Drei Gaugöttinnen

Chapter 8

Chapter 83,078 wordsPublic domain

Fuellt der Koenigssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des Lebens und heilt damit den alten kranken Koenig (Grimm KM. 3, S. 178), so taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben Bouteillen, beschmiert sich damit und faehrt so auf den Blocksberg. Kuhn, Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind urspruenglich jene Zinnkannen und silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der Erdmaennchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die naechtlicher Weile vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstoerten Nonnenkloster Erlesberg hinueber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn, aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknuepft (Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss und sein Inhalt ein seuchentraechtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat und Gras aus dem Boden gezuendet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt sich ins Daemonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das Entzuenden der naechtlichen Freudenfeuer ueberall das Hexenbrennen, und aus dem lustigen Fruehlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen und Schuergabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Waehrend noch im J. 1839 das Maerzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hoernerklang begangen wurde, wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und laeutete, "_damit das Gras waechst_" (Leonhardi, Rhaetische Sitt. 1844), gilt im kathol. Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das Reiflaeuten im Mai, wie das Gewitterlaeuten im Sommer. Im tiroler Innthale umgeht am Joergentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen laermend, im unflaetigsten Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kroeten und Eidechsen zur Schau tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer Rueckkehr ins Dorf dafuer beschenkt. Und damit alle sittlichen Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle der rossetummelnden Saatenreiter die haessliche Bocksreiterei und der teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der oesterreich. Gymnas. Ztschr. 1858, 410 aus einer Hds. des Olmuezer Archivs einen Segensspruch veroeffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Puelewesen osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach Weinholds Schles. Woertb. 1855, 10). Mit Heiloel salbt die Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfaelzer Sagen Schoenwerths 1, 372 ausfuehrlich besprochnen Hexenoel, und wenn sie darueber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafuer den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thors Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott, ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, laesst sie die vollen Garben in der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser mangelt, die neubelaubten Baeume reitet, dass man alle Verkrueppelungen an Eschen und Fichten Trudenpfoetschen nennt. Das Stallthier wurde des Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass es zuletzt dem thaumaehnigen Rosse der jungfraeulichen Walkueren glich; statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Maehne und Schweif ist von unbekannter Hand in zierliche Frauenzoepfchen geflochten. Statt die Haeuser mit Maien zu schmuecken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden so viele Ruthen auf den Duengerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und ueberspringen sie in die Wette; wer dabei nicht anstoesst, in dessen Hause werden die Milchkuehe ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein foermliches Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schoenwerth 1, 312), das Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das Hinausblitzen in Deutschboehmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem tuechtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle gesetzte Milchschuessel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann hoert die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des Abgl. (Graetz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles Natuerlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des urspruenglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe ruestige Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen diese doch immer noch schoene Jungfrauen, die mit brennenden Wachslichtern in den Staellen die Thiere besorgen, dass des Morgens Wachstropfen in den Maehnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter schattigen Waldbaeumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Koenigin Habundia, unsre deutsche Goettin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es dem Hause Glueck und Vorsput. So anfangs als Allguetige verehrt, sind sie nun feindselig und gefuerchtet; erst eine ueberirdisch schoene Holda, dann eine triefaeugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevoelkerung ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen Festtag heisst Wolpripaeaew (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Goetter durch die Kirche genugsam durchgefuehrt werden konnte, verwandelten sie sich mit ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In rueckwaertsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun die Joeten- und dann die Walkuerennatur Walburgis und sind damit am Schlusse.

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Sechster Abschnitt.

Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung.

Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhaengigen Dioecesen und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem Gesammtzusammenhang zu betrachten, waehrend man sie bis dahin fast nur in ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. Die Ingolstaedter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstaedter Walburg sei bereits im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener westfaelischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen. Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands alles Moegliche entgegen. Der groessere Theil der dortigen alten Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass man daselbst von der Walburgiskirche zu Groeningen behauptet, sie sei ein Heidentempel der _Goettin_ Walburg gewesen, und dass man in der Walburgiskirche zu Veurne (Dioecese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt, wo dieser Goettin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl. Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil unterstuetzt; die zu Groeningen ist eine Rotunde mit thurmaehnlichen Mauern und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe Helgen fuehren soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwaerts verfolgt, um so mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst ihrem bischoeflichen Bruder die vergroeberte Gestalt der Riesen an. Schon im Harz wird _Wilibald_ ein Huene genannt (Proehle, Harzsag. 1, 275); um Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandraeuber vertilgende Riesin Walberech. Seeraeuber ersaeuft sie, Viehdiebe frisst sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinueber. Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestueme Heidenfrau, menschliches Mass ueberschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders erzaehlt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire, sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von Dollgellen in der Schuerze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositaeten Bd. 8, 240. Endlich hat sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beitraegen 1, Tafel II, Figur 1, lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein deren antiken Namen tragendes deutsches Goetterbild. Es ist ein ueber dem Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes Steinbild, das noch in seinen urspruenglichen Umrissen zu erkennen, in seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, hebt beide Arme bis zur Kopfhoehe anbetend empor und zieht die aus einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Goetterbild war, urtheilt Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle aelteren Geschichtschreiber Antwerpens ueberein, unter denen auch der beruehmte Bollandist Papebrochius; dafuer spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafuer zeugt auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kraenze und Blumen opferten, die Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver tranken, um bald des Mutterglueckes theilhaftig zu werden. Davon berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin. Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Kuechengeschirr zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anstaendigsten ist solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye erwaehnt, erzaehlt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingefuehrt habe. Die Heiden haetten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zaehe abgelassen, und daher ruehre denn der bei den dortigen Weibern andauernde schmutzige Brauch, deren Hartnaeckigkeit in Sachen des Aberglaubens allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen, norddeutschen Walburgis fest, welche in der Moenchsprache Venus und, da sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre Hermaphroditengestaltung entspringt aus den urspruenglichen Grundbegriffen der eddischen Goetterlehre, zu Folge welcher die Gottheit doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen. Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco, der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die Ackergoettin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie priapisch, gleich dem maennlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Fro), welchen Adam von Bremen Fricco unter der ausdruecklichen Beifuegung benennt, er werde phallisch abgebildet, walte ueber Regen und Sonnenschein und stehe den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt Fricconi. Sein Name gruendet in der Wurzel pri = freien, woraus auch Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstaedter Gebiete, als dem sueddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder findet. In dem zwischen den Staedten Eichstaedt und Weissenburg am Ausgaenge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim findet sich unter mehrfachem roemischem Grundgemaeuer im Garten des dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwuerfel, dessen eine Seite die Grabinschrift einer roemischen Ehefrau, die andere die eines Merkuraltares traegt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebruesteten Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus einander gespreizten Beinen, beide Haende am Phallus haltend. Beide Figuren sind an den Einzeltheilen vorsaetzlich verstuemmelt. Noch im vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befaehigt zu werden, und als der Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah und um ihn fuer seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstaedter Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857, S. 287. Von der Moenchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der Goetze Miplezeth (1 Koenige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein, Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, entspringt in der Kindheit der Voelker aus einer schuldlosen Verehrung des zeugenden Prinzips, die eine spaetere, ihrer Suende bewusste Zeit aengstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass schluepfrige religioese Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schluepfrigen nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 sagt er: "Unsre Vorstellungen ueber Wohlanstaendigkeit veranlassen uns zu glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch koenne nichts anderes als eine Erfindung der Zuegellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religioeser Ceremonien gewesen waere. Im Gegentheile ist es verbuergt, dass dergleichen Braeuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend fuer ihre Reife zu begeistern und kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklaerten, abgefeimten oder moralisch ruinirten Epochen laecherlich erscheinen."

Folgerichtig wurde nun die Goettin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer Koerpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende Frucht, in gleicher Weise kuenstlich geformt, zum Genusse dargeboten. Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwaehnen Martial (XIV, 61: Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria 1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet); adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend, vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De divinites generatrices 226 und fuegt noch hinzu: dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. Aehnliche Landesbraeuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die Augen zu oeffnen. Das Milchbrod der fraenkischen Eierweckchen, in bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klaerungsweck; dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Maedchen gegeben, dagegen das stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt, beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierueber gesungenen Schnaderhuepfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das obscoene Gebildbrod der Meissner Fummeln, ueber welche Schaefer im ersten Theil der deutschen Staedtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkraepflein. Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter Grabhuegeln aufgefundenen Frobildchen, welche das gleiche Symbol des Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, Klausmaenner, Hanselmaenner, Grittebenze; in Niederdeutschland Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche aehnlich gestaltete Brodfigur wird gewoehnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, dass ihnen Augen, Brueste, Rockknoepfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel, varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter und den Urvorstellungen der Menschheit angehoerende, und muessen eben darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein des Naturmenschen noch gaenzlich schlummert.

Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklaeren und mit den Hauptzuegen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher vorgetragene Sagenkreis in zwei Haelften sich scheidet, in ein lichtes Fruehlingsgebiet und in ein daemonisches Nachtreich, so fuehrt auch die Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schoenere Seite mache hier den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.

Wenn der liebende Wuotan im Fruehlingsbeginne seine Vermaehlung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so traegt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen Wuenschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. oskmeyjar, Wunschmaedchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und fuehrt uns sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann fuehrt Wunsch 2) auf den Namen eines der Brueder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch Gewaehrende.

Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name knuepft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd. Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische Koenigstochter Werburga auch Walburg hiess: Werburga, Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allmaechtige Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. Saemmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also naechstverwandt mit den hoechsten Goetternamen. Der Himmel nun, in den jenes Liebesheer gefluegelter Jungfrauen das Goetterpaar geleitet, ist Walhall, nordisch Valhoell, und der silbergedeckte Saal darin heisst Valaskialf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der Auserwaehlten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der angelsaechsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbuergschaft.