Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie

Part 18

Chapter 183,728 wordsPublic domain

Gestern packten wir einen von den eisernen Särgen ein, den die Fabrik von dem kleinen noch vorhandenen Lager einmal wieder nach langer Pause verkauft hatte. Wir waren drei Mann beim Einpacken und gerieten dabei in Streit, ob es ein ewiges Leben gäbe. Die beiden andern meinten entschieden nein; auch der Meister, der hinzu kam und sich hinein mischte, sagte, daß sie recht hätten: der Mensch wäre einfach wie eine brennende Cigarre; sie verglüht, und der Rest ist Asche. Haben die nun recht oder nicht? Giebts ein Wiedersehen oder nicht?

Ja wohl, in Buxtehude, lachte abermals der Monteur.

Aber warum lehren das dann die Geistlichen?

Damit die Menschen hübsch arm und dumm und hübsch zufrieden bleiben, belehrt ihn der, der vorhin das Jesuswunder zu Kana erwähnt hatte; und der Monteur fügte bestätigend hinzu:

Der Mensch ist ein Raubtier, ja schlimmer als das. Das Raubtier will nur satt werden, der Mensch will mehr. Gäbs nicht das bißchen Religion in der Welt, so müßten wir jeden Morgen so und so viele Leichen beiseite schaffen.

Das war die weitverbreitete Meinung in der Fabrik: +die längst überholte, innerlich unwahre, in ihrem Leben tote Kirche ist heute nichts als ein sehr erwünschtes und kräftiges Polizeiinstitut des bestehenden Staates, der es eifrig und künstlich aufrecht erhält+.

Endlich kamen wir am Schlusse unsers langen Gesprächs auch auf Darwin und die Lehre von der Abstammung des Menschen von den Affen. Der Handarbeiter und Monteur sind für sie, S. dagegen, H. sagt gar nichts dazu. S. meinte, das wäre unmöglich; denn wir hätten den Verstand, der uns durchaus von den Tieren, auch den Affen schiede.

Das ist ja richtig, entgegnete der Handarbeiter; aber trotzdem glaube ich daran. Was bleibt auch andres übrig? Denn das kann ich auf keinen Fall glauben, wie es in der Bibel steht, daß der Mensch aus Lehm gemacht ist.

Als wir dann auseinander gingen, blieb der Handarbeiter an meiner Seite und kam wieder auf das Sterben und das ewige Leben zurück, wie noch viele male, wenn wir beisammen waren. Er hatte vor einiger Zeit ein halberwachsenes Mädchen verloren. Nun quälte ihn die Sehnsucht nach ihr, sie wieder zu sehen. Er wollte immer wieder hören, was ich darüber dächte und glaubte. Und immer wieder, so oft ich ihm mein Innerstes ausgeschüttet, mein Bestes gegeben hatte, schüttelte er den Kopf und seufzte:

Ach wenn wir nur glauben könnten. Aber Gewißheit müßten wir haben, ganz feste Gewißheit.

Auch dieser Ärmste hatte kein Verständnis mehr für eine Gewißheit, die nicht auf Augenschein und Tastgefühl, Gehör und Geschmack beruht.

Ein andermal hatte mich ein Schlosser zu einem ältern Dreher geschickt, von ihm etwas zu holen.

Die Arbeit ist noch nicht fertig, wird es morgen erst, wenn mich nicht derweile der Teufel holt -- war die barsche Antwort auf meine Anfrage.

Teufel giebts nicht, meinte sein Nachbar dazwischen.

Aber Sünde, setzte ich dazu.

Unsinn; das widerspricht sich, fuhr mich der erstere an. Wenn es keinen Teufel giebt, giebts auch keine Sünde. Übrigens, glauben Sie denn auch noch an das Zeug, das einem in der Schule weis gemacht wird?

Man hat eben, das ist ein neues scharfes Charakteristikum, durchgängig nicht das geringste Bewußtsein mehr von Schuld und Sünde. Auch diejenigen nicht, die religiös noch schwanken und ringen und eben mitten in jener Bildungskrisis stehn. Ein andrer kleiner Zug aus einem Gespräche mit einem ältlichen, ernst gesinnten Manne beweist das noch. Dieser hatte mir erzählt, daß er irgend einen kleinen Gegenstand, Schrauben oder sonst, ich weiß nicht mehr, was mit aus der Fabrik nach Hause genommen hätte.

Das ist ja aber verboten, also Sünde, warf ich ein, um das Gespräch darauf zu bringen.

Nein, das ist keine Sünde. Sünde thut man in so einem großen Geschäft wie hier nie. Die Besitzer versündigen sich auch an uns. Ach, wir armen Leute!

Sonst habe ich eigentlich nur selten bemerkt, daß die Leute heimlich kleine Utensilien aus der Fabrik mit nach Hause in die Wirtschaft nahmen. Öfter beobachtete ich, daß sie sich in der Fabrik selbst ein Thürband, ein Schloß oder sonst was bauten.

Ganz gleiche Äußerungen, wie die zuletzt angeführte, fand ich auch schon in der Herberge. So bei einem, der mir eben seine Lebensgeschichte erzählt hatte. Er war früher einmal gut situiert gewesen, jetzt war er stellenlos, wohnungslos, Tagearbeiter. Seine Frau hatte er verlassen; seine drei Kinder waren erwachsen und kümmerten sich nicht um ihn, wie er sich nicht um sie. Der Branntwein war auch sein Unglück; noch kurz vorher hatte er in der Betrunkenheit in Dresden seinen ganzen Berliner „mit einem guten Anzuge und guter Wäsche“ verloren.

Ich bin zu ehrlich gewesen, deswegen bin ich heruntergekommen, beteuerte er. Ich habe keinen Betrug machen wollen wie die Reichen, deren Schliche ich gar gut kenne, die betrügen und in Ansehen stehn.

Das ist aber doch nicht immer so. Und wenn es der Fall ist, so ist es eben eine Sünde und Schande, beschwichtigte ich.

Schande? fragte er da. Was ist Sünde und Schande? Frage mal die fetten Herren, ob die sie auch kennen.

Nun eine neue, interessantere Szene, wieder aus der Fabrik. Ich arbeitete mit einem Bohrer und demselben S. zusammen, der auch bei jenem langen Gespräche, das ich vorhin berichtete, dabei gewesen war. Ich weiß nicht mehr wie, jedenfalls aber ohne mein Zuthun, kam das Gespräch auf Gott. Der Bohrer, einer der stärksten Verdiener in der Fabrik, ein breiter, untersetzter, ruhiger Mann von 40 bis 45 Jahren, meinte, der liebe Gott müßte erst erfunden werden.

Oder vielmehr nein, fuhr er fort, es giebt ihn doch schon; ich habe einen Bekannten in X., den nennen sie „Lieber Gott.“

S. ist diesmal offner und geht mit der Sprache heraus. Er widerspricht dem Bohrer:

An ein höheres Wesen glaube ich. Ich habe auch viele Erbauungsbücher und die ganze Bibel mit meinen Eltern gelesen. Jetzt thue ich es nicht mehr; denn die Bibel paßt nicht mehr für unsre Zeit zum Lesen. Aber beten thue ich noch täglich das Vaterunser, früh und abends, und wenn ich die Arbeit antrete. Aber ich thue das nur so aus Gewohnheit, seit meiner Kindheit her, wo es die Eltern mir eingelernt haben. Ich weiß, daß es nichts nützt.

Dann sind wir auf einmal bei Luther.

Der hat viel Unheil angerichtet, sagt S., und die Geistlichkeit erst so mächtig gemacht, wie sie heute ist.

Wie ich nun Luther gegen diese Angriffe verteidige, gehen zwei andre, wieder ein etwa dreißigjähriger Monteur und ein Dreher, beide stramme Sozialdemokraten, vorüber, hören zufällig, was ich rede, und bleiben stehn. Der Monteur unterbricht mich bald:

Luther hat ja viele gute Seiten gehabt, aber auch viele schlechte. Ich weiß das ganz genau; ich habe ein Buch über ihn gelesen.

Welches?

Das Pfaffentum seit dem zwölften Jahrhundert.

Na, da weiß ich schon genug. Das ist ein schönes Schund- und Lügenbuch.

Das kann nicht sein, ist die aufrichtig ernste Antwort. Es muß alles wahr sein, was drin steht. +Sonst hätten sie es ja längst verboten.+

Der Mann dachte offenbar an das Sozialistengesetz, das alle sozialdemokratischen Schriften, die auf Entstellung beruhten, unterdrückte. Man sieht, das Sozialistengesetz zeitigt die vielseitigsten Früchte.

Der Monteur kommt dann auf Luther zurück und sein Verhalten in den Bauernkriegen:

Erst hetzte er die Bauern auf, nachher schnauzte er über sie. Und wie hat er den Fürsten geholfen, wie sie unterstützt, wie ihnen geschmeichelt und sich vor ihnen gedemütigt! +Und das ist auch sein Werk, daß er erst die Kirche so fest und stark gemacht hat, daß wir sie nun nie wieder los werden.+

Auch der Dreher giebt seine Meinung ab:

Ja, das muß man Luther lassen, ein gescheiter Mensch war er. Aber das fiel nur deshalb so auf, weil damals das ganze Volk so verdummt war. Jetzt wäre Luther nichts besondres mehr. Jetzt machen wirs +alle+ so wie er mit der Kirche und dem religiösen Humbug. Ich wenigstens kümmere mich nicht mehr um das Zeug und gehe um jede Kirche weit herum.

Auch von Christus ist im weitern Verlaufe die Rede.

Er war der erste Sozialist und ist für seine Ansichten gestorben, ist die einstimmige Ansicht.

Aber Jesus hat sich doch ausdrücklich nicht um die privaten Verhältnisse, um das Vermögen der Leute und die Welthändel gekümmert, wagte ich einzuwenden. Er hat zunächst die Menschen nur fromm und gut machen wollen.

Nein, meinte der Monteur, das ist nicht wahr. Das hat Christus nicht bloß gewollt. Das ist erst eine Verdrehung der Geistlichkeit. Aber das mag sein; die Religion ist ja für frühere Zeiten, wo die Menschen noch nicht so weit waren, ganz gut und dienlich, ja nötig gewesen. Aber jetzt ist sie das nicht mehr. Jetzt haben wir Gesetze. Wer nach denen lebt, ist ein achtbarer Mensch, wer nicht, ein Lump.

Man sieht, das klingt ganz wie in sozialdemokratischen Schriften.

Mit jenem Bohrer und diesem Monteur hatte ich später noch ein paar mal ähnliche Gespräche.

Jenen traf ich bald darauf eines Morgens während der Frühstückspause in dem unsrer Fabrik benachbarten Käseladen, den ich im zweiten Kapitel bereits erwähnte. Der ganze Laden und die Wohnstube der Besitzerin waren gestopft voll von unsern Leuten. Einer, ein Stammgast, verlangte für zehn Pfennige Limburger Käse und eine Flasche Bier. Als er es erhalten hatte, sagte er:

Danke, der liebe Gott wirds bezahlen.

Da könnt ich lange warten, war die Antwort der Verkäuferin. So hats zwar immer geheißen; aber der bezahlt nichts.

Es wird wohl gar keinen lieben Gott geben, warf da der Bohrer ein, der daneben stand.

Glaubs selber, lachte die Frau. Beten ist altmodisch. Es hilft ja auch nichts. Wer nicht arbeitet, hat nichts.

An demselben Tage rief mich einmal der Monteur zu sich.

Was giebts?

Ich will ihnen einmal den Herrgott zeigen: tragen Sie hier die Welle zum Langlochbohrer. Das werden Sie schon spüren.

Sie können +mir+ den Herrgott noch lange nicht zeigen, aber ich Ihnen. Wollen Sies?

Nein, lieber nicht.

Und er ging lachend davon.

Dann traf ich ihn auf jenem sonntäglichen Kinderfest unsers sozialdemokratischen Vorortswahlvereins wieder. Wieder kamen wir unter anderm auf religiöse Dinge zu sprechen. Er fragte mich da geradezu:

Warum geben Sie sich nur so mit dem Kram ab? Sie können ihn ja doch nicht beweisen.

Ich versuchte es an der Person Christi. Aber er ließ mich nicht lange dabei:

Genau so reden die Pfaffen auch. Die Religion ist nur für die Wilden. Mein Wahlspruch ist:

Macht euch das Leben gut und schön, Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.

Ein schöner Wahlspruch! Meiner ist es nicht.

Aber meiner. Übrigens sind die Pfaffen selbst an der ganzen Feindschaft des Volkes gegen die Kirche schuld. Denn sie haben Partei für die „großen Herren“ genommen. Nur wenige machen davon eine Ausnahme. Zum Beispiel einer in unsrer Nähe, in Langenberg.

Diese Geringschätzung gegen die „Pfaffen,“ die hier wieder und ganz offen zum Ausdruck kam, war so allgemein wie dieser Name, der überall im Munde der Leute, auch halbwegs wohlgesinnter, war. Ganz natürlich. Wem die Kirche nur noch als ein äußerliches, öffentliches Institut, ein politisches und wirtschaftliches Machtmittel in der Hand des Interessenstaates und der selbst ungläubigen Bourgeoisie erscheint, hat natürlich auch keine Achtung und Ehrerbietung vor ihren amtlichen Trägern und Dienern, die ihm folgerichtig nur als Heuchler gelten müssen, weil sie ihre Überzeugung opfern, um eine bequeme Versorgung und Existenz zu haben. So war es häufig, daß man die „Schwarzkittel“ gar nicht etwa mehr haßte, sondern nur noch verachtete. Man sah sie auch geradezu als Tagediebe und Faulenzer an, weil man keine Schätzung mehr für geistige Arbeiten besaß, die nicht augenblickliche, sichtbare materielle Werke schaffen, und weil man auch keine Einsicht in den Umfang und die Art der Thätigkeit hatte, die einem gewissenhaften und gewandten Pfarrer obliegt. Das alles kam oft zu drastischem, für mich besonders schmerzlichem Ausdruck. So gleich in derselben Stunde, in der ich das letzterzählte Gespräch hatte, bei demselben Kinderfeste im Munde noch eines Anwesenden, der aber nicht unsrer Fabrik zugehörte, und den ich sonst nicht kannte.

Er unterhielt sich mit einem anscheinend zufällig hereingekommenen Lehrer, während ich als unbeteiligter dritter daneben stehend unbemerkt zuhörte. Der Lehrer versuchte ihn sachlich und leidenschaftslos, aber mit viel Geschick und ohne große Worte eines bessern zu belehren. Aber jener ließ sich nicht belehren.

Ach was; über die Kirche sind wir lange hinaus. +Was der Pfaffe quasselt, kann ich auch, wenn ich wie er die ganze Woche dazu Zeit hätte. Der lernts doch bloß aus Büchern auswendig.+

Sein Gegner sagte ihm, wie falsch das wäre; man müßte doch auch erst auf Gymnasium und Universität etwas Ordentliches gelernt und gearbeitet haben; man müßte manche gewichtige Examina bestehn -- aber darauf hatte der aufgeblasene Schreihals, denn das war er, immer nur ein geringschätziges, abweisendes Ach was, sodaß der andre bald darauf verzichtete, sich weiter mit ihm einzulassen.

Dieselbe Meinung hörte ich auch schon, fast bis aufs Wort übereinstimmend, während der ersten Tage meines Herbergsaufenthaltes. Da war ein Barbier, von dem ich noch im folgenden Kapitel etwas zu erzählen haben werde, ein halber Pennbruder, der in Chemnitz von Herberge zu Herberge ging und Zureisende für fünf Pfennige rasierte und für zehn Pfennige ihnen die Haare schnitt. Eben bei der Ausübung seines Handwerks, natürlich mitten im Gastraum der Herberge, redete er mit seinem Opfer, das er gerade unter den Händen hatte, auch einmal vom Pastor:

Auch der hat nichts als eine Profession, von der er lebt; er muß das eben machen, dafür ist es sein Handwerk. Natürlich kann er nicht beweisen, was er da vorquasselt; das ist bloßer....

Dreck und Quatsch, ergänzte der andre.

Ich komme ooch in keene Kärche, lallte dann einer unsrer stets halb angetrunkenen Stammgäste dazu. Ich war emal drinne. Das ist aber lange her. Ich wollte ooch bloß drin schlafen; von Andacht keene Spur. Albernheit -- Andacht!

Dann hörte ich einmal fünf junge, in der Mehrzahl verheiratete Männer, die alle aus demselben etwa eine Stunde von Chemnitz gelegenen Dorfe zu uns auf Arbeit kamen, sich bei dem Frühstück ebenfalls über ihren Pastor und ebenfalls wenig schmeichelhaft unterhalten. Einer hatte ganz sachlich von den Einnahmen des Kaisers geredet, und sie hatten ausgerechnet, wie viel er an einem Tage zu verzehren hätte. Dazu fügte nun sein Nachbar hinzu:

’S ist wie bei unserm Pastor, dem Spitzbuben. Der hat 27½ Thaler die Woche und ist trotzdem nicht damit zufrieden. Die Pfarre war früher ein großes Bauerngut. Als er nun herkam und sie sah, that er wunder wie erfreut. Sie hätte ja so viel Stuben, daß er gar nicht wüßte, wo er die Möbel alle hernehmen sollte, hätte er gesagt. Und kaum ist er ein halbes Jahr bei uns, verlangt er auf einmal eine neue Pfarre, weil die alte ihm über dem Kopfe zusammenbrechen könnte.

Ja, ergänzte ein andrer, und dazu predigt der Kerl stets genau nur 25 Minuten; aller fünf Minuten sieht er während der Predigt einmal nach der Uhr.... Dann sagt er immer, daß er keinen Unterschied zwischen reich und arm mache, und macht ihn immer, besonders bei Trauungen und Taufen.... Aber ich habs dem Schwarzkittel neulich einmal gründlich gesteckt, im Gasthof wars, und er hat mir kein Wort geantwortet, sondern ging weg.

Dann erzählte der erste wieder:

Einmal hat er gesagt, mit neun Mark könnte eine Familie in der Woche gut auskommen, und er selber hat 83 Mark! Und kommt doch nicht damit aus! Denn als er ein Kind bekam, verlangte er aus diesem Grunde 200 Mark jährlich mehr! Geht mir nur mit dem ganzen Pastorenkram.

Damit meinte er auch das Christentum, dessen Träger der Pastor ja vor allen sein soll.

Mitten in dies Gespräch hatte der vierte eine andre Episode erzählt, seine Erlebnisse bei den Kirchgängen während seiner Militärzeit, haarsträubende Dinge, die aber nur meine eignen Erfahrungen bestätigten.

Da sei während der Predigt unter der Kirchbank Skat gespielt worden, daß es eine Lust gewesen wäre. Ja einer hätte aus der Schnapsflasche Nordhäuser getrunken, indem er das Taschentuch über sie gehalten und gethan hätte, als schnaubte er sich die Nase.

Man lachte herzlich darüber und schimpfte dann wieder auf den Pastor weiter. Ich konnte nun freilich nicht kontrollieren, mit wieviel Recht. Darauf kommt es aber auch hier nicht an. Die Hauptsache ist, daß man daran sieht, wie unendlich rücksichtsvoll und taktvoll ein Pfarrer sein muß, wie sehr er auf sich zu achten hat, um keinen begründeten oder unbegründeten Anstoß zu geben.

Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht und heiter. Er erzählte mir:

Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste -- sie ist acht Jahre alt -- bettelt mich zwar immer darum. Aber ich gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen nicht veralbern lassen.

Wieso veralbern lassen?

Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah ich einmal eines Sonntags früh -- er stammte auch aus einem Dorf in der Nähe von Chemnitz -- unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen, Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht.

Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir:

In unserm Dorfe -- ich bin aus dem „Gebärg“ (d. h. aus dem armen Erzgebirge) -- trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben die +Kerle doch selbst nicht, was sie reden+. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach reden, was im Buche steht.

Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal:

Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie früher und geben alles her.

Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben, das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren, die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsen als ein Hauptteil seines Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen, Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter -- aber immer galt er als Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen, durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen, volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen Verkehr.

Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus. Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte. Er würde darum niemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre; denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen. Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor der fremden fand.

Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon erzählte. Er meinte einmal:

Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf studiert; und das kann nicht jeder.

Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte, und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, -- die alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl, ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte:

Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der Fabrik nicht laut sagen!