Chapter 9
Allein jenem Wonnemonat der Vermaehlung Odhins geht des Gottes stuermische Brautwerbung im Mittwinter (den Zwoelften) voraus, wo die leidenschaftlich Wuenschenden zu Verwuenschten, die Liebenden zu Wuethenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentaenzen werden (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann aendert sich die Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walkueren, welche die auf dem Wal Gefallnen auswaehlen und fuer den Himmel erkueren. Die Wolen, sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Bruenne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Maehnen ihrer Rosse herab und reiche Ernten traegt dann der wildbefeuchtete Boden; aber zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen Kriegsmaenteln, als fiele ein dichtes Schneegestoeber, und von ihren Zaubergesaengen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, gefluegelt umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thueren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das leichenankuendende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt einer weissen Gans (Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der Schwanenfuss wird zum Gaensefuss verkrueppelt, aus der Koenigin Berta wird eine Koenigin Gansfuss, Reine pedauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b erklaeren, warum die hl. Werburg so haeufig mit der hl. Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die Wildgaense gehorsam gewesen seien. Dahin gehoeren nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfuessigen geschehen, wie z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertruedingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfuessige Walkuere und der fuer seinen gelaehmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgelaehmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustriker heisst, weil sie in schaedigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm RA. 94. 630. An fruehzeitigen Uebergaengen des Namens Walburg in das Gebiet des Daemonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine der Walkueren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene Koenigstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke, kriegsgewaltige Koenig (im mhd. Gedichte Koenig Laurin), welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen Suedlandes. Vala wird dorten die boese Stiefmutter genannt im Maerchen von Schneewittchen. Maurer, Islaend. Sag. 107. 280. Die niederd. Hexe Valriderske ist eine Pferdemahr, die sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel ueber den Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der Wuenschelburg wohnende Goetterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin, eine leichensammelnde Walkuere, ein die Fruechte und Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem uebrigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird darueber zur Goettin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nuernberg abgehaltenen grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anfuehrung "der Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jaegerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schuettelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdgoettin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethuem, aber nur heute nicht!" Vulpius, Curiositaeten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht sie mit dem Geschaefte des Flachsbaues und Spinnens um; in Sueddeutschland erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterwaehnten Geschaefte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Maegde auf den Doerfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein thueringischer Bericht, Curiositaeten, Bd. 2, 472; und eine schon aeltere Notiz in Praetorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen, sonst machen die Hexen Bratwuerste daraus, d.h. ungleichfaediges Garn. Die Thueringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das Garn."--
Das schicksalwebende Wunschmaedchen webt das Eheband, darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwaehnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren Wunschkinder herauszuschoepfen.
In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezuegliche Schimpfname ist Hullsluder. Schoenwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wod und Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und Frau Hulle. Was in den Zwoelften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Muellenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem Geschaefte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, aelschenkenden Fruehlingsgoettin werde hier abgeschlossen.
Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren oder Aehrenbueschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen lassen, bekraenzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wutfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg. 74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936); die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere Heiloel: es ist dies die Naehrkraft des unter dem Einflusse des Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Maehne des Walkuerenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walkuere Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth fuehrt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein Maedchen, es soll sich dabei schoen und stark trinken. Schmeller, Woertb. 3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem haeuslichen Feste fehlen darf, Alus, das Baertige, denn es wird aus der grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hoerner, sagt er von der Staerke dieses Getraenkes, ja Gerste bedeutet ihm ueberhaupt so viel wie Getraenk. Schleicher, Litthau. Maerch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der Wirkung des Muenchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen: der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walkuere Oelrun in ihrem Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Goettern den Staerketrank kredenzende, so verschlaegt diese doppelte Etymologie hier in der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier laengst in den Eigennamen und in die bezueglichen Symbole eingedrungen. Der Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte (alfablot), heute das Engelbier: Engeloel (Mannhardt, Mythen 326). So braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schoeps, in Wollin Bockhaenger (Klemm, Nahrung, 335), in Muenchen Bock, dessen Ausschank daselbst mit dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er haelt dorten somit dieselben Termine ein, die kalendarisch fuer das Gedeihen der Kornsaat und kirchlich fuer das Fliessen des Walburgisoeles gegolten haben.
Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
Auf den Wald und auf die Wiese, Mit dem ersten Morgengrau, Traeuft ein Quell vom Paradiese, Leiser frischer Maienthau.
Wenn den Thau die Muschel trinket, Wird in ihr ein Perlenstrauss; Wenn er in den Eichstamm sinket, Werden Honigbienen draus.
Mit dem Thau der Maienglocken Waescht die Jungfrau ihr Gesicht, Badet sie die goldnen Locken Und sie glaenzt vor Himmelslicht.
Selbst ein Auge rothgeweinet Labt sich mit den Tropfen gern, Bis ihm freundlich nieder scheinet Thaugetraenkt der Abendstern.
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II.
Verena mit dem Kamme,
die Kindsmutter.
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Erster Abschnitt.
Verena, eine Gauheilige.
Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und Altaere in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.
Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung fruehzeitig der Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang mit der fruehesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwaerts weiter ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen roemischen Legion, welche dorten zum Christenthume uebergetreten, dann nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, unermuedlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die aeltesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn; Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zuerich u.s.w. Die mit dieser Soldatengeschichte ganz aeusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet, entkleidet ihrer maerchenhaften Zuthaten, ungefaehr Folgendes.
Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts, begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Graeber zu besuchen, ueber die Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre verbreitend, wurde sie vom roemischen Statthalter in den Kerker geworfen, jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von lebensgefaehrlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthaetiger Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des Ortes in einem Siechenhause sich selbst ueberlassnen Aussaetzigen; ihnen ueberbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdaechtigt sie der Veruntreuung im Haushalte. Waehrend sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben will, tritt ihr argwoehnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krueglein, das sie traegt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Fuer den Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstaette ward erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit naiver Zweifellosigkeit angesetzt.
Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage ueber die geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen, denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeraeumt worden war, sich der dortigen Roemerchristen durch militaerische Massen-Niedermetzelungen zu entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende mit dem hebraeischen und dem antiken Sagenkreise begann der romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in roemisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen denjenigen Staedten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst das politische und dann das kirchliche Roemerthum das herrschende gewesen war. Daher finden sich die Altaere, Reliquien und Historien der Thebaeer schon von Alters her vor in Bonn, Koeln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine solche Legionenstadt der Roemer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der Klerus dieser Staedte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebaeern entweder anhebend oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darueber sind Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene urspruenglich nicht zu den Thebaeern gehoerte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen waere, denn was haette die phantastische Kuehnheit dieser gelehrten Moenche nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige nur allmaehlich kirchliche Anerkennung fand und in den uebrigen Kirchensprengeln unbekannt, ja foermlich ausgeschlossen blieb. Die ritterlichen Thebaeer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende oertliche Missverhaeltnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in Wallis) geschehene Enthauptung der Thebaeer gegruendet; allein er laesst am 1. Sept., als dem kirchlichen Gedaechtnisstage, Verenas, nicht diese feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoraeste bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhaeltniss findet auch in der Dioecese Solothurn statt. Die beiden Thebaeer Ursus und Victor sind Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen, Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar traegt die dortige am linken Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit einer gewoelbten, von einem Eremiten gehueteten Kapelle versehen, einst der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches fuer die Zurzacher Stiftsherren urspruenglich das massgebende war, enthaelt Verenas Namen und Gedaechtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des Minoriten Paulus Schwenger Roemischem Martyrologium erhellt, verbessert von Pabst Benedictus XIV. Coeln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus ueberhaupt erst spaet in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit der dorten einheimischen Thebaeerlegende urspruenglich gleichfalls nicht verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehoert dem Konstanzer Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. Das Konstanzer bischoeflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) laesst die Heilige nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich anfaenglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.
Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das Konstanzer Bisthum, das herkoemmlicher Annahme zu Folge nach gaenzlicher Zerstoerung Vindonissas, des urspruenglichen Bischofsitzes, um das Jahr 600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung ueber einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen fuer den Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthuemer. Vom Gotthard reichte es ueber den Neckar bei Marbach und zum Kloster Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Sued, zwanzig von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation zaehlte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Kloester, 17,000 Priester und Moenche; nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. Diejenigen von letzteren, die fuer unsre lokale Frage belangreich, weil im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak. Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zuerichgau, Aargau diesseits der Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und aufwaerts ueber die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der noerdliche Theil des Kant. St. Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach; ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur gehoerend. Dazu zaehlte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Wuertemberg, die beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algaeu, der untere Theil des oesterreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und Gotteshaeusern. Dasselbe zaehlte in seinem schweizerischen Territorium noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nuescheler, Gotteshaeuser der Schweiz, fuehrt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in denen die Heilige entweder Patronin war oder Altaere besass. Im Bisthum Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gaechlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu thurgauisch Ermatingen (52), zu Muelheim (55), Maerstaetten (57), Langrickenbach (77), Waertbuehl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182), Wil (185), Matzingen (212), diese saemmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127), Ellikon und Staefa im Kt. Zuerich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug 1869, S. 69). Von den uebrigen im Aargau, in den Kantonen und den deutschen Nachbarlaendern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen, Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des Rheines gewesen, und daher haetten zu ihren entfernt wohnenden Kirchgaengern selbst die Erdmaennchen von Dangstetten im Schwarzwalde gehoert.