Dresden und die Sächsische Schweiz

Part 14

Chapter 143,208 wordsPublic domain

Eine sehr interessante Beschreibung von der Art und Weise, wie eine Wand hohlgemacht und gefällt wird und welches wunderbare Schauspiel das Stürzen einer Wand gewährt, hat ein tüchtiger Fachmann in der Zeitschrift: „Über Berg und Tal“ 1887 veröffentlicht. Danach darf eine Wand nur mit behördlicher Genehmigung zu Fall gebracht werden, wenn der königliche Steinbruchsaufseher und der königliche Kommissar die Wand vorher besichtigt haben und wenn nachgewiesen ist, daß durch den Fall kein Nachbar geschädigt, kein öffentlicher Weg gefährdet wird. Namentlich unterliegen die Brüche an der Eisenbahn der schärfsten Kontrolle. Es war früher doch vorgekommen, daß Blöcke bis in die Elbe stürzten und der Schiffahrt hinderlich wurden. Dann erst erfolgt nach genauer Prüfung die Genehmigung zum Hohlmachen; vielleicht muß auch sogar eine namhafte Kaution gestellt werden.

[Sidenote: Das Stürzen einer Wand.]

Zuerst wird mit einer kurzgestielten Hacke, deren flachgebogenes Eisen in der Mitte durchlocht ist und nach jeder Seite in eine Spitze ausläuft, hohlgemacht. Bei weiterem Vordringen unter der Wand wird auch mit Pulver, seltener mit Dynamit gesprengt, das Unterhöhlen muß an der Seite der Wand beginnen, wohin diese fallen soll. Ist nun die Verlosung (Kluftbildung) normal, dann ist die Arbeit leicht; ist aber die Wand mit der daranstoßenden verwachsen, dann löst sie sich nicht in gewöhnlicher Weise, sondern muß abbrechen und das geschieht oft unerwartet und wird gefährlich, weil die gewöhnlichen Warnungszeichen, die dem Fallen der Wand vorausgehen, nicht Zeit lassen zu fliehen. So ging am 18. Oktober 1887 eine regelrecht unterhöhlte Wand bei Posta unerwartet nieder und drückte einem noch unter derselben befindlichen Hohlmacher die Brust ein, so daß er nach wenigen Stunden starb. Ein großes Aufsehen erregte am 25. Januar 1862 die Kunde, daß bei Wehlen 21 Steinbrecher von einer fallenden Wand verschüttet seien; aber noch größere Verwunderung und Freude sprach sich aus, als man vernahm, daß sämtliche Arbeiter nach 30stündiger ununterbrochener Anstrengung aus ihrem steinernen Grabe unversehrt wieder ans Tageslicht gebracht werden konnten. Die fallende Wand hatte sich, wie wir es bei Höhlenbildungen, z. B. beim Eingang der Götzinger-Höhle, gesehen haben, schräg angelehnt und so den Verschütteten Raum und Luft genug gelassen, um 30 Stunden auszuharren.

Die zu fällende Wand in den Teichsteinbrüchen oberhalb Schöna, von der unser Gewährsmann spricht, war 45 _m_ hoch, 40 _m_ lang und unten 20 _m_, oben 15 _m_ breit. Die Höhe der Unterhöhlung wurde, im Verlauf der Arbeit, immer niedriger, so daß die Hohlmacher zuletzt liegend „schroten“ (hohlmachen) mußten. Dann wurden die Steifen aufgestellt. Das sind Hölzer, Stützen von kerngesundem Holz in der Stärke von 30-45 _cm_ und 2½-4 _m_ Höhe. Es wurden 24 solcher Steifen unter die schwebende Wand gesetzt, wobei jeder, auch der geringste Zwischenraum, zwischen der Steife und dem Stein durch harte Holzkeile fest ausgeschlagen wird. Nur an einer kleinen Stelle wird so viel leerer Raum gelassen, um ein kleines Glasfläschchen anzubringen, dessen Zerspringen den geringsten Druck der Wand von oben anzeigt. Diese Steifen werden nur ganz vorn, höchstens 1-2 _m_ zurück gestellt. Unter diesen Verhältnissen war die Wand bis 30 _m_ hinein unterhöhlt. Die Gläser waren gesprungen, die Steifen zum Teil geborsten, loses Gestein fiel aus der Verlosung ab: alles Anzeichen, daß man nun durch Wegschießen der Steifen die Wand zu Falle bringen könne.

Allein vergebens. Die Wand fiel trotzdem nicht, und man mußte nicht nur neue Steifen setzen, sondern auch mit dem Hohlmachen noch weiter vordringen. Nur drei Arbeiter wagten es für einen Lohn von 5-6 Mark weiter zu schroten. Nun endlich, aber erst nach 14 Tagen, fiel die Wand. Aus ihrem Innern kamen starke, dumpfe Schläge wie von verhallenden Kanonenschüssen, zuerst in tagelangen Pausen, dann aber am Tage vor dem Fall stärker und häufiger. Dann begann die Bewegung der Wand. Loses Gestein rollte aus der Verlosung nach außen, dazu ertönte im Inneren lautes Krachen. Das dauerte noch vier Stunden. Dann neigte sich die kolossale, weit über eine Million Zentner enthaltende Wand langsam unter donnerähnlichem Getöse, begleitet von hellen Flammen, die durch die riesige Reibung abgleitender Teile entstanden, und fiel. Große, dicke Staubwolken verhüllten minutenlang vorerst jeden Ausblick; dann sah man den günstigen Ausgang, daß das Material für mehrere Jahre genügte, um die weitestgehenden Ansprüche zu befriedigen. Den Schluß bildete natürlich ein heiteres Arbeiterfest mit Bier, Zigarren und schönen Reden.

Aus diesen Teichsteinbrüchen stammen unter anderen die zwölf Säulen zu dem neuen Gebäude der Kunstakademie auf der Terrasse, jede dieser Säulen hat eine Höhe von 8 _m_. Zu dem Neubau am Königlichen Schlosse zu Dresden wurden aus denselben Brüchen auch zwei Blöcke geliefert, die jeder 638 Zentner wogen. Aus den Postelwitzer Steinbrüchen stammt der weiße Stein zu den Schillingschen Figurengruppen an der Terrassentreppe. Überhaupt sind alle monumentalen Bauten in Dresden: die Augustusbrücke, die Frauenkirche, katholische Hofkirche und Kreuzkirche, nicht minder der Zwinger und das Hoftheater aus Sandstein gebaut. Der Stein von Cotta eignet sich wegen seiner Feinheit und Weiche besonders zu größeren Luxusbauten und hat daher ein Absatzgebiet, das weit über Deutschlands Grenzen hinausgeht. So wurde 1738-1742 auch das königliche Schloß in Kopenhagen aus solchem Sandstein errichtet. Der Cottaer Bildhauersandstein, mit gleichmäßig feinem Korn, läßt sich leichter bearbeiten, ist aber auch leicht zerstörbar. Im Gottleubatal von Goës bis Klein-Cotta und Dohna werden in Steinsägewerken die Blöcke in Platten und Säulen zerschnitten und finden ihren Absatz über ganz Norddeutschland bis Schleswig-Holstein und Ostpreußen. Ihre Abfuhr erleichtern die beiden in Pirna einmündenden Zweigbahnen von Berggießhübel und Groß-Cotta. Der Poster Stein und der Teichstein werden wegen ihrer großen Härte und ihrer Widerstandsfähigkeit besonders zu Wasser- und Bahnbauten geschätzt. Härteres Material, gröberes Korn und größere Tragfähigkeit rühmt man an dem Liebethaler Stein, er wird daher zu Mühlsteinen verwandt. Der Stein aus den Kirchleiten bei Königstein ist dagegen wegen seiner großen Dichte zu Trögen in den chemischen Fabriken beliebt. So sieht man auch an der verschiedenen Verwendung des Quadersandsteines, wie verschiedenartig das Gestein in den einzelnen Teilen des Gebirges ist.

[Sidenote: Fabrikation künstlicher Blumen.]

Es bleibt nur noch kurz zu erwähnen übrig, daß sich in Sebnitz und Umgegend und bis nach Schandau hinab die Herstellung künstlicher Blumen zu einem blühenden Erwerbszweig entwickelt hat. In Schandau ist sogar eine Fachschule für Blumenarbeiter gegründet. Die Ausfuhr dieser Erzeugnisse nach Nordamerika belief sich 1895 schon auf mehr als 750000 Mark.

So haben wenigstens die beiden größten Städte der Sächsischen Schweiz, Pirna und Sebnitz, eine Industrie, die ihren Namen über die Grenzen des deutschen Landes hinaus bekannt gemacht hat. Denn aller Sandstein, der versandt wird, heißt in der Fremde Pirnischer Sandstein. Und Sebnitz hat neben älteren Gewerbszweigen durch die Herstellung künstlicher Blumen einen erhöhten Handelsverkehr gewonnen. Übrigens sind die Städte in unserem Gebiete nur als klein zu bezeichnen, denn keine erreicht eine Bevölkerung von 20000 Seelen. Die meisten sind in ihrer Lage im engen Elbtal oder in einem tiefen Seitental oder auf einer Felsenanhöhe dermaßen beschränkt, daß an eine bedeutendere Ausdehnung nicht zu denken ist. Einzig und allein Pirna ist einer größeren Ausdehnung fähig. Daher kommt es, daß auch jetzt schon Pirna fast ebenso volkreich ist, als die anderen Städte zusammen, nämlich 18300 Einwohner gegen 18900 Einwohner.

Zunächst mögen diese Städte hier der Größe nach aufgeführt und zugleich ihre Volkszahl vor 100 Jahren in Klammern dahinter gesetzt werden.

Pirna zählte 1900: 18300 Einwohner (3660 im Jahre 1801), Sebnitz 8650 Einwohner (2320), Königstein 4270 Einwohner (1080), Schandau 3260 Einwohner (950), Wehlen 1400 Einwohner (670), Hohnstein 1320 Einwohner (600).

Man sieht daraus, daß Pirnas Bevölkerung in 100 Jahren um mehr als das fünffache, die von Sebnitz fast um das vierfache, Königstein um das vierfache, Schandau um mehr als das dreifache gestiegen ist und Wehlen und Hohnstein sich nur verdoppelt haben.

[Sidenote: Pirna.]

Pirna (Abb. 137) hat zweifellos die günstigste Lage, es lehnt sich an das Sandsteingebirge, genießt aber auch alle Vorteile des offenen Elbtalbeckens. Pirna hat schon im Mittelalter eine größere Bedeutung. Wir haben schon bei der Schilderung Dresdens auf den alten Straßenzug durch das Pirnische Tor und die Pirnische Straße hingewiesen. Gedeckt war die Stadt im Mittelalter durch die über Pirna auf der ersten Sandsteinhöhe thronende Feste Sonnenstein, die seit 1811 in eine Irrenanstalt umgewandelt ist. Die Stadt hat eine lebhafte Industrie, günstige Handelsverbindungen, da es im Knotenpunkt mehrerer Bahnen liegt und ist in erfreulicher Blüte begriffen. Erst seit 1404 gehört Pirna dauernd zur Markgrafschaft Meißen.

[Sidenote: Sebnitz.]

Sebnitz (Abb. 138), die zweite und ebenso gewerbreiche Stadt, liegt gleichfalls am Rande der Sächsischen Schweiz. Trotz ungünstiger Lage und schwieriger Verkehrsverbindungen, weil die Stadt nach allen Seiten von hohen Bergen und Landrücken umgeben ist, hat Sebnitz doch immer eine lebhafte Industrie entwickelt und für seine Erzeugnisse auch Absatz gefunden. Ursprünglich herrschte hier wie weiter im Osten in der ganzen Lausitz und in Nordböhmen die Weberei vor. Schon vor hundert Jahren bezeichnete Götzinger den Ort von damals nur 2300 Einwohnern als eine bedeutende Manufakturstadt Sachsens, wo besonders leinene und halbseidene Waren verfertigt wurden und verschiedene von diesen Artikeln unter dem Namen Sebnitzer Zeuge bekannt waren und wohl gar im Auslande für französische Zeuge verkauft wurden; jetzt scheint nur Leinwandweberei und Druckerei noch zu bestehen. Man hat sich einem anderen Zweige der Industrie zugewandt, der Verfertigung künstlicher Blumen, wofür sich Sebnitz dermaßen emporgeschwungen, daß es der erste Platz dafür in Sachsen geworden ist. Daneben sind noch die Herstellung von Papier und Knöpfen zu nennen.

[Sidenote: Königstein.]

Königstein verdankt seine Entstehung dem Schutze der die Stadt überragenden Festung; die Stadt ist also jedenfalls jünger als Sebnitz. In seiner Lage im engen Bielatal und am schmalen Elbstrande hin für weitere Entwickelung beschränkt, war eine Ausdehnung nur in bescheidenem Maße gestattet. Trotzdem hat sich diese Stadt weiter entwickelt und bei wachsender Volkszahl auch neue Industriezweige entfaltet. Wenn Götzinger zu seiner Zeit als Hauptnahrung Brennerei und Viehmast, Schiffahrt und Steinbrechen nennt und darauf hinweist, daß das im siebzehnten Jahrhundert so berühmte Königsteiner Bier kaum noch gebraut werde, so finden wir statt dessen gegenwärtig bedeutende Holzsägewerke und Schiffbau, Papier- und Zellulosefabrikation und verschiedene Gewerbe, die sich mit der Verarbeitung und Verwendung des Holzes beschäftigen. Der Erfinder der Holzschleiferei und des Holzstoffes, Friedrich Gottlob Keller (1816 bis 1895), starb in Krippen, wo ihm auf dem Kirchhofe ein Denkmal gesetzt wurde. Die Inschrift auf dem Grabsteine Kellers lautet: „Hier ruht Friedrich Gottlob Keller, geb. den 27. Juni 1816 zu Hainichen, gest. den 8. September 1895 zu Krippen. Dem Erfinder des Holzschliffes in dankbarer Anerkennung gewidmet von Mitgliedern des Sächsischen Verbandes deutscher Holzschleifer und des Vereins Sächsischer Papierfabrikanten.“ Das Städtchen Königstein führte im Volksmunde auch den Spottnamen Quirlequitsch. Derartige Hänseleien und auch Spottverse, womit die „getreuen Nachbaren“ einander zu necken pflegten, waren auch an der Elbe beliebt. Da hieß es von Schandau: „Meißnische Ehre und Redlichkeit haben in Schandau ein Ende;“ und der Antiquarius des Elbstroms fügt 1741 in biederer Gesinnung hinzu, damit man sich nicht für die böse Seite des doppelsinnigen Ausspruches entscheide, daß das Meißner Land bei Schandau zu Ende gehe und daß man daher unrecht tue, wenn man diesen Ort zum Leitmeritzer Kreise und nach Böhmen rechne. -- Von der Armut der Hohnsteiner lautete der Denkspruch: „Wer sich will in Hohnstein nähren, muß essen Schwämme, Pilze und Heidelbeeren.“ Die Städte Stolpen, Neustadt und Sebnitz wurden summarisch abgetan mit den Reimen:

Von Stolpen weht der Wind, Zu Neustadt haben sie’n Bock geschindt, Zu Sebnitz henkt man’s eigne Kind.

Auch Pirna blieb nicht ungeneckt, doch gehört der Spottvers erst der neueren Zeit an, da die darin ausgesprochene Gleichstellung der Insassen von Pirna und von der Irrenanstalt auf dem Sonnenstein erst nach Errichtung dieser Anstalt 1811 entstehen konnte.

Am meisten hat aber wohl stets der Name Quirlequitsch für Königstein heitere Zustimmung erfahren, auch wenn man sich die Entstehung des Namens nicht klar gemacht hat. Ist man doch in satirischer Laune sogar geneigt gewesen, das Wort aus dem Lateinischen „_querularum quies_“ zu deuten. Das mag wohl auch den Satiriker Rabener veranlaßt haben einen „Auszug aus der Chronike des Dörfleins Querlequitsch, an der Elbe gelegen“, zu schreiben, der zuerst in den Belustigungen des Verstandes und Witzes, 1742, erschien. Dieser Aufsatz enthält keinerlei Beziehungen auf Zustände in der Stadt Königstein, sondern soll nur, wie schon der Pfarrer Süßen in seiner Historie des Städtchens Königstein 1755 vermutet, durch eine inventierte angenehme Erzählung die Schwachheiten mancher Geistlichen kritisieren, welche diese bei Abfassung von Chroniken an den Tag legen, wenn sie zuweilen mitten in der Chronik anfangen zu predigen, oder sich sonst bei Erzählung geringfügiger und fabulöser Dinge aufhalten, aber dabei wichtigere Mitteilungen versäumen.

[Sidenote: Geschichte Klettenbergs.]

Sonst muß man leider bekennen, daß das Städtchen nie Gegenstand besonderer Beachtung in der beschreibenden Literatur gewesen ist. Ganz anders stand die Festung Königstein da (Abb. 139 u. 140). Sie wurde schon eines Besuchs für wert gehalten, ehe noch die Schönheiten der Sächsischen Schweiz erkannt worden waren und man scheute auch die beschwerlichen Wege nicht, die von Dresden her auf die unbezwingliche Burg hinaufführten. Es gab außer den eigentlichen Festungsanlagen und der kriegerischen Ausrüstung noch mancherlei staunenswerte Werke zu besichtigen; namentlich den tiefen Brunnen und das große Weinfaß. Auch erfuhr man mancherlei über die bemerkenswertesten Gefangenen, die hier, sei es mit Recht oder Unrecht, in den Kerkern geschmachtet hatten. Unter diesen Gefangenen waren mehrere, die durch ihre einflußreiche Stellung im Leben entweder eine beachtenswerte Rolle auf der Bühne der Weltgeschichte gespielt hatten oder durch Schwindeleien und Betrug ihre Freiheit und wohl gar das Leben verwirkt hatten. Zu jenen zuerst genannten gehörte der unglückliche Kanzler Nikolaus Crell, der nach zehnjähriger Gefangenschaft 1601 vom religiösen Fanatismus dem Blutgericht überliefert wurde, und ferner der livländische Edelmann Johann Reinhard von Patkul, der während des Nordischen Krieges eine Zeitlang eine Vertrauensstellung bei August dem Starken innegehabt hatte, aber im Altranstädter Frieden 1706 auf besonderes Verlangen Karls XII. an Schweden ausgeliefert und im folgenden Jahre in Polen gerädert wurde. Zu der zweiten Gruppe gehören der Abenteurer Johann Hektor von Klettenberg und der Geheimsekretär Menzel. Klettenberg war in Frankfurt 1680 geboren, studierte auf mehreren Universitäten und wurde, da er in einem leichtfertig veranlaßten Zweikampf seinen Gegner erstochen hatte, in Frankfurt zum Tode verurteilt, fand aber, indem er seine Wächter mit Opium betäubte, Gelegenheit zu entfliehen und führte nun von 1710-1720 ein Abenteurerleben, das ihn in vielen Städten des alten deutschen Reiches bekannt machte, wo er sich für einen Adepten ausgab. Im Herbst 1713 trat er mit August dem Starken in Verbindung, den er bald durch seine frechen Behauptungen, er verstehe die Kunst, unedle Stoffe in Gold zu verwandeln, derart zu gewinnen und zu bestricken wußte, daß er mit dem damals ungeheueren Gehalte von 1000 Talern monatlich in des Königs Dienste genommen wurde, um durch seine geheime Kunst reichliche Mittel zu schaffen für die mannigfachen kostspieligen Unternehmungen und Feste des prachtliebenden Fürsten. Anfangs „arbeitete“ Klettenberg in Dresden selbst, aber schon 1715 verlegte er sein Laboratorium nach Senftenberg, wo er ganz ungestört sein Wesen treiben konnte. Er kam nur gelegentlich noch nach Dresden. In Senftenberg, wo er sich Exzellenz nennen ließ, wie er früher sich auch schon ganz unberechtigter Weise den Rang und Titel eines russischen Oberst zugelegt hatte, ging nun eine tolle Wirtschaft los. Von den Amtsuntertanen schrieb er eigenmächtig Lieferungen aller Art aus: Schlachtvieh, Hühner, Eier, Fische, Stroh und Holz verlangte er nach ganz geringen, in einer alten Amtstaxe enthaltenen Preisen, die er nicht einmal bezahlte. Die Klagen der bedrückten Untertanen, schreibt von Weber (a. a. O. X. 139), verhallten ungehört. Aus Senftenberg und Umgegend versammelte Klettenberg einen zahlreichen Kreis um sich zu täglichen Schmausereien, bei denen unmäßig getrunken wurde. Wüste Szenen spielten sich an Buß- und Feiertagen auf offener Straße ab, widerliche Unflätereien wurden öffentlich betrieben. Dabei entblödete sich Klettenberg nicht, trotz seines hohen Gehaltes noch Geld zu unterschlagen und Schulden zu machen. Das brach ihm den Hals. Im Januar 1718 wurde er wegen Wechselschulden (18000 Taler) verhaftet. Den König hatte er immer wieder mit Ausflüchten und leeren Versprechungen hingehalten, nachdem für die Goldmacherei bereits 60000 Taler verausgabt waren. Nun kam das Strafgericht. Klettenberg kam in Untersuchungshaft. Sein Gehalt wurde monatlich von 1000 Taler zuerst auf 50 und dann auf 25 Taler herabgesetzt und im Februar 1719 seine Abführung nach dem Königstein befohlen.

Der Kommandant vom Königstein war Kyau, ein Mann, der durch seine jovialen Einfälle sich eines gewissen Rufes erfreute, kam aber dem Befehle, den Adepten sorgfältig bewachen zu lassen, nicht in vollem Umfange nach und so konnte denn Klettenberg am 30. April einen Fluchtversuch ausführen, wurde aber schon am nächsten Orte, Gorisch, wieder eingefangen und weil er später einen zweiten Versuch wagte, sich zu befreien, am 1. März 1720 hingerichtet.

Der zweite Sträfling, der sich die langjährige Gefangenschaft auf dem Königstein durch seinen Verrat von Staatsgeheimnissen zugezogen hatte, war der Geheimsekretär Friedrich Wilhelm Menzel, der die Abschriften der Verträge zwischen Rußland und Sachsen und des Briefwechsels, den Graf Brühl mit Rußland und Österreich unterhalten hatte, an Friedrich den Großen in den Jahren kurz vor dem Siebenjährigen Kriege auslieferte und dem preußischen Könige damit die Beweismittel in die Hand gab von dem Vorhandensein eines geheimen gegen ihn gerichteten Bündnisses. Friedrich der Große rechtfertigte seinen Einbruch in Sachsen 1756 damit, daß er diese Schriften veröffentlichte. Der Verräter wurde aber später entdeckt und büßte seine Tat durch eine dreiunddreißigjährige Gefangenschaft von 1763-1796.

[Sidenote: Der Brunnen und das große Weinfaß auf Königstein.]

Unter den Sehenswürdigkeiten auf dem Königstein verdiente natürlich der unter Kurfürst August vollendete tiefe, wasserreiche Brunnen, von dem schon berichtet ist, vor allem einen Besuch. Man zeigte den staunenden Fremden aber nicht bloß die Tiefe dadurch, daß man von oben Wasser hineingoß und darauf aufmerksam machte, wie viel Zeit vergehe, ehe das Wasser den Spiegel unten im Grunde erreiche, aufschlage und der Schall des Geräusches wieder herauftöne, sondern man ließ auch Lichter an der Brunnenkette hinab, um an dem Immerkleinerwerden der Lichter die ungeheuere Tiefe sehen zu können. Zu einer weiteren Ergötzlichkeit war aber auch ein Gedicht verfaßt, das als eine Anrede des Brunnengeistes an den Besucher gedacht war.

Vergänglicher als dieser für eine Festung unentbehrliche Wasserspender war das andere Bauwunder der Felsenfeste, das große Weinfaß. Es ist merkwürdig, wie seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts zwei Kurfürsten des heiligen römischen Reiches sich wetteifernd zu überbieten suchten, wer das größte Weinfaß zu bauen im stande sei, und doch war keiner von beiden des Reiches Mundschenk. Es waren dies die Fürsten von der Pfalz und von Sachsen. Der Pfälzer begann und ließ im Schloß zu Heidelberg 1586 ein Weinfaß bauen, das 1185 Hektoliter faßte. Darauf entstand 1624 auf dem Königstein ein solcher Weinhälter für 1450 Hektoliter. Das neue Heidelberger Faß von 1664 war auf 1651 Hektoliter berechnet; aber das neue Königsteiner vom Jahre 1680 faßte 2235 Hektoliter und kostete 20000 Mark zu bauen. Da aber dieses bald baufällig wurde, so mußte der berühmte Erbauer des Zwingers in Dresden, Daniel Pöppelmann, auf Befehl Augusts des Starken den Entwurf zu einem noch größeren Weinfasse anfertigen, das dann 1725 fertig gestellt wurde, 23000 Mark Baukosten verursachte und 2428 Hektoliter faßte. Dieses neue Riesenfaß verlangte aber auch ein neues Haus und so belief sich der Gesamtaufwand für diese Spielerei auf 40000 Mark. Im Jahre 1819 beschloß dieses Weingebäude sein fast hundertjähriges Leben und wurde wegen Baufälligkeit abgetragen; auch sollten die Räumlichkeiten der Magdalenenburg, in der sich das Faß befand, zu einem bombenfesten Provianthause umgebaut werden.

Von der ganzen Herrlichkeit sind nur die Schnitzwerke, ein riesiger Bacchus und allerhand Embleme und Zierat, übriggeblieben, die noch gezeigt werden. Der Königstein hatte durch die wachsende Größe seiner Fässer mehremal über Heidelberg gesiegt; aber der dichterische Ruhm ist am Rhein geblieben. Das Heidelberger Faß wird in lustigen und durstigen Liedern verherrlicht, vom Königsteiner „meldet kein Lied, kein Heldenbuch“. Die Sänger sahen gewiß mehr auf den Inhalt als die Form des Behälters.