Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie

Part 20

Chapter 203,239 wordsPublic domain

Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.

Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre, widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist, wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen, in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens, sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“ mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein. Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten sittlichen Charakter der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen, ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der „wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen, umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit, der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt, wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.

Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel, das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung gebracht werden, zum großen Teil den guten erziehlichen Einfluß, den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und der Partei.

Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind, die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind, mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände, unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium, ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben, die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.

Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt, muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte, eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den Resultaten der modernen „Wissenschaft“, deren rechte Konsequenzen nach rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus, der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein Fäßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte, ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute, gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben; aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl von Arbeitsgenossen, die -- ich verweise hier auf den betreffenden Abschnitt meines fünften Kapitels -- sich nur wenig oder gar nicht mit Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien, wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten, die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse standen -- alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung, die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die gesunden Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte Arbeit zu thun braucht.

Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde, also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht, wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu einem geordnetern, verständigern, von höhern und edlern Bedürfnissen getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in vielen Fällen in mehr oder weniger glückende That umsetzt. Unter solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein. Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es -- ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen nur bestätigen -- nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio, der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt. Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute. Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde; diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt hatten. Wie weit -- um darauf noch einmal zurückzukommen -- bei vielen Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen Arbeiten selbst verrichtete, deren Besorgung man sonst Handwerkern überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u. s. w. Und dementsprechend war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt, es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier -- ob als alte Reste oder neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger zur Entscheidung -- unter der Decke des großindustriellen Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf.

Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal: „Jeder Arbeiter hat Schulden,“ aber ich habe, offen gestanden, nie recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen, bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des Mannes. Ein +gegenseitiges+ Borgen aber habe ich wenigstens unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmarkte etwas Besondres zu leisten. Das waren in aller Augen Festtage, und an Festtagen läßt das Volk ganz selbstverständlich „etwas aufgehn.“ Jeder freilich in seiner Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung, auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte, oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau „aus-,“ d. h. zu Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von „Destille“ (Destillation) zu „Destille,“ von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung aus vierzehn Tage erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken, verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte. Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete.

Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte, besteht fast durchweg aus Säufern; von ihnen waren in den Chemnitzer Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren, wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte, man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte.

Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige ständige und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps, dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der Durchschnittsarbeiter von Chemnitz ging, außer am Lohntage und an den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein. Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder- und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag. Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an. Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb. Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest; die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte, trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten eigentliche Säufer.