Drei Gaugöttinnen

Chapter 14

Chapter 143,366 wordsPublic domain

Es goht nit meh als dritthalb Tag, So fieng der Stab a z'gruene, Er treit es Laub so grueen wie Gras, Darzue drei schoeni Blueme.[10]

De Pobst schickt sine Botten us, Sie wuesset ehn niene meh z'gwahre; Er schickt sie us in alli Land, Der Tannhuser blibt verfahre.

Sie choemmet uf Frau Vrenelis Berg, Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse Tannhuser soll do usse cho, Sine Suende eigen ehm nochg'losse!

"Zun-ech usse cho, das chan i nit, Do muess i bliben inne. Muess bliben bis am Juengste Tag, Dae gohts mer erst, wies cha und mag!"

Tannhuser sitzet am steinige Tisch, Der Bart wachst ihm drum umme, Und wenn er druemal ummen isch, So wird der Juengst Tag bald chumme. Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot, Oeb der Bart es drittmol umme goht Und der Juengsti Tag well chumme.

Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Huegel, an dessen suedlichem Fusse vormals die Gerichtsstaette des Bezirks gewesen war und wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde aelterer Leute der Frau Vrenes Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhaeuserlied, und wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehoerenden Thiergarten "das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der Stelle der Venus in das Tannhaeuserlied und was ist der Sinn dieses Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm (Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene die Goettin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither weiter vorgerueckte Sagen- und Sprachforschung bestaetigt.

Die echte Goettersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von Fioelsvinnr und erzaehlt also. Die Goettin Freyja war dem Halbgotte Odhr vermaehlt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres beruehmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Mengloed; nun aber empfieng sie den neuen Namen die Thraenenschoene, denn um den verlornen Gemahl durchsuchte sie alle Laender und weinte ihm goldne Thraenen nach. Sie mied der Maenner Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhoehe eine Halle, ueber deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte hier mit heilkundigen Maedchen eintraechtig zusammen. "Hilfeberg heisst die Hoehe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wuessten." Da kehrte der die Welt durchreisende Odhr nachmals wieder zurueck und sprach zum Waechter des Berges: "Reiss auf die Thuere, Waechter! auf kalten Wegen komm ich her, die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Saeumniss schuld, doch geh und frag erst Mengloed, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den Langersehnten mit Kuessen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfuellt; mein lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide froehlich!" Die Verwandtschaftszuege zwischen diesem Mythus und dem Tannhaeuserliede sind einstweilen folgende. Odhr-Tannhaeuser wandert aus dein Waldberge der Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger, hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Waechter (der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und fuehrt ihn in den Berg. Draussen laesst er den duerren Wanderstab liegen, der sogleich an zu gruenen faengt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht mehr unterbrochne Glueck nach der Laenge des Bartes, der ihm dreimal um den Tisch herumwachsen wird. Entzueckt ueber diese doppelte Unendlichkeit ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine Freyja-Vrene, ob nun noch ein juengster Tag gedenkbar sein koenne. Zur Bekraeftigung dieser gegebnen Erklaerung sowohl als der sogleich mitzutheilenden Etymologie der bezueglichen Eigennamen, fuegen wir ein paar Sagenbruchstuecke bei, die zu dem Kostbarsten gehoeren, was in der letzten Zeit zu Tage kam. Proehle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem koeniglichen Schloss und hiess Fru Freen und Fru Frien. Sie war einmal im Himmel gewesen und da von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch folgenden Reim:

Fru Frien wolle geren frien un konne keinen krien, da feng se an de schrien.

Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren verschwundnen Gemahl trauernde Goettin heisst in Wolf's Hess. Sagen no. 12 die Huldgoettin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl ueber ihren Mann so bittre Thraenen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl die Goettin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frea (ahd. Frouwa, domina) und lebt in den niedersaechs. Sagen bald unter den diminutiven Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und Druebeck als Fru Frien, Fru Freen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. 414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der Schoenheits- und Liebesgoettin stehen nun die oberdeutschen desselben Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsaechs. fri, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frin: pulcher, venustus. "Bis mer huebsch frin", sei mir huebsch artig, huebsch sittsam, sagt das Berner Maedchen zu einem allzu stuermischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste Luet", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schoenheitspraedikate uebereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schoene. Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst irlaendisch Freyjuhar, daenisch Fruehar und Venusgraes, norwegisch Mariagras, weil die Schoenheit das hoechste Epithet bleibt, das an Goettinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und Figuren der Goettinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen gelaeufig und hat darin ihre Berechtigung, dass beide urspruenglich nur die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines aelteren Goettersystems gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Goetter in Asen und Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die mit dem Gemahl als Windsbraut einherstuermt und Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine familiaere, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die fruehere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So urtheilt ueber die Vanengoetter ueberhaupt Weinhold D. Frauen, 30.

Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angefuehrten Namen der Goettin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen einer und derselben Goettin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des schweiz. Tannhaeuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in denen die Minnegoettin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und Hexengeschichten uebertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von der Omeiss 36, laesst die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fuenfzig Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628 regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit _Kroeten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhaeuserliede selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:

Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet Und drunter wie Schlangen und Chrotte.

Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die oeffentlichen Frauenhaeuser Venushaeuser genannt und nach der einmal vorhandenen Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhaeuser. Ein Stadtquartier Hamburgs mit einem besondern Huegel, das den Dirnen zum Wohnorte angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder Aussaetzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei, Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt (ed. K. Goedeke, S. 151):

zuo Basel in der Malentz gassen do hat sich fraw Venus nider glassen.

Auch dieser Umstand dient uns zur Erklaerung einer sonderbar lautenden Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und fuehrt an einer alten Linde vorbei, deren zerkluefteter Stamm mit Ziegelsteinen ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden. An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der aeltesten Legendenaufzeichnung erwaehnte Siechenhaus, das erst in diesen fuenfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der Landvogt von Baden zur Eroeffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt, erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen Tanz um den Baum thun musste. Dafuer erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, gestiftet von jener Koenigin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres erschlagnen Vaters, das Kloster Koenigsfelden bei Brugg erbaut hatte. Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen "Metzentanzes" ebenfalls Erwaehnung, verlegt ihn aber faelschlich unter die Linde des Staedtchens Brugg, also dem Stifte Koenigsfelden zunaechst. So war Verena die Patronin der Frauenhaeuser und Metzen geworden.

Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmaerkte ist noch nicht aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestaetigungsbrief und Kaiser Friedrichs hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomaeitag. Sie werden abwechselnd Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des Neumonds begangenes Fest uebersetzt wird und mithin ein im Heidenthum entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit koennte die Zurzacher Dult schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich zusammenhieng. Kirchen und Kloestern wurde fruehzeitig das Marktrecht verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher ruehrt der andere Marktname Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines oertlichen Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzuegen besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzuege gehen von einer Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmaerkte des Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint liegt.

Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche haeute Venus heissen, ist urspruenglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei unserem gegenwaertigen Zwecke keineswegs ueberfluessig zu zeigen, wie hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverstaendniss sich erzeugt hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Truedinger beim Dorfe Eib an der Rezat, naechst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt die Venus vor einem gruenen Huegel stehend. Anz. des German. Museums 1860, 88. Das saechs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Graesse, Sag. v. Tannhaeuser, 18. Ein Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar fuehrt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein, Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmoeglich alle dem Latein abgesehen sein koennen, empfand schon Fischart, der in seiner Uebersetzung von Bodinus Daemonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt und herumtraegt; allein, fuegt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform Feenesleute, wie die Erdmaennchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatlaender Patois fort, Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins Rhaetische ueber, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch Fayer, gaelisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als Feen dorthin verwuenschten boesen Geister bezeichnet und dass sie Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehoert jedoch der Name des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesaenger, gestorben um 1196; dessen Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der oertlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.

Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die Liebesgoettin, wird vom hoefischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch die Kirche zur Patronin der Siechenhaeuser, durch die Zeitsitte zur Mutter der Frauenhaeuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen Spracheinfluss zur Koenigin der Feen gemacht, mit denen sie im Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgoettin in ihrem schattigen Lusthain (im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklaerlich Tannhauser. Auf den bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesaenger Tannhuser (gestorben um 1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht geschlossen werden, weil sich die Tannhaeusersage, wenn auch unter anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefuer giebt Grimm Myth. 888.

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FUSSNOTEN:

[8] Uhland C.

[9] Uhland A.

[10] Uhland B.

[11] Nach Uhland C.

[12] Uhland A.

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III.

Gertrud mit der Maus,

die Allerseelenherrin.

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Die heilige Gertrud, ahd. Keredrud, traegt den heidnischen Namen einer germanischen Walkuere und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrudhr bezeichnet sowohl Thors und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib, virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schlaefer auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, bezeichnet. Der Trude ist daher der fuenfeckige Trudenfuss eigen, dessen Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengefluegelten Walkuere entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon Irminonis (sec. 8) unter den fraenkischen Frauen genannt; ebendaselbst eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrud), die das Heiligthum, alah, verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen, dass Regen faellt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 uebersetzt trutari mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das Geschaeft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu muessen. Da die Walkuere zugleich die den Lebensfaden spinnende Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den Goettinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben genannten Goettinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die Fruehlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die naechtlich wuehlende Maus, kuendet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge dessen versoehnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Suessen Maeuschen baeckt.

Dies ist der aeusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.

Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre aelteste Legende in vielfaeltigen Widerspruechen, die aus der Bemuehung entstanden sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger unterzubringen. Ihr aeltester Biograph ist ein Moench in Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS. sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles, zwischen Bruessel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. Gemahlin Ita um 640 gegruendet und wird von deren Tochter Gertrud als erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, gleichfalls ein Niveller Moench im 10. Jahrhundert, erzaehlt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier laengere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben gefuehrt habe. Allein die Benediktiner fuegen dieser Angabe hinzu, dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl. Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man dorten die Klostergruendungen und Vergabungen zu Karleburg und zu Neustadt am Main beilegt, ja man fuehrt daselbst noch eine dritte hl. Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und nachmalige Gattin des Koenigs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen fruehzeitig eine volksthuemliche Verehrung genoss, und dass man aus eben dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das groesste deutsche Kaiserhaus anknuepfte. Auch ihre fruehzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert angehoert, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am suedlichen Ufer der Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegruendeten Kirchen mit den fruehesten Anfaengen des Christenthums in Deutschland zusammen.

Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthaetiges Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, 25. In hollaendischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne" trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434. Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, traegt Gertrudens hoelzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich spaeter als ein Rockenstab, der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des Gertrudenbuches, Koeln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an welchem drei Maeuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen eingewoben, zwei, Weihrauchfaesser schwingende Engel umschweben sie. Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. Maerz, als den Gertrudentag, durch zwei Maeuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbuechlein (edd. Strobel) lautet:

so kumet die liebe sant Geretrud, die so entschlief in gottes willen, und stulen die ratten und miuse ir spillen und trugen sie in ir miuseloch.

Auf einem Gemaelde, das vordem im Strassburger Muenster gewesen, auf das sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Koenighovens Chronik 571 beruft, war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, umschwommen von Maeusen und ueberragt von St. Gertrud. Von diesen beiden in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der Maus, wird nachher ausfuehrlicher die Rede sein; fuer jetzt seien die landwirtschaftlichen und buergerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.