Dresden und die Sächsische Schweiz
Part 15
Daß aber die Besichtigung aller Herrlichkeiten auf dem Königsteine in früheren Zeiten kein billiges Vergnügen war, das hat uns Carl Julius Weber, der bekannte Verfasser des immer noch gern gelesenen „Demokrit“ verraten und zwar in seinen „Briefen eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (Stuttgart 1834, 2. Auflage. III. 68-70). Er nennt den Königstein das Wunder Sachsens und meint: „Es gibt hier allerlei Merkwürdigkeiten -- sehr unmerkwürdige Merkwürdigkeiten um des Trinkgeldes willen -- höchst interessant aber bleibt die Runde um den Felsen, in Begleitung eines Invaliden, wie der meinige, der mit im Lager von Pirna war (1756) und Friedrich (dem Großen) ins Auge gesehen haben wollte.“ (Weber hat zweimal die Festung besucht: 1802 und 1823 -- hier kann natürlich nur der erste Besuch gemeint sein.)
„Recht gern,“ erzählt unser Reisender weiter, „gab ich ihm den verdienten sächsischen Konventions-Taler -- aber nun begannen beispiellose Prellereien! Der Kerl muß geglaubt haben, meine Achtgroschenstückchen seien Steinchen, die ich in der Sächsischen Schweiz aufgelesen hätte. Ich mußte das Zeughaus sehen, ob ich gleich versichert, daß ich von Berlin käme, und gab 8 gr. ‚Ja Herr! unter 16 gr. nicht!‘ Stolz gab ich noch zwei Achtgroschenstücke. ‚Nun haben Sie einen Taler, und mehr kostet mich das Berliner Zeughaus nicht.‘ Am Brunnen wurde mir ein Glas Wasser gereicht -- 4 gr. Das große Faß mußte ich auch sehen -- 4 gr. Ich mußte in die neuen Kasematten, und da man hier nichts forderte, so glaubte ich, sie gehörten in das Departement meines Führers, irrte mich aber sehr. Wir kamen an einen Opferstock: ‚Legen Sie doch einen Groschen ein!‘ Gut! Wir kamen zu einigen Arbeitern: ‚Geben Sie einige Groschen, wenn Sie nicht geschnürt sein wollen!‘ Gut. Aber bin ich nicht schon genug geschnürt? Ein Soldat, der den Schlüssel geholt hatte, erwartete seine 4 gr. -- Die Wache, die meinen Namen hinaufgerufen, auf- und zugeschlossen und das ‚Kann passieren!‘ gerufen hatte, erwartete Gleiches. Aber nun kam mein Meister Prellhans mit einer Nachforderung, als ich ihm ohne Dank den Konventions-Taler in die Hand drückte. ‚Für die Kasematten, mein Herr!‘ Wie? Nun, hier sind noch 4 gr. ‚Wenigstens 8 gr., mein Herr.‘“
„So unverschämt geplündert, wie nirgendwo vor und nach, eilte ich vom Königstein hinab und kam schneller als es sonst geschehen wäre, nach Pirna -- kaum, daß mich die schöne Natur mit der Menschheit versöhnte!“ --
Derartige Szenen, wie sie Weber auf der Feste erlebt haben will, gehören gegenwärtig natürlich der „guten alten Zeit“ an. Aber man darf nicht vergessen, daß der Besuch derartiger Merkwürdigkeit, ebenso wie der Besuch einer jeden Kunstsammlung in Dresden ähnliche Kosten verursachte. In jedem Museum zahlte man dem Leiter der Sammlung, mochte es ein Hofrat oder ein Professor sein, einen Dukaten und dem Aufwärter einen Gulden. Der Begriff der Öffentlichkeit fehlte noch und die Liberalität, die bereits in Paris oder Wien geübt wurde, war in Sachsen noch nicht eingeführt.
[Sidenote: Schandau.]
Schandau (Abb. 141), in ähnlicher Lage wie Königstein an der Mündung eines Nebenflusses und auf der schmalen Elbaue gelagert, hat zwar noch mehr Raum als Königstein zu weiterer Ausdehnung; allein die Lage der Aue ist so tief, daß der Ort mehr als alle anderen Städte den Überschwemmungen und Hochfluten ausgesetzt ist. Magister Christian Weiß bezeichnete Schandau im Jahre 1796 als eine kleine, aber sehr schön gelegene und meist von Schiffern, Webern und Handwerkern bewohnte Stadt. Die sehr schöne Lage ist der Stadt als natürliche Mitgift geblieben und hat vor allem nach diesem Mittelpunkte der Sächsischen Schweiz die Fremden hingezogen. Die ansehnliche Reihe großer stattlicher Gasthäuser, die sich an der Elbe erheben, verleiht der Stadt einen großstädtischen Anstrich. Kein anderer Ort kann sich in dieser Beziehung mit Schandau messen, es ist auch für vornehme Gäste nirgends in der Sächsischen Schweiz besser gesorgt als hier, sei es zu kürzerem Besuch oder zu längerem Aufenthalt. Auch der Stadtteil im Kirnitzschtal mit seinen Landhäusern und Gärten bis zu dem ehemals mehr als jetzt besuchten Bade macht einen anmutigeren, freundlicheren Eindruck als sonst eine Stadt an der Elbe. So ist Schandau die Stadt des lebhaftesten Fremdenverkehrs geworden, dem keine andere den Rang streitig machen kann. Wie bedeutend der Elbverkehr hier ist, an dem sich die Stadt auch beteiligt, ist bereits erwähnt worden.
[Sidenote: Wehlen.]
Wehlen, früher Wehlstädtel genannt, auf einer Vorstufe oder einem höheren festen Ufer unter einem mäßig hohen, alleinstehenden Burgfelsen gelegen, verdankt wohl seine Entstehung der ehemaligen Burg, von der gegenwärtig nur noch die unteren Mauern des Burghügels erhalten sind (Abb. 142 u. 143). Erst 1364 wird Wehlen als Städtchen (_oppidum_) bezeichnet. Die Burg war älter; aber, wenn auch slavischen Namens, wohl schwerlich schon im frühesten Mittelalter eine slavische Burg. Erwähnt wird sie erst in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, wo Heinrich der Erlauchte (1222-1288), Markgraf von Sachsen in der Zeit von 1269-1272, hier mehrfach Urkunden unterzeichnet hat, woraus geschlossen werden darf, daß er hier längere Zeit residiert hat. Ist dies der Fall, dann würde sich damit auch erklären, daß unter allen Burgen in der Sächsischen Schweiz Wehlen den stattlichsten, man möchte sagen einen fürstlichen Bau zeigte, der, wenn auch vernachlässigt, verfallen und mancher Schmuckteile beraubt, bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch eine sehenswerte, malerische Ruine vorstellte, die von den Künstlern jener Zeit vielfach gezeichnet und gemalt worden ist. Noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts erinnerten die beträchtlichen und ehrwürdigen Ruinen des Schlosses, die aus hohen, sehr starken Mauern, Rundungen und Wänden von Türmen und Basteien bestanden, an den ehemaligen großen Umfang desselben. Auch aus den Trümmern konnte man noch erkennen, daß der Bau frühestens dem zwölften Jahrhundert angehört hatte. Aber die immer morscher werdenden Mauern bedrohten durch Einsturz mehrfach die darunterliegenden Häuser im Städtchen, infolgedessen dann die Burg bis auf die Grundmauern abgetragen werden mußte, wodurch die ganze Landschaft leider einen herrlichen, romantischen Schmuck einbüßte. Das Städtchen ist auf einen kleinen Raum am Ausgange des Uttewalder Grundes beschränkt und hat daher nicht in demselben Maße wachsen können, wie die anderen Elbstädte. Auch hier herrscht ein lebhafter Fremdenverkehr, denn die Stadt bildet, nach Beginn des Dampfschiff- und Eisenbahnverkehrs, recht eigentlich das Eingangstor zur Sächsischen Schweiz.
[Sidenote: Hohnstein.]
Hohnstein, die kleinste unter den Städten des Gebirges, die nicht an der Elbe liegt, ist ähnlich wie Sebnitz am Außenrande, aber doch noch +auf+ dem Sandstein gelegen (Abb. 144 u. 145). Das Städtchen, in einer flachen Senkung der Sandsteinkette, auf deren Ende die alte Burg thront, hat eine überaus romantische Lage, von tiefen Gründen auf mehreren Seiten begrenzt. Es gehört nebst seiner grotesken Umgebung zu den beliebtesten Wanderzielen; aber der Ort lag bis vor wenig Jahren, wo er eine Eisenbahnverbindung mit Schandau erhielt, wie aus allem Verkehr weggesetzt. Er ist auch nur gleichsam als ein Anhang zur Burg entstanden, denn diese bildete den Mittelpunkt einer ausgedehnten Herrschaft, die bis ins vierzehnte Jahrhundert ebenfalls dem böhmischen Geschlechte der Birken von der Duba gehörte. Nach Böhmen zu hatte der Ort noch eine leidliche Verbindung, gegen Sachsen erschien er vom tief eingeschnittenen Polenztal aus wie eine unbezwingliche Burg. Unter sächsischer Herrschaft seit 1444, war Hohnstein der Sitz eines Amtes, und hier wurde 1765 durch den damaligen Kurfürsten die erste Merinostammschäferei begründet. Sonnenstein, Hohnstein und Königstein dienten in früheren Jahrhunderten oft auch als Gefängnis, namentlich Hohnstein und Königstein, die am sichersten galten, weil ein Entkommen von den steilen Felsenhöhen für unmöglich galt. Daher der leidige Trost für die Sträflinge auf dem Hohnstein: „Wer da kommt nach dem Hohenstein, der kommt selten wieder heim,“ oder „Den Gefangenen frißt im Turm kein Wolf und sticht keine Fliege“ (in den dunkeln, feuchten, fast lichtlosen Kerkern). Hohnstein hat im Lauf der Jahre Fürsten, Grafen, Edele und gemeine Verbrecher beherbergt. Wir sehen darunter die Grafen von Mansfeld und Stollberg, die Herren Reuß von Plauen; auch viel fahrendes Volk. Mehreren von diesen ist es sogar gelungen, auf abenteuerliche und verschmitzte Weise auszubrechen und zu entkommen. Aber noch verwunderlicher erscheint es, daß auch „ehrliche“ Diebe eingebrochen und, da sie nur Staatsgelder zu stehlen für erlaubt hielten, die aus Versehen mitgenommenen Privatgelder wieder zurückerstatteten. Der Fall ist jedenfalls in der Gaunerpraxis ein Unikum und verdient daher, näher beleuchtet zu werden. Wir folgen hier der auf Akten des Hauptarchivs zu Dresden beruhenden Darstellung Karl von Webers („Aus vier Jahrhunderten“ II. 366), wenn er schreibt:
An einem Dezembermorgen des Jahres 1693 ward der Amtmann zu Hohnstein mit der Schreckensbotschaft geweckt, daß Diebe in der Nacht das Schloß erstiegen (!!), die Kasse erbrochen und eine bedeutende Summe, die darin verwahrt gewesen, entwendet hätten. Wie der Augenschein lehrte, waren die Spitzbuben durch ein sehr hoch gelegenes Fenster, das nur mit äußerster Lebensgefahr vermittels einer langen Leiter zu erreichen war, nach Ausbrechung eines eisernen Gitters in die Amtsstube eingedrungen, hatten dort Licht angebrannt und einen festen Schrank, in dem sich die Steuergelder und Depositen befanden, aufgebrochen. -- Sechs Wochen waren in vergeblichen Bemühungen, die Täter zu erforschen, vergangen; keine Spur war zu entdecken. Da fand man am 14. Januar 1694 an der Tür der Pfarrwohnung zu Hohnstein eine Schrift angeklebt des Inhalts, der Herr Magister möge sich mit dem Schulmeister und einem Kirchenvater in die Sakristei der Kirche begeben, da werde er auf dem Boden unterm Fenster etwas finden. Eine ähnliche Aufforderung fand auch der Kirchenvater Jakob Röllich an seiner Haustür angeheftet. Beide begaben sich samt dem Lehrer in die Kirche. Ein enges, wohlverwahrtes Fenster der Sakristei war erbrochen; aber die Täter hatten diesmal nichts geraubt, sondern etwas gebracht, nämlich in zwei versiegelten Säcken 312 Taler. Die Diebe erklärten zugleich, das seien Depositengelder, die sie „aus Ungefähr“ aus der „Hunstner“ (Hohnsteiner) Amtsstube mitgenommen, da sie doch nur kurfürstliche Gelder und Amtmannsgeld zu holen beabsichtigt, aber nicht so blutarmen Leuten, wie den Deponenten, das Ihrige hätten nehmen wollen. Das Wort „stehlen“ war in dem Schreiben vorsichtig umgangen und umschrieben. Auch wurde der Pfarrer dringend gebeten, das Geld nicht wieder ins Amt zu liefern, sondern den Geschädigten selbst wieder zu geben, damit es in die rechten Hände gelange. Diesem Wunsche konnte nun allerdings der Herr Magister nicht entsprechen; er übergab die ganze Summe wieder dem Amtmann zu Hohnstein. Von den großmütigen Dieben fehlt bis heute jede Spur. Aber wem fällt dabei nicht der sarkastische Ausspruch des zweiten Mörders in Shakespeares Richard III. (1. 4) ein: „Das Gewissen hat mich einmal dahin gebracht, einen Beutel voll Gold wieder herzugeben, den ich von ungefähr gefunden hatte; es macht jeden zum Bettler, der es hegt.“
X.
Die ländliche Bevölkerung.
[Sidenote: Die ländliche Bevölkerung.]
Die ländlichen Wohnungen tragen im allgemeinen denselben Charakter und Baustil zur Schau wie im Elbtalkessel. Zu Grunde liegt der Plan des fränkischen Bauernhauses. Die so anheimelnden Strohdächer verschwinden, weil feuergefährlich und mehrfach ungesund, immer mehr (Abb. 146 u. 147). Neue Häuser dürfen nicht mehr mit Stroh gedeckt werden. Neben den bäuerlichen Wohnungen treten aber immer häufiger Bauten im städtischen Charakter und im Villenstil auf; denn in manchen Orten des Gebirges haben sich gesuchte und beliebte Sommerfrischen entwickelt, so daß, wie z. B. in Gorisch, das ehemalige Dorf zwischen den Neubauten fast verschwindet. Andere besuchte Orte sind Cunnersdorf bei Königstein und Hinterhermsdorf.
Die Volkstrachten sind leider nicht bloß im Elbtalkessel und in der Umgebung der Großstadt, sondern auch im Gebirge fast völlig verschwunden (Abb. 148 u. 149). Das Zeitalter der Eisenbahnen hat ihnen den Garaus gemacht. Aber noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts waren derartige Trachten noch bis nahe an Dresden lebendig. Jetzt erinnern uns hier noch Bilder an diese Vergangenheit. Da sehen wir eine Mutter im Sonntagsstaat mit dem Gebetbuche in der Hand und einer Pelzmütze auf dem Haargeflecht, daneben ein Mädchen mit buntgestreiftem Kopftuch nebst langer und breiter Schürze. Die Männer trugen Kniehosen, dazu eine frackartige Jacke mit ganz kurzen Schößen. Die Erwachsenen trugen einen Hut, die Knaben eine Mütze mit zwei roten Streifen, was an die Uniformmütze unserer Postboten erinnert. Wie nun alle solche Trachten sich aufs Land verbreiten, wenn sie in der Stadt aus der Mode gekommen sind, in der Nähe einflußreicher Städte aber die Tracht auf dem Lande noch etwas moderner, manchmal allerdings auch hundert Jahre jünger ist, als in abgelegeneren Orten, so ist es auch in den Dörfern der Sächsischen Schweiz gewesen. Man trug lange Kittel von ungebleichter Leinwand mit farbigen Aufschlägen und Kragen. In den Waldgegenden wurden Jacken und Beinkleider von ungebleichter Leinwand getragen und im Sommer sehr oft hohe und schwarze Pelzmützen. Diese Tracht erstreckte sich westwärts bis ins Erzgebirge, wo man im Weißeritztal um Schmiedeberg schon die erzgebirgische Tracht beginnen sah.
[Sidenote: Alte Sitten und Gebräuche.]
Von Sitten und Gebräuchen hat sich hie und da wohl noch einzelnes erhalten, anderes ist von unverständigem Eifer beseitigt, wohl gar von „polizeiwegen“; anderes hat man neu zu beleben gesucht. Allein man muß befürchten, daß auf dem Naturboden des Volkstums künstliche Blumenzucht nicht gedeihen kann.
Viele dieser Sitten schließen sich oder schlossen sich an den Gang des christlichen Jahres an; allein gleich der erste Brauch scheint durchaus vom Heidentum her überliefert zu sein, wenn um Wintersonnenwende die sogenannte lange Nacht mit Spiel und Gesang und Tanz wie ein altes Julfest gefeiert wurde. Übrigens bergen sich bekanntlich unter manchen Gebräuchen an hohen Festtagen uralte Gepflogenheiten, die unter christlichem Schutz einen Unterschlupf finden und ihr schwaches Leben fristen.
Das Weihnachtsfest bietet nichts Besonderes, Abweichendes; die Poesie, mit der die Bewohner des Erzgebirges dieses Fest umwoben haben, hat hier keinen Anklang, keine Verbreitung gefunden. Dagegen wurde das Fastenbeten früher den drei hohen Kirchfesten gleichgestellt. M. Martin erzählt darüber: „Als bei einer Kircheninspektion der Herr Superintendent einen Jungen nach den drei hohen Festen fragte, gab dieser die klassische Antwort: Fastenbeten, Lobetanz und Schweineschlachten.“ Das Fastenbeten besteht in einem kleinen Abendgottesdienst in der Schule und daran anschließender freier Tanzmusik. Vor fünfzig Jahren wurde die Feierlichkeit des Morgens abgehalten und für das gute Hersagen des sogenannten Beteliedes wurden Fastenbrezeln verabreicht.
[Sidenote: Schifferfastnacht.]
Darauf folgte die Schifferfastnacht, ein, wie es scheint, nur in den Dörfern an der Elbe verbreitetes echtes Volksfest, namentlich für die Jugend. Ursprünglich nur zu Ehren des löblichen Schiffergewerbes entstanden, dessen wir bereits ausführlicher gedacht haben, wurde dieses Fest im Winter, vor der eigentlichen Fastnacht gefeiert, ehe die Elbe eisfrei wird und die Schiffahrt wieder beginnen kann. Den Mittelpunkt des Festes bildete ein von Haus zu Haus durchs ganze Dorf führender Masken- oder Kostümaufzug. Die Teilnehmer des Zuges bestanden aus den sogenannten Schwarzen und Weißen. Zu den Weißen gehörten der Schiffsdoktor und seine Frau, der Kapitän und seine Frau, zwei Hanswürste und die Jungen, die das Festschiff tragen, einen Dreimaster mit vielen bunten Bändern und Wimpeln geschmückt, die von den jungen Frauen im Dorfe verehrt werden. Ein solches Ehrenschiff wird alle Jahre wieder hervorgeholt und dient oft hundert Jahre lang. Die zweite Abteilung bilden die Schwarzen, das sind die jungen Burschen in oft komischer und abenteuerlicher Tracht als Förster, Nachtwächter, Briefträger und Handwerker aller Art. So zieht man unter Vorantritt eines Musikchors durchs Dorf. Nach dem Umzuge beginnt dann der Tanz oder werden auch Schauspiele, am liebsten verwegene Ritterschauspiele, zur Aufführung gebracht. Von den Zuschauern werden kleine Geldbeiträge eingesammelt, die dann am zweiten Tage von den Mitspielern, die als Dorfkünstler mit dem Namen „die Narren“ (ganz nach der Bezeichnung des alten Mummenschanzes) beehrt, in einer heiteren Nachfeier verspeist oder vertrunken werden. In Postelwitz dauerte sonst die Schifferfastnacht vier Tage, zwei für die Erwachsenen und zwei für die Jugend. Seitdem aber die Polizei die Larven und die Vermummung bei Umzügen, wahrscheinlich als groben Unfug, verboten hat und auch sonst dergleichen Festlichkeiten strenger überwacht, hat diese Schifferfastnacht viel von ihrer Urwüchsigkeit verloren. In Schandau wurde sie 1869 abgeschafft, neuerdings, seit 1893, hat man sie wieder zu beleben gesucht.
[Sidenote: Das Todaustreiben.]
Ein anderes Fest galt der Wiederkehr des Frühlings, auf den allerdings auch der Fastnachtsscherz schon anspielen soll. Mit der Wiederkehr des Frühlings und der Sonne verknüpfte sich dann weiter der volkstümliche Glaube, daß damit auch die Krankheiten wieder zunehmen und sich als böse Geister oder Dämonen einzuschleichen suchen. Man darf sie nicht ins Land lassen und muß namentlich im Frühling auf seiner Hut sein, sonst bleiben sie das ganze Jahr und plagen die Menschen, namentlich wenn sie mit der Feldarbeit beschäftigt sind, die vor Ostern beginnen soll. Daher wird am Lätarefest der Dämon der Krankheit und des Todes in Gestalt einer Strohpuppe erst durchs Dorf unter alten Volksversen getragen und dann ins Wasser geworfen. Dieser aus Franken und Thüringen eingewanderte Brauch hat überall eine besondere örtliche Färbung angenommen und wird das „Todaustreiben“ genannt.
Möglicherweise stammt der Brauch noch weiter her aus Südwestdeutschland, wo die Kinder im schwäbischen Saulgau schon zu Fastnacht durch den Ort rufen: „Dåraus, dåraus, Dôt naus, Dôt naus!“
In Süd- und Westdeutschland scheint mit diesem Maskenspiel hauptsächlich der Gedanke verknüpft zu sein, den Sieg des Sommers über den Winter zu feiern. „Das lebendige Naturgefühl der Germanen,“ schreibt Felix Dahn in der „Bavaria“ (Oberbayern, S. 369), „hat den poesievollen Kampf und Wechsel der Jahreszeiten mit innigster Empfindung erfaßt, und wie so viele ‚Mythen‘ ihres Götterglaubens auf diesen Sieg der holden Zeit, des freudigen Lebens und Lichtes über Tod und Finsternis zurückweisen, so hat sich auch in christlicher Zeit noch der Jubel über die Wiederkehr des „milden Mayen“ in den verschiedensten Formen ausgeprägt erhalten... Hie und da kommt noch der Umzug der beiden Figuren des Sommers und des Winters vor... Endlich wird nach kurzem Gefecht der Winter vom Sommer besiegt und nun entweder in dem Dorfbrunnen ersäuft oder unter Jubel und Lachen zum Dorfe hinaus in den finstern Wald gejagt, wohin er auf lange Zeit verbannt ist.“
Ähnlich ist’s auch an der Haardt in der Rheinpfalz, wo noch das Lied dazu gesungen wird: Ri--ra--ro, der Summerdak isch do! Es ist der gleiche Anfang wie in dem weitverbreiteten Kinderliede: Tra--ri--ra, der Sommer, der ist da.
Eine andere Färbung erhält das Spiel in manchen Seitentälern der Rednitz in Mittelfranken, z. B. im Aisch- und Zenngrunde. Da verfertigen die Burschen eine Strohpuppe, die den Tod vorstellt, durchs Dorf geschleppt und schließlich verbrannt wird. Winter und Tod erscheinen fast identisch. Um ein fruchtbares und gesegnetes Jahr zu erzielen, wird der Tod den Wellen übergeben; aber es verknüpft sich zugleich der Gedanke damit, daß die Pest und der jähe Tod wie jene Strohpuppe ersäuft werden mögen. Und dieser spätere Nebengedanke scheint im Mittelalter mit den fränkischen Kolonisten auch nach Sachsen gekommen und an einzelnen Orten zum Ausdruck gebracht worden zu sein.
In Postelwitz und dem Dorfe Ostrau oberhalb Schandau trieben drei Wochen vor Ostern, also am Lätaresonntage, drei Jungen den Tod aus. Jeder trug eine an einen Stock gespießte Strohpuppe, die unter Begleitung der ganzen Jugend erst durchs Dorf getragen und dann in den Bach geworfen wurde. Wer von den dreien mit seiner Puppe zuerst ans Wasser kam, durfte nachmittags darauf den Todbaum tragen, während der zweite den Geldbeutel und der dritte einen Korb bekam. Damit begann wieder ein neuer Umzug durchs Dorf, wobei allerlei Gaben eingesammelt wurden. Der Todbaum war ein Tannenbaum, den man mit buntem Papier und Ketten von durchfädeltem Stroh behängt hatte. Vor jedem Hause wurde dann der altüberlieferte Vers, dessen Wortlaut in den einzelnen Dörfern voneinander abwich, gesungen:
Jetzt treiben wir den Tod aus, Den alten Mann im Seehaus; Und hätten wir heuer nicht ausgetrieben, So wär’ er zu Jahre hinne geblieben In unsres Vaters Lande. Das wäre uns eine Schande. Wir haben getrieben, wir haben gejagt Zu Magdeburg (Hamburg) über die große Stadt, Zu Magdeburg über die Brücke, Gott gebe uns besseres Gelücke. Wenn uns die Frau Wirtin eine Gabe gibt, So soll’s mit ihrem Willen geschehen, Wir woll’n auch fleißig danken, Wir haben noch weiter zu wanken.
Hatte man ein Geschenk erhalten, dann lautete der Abgesang:
Hab Dank, hab Dank, Frau Wirtin mein, Das Himmelreich soll Euer sein Und auch die himmelsche Krone; Gott wird Euch belohne.
Darauf zog man vors Dorf und verkaufte den Todbaum für sechs bis acht Groschen. Und wer ihn erstand, nagelte ihn ans Haus. Er sollte vermutlich dann ein Schutzmittel gegen Krankheit und Tod abgeben und das Haus sollte samt seinen Bewohnern vor dem bleichen Gaste gefeit sein. Den Beschluß machte dann des Abends das Absingen von beliebten Gesangbuchliedern; dieses Singen wurde bis Ostern noch an mehreren Abenden wiederholt.