Dresden und die Sächsische Schweiz
Part 13
Eine ganz andere Landschaft umgibt uns, sowie wir aus dem menschenarmen Felsenlande den ersten Schritt über die Kirnitzsch nach Norden tun. Parallel mit der Kirnitzsch fließt die Sebnitz. Beide fließen nach Westen und biegen erst im unteren Laufe nach Süden um, wo sie bei Schandau und Wendischfähre die Elbe erreichen. Dieser Landstrich bildet bei einer durchschnittlichen Breite von 1 _km_ einen breitgewölbten Rücken, der nach Osten allmählich um 100 _m_ ansteigt, ohne der Anlegung einer Hochstraße, die sich der Länge nach über den Rücken hinanzieht, Schwierigkeiten zu bereiten. Übrigens ist die Straße wieder ein Beleg für die Warnung, Gebirgsstraßen nicht in den Tälern zu suchen und auf diese Lehrmeinung allerhand hübsche Schlüsse zu bauen. Vor allem ist auffällig, daß das ganze Land unter der Wirkung des Pfluges licht und grün aussieht und daß vier ansehnliche Dörfer: Lichtenhain (880 Ew.), Mittelndorf (440 Ew.), Altendorf (500 Ew.) und Rathmannsdorf (1050 Ew.) in ziemlich gleicher Entfernung voneinander sich auf dem Landrücken ausbreiten. Von wilden Klippenzügen und tiefen Felsgründen keine Spur, denn der ganze Rücken bis nahe an Rathmannsdorf gehört dem Lausitzer Granit. Hier ist also tatsächlich die Sächsische Schweiz in ihrem Zusammenhange unterbrochen, eine Lücke trennt die obere und die untere Gebirgslandschaft, und aus dieser Beobachtung heraus wird uns auch die alte Benennung der Sächsischen Schweiz als „die Heide über Schandau“, womit also namentlich das Winterberggebiet gemeint ist, verständlich und erscheint durchaus berechtigt. Bei alledem bleibt es merkwürdig, daß eine der ältesten Erwähnungen der wunderbaren Felsgebirge in der Sächsischen Schweiz 1743 betitelt ist: „Nachricht von denen Lichtenhaynischen Steinfelsen.“ Es heißt da: „Lichtenhayn ist um und um mit Bergen, Felsen und Wäldern umgeben. Und zwar so sind die aus denen hohen Bergen von Natur gewachsene Felsen sehr weit zu observieren: Sie präsentieren von ferne den Prospekt derer zierlichst mit Türmen, Mauern und Spitzen erbauten Bergschlösser, weshalben sie auch weit und breit bekannt und berühmt und von vielen Fremden mit Vergnügen besucht und mit Verwunderung betrachtet werden. Weil sich nun in diesen Steinklüften vor alten Zeiten entweder viel Räuberrotten, oder die in der Gegend wohnende Leute in Verfolgung sicher aufgehalten, so nennt man solche in genere Raubschlösser, z. B. Rabstein (Hinteres Raubschloß), Spögenhörner (Speichenhörner = Vorderes Raubschloß), der Große und Kleine Winterberg, der Hausberg (Wildenstein = Kuhstall) u. s. w. Dasjenige Raubschloß, welches man den Hausberg nennt, ist das erste von Lichtenhayn, mitten im Walde... Dieser Felsen hat unten eine große und sehr lichte Höle von Natur, als wie die Tore einer Stadt gewölbt, in welchen verschiedene Klippen, gleich denen Feuerherden, Tischen und Bänken zu finden.... Man nennt diese Höle den Kuhstall“ u. s. w. -- Aus der ganzen Darstellung geht hervor, daß der Verfasser dieses etwas altfränkisch anmutenden Berichtes, aus dem hier nur eine Probe gegeben ist, den Blick nur nach Süden, also in die Heide über Schandau gerichtet hat, daß unter allen Merkwürdigkeiten der Kuhstall am ausführlichsten beschrieben wird; und wenn wir hinzufügen, daß von allen Dörfern jener Gegend Lichtenhain dem Kuhstall am nächsten liegt, so leuchtet ein, daß der Titel „Lichtenhainer Steinfelsen“ eine gewisse Berechtigung hat. Von Lichtenhain nordwärts gab’s weder merkwürdige Felsen noch unheimliche Raubschlösser.
[Sidenote: Der Lilienstein.]
Erst jenseits, westlich des Tiefen Grundes und der Lachsbach gelangen wir wieder in den Sandsteinboden. Und hier bildet die Elbe die große Schlangenwindung, wodurch zwei Flußhalbinseln entstehen, auf deren oberer der Lilienstein, und auf deren unterer die Bärensteine hervorragen. Die Landschaft um den Lilienstein mutet uns ganz westelbisch an: Eine fruchtbare Ebenheit mit darüber aufsteigender Felsmasse. So hat der Lilienstein eine ganz eigenartige Lage und gewährt, inmitten des Sandsteingebietes liegend, die schönste Umsicht unter allen Felshöhen, wobei besonders der Blick aufwärts den Elblauf bis über Schandau und zum Winterberg immer von neuem fesselt. Der Lilienstein, über 400 _m_ lang und in der Mitte 120 _m_ breit, erstreckt sich ziemlich in der Richtung des Elbtales von Schandau abwärts und erhebt sich 411 _m_ ü. M., überragt also den gegenüberliegenden Königstein um 50 _m_. Sein Name, in Urkunden gelegentlich Ylgenstein geschrieben, hat nichts mit dem Namen Aegidius zu tun, wie mehrfach behauptet ist; vielmehr ist Ilge mundartlich die Lilie. Die Felsmasse, gerade in der Stromrichtung der Elbe gelegen, hat gewaltig unter der Wirkung der abspülenden Gewässer gelitten und darum viel an Flächenraum verloren. Jedenfalls hat auch die starke Zerklüftung dazu beigetragen, daß die Felsmasse den unterspülenden Fluten wenig Widerstand entgegensetzen konnte. Im Südosten und Nordosten läuft der Stein in ganz schmale, schon halb zertrümmerte Felsgrate aus. Eine Kluft trennt das Westende vollständig von der übrigen Felsmasse und dieser abgetrennte Teil ist wieder durch neue Klüfte in einzelne Felsenpfeiler zerteilt. Am Ostende erhebt sich ein kleiner Obelisk zur Erinnerung an die Besteigung des Felsens durch August den Starken. An dieser Stelle hat man die schönste Aussicht; später hat der Kurfürst Friedrich August 1771 den Besuch wiederholt und bei diesen Gelegenheiten wurde der Lilienstein von der Südseite her bequemer zugänglich gemacht. Ruinen von Mauerwerk zeigen aber nebst einer Zisterne, daß schon in früheren Zeiten der Felsen zugänglich war und vielleicht dauernd bewohnt war, weil gelegentlich in Urkunden ein Fortalitium, also eine Befestigung erwähnt wird, wobei aber nicht gleich an eine Burg gedacht zu werden braucht. Ein Raubnest, wie in der Heide über Schandau noch manche nachzuweisen sind, war der Lilienstein jedenfalls nicht. Im Jahre 1902 ist auch von der Nordseite her der Felsen zugänglich gemacht; auf dieser Seite wurden 1813 von den Franzosen Schanzen angelegt. Die Ebenheit am Fuße des Liliensteines hat dadurch eine traurige Berühmtheit erlangt, daß hier die sächsischen Truppen am 15. Oktober 1756 vor Friedrich dem Großen die Waffen strecken mußten.
[Sidenote: Der Brand und die Bastei.]
Es bleibt uns nur noch übrig, zwei vielbesuchte Aussichtspunkte zu erwähnen, die sich nicht auf einem einzeln hervorragenden Gipfel darbieten, sondern am Rande einer steilen Felswand; es sind dies der Brand und die Bastei. Der Brand (323 _m_) liegt auf dem linken Ufer der Polenz und bietet, obwohl nur nach Süden und Westen, infolge der für den Beschauer höchst glücklichen Gruppierung der Berge, bebauten Hochflächen und Wälder das anmutigste Landschaftsbild in der ganzen Sächsischen Schweiz. Die Bastei (305 _m_) ist ein Felsenvorsprung, der sich von einer zwischen dem Wehlgrunde und der Elbe aufsteigenden Felsenkette abtrennt und gerade gegen die Elbe vortritt, so daß der Basteifelsen etwa 200 _m_ senkrecht über der Elbe emporzusteigen scheint (Abb. 130 u. 131). So nahe tritt kein anderer Aussichtspunkt an den Strom vor; darin liegt seine Eigenart und darin liegt auch der mächtige Eindruck, den der Besucher der Bastei empfängt, wenn er auf der ziemlich wagerecht über die Hochfläche der bewaldeten Wehle verlaufenden großen Fahrstraße, an den Gasthäusern vorbei sich dem Platze nähert und nun auf die durch Eisengitter gesicherte, senkrecht abstürzende Felsplatte tritt. Der Blick hinab in die Elbe ist einzig in ihrer Art, auch die Aussicht auf Lilienstein und Königstein, sowie elbaufwärts gegen den Winterberg ist recht schön, aber keineswegs die schönste in dem ganzen Gebirge. Einheitlicher, geschlossener und nur die wilde Gebirgsnatur zeigend, bietet sich ganz in der Nähe die Aussicht in den Wehlgrund: zwei Aussichten von ganz verschiedenem Charakter. Aber daß von der Bastei im weiteren Sinne beide Landschaftsbilder in ihren gewaltigen Gegensätzen sich darbieten, erhöht den Genuß. Nimmt man dazu, daß der Aufstieg von Wehlen und dem Uttewalder Grunde aus ebenso reich an landschaftlichen Bildern ist, wie der Abstieg über die kunstvolle Steinbrücke und das Felsentor hinab nach Rathen (Abb. 132) wiederum eine Fülle von grotesken Felsgebilden und Ausblicke in die umgebenden und tief unter uns liegenden Landschaften vorführt, so wird daraus erklärlich, warum die Bastei der besuchteste Punkt in der Sächsischen Schweiz ist, und, obwohl unter allen die niedrigste Aussichtshöhe, doch gleichsam in der Außenwelt die ganze Sächsische Schweiz vertritt, daß beide Begriffe sich zu decken scheinen.
Jedenfalls gehört die Sächsische Schweiz zu den besuchtesten Gebirgslandschaften, und dieser Besuch ist in fortwährendem Wachsen begriffen, ein Beweis, daß ein durch falsche Kunsttheorien noch nicht verdorbener Geschmack und offener Natursinn hier, namentlich in den einsameren Teilen, noch immer volles Genüge und reichen Genuß finden wird. Und wenn neuerdings sogar behauptet ist, die Sächsische Schweiz liege von dem modernen Landschaftsideal weit abseits, so möchte man wohl eher den Maler als die Sächsische Schweiz bedauern, denn wer hier Studien machen will, muß nicht bloß, wie Lessing sagt, Farben verquisten, sondern auch zeichnen können, was die „Moderne“ vielfach nicht mehr kann.
IX.
Volksverteilung und Städte.
[Sidenote: Volksverteilung und Städte.]
Die Bevölkerung der Sächsischen Schweiz ist desselben Stammes und derselben Herkunft wie im Elbtalkessel. Es sind Franken, Thüringer und Niedersachsen, in einzelnen Fällen auch Friesen, die nach der Eroberung im Mittelalter von den Herren des Landes zur Kolonisation herbeigerufen wurden. Da aber das Gebirgsland bis nach Pirna lange zwischen Böhmen und Meißen streitig war, so hat die Besiedelung nicht so rasch erfolgen können; außerdem trat auch der vielfach schlechte Boden und die Unsicherheit des Landes hemmend dazwischen. So sehen wir denn, ähnlich wie im Elbtalkessel die Siedelungen, so hier die slavischen Ortsnamen vor allem an der Stromrinne haften. Herrnskretschen (d. h. Grenzwirtshaus), Schmilka, Schandau, Krippen, Prossen, Rathen, Pötscha, Wehlen, Poste, Copitz, Pirna sind keine deutschen Namen. Gelegentlich sind aber die Slaven auch auf die Höhe gestiegen, wie die Namen Gorisch, Weißig, Dorf Wehlen, Krietzschwitz und Struppen beweisen. Die untere Ebenheit rechts der Elbe, von Wehlen abwärts, weist fast nur slavische Namen auf: Lohmen, Doberzeit, Daube und Zatzschka. Ja selbst die deutsch klingenden Namen Mockethal und Liebethal möchten kaum aus deutscher Wurzel stammen, um so mehr, wenn man sieht, daß der Vorort von Dresden Löbtau urkundlich Liubitawa heißt und auf einer alten handschriftlichen Karte des sechzehnten Jahrhunderts sogar Liebethal geschrieben ist. Dazu muß man erwägen, daß das Liebethal in der Sächsischen Schweiz nicht im Tal der Wesnitz, sondern oben, über dem Grunde, auf der Ebenheit liegt. An der Elbe liegen nur drei unzweifelhaft deutsch benannte Orte: Wendischfähre, Königstein und Vogelgesang. Die deutschen Dörfer im Gebirge endigen, ziemlich eintönig, fast alle auf -dorf, wie Naundorf, Hennersdorf, Hermsdorf etc.; außerdem sind noch die Bestimmungswörter -walde, -hain und -hübel verwendet; verhältnismäßig junge Bezeichnungen für spät erfolgte Besiedelung. Auch im böhmischen Gebiet herrscht das „Dorf“ in den Ortsnamen vor, daneben erscheint auch -bach. Dagegen fällt auf, daß die deutschen und slavischen Namen scheinbar planlos gemischt sind.
[Sidenote: Die Volksdichte.]
Die Volksdichte, die im Elbtalkessel, nach Schätzung, unterhalb Dresdens 1000 Menschen auf einem Quadratkilometer beträgt, und oberhalb Dresdens immer noch 750 Einwohner zeigt, sinkt in der Sächsischen Schweiz auf 120, und steigt im böhmischen Sandsteingebirge wieder auf 200 Einwohner. Die mittlere Dichte im Deutschen Reiche beträgt 104, so daß also selbst in der Sächsischen Schweiz die Ziffer noch höher steht. Ausschlaggebend mag dafür gewesen sein, daß die am Rande des Sandsteins gelegenen Städte Sebnitz, Pirna und Berggießhübel mit einbezogen sind. Wenn auf der böhmischen Seite, wo ebenfalls die Randstädte Bodenbach-Tetschen, Kamnitz und Kreibitz in der Rechnung mit aufgenommen sind, die Volksdichte noch ansehnlich höher steht als in Sachsen, so liegt der Grund vor allem in der stärkeren Industrie auf böhmischer Seite. Die Zahl 200 ist eine zuverlässig genaue, da in dem statistischen österreichischen Werke glücklicherweise die Bodenfläche jeder Gemeinde ganz genau angegeben ist, was leider bei dem sächsischen Ortsverzeichnisse noch vermißt wird. Überdies muß für die Gegenwart die Zahl von 200 Einwohnern auf einem Quadratkilometer schon als nicht mehr zutreffend bezeichnet werden, da sie sich auf die Zählung von 1890 bezieht. Die Ergebnisse der neuesten Volkszählung von 1900 sind in dieser Beziehung noch nicht veröffentlicht.
[Sidenote: Der Verkehr auf der Elbe.]
Die von Natur gebotenen Beschäftigungen sind Ackerbau und Viehzucht, Waldwirtschaft und die damit zusammenhängenden Gewerbe der Holzflößerei, Sägewerke und Holzhandel, endlich das Steinbrechergewerbe. Ackerbau (Abb. 133) beschäftigt die Bewohner der Ebenheiten, die Elbanwohner besitzen mit sehr wenigen Ausnahmen bei Prossen und Rathen kein Ackerland auf dem Talboden; sie sind namentlich auf den Elbverkehr, Flößerei, Schiffahrt angewiesen. Außerdem verdient noch die blühende Industrie in künstlichen Blumen erwähnt zu werden. Das ganze Verkehrsleben zieht sich aber nach der Elbe hin. Wir wenden daher unsere Aufmerksamkeit zuerst der Elbe, der Pulsader des Gebirges, zu. Die Elbe hat von Tetschen bis Meißen eine Länge von 93 _km_. Das Gefälle des Flusses ist, wie früher schon erwähnt ist, sehr gering, die Schiffahrt dadurch also nirgends gehemmt. Durch Uferdämme ist die Tiefe des Fahrwassers auf durchschnittlich 1¾ _m_ erhöht, und es hat sich daher ein sehr lebhafter Verkehr, namentlich stromabwärts, entwickelt, der besonders Braunkohlen, Obst und Holz aus Böhmen, und Bausteine aus der Sächsischen Schweiz abwärts führt. Dieser Verkehr erleidet auch durch die in neuerer Zeit zahlreich gebauten Brücken kein Hemmnis. Schwierigkeiten und Gefahren bereitet eigentlich nur die Alte oder Augustusbrücke in Dresden. Aus dem Mittelalter stammen überhaupt nur zwei Brücken, die genannte Augustusbrücke und die Meißener Brücke, beide in der nächsten Nähe fürstlicher Residenzen angelegt. Erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts traten die Eisenbahnbrücken bei Mittelgrund, Schandau, Dresden, Niederwartha und Meißen hinzu, außerdem die steinernen Brücken bei Pirna, die Albert-, Carola- und Marienbrücke in Dresden.
[Sidenote: Dampf- und Segelschiffahrt.]
[Sidenote: Güterverkehr. Elbflößerei.]
[Sidenote: Das Steinbrechergewerbe.]
Die Dampfschiffahrt begann durch die Sächsisch-böhmische Dampfschiffahrtsgesellschaft für öffentliche Benutzung am 25. August 1837. Die erste Fahrt wurde von Dresden nach Meißen gemacht. Gegenwärtig wird durch die Dampfer dieser Gesellschaft der Strom von Leitmeritz bis Mühlberg befahren. Später traten für den Frachtverkehr noch drei andere Schiffahrtsgesellschaften, die schon bei Dresden genannt sind, hinzu. Am Schluß des Jahres 1901 waren bei den sächsischen Elbstromämtern registriert 80 Personendampfer und zwar 35 große und 5 kleine Raddampfer, 40 Schrauben- und sonstige Maschinenschiffe, 8 Güterdampfer, 46 Radschleppdampfer, 31 Kettenschleppdampfer und 492 Segel- und Schleppschiffe mit zusammen 186641 Tonnen Tragfähigkeit. Die Häfen befinden sich in Postelwitz, Königstein, namentlich aber in Dresden, der Alberthafen im Großen Gehege, und in Riesa. Die Verbesserung des Fahrwassers durch Uferbauten begann 1861. Wie sehr seit dieser Zeit die Schiffahrt sich gehoben hat und die Tragfähigkeit der Elbkähne gesteigert werden konnte, wird aus folgendem Vergleiche ersichtlich: Um 1852 trugen die größten Kähne 3000 Zentner, 1886: 15000 Zentner oder 750 Tonnen. Verglichen mit dem Raumgehalt der neuesten großen Seedampfer erscheint die Zahl von 750 Tonnen gering; anders erscheint die Größe, wenn man zum Vergleiche in ältere Zeit zurückgeht. Man wird erstaunen, wenn man hört, daß die aus fünf Seeschiffen bestehende Flotte Magalhães’ bei der ersten Weltumsegelung 1519-1521 zusammen nur 500 Tonnen Gehalt hatte, also an Tragfähigkeit bedeutend gegen einen einzigen großen Elbkahn zurücktrat. Ehe die Schleppdampfschiffahrt ins Leben trat, machten die Segelkähne gewöhnlich drei Reisen nach Hamburg in einem Sommer, später aber und jetzt kann die Zahl auf sieben und gar auf zehn Reisen gesteigert werden. Die Segelschiffahrt ist daher fast völlig verschwunden und das durch die weißen, hohen Segel belebte Strombild, wenn die Schiffe mit günstigem Fahrwinde elbaufwärts flogen, gehört ebenso der Vergangenheit an, wie die zahlreichen Schiffsmühlen auf der Elbe, die hart am Ufer in mancher malerischen Stromecke, aber auch an Stellen sich angesiedelt hatten, die der lebhafter werdenden Schiffahrt unbequem waren. Auch die Schiffzieher, die Bomätschen, sonst eine volkstümliche Erscheinung auf den Leinpfaden am Wasser, sind ausgestorben. Über die Größe des Güterverkehrs auf der Elbe beim Zollamt in Schandau sei folgendes erwähnt. Es betrug dieser Verkehr im Jahre 1900: 2735000 Tonnen. Einen noch größeren Verkehr zeigen die vier Rheinhäfen Mannheim (4¼ Mill. T.), Duisburg (3½ Mill. T.), Ruhrort (über 5 Mill. T.) und Emmerich an der niederländischen Grenze (10 Mill. T.), und ferner die zwei Häfen im Elbgebiet Berlin (4¾ Mill. T.) und Hamburg (5⅓ Mill. T.). Schandau steht also unter den deutschen Flußhäfen an siebenter Stelle. Die Frachten gehen meistens flußabwärts. Befördert wurden 1698000 T. Braunkohlen, 369000 T. Holz, 309000 T. Zucker, 80000 T. Steine (nur von den Brüchen oberhalb Schandau), 72000 T. Gerste und 14000 T. Obst. Flußaufwärts gingen namentlich Düngmittel (81000 T.), Roheisen und Erze (je 51000 T.). Was die Beförderung von Floßholz betrifft, so weisen die Häfen an der Memel (Memel) und Weichsel (Thorn) eine noch höhere Zahl von Tonnen auf, nämlich Thorn 722000 T. und Memel 647000 Tonnen. Hier steht Schandau an dritter Stelle. Die Elbflößerei hat darum eine besondere Bedeutung. Das Holz kommt aus den böhmischen Herrschaften, vor allem von der oberen Moldau. In Böhmen haben die Prager Juden diesen Handelszweig in der Hand. Die größten Holzniederlagen sind in Niedergrund und Herrnskretschen. Von hier gehen die großen Prahmen oder Flöße nach Magdeburg als dem Haupthandelsplatz an der mittleren Elbe; jedes Floß ist bis 110 _m_ lang und hat vorn und hinten Ruder, acht Stämme liegen nebeneinander. Eine solche Magdeburger Prahme hat 14 Mann zur Bedienung für die 14 Ruder, je sieben vorn und hinten. Die Flöße dürfen nach dem Reichsgesetz von 1894 nicht länger als 130 _m_ und 12,6 _m_ breit sein. Sie dürfen auf der Elbe auch nicht nebeneinander, sondern nur, und zwar in einem Abstande von 400 _m_, hintereinander fahren. In der Regel dauert eine Fahrt bis Magdeburg acht Tage. Wenn die Flöße die Elbbrücken passieren, sammeln sich immer Zuschauer, um dem Steuern dieser schlangenartig sich bewegenden Fahrzeuge zuzusehen. Seit 1878 wird ein Zoll von dem böhmischen Holze erhoben, der dem Deutschen Reiche etwa ¾ Mill. Mark abwirft. Seitdem kommen nicht mehr verarbeitetes Holz, Bretter und dergleichen herein, sondern nur Rundholz und es haben sich auf deutschem Gebiet große Schneidemühlen an der Elbe in Schandau, Königstein, Laubegast, Dresden und Riesa entwickelt. Die Flößer stammen meistens aus den böhmischen Elbdörfern Herrnskretschen, Johnsdorf, Rosendorf, Arnsdorf, Elbleiten, Kamnitzleiten und Stimmersdorf, die sich, von Haus aus Handwerker und Bauern, ein Nebengewerbe aus der Flößerei gemacht haben.
Ein anderes nur am Sandstein haftendes Gewerbe ist das Steinbrechergewerbe (Abb. 134, 135 u. 136). Glücklicherweise ist die Zahl der in diesem Beruf beschäftigten Arbeiter nicht groß (sie betrug nur 3 vom Hundert der Bevölkerung), denn diese Arbeit ist sehr ungesund und rafft die Leute in ihren besten Jahren hin. Am gefährlichsten ist die Arbeit der Hohlmacher. Der Sandstein wird nicht von oben abgesprengt, sondern die wagerechten Klüfte oder Schichten, wodurch die Bänke voneinander geschieden sind, werden von unten her erweitert, bis der Arbeiter wohl 12 _m_ tief unter der hohen Wand vordringen kann. Dieses Hohlmachen der Wand gestattet aber nur, daß der Mann, auf dem Rücken liegend, sich weiter vorschiebt, wobei er, nach oben arbeitend, immer den feinen Sandstaub einatmet. So entsteht durch Erkältung infolge der Lage auf dem nackten Steine die sogenannte Steinbrecherkrankheit, die bei wachsendem Siechtum oft schon mit 30 Jahren den Steinbrecher „bergfertig“ macht und ihn mit 40 Jahren dem Tode zuführt. Daher die große Zahl der Witwen und Waisen. Im Jahre 1881 gab’s allein in dem sächsischen Dorfe Schöna 35 junge Steinbrecherwitwen. Aber der höhere Lohn lockt die jungen Leute immer wieder an, sich dem Gewerbe zu opfern. Im Jahre 1897 waren beschäftigt 139 Bruchmeister, 68 Hohlmacher, 1391 Steinbrecher, 418 Steinmetzen, 1274 Räumer, 241 Räumerinnen, und es wurden in 387 Brüchen 177000 _cbm_ Steine gewonnen. Der Arbeitslohn betrug bei den Männern für jede Stunde im niedrigsten Satz 22-25 Pfennige, im höchsten 40 bis 50 Pfennige; bei den Frauen dagegen nur 12-18 Pfennige. Im Jahre 1892 waren nur 334 Brüche mit 3300 Arbeitern im Betrieb, aber die Ausbeute betrug 187000 _cbm_. Die Ursache liegt wohl darin, daß oft jahrelang an dem Hohlmachen einer Wand gearbeitet werden muß, daß aber, wenn sie glücklich gefällt ist, auch ebenso lange Zeit wieder zur Aufarbeitung gebraucht wird. Die großen Stücke bis zu 500 Zentner nennt man Hamburger Ware. Die kleineren behauenen Werkstücke werden auf zwei aneinander befestigten hölzernen Schlitten „heruntergehuscht“ an den Strand und dort auf die Kähne verladen.
[Sidenote: Das Fällen einer Wand.]