Tage Frau von Ottersleben mit einem mütterlichen Lächeln. »Nun wird's Zeit, daß wir uns nach einem hübschen Kleid für dich umtun!«
Sie zeigte ihrer Nichte einen heute gekommenen Brief des Bruders Otto, des Feldartilleristen und glücklichen Bräutigams, mit der Einladung an sie alle drei zur Hochzeit nach Berlin. Der Tag war nun festgesetzt: der erste Oktober. Natürlich, der Trauer wegen, nur eine kleine Feier, lediglich im Kreise der beiderseitigen Verwandten. Aber ein bißchen Freude und Frohsinn sollte doch herrschen. Das hätte der gute Papa, wenn er es hätte voraussehen können, gewiß selbst am meisten gewünscht. Deswegen sollte, nach allgemeinem Familienübereinkommen, für diesen Tag die Halbtrauer abgelegt und etwas Buntes getragen werden.
»Ich meine, wir wählen für dich Hellgrün!« schlug die Tante vor, »es steht dir gewiß ganz apart!«
»Ja. Ich werde Grün nehmen!« sagte Maxe Ottersleben. Ihr Herz schlug ruhig. Sie war gefaßt auf dies Wiedersehen mit Erich von Logow. Sie hatte den Zeitpunkt ja unerbittlich heranrücken sehen, den ganzen Sommer lang, durch Wochen und Monate. Es gab keinen möglichen Grund, abzusagen und als Schwester nicht zur Hochzeit zu fahren. Es mußte eben überstanden werden. Zum Glück ließ Onkel Bruno -- das wußte sie -- sein neues Regiment nicht eine Minute länger als unbedingt nötig im Stich. Sie war also nur kurze Zeit mit dem Oberst von Ottersleben und seiner Frau dort drüben in Berlin. Es war vielleicht nicht mehr als ein einziger schwerer Tag ...
10
Der Standesbeamte, ein würdiger älterer Militär a. D. in schwarzem Leibrock, räusperte sich, nachdem die beiden »Ja« verklungen, machte hinter seinem grünen Tisch eine feierliche Kunstpause und sagte dann in gewöhnlichem Ton: »So erkläre ich Sie hiermit nach den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches für ehelich verbunden.«
Damit waren der Leutnant von Ottersleben und Fräulein Adda Bannersen Mann und Frau. Es war alles so freudlos umher, der kahle Raum, die Unterschrift unter das Protokoll, das unfestliche Äußere der paar Trauzeugen: die trockene Nüchternheit des auf Verstandesbegriffen aufgebauten Staates legte sich ihnen unbewußt auf die jungen Seelen. Sie hatten Mühe, sich vorzustellen, daß jetzt schon drüben in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Hain von Palmen ihrer harrte und die Orgel schon feierlich Probe summte und in wenigen Stunden die mächtigen Glocken über den Berliner Westen hallen würden, ihnen zu Ehren. Vorläufig war da draußen auf der Straße noch der Alltag im Gang, die Herbstsonne schien hell auf den reinlichen Asphalt, ein Schutzmann stritt sich mit einem heiser schimpfenden Bierkutscher -- sie beide, das Ehepaar, waren förmlich erschrocken, wie wenig sie und ihr bißchen Schicksal doch eigentlich in der Welt bedeuteten. Halb glücklich, halb betäubt fuhren sie zusammen heim, nach dem Gesetz verheiratet, nach Sitte und Herkommen noch nicht ganz, in der seltsamen Übergangsstimmung zwischen Standesamt und Altar.
In dem Hause der Brauteltern am Kurfürstendamm war der junge Ehemann jetzt eigentlich das fünfte Rad am Wagen. Es ging alles über seinen Kopf weg. Adda war ihm sofort von einem Haufen Brautjungfern, Schneiderinnen und Zofen entrissen worden, um für die Kirche fertig hergerichtet zu werden. Er selbst hatte inzwischen nichts weiter zu tun, als mit Hilfe seines Burschen in einem der Fremdenzimmer seinen Interimsrock mit der Paradeuniform zu vertauschen.
Dabei geriet er, nachdem er das drückende Gefühl seiner allgemeinen Entbehrlichkeit überwunden hatte, wieder in die rosigste Stimmung. Er pfiff leise beim Umziehen vor sich hin, er sang schließlich halblaut, er war glücklich. Der Himmel hing ihm voll Geigen. Er sah eine prunkvolle Wohnung vor sich, hell von Licht, voll von Gästen, in der Mitte, unter dem Kronleuchter, seine süße kleine Frau. Der Herr, der mit ihr sprach, trug den Stern eines Hausordens. Es war ein Fürst. Solche Leute empfing man bei Otterslebens. Unten hatte man das eigene Automobil. Einen Pferdestall mit englischem Trainer. Dienerschaft ... Das einzige, was ihn in seinem Höhenrausch wieder ernüchterte, war ein Blick auf das schlichte Dunkelblau und Samtschwarz seiner Linienfeldartillerieuniform im Spiegel. Nein, das ging nicht. Dienen mußte man natürlich, ob mit einer Million in der Tasche oder mit Kaisers Zulage. Man war doch ein Ottersleben! Aber standesgemäß mußte man von jetzt ab dienen! Das war auch klar. Darauf hatte man ein Anrecht.
Es war langweilig da oben. Er stieg hinunter in das Erdgeschoß. Dort war alles voll Blumen. Depeschenboten liefen, Stubenmädchen huschten. Halbfrisierte Köpfe schauten aus Türspalten. Er war wieder überall im Wege. Eigentlich der unnützeste Mensch unter Gottes Sonne. Und ohne ihn ging es doch nicht. Nur im Rauchzimmer war noch ein Rest von Vernunft. Da saßen die männlichen Verwandten beisammen, deren Frauen sich da drinnen um das zarte, in Spitzen und weiße Seide gehüllte verschleierte Gebilde scharten, das nun schon Adda von Ottersleben hieß: seine Onkel Bruno und Kaspar, Freiherr von Koninck, der Bruder seiner Mutter, seine Schwäger Logow und Grotjan, der kleine Bruder Peter von den schlesischen Grenadieren.
Der Husarenmajor Wilderich von Koninck lachte breit beim Eintritt des Neffen. Er war noch dicker geworden in diesen Jahren -- viel zu dick für einen Ziethen aus dem Busch. Ein Monokel schimmerte in seinem roten Bonvivantgesicht. Er klopfte dem hübschen, vor Aufregung blassen jungen Mann auf die Schultern.
»Na -- du frischgebackener Ehekrüppel ... Wie fühlst du dich nun so, mein Sohn -- he?«
Otto von Ottersleben antwortete nur mit einem schwachen Lächeln und stellte sich in die Ecke des Zimmers, das ganz bunt war vom Schwarz und Rot der Krägen, dem Himmelblau des Attila, dem Karmoisin des Generalstabs, den breiten Ordensreihen auf der Brust der Stabsoffiziere. Man schonte seine Empfindungen. Das Gespräch lenkte sich von ihm ab. Dann öffnete sich die Tür. Dorle Grotjan, geborene von Ottersleben, die Frau des Pioniers, schaute herein. Sie war in der Ehe noch rundlicher und molliger geworden. Ein appetitliches Hausmütterchen mit pausbackigem, von blonden Wuschelsträhnen umrahmten Kindergesicht.
»Also: Adda ist ein Traum!« meldete sie aufgeregt und verschwand sofort wieder. Die Herren lachten. Der junge Gatte nicht. Er war stolz auf seine Frau. Ihm fiel das alles hier wie Geschenke vom Himmel in den Schoß. Mitten in dieser Feststimmung beschlich ihn hier die Unruhe von vorhin: ich muß doch auch etwas dazu tun!
Im selben Moment sagte, als habe er seine Gedanken erraten, der Freiherr Wilderich von Koninck mit wohlwollend schlauem Augenblinzeln: »Na -- du angehender junger Knallprotz: wenn du künftig anständige Gäule brauchst, dann kommste dreist zu mir! Wirst reell bedient. Dein alter Onkel ist kein Pferdeschmeißer!«
Otto von Ottersleben ergriff hastig die Gelegenheit. Er zuckte beinahe bitter die Achseln.
»Was tu' ich bei der Feldartillerie mit Vollblut? Ich werde da überhaupt viel Schwierigkeiten haben! Ich kann nichts dafür, daß ich in Zukunft aus dem Rahmen des Regiments falle!«
Das war ein Lieblingsausdruck, den er sich in letzter Zeit eingeprägt hatte. Er fügte hinzu: »Es ist mir nicht wegen mir, sondern wegen meiner Frau! Die kann doch Ansprüche stellen! Der bin ich Rücksichten schuldig. Es könnte jetzt, wo ich ein Vierteljahr auf Urlaub gehe, so viel vermittelt werden, durch euch ...«
»Der Bengel will nun mal zur Kavallerie!« sagte der Husar, und sein Neffe ergänzte flehend: »Vorläufig nur ein Jahr zur Dienstleistung -- natürlich ... nachher kann man ja weitersehen!«
Es war eine kurze Pause. Dann versetzte der Oberst von Ottersleben: »Bleib du bei deinem Geschütz! ... Es ist eine schöne Waffe, mein Junge! Napoleon war auch Artillerieleutnant und hat auch 'ne reiche Frau geheiratet und es mit beiden ganz nett weit gebracht!«
Auch Erich von Logow erhob den Kopf. »Und wenn du meine Meinung hören willst: Ob du reich oder arm heiratest, ist deine Sache! Aber auf den Dienst darf das nicht abfärben! Wem das geschieht, der denkt nicht so soldatisch, wie er soll!«
Der hübsche junge Artillerist biß sich auf die Lippen und wandte sich wieder bittend und halblaut an Herrn von Koninck: »Du bist doch ein vernünftiger Mensch, Onkel! Nicht so 'n lederner Kommißhengst, wie der Erich dort drüben ... Du bist doch selbst Kavallerist! Großpapa war Kürassier! Du wirst begreifen, daß ich zu der alten Waffe zurück will!«
Der dicke blaue Husar hatte auf dem Rauchtisch eine Kognakkaraffe entdeckt. Er goß sich ein Gläschen ein, wischte sich den grauen Schnurrbart und sagte gutmütig: »Ja -- das sind nun so Sachen, mein filius ! Im Militärkabinett sind sie bei solchen Gelegenheiten höchst säuerlich. Sie lieben's nun nicht! Mit Recht! Ich könnte mich höchstens an den ollen Hundsfeldt wenden! Mit dem bin ich durch einen Scheffel Erbsen verwandt. Er hat die Holsteinschen Kürassiere! Die Zwölfer! ... Au ... Donnerwetter ... Zerquetsch mir nicht so die Hand!«
Der alte Herr Bannersen war eingetreten, schon feierlich im Frack und weißer Binde des Brautvaters. Er war betroffen.
»Nun -- was s--pringst du so herum, mein Sohn? Um Gottes willen -- er verliert den Vers--tand! ... Was hast du denn?«
»Hurra! wir haben Aussicht ... Wir werden Kürassiere ... Adda und ich ...«
»Das ist ja ers--taunlich!« sagte der Baumwollmann trocken. Er erfaßte nicht ganz die Größe der Situation. Für ihn waren Soldaten eben Soldaten. »Geh lieber und erzähl es der Adda! Sie wartet drüben auf dich!«
Das ließ sich der Leutnant von Ottersleben nicht zweimal sagen und verschwand. Onkel Emil, der Schwager des Hausherrn, ein Bankdirektor aus Westfalen, blickte ihm nach. Er war ein silberhaariger, kleiner Herr. Auf seinem Frack hing das Eiserne Kreuz. Er meinte: »Na ... ich hab' mir meine Chassepotkugel Anno siebzig als ganz gemeiner Sandhase geholt! Und nachher war es ganz gleich, neben wem man auf dem Verbandplatz auf dem blutigen Stroh lag. Da hielt sich keiner für besser als der andere. Aber jetzt geht's wieder nach Gardelitzen und Haarbüschen. Das macht der lange Frieden!«
»Ja ja! Wir kennen dein S--prüchlein!« versetzte der alte Herr Bannersen. »Aber bitte, sei jetzt s--till!«
Er wandte sich lebhaft an Erich von Logow. »Nun sagen Sie mal, mein bester Hauptmann, wo haben Sie denn die Maxe gelassen, das liebe Mädel? Warum ist sie denn nicht mit Ihnen gekommen, gnädige Frau?«
Ulla von Logow war mit ihrer Schwester Dorle Grotjan eingetreten, schon fertig, frisiert und ganz in matter, weißer Seide, als Umrahmung ihrer bleichen, dunkeln Schönheit. An ihrer Stelle antwortete Oberst von Ottersleben: »Maxe wohnt mit uns im Hotel. Sie wartet dort mit meiner Frau auf meine beiden Jungen aus Lichterfelde. Sie fahren dann alle zusammen direkt in die Kirche.«
»Ach!« sagte Herr Bannersen erstaunt. »Ich dachte, Fräulein Maxe wäre wieder bei Ihnen abges--tiegen, Herr von Logow! Im Frühjahr war sie doch so lange Ihr Gast!«
Erich von Logow schüttelte den Kopf.
»Aber diesmal nicht! Ich hab' sie noch gar nicht gesehen, seit sie hier ist!«
»Wie komisch!« Seine Schwägerin Dorle, die kleine Pioniersfrau, riß ihre runden blauen Augen auf. »Bei uns war sie gestern gleich! ... Und da -- wart mal -- natürlich ... ich erinnere mich doch ... da wollte sie noch extra an euch telephonieren und des Abends auf ein paar Stunden zu euch kommen!«
»Sie hat beides nicht getan!« versetzte der Hauptmann.
Zugleich sagte seine Frau gleichgültig, in ihrem nachschleppenden, müden Ton: »Doch! Telephoniert hat sie schon! Ich hab' selbst mit ihr gesprochen!«
»Ja, nun ... und, Ulla ...?«
»Es machte sich nicht recht mit der Zeit. Da hat sich's eben zerschlagen!«