Drei Gaugöttinnen

Chapter 10

Chapter 103,001 wordsPublic domain

Uebergehend auf die Gruendung und fruehesten Schicksale der Zurzacher Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die aeltesten Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbruensten und Verwuestungen verloren gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise fruehzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben wuerde; und dieses geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist laengst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht werden koennen. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse Zeitluecke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Pluenderung dergestalt, dass es von den Moenchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeaendert haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift, Muensterkirche und Klostergebaeude abermals in Asche gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so duerftig fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der aeltesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurueckgeht, einige werthvolle Ergaenzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzaehlungen fuehrt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Muensterkirche, damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre Untersuchung hernach ueberzugehen hat.

An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altroemische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlaessigkeit das Ewige Licht ausgehen oder versaeumte an den vorgeschriebnen Tagen sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer erfuellte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfuellten die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Waechter darueber verwundert dem Orte zueilten, fuehlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des gleichen Weges strahlende Maenner, im feierlichen Schritte Lieder singend, nachrueckten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Ploetzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte ueber das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschaedigung gezeigt haette. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und uebergab sie der Ortskirche unter dem Namen Wihegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst taeglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.

Diese kurze Erzaehlung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer urspruenglichen Ruhestaette in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche erhoben wurde, und gewaehrt eben damit volle Sicherheit ueber den aeltesten Ruheort der Heiligen, nemlich ueber die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird unterstuetzt von dem Passionale der Wuerzburger Cartusia, das bis ins 10. Jahrhundert zurueckreicht und 1583 gedruckt worden ist; in diesem heisst es: "In der Naehe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen Aussaetzigen und Armen." Die vorhin genannte _Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte fuehrt, da hinaus traegt Verena den Aussaetzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine noerdlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Haeusergruppe, lauter Ruinentruemmer der Vorburg und des Brueckenkopfes der roemischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller in den Zuerch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch fuenfzehn Eichenpfaehle von der roemischen Jochbruecke, etliche davon sind beim guenstigen Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Muehe, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmoertel. Innerhalb des roemischen Kastellgrabens liegt der Huegel Kirchlibuck mit seiner kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das oesterliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der religioesen Sodalitaeten; derjenige Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, traegt zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zurueck.

Die urkundlichen Nachrichten ueber specielle, in Zurzach kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knuepfen sich hier an den Namen der Koenigin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnkoenigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in ihren Brandtruemmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der Koenigin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000 Jungfrauen; die Fuerstin fuegt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Koenigsfelden 1357: ein geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und 133. Bei dem hoechst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensaerglein" in Nothfaellen aus der Kirche zu nehmen und in Privathaeuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 woertlich mitgetheilt steht; es ergiebt fuer unsere Zwecke: In der runden vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den Hergang schildert Heinr. Kuessenberg, seit 1521 Kaplan im benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche, Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeraeumt, in letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach Eroeffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stuecklein von Verenas Krug und Holztruemmer von Verenas Todtenbaum". Ihre uebrigen Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hoelzernen Saerglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Waehrend man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden ueberbracht. Von den vier Reliquienbehaeltern blieben unversehrt ein kleines vergoldetes Saerglein, ein grosses und der Roehrknochen eines Armes; diese drei Stuecke wurden nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Roehrknochen wird seitdem fuer Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals fluechtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so gefloekt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung ueber die erlittene Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeraethe mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstaende schliesst mit der Betheuerung: "das hochwuerdig Helthum St. Vrenen mag mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c. 93. Unverwuestet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist verguelt, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen Guerteli; Silber von St. Verena koepfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in der vorhin erwaehnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also eben dasselbe Bruchstueck, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869 eine kleine "koestlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies koenne man bei so vielerlei Heilthuemern in specie nicht eigentlich wissen. Durch Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche uebertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.

Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenoess. Buende 3, 279) zuerst Erwaehnung thut und also sich ausdrueckt: ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrueh eine Heilige genannt, waehrend sie 1290, als ihr der Zuercher Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern wunderthaetigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein Boesewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da ueberbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich der Ring wieder findet. Diese vielen Voelkern ohnedies gemeinsame Sage erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsaetzlich ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit leichtsinnig verschleuderte Glueck nur um so gehaeufter zum Glueckskinde zurueckkehren muesse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch die Tuecke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeintraechtigt; waffenlos steht das Aschenbroedel dem sie vernichtenden Geruechte ausgesetzt. Damit trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld wird eine Zeit lang dem aeussern Elende preisgegeben, um dadurch schliesslich in ein um so hoeheres Licht empor gerueckt zu werden; schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende staerker als die arglistigste Bosheit.

Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem Heiligenkreis der fremdlaendischen Thebaeer zugesellt worden. Ueber ihrem ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionaeren die Kapelle zur Aufburg, ueber ihrer spaeteren Gruft die der Maria geweihte Stiftskirche mit den Altaeren der Thebaeer. Ihre Reliquien sogar werden mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit deren Reihe aufbewahrt und aufgezaehlt. Deutlich verraeth sich dadurch die Bemuehung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu stempeln, indem man sie mit dem maennlichen und dem weiblichen Aufgebote hier der 6666 Thebaeer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zaeher als dieser legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stueckweise streift Verena den ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es urspruenglich gewesen, eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsstroeme einsam fortwaltende Naturgoettin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden Abschnitten geltend.

Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v. F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem Berichte ueber die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) fuer vorliegende Arbeit diplomatisch getreu copieren.

Von sand verene (roth) [106b]

Verena diu edel meit, als, uns daz puch von ir seit. Die was ---- ---- und ez quam also, Do der cheiser maximian [106c] furt mauricium mit im dan Her gen deutschen landen, si begunde nach im belangen So ser, daz si im fuor nach, wanne vil gerne si in sach. Verena was ein christenin, und do si quam ze meilan in, Die geuangen christen die heimpt si an den vristen Vnd bechlagt mit in ir not, dar zue si in helfe pot Mit trinchen und mit ezzen. uerena, die vermezzen, Si lie durch nieman daz durch vorhte noch durch haz, Swa die christen warn erslagen und auch da si warn begraben, Die staete suocht si alle tage mit weinen vnd mit chlage.

Mit reinem leben was si sus pei einem, der hiez, maximus. Nu wart ir schir alda geseit, daz mauricij schar preit Durch got wer erslagen, daz begunde die vrowe chlagen Vnd wolde nicht leng'r da bestan, si fuor ub'r die alben dan Vnd ze einem wazzer si quam, daz ist genant aram. Alda vant si einen man, der gevlohen was chomen dan Der sagt ir die rechten maere, wie ez mauricio ergangen waer. Davon wolt si nicht furbaz, in einer chlause si da saz Mit chlage und mit leide. da warn inne reine meide, Der leben was also gestalt, si waer iunc oder alt, Daz si anders lebte nicht wan chraut, arbaiz und anders nicht, Des lebte si daz gantz iar; [106d] daz quam auch von ier werch dar Vnd des tages ein lutzel brot, daz man igleicher pot. Nu was dapei ein getwerch, daz verchauft den meiden ir werch Vnd chauft in da mit ettewaz, daz die samenunge gaz Anders lebten die vrowen nicht, gab man in aber immer icht, Des enpizzen si nimmer und gabens durch got immer. Sus was gestalt ir reines leben. got hat verene den geist gegeben, Daz man vber al daz lant ir leben vil rein erchant, Daz man sei het fur heilic gar, daz auch si was furwar. Wan got durch sei tet wunder mit zeihen besunder. Auzsetzig behaft macht si slecht, plint, chrump macht si gerecht. Solcher dinge tet si vil mit got auff daz zil, Daz man sei d'r meide muet'r nant weiten uber al daz lant. Nu was in der gegent da ein richter sam anderswa, Der het got gar verchorn. dem was der meide leben zorn, Vnd daz man ier so wol sprach; mit zorn er daz an ier rach,

Wan er die vrowen vie, dehein gut er ier nie geschehen lie. Doch quam zaller zeit zu ir ein liechter iungelinch fir[3], Der pot ier guten trost, si wurde schir da von erlost. Doch vragt si in, wer er wer? do sprach er offenwaer, Er waer ir mag mauricius, und mit der rede alsus Quamen zu mauricio hin in [107a] alle die gesellen sin Und gruezten die vrowen schone, damit schieden si davon. Nu wart derselbe richter vberladen mit sichtum swer, Der gedacht rechte wider, er lief hin und viel nider Chlagunde fuer die reinen meit und seinen sichtvm er ir chleit. Doch pat si got umb in, der richter gie gesunt hin Vnd mit grozzer gedult bat im vergeben sein schulde. Daz was ysa getan, die magt wart do leidich lan Vnd gie zu iern swestern wider, da si got diente sider. Nu quamen die swest'r auch in not, daz si ninder heten prot Vnd grozzen hunger liten doch mit dultichleichen siten. Ier werches acht man nicht ein har, wan ez was ein hunger iar. Do verena die not ersach, zu got von himel si do sprach: Wan du deiner geschefte gist ier leibnar zu rechter frist, Jesu christ, du waist wol, wez dein gesinde leben schol. Do si daz vollen gesprach, vor der chlause man ligen sach Viertzig sekche mit mele vol. er gedacht ir not da wol, Wan daz prot wuchs in ier munde, daz si lange vn manic stunde Heten da von ier leipnar, des lobt got die rein schar. Nu was verena, die genende, chumen an ier lebens ende, Vnd do si nu siech wart, ier andacht sich nie verchart. Da si vercheren scholt daz leben [107b] und den geist widergeben, Do quam unser vrowe dar mit der hymelischen schar; Vnd do verena sei ersach, zu gotes mueter si do sprach: Waz gernde han ich, daz gotes mueter siechet mich? Do sprach unser vrowe zu ier: verena, volge mir, Da hin, da du immer mer vreude hast ane ser. Mit der rede si verschied, got ir sele da beriet Der ewigen gnaden. die vrowe wart begraben In der chlause alda, die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3], Da got wol scheinen lie, daz er sei minte hie. Wand nieman wirt entwert, der rechter dinge an sei gert. Nu derhoret got dehein pet so gern, so daz wir seiner hulden gern, Dem gibt er, der die suohet, vil gern, swer ir geruhet Mit hertzen und mit andacht. daz wir ze hulden in werden pracht, Des helf uns maria und ir dirne uerena. amen.

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FUSSNOTEN:

[3] fier, stark und stolz.

[4] zerzyaca: Zurzach.

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Zweiter Abschnitt.

Verena, die Muellerpatronin.

Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen Kleinkindersteine; die Muellerpatronin als Ehegoettin, der in Stein verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke. Wirthschaftsregeln am Verenentage.