Chapter 6
Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im Heumonat darauf noch soviel Futter waechst, er traut demselben keine Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als mit einem doppelten Heuertraegniss ohne Maienthau oder ohne Regen an Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht. Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl. Wolf, Beitr. 2,367) von den goettlichen Maechten die Festfeuer zurueckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat ueber keinen mehr. Maienthau macht gruene Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer Progression also: Thaut es im Mai fuenfmal, so erwartet man eine Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fuenfzehnmal, so giebts eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als Koenig Gustav III. von Schweden einem ostgothlaender Bauern, der ihm vorgestellt wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn ueber dessen muthmasslichen Werth befragte, meinte der Landmann laechelnd: doch wohl nicht so viel, wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold laeutern. Daher traegt die hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher traegt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermaerchen (Grimm 3, no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der Walburgisnacht im Gewaesser der Bode die goldne Krone der Prinzessin Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag. no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse Kruege, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Beduerfniss damit behelfen koennen." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen ganze Lebensgeschichte enthuellen, wenn man ernstlich hineinschaut. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schoensperger 1499, Bl. pj und piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rueckerts Vierzeilen:
Die Rose stand in Thau, Es waren Perlen grau; Als Sonne sie beschienen, Da wurden sie Rubinen.
Aus Erde und Thau formte der Schoepfer Adams Fleisch und Blut; so sagen die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S. 319-330):
uon dem leime gab er ime daz fleisch, der tow becechenit den sweihc.
uebereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein, dass es soll bluehen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes fluechten beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch, kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es; wenn man einen Baum im Maienthau schuettelt, so stirbt er ab. Der Ritter, der die drei letzten Baeume bei seinem Hause faellen will, sieht des Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die ueber den Untergang des Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er liess hierauf die Baeume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand. Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen fuer die Menschen rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain groz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch niemer her ab, wan daz, sumeliche maister wen, daz daz tov daruz werde. Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwuenschter, wie hier hernach noch des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es muesse weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Hoehen erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, waechst kein Gras; daher in G. Buergers Romanze:
Im Garten des Pfarrers von Taubenheim, Da ist ein Plaetzchen, da waechst kein Gras, Das wird von Thau und von Regen nicht nass.
Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz (verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen. Panzer, BS. 2, pg. 54.
Maienthau ist eine Quelle der Koerperschoenheit, des Liebreizes und der Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:
Wenns thaut, wirds groen, werden alle Jungfern schoen.
Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der Gasse zu rufen. Eos hat taeglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und frischgruenende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzaehlt Konrad v. Wuerzburg in seinem Trojan. Krieg--verjuengt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):
Es giengen drei heilige Frawen zu Morgens in dem Tawe.
So schoen ist die Geliebte, dass der Minnesaenger Christian von Hameln dem bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten Fuss darauf:
Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen ein wip, nach der min herze ste; so wuensche ich, daz si mit blozen fueezen noch hiure mueeze uf iu ge.
Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster setzt, muss nebst Aepfeln und Baendern stets mit einer vollen Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen einen heilkraeftigen Thee. Sommer, Thuering. Sag. 148. 156.
Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschuessel, Parasol und Frauenmaentelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem den Durst. Schoenwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-ronge wird zu Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen Morgenroethe und Sonnenaufgang aromatische Kraeuter sammelt und sie in Olivenoelflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit Wein gefuellten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und Wunderbuechlein, S. 233. Um seltne Kuechenkraeuter jahrelang frisch und schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd bayz (beize) die kreueter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit genaden auf vns reuedige menschen!
Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer Hoehle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand mit diesen Erdmaennlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch stellte man ihnen jedes Fruehjahr einen Krug Maienthau an einen bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Hoehle trugen. Sie badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und Weisszeug; zum Entgelt dafuer ueberschickten sie den Bauern Honigthau, worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, haengt ihre Hoehle voll milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenaeen badet das Volk die Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes waelzt: se rouler ce jour-la le matin dans la rosee, ou se baigner dans une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanees. De Nore, Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die Saalfeldischen Maedchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl. no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund sein soll, wenn sie sich frueh nacket drein waelzen. Die Medici nennen solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Islaender und Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Englaender setzten eine Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. Tilbur. pg. 2. Der Altbaier waescht sich im Maienthau, dazu sprechend:
Das hilft fuer's Gah, fuer's Blaeh, fuer'n U'flat.
Das Gah ist gaeher Tod und fallendes Uebel; Blaeh die Rinderaufgelaufenheit, Stillfuelli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2, 30. "Morgenthau ist gut fuer abgehauene Fuesse, gut fuer abgehauene Arme, fuer ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, bestreichen den Verstuemmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. "Benetze deine Augenhoehlen mit Morgenthau, der auf den Baumblaettern liegt", sprechen die drei Schwaene zu dem von der Stiefmutter geblendeten Maedchen. Haltrich, Siebenbuerg. Maerch. S. 36. 216. "Heute Nacht faellt ein Thau, sagt die Kraehe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht seine Augen damit, der erhaelt sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107. Dies ist der im boehmischen Maerchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen Geblendeten verkuendete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen Grabe Walburgis ploetzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3, pars 2, pag. 305.
Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den naeher rueckenden Mai zu vertroesten als auf die Zeit ihrer gaenzlichen Herstellung. Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die besonderen Mittel gewaehre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen Halme und Blaetter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzuendung blickt man eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetraenkten Tuechlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsaess. Sundgau, eine halbe Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen Walburgiskapelle ein kraeftiger Wasserquell, Helgenbronn und Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Muetter mit ihren siechen Kindern hieher, um sie zu baden; haeufiger noch geschieht es auch an Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete Haut waescht. A. Stoebers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob (abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die allgemeine Sitte ausfuehrlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die Bresthaften, die ihre Haeuser nicht verlassen koennen, lassen sich im Mai daheim warme Baeder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade abzubilden, oder ein mit froehlichen Leuten unter Trommel- und Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende Gesellen.--Koenig Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im Staedtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Moerder die Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten Tochter, so erzaehlt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:
die Teutschen wurden wohlgemut, sie giengen in der ketzer plut, als wer's ain mayentawe.
Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".
Auch symbolische Maibaeder gab es, sowohl kirchlicher als buergerlicher Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:
Heiliwog, Gottesgob, Glueck ins Hus, Unglueck drus!
Stoeber, Elsaess. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch, nach Panzers BS. 2, 301:
O du guter Walbernthau, Bringe mir, so weit ich schau, In jedem Haelmlein Gras ein Troepflein Schmalz!
Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Maedchen, das sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Baechlein gejagt und da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade darf die Kuebelmarie, "Kuebele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 747. 986. Wer zuerst vom Pfluegen oder Aussaeen heimkehrt, wird in der Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schuessel Wasser begossen. Schoenwerth 1, 400. Zu Wall in Boehmen blaest am 1. Mai der Dorfhirte alle uebrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg, Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewoelbes, durch das die hoelzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten, angezuendetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. Wiedemanns Chronik d. St. Hof.
Diese Zuege fuehren ueber zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury (ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem oeffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh. faellt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmueckung des Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse fuer den Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefuellte Weinflaschen mit der fuenften in der Mitte standen, die den Chorsaengern preisgegeben wurden. Floegel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233. Vielleicht, dass man diesen welschen Moenchsbrauch aus dem altroemischen Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten moechte, wo an den Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die laendlichen Ufer des Tiber zog und hier Laub- und Schilfhuetten errichtete. So manchen Schluck da der Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Roemerthum unberuehrt gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine aehnliche Sitte. Die Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedraengnissen einer langen Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen Landschaften kennen aehnliche Wasser- und Weingelage, die altherkoemmlich auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljaehrlich die Steinauer Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Fruehlingsfeste zogen, so trugen sie eine Menge irdener kleiner Kruege mit, die ihnen als Trinkgefaesse dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte, macht alljaehrlich die Eichstaedter Schuljugend ihren Waldmarsch und geniesst daselbst die fuer dies Jugendfest altgestifteten Ergoetzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu hollaendisch Groeningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstaedt, der ueber eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster, niedergeht, beim Anschwellen im Fruehlinge sein Felsenbette nicht sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in sein Wasser hinab gegossen. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Maedchen die Symbole der kuenftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Saebel gespiesst, und Eier und Butter in Koerbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie beide und die vorhin genannten Maigetraenke zielen, sagen uns einige im Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kaempfen. Dieser Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den Verjuengungstrank. Bei thueringisch Arnstadt liegt der kraeuterreiche Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Hoehe ein Walburgiskloster getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut waechst, denn dahin ist der Geist einer betruegerischen Bierzapferin gebannt. Sie heisst Frau Holle, in altvaeterischer Tracht umgeht sie jene Buche und ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die oel-und aelschenkende Walburg als eine thauspendende Walkuere angedeutet; noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwaehnte, hier abgehaltene Maifest der Arnstaedter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch, Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdruecklich erzaehlt die Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fuerstentoechter an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes Trinkgefaess (hanapp) ploetzlich abhanden und kann weder wieder zum Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden. Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich ueber jenen Verlust besprachen, stand es ploetzlich unversehrt vor ihnen in Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurueckgeschickt und hier als ein neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder Steinthurm hohen Alters bei der unterfraenkischen Stadt Eltmann, er war von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und Walburgisberg sind die volksthuemlichen Namen der Erenbuerg, eines hohen sattelfoermigen Berges beim oberfraenkischen Dorfe Wiesentau; das urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger Koenigshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwaellen abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhuegel, aus denen man antiquarisch beruehmtgewordene kupferne Streitaexte erhoben hat. Hier war das Schloss von drei schoenen Fraeulein, die beim Trocknen die Waesche nur in die Luft warfen, so blieb sie haengen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht ueber die bluethenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen fuer unerschoepfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der duftenden Bratwuerste. So erfuellt sich der alttestamentliche Segensspruch 1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:
Gott geb dir des Himmels Thau Und die Fettigkeit der Au Und die Fuelle der Halmen Und den Most der Palmen.
Die Festbraeuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden Brunnquellen in hellen Haufen hinausrueckte, die darauf gegruendeten oertlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen geschmueckt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung, der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und vervollstaendigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur, sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.