Chapter 13
Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwaehnen in der Naehe der Stadt Zug, gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghoehe an der alten Strasse, die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln fuehrt; auch hier ist ein herkoemmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform gebauten Kirchleins war frueherhin eine Inschrift angebracht und meldete, der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Mueller in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine Renovirung noethig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste ueber der Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle hinausgetragen "unter dem Knallen der Moerser und Doppelhaken". Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwaenden verkuendigen des Ortes Wunderthaetigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das St. Verenabruenneli, der Brunnenstock geschmueckt mit der Figur der Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehoert, wie der Zugerkalender vom J. 1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdruecklich berichtet: "Bist du krank und die Guetterli (Arzneiglaeschen) des Doktors wollen nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljaehrlich Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hoeren. Auch wird dir den Sommer hindurch so ein kuehler Spaziergang in der Fruehe ueberaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Staerkung fuer deine schwache Leber im nahen Roethelberg, sofern dir Verena nicht eins aus ihrem Krueglein einzuschenken geruht."
Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren gesetzt und haben uebereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige traegt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrueglein, in der andern haelt sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt des Kruegleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der Fluegelthuere dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der fuer das nichtlesende Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1. September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten den langgezahnten zweireihigen Haarkamm haelt und zu Fuessen ein geschnaebeltes Giesskaennlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen Verenas hat die aeltere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete, dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr geheilten Aussatz hervor:
auzsetzig behaft macht si slecht, plint, chrump macht si gerecht.
In diesem Sinne erzaehlt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete ihnen die Betten, kehrte den Boden, saeuberte die Kleider, wusch alte Erbschaeden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Haeupter." Auf solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbaeder", wie dasjenige in der Stadt Baden, gegruendet, jeder Gast hatte sein Krueglein mit Lauge und seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die durch Papst Urban seit 1625 neu bestaetiget worden, ist nach dem dritten Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen Almosen und bestimmte jaehrliche Spendmaehler zu verabreichen.
Das Steinkrueglein Verenas wird in der aeltesten Legendenaufzeichnung gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals eine Roemerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darueber erblindete, erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls." Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewaehrte dasselbe einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefaess zu setzen, sie wuerden sonst zu viel Toechter gebaeren. Ein Stueck von diesem Verenakrueglein hat nachmals der Fuerstabt von St. Blasien erworben und dafuer den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen allgemeiner Abloesung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden: Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Kuessennacht, Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses Werk; obenauf liegt in Lebensgroesse gehauen ihr Bild in Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfraeulichkeit in fliegenden Haaren, es haelt in der Linken den zweireihigen Kamm, in der rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Waeschermagd aus Menschenliebe sich unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt, sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Roessli ist ihr Aufenthalt. Aus dem Vorhoeflein desselben schreitet um Mitternacht vor hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spuelt sie ihr Weisszeug aufs sorgfaeltigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen Vorhof zurueck. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird, erklaert sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier Gotteshoefe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofuer diese verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80 Juchart haltenden Guetern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu gehoerenden Antoniuskapelle zu bestreiten und fuer den Messpriester den Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie sonst im ganzen Lande gesetzlich abgeloest worden ist, haben diese Hoefe ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher Hand an den Gemeinderath von Reckingen uebergegangen und hat seit dem Jahre 1854 die gruendliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstoeckigen Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzaehlt man, kommt zu gewissen Zeiten des Nachts ein Fuellen gelaufen, umtrabt das Gebaeude, wird darueber zusehends groesser und ist mit einem male wieder unsichtbar. Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen niemals das Fuellen erblicken, wohl aber statt dessen eine weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier Ecken bedaechtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.
Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche naehig sind ("uebergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schuerze zu geben pflegen (Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Koenigsfelden wurde Ross und Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Ruestpferd laesst die Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar darauf der Kapelle in Gruenthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, 1860, 6.
Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Waeldchen, das nach einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhoelzli heisst. Am suedlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt dorten eine schoene Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich das Haar kaemmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschaedliche Nachmittagslamm. Auch das Muetterlein ist freundlich, nur will sie in ihrem Geschaefte nicht gestoert und von den Voruebergehenden nicht etwa ausgelacht sein, sonst setzt es fuer den Spoetter gewiss einen geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwaerts heisst sie nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Straehl-Anneli, oder nach ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Muetterli, denn Heuel bezeichnet den verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem Liebreize nackter Jungfrauenschoenheit, zieht einen Goldkamm durch die Locken und laesst ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer, Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmaennin gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschaefte gewidmet, die Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun zwar unsern aesthetischen Begriffen geradezu, eine so widerwaertige Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schoenheits- und Liebesgoettin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich darueber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Roemer ihre Bildsaeule mit einem Kamme in der Hand vorstellten, erzaehlt hiebei: Als einst die roemischen Frauen die Kraetze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die Kaemme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsaeule, die den Kamm trug.
Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Maedchen das schoene Haupthaar und zugleich den schoenen Schatz. Am 1. September, als dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein neues vor Krankheit geschuetzt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Koepfen ihrer Kinder eine gruendliche Waesche abhaelt, dem juengsten Maedchen wird der erste Zopf geflochten; das behuetet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs. Haelt sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:
Chind, bis ietz still und fin, oder es chunnt Frau Vrin, die het ne grosse Striegel und zert di kech am Riegel.
Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbueschel. Die Frau Vrin ist also hier eine Drohgestalt, wie in Schoeppners Bair. Sagenb. no. 1282 die lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Buerste und Stahlkamm behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Maedchen dabei weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden solle, und hiefuer hat man folgendes Spruechlein:
Ach mi liebi Jumpfere Vre', gsehst, i ha kes Schaetzeli meh, straehl und waesch mi doch au nett, dass mi Hansli Freud ab mer het!
Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen "Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen Landvolke verbreitetes Zauberbuechlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der Dreieinigkeit ueber die Warzen und spricht dreimal:
Frene, Frene, dorra weg!
In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende, geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthuemlichkeit des weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende Zartheit ist das Frauengemueth von hingebender Menschenliebe erfuellt. Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so uebernimmt es freiwillig das Geschaeft der Krankenpflege und vollzieht es im Einzelnen mit groesserem Gluecke als der Mann, da es weniger schnell als er in Dienstleistungen ermuedet, mehr und laenger als er zu dulden, zu entbehren, auszudauern vermag in Muehen und Nachtwachen. So erscheint das Weib allen Voelkern waehrend grosser allgemeiner Leiden als eine heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in der Kunstdarstellung der Rettungsengel fuer die schmerzbehaftete Welt geworden.
Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzuegen Verenas, wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Maerchen gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgoettin allmaehlich "zur demuethigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke (Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgoettern und zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengoettin bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlaesst, um unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Bueschen und Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum wuerde man dann die Goettin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, truege sie nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird sie wieder ein "alt heidnisch Wassergoetzli", wie der Berner H.R. Grimm (Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon die rohe Haerte, mit der sie unglaeubigen Missethaetern die Strafe zumisst, laesst ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des Zurzacher Priesters sie faelschlich der Veruntreuung im Haushalte anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten stirbt hin ohne Siechthum, Laehmung, Blindheit und Tobsucht. Dafuer, dass ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, waehrend Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rueckkehrenden im fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Haenden festgeklammert; ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in der erstarrten Hand fest. Gleichfuerchterlich bestraft sie den Bauern, der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich dreingreifender Koerperstaerke herscht besonders in den mehrfach von Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und rhaetischen Alpen finden. Sie traegt in Buenden, Engadin und an der bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die rhaetischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Praetigau (urkdl. Valzena). Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage in Tirol, S. 251), eine andere an der weitlaeufigen Eiswueste des Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern Hoehlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, Holz oder Stein in sich; es laesst nichts drinnen, sagen die Hirten und staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Buenden 1, 140. 258. Buendner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte Vrenelisgaertli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des Glaernisch, 9,353 Fuss ueber Meer, das sich wegen der angeblichen Ausschweifungen des Sennenvolkes aus bluehenden Matten in ewige Gletscher verwandelt hat.
Nachfolgende eigenthuemliche Sage hierueber beruht auf der schriftl. Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zuerch. Lunnern, zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am suedlichen Fusse des Albis der unheimliche Tuerlersee, der tiefste im ganzen Zuercher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend gehoerte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsruestigen Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. Mit Huelfe fahrender Schueler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum fuer immer vom Gelaende der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Tuerlersee, es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so wuerden die Wasser sich ueber ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste einer der fahrenden Schueler die Frau und entfuehrte sie durch die Luefte auf die Westseite des Glaernisch, setzte sie hier auf einer weiten gruenenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach: "Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten gehaust, bis dieser schoene Alpengarten endlich sich in eine weite Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in der Hand, zur Eissaeule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herueberblinkt.
Dieser eben erwaehnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit alter Zeit bekannt und traegt in der Offnung von Borsikon (Grimm, Weisthuemer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zuerch. Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzuernte schwur, sie werde den Tuerlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst von der Erde fortriss bis auf den Glaernisch in Vrenelis Gaertli.
So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit zurueck. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen laesst; der Muehlstein, auf dem sie wilde Stroeme befaehrt; die Felskluefte, Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel, die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel hervor bohrt--verkuenden eine urspruengliche Riesenjungfrau, deren roh angelegte Gestalt spaeter ins Satanische umgeschlagen haben wuerde, haette die Kirche sie nicht fruehzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen besaesse man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der demuethig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die der Unterschlagung beschuldigt entspringt, ueber die ganze Breite des Thales setzt und ihre Fussspur drueben in die Felsenplatte der jenseitigen Thalwand eindrueckt.
* * * * *
FUSSNOTEN:
[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger Pfarrkirche, waren pfarrgenoessisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken, Zeihen, Denspueren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Haener am Schwarzwald, ob Laufenburg.
* * * * *
Vierter Abschnitt.
Verena als Frau Venus.
Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und Vrenenhaeuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurueckgefuehrt auf den urspruenglichen Mythus.
Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt. Der Text kommt demjenigen am naechsten, welcher einst von Stalder in Entlebuch gleichfalls nach muendlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und an Lassberg uebergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240 veroeffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland fuer seine Sammlung no. 297 C., und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen uebereinstimmen. Was die Literaturgeschichte des Tannhaeuser-Liedes betrifft, die schon von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Goedekes Deutsche Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollstaendigkeit aufgefuehrt.
Tannhaeuser war ein junges Bluet, Der wot gross Wunder gschaue,[8] Gieng auf Frau Vrenelis Berg Zu selbige schoene Jungfraue.
Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho, Chlopft er an a d'Pforte: Frau Vrene, wend er mi inne loh, Will halte eu'e Orde!
"Tannhaeuser, i will der mi Gspile ge Zu-m-ene ehliche Wib."[9] Diner Gspilinne begehr ich nit, Min Leben ist mer z'lieb.
Diner Gspilinne darf i nuet, Es ist mir gar hoch verbotte, Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
Tannhauser sass am Figebaum, Drunter er war entschlafe. Es chunt em fuer i sinem Traum, Er mueess uf Rom wallfahrte.[11]
Wo er in d'Stadt Rom inne chunt Wohl unters hoechsti Thor, Frogt er dem oberste Priester noh, Wo in der Stadt Rom waer.
Wo er i d'Chille ie chunt, Vor'm Pobst thet er sich gneige: Gott grueeze eure Heilige, Pobst, Mine Suend will i eu azeige.
Der Pobst het do en dueere-dueere Stab, Vo Duerri war er gspalte: "So wenig de Stab meh z'grueene chunt, So wenig magst du Ablass erhalte."[12]
Und wenn i nuemme z'Gnade chum Und nuemme mag werde bihalte, So gohn i uf Frau Vrenis Berg Und leben bin ihr im Walde.