Dresden und die Sächsische Schweiz
Part 10
Wie die Wesnitz am rechten Elbufer, so berührt auch die Gottleuba auf dem linken Ufer auf nur kurzer Strecke das Sandsteingebiet. Ihre Quellen liegen schon im Erzgebirge. Aber beider Bäche Umgebung zeigt auch darin eine Ähnlichkeit, daß wir den ehemals berühmteren Liebethaler Steinbrüchen die gegenwärtig noch bedeutenderen Brüche von Rottwerndorf gegenüberstellen können, die aber, obwohl auch sehr sehenswert, doch nie das Ziel bewundernder Naturfreunde geworden sind. Nur eine Merkwürdigkeit muß noch im Gottleubatal Erwähnung finden, nämlich der Langenhennersdorfer Wasserfall, der einzige natürliche Wasserfall in der ganzen Sächsischen Schweiz, der also nicht bloß, wie alle anderen, durch Stauwasser gebildet wird. Der Langenhennersdorfer Bach entspringt im Sandsteingebiet, fließt durch das langgestreckte Dorf, das ihm den Namen gegeben und stürzt sich dann über die Sandsteinbank unmittelbar in den Gottleuber Grund. Dieser Grund gehörte noch vor vierzig Jahren zu den besuchtesten Partien des Gebirges. Die wasserreiche Gottleuba schäumte in einem von riesigen Edeltannen bestandenen Grunde, durch den ein wenig gepflegter Fußpfad zwischen Felsblöcken und üppigem Gebüsch aufwärts führte, zwischen bemoosten Steinmassen talabwärts und nahm den zeitweilig wasserreichen Hennersdorfer Bach in einer einsamen, aber höchst malerischen Umgebung in sich auf.
Jetzt zieht die Eisenbahn durch den engen Grund, Hotels und Fabrikanlagen sind entstanden, das Bachbett ist zwischen Steinmauern gefesselt und der unnützen Felsblöcke entledigt, der hohe Tannenwald ist gefällt, das Wasser des Baches ist wie verschwunden. Daher sagt O. Lehmann mit Recht: „Der Besuch des Falls ist selbst nach starkem Regen kaum noch lohnend, da der Fall infolge des Straßenbaues und der Entwaldung die früher schöne Umgebung gänzlich verloren hat.“ Wer aber diese Landschaft noch in ihrer ganzen Pracht gesehen hat, denkt nur noch mit Wehmut an die verschwundene Herrlichkeit und wünscht, es möchten solche Meisterstücke der Natur ebenso wie die Denkmäler alter Kunst von seiten des Staates vor der Vernichtung geschützt werden können.
Doch ist glücklicherweise das Tal der Gottleuba nicht das einzig sehenswerte auf dieser Seite der Elbe gewesen. Das obere Bielatal, namentlich südlich und in der Nähe der herrlich gelegenen Wasserheilanstalt Schweizermühle, ist reich an grotesken Felsbildungen (Abb. 100), die in ihren abenteuerlichen Formen leider nur zu leicht die Veranlassung wurden, daß diesen Felstürmen oder Säulen allerhand zum Teil recht abgeschmackte Namen erteilt worden sind. Aber damit sind die romantischen Talbildungen auch erschöpft, denn alle übrigen Täler sind an den Seiten von dichtem Wald bekleidet, aus dem selten noch ein Felsen oder eine Steinwand aufragt; dagegen ist diese Seite des Gebirges reicher an ausgedehntem Hochwald, und Freunde einer stillen Waldespracht durchstreifen gern diese Einsamkeiten, in denen nur selten, wie etwa am Krippenbache, eine einsame Mühle steht, wie die Forstmühle oder die uralte Rölligsmühle, die seit mehr als dreihundert Jahren im Besitz derselben Familie Röllig sich erhalten hat.
VII.
Klüfte und Verwitterung.
„Der hervorstechende Charakter dieser Berge und der zunächst daranstoßenden Gründe ist Verwüstung und Untergang im großen und kleinen.“
_M._ +Chr. Weiß.+
[Sidenote: Klüfte und Verwitterungen.]
Aus unseren bisherigen Betrachtungen hat sich ergeben, daß zur Bildung der Oberflächengestalt der Sächsischen Schweiz das fließende Wasser, namentlich der Elbe, sehr viel beigetragen hat und daß auch ihre Nebenflüsse mitgewirkt haben, daß aber der Betrag ihrer Leistungen mit der geringeren Wassermenge, über die sie verfügen, abnimmt. Die Erosionsarbeit an den Nebenflüssen ist größer als bei deren Zuflüssen.
Bei der Elbe ist die Durchsägung des Gebirges vollendet, bei den Nebenflüssen noch nicht; bei deren Zuflüssen hat sie kaum begonnen. Mit Abnahme der überhaupt vorhandenen Wassermengen hat die Tätigkeit der Nebenflüsse mit der des Hauptstromes nicht gleichen Schritt halten können. Das ist am klarsten bei der Größe des Gefälles zu erkennen. Wenn hier wenigstens noch ein Verhältnis von 1 zu mehr als 100 festgestellt werden konnte, so beträgt das Gefälle in manchen Seitenschluchten gar 1 : 6 oder 1 : 4.
Die Möglichkeit einer noch weiterhin wirkenden Erosion und damit einer weiteren Modellierung des Reliefs ist damit gegeben. Die Abtragung und Umgestaltung des Sandsteingebirges wird also seinen stetigen, wenn auch sehr langsamen Fortgang haben.
Aber es treten auch noch andere Kräfte und andere Ursachen hinzu, die eine allmähliche Vernichtung der Gebirgsgestalt herbeiführen und zwar schneller als in den benachbarten Gebirgen, in der Lausitz und im Erzgebirge, in denen weit festere, widerstandsfähigere Gesteine vorherrschen als in der Sächsischen Schweiz.
[Sidenote: Der Quadersandstein.]
[Sidenote: Die Entstehung der Klüfte.]
Von dem allergrößten Einfluß ist hier die uranfängliche Schichtung des Gesteins in wagerechte Bänke und die sehr frühzeitig hinzugetretene Zerklüftung der Bänke durch meist senkrechte Spalten. Diese zahlreichen senkrechten Klüfte, die in Verbindung mit den wagerechten Schichtenfugen die Sandsteinbänke in Quader zerlegen, wonach dieser Kreidesandstein als Quadersandstein bezeichnet und das Gebirge auch wohl ein Quadergebirge genannt wird, sind nirgends mit Verschiebungen verknüpft, dürfen also nicht, wie es noch durch Gutbier geschah, einfach dadurch erklärt werden, daß die Meeresablagerungen, sobald sie aus dem Wasser auftauchten und allmählich austrockneten und sich daher zusammenzogen, Risse bekommen hätten, die wir nun als Klüfte bezeichnen. Denn unter solchen Umständen wäre die große Regelmäßigkeit der Kluftrichtungen durchaus nicht zu erklären. Vielmehr müssen zur Erklärung die geologischen Kräfte herangezogen werden, durch die überhaupt die Sandablagerungen aus dem Wasser gehoben wurden.
Wenn wir nun sahen, daß die erzgebirgische Hebung in der Richtung von Westsüdwest nach Ostnordost erfolgte, und daß die eine Hauptkluftrichtung im Sandstein genau dieselbe ist, so suchen wir dafür die einfache Erklärung, daß beide Erscheinungen, Gebirgserhebung und Kluftrichtung, auf diese Ursache zurückführen.
Nun erfolgte aber die Überschiebung des Lausitzer Granits in der Richtung von Südost nach Nordwest, und in derselben Richtung sehen wir eine zweite Hauptrichtung der Klüfte im Sandstein verbreitet. Wir können auch diese beiden Erscheinungen wieder in denselben Zusammenhang bringen und erkennen zugleich, daß die Entstehung der Klüfte in die Tertiärzeit zurückreicht, daß also damals, als die Elbe über den noch viel niedrigeren Ebenheiten ihre erodierende Arbeit begann, sie bereits ein stark zertrümmertes Gestein vorfand, das sie mit ihren Wasserfluten bewältigen und fortführen konnte. In die entstandenen Klüfte ist damals auch an vielen Stellen der Basalt von unten her eingedrungen, hat aber nur selten die Oberfläche des Sandsteins erreicht.
Da die Hauptrichtungen der Klüfte sich fast rechtwinkelig durchschneiden, so können dadurch merkwürdige Bildungen der Felswände entstehen.
[Sidenote: Der Gorisch.]
Die beste Vorstellung von der Gruppierung der Klüfte gewinnt man aus der Betrachtung eines Grundrisses, wie ihn von Gutbier vom Gorisch entworfen hat (Geographische Skizzen S. 31, vergl. Abb. 94). Zur Erläuterung fügen wir seine eigenen Worte hier an. „Um auf hinreichend großem Raum das gegenseitige Verhalten jener Absonderungen (Klüfte) zu beobachten, war der Gorischstein, welcher gegen eintausend Quadratruten (fast zwei Hektar) Felsoberfläche bietet und nur mit niedrigem Strauchwerk, Heidelbeergestrüpp und Heidekraut bewachsen ist, am besten geeignet. Der Gorisch verdient besondere Beachtung wegen der Wildheit, welche ihm die größte Unebenheit seiner Platte und die zahlreichen weiten und tiefen Klüfte verleihen, zugleich wegen der Regelmäßigkeit, welche dennoch in dessen Absonderungen herrscht. Die durch diese Beschaffenheit wesentlich erschwerte Aufnahme dieses Felsens wurde mit Meßtisch und Kette in großem Maßstabe ausgeführt und dann reduziert.“
„Die eine Absonderung streicht aus Nordwest in Südost, die andere aus Nordost in Südwest. Diese Klüfte aus Nordost in Südwest sind am häufigsten, aber die anderen von Südost in Nordwest wichtiger, denn in dieser Richtung ist der Felsen in zwei Teile getrennt und hat in ebenderselben seine längste Erstreckung.“
An diese allgemeinen Beobachtungen fügt von Gutbier dann noch die beachtenswerte Bemerkung: „Es bewährt sich hierbei wieder die alte Regel der das Gebirge am besten kennenden Forstmänner: Die Klüfte, welche an einer Seite der Felsen den Aufweg möglich machen, gestatten gewöhnlich auf der anderen Seite das Herabsteigen.“
Man darf aber nicht meinen, die Beobachtung dieser Erscheinungen komme in der Landschaft nicht zum Ausdruck. Wir wollen gleich das auffälligste Beispiel voranstellen. Man kann sich wohl vorstellen, daß, wenn wie am Gorisch die Klüfte sich fast rechtwinkelig schneiden und diese Klüfte an den aufragenden Felsen und „Steinen“ bis auf den Schuttkegel heruntergehen, dann solche eigentlich von der Hauptmasse des Felsens schon abgelöste Quadertürme niederbrechen und die rechtwinkeligen Lücken als ihren ehemaligen Standort noch lange Jahre erhalten. Das zeigt sich nun auf der Südseite der Felswände am Königstein, die geradezu im Zickzack verlaufen, was man besonders bei abendlicher Beleuchtung vom Pfaffenstein aus beobachten kann, wo die Felswände in gleichen Abteilungen beleuchtet sind oder im Schatten liegen. An anderen Orten treten aus den Felsmassen einzelne sich immer mehr verjüngende Pfeiler vor; so etwa am Heringsgrunde oberhalb Schmilka, in der Richtung nach der Heiligen Stiege. Es kann schließlich auch alles Gestein neben dem vordersten Pfeiler niedergebrochen sein; dann bleibt ein einzelner Turm stehen und „zeugt von verschwundener Pracht“. Dafür bietet der Felsenturm auf der senkrecht zerklüfteten Wand rechts vom Eingange in den Großen Dom ein schönes Beispiel oder die Barbarine am Pfaffenstein (Abb. 101) oder der Felsenturm an der Heiligen Stiege (Abb. 102) oder am Wildschützensteige (Abb. 103), den die Gebirgsvereinssektion Postelwitz am Fuße der Schrammsteine angelegt hat, oder der Bloßstock (Abb. 104), d. h. der alleinstehende Fels an den Klippenausläufern des Kleinen Winterberges, oder der Zuckerhut am Gabrielensteige (Abb. 105) im Prebischgrunde.
Wenn nun auch in der Regel die Klüftung von oben nach unten senkrecht verläuft, so ist gleichwohl doch nicht im entferntesten an eine Gleichmäßigkeit zu denken oder daß die Klüfte in annähernd gleichen Abständen niedergehen. Sie sind vielmehr häufig gesellig, dicht nebeneinander mehrere, und dann erst wieder in weiterer Entfernung. Wo sie nun gesellig auftreten, wird natürlich das Gestein der Felswand am meisten in kleinere Quadern zerlegt und diese verlieren, da die Verwitterung leichter in die wagerechten Schichten eindringen kann, leicht ihren Halt und brechen heraus. Da unten am Boden bei größerer Feuchtigkeit die Auflösung des Gesteins rascher fortschreitet, brechen am ehesten unten einzelne Quadern aus ihrem Zusammenhange und bilden so, bei fortschreitender Zerstörung, den Anfang einer Schlucht.
[Sidenote: Das Uttewalder Tor.]
Oben können Blöcke eingeklemmt bleiben und erreichen, wenn sie auch niederbrechen, doch nicht den Boden, sondern zeigen uns das Bild des Uttewalder Tores (Abb. 106), das nicht einzig in seiner Art dasteht und sich mehrfach, wenn auch in bescheideneren Verhältnissen, wiederholt.
Auf dem genannten Bilde sind die wagerechten Bänke mit der an den Schichtenfugen deutlich sichtbaren Verwitterung durch gesellige Klüfte von oben nach unten gespalten, aber die dadurch entstandenen kleineren Quader in den vorderen Lagen bereits niedergebrochen. Es ist also der Anfang einer Schlucht gemacht.
[Sidenote: Kluftrichtung im Zscherregrunde.]
[Sidenote: Zusammengebrochene Wände.]
Die Klüfte brauchen aber nicht, wie auf dem Grundriß, immer rechtwinklig gleichsam in die Felswände einzudringen. Die vorliegende Erscheinung ist durch die Richtung des Uttewalder Tales bedingt. Wo die Gründe in anderer Richtung streichen, wie im Zscherregrunde, kann die Klüftung parallel der dem Grunde zugekehrten Wandfläche erfolgen und dann löst sich eine große Tafel dermaßen von dem dahinter liegenden Bergmassiv ab, daß man hinter der Tafel durchschlüpfen kann, besonders wenn die Tafel sich noch etwas nach vorn geneigt hat infolge des ehemals den Grund unterwaschenden Baches. Dieses schöne Beispiel im Zscherregrunde hat leider den geistlosen Namen „Die Schiefertafel“ erhalten. Viel häufiger aber kommt es vor, daß geneigte Felspfeiler niederbrechen, aber ihren Zusammenhang behalten und unten am Boden sich schräg an die unerschütterlich feststehende Felswand anlehnen, oder daß mehrere Felsmassen bei ihrem Sturze schräg gegeneinander geneigt bleiben und unechte Höhlen bilden, wie es dergleichen viele in der Sächsischen Schweiz gibt. Dieses schräge Anlehnen größerer Felsmassen und Gegeneinanderfallen von Steinwänden ist nirgends so häufig und so dicht nebeneinander eingetreten als bei Tyssa (Abb. 107); man möchte sagen, eine ganze Felsenwelt sei hier zusammengebrochen und habe so ein Labyrinth von Felsen, Wänden und Steintürmen geschaffen, daß man sich in diesen Höhlen und Felsengen nur mit dem Kompaß zurecht finden kann. Ähnlich liegen auch im „Labyrinth“ bei Hermsdorf, ebenfalls in der Nähe des Bielatales, die Felsmassen durch- und übereinander, daß man unter und zwischen ihnen hindurchschlüpfen kann und sich nur mittels der zahlreich an den Felswänden angebrachten Wegemarken aus diesem Wirrsal wieder heraus zu finden vermag. Auch die Kamine, Spalten und Pfeiler am Pfaffenstein zeigen ähnliche Bildungen. Die Schwedenlöcher an der Bastei und der Teufelsgrund bei Wehlen gehören auch hierher. Ein historisch noch besonders merkwürdiges Beispiel bildet die Götzinger-Höhle (Diebeskeller, Abb. 108) am Abhange des Kleinen Bärensteins. Hier ist durch das Zusammenstürzen oder Gegeneinanderfallen der Wände eine größere, in der Mitte höher gewölbte Höhle gebildet, in der der Gebirgsverein eine Gedenktafel mit folgender Inschrift hat anbringen lassen: „Dem Andenken | Wilhelm Leberecht Götzingers | der hier die erste Anregung empfing | zur Erforschung | der Naturschönheit der sächs. Schweiz | weihte diesen Ort |am 12. Sept. 1886 | der Gebirgsverein für die sächs.-böhm. Schweiz.“ -- Der Tag wurde gewählt, weil hundert Jahre vorher Götzinger die Vorrede zu seinem ersten Werke, in dem er die Schönheiten des Gebirges pries, am 12. September unterschrieben hatte und der Ort für besonders geeignet gefunden, für Götzinger eine ehrende Gedächtnistafel anzubringen, weil in seinem Werke „Schandau“ gerade der Besuch dieser Höhle als die besondere Veranlassung bezeichnet ist, wodurch vor allem in Götzinger die Bewunderung und Liebe für sein schönes Heimatland erregt wurde. Er schreibt darüber: „Einige zusammengestürzte, sehr große Felsenbänke bilden hier eine große hohe Höhle, durch welche man ganz hindurch gehen kann und welche so geräumig ist, daß sie oft zum Notstall der Thürmsdorfer Schäferei gebraucht wird... Die Außenseite der anlehnenden Wand zeigt ganz besondere eingefressene Figuren (Auswitterungen), welche auf der einen Seite viele Ähnlichkeit mit einem großen Wespenneste haben, und auf der anderen Seite wie die in Holz eingefressenen Fahrten des Holzwurmes aussehen, die in Menge übereinander laufen und welche inwendig viel weiter sind als ihre Öffnungen ...“
[Sidenote: Die Götzinger-Höhle.]
„Ich verlasse diese Höhle aber nicht ohne frohes -- innig dankbares Andenken an die Jahre meiner Kindheit. -- Bilder der Erinnerung meiner frühesten Lebensjahre, ihr steht vor mir, so oft ich dieser Höhle und seiner Umgebungen gedenke! -- In dem benachbarten Dorfe Struppen geboren und acht Jahre darin erzogen, hörte ich schon als Kind von dieser Höhle sprechen, und da ich von einem Vater meine erste Geistesbildung erhielt, der selbst ein so warmer Freund der Natur war und so gern und so oft unter ihren Schönheiten wandelte, so hielt es nicht schwer, die Erlaubnis zu einer kleinen Reise nach dieser Höhle zu erhalten. -- Es war meine +erste+ Naturreise, denen so viele gefolgt sind. -- Wie ich mit stummem Erstaunen vor ihr und in ihr stand, und es gar nicht begreifen konnte, wie man so etwas habe bauen können; und wie ich in der Folge diese Höhle und diese Felsen mit meinen Gespielen mehrmals besuchte; wie gerade diese Höhle mich auf die Natur und auf die sonderbaren Gestalten immer aufmerksamer machte, die sie in der Gegend umhergestellt hat; wie dadurch der Geschmack an den Freuden der Natur und die Liebe zu ihr in mir erweckt, erwärmt und immer mehr gebildet ward; wie ich da so oft auf hohen Standpunkten dieser Gegend und besonders vom Königstein herunter, in dem Anschauen ihrer nahen und fernen Reize versunken war; -- das alles kommt mit den Erinnerungen an diese Höhle und ihre Umgebungen lebhaft in mein Gedächtnis und geht in den innigsten Dank gegen den Urheber meines Daseins über, das gerade in dieser die Aufmerksamkeit so sehr aufreizenden Gegend seinen Anfang nehmen mußte. -- Die Anhänglichkeit an die Schönheiten der Natur hat so viele reuelose Freuden über mein Leben verbreitet, so viel Aufheiterung und Erquickung in mein oft gebeugtes Herz gegossen und selbst zur Bildung meines Geistes und Herzens so vieles beigetragen, als daß ich an der Stelle, bei welcher der erste Grund dazu gelegt ward, nicht ihrer dankbar erwähnen sollte. -- Jeder gute, jeder wahre Freund der Natur und ihres Schöpfers wird mir es daher gewiß gern verzeihen, wenn ich mit diesen Rückblicken auf mich und meine frühesten Jahre die Beschreibung unterbreche. Er wird mich verstehen.“
* * * * *
[Sidenote: Schräge Klüfte.]
Bisher sind eigentlich nur die Erscheinungen und Wirkungen der senkrechten Klüftungen geschildert; aber es kommen auch zahlreiche schräge Klüftungen vor, die aber gegen das Gesamtbild der Steinwände nur als Ausnahmefälle gelten können. Nur wo an größeren Steinmassen, wie z. B. am Großen Bärenstein (Abb. 109), die schräge Richtung jedem Beschauer in die Augen fallen sollte, ist sie wohl beobachtet worden. Die meisten Wanderer gehen achtlos daran vorüber. Nun hat zwar Gutbier (Abb. 19, S. 35) eine Zeichnung von der Südwestseite des Naundorfer Großen Bärensteins gegeben, auf der die schräge Zerklüftung neben der senkrechten in auffälliger Weise zur Anschauung gebracht ist, allein das Bild ist nicht getreu und gibt eine falsche Vorstellung, fast als ob die schrägen Wände eben noch im Fallen begriffen wären. In Wirklichkeit erscheint, von derselben Seite aufgenommen, die Felsenwand des Bärensteins doch anders. Und hier sieht man namentlich auf der rechten Seite des Bildes die senkrechten und schrägen Klüfte in merkwürdiger Weise wechseln. Die Ursache dieser Erscheinung harrt noch der Erklärung.
[Sidenote: Die Verwitterung.]
Eine sehr merkwürdige Vereinigung der verschieden gerichteten Schichtung trifft man im Hochtal oberhalb des Großen Domes (Abb. 110). Unten erblicken wir in der Mitte des Bildes die wagerechten Bänke der Sandsteinablagerungen, durch Verwitterung unterhöhlt, weil Wasser aus dem Gestein sickert. Darüber die etwa unter einem Winkel von 45° aufsteigende schräge Kluftbildung und linker Hand die Anfänge von Schluchtenbildung bei senkrechter Zerklüftung der hier wieder wagerecht liegenden Bänke. Gerade die Mannigfaltigkeit dieser verschiedenen Kluftbildungen mußte zur Zerstörung größerer Steinmassen wesentlich beitragen und dadurch die unglaubliche Abwechselung in der Gestaltung der erhaltenen Trümmer erzeugen, die immer von neuem die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Menschen reizte, je nach der Leistungsfähigkeit ihrer Phantasie, den abenteuerlichen Steingebilden passende und unpassende Namen zu erteilen, die einmal gegeben, von Mund zu Mund weiter gingen und sich einbürgerten. Hier könnten vor allem die Verfasser von Führern und Wegweisern durch die Sächsische Schweiz zur Beseitigung zunächst der ganz unpassenden oder zwecklosen Namen beitragen, indem sie dieselben grundsätzlich nicht mehr erwähnen.
Die Zerklüftung und Schichtung schafft eckige Formen, die Verwitterung in der Regel rundliche.