Drei Gaugöttinnen

Chapter 12

Chapter 123,298 wordsPublic domain

Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und stellen hiefuer diejenigen Erzaehlungen voran, welche der aeltesten zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehoeren. Diese von G. Waitz nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch fuer diejenigen Thatsachen, ueber welche der Verfasser jener Bruchstuecke entweder als Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener Periode anknuepft.

Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen Thronfolger.

Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga geehlichet, des vorhin erwaehnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und obwohl schon mehrere Toechter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem solchen beglueckt. Dieser war, wie Casp. Lang beifuegt (Histor. theol. Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.

Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und uebernachteten daselbst im Stifte. Hier traeumte Reginlinda von der Empfaengniss, die sie sich wuenschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.

Eine adelige Frau im Elsass hatte frueherhin in kinderloser Ehe gelebt, hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Toechter bekommen. Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssoehne, denn diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Maedchen und Knaben begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf oefters von den Zurzacher Stiftsherren eingeladen worden, er moechte sich zu ihnen begeben, die Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines Reichthums opfern, dafuer werde er seinen Wunsch nach Soehnen erfuellt sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die Unvermoegenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.

Ein Hoeriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel, entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie liessen sich auch in allerlei Schmaehungen ueber derlei Pflichtigkeiten aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend fort. Dafuer starben er und sein Weib eines jaehen Todes, und seine Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgaengig an Gliederlaehmung.

So viel erzaehlen die aeltesten Aufzeichnungen der Legende ueber den durch Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwaehnt aber ist, dass derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen hinab und schoepft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und Augenuebel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein; auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, gestorben zu Heidelberg, verdankt.

Eine Zurzacher Frau war Woechnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in das Staedtchen Klingnau hinueber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht stundenweit ueber den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen Felsentreppen ersteigt man die letzte Hoehe zum Rothen Kreuz, einer einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefuerchteter Spukort. Wer seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versaeumt hat, muss nach dem Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Maenner her, die man ein knarrendes Waegelchen ueber die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden lassen, dann aber zu einer Groesse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst wohlbekannte Hoehe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebuesch ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Muendung in den Rhein gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese Erzaehlung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshuelfe zunaechst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden Aarthale zu Klingnau haette suchen sollen. Denn dafuer eben fliesst in der Zurzacher Stiftskirche jener heilkraeftige Brunnen. Die hier hinabsteigenden Wallfahrer duerfen sich einen Krug voll unentgeltlich schoepfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenuebel an; letzteres ein Brauch aus der fruehesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der Gertrudislegende erzaehlt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche gefuehrt und kommt hier zufaellig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche trieft und des Weibes Mantel beschuettet. Die Umstehenden nehmen daraus Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch auf der Stelle sehend.

Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt die Heilige in den Baedern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel; nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar ueber der Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.

Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsaeule errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Roehre hinab, durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwaermen und sind der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfuellung ihrer muetterlichen Wuensche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten "Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem Ergoew gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein unfruchtbare Fraw darinnen bade, vn ein fuoss in dz loch stosse, da dz wasser herfuer quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen Kinder." Diese muetterliche Goettin Holda gleicht also vollkommen der von den Albanesen verehrten Geburtsgoettin Ora, einem Wuenschelweibe, vermoege deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es gewuenscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Maerch. 1, S. 37. Holda huetet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, uebergiebt sie als Froeschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch fuer die gebaerenden Muetter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen koennen, und nimmt die unmuendig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, ueberall lokalisirte Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenaehrt werden. Schon altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der Dominikanermoench Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:

du bist der gezeichent brunne, darin schein diu lebendiu sunne.

Und Nachklaenge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:

Storch--Storch--Steine, Mit dem langen Beine, Mit dem kurzen Knie: Jungfrau Marie Hat ein Kind gefunden In dem goldnen Brunnen. Wer solls (aus der Taufe) heben? Der Gothe und die Goethen.

Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den Faengen und zudem auf jedem Fluegel je ein Wickelkind traegt. Dieses Wasser macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmuettern. Schaefer, Staedtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachtraeglich noch folgende aargauische anfuehren. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre 1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljaehrlich am Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen Brunnenstuben den Saeuglingsvorrath holte, so steht dieser Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen laesst, zieht ihm die gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Staeben entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:

Der Bach chunnt, der Bach chunnt: Sind mini Buebe-n-alli gsund? Jo jo jo!

Der Bach ist cho, der Bach ist cho: Sind mini Buebe-n-alli do? Jo jo jo!

In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden Bruennli (ueber Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in Oberfrick aus dem altverschuetteten Spagenbrunn, im Dorfe Kuettigen aus dem Stampfelgraben des dortigen Muehlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der uebrigen Schweiz gehoeren folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Gluecksgoettin Frau Saelde traegt. Luetolf, Fuenfort. Sag, S, 550.

Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstaende erlaubten, in Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen traegt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen sein musste, erklaert uns die Kirche ausdruecklich. Abt Tritheim beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen ueber die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515, 20. Sept.) und entwickelt dabei ueber die Wassernixen folgende Theorie. "Die in Seen und Fluessen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestuem truegerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese lassen sich an Fluessen und Quellen blicken, kaemmen ihr langes Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemuethszustand unwandelbar ist, nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die maennliche, und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit dem lieben Gott ins Gesicht; und daher ruehrt es, dass in unsren an Quellen, Stroemen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die geschichtlich aeltesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind. Die zuercherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspuelt und in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbruennlein. Wasserkirchen sind ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau. Auf der Rheininsel zu Saeckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der roemischen, theils aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zuerchersees groesste Insel, deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war fuer einen grossen Theil der Weiler und Hoefe am untern See, war schon zur Zeit der irischen Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am gegenueberliegenden Ufer zu Staefa war der hl. Verena geweiht. Schweiz. Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zuerich bestand bis zur Reformation das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu _St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem beruehmten Buchdrucker Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.

Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvoegtin der Ehebuendnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich geopferten Gegenstaenden, vornemlich den Brautkroenlein. Die katholischen Landmaedchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern kirchlichen oder weltlichen Festanlaessen den kroenleinartigen Kopfschmuck der Tschaeppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft ueber den Scheitel hin woelbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines Sammtkaeppchen, oben napffoermig abgerundet und mit Korallen gestickt; es ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens ueber das Haar gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das Kirchspiel genannt, ein Maedchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschaeppelein zum Opfer aufzuhaengen; es ist ein Dank dafuer, unter die Haube gekommen zu sein. Erscheinen dann im Herbste die Zuege der uebrigen Wallfahrerinnen, so nehmen sie ein solches Brautkraenzchen vom Gitter und setzen es waehrend ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Kaeppchen haeuft sich hier an, dass man die veralteten darunter alljaehrlich am Charsamstag abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezuendet wird, mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in dessen Kapelle jener Muehlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach alter Gepflogenheit alljaehrlich im Fruehling der Gemeindebann von Jung und Alt umschritten, so duerfen bei diesem Maennergeschaefte die Maedchen allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen fuer die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich Feldblumen und flechten in die Wette Kraenze daraus ins Haar, die gleichfalls Schaeppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und ueberhaengen damit die Horizontalstaebe des Eisengitters, hinter welchem Verenas Muehlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der Sigrist, setzt den schoensten der geopferten Kraenze der Heiligen aufs Haupt und schmueckt mit den uebrigen den Grundstein.

Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man ueberhaupt Kunde hat, ist es gerade ihr Guertel, der sie als eine die Ehen und Geburten beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem ehemaligen schwaebischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der Groesse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis ueber den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Guertel, schreibt Richter (Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des roemischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist so durch Verenas vielvermoegenden Beistand zur Welt geboren worden.

Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.

Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Staedtchen Klingnau an der Aare fuehrt ueber den Achenberg. Auf der Hochebene dieses betraechtlichen Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die guenstige Jahreszeit, des Berges wilde Schoenheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau und Klettgau hinueber, die Wunderthaetigkeit des Ortes und der den andaechtigen Besuchern gewaehrte paepstliche Ablass fuehrt alsdann zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer. Doch kein Wallfahrer verlaesst den Berg, ohne nicht ueber eine in Felsen gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthaetigen Verenabruennlein und laesst auch fuer seine Kranken daheim ein Krueglein voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.

Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig bemittelter Mann aus dem Staedtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie auf jener beruehmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber, das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern Betrachtungen erreichte er das Verenabruennlein, traf hier einen ihn freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit. Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere, sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung gesteckt und sie gefuellt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Haenden fassen konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf, und ach! da hieng gerade ueber seinem Kopfe gewaltig sausend ein umrollender Muehlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurueck nach Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut, musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem Zehrfieber gestorben sein.

Was soll hier dieser Muehlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die Muellerpatronin Verena und will in ihrer Mildthaetigkeit nicht gesehen sein. Es ist dies zwar ein oefters sich wiederholender Sagenzug, siehe Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe Buettisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena die erwaehlte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und die Ortssage fuegt bei, wer ehemals in der Abenddaemmerung mit abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus einer weiblichen ein Goldstueck. Als nun Knaben von Buettisholz einst in der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstuecke schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schoene Jungfrau, die nach einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich, dass auch die Quelle versiegt war.

Faesi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben, berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei schon in aeltester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die ueber diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenueber entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer Sag. no. 1 mit dem Beifuegen gedenken, dass die aus dem Elsass ueber den Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen, sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen traegt, wie schon bemerkt worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.