Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie

Part 19

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Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung und Glaubenslosigkeit mit allen Zweifeln und ihrer Haltlosigkeit standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck. Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte. Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation, daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich und unvermittelt -- es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln zweier großer Platten --:

Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten.

Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist, zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich gewiß würden.

Aber er auch da wieder:

Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die Katholiken, die Juden und Türken nichts andres glauben. Und davon ließ er sich nicht abbringen.

Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste:

Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“ antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie haben aber doch gebetet: Vater +dein+, nicht +mein+ Wille geschehe!“ +Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!+

Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit, und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein, wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine:

Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es.

Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn und seines Glaubens leben ließ.

Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun erklärte ein dritter:

Die beiden haben oft solchen Diskur (d. i. Gespräch) mit einander. Und ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung, wie die meisten andern sagen? Oder ist das nicht bloß Profession von den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum geht es so vielen Guten schlecht?...

Ja, und wenn es mir schlecht geht -- nun, da haue ich eben alles hin, fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein:

Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören!

Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen:

Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und damit zufrieden ist.

Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter, die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein.

Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte, war wohl der einzige, wenn ich mich recht entsinne. Er machte sich mir gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt, was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden?

Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche, dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit, sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung besonders deutlich hervor.

Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in aller Ruhe:

Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme ich fast nie mehr hinein. +Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.+

Würde das -- es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung -- möglich sein, wenn das kirchliche Leben auf dem Lande wirklich rege, die Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen. Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche holt.

So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber sonst selbständig und verständig urteilender Mann:

+Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon in der Schule genug gehabt.+ Aber sie muß sein; sonst wäre der Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn hört.

Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter Sohn des Dorfes:

Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die „Sozialschen.“ +Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und Konfirmation.+

Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder der alte noch der neue Glaube zu befriedigen vermochte, sie aber doch etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung, ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe, verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens, das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist. Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.

Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir, als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.

Wie so?

Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse ich mir nichts mehr sagen.

Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik. Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von jedem.

Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn dort konfirmiert hatte.

Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon. Aber auch wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.

Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.

Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.

Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.

Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles. Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.

Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen -- natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne „Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus.

Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer, ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich, wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu. Sonst geht es mir schlecht hier.

Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch er hatte mir früher -- freilich beiläufig -- wenig Schmeichelhaftes über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:

+Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik+, sagte er einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche. Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.

Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.

Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz erstaunt und verständnislos an.

Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist auch durch diese schon schlagend geführt. +Und es ist in der That kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem anerkennen, daß der materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.+ Die alten Gebilde und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.

Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“ Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor seiner großen Persönlichkeit.

Siebentes Kapitel

Sittliche Zustände

Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer, durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich auch in diesen Menschen gären und glühen.

Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben, umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen, wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie erstarren dann oft zu einer nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da; sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus denen diese herauswachsen.

Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit. Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches, zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag? Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet. Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals zu betonen, daß sie alle zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern gezeitigt hat.