Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie

Part 17

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Was war das für eine theologische Zeitung, die Ihr Pastor da herausgab, forschte er dann weiter. Etwa wie das Sonntagsblatt „Der Nachbar“?

Nein, gab ich zurück. Das Blatt schreibt für die Gebildeten, die Studierten, besonders die Nichttheologen unter ihnen. Sein Ziel ist, in seinen Artikeln den Beweis zu führen, daß zwischen Christentum und Kultur, zwischen Religion und Wissenschaft durchaus keine Kluft besteht.

Das ist nicht wahr; da kann Ihr Pastor lange machen; so ein Beweis ist unmöglich.

Das bestreite ich denn doch noch, erwiderte ich.

Die moderne Wissenschaft....

Die moderne Wissenschaft, die auf der Naturforschung ruht, hat sich nur mit der sichtbaren Welt, mit der weiten sinnlich wahrnehmbaren Natur um uns her zu befassen; sie kann nur das studieren, was wir hören, sehen, fühlen, schmecken, riechen, und nur darüber kann sie ein Urteil haben.

Ja, das ist ganz schön und gut und richtig. Aber die Schlüsse daraus.

Nun gut, ziehen wir die Schlüsse daraus!

Und ich versuchte, wie manchmal, ein Experiment zu machen. Man behauptet noch immer vielfach, Gott lasse sich wissenschaftlich, verstandesmäßig beweisen. Hier war offenbar einer, der ihn verstandesmäßig leugnete. Ist jener Satz Wahrheit, so konnte ich mit dem üblichen Beweise meinen Gegner vielleicht überzeugen. Ich suchte nun möglichst populär darzulegen, was ich dem Sinne nach im Folgenden wiedergebe.

Mein Mann kannte Darwin; so knüpfte ich am besten daran an.

Darwin lehrt doch, daß die ganze Welt sich von unten herauf entwickelt habe?

Ja.

Er sagte, das Erste, was war, war der Urschleim?

Ja.

Aber jede Wirkung muß eine Ursache haben. Der Urschleim also auch?

Ja.

Es muß also eine Kraft vorhanden gewesen sein, die ihn erzeugt hat und aus ihm wieder das ganze Universum sich hat entwickeln lassen? Nennen wir diese Kraft einmal Gott. Wir sehen, daß in dem Entwicklungsprozesse und der dadurch entstandenen Welt bestimmte Gesetze herrschen. Sie müssen aus dieser Kraft stammen. Wo aber Gesetzmäßigkeit und Ordnung ist, muß Vernunft, Geist vorhanden sein. In dieser Welt haben sich nun nicht nur Steine und Pflanzen, sondern auch Tiere und Menschen entwickelt -- natürlich unter dem Einflusse dieser Kraft. Menschen sind vernunft- und geistbegabte Persönlichkeiten. Die vernunftbegabte Kraft, die sie erzeugt, muß Herrin ihrer Erzeugnisse, mehr als diese, mindestens also aber auch eine vernunftbegabte, geistige Persönlichkeit sein. Ferner das Höchste nun, was der Mensch kennt, die Vollkommenheit, nach der er ringt, liegt in der Liebe. Die schöpferische, zielbewußte, vernunftbegabte, persönliche Kraft muß aber das haben und sein, wonach die streben, die sie geschaffen hat. Daraus folgt: es giebt einen persönlichen Gott, und dieser ist die Liebe, der Vater seiner Geschöpfe.

Aber mein Gegner schüttelte den Kopf und erwiderte nur:

+Mein Glaube+ ist: Die Natur ist Gott, aber kein vernünftiges Wesen, sondern einfach Kraft.

Es war die folgerichtige Antwort, die ich erwartet hatte. Denn solche Beweise haben nur für den Wert, der schon Christ ist.

So haben Sie also doch auch einen +Glauben+, fuhr ich fort, als er wieder schwieg.

Ja; aber das +Christentum+ ist ein +Wahnglaube+. Es ist erst im vierten Jahrhundert entstanden, wo es durch Majoritätsbeschluß zu stande kam... Die Bibel ist ein Buch wie jedes andre. Sie ist auch erst fünfhundert Jahre nach Christo nach Belieben zusammengesetzt. Es ist ein Ausbeutungsbuch für die Großen. In der Bibel steht alles drin; man kann alles herauslesen. Und die einzelnen Bücher sind erfunden.

Ich erwiderte, daß sei doch wohl etwas zu viel behauptet:

So viel ich von dem Pastor weiß, bei dem ich war, haben Universitätsprofessoren, das genau untersucht und festgestellt, welche Bücher auf keinen Fall bloß erfunden sind. So weiß man, glaub ich, bestimmt, daß die Briefe an die Römer, Korinther und Galater vom Apostel Paulus herrühren.

Aber er fährt fort:

Es existiert kein einziges gerichtliches (!) Dokument von Christus, wie doch von Sokrates und solchen Leuten. Wie kommt es, daß über das zwölfte bis dreißigste Lebensjahr von Christus nichts bekannt ist? Das zeigt doch, daß auch das übrige von ihm sagenhaft ist.

Hierauf wird mir eine Entgegnung leicht. Und so lenkt er ein wenig ein:

Wahr ist von Christus nur, daß er ein Mensch wie wir gewesen ist. Er wollte seinen Mitmenschen helfen, und er bildete seine Lehrsätze so, wie es die damalige Zeit brauchte, er kleidete sie in ein religiöses Gewand. Heute ist die Religion nur noch zur Einschüchterung, zur Niederhaltung des großen Lümmels „Volk“ da...... Warum befolgen denn die Großen nicht die Lehren des Christus? Warum helfen sie nicht, stellen die Nöte nicht ab, bringen nicht Opfer? Wenn sie Religion haben, und Religion Wahrheit ist, so müssen sie es doch durch die That beweisen, erst einmal praktisches Christentum treiben; dann könnten wir eher glauben......

Er forderte den Beweis der glaubensstarken, lebendigen christlichen Persönlichkeit, eben das, was allein von der Wahrheit unsers Glaubens wirklich überzeugt.

Gewiß, gab ich zurück, Sie haben in manchem, wenn auch nicht in allem Recht. Ich hasse die Brut auch, die so heuchelt, das Heiligste ausbeutet und dadurch in den Schmutz zieht. Aber fällt durch solche Lumpen die +Wahrheit+ des Christenglaubens gleich mit dahin? Ist es mit der Schlosserei nichts, weil manche Schlosser nur Pfuscher in ihrem Handwerke sind? Und ich habe die letzten Jahre mit guten und edeln Christen zusammengelebt, die sich Mühe gaben, ihrem Glauben auch im Leben Ehre zu machen. Die sind mir ein Beweis für die Wahrheit des Christentums.

Von denen sind Sie eben hypnotisiert. Lebt man lange mit einem Menschen zusammen, so hypnotisiert der einen.

Dann sind Sie von Männern der entgegengesetzten Ansicht hypnotisiert. Dann giebt es überhaupt keine eigne, männliche, selbsterrungene Ansicht. Dann ist alles Lug und Trug. Dann beruht erst recht alles auf Glauben.

Dazu schweigt er. So fahre ich fort:

Und es ist auch so, im letzten Grunde beruht wirklich alles auf Glauben. Dort der Baum. Woher wissen Sie, daß das ein Baum ist? Man hat es Ihnen von Kindheit an gelehrt, und Sie haben es geglaubt und meinen nun, es zu wissen.

Das mag wohl sein, gesteht er zu, giebt jedoch zugleich der Sache geschickt eine andre Wendung: Aber von der Existenz dieses Baumes kann ich mich doch überzeugen, von der Existenz eines Gottes nicht.

Doch. Nur nicht auf die gleiche Weise, nicht mit dem Verstande. Daß der Baum dort wirklich existiert, das sehe und fühle ich, höre es auch, wenn der Wind hineinfährt. Aber es giebt noch ein andres Gebiet, das man nicht mit den Sinnen wahrnehmen und dem Verstande erfassen, durchdenken kann. Das ist das Gebiet des moralischen, sittlichen Lebens, wo der Verstand bankerott wird, wo das Gewissen und der Glaube entscheidet und seine Notwendigkeit und Wahrheit erweist. Die Wissenschaft, der Verstand freilich kann weder beweisen, daß es einen Gott giebt, noch daß es keinen giebt. Der Beweis aber, der unumstößliche, wird geführt durch die geschichtliche, menschliche Person Jesus Christus. Aus seinem Lehren, Leben und Sterben erkennen wir, daß es einen Gott giebt. Denn in ihm war eine Kraft, die sonst niemand besitzt, und die, sagt er selbst, hatte er von Gott. Wir erkennen aber darin auch, wer dieser Gott ist: die Liebe. Und daß dem so ist, daß es diesen von Christus verkündigten lebendigen Gott giebt, erfährt jeder, der die Sehnsucht und den Mut hat, sein Leben nach diesem Christus einzurichten, der sich entschließt, sich von ganzem Herzen diesem Gotte anzuvertrauen, mit andern Worten: der glaubt.

Aber er schüttelte abermals den Kopf:

Wer den Wahnglauben einmal hat, für den ist es selbstverständlich, daß er nun alles dreht und wendet, um seine Sache plausibel zu machen. Aber Thatsachen hat er nicht.

Er meinte massive, augenfällige und greifbare Thatsachen, wie sie der Materialismus verlangt und hat. Für historische, sittliche, geistige Thatsachen hatte er kein Verständnis und nach dem Frieden keine Sehnsucht. Ohne das aber ist Christentum unmöglich.

So brach ich ab, und wir kamen auf andre Dinge zu reden. Nicht lange. Dann jagte uns ein Werkmeister, der uns wohl schon länger beobachtet hatte, mit grobem Gepolter auseinander.

Etwa vierzehn Tage später hatten wir einmal nicht viel zu thun. So stand ich müßig bei einem an der Drehbank, einem stillen Manne, der mir sympathisch war. Vor einer halben Stunde erst hatte man einen meiner nähern Kollegen, jenen Handarbeiter nach Hause geschafft, von dem ich schon an einer früheren Stelle ausführlich erzählte, daß ihm eine eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund auf den Fuß gestürzt war. Der Dreher und ich sprachen von dem Falle. Ich sagte ihm, daß der Verletzte mir noch heute morgen freudestrahlend erzählt hätte, welches Glück er gestern gehabt hätte. Eine große, viele Zentner schwere und etwa sechs Centimeter starke Eisenplatte für eine Parketthobelmaschine, die schon einem unsrer Transporteure eine Zehe gekostet hatte, wäre beim Aufheben wieder zurückgefallen und hätte ihm bei einem Haar beide Beine zerquetscht.

Nun hat es ihn heute doch noch getroffen, wenn auch viel gelinder, fuhr ich fort. Ist das nun Zufall oder Fügung?

Das sind Dinge, hinter die man nicht sehen kann, erwiderte mein Dreher.

Für einen Christen giebts aber keinen Zufall.

Was ist Christentum? -- Nichts. Was der liebe Gott? -- Den hat noch niemand gesehen. Und Gottes Sohn? -- Dann sind wir alle Gottes Kinder.

Gewiß, sagte ich, sind wir das, wenn wir Jesus nachleben, Gottes Willen thun, an ihn von ganzem Herzen glauben und täglich darum bitten. Aufs Beten kommt besonders viel an.

Aber er lächelte nur und sagte:

Dann die Bibel. Freilich steht viel Wahres drin. Aber auch viel Falsches. Sie ist auch nicht für uns gemacht, sondern für die Großen...

Also wieder diese furchtbare Anklage!... Dann redeten wir von den Pastoren.

Ach ja, sagte er, es giebt ja ganz gute und tüchtige Menschen unter den Geistlichen -- im übrigen aber leben sie vom Christentum und befinden sich wohl dabei. Wo ist heute einer, der so handelte wie Christus? der so viele Entbehrungen und Verfolgungen ertrüge?

Und wenn nun ein Geistlicher, wie Christus, zu uns Fabrikarbeitern käme, würde er etwas ausrichten? fragte ich.

Nicht viel. Es ist zu spät. Nachdem Christus selbst die Not nicht hat aus der Welt schaffen können, vermag es das Christentum heute erst recht nicht mehr.

Die Not wegschaffen will es gar nicht, wollte auch Christus nicht, sondern nur den Menschen innern Frieden und heilige Kraft geben, diese äußere Not zu tragen und zu überwinden.

Kraft, Frieden? Das geben andre Dinge viel mehr.

Nein, wenn das Christentum dies nicht geben könnte, dann kann es uns nichts geben.

Dazu schweigt er still, und auch dies Gespräch hat ein Ende.

Einmal gegen Ausgang meines Aufenthalts in der Fabrik fragte ich einen direkt, was er von Religion und Christentum hielte. Ich wußte, er war eifriger Sozialdemokrat, aber die Gutmütigkeit und Höflichkeit selbst, ein richtiger Sachse. Er hatte früher im Hause eines Rechtsanwalts gewohnt und dort manches geflickt und ausgebessert. Zum Dank dafür hatte ihm dieser außer seinem pflichtmäßigen Lohn manche Bücher zu lesen gegeben, geographische, naturwissenschaftliche, geschichtliche. Ihre Titel konnte er mir nicht mehr genau angeben. Auf meine offne Frage antwortete der Mann nun gleich offen, ehrlich und kurz: Ich rede wenig von den Sachen und streite mich nie darum. Ich lasse jedem seine Ansicht. Aber ich habe auch meine eigne, und ich denke: Wo man nichts erkennen kann, da ist auch nichts. Damit basta.

Er war liebenswürdiger als ein andrer Gesinnungsgenosse von ihm aus unserm Vorort, übrigens seines Zeichens ein Fabrikwirker, aber mit leidlichem Verdienst. Ich hatte ihn eines Abends im schon erwähnten Turnverein unsers Ortes getroffen. Der Mann war, was man ein „Turngenie“ zu nennen pflegt, mit tadellosem Körperbau und gleicher Muskelbildung, ein schöner, kraftvoller Mann. Ich ging mit ihm am Schlusse der Turnstunde in eine nahe einfache, von uns gern besuchte Kneipe und trank ein Glas Bier mit ihm. Er war auch ein kluger Mensch, fanatischer Anhänger der Kaltwasserheilmethode und der Sozialdemokratie und ein Führer unter der zahlreichen Weberbevölkerung von Chemnitz, die unter wirklichen Notständen seufzte, ohne anscheinend allzuviel Rücksicht bei den Unternehmern zu finden. Er erzählte mir manches aus den Lohnkämpfen, die sie geführt, und in denen er mit in den vordersten Reihen gestanden hätte, ernst, objektiv, mit der epischen Ruhe, die so vielen Leuten im Volke eigen ist. Dann lenkte ich ihn auch auf die religiöse Frage und drängte ihn zu einem Urteil. Es war kurz, bündig und konsequent sozialdemokratisch: Die Kirche ist bloße Verdummungsanstalt und wohlberechnetes Staatsinstitut; aber man soll sie trotzdem nicht beseitigen, sondern nur umwandeln, aber durch und durch. Man soll es dahin bringen, daß sie die Naturwissenschaften dem Volke lehrt und predigt.

Alle bisher Geschilderten gehörten jener zielbewußten, begeisterten, gedankenkräftigen, edeldenkenden, wirklich wahrheitsdurstigen Gruppe meiner sozialdemokratischen Arbeitsgenossen an. Bei aller Ablehnung gegen die Religion, bei aller Geringschätzung der Kirche waren sie gemäßigt in ihrem Urteil, anständig in ihren Äußerungen und mehr oder weniger bemüht, die Stellung derer, die noch glaubten, mehr oder weniger zu würdigen, zu verstehen, zu erklären. Aber es gab eine viel größere Gruppe gleich stark geprägter Sozialdemokraten, die, roher als jene, in der That nur noch Hohn und Spott und Blasphemie für die Heiligtümer unsers Glaubens hatten. Auch bei ihnen war das Stichwort: „Natur ist Gott, Gott ist die Natur.“ Aber sie variierten es gern, manchmal in der unzüchtigsten Form. So saßen solche Kumpane einmal in einer Kneipe zusammen; man kam auch auf solche Dinge zu sprechen und erklärte sie kurzer Hand für Blödsinn, und einer rief aus: „Ach was, unser Gott ist ein strammes Weib.“ Ein lautes Gelächter über den Witz schnitt dann die ganze flüchtige Debatte schnell ab. Andre ähnliche schlimme Dinge, die ich bei andern Gelegenheiten hörte, mag ich nicht hierher setzen.

Vorzüglich war es die Jugend, die vielfach solche Gesinnungen hatte. Hier war von Ernst, von einem Bemühen, auch nur einmal objektiv zu prüfen, am allerwenigsten die Rede. Man war selbstverständlich meist längst über solche Dinge hinweg. Dem einen, einem Thüringer, galt Christentum gleich Antisemitismus, den er als ebenso unnobel wie unberechtigt haßte, und den er, übrigens mit einigem Recht, für das Gegenteil vom Christentum erklärte. Man ginge in die Kirche, machte fromme Gesichter, und im übrigen lebte man doch draußen keinen Deut besser als die andern, Gleichgiltigen, die viel ehrlicher als jene handelten. Ich konnte ihm nur erwidern, was ich dem ersten gesagt hatte. Er war auch still davon aber von jener Gleichung: Christentum = Antisemitismus ließ er sich partout nicht abbringen. Übrigens war es schwer, mit ihm darüber überhaupt länger zu reden. Er hielt das offenbar, wie viele, die mir das geradezu ins Gesicht sagten, nicht mehr der Rede wert. Denn „Religion -- det wohnt nich mehr unter den Arbeitern,“ sagte in gleicher Haltung und Meinung einmal ein andrer junger Bursche, aus Berlins Umgebung gebürtig. Er war mir zu Anfang meines Fabriklebens besonders hochmütig gekommen, als ich ihn meine christliche Gesinnung merken ließ; später verkehrte ich viel und gern mit ihm; er war trotz mancher Berliner Manieren ein kleiner kluger, schneidiger, strebsamer Kerl, der es eben nicht besser wußte und allmählich, der einzige von allen, wirklich durch meinen übrigens von allem Bekehrungsstreben freien Verkehr zu andrer, tieferer, ernsterer Gesinnung über Religion und Christentum, aber wohl kaum zu wirklicher Frömmigkeit gelangte. Ich traf ihn gleich an einem meiner ersten Sonntage nachmittags und ging dann mit ihm spazieren. Unterwegs fragte er mich gelegentlich, was ich am Vormittag gemacht hätte. „Ich war in der Kirche,“ antwortete ich. „Dummer Mensch,“ war seine Entgegnung. Ich fragte ihn freundlich, wie er dazu käme, so zu reden, und sagte ihm einiges von der Vernünftigkeit meiner religiösen Überzeugungen, und kurz bevor ich für immer von Chemnitz fortging, sagte er mir eines Sonnabends ganz freiwillig, er wollte mit mir morgen in die Kirche gehn, wo es ihm dann auch ganz gut gefiel. Schließlich machte er mir noch eine Liebeserklärung: er wünschte, er könnte immer in solcher Gesellschaft wie der meinen sein, da würde man ein ganz andrer Mensch.

Er war übrigens schon in der besten Gesellschaft von allen. Er bewohnte mit einem Gleichaltrigen, Zwanzigjährigen eine hübsche Stube. Diesen, einen Pommern, hatte er, wenn ich mich recht erinnere, in Berlin kennen gelernt und war mit ihm zusammen nach Chemnitz gewandert. Das war ein stiller, harmloser Mensch aus einer allerdings armen Handwerkerfamilie, einer von den wenigen, die noch Christentum im Leibe hatten, an dem sie nicht rütteln ließen, und von dem alle Gegeneinflüsse wie selbstverständlich wirkungslos abglitten. Der übte einen stummen, aber guten Einfluß auf den Stubengenossen aus.

Eben dieser stille Junge, ebenfalls Schlosser, stand in der Fabrik zwischen zwei gleichaltrigen Handwerkskollegen. Von des einen religiöser Gesinnung weiß ich nicht viel. Er war aus der Gegend von Wurzen bei Leipzig, wo sein Vater in einem ganz kleinen Landstädtchen eine große, gut gehende Schlosserei hatte, und wohin er zurückkehren sollte, wenn er sich in der Welt und den Fabriken umgesehen und sich -- ausgetobt hätte. Er zeigte mir einmal eine Flasche mit hellem Trinkwasser lächelnd mit der witzig sein sollenden Bemerkung: „Reines Gotteswort.“ Der andre Nachbar war Typus für den durchschnittlichen jungen Fabrikschlosser und machte tüchtig lebenschön. Ich traf ihn +immer+ des Sonntags auf den Tanzböden mit seinem Mädchen; er wußte, daß er leidlich situierte Eltern hatte. An ihm besonders hatte die glaubenslose Agitation der Sozialdemokratie ihre normale, oben geschilderte Wirkung gethan. Er war nämlich Gevatter eines verheirateten jungen Freundes. Eines Tages war sein Patenkind gestorben, drei Tage nachher, nachmittags 3 Uhr, das Begräbnis. Am andern Tage war er müde und übernächtig. Auf meine Frage darnach erzählte er mir in einem Zuge, daß der Pastor am Grabe schön gesprochen hätte, und daß sie danach den Nachmittag und die Nacht bis morgens 4 Uhr gekneipt und gezecht hätten. Man hätte ja doch einmal freien Nachmittag gehabt. Der Vater des toten Kindes wäre allerdings schon um 10 Uhr aus der Kneipe nach Hause gegangen.

Ein andrer war sein getreues Ebenbild an Alter, Beruf und Gesinnung. Er glaubte an ein „höheres Wesen,“ von dem er sich aber nicht die geringste Vorstellung machte, und das ihn völlig gleichgiltig ließ. Er „glaubte“ bloß noch daran, weil das so zum Menschen gehöre. Etwas müßte ihn doch vom Tiere unterscheiden.

Das sind einige Schlaglichter auf die Gesinnung und religiöse Verfassung unsrer jungen erwachsenen Leute; auch sie bewähren schon das frühere Urteil über sie. Ich kehre nun zur Charakteristik der reifern, zielbewußten sozialdemokratischen Männer zurück.

Es war eines Vormittags; ich bohrte seit einigen Tagen krampfhaft mit der Handbohrmaschine in eine hohe starke eiserne Wand eines Rundsägegatters Löcher, die ich mir mit Kreide vorgezeichnet hatte. Da trat ein Monteur, der in der Nähe arbeitete, der älteste von allen neun Monteuren, an mich heran; ein zweiter, von dem ich noch manches erzählen werde, ein Handarbeiter kam dazu; dann noch ein dritter, den ich ebenfalls schon mehrmals erwähnt habe. Der letztere war ein konsequenter Sozialdemokrat, konsequenter und von der Partei in seinem Denken bewußter abhängig als jene zwei andern. Wir kamen mit einander in ein langes Gespräch.

Man löschte mir, während ich einmal wegsah, im Scherze die Kreidekreise weg, die ich mir auf meine Eisenwand aufgezeichnet hatte. Als ich es bemerkte, nahm ich den Scherz auf und sagte: „Zerstört mir meine Zirkel nicht!“ Was meinst du damit? sagte da der eine. Ich fragte, ob sie die Geschichte von Archimedes und der Zerstörung von Syrakus kennten. Sie verneinten, und ich erzählte sie ihnen und erklärte ihnen mein obiges Zitat.

Darauf fragte einer, ob das auch um die Zeit des trojanischen Krieges herum passiert wäre. Den trojanischen Krieg kennte er genau, hätte ihn gelesen. Und er schilderte ganz richtig und gut den Verlauf der homerischen Geschichte. Ich glaube, er hatte das Reklamheft, das Homers Ilias enthält, in der Hand gehabt.

Dann sprang das Gespräch auf Ägypten über, auf die Pharaonen, von denen ebenfalls alle wußten. Wir redeten von den Pyramiden, die sie vor allem um der Menschen willen lebhaft beschäftigten, die einst mühsam, mit unsäglichen Strapazen ihre Steine aufeinander getürmt hatten.

H: Das waren die Lasttiere, die Sklaven vor 4000 Jahren; wir Fabrikarbeiter von heute sind die Sklaven und Lasttiere der Gegenwart.

Das ist zu viel behauptet, erwiderte ich und wies z. B. auf die viel bessere allgemeine Bildung hin, die heute alle besitzen.

Das bestritt H:

Die Leute waren damals nicht ungebildeter und unklüger, als sie heute im Durchschnitt sind.

Nein, früher waren sie noch viel klüger als jetzt, mischte sich halb ironisch halb ernsthaft der andre, S. mit Namen, ein. Früher konnte man sogar Wasser in Wein verwandeln. Er sagte das unsicher, und ich konnte nicht erkennen, wie er selbst darüber dachte.

Mein Monteur lachte laut auf, als er das hörte, und H. lächelte auch überlegen dazu.

So fuhr S. fort: Ja freilich, das ist Glauben, aber....

Aber der Monteur schnitt ihm kurzer Hand das Wort ab: Ach was, unser Glaube ist, daß zehn Pfund Rindfleisch eine gute Brühe geben.

Und jener wagte keine Entgegnung mehr. Dann redeten wir weiter und kamen wieder auf wirtschaftliche Dinge, wobei ich einmal das Schlagwort „Soziale Frage“ in den Mund nahm. Sofort stach das H. auf und meinte überlegen, ich wüßte doch nicht, was die soziale Frage sei.

Das kommt noch darauf an, antwortete ich. Das ist in der That auch nicht so leicht zu sagen. Darüber kann man Stunden, Tage, Wochen lang reden. Aber jedenfalls ist sie ein Ungeheuer von vielen Fragen und mit zwei Seiten, der materiellen und der geistigen Seite, genau wie der Mensch aus Körper und Geist besteht.

Aber der Monteur und H. lachten laut auf:

Geist? Geist giebts nicht. Es giebt nur ein Gehirn, ein Nervensystem, das funktioniert, wie die Maschine. Diese Funktion, das, was dabei herauskommt, nennt man heutzutage Geist.

Wer hat euch das bewiesen? fragte ich. Das ist doch höchstens nur eine Annahme, eine Behauptung, also nichts andres als meine freilich andre Meinung auch. Übrigens habe ich auch Gründe für die meine. Nehmt z. B. eine Trompete und blast hinein, dann giebt sie einen Ton. Aber der Ton ist etwas durchaus andres als die Trompete; so ists, so kann es wenigstens mit dem Gehirn und Geist auch sein. Jenes ist das Organ, dieser sein Inhalt.

Darauf stutzte H. eine kurze Zeit. Aber dann lächelte er abermals überlegen und sagte -- wie unendlich bezeichnend für die Richtigkeit meiner Darlegungen an der Spitze dieses Kapitels! --:

Ich sehe schon, Sie hängen noch ganz an Orthodoxie und Bibel. Die ganze heutige Wissenschaft ist dagegen.

Ja und nein, gebe ich zurück. Übrigens ist das weder eine Schande noch ein Unglück, sondern das Gegenteil von beiden, wenn einem die Bibel noch was wert ist.

Man lacht Sie bloß aus damit. Wenn Sie zu einem Gebildeten dasselbe sagen wie zu mir, so wird er Sie bloß fragen, was Sie sind; und wenn er hört: bloß Arbeiter, so wird er Sie einfach auslachen und sich Ihre Dummheit erklären.

Hier mischt sich ein vierter ins Gespräch, der inzwischen mit einem Bohrer zusammen ebenfalls hinzugekommen war, ein Handarbeiter, von dessen innerer religiöser Verfassung ich noch weiter unten viel erzählen muß. Er war ebenso voll von Hoffnungslosigkeit und Mißtrauen gegen den Glauben, wie von Sehnsucht nach ihm. Er erzählte: