Dresden und die Sächsische Schweiz

Part 8

Chapter 83,038 wordsPublic domain

Als die Elbe dann über die noch gegenwärtig erhaltenen Ebenheiten hinwegfloß, hat sie dort zuerst eine oft mehrere Meter dicke Schicht von Flußschottern und Sanden abgelagert und diese dann wieder mit fruchtbarem Lehm überdeckt. Daß diese Schotter von der Elbe gebildet sind, wird dadurch erwiesen, daß sie aus denselben Gesteinen zusammengesetzt sind, die noch jetzt im Flußbett abgelagert werden und daß diese reichlich von böhmischen Gesteinen, Basalte und Klingsteine, durchsetzt sind, die nur durch fließendes Wasser herbeigeführt sein können. Derartige Schottermassen liegen 50-150 _m_ über dem jetzigen Elbspiegel, zum Beispiel am Cunnersbache beim Dorfe Cunnersdorf, am oberen Krippenbache (250 _m_ ü. M.), auf der Ebenheit bei dem Dorfe Ostrau auf der sogenannten Ostrauer Scheibe bei Schandau, bei Rathmannsdorf (235 _m_ ü. M.), Weißig (186 _m_), Waltersdorf und auf beiden Seiten der Elbe bei Pirna, also auf den Ebenheiten von Kopitz und Pirna.

Daß nun aber in der auf die Tertiärzeit folgenden quartären Periode, in der Eiszeit, als die von Skandinavien über ganz Norddeutschland südwärts bis an den Fuß der mitteldeutschen Gebirge vorgeschobenen Massenströme von Binnenlandeis auch die nördlichen niedrigen Teile des Sandsteingebirges etwa bis zum Fuße des Liliensteines bedeckten, die Elbe noch über die Ebenheiten floß, geht daraus hervor, daß sich hier nordische Geschiebe mit dem böhmischen Geröll mischen.

Demnach ist das jetzige Elbtal nach der Eiszeit etwa bis zu dem Niveau eingeschnitten, das es noch jetzt innehält. Das Flußtal gehört also in seiner jetzigen Gestalt der jüngsten geologischen Zeit an. Die Lehmlager auf den Hochflächen sind aber die Grundlage für den Ackerbau, für die Ansiedelung der Menschen. Wo der Sand vorherrscht, breiten sich nur die Nadelwälder aus.

[Sidenote: Basalte in der Sächsischen Schweiz.]

Als ein fremdes Gestein erscheint nun an manchen Stellen, namentlich auf oder an den höchsten Gipfeln, Basalt, der von unten her während der Tertiärzeit in Klüften und Spalten emporgestiegen zu sein scheint. Teils sind von diesem vulkanischen Gestein Gänge ausgefüllt, teils erscheinen sie als die Stiele von früher ausgedehnten Basaltdecken. Manchmal sind sie schon 200 _m_ unter der ehemaligen Oberfläche des Sandsteines erstarrt und erst, nachdem die Sandsteindecke durch Verwitterung abgetragen ist (Denudation), zu Tage getreten. Dann zeigt sich auch sofort eine üppigere Pflanzenwelt.

Die ausgedehnteste Basaltmasse bildet den Gipfel des Rosenberges, 620 _m_ hoch, die als eine 60 _m_ mächtige Decke auf dem Gipfel des Sandsteinberges lagert und in senkrechten Säulen ansteht. Auf dem höchsten Kamme des Großen Winterberges, 551 _m_ hoch, tritt ein 100 _m_ mächtiger Gang von Basalt auf, der durch seinen Buchenwald weithin kenntlich ist. Hier liegen die Basaltsäulen horizontal. Auf dem Großen Zschirnstein ist sein verwandtes Gestein, der Dolerit; hier sind fiskalische Steinbrüche angelegt, um das beste Material für Straßenbeschotterung zu gewinnen. Auch am Gorisch ist ein Basaltbruch angelegt, und ebenfalls ist am Schneeberge an mehreren Stellen Basalt angetroffen. Zwei merkwürdige Basaltkegel stehen in der Nähe oder an der Grenze des Sandsteingebirges: der Basaltberg in Stolpen, auf dem die alte, jetzt in Ruinen liegende, weithin sichtbare Burg thronte; und der Cottaer Spitzberg, der infolge der Steinbrüche schon fast abgetragen ist.

[Sidenote: Gliederung des Quadersandsteins.]

Im Quadergebirge unterscheidet man nach der Verschiedenartigkeit der Versteinerungen: Unter-, Mittel- und Oberquader. Der untere Quader herrscht im Südwesten, der obere im Nordosten des Gebietes vor. Zwischen dem Mittel- und Oberquader schiebt sich eine Einlagerung von Kalk (Pläner) ein, die für die Quellenbildung von großer Wichtigkeit ist. Wo der Pläner zu Tage ausstreicht, wie vorzugsweise auf der Seite westlich von der Elbe, da ist der Quellenreichtum größer und ermöglicht eher die Besiedelung; wo dagegen, wie östlich von der Elbe, der Pläner zu tief liegt, versickert alles Wasser in die Tiefe und das Land leidet an Wasserarmut. Der Oberquader allein hat mindestens eine Mächtigkeit von 300 _m_ und bildet alle Tafelberge und Steinwände. Wie sehr das Landschaftsbild von der Natur und den Eigentümlichkeiten des Gesteins abhängig ist, das tritt uns nirgends deutlicher vor Augen als in der Sächsischen Schweiz, und das wollen wir nun im folgenden genauer betrachten.

Die Zertrümmerung und Zerstörung der Gesteinsmassen ist in sehr verschiedener Weise erfolgt und vollzieht sich auch jetzt noch und zwar durch das fließende Wasser, also durch die Erosion, ferner durch Zerklüftung, endlich durch die Verwitterungen und Auswitterungen des nackten Gesteins.

VI.

Das Wasser in der Sächsischen Schweiz.

Da das ganze Gebirge eigentlich erst durch die Wirkung des fließenden Wassers entstanden ist, so verdient das Wasser vor allem in seiner mannigfachen Erscheinung und Tätigkeit unsere volle Beachtung. Alles Wasser im ganzen Bereich der Sächsischen Schweiz gehört aber zum Stromgebiet der Elbe. Die Elbe wird also die Hauptarbeit gehabt und auch die bedeutendste Leistung gegenüber dem starren Sandstein aufzuweisen haben; dann folgen die größeren Nebenflüsse, die von rechts und links der Hauptwasserader zufließen und endlich die zum Teil im Boden versickernden und unsichtbar gewordenen Rinnsale und die immerfließenden Quellen.

[Sidenote: Die Bildung des Elbtales]

[Sidenote: Die Nebenflüsse der Elbe.]

Die Elbe entspringt auf dem Riesengebirge und hat bereits alle böhmischen Gewässer in sich vereinigt, wenn sie unterhalb Tetschen in das Sandsteingebirge eintritt (Abb. 69 u. 70). Kurz oberhalb Aussig in Böhmen hat sie auch den Fuß des malerischen Schreckensteins bespült (Abb. 71). Von dem ganzen auf 1154 _km_ bemessenen Laufe des Stromes von der Quelle bis zur Mündung kommen auf das Gebiet der Sächsischen Schweiz von Tetschen bis Pirna nur 45 _km_ Stromlänge, also ein verschwindend kleiner Anteil am ganzen Laufe. Das Gefälle der Elbe beträgt auf 45 _km_ nur etwa 11 _m_; das ist im Verhältnis von 1 : 4112. Denn der mittlere Elbspiegel liegt bei Tetschen etwa 120,5 _m_ ü. M., in Königstein 115 _m_, in Pirna etwa 109,5 _m_. Das Gefälle ist ebenmäßig ausgeglichen; nirgends zeigen sich Stromstufen oder Schnellen mehr, wodurch stärkere Strömungen entstehen. Der Fluß hat also seine Arbeit, das Sandsteingebirge zu durchschneiden, vollendet. Wie groß diese Arbeit gewesen ist, kann man ermessen, wenn man sieht, daß unterhalb Tetschen die Höhe des Talrandes 270-320 _m_ (Abb. 72), im Rosenkamm sogar 420 _m_, also volle 300 _m_ über dem Elbspiegel liegt. Die Felswände des oberen Talrandes stehen hier rechts und links der Elbe etwa anderthalb Kilometer voneinander ab. Der Anfang dieser Talbildung reicht in die mittlere Tertiärzeit zurück, in eine Zeit, wo das Erzgebirge noch bedeutend niedriger war als jetzt und Böhmen auch noch nicht den Gebirgskessel darstellte wie jetzt. Wir haben schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß während der Eiszeit das Strombett der Elbe noch 150-50 _m_ höher lag als jetzt und daß in den langen Zeiträumen, die nach vielen Jahrtausenden zu bemessen sind, die Elbe schließlich ihren Wasserspiegel bis auf den heutigen Stand hat erniedrigen können. In demselben Maße, wie mit dem Erzgebirge auch das Sandsteingebirge emporstieg, schnitt der Elbstrom sich tiefer in den Sandstein ein. Er hatte Kraft genug, die gelockerten Sandmassen mit fortzuführen, also erlitt die gleichmäßige Ausbildung der Stromrinne keine Unterbrechung. Jeder wasserreiche Strom bestätigt die Lehre, daß ein um so geringeres Gefälle eintritt, je mehr Wasser im Flußbett vorhanden ist, vorausgesetzt, daß der Boden gleichartig und der Widerstand des den Grund des Flußbettes bildenden Gesteins nicht zu groß ist. Im Gebiet des Sandsteingebirges mußte also auch die Elbe das geringste Gefälle erreichen (Abb. 73). Alle Nebenflüsse dagegen müssen ein steileres Gefälle aufweisen. Aber die Nebenflüsse von der rechten Seite zeigen eine andere Natur als die von der linken. Jene entspringen nämlich sämtlich im Lausitzer Granitlande, durchschneiden nur im unteren Laufe das Sandsteingebiet und empfangen hier keine irgendwie nennenswerten Zuflüsse mehr. Diese dagegen entspringen im Sandstein oder durchschneiden nur im Unterlaufe das Quadergestein und münden an der Grenze der Sächsischen Schweiz.

Die Nebenflüsse der rechten Seite sind die Kamnitz, Kirnitzsch, Lachsbach mit Sebnitz und Polenz und endlich die Wesenitz. Die Namen sind fast sämtlich slavisch. Ihr Oberlauf im Granitgebiet geht in flachmuldigen Tälern, wo die Erosion noch weniger kräftig eingesetzt hat und demnach auch das Gefälle noch geringer ist. Aber auf dem undurchlässigen Boden bleibt das Wasser an der Oberfläche und bekommt der Hauptbach auch noch viele kleine Seitengewässer. Daher sind diese rechten Elbzuflüsse auch wasserreicher als die der anderen Elbseite.

Erst mit dem Eintritt in das Sandsteingebiet sind die Täler tiefer eingeschnitten und wird auch das Gefälle stärker.

[Sidenote: Dürrkamnitz und Kamnitz.]

Der erste Bach, der von der rechten Seite in die Elbe einmündet, ist der Dürrkamnitzbach, der zwar eine tiefe, wenig begangene Schlucht in die Ebenheiten gegen den Rosenberg eingerissen hat, aber doch, wie schon der Name andeutet, oft fast ganz versiegt, sodaß eine alte malerische Mühle aus Mangel an Wasserkraft eingehen mußte und endlich vollständig verfiel. Sie hatte in der Kunstgeschichte der Sächsischen Schweiz insofern eine gewisse Bedeutung, als L. Richter eine seiner frühesten selbständigen Radierungen nach diesem Vorwurfe gearbeitet hatte. Nahe dem Ausgange des Grundes nach der Elbe zu liegt noch ein einziges größeres Haus, ein altes Gasthaus, eine Schankwirtschaft unter den steilen Wänden (Abb. 74).

[Sidenote: Die Edmundsklamm.]

Die Kamnitz entspringt nördlich von Hayda auf der Wasserscheide des vulkanischen Mittelgebirges. Der Unterlauf bildet ein enges, erst in der neuesten Zeit zum Teil gangbar gemachtes Felsental, einen amerikanischen Cañon, der zwischen steilen Felswänden fast ganz von Wasser eingenommen wird. Dieser untere Teil des Tales bildet den merkwürdigsten und sehenswertesten Abschnitt in der verschiedenartigen Bildung eines Erosionstales. Unterhalb Böhmisch-Kamnitz tritt der Fluß zuerst in ein von Sandsteinfelsen eingeengtes Tal in westlicher Richtung. Dann aber beginnt bei nördlicher Richtung des Wasserlaufes der Grund wieder offener zu werden und läßt Raum für das langgestreckte Dorf Windisch-Kamnitz. Erst von der Einmündung des Kreibitzbaches an, der oberhalb Dittersbach ebenfalls schon einen gewundenen engen Grund, den Paulinengrund, gebildet hat, schneidet nun der verstärkte Kamnitzbach mit beträchtlichem Gefälle und raschem Lauf kräftiger in die Sandsteinmassen ein und bildet die Ferdinandsklamm, die man in einem Kahne auf dem ungebändigten Wasser bis zur Grundmühle durcheilen kann. Aber auch hier wechseln Stromschnellen mit ruhigem Wasser ab. Das Gefälle ist also noch nicht ausgeglichen. Bald treten steile Felsen ans Wasser, bald erscheinen kleine Talbuchten mit einem Wiesenrande. Unterhalb der Grundmühle (Abb. 75) wendet sich die Kamnitz mehr in westlicher Richtung und hier ist für Fußgänger der malerische Grund zugänglich. Dann folgen die Wilde (Abb. 76 und 77) und die Edmundsklamm, von denen die erste 1898 eröffnet worden ist und auch zum Teil eine Kahnfahrt bietet; die Edmundsklamm (Abb. 78 u. 79) dagegen ist schon seit 1890 durch die Forstverwaltung des Fürsten Clary zugänglich gemacht und zu Ehren des Fürsten benannt. Wenn auch der den Alpen entlehnte Ausdruck „Klamm“ leicht zu falschen Vorstellungen oder zu hochgespannten Erwartungen Anlaß geben könnte, so muß man immerhin diesem Teil des Felsengrundes, der unmittelbar oberhalb Herrnskretschen (Abb. 80 u. 81) endigt, unter allen Szenerien in dem Sandsteingebirge die Palme reichen. Der obere Teil der Klamm bildet einen schmalen, von steilen, aber mit Nadelholz bewachsenen Felsen begrenzten See mit stillem Wasser, da der Bach durch Dämme gespannt ist. Über diesen See gleitet man mit dem Kahne langsam dahin, nach allen Seiten von stets wechselnden Landschaftsbildern umgeben. Der untere Teil des Tales, am längsten zugänglich und mit bequemen Fußwegen versehen, zeigt uns wieder den natürlich dahinrauschenden Bach, hie und da von mächtigen Felsblöcken, die in ihn hineingestürzt sind, eingeengt, zwischen denen das schäumende Wasser sich Bahn bricht. Aber zur malerischen Schönheit dieses Grundes tragen namentlich auch die herrlichen Buchen bei, die auf und zwischen den Felsmassen im Grunde wurzeln und ihre Zweige weit über das Wasser hinaussenden. Weil die Klamm bereits etwas weiter geworden, die Felswände mehr auseinander treten und das Sonnenlicht bis auf den Boden dringen kann, ist auch der Pflanzenwuchs üppiger und reicher und bildet den angenehmsten Gegensatz gegen die mit Fichten und Kiefern besetzten Felswände.

Das Gefälle -- das geht schon aus dieser allgemeinen Schilderung des Flußtales hervor -- ist ungleich, wie das aus folgenden Angaben ersichtlich wird. Von Falkenau bis mitten in die Stadt Kamnitz beträgt das Gefälle auf 12 _km_ 160 _m_, d. h. 1 : 75. Von Kamnitz bis Schemel, vor dem Eintritt in die Klamm, ist es auf 10 _km_ wie 1 : 106 und von da zur Mündung in die Elbe auf 12 _km_ wie 1 : 140. Das Gefälle von Falkenau bis zur Mündung beläuft sich auf rund 1 : 100.

[Sidenote: Das Kirnitzschtal.]

[Sidenote: Die Obere Schleuse.]

Wesentlich anderen Charakter hat das Kirnitzschtal. Zwar ist die Hauptrichtung der Kirnitzsch westlich, doch geht der Bach gerade da, wo sich die landschaftlich schönste Umgebung an seinen Ufern findet, von Norden nach Süden. Unterhalb des ersten Dörfchens an seinen Ufern, unter Hinterdaubitz, befindet sich ein ganz enges Felsental, das durch einen festen Steindamm abgesperrt ist, in dem nur eine aus Holz bestehende Schleuse einen Durchlaß gewährt. Die ganze Anlage, durch die das Wasser des Baches zu einem langgestreckten Teiche angespannt ist, dient der Flößerei, die besonders im Herbst und Frühjahr ausgeübt wird. Diese Anlage heißt die Obere Schleuse (Abb. 82). Das enge Felsental mit dem dichten Hochwalde und der üppigen Krautvegetation am Ufer und bis ins dunkle und stille Wasser, das die Umgebung in wunderbarer Klarheit spiegelt, gehört zu den eigenartigsten Landschaftsbildern der Sächsischen Schweiz. Obwohl das Tal nicht so wild wie das Kamnitztal ist, und durch die üppige Pflanzenwelt ein Fußweg neben dem etwa 600 _m_ langen stillen Wasserspiegel hinführt, ist auch hier die Möglichkeit geboten, die Strecke im Kahn zurückzulegen und noch mächtiger die besonderen Reize der Landschaft auf sich wirken zu lassen. Die Obere Schleuse wird daher, besonders von Hinterhermsdorf aus, sehr viel von Lustreisenden besucht und von manchen sogar der Edmundsklamm vorgezogen. Die Kirnitzsch (Abb. 83) fließt dann durch ein enges, einsames Felsental, in dem nur an einer Stelle die wenigen zerstreuten Häuser von Hinterdittersbach liegen, nach Nordwesten bis zur Buschmühle (Abb. 84), der ältesten, originellsten und malerischsten Mühle, berührt dann auf ihrem weiteren westlichen Laufe, der bald über Granitboden mit freierem, sanfterem Gehänge, bald wieder durch Felsengen des Sandsteines bis nach Schandau führt, nur einzelne Mühlen, aber kein Dorf mehr. Doch ist durch den ganzen unteren Teil des Tales bis zum Lichtenhainer Wasserfall (Abb. 85) eine elektrische Bahn angelegt, um die Besucher des Gebirges rascher durch den ziemlich einförmigen Grund in die Nähe der Hauptschönheiten des oberen Gebirges, auf den vielbetretenen Fremdenweg zu geleiten, der über den Kuhstall, den Großen und Kleinen Winterberg bis zum Prebischtor und von da hinab nach Herrnskretschen führt.

Um nun zu zeigen, wie viel stärker das Gefälle der Kirnitzsch als das der Elbe ist, wollen wir nur die Talstrecke von Hinterdittersbach oder der Kirnitzschschänke bis zur Mündung in Rechnung bringen. Hinterdittersbach liegt 243,6 _m_ ü. d. M., die Mündung bei Schandau 119 _m_. Die Länge des Baches beträgt auf dieser Strecke 21 _km_, das Gefälle 125 _m_; daraus ergibt sich das starke Gefälle von 1 : 168. Der ganze Lauf der Kirnitzsch beträgt etwa 44 _km_; das hier berücksichtigte Stück entspricht also etwa der Hälfte des Gesamtlaufes. Ohne hier weiter auf einzelne Untersuchungen einzugehen, weil sie uns aus dem Gebiet der Sächsischen Schweiz herausführen würden, soll nur bemerkt werden, daß im oberen Teile das Gefälle des Baches, im Bereiche des Lausitzer Granites, nicht so stark ist.

[Sidenote: Lachsbach.]

Der dritte Bach, die Lachsbach, entsteht aus der Vereinigung zweier ziemlich gleich großer Bäche, der Sebnitz, 30,5 _km_ lang und der Polenz, 33,6 _km_ lang. Beide entspringen in der Umgebung des Hochwaldes. Die Sebnitz hat aber im unteren Lauf, der den Sandstein durchschneidet, westliche Richtung, die Polenz dagegen südliche und südwestliche Richtung.

Im Vergleich mit der Kamnitz und Kirnitzsch haben diese beiden Quellbäche der Lachsbach einen kürzeren Lauf durch den Sandstein, denn die Sebnitz tritt in dieses Gebiet erst von der Kohlmühle an, nördlich von Schandau ein, und die Polenz von Hohnstein an. Sie haben daher naturgemäß auch bereits auf ihrem längeren Oberlaufe tiefe Täler geschaffen; aber sie sind unwegsam und nur von wenigen Mühlen belebt.

Durch das Sebnitztal führt von Schandau nach Sebnitz eine Eisenbahn, auf der man wegen der vielen Windungen des Baches und der Enge des Tales durch sieben Tunnels auf einer Strecke von 15 _km_, also alle 2 _km_ durch einen Tunnel kommt. Das früher selbst dem Fußgänger in manchen Teilen unzugängliche Tal zeigt nun dem Reisenden in raschem Zuge eine Fülle von wechselnden Landschaftsbildern.

[Sidenote: Polenztal und Tiefer Grund.]

Die Steigerung in der Art und Möglichkeit des Verkehrs durch die drei bisher betrachteten Täler ist bemerkenswert: An der Kamnitz Kahnfahrt und Fußpfade, an der Kirnitzsch Kahnfahrt, Fahrwege und elektrische Eisenbahn, an der Sebnitz Eisenbahn. Ganz einsam wird dagegen dann das Polenztal wieder. Von hohen, vielfach zerklüfteten Felswänden, wie bei den berühmten Aussichtspunkten „dem Brand“, oder von einzeln stehenden Felsmassen wie dem Hockstein (Abb. 86) auf beiden Seiten eingefaßt, geht der engste Teil des romantisch-schönen Grundes von Hohnstein (Abb. 87) südwärts bis zur Waltersdorfer Mühle. Auf den höchsten Klippen der östlichen Talwand steigt, alle Nachbarbäume weit überragend und durch seine stolze Krone von allen Seiten in die Augen fallend, der schönste Baum des ganzen Felsenlandes empor, die Königskiefer (Abb. 88). Von hier wendet sich der Bach in einem weiteren mit Wiesenboden geschmückten Tale nach Südosten, bis er kurz vor der Vereinigung mit der Sebnitz auch das Bächlein des Tiefen Grundes aufnimmt, durch den die Fahrstraße von Schandau nach dem Städtchen Hohnstein hinaufführt. Vor hundert Jahren, als der Besuch der Sächsischen Schweiz lebhafter zu werden begann, gehörte der Tiefe Grund zu den ersten Zielen einer Wanderung im Gebirge und wurde voll Bewunderung über die wilde Romantik dieser Felsenwelt in überschwenglichen Schilderungen empfohlen. Heutzutage liegt er abseits der besuchtesten Pfade und wird wohl nur noch betreten, wenn man den östlich davon gelegenen Waitzdorfer Berg erreichen will, der zwar schon zum Granitlande gehört, aber doch nahe dem Sandsteingebirge eine umfassende Rundsicht über die ganze Sächsische Schweiz bis ans Erzgebirge gestattet.

Wir wollen nun noch das Gefälle der beiden Bäche Sebnitz und Polenz betrachten. Für den Teil der Flüsse, der hier in Frage kommt, ist das Ergebnis überraschend. Es stellt sich nämlich ziemlich gleich heraus.

Der Spiegel der Sebnitz liegt in der Stadt gleichen Namens 268,7 _m_ über dem Meer, an der Mündung in die Polenz 128,1 _m_. Der Unterschied in der Höhenlage beträgt 140,6 _m_. Bei einer Tallänge von 15,3 _km_ ergibt sich ein Gefälle von 1 : 109. Bei der Polenz beträgt der Höhenunterschied zwischen der Häselichtmühle (206,7 _m_) und der Mündung der Lachsbach (115 _m_) 91,7 _m_. Daraus folgt bei einer Tallänge von 11,3 _km_ ein Gefälle von 1 : 124.

Wenn der Fall des Wassers im Sebnitztal noch größer ist, als an der Polenz, so dürfte die Ursache wohl darin liegen, daß der Boden des Sebnitztales noch auf längerer Strecke dem festen Granitboden angehört. Vielleicht ist aus derselben Ursache der Fall der Kirnitzsch noch geringer, weil er nur auf einer kurzen Strecke südlich von Lichtenhain den Granit berührt, sonst aber am längsten dem Sandsteingebiet angehört.

[Sidenote: Liebethaler Grund.]

[Sidenote: Schloß Lohmen.]