Dresden und die Sächsische Schweiz
Part 9
Von einem Vergleich mit der Wesnitz sehen wir ab, weil dieser Bach, der übrigens bei 75 _km_ Länge der bedeutendste Zufluß von der rechten Seite ist, nur auf kurze Strecke von Bärreute bis zur Grundmühle unterhalb Liebethal den Sandstein durchschneidet und von da an teils an der Grenze des Quadergebirges entlang, teils durch den südlichen Teil des Dresdener Talkessels fließt. Landschaftlich dagegen gehörte von Anfang an, als die Schönheiten der Sächsischen Schweiz mehr gewürdigt wurden, der enge Felsengrund von Bärreute bis zur Grundmühle unter dem Namen des Liebethaler Grundes (Abb. 89) zu den besuchtesten Partien. Vor Eröffnung der böhmischen Eisenbahn wanderten alle Besucher -- und diese kamen fast ausnahmslos von Dresden -- oder fuhren mit eignem Geschirr über Pillnitz nach Lohmen und besuchten von hier aus den Glanzpunkt des Grundes, die Lochmühle (d. h. Waldmühle, Abb. 1) und die Liebethaler Steinbrüche, wohl die ältesten im Sandsteingebiet, und ließen es wohl gar an dem Besuche dieses Grundes bewenden und kehrten dann nach Dresden zurück. Wer aber noch weiter ins Gebirge eindrang, besuchte die Bastei, Hohnstein und Schandau. In Lohmen wurde gewöhnlich das erste Nachtlager genommen; daher war das Erbgericht dort jahrzehntelang das beste und bestempfohlene Gasthaus, und weil der wachsende Strom der Vergnügungsreisenden immer denselben Weg nahm, so sah sich wohl auch der Pfarrer von Lohmen, Karl Heinrich Nicolai (1739-1823), ein begeisterter Freund der Natur und ein guter Kenner des Gebirges, dadurch veranlaßt, den ersten Führer durch die Sächsische Schweiz zu schreiben unter dem Titel: „Wegweiser durch die Sächsische Schweiz, aufgestellt von C. H. Nicolai, Prediger an der Grenze dieser Schweiz in Lohmen. Pirna 1801.“ Das Büchlein, kurz und praktisch verfaßt, erlebte in seinem anspruchslosen Gewande mehrere Auflagen und beginnt seine Beschreibung mit dem Liebethaler Grunde. Seinem Beispiele folgten fast fünfzig Jahre lang alle späteren Wegweiser und Reiseführer, bis Dampfschiff- und Eisenbahnverkehr darin einen Wandel hervorriefen. Da wir uns im Liebethaler Grunde bereits im nördlichsten, also niedrigsten Teile des Sandsteingebirges befinden, so sind die Felshöhen auf beiden Seiten der Wesnitz nur etwa 40 _m_ über dem Wasser des Baches. Das Tal ist von Lohmen bis zur Grundmühle so eng, daß abgesehen von dem unteren Teil desselben, in dem sich die altberühmten Steinbrüche befinden, keine Fahrstraße im Grunde hingeführt werden konnte, und nur ein gutgepflegter Fußweg an den zwischen Felsblöcken dahinbrausenden Bache aufwärts leitet. Da die Hochflächen beiderseits guten Ackerboden haben, so liegen die Dörfer Lohmen und Daube auf der Südseite, Mühlsdorf und Liebethal auf der Nordseite hart am Grunde langgestreckt ausgedehnt, aber +oben+ auf den Ebenheiten, unten aber nur einige Mühlen, zu denen man auf Steintreppen hinuntersteigen muß. Nur in Lohmen führt eine Kunststraße mittelst Steinbrücke über das Wasser. Wenn man von der Nordseite kommt, hat man da, wo sich der Fahrweg zur Wesnitz hinunterzieht, das alte Schloß Lohmen (Abb. 90), lange der Sitz eines Amtsgerichts, in überaus malerischer Lage gerade vor sich. Unzählige Male ist von hier aus und dann unten vom Wasser aus, bei der Vordermühle, das auf einem fast überhängenden Felsen thronende Schloß gezeichnet und gemalt und gehört schon seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts in den illustrierten Reiseführern und in einzelnen von Dresdener Malern entworfenen Blättern zu den ersten landschaftlichen Zierden der Sächsischen Schweiz.
[Sidenote: Die kleinen Zuflüsse der Elbe.]
Hier seien zum Schluß die erwähnten Bäche nach ihrem Gefälle noch einmal mit der Elbe zusammengestellt:
Elbe 45 _km_, 1 : 4112. Kamnitz 34 „ 1 : 100. Kirnitzsch 21 „ 1 : 168. Sebnitz 15 „ 1 : 109. Polenz 11 „ 1 : 124.
Wenn schon hier bei verhältnismäßig bedeutender Wassermenge in den Bächen, die beständig fließen, die Wasserwirkung auf den Boden wesentlich geringer und demnach das Gefälle wesentlich stärker ist als in der Elbe, so daß man sagen muß, die Erosion der Bäche hat längst nicht gleichen Schritt halten können mit der der Elbe, so wird sich der Gegensatz noch mehr steigern bei den kleineren und wasserärmeren Bächen oder Rinnsalen, die aus dem Sandsteingebirge selbst kommen.
Nun ist die ganze rechte Seite des Stromgebietes der Elbe im Bereiche des Sandsteins viel ärmer an Quellen als die linke Seite, weil hier die undurchlässige Plänerschicht zu tief, zum Teil unter dem Elbspiegel liegt. Also ist der östliche Teil der Sächsischen Schweiz entschieden trockener, und beständig fließende Sandsteinquellen fehlen. Dazu ist nach der Eiszeit ein wesentlich trockeneres, steppenartiges Klima lange in Deutschland verbreitet gewesen, infolgedessen die Erosion nicht ununterbrochen, sondern stoßweise, nur gelegentlich nach plötzlichen stärkeren Niederschlägen erfolgen konnte. Es lagen also ähnliche meteorologische Verhältnisse vor wie in dem Becken auf dem nordamerikanischen Hochlande westlich vom Felsengebirge, wo namentlich im Flußbereich des Rio Colorado die merkwürdigsten unter dem spanischen Namen Cañon bekannten Felsenschluchten ausgehöhlt sind, mit denen die Felsengründe in der Sächsischen Schweiz eine unverkennbare Ähnlichkeit haben, wenn sie auch lange nicht so tief und wild sind und ihr starres Aussehen durch reichlichen Pflanzenwuchs gemildert ist. Doch darf man annehmen, daß in der späteren Diluvialzeit bei den viel geringeren Niederschlägen der landschaftliche Charakter, solange der Wald fehlte, dem der Cañons noch ähnlicher war.
[Sidenote: Der Uttewalder Grund.]
Der längste unter den ausschließlich im Sandstein liegenden Gründen ist der Uttewalder Grund. Der Name Uttewalde ist leider nach der gemeinen Aussprache des Personennamens Utte statt Otto im neunzehnten Jahrhundert erst offiziell vorgeschrieben, während bis dahin das Dorf, nach dem der Grund benannt ist, Ottowalde hieß. Derselbe Name kehrt in älterer Form, Oddo statt Otto, in dem oberrheinischen Odenwalde wieder. Die Richtung des höchstens 4 _km_ langen Uttewalder Grundes, dessen unteren Teil man höchst überflüssigerweise Wehlener Grund nennt, geht von Norden nach Süden. Im Sommer ist das Bachwasser gewöhnlich versickert und auf der Erdoberfläche nicht zu sehen. Es ist auch bezeichnend für die Wasserarmut, daß der Name des Baches nirgends genannt wird und daß man nur von dem Grunde spricht.
Daß dieser dem Wasser seinen Ursprung verdankt, ist zweifellos, und daß besonders nach starkem Sommerregen an der Mündung bei Wehlen bedeutende Schuttmassen aufgehäuft werden und an Weg und Steg im Grunde arge Verheerungen angerichtet werden können, ist im vorigen Jahrhundert mehrfach beobachtet worden. Ebenso kann das Wasser im Frühjahr nach der Schneeschmelze seine erodierende Wirkung zeigen; dann aber wieder scheint die Erosion monatelang zu schlummern. Jedenfalls nehmen die entstehenden Veränderungen und Vertiefung des Bachbettes lange Zeiten in Anspruch.
Im Gegensatz zu den dauernd fließenden größeren Bächen muß man, um von der Elbe her in den Grund zu gelangen, sofort in die Stadt Wehlen hinein bis auf den Marktplatz und von hier bis zum Fuß der alten Burg die erste Talstufe hinansteigen. Für die Ausmündung des Bachbettes liegt der Elbspiegel jedenfalls bereits zu tief oder mit anderen Worten: Das Elbtal ist den Sandsteinbächen gegenüber übertieft. Die Bächlein der Seitengründe haben mit dem Elbstrom in Bezug auf Erosion nicht gleichen Schritt halten können.
Die Seitengründe haben nicht bloß noch viel stärkeres Gefälle als die größeren Zuflüsse, sondern sie haben noch nicht einmal die einzelnen Absätze oder Talstufen, den horizontalen Sandsteinbänken entsprechend, überwunden; und wenn plötzlich ein stärkerer Wasserzufluß in diesen Gründen erfolgte, müßten zahlreiche Wasserfälle entstehen, die den größeren Bächen bereits fehlen. Und doch sind auch in so wasserarmen Gründen, wie der Uttewalder, so malerische Szenerien entstanden, wie sie nur irgend die Sächsische Schweiz bietet. Zu diesen malerisch schönen Gründen gehört auch der Uttewalder, wird aber vollends, weil er den Zugang zu der Bastei bildet, unter allen Gründen des Gebietes am meisten begangen. -- Sowie man bei der alten Burg Wehlen die erste Talstufe erreicht hat, wird der Grund ebener, ein breiter bequemer Talweg führt durch herrlichen gemischten Wald allmählich bergan. Im trockenen Bachbett zur Linken treten mehrfach die Sandsteinbänke als Stufen bis zu einem Meter Höhe auf, die vom Wasser noch nicht durchsägt oder allmählich abgeflacht sind. Man sieht aber, daß das Wasser, wenn es einmal größere Kraft zeigt, die unteren Schichten des Sandsteins unterhöhlen kann, bis die Wände, ihrer Stützen beraubt, von oben niederbrechen und mächtige Felsblöcke, denen man zur Unterhaltung der Fremden allerhand unpassende Namen gegeben hat, auf den Talgrund stürzen, wo die sieghafte Natur auch diese starren Massen mit dichten Moospolstern und Farnkraut überzieht oder sogar Nahrung für den Anflug von Tannensamen schafft, der sich zu stattlichen Bäumen entwickelt und wieder einen grotesken Schmuck des Grundes bildet. Denn in den Gründen ist es immer feucht, auch wenn fließendes Wasser fehlt, und statt der genügsamen Kiefer auf den Felsenhöhen siedelte sich im Tal gern die kräftigere hochstrebende Fichte an.
[Sidenote: Der Teufelsgrund.]
Weiter aufwärts verengt sich der Grund und die Felswände treten so nahe aneinander heran, daß nur ein Felsenspalt statt eines Tales übrigbleibt. Von oben hereingestürzte Blöcke haben den Talboden nicht erreichen können, sondern sind eingeklemmt so hoch in dem Spalte befestigt, daß man ungehindert durch dieses natürliche Felsentor hindurch und weiter talauf wandern kann. Die Seitenschluchten des Uttewalder Grundes, die alle auf der gleichen Hochfläche ihren Anfang nehmen, müssen bei kürzerem Verlauf auch stärkeres Gefälle haben und daher in verstärktem Maße auch die Erscheinungen kräftiger Talstufen und eingestürzter Felsmassen zeigen. So vor allem der Teufelsgrund, der in seinem oberen Teile eine ganz enge Felsschlucht bildet, die von hineingestürzten Felsblöcken dermaßen erfüllt ist, daß man künstlich einen Durchgang schaffen mußte, um unter und zwischen den Blöcken halb kriechend, halb steigend die Höhe gewinnen zu können.
[Sidenote: Der Zscherregrund.]
Einen ganz anderen Charakter trägt die Seitenschlucht, die etwa der Teufelsschlucht gegenüber von Nordosten her in den Hauptgrund mündet und Zscherregrund (Abb. 91) genannt wird. Hier fehlt das Gewirre von Blöcken, ein bequemer breiter Fußpfad führt in ihm bergan und bildet den nächsten Zugang zur Bastei. Steile, wenn auch nicht sehr hohe aber mehrfach überhängende Felswände begrenzen ihn. Die Felswände sind kahl, der reiche Pflanzenwuchs des Uttewalder Grundes fehlt, das Gestein sieht düster aus, erscheint an manchen Stellen wie geglättet, ob von Wasser oder Eis bleibe unentschieden, eigentliche Talstufen fehlen, denn der Weg steigt stetig aber allmählich an. Indes ist unverkennbar hier besonders am Fuß der Felswände zu sehen, daß ehemals ein kräftiger Bach den Grund durchflutet und Sand und Stein mit sich fortgeführt haben muß. Als Zeugen dafür dienen nicht bloß die geglätteten und unterwaschenen Wände, sondern auch das Vorhandensein eines noch teilweise wohlerhaltenen Riesentopfes, einer kesselartigen runden Vertiefung mit senkrechten Wänden, eingegraben in das feste Gestein. Derartige Riesentöpfe, wie sie namentlich im Hochgebirge gefunden werden und in viel größerem Umfange besonders im Gletschergarten bei Luzern weltbekannt sind, werden der Wirkung wirbelnden Wassers zugeschrieben, das in einer flachen Schale oder Mulde des Gesteins einen größeren Stein unaufhörlich im Kreise herumwälzt, bis dieser Mahlstein durch die beständige Reibung unter sich eine rundliche Vertiefung ausarbeitet, die sich immer mehr eingräbt, solange das Wasser mit gleicher Kraft auf den Stein und in die Vertiefung stürzt. Ob dazu immer ein senkrechter Strahl, ein Wasserfall erforderlich ist, kann fraglich erscheinen; denn auch in einem Bache, der in Stromschnellen stufenweise abwärts stürzt, können ähnliche Wirkungen erzielt werden. Es sei dabei an die merkwürdigen Erscheinungen bei den Katarakten des Rieslochbaches am Arber im Böhmerwalde hingewiesen, wo aus dem schäumenden Bache plötzlich fontänenartig mächtige Wasserstrahlen emporgeschleudert werden, die sich nur dadurch erklären lassen, daß im Felsbache des Bachbettes rundliche Vertiefungen entstanden sind, in die das Wasser stürzt und wieder herausgeschleudert wird.
Jedenfalls sind zur Bildung von Riesentöpfen beträchtliche Wassermassen erforderlich. Und daher erklärt sich wohl, daß auch der Riesentopf im Zscherregrunde auf einen früheren Wasserfall zurückgeführt wird. Allein dafür ist an dieser Stelle keine Möglichkeit vorhanden, da die Felsbänke über dem Riesentopfe überhängen, also das von ihnen etwa herabfließende Wasser gar nicht die Öffnung der runden Vertiefung treffen könnte. Andererseits muß aber, nachdem der Kessel schon ausgehöhlt war, noch lange Zeit hindurch der Bach des Zscherregrundes über den Riesentopf hinweggeströmt sein, denn er hat durch langsame Erosion den oberen Teil des Kessels wieder abgeschliffen und zwar, weil er sich immer mehr an die Felswand herangedrängt hat, in ganz schräger Richtung. Der obere Topfrand ist also in einem starken Winkel abgeschliffen. Wir würden uns mit dieser Frage nicht so eingehend beschäftigt haben, wenn auch jetzt noch ein Bach durch den Grund flösse, also auch heute noch die Hochflächen nach der Bastei zu, von denen das Wasser abfließen müßte, wasserreich wären. Allein das Gegenteil ist der Fall! Gerade das ganze Gebirge in der Umgebung der Bastei mit seinen wild zersplitterten Felsmassen, -Wänden und -Türmen (Abb. 92, 93 u. 95) gehört zu den wasserärmsten Gebieten des ganzen Sandsteingebirges. Auch kann der Grüne Bach, der den Amselfall (Abb. 96) bildet, nicht als Ausnahme herangezogen werden, denn er hat seine Quellen nördlich von Rathewalde im Granit.
[Sidenote: Wasserarmut im Gebirge.]
Es bleibt also keine andere Erklärung für den ehemals größeren Wasserreichtum und seine noch jetzt sichtbaren Spuren, als daß die Höhen um die Bastei vergletschert waren, und daß das Wasser mit dem Verschwinden des Eises nach den niedriger gelegenen, zuerst eisfrei gewordenen Gegenden abfließen konnte. Es wird dies um so eher verständlich, wenn man die weite Verbreitung des Inlandeises ins Auge faßt. „Es verbreitete sich (nach Penck) über das ganze sächsische Mittelgebirge und reichte bis zum erzgebirgischen Becken, es legte sich auf die Höhen der Sächsischen Schweiz und verhüllte fast gänzlich die Lausitzer Platte; es stieg so hoch am Saume des Lausitzer Gebirges an, daß es die an 500 _m_ heraufreichenden Pässe desselben überschreiten konnte.“
Alle typischen Formen von Schluchten sind somit im Uttewalder Grunde mit seinen Nebentälern vertreten; aber die Wasserwirkungen sind seit sehr langer Zeit auf gelegentliches Auftreten beschränkt. Die ungeheuere Zersprengung der Felsen des Basteigebietes muß daher anderen Ursachen zugeschrieben werden. -- Nun herrscht aber auch um den Winterberg in dem weiten Gebiet zwischen Kamnitz und Kirnitzsch der gleiche Wassermangel. Abgesehen von einigen Quellen auf dem Basaltboden des Großen Winterberges ist hier so wenig Feuchtigkeit in den Gründen anzutreffen, daß diese wenigen Stellen sofort in der Namengebung als „nasser Grund“, „nasse Schlüchte“ zu erkennen sind. In der Zerklüftung des Gesteins gleicht das Winterberggebiet vollkommen dem an der Bastei.
[Sidenote: Der Große Zschand.]
Für die geringe Tätigkeit des rinnenden Wassers, abgesehen von einzelnen starken Sommerregen, oder im Frühjahre bei Schneeschmelze, kommt endlich noch in Betracht, daß die Sandsteinbänke rechts von der Elbe fast vollkommen wagerecht liegen, daß also der Ablauf des Regenwassers, soweit es nicht im lockeren Sande versickert, durch eine natürliche Neigung des Bodens nach keiner bestimmten Richtung vorgeschrieben ist, daß also ein Gefälle des Wassers eigentlich nicht vorhanden ist. Kleine Unebenheiten auf der Oberfläche der Ebenheiten sind dann die Veranlassung zu den ersten Anfängen der Erosion und zur Entstehung von Schluchten. Die langsame Entwässerung der Sandsteinmassen ostwärts von den Schrammsteinen, die sich kaum oberirdisch vollzieht, zeigt eine unendliche Zersplitterung in kleine Tälchen nach allen Richtungen; nur um den Großen Zschand gruppieren sich zahlreiche Schluchten, die von rechts und links, aber ohne Wasser, einmünden. Es ist ein Flußsystem ohne Flüsse, das einzige in seiner Art, das ganz dem Sandstein angehört. Der Talboden im Großen Zschand ist scheinbar ziemlich wagerecht, aber er steigt doch gegen Süden von der Kirnitzsch bis zur Wasserscheide um 150 _m_ an.
[Sidenote: Der Große Dom.]
Von der Wasserarmut in diesem Gebiet noch ein bemerkenswertes Beispiel. Westlich vom Kleinen Winterberge liegt der Große Dom, ein Felsenkessel, der von hohen Sandsteinklippen und -Türmen (Abb. 97) auf drei Seiten umschlossen ist. Die Talseite ist außerdem noch durch riesig große Blöcke, die von den Seiten hineingestürzt sind, dergestalt abgesperrt, daß ein innerer, rundlicher Platz entsteht, auf dem mächtig hohe alte Tannen emporsteigen. An der Westseite kann man auf einer Flucht von kühn angelegten Stein- und Holzstufen zur Höhe des Felsengrundes gelangen und bemerkt nun, daß man sich in einem Hochtale befindet, das in der Mitte die natürliche Tiefenlinie eines Rinnsals hat und auf den Seiten wieder von einer Reihe niedriger Klippen eingefaßt ist. Der Dom bildet also den mittleren Teil eines Erosionstales, aber liegt um 80 _m_ niedriger als das obere Hochtal. Nun wird uns erst verständlich, woher im Dom an der hinteren Felswand aus einer Spalte der dünne Wasserfaden rinnt, um unter Moos und Steinen bald zu versickern. Bei der Seltenheit des Wassers in der ganzen Umgebung hat man diesen Quell zu fassen vermocht, daß er auf einer dünnen Holzrinne aus dem Felsen abfließt und in feuchteren Jahren von den Besuchern des Domes als eine Erfrischung aufgesucht wird, während in trockenen Jahren das Wasser völlig versiegt. Ob gegenwärtig dieser Wasserfaden noch im Boden sich eingraben kann und überhaupt auf die Bodengestalt eine und sei es auch die geringste Wirkung ausüben kann, möchte ich bezweifeln. Übrigens können in engen Schluchten und Grotten, wohin kein Sonnenstrahl dringen kann, die Sickerwässer im Winter gelegentlich märchenhaft schimmernde Eisgebilde schaffen, wie in der Eishöhle in der Weberschlüchte (Abb. 98).
[Sidenote: Die Biela.]
Das Sandsteingebiet auf der linken Seite der Elbe ist bedeutend wasserreicher, daher hier die Bodengestalt eine andere. Die Ursache des größeren Quellenreichtums ist, wie schon mehrfach ausgesprochen, in der zu Tage tretenden Plänerschicht zu suchen, auf der fast sämtliche Quellen ihren Ursprung haben. Dazu gehören in erster Linie die Quellen, die nach allen Seiten aus der Umgebung des Schneeberges abfließen und größere Bäche bilden, vor allem die Biela mit dem Cunnersdorfer Bache und der Krippenbach. Ferner müssen, wie von Gutbier hervorhebt, die prächtigen Quellen erwähnt werden, die in der Umgebung der Schweizermühle (Abb. 99) hervortreten und zur Begründung der dortigen Wasserheilanstalt Veranlassung gaben. Sodann die Quellen in der Umgebung von Hermsdorf und diejenigen, die das versumpfte Terrain am Dorfe Leupoldishain bilden; sie entspringen jedenfalls auf den Plänerlagen. Dann die reichen Quellen der Wasserheilanstalt Königsbrunn im Hüttental, ein am südlichen Abhange der Festung Königstein vorbrechender starker Quell, ein eisenhaltiger Brunnen im Städtchen Königstein am Fuße des Pfaffenberges, die Quellen bei Naundorf und Kleinstruppen, die Quellen bei Pirna, aus denen die Stadt mit Wasser versorgt wird.
Die erwähnten Bäche dieses Gebietes führen beständig Wasser und haben einen drei- bis viermal so langen Lauf als die sandgeborenen Bächlein östlich von der Elbe. Der längste Bach, die Biela, die oberhalb Eiland entspringt, hat eine Länge von 17 _km_. Von Eiland, wo der Talboden noch 440,6 _m_ hoch liegt, bis zur Mündung in Königstein (118,8 _m_ über Meer) sinkt der Bachspiegel um mehr als 300 _m_ und daher beträgt das Gefälle 1 : 53, ist also noch einmal so bedeutend als bei der Kirnitzsch und Polenz. Betrachtet man das Quellental der Biela oberhalb Eiland, wie es mit einemmale tief zwischen Felsen eingesenkt erscheint, so möchte man meinen, es fehle das eigentliche Quellgebiet, das wir auf der Hochebene suchen müßten. Dazu zeigt die gleiche Richtung des Oberlaufes der Biela, des Cunnersdorfer- und Krippenbaches, daß dieselbe durch die Bodengestalt vorgeschrieben ist. Zugleich erinnern wir uns, daß die Sandsteinbänke dieser Seite bei der Hebung des Erzgebirges mit gehoben sind und sich nach Nordnordost senken. Größerer Wasserreichtum und schräggeneigter Boden mußten die Erosion kräftiger gestalten und das nachfließende Wasser mußte die Kraft haben, einen Teil des verwitterten und aufgelösten Gesteins mit fortzuführen. Daher mußte auf dieser Seite die Zerstörung des Gebirges viel weiter vorgeschritten sein; es mußten vor allem die der Dürre zugeschriebenen Cañons der rechten Elbseite wenn auch nicht ganz fehlen, aber doch viel seltener erhalten sein: kurz das Wildgroteske der Landschaft östlich von der Elbe mußte hier zurücktreten, folglich mußte aber diese Seite weniger besuchenswert erscheinen. Und so kann es uns nicht mehr befremden, zu sehen, daß der Begriff der Sächsischen Schweiz ursprünglich nur dem östlichen Teile des Sandsteingebietes galt, wo wilde, klippenreiche, enge Gründe, Felsenkessel und Felstürme häufiger anzutreffen waren. Westlich der Elbe sind statt der Klippenreihen nur einzelne Felsmassen als „Steine“, die aus den Hochflächen hervorragen, erhalten geblieben; und dies trotz alledem, daß links der Elbe, dank der Hebung des Erzgebirges, die Sandsteinbänke höher emporgehoben, also auch die höchsten Punkte des Gebirges, den Hohen Schneeberg und Großen Zschirnstein umfassen.
[Sidenote: Gottleuba.]
[Sidenote: Langenhennersdorfer Tal.]