Chapter 11
Alljaehrlich am Verenatage lassen die Mueller im aargauer Surbthale die Muehlsteine schaerfen und die Muehlbaeche putzen. Denn Verena, deren Wahrzeichen: Kamm und Krueglein, an allen Muehlen und Banngemarkungen des Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstaette an den Stroemen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Mueller, Schiffer und Fischer. Hiefuer sei ein Einzelzug vorangestellt aus der aeltesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6, 457. Unter den Guetern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle Muehle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmaelern und aenderte den Lauf des Muehlebaches, indem er ihn auf seine Landstuecke zog. Allein ohne fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte, schwoll der Bach ploetzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg und trat dann wieder in sein urspruengliches Bette zurueck. Nun kam Jener eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso baendigt sie den Glaeubigen zu lieb die verheerenden Stroeme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Hoehe, dass er alle Kornfluren ueberschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne den Fluthen zu nahen, die ueber die ganze Feldbreite hinstuerzten. Doch in dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein altes Bette zurueck, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren wieder schoen aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug, hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und fuehrte sie mit der andern wie durch ein Gewoelbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. Waehrend die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier gebietenden heidnischen Praefekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu sehen ist und die Krallen des Boesen eingedrueckt traegt. Eine friedlichere Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Muehlstein, der an der Solothurner Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau, und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Naehe die Aare in den Rhein muendet. In der Gegend wuetheten eben Seuchen, von den Ausduenstungen eines Leichenackers herruehrend, den der Strom unterwuehlt hatte; aber die Krankheit hoerte auf, indem Verena Heilquellen aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft und beeilte sich, eine so wohlthaetige Frau zu sich heim zu fuehren.[5] Auch ihren Muehlstein wollte man nicht zuruecklassen. Man lud ihn auf einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein weiter zu schaffen; doch zurueck nach Koblenz zogen ihn die Rosse muehelos, wo er nun neben der Thuere der Kapelle in der Einsenkung der Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmueckt mit dem Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm uebernatuerliche Kraft bei. Auch ist das Gewoelbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als 1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einaescherte; es haengt voll waechserner Fuesse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst ueber dem Steine zu lesen stand:
Auf diesem Stein hier aus der Aaren Die heilig Verena ist gefahren Ohne Ruder, Schiff und Schalten, Wie solches geglaubt die frommen Alten.
Die Koblenzer sind seitdem bewaehrte Fischer und Fergen, die auf den Rath der Heiligen die Stuedlerzunft gruendeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung saemmtlicher Zuenfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen Landvoegten verbrieftes Faehrrecht mit der Obliegenheit zu, saemmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel befahrende Schiffe und Gueter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen) zu fuehren. Am Gewoelbe der Zurzacher Stiftskirche haengt daher ein kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437 angefuehrte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst ahd. verscif heisst, nhd. Faehre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt.
Allein Verena, die Muellerpatronin, uebt zugleich auch das Geschaeft der Liebesgoettin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses Doppelgeschaeftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen Cultus zu entbloessen, der im Verenacultus nachklingt. Die Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen Beziehungen uebertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besaeen, besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der Ausgesaeete (Bachofen, Graebersymbolik 204). So hat auch Mahlen und Muehle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Goettinnen zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenaeus XIV, 647 A. Den Sinn des griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem, drueckt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert die Muellerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl:
Ich steh fuerwahr nicht aufe, Ich lass dich nicht herein; Ich hab die Nacht gemalen Mit sechs jungen Knaben. Davon bin ich so mued.
Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Muehle in unsern aeltesten Sagen der Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen Koenig ausserehelich mit der Pyla erzeugt, des Muellers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der Grosse erzeugt und geboren auf der Reismuehle am bair. Wuermsee. Aretin, Bair. Sag. 1803. Schoeppner, Sagenb. no. 22. Koenig Heinrich III. erbaute Kloster Hirschau in der Naehe jener Muehle, darin er war geboren worden; sie steht noch und gilt fuer eines der aeltesten Gebaeude in Hirschau. Vgl. Schoenhuth, Burgen Wuertembergs 1, 88. Meier, Schwaeb. Sag. S. 336. Ebenso steht heute noch im wuertemberger Schussenthale die Grieslemuehle, in der die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, erzogen worden. Birlinger, Schwaeb. Sag. no. 340. Aventins Chronik berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser verkauft und die Kaufsumme daheim mit der huebschen Muellerin auf der Gretelmuehle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen Frau Muellerin erzaehlt alles Volkslied bis auf Goethes "Der Muellerin Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimuehle fuer eine der staedtischen Muehlen. Im Muehlgraben liegt jener grosse Stein, hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31. Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem Muehlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. Darum fuehren selbst die alles verleihenden Lichtgoetter Apollo und Zeus den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Goettinnen wird ehliche Treue beschworen, der Ceres legifera opfert die braeutliche Dido, der roemische Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die wendische Braut zu sitzen, waehrend sie von ihren Freundinnen zur Hochzeit geschmueckt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Muehle zu verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:
Dort niden in jenem Holze Leit sich ein Muelen stolz, Sie malet uns alle Morgen Das Silber, das rothe Gold. Dort hoch auf jenem Berge Da geht ein Muelenrad, Das malet nichts denn Liebe Die Nacht bis an den Tag.
Damit hoert denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf, dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Muehlsteine machen, wie Verena auf der Aare und der Wuestenheilige Antonius auf der Wolga. Auch die Stadtpatronin Zuerichs, zugleich die angebliche Gefaehrtin der Thebaeer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben, denn ihr Muehlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St. Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, wird mit einem Muehlstein am Halse in die Guenz gestuerzt und schwimmt damit in diesem reissenden Gewaesser. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem Wasser einher, als waere es festes Feld. Sie wird alljaehrlich am 1. Okt. in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac. Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Muehlstein der hl. Brigida ist neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte aufgestellt und wird bei Krankheitsfaellen als wunderthaetiger Heilstein beruehrt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Fluesse und Seen sind die Adern, durch welche die aelteste Kultur in die Laender floss, und die Muehle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Mueller und Becken schlagen sich mit Saecken; der Aargauer: sie putzed (die Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub fluegt (wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schuettid: schuetten die Frucht auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmuehle schiesst. Nach Kaerntner Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in den Kasten schuettet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der Himmelsmuehle (Uhland, no. 344) knuepft Matthaeus die Kornsaecke auf, Lukas laesst reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen, dass die Muehle im alten Rechte als Freistaette gilt und ein in diesem befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der Schwabenspiegel bestimmt: diu muele hat ouch bezzer reht danne ander hiuser. swer in der muele stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem sol man hut unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in henken. Und eben daher stand auch dem Muehlstein eine besondere Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet sich nemlich in einem alten Liede folgende Pruefung erwaehnt ueber Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere steht am Ufer des Rheins, ein Muehlstein wird gerollt; faellt er rechts, so traegt sie einen Knaben, links, ein Maedchen; geht er aber zu Grund, so ists ein Metzenkind.--Der jungfraeulichen Verena Muehlstein aber ist ein _schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht: die auf dem Felde, in der Muehle und im Mutterschosse. Bereits sind in der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen oertlichen Felsen und erratischen Bloecke des Aargaus aufgezaehlt, welche den Namen Kleinkindersteine und eine dem gemaesse Ortstradition an sich tragen. Hier kommen nur die auf Verena bezueglichen in Betracht. Jener vorhin erwaehnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei traegt ein ueber Faustgroesse ausgerundetes Loch, das man fuer die Spuren der Hacke der Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern fuer die Stadt heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenfoermig gewoelbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus kirchlich gereicht hatte. Eine Felshoehle beim Bergschlosse Teck auf der wuertemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage ueber zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des Neckarstroms 1740, 46.
Ein fernerer auf die Korn- und Muehlengoettin hindeutender Zug ist enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu Solothurn gegruendet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Saeckchen Mehl von unbekannter Hand vor die Thuere gestellt wurden und die aus diesem Mehl gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darueber:
Dum panis victus solitus exhaustus fuit plenius, farris pastus positus est ad fores celitus.
Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt wundersuechtig die bestimmte Zahl dieser Saecke an quadraginta sacci, und Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht (107a) nacherzaehlt zu sein:
vor der clause man ligen sach viertzig sekche mit mele vol. er gedacht ir not da wol, wan daz prot wuchs in ier munde.
Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikoenig, zur Zeit der Zwoelften, sein Mehl von der Boitzenburger Muehle heimfaehrt, so begegnet ihm Fru Freen und verlangt, dass er die Saecke oeffne und ihren Hunden ausschuette. Thut er dies folgsam, so findet er die Saecke wohlgefuellt des andern Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name zusammengefallen in den der Heidengoettin Frea (wie Paulus Diaconus Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwoelften sich an die Spitze der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwoelf Jagdhunden das Land durchstuermt. Der Name Frene wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415 ausdruecklich als um Halberstadt bestehend bestaetigt, und der vierte Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen Gauheiligen erlaeutern.
Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden, Brod und Wein ueberbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen oertlichen Schwaenken bedient. Er erzaehlt, wie einst das kleine Staedtchen Klingnau an der Aare von einer Feuersbrunst so ganz zerstoert worden, dass auch saemmtliche Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man laeuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom herab gefahren kam. Kling au! rief man aergerlich zur stummen Glocke empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das taegliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der Spottreim:
Wenig Brod und sure Wi: ach Gott, wer moecht' au z'Klinglau si!
Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines Priesters in Zurzach habe sich Verena die taegliche Nahrung abgebrochen, um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darueber der Entwendung verdaechtigt, tritt ihr der argwoehnische Priester ploetzlich in den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krueglein ist nun in Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides als zur Reinigung der Aussaetzigen dienend. Daher kommt es, dass die Bildsaeulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf in der Hand haben. Das Krueglein der Heiligen ist, wie die aelteste Aufzeichnung berichtet, urspruenglich steinern gewesen und hatte die Form einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemaesse vor Alters steinern war. Das Zuercher Frauenmuensterstift berief sich 10. Christm. 1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der Klostergruender Koenig Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen lassen. Geschichtsfreund 8, 19.
Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 berichten. Auch sie zaehmte wilde Stroeme, lehrte Acker- und Weinbau, pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena, mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedaechtnisse fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern Innthal und hatte die Schweine zu fuettern. Fuer jeden Armen sparte sie sich eine Schuerze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein geiziger Spaeher sie darueber anhielt, verwandelte sich die Gabe in Hobelscheiten und in Sautraenke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen Hausstand zurueck; wollte man sie jedoch ueber die Feierabendzeit im Felde fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die Sichel in die Hoehe, liess sie aus und diese blieb in der Luft haengen. Sie ist die Patronin der Dienstmaegde geworden, wie sie selbst in ihrem Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten. Als sie an den brueckenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurueck und liess Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinueberschreiten. Jenseits auf dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und errichtete eine Kapelle ueber dem Grabe, die seit 1434 zur Wallfahrtskirche vergroessert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2, no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, ueberschwamm sie auf einem schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Hoehle, die beim wuertemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg her ueberbrachte ihr der Hirsch taeglich das Brod, ans Geweih gespiesst, und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch zeigen die Kraichgauer uebers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und Butter von ihrer taeglichen Kost sich abgespart und den Aussaetzigen des naechsten Siechenhauses zugetragen; als der argwoehnische Schlossherr sie auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und Milch in ihrer Schuerze in einen Strehl und in warme Lauge.
Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den Verenatag knuepften.
Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-, Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76) verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten (Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fuenf "geschlossnen Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht Tage nach dem auf Verena naechstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jaehrliche Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt. Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljaehrlich auf Verena und Martini an.
Von den Bauernregeln ueber die Witterung am 1. September sind unter unserer Landbevoelkerung folgende ueblich.
Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrueegli usleert, draejet, loeset, umg'heiet, bruennelet--und z'Abig s'Chitteli wider troechnet, denn isch guet; denn solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der Keimung des Samens besonders guenstig. Wenn es an Verena schoen Wetter war, so erzaehlen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Saeen hinaus. Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn aber nit, so chan er's froelich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und sein Brodsaecklein, das Zimmis-choerbli, worin der Abendimbiss ist, mit ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz 1862, 259.--
Verenatag guennt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es, ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.
A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rot; der Krautskopf berathet sich, ob er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain traegt s' Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs Feld gebracht, s' Vreneli zuendt a, und s' Mareili loescht ab: die Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnaechte begannen mit 1. Sept.; mit Mariae Verkuendigung, 25. Maerz, giengen sie wieder zu Ende. Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewoehnlich erst mit 2. Nov. und schliessen mit dem Josephstag, 19. Maerz.
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FUSSNOTEN:
[5]
A Solodoro igitur discedens proficiscitur, ubi Rhenus labitur, Zurziacham graditur.
Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus Ratdolt.
[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit, sagt die Originallegende; erst spaeter wird der Name Hirtacus dazu gefuegt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.
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Dritter Abschnitt.
Verena, die Geburtshelferin.
Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und Waschkrug; ihre oertlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der Gewitterriesin: das Vrenelisgaertli am Glaernisch u.s.w.