Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie

Part 21

Chapter 213,327 wordsPublic domain

Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die „Kaiserkrone“ in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der „blutige Knochen“ genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den Militärbehörden hiermit zur ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern mit ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten, ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort, und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in Schwung und in die Höhe gebracht.

Das Gegenteil von diesem Saale war das „Kolosseum“ in Kappel. Es war der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum, das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und auch -- wie man mir versicherte -- Referendare und Offiziere in Zivil zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen und Verkäuferinnen, aber auch „feinere“ Huren, dagegen wenig Dienst- und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu. Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack; alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug Handschuhe, was manche der Damen veranlaßte, ihren Herren beim Tanz mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten, damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das Kleid nicht beschmutzte.

Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck, den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver, der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug. Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4 Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann, und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die Freude am größten.

In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende, glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen, kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt, der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld, wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier begeht, oder bis in Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft, ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aufsicht, ohne elterliche Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und Herzen -- und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel, ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß.

Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute im weitesten Umfange verbreitet. Er gilt einfach als das Natürliche und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande, und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser „geht man“ dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen, selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die jungen Leute in die Ehe zusammen.

Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen, die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung, einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die „letzte und größte Dummheit, die einer machen kann.“ In manchen Familien ist es ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den Männern unendlich viel niedriger geschätzt, viel weniger geachtet, viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt.

Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen, übertragen sie vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird. Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur halbwegs die Verhältnisse erlauben, etwas „Ordentliches,“ d. h. jedenfalls etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler, kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war, gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden Halbbildung.

Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute. Fast jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut.

Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen. Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer, das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock, den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar Pfennige zusammen.

Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert. Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit, der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere, ihre guten und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn, Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor, deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz! Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle, meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen.

Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu.

Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja doch nur Steuern.

Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte sich jener.

Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben, erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre.

Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung. Die „Reichen,“ die „großen Herren,“ die nichts zu arbeiten brauchen, hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die „fressen, saufen, reisen, lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne Weiber.“ Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte Menschen, die ja freilich die „Reichen“ nicht immer sind, gerade in dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile, die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben! Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft glücklich ist.

Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese „vornehmen“ Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend einen +objektiven+ Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes, das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien enthielt mit, wenn ich mich recht entsinne etwa dem Inhalte, daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also: Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart. Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht mehr diese „Wohlthat“ zu beanspruchen brauchen und dann -- nicht gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen!

Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen, waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare „kindische“ Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten ist.

Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute, liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt, ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe schiebe. +Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft heraufbeschworen hat.+ Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird.

Achtes Kapitel

Ergebnisse und Forderungen

Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen.