Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 23

Chapter 233,715 wordsPublic domain

Während Walter die Deutung dieser Blumensprache noch überlegte und unschwer zu entziffern wußte, ging in den entferntesten Wegen des Hermsbacher Parkes ein schlankes Mädchen langsam und gedankenvoll an der Seite eines jungen Mannes, der eifrig auf sie einsprach. Er hatte eine rothe Nelke in der Hand, und indem er dieselbe in dem Knopfloch seines Rockes befestigte, sagte er halblaut: »Wenn ich Ihre Zustimmung habe, theure Sophie, so kann Ihr Onkel sie mir nicht entziehen. Sie sind seit Kurzem mündig, wie Sie sagen, also wer kann Ihnen verwehren, selbst Ihre Angelegenheiten zu ordnen?«

»Die Rücksicht auf meine gütigen Verwandten, sonst allerdings nichts,« entgegnete Sophie leise. »Aber ich hoffe ihr Widerstreben zu überwinden, da ich keinen Grund ihrer Abneigung weiß, und im schlimmsten Falle....«

»Im schlimmsten Falle läßt du die Liebe den Sieg davon tragen, nicht wahr, geliebtes, himmlisches Mädchen?« rief Herr von Gablenz, denn er war der junge Mann, mit stürmischer Zärtlichkeit, indem er den Arm um Sophie von Helldorf schlang und die nur leise Widerstrebende an seine Brust drückte.

»Aber heut schweigen Sie noch, ich bitte dringend darum,« sagte Sophie, sich ängstlich aus des jungen Mannes Armen losmachend. »Heut kann ich dem Onkel unmöglich sein Fest mit dieser Nachricht trüben; denn trüben würde ich es dadurch, ich kann mir kein Hehl daraus machen.«

»Heut und so lange du willst, Geliebte!« rief Gablenz, Sophie's Hand küssend. »Diese Hand ist mein, und niemand soll sie mir streitig machen, das gelobe ich. Aber theure Sophie, wenn ich meine Rechte noch nicht in Anspruch nehmen darf, so ist es auch besser, ich bin heut nicht dein Valentin, meine Leidenschaft würde mich verrathen. Nimm deshalb die Nelke zurück, ich werde sie nicht wählen. Aber welches der anderen jungen Mädchen auch meine Valentine sein wird, glaube mir, Geliebte, die Huldigungen alle, die ich derselben spende, sie gelten eigentlich allein dir, der Königin meines Herzens, der Valentine meines ganzen künftigen Lebens.«

Sophie's bleiches Gesicht war von Purpurgluth bedeckt, und das Glück strahlte aus ihren Augen. Aengstlich aber wandte sie jetzt ihre Blicke dem fernen Wohnhause zu und sagte: »Länger darf ich nicht hier bleiben, die Tante wird mich ohnehin schon vermissen. Folgen Sie mir nicht gleich, ich bitte Sie, Alfred.«

»Noch eins, geliebte Sophie,« sagte Gablenz rasch. »Ist es dir recht, wenn ich die kleine Helene zur Valentine wähle? Welche Blume trägt sie heute Nachmittag?«

Sophie erröthete wieder und sagte lebhaft: »Wählen Sie die rothe Rose, es ist Helene's Blume.« Dann eilte sie schnell davon, sehr zufrieden, daß ihr Geliebter nicht Frida zur Valentine wünschte, wie sie geglaubt hatte. Sie wußte nicht warum, aber ihr Herz war voll banger Eifersucht, wenn sie an die schöne Frida dachte. Helene war wohl auch schön; mit ihrem schüchternen, zurückhaltenden Wesen erschien sie ihr jedoch nicht halb so gefährlich, als die weltgewandte, bewunderte Frida.

So kam der Nachmittag heran und mit ihm die Gäste in Menge. Wie verabredet führte Sophie die jungen Mädchen nach einer Weile in ein besonderes Zimmer, und Walter die jungen Männer. Dann öffneten sich die Thüren; aus der einen traten die mit Blumenkränzen geschmückten Jungfrauen, aus der andern die Herren, jeder eine Blume in der Hand, die ihm seine Valentine zuführen sollte. Ein Kichern und Drängen entstand jetzt unter der Mädchenwelt, denn jede scheute sich, von ihrem Valentin begrüßt zu werden. Aber sicher schritt Herr von Gablenz, eine rothe Rose in der Hand, auf den Kreis zu und zwar Frida entgegen. Erst als er dicht vor ihr stand schrak er zusammen und flüsterte hastig: »O Gott, welch ein Irrthum Sie haben nicht die =rothe= Rose, die Blume seliger Stunden?«

Frida war schon beim Eintritt der Herren blaß geworden; denn sie hatte augenblicklich gesehen, daß Gablenz nicht ihre Blume, die weiße Rose, erwählt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie aber, als er nichts desto weniger doch auf sie zuschritt; also hatte er sie doch zur Valentine wählen wollen. Jetzt war sie nur froh, daß auch Sophie es nicht wurde; denn neue Gerüchte hatten ihr Ohr in den letzten Tagen erreicht und sie auf's Neue bang und mißtrauisch gemacht.

Unter allgemeiner Heiterkeit begrüßten nun die jungen Herren mit einem Handkuß ihre Valentinen, in ihr Recht eintretend, welches sie als getreue Ritter für den ganzen Tag an der Seite ihrer Erwählten festhielt. Jeder Dienst lag ihnen ob, und für alles, was ihre Valentine bedurfte, hatten sie zu sorgen, beim Tanz aber konnte ohne ihre Einwilligung kein Anderer ihre Stelle ausfüllen. Nur der Geburtstäger machte hiervon eine Ausnahme, und der fröhliche, alte Herr von Helldorf benutzte dieselbe mit Freuden und schwenkte sich in seiner steifen, altmodischen Weise mit so vielen der hübschen Valentinen unter den Linden am Hause, als zähle er nur die Hälfte der Jahre, die sein kahler Schädel schon gesehen hatte.

Auch der gemüthliche, alte Pastor Werner mischte sich häufig unter die muntere Jugend und brachte mit seinen harmlosen Neckereien manches Lächeln und manches tiefere Roth auf die frischen Mädchengesichter. Jetzt kam er auf seinen Liebling, das blonde Hannchen zu, welche mit ihrem blauen Kornblumenkranze ganz allerliebst aussah.

»Das nenn' ich aber einen Treffer, mein Söhnchen!« sagte er schelmisch zu Justus, der an Hannchens Seite saß. »So eine Valentine hätte ich mir auch wählen mögen, du Glückspilz. Nutz die Stunden eh' sie fliehn, morgen ist nicht heut! So gut wird dir's vielleicht so bald nicht wieder.«

Und Hannchen mit einem frohen Lächeln die frischen Backen streichelnd ging er im Kreise weiter. Als er zu Lottchen kam, mit der Walter Helldorf soeben ein merkwürdig lebhaftes Gespräch führte, sagte er schmunzelnd: »Sieh da, hm, hm, wie der Zufall spielt! 's ist doch ein hübsches Ding um so einen Valentin. Das löst die Zunge und macht Courage, nicht wahr, Lottchen? Nun nun, ich will nicht stören, Glück zu, ihr Leutchen!« Dann aber kam er an seinem schönen Töchterchen vorüber, welches soeben mit ihrem Valentin getanzt hatte und nun mit glühenden Wangen an dessen Arme hing, in Folge des Tanzes oder der leisen Worte, die Gablenz ihr soeben gesagt hatte, rascher athmend und aufgeregt ihrem Sitze zuschreitend.

»Lenchen, tanz nicht so viel und so rasch!« sagte der Vater mit einem unwilligen Seitenblicke auf ihren Tänzer; dann strich er seinem Kinde ernst über das schöne, dunkle Haar und schien noch etwas sagen zu wollen, schwieg aber doch und ging weiter, seine Heiterkeit jedoch war für eine Weile verschwunden. »Sieh, daß du den frechen Patron, den Junker Gablenz bald wieder los wirst, Helldorf,« sagte er verdrießlich zu dem Geburtstäger. »Der Mensch gehört nicht unter uns schlichte Leute, und den Mädels verdreht er mit seinen glatten Reden die Köpfe.«

»Hast recht, Bruder, 's ist mir lang schon nicht lieb, daß er da ist,« entgegnete Herr von Helldorf beistimmend, »aber ihn hinausjagen ohne Grund, das kann ich doch nicht, obwohl der windige Monsieur in der Wirthschaft gar nicht zu brauchen ist; Walter muß immer hinter ihm drein sein. Bei mir säet er ganz sicher Drachenzähne, ich möchte darauf wetten.«

In derselben Zeit gingen Frida und Sophie eine Weile Arm in Arm durch die Gänge des Gartens.

»Das ist mir prächtig geglückt!« rief Frida lachend, »und ich danke dir und Helene für euren treuen Beistand. Wie erstaunt Hannchen und Charlotte aus ihren guten, blauen Augen blickten, als sie ihre Blumen in der Hand ihrer still Geliebten sahen, es war köstlich!«

»Aber ahnen dürfen sie nicht, daß wir Justus und Walter verrathen haben, welche Blume sie trügen; das würden sie uns nicht verzeihen,« entgegnete Sophie.

»O =wir= thaten es ja gar nicht, die Blumen sprachen ja selbst!« lachte Frida.

»Du bist eine kleine Sophistin,« sagte Sophie. Dann seufzte sie leise und pflückte im Vorbeigehen eine rothe Rose vom Strauch.

»Was hast du, Sophie?« fragte Frida.

»O nichts weiter, es fiel mir nur eben ein, daß die Blumen gar oft als Dolmetscher dienen,« entgegnete Sophie.

Frida dachte an ihr Gedicht von der Rose und sagte lächelnd: »Besonders die Rosen. Ich glaube, so lange es Rosen gegeben, so lange haben sie auch der Liebe als Dolmetscher gedient und Stoff zu Liebesliedern gegeben. Keine Blume ist wohl je so viel besungen worden, als die Rose.«

Sophie wurde dunkelroth und vergrub ihr Gesicht in der Blume, die sie in der Hand trug. »Ich kenne ein Gedicht an eine Rose,« sagte sie zögernd, »das gehört zu den schönsten, die ich je gelesen. Freilich kommt wohl auch dazu, daß der Dichter mir bekannt und lieb ist.«

»Und wie lautet es?« entgegnete Frida ziemlich gleichgültig; denn ihre Gedanken waren weit fort von hier. Da aber schlugen Worte an ihr Ohr, welche das Blut zu ihrem Herzen trieben.

Sophie sagte mit etwas bebender Stimme:

»In einem stillen Thale »Blüht eine Rose hold, »Die Blätter glühn und glänzen »Wie süßer Minne Sold.«

»Um Gottes Willen, Sophie, woher kennst du diese Verse?« rief jetzt Frida und legte zitternd die Hand auf der Freundin Arm.

»Woher?« sagte Sophie sich abwendend und zögerte mit der Antwort. »Nun, daß ich es dir nur gestehe,« fuhr sie dann verlegen lächelnd fort, »Herr von Gablenz hat sie gedichtet und mir gegeben.«

»Er hat sie =dir= gegeben, Sophie?« rief Frida heftig und blickte verstört in Sophies Gesicht. »Dir? Und wann?«

»O schon bald nach seiner Herkunft,« sagte diese lächelnd. »Aber warum bist du denn so bleich und sonderbar, Frida? Mein Gott, was fehlt dir? Bist du unwohl?«

»Nein, nein,« stotterte Frida. »Ich.... ich. O Sophie, sage mir, ich flehe dich an, sollten diese Verse mehr für dich sein, als eben nur ein schönes Gedicht?«

Sophie erschrak über den Ausdruck von Angst und Spannung, den Frida's Züge trugen. »Wenn es nun so wäre, und die Verschen mir mehr aussprechen sollten, warum frägst du mich danach, Frida?« sagte sie beklommen.

»O weil er kurz zuvor mit demselben Gedicht =mir= seine Liebe gestanden hat!« rief Frida fassungslos und barg das Gesicht in beiden Händen.

»Dir, Frida? Gott im Himmel, so sind wir Beide betrogen!« sagte Sophie tonlos. »Gestern hat er sich mit mir verlobt.«

Mit einem Aufschrei sank Frida auf eine Bank nieder, und lange saßen die beiden unglücklichen, jungen Mädchen still und sprachlos neben einander. Jede rang nach Fassung. Frida weinte krampfhaft in ihr Tuch, das in ihrer Hand zitterte; denn ihr armes, junges Herz war wie vernichtet von dem Schlage, der sie getroffen. Eine ganze Welt von Glück und Hoffnungen war für sie in einem einzigen Augenblicke zusammengestürzt, und das Bitterste, was ein Herz erfahren kann, war über sie gekommen: getäuschtes Vertrauen, verrathene Liebe. -- Sophie war viel ruhiger und gefaßter, als ihre viel jüngere und viel leidenschaftlichere Freundin. Bleich und wie gelähmt saß sie da und blickte düster zu Boden.

»Hat dich Gablenz noch während dieser letzten Zeit in dem Glauben erhalten, daß er dich liebe?« sagte sie endlich matt.

»O heut noch, heut noch!« schluchzte Frida. »Er schien außer sich zu sein, als ich nicht seine Valentine wurde. Er hatte eine rothe Rose in der Hand und erschrak, als er meine weiße sah.«

»O dieser Komödiant!« rief Sophie emporspringend. »Ich selbst habe ihm gesagt, rothe Rosen trage Helene, die er zur Valentine wählen wollte. So hat er dreifaches Spiel getrieben und umstrickt auch die arme Helene. O mein Gott, mein Gott, und ich habe der Stimme meiner Vernunft nicht hören wollen, die mich immer wieder vor ihm warnte, habe mir wirklich eingebildet, er könne mich häßliches, unscheinbares Mädchen lieben! Wie bitter bin ich für meine Eitelkeit und Thorheit bestraft worden. O Frida, wie entsetzlich ist's doch, ein reiches Mädchen zu sein!«

»Du meinst wirklich, daß er dich deshalb heirathen wollte, weil du reich bist?« rief Frida empört.

»Nur deshalb, ich sehe es nur zu deutlich!« entgegnete Sophie spöttisch lachend. »O daß ich dem Onkel nicht glaubte! Aber ihm will ich die Sache jetzt anvertrauen; er soll uns von dieser Natter befreien, die sich bei uns eingeschlichen, ich mag ihn nicht wiedersehen.«

»O um alles in der Welt, auch ich nicht!« schluchzte Frida in neue Thränen ausbrechend. Dann warf sie ein Blättchen Papier, das sie wie ein Heiligthum still in einem goldenen Medaillon am Herzen getragen, voll Ingrimm zu Boden, und mit dem Fuße darauf tretend sagte sie heftig: »Fort mit dir, du Zeuge meiner Thorheit und Leichtgläubigkeit. O könnte ich mich selbst zur Strafe auch so mit Füßen treten!«

Sophie aber bückte sich und nahm das Papier auf; es war Gablenz Rosengedicht. »Laß es mir, Frida,« sagte sie bitter, »es soll uns rächen.«

Jetzt hörte man Stimmen in der Nähe; es waren die der jungen Männer, welche kamen, ihre Valentinen zu suchen.

»Ich kann nicht, ich bin krank!« rief Frida zitternd und klammerte sich an Sophie fest.

»Sei ruhig und laß mich nur machen,« entgegnete Sophie, welche seit der traurigen Entdeckung etwas so Energisches, Entschlossenes in ihrem Wesen hatte, daß die arme; schwache Frida, die wie zerschmettert war von Jammer und Weh, sich unwillkürlich von ihr leiten ließ.

»Verzeihen Sie, meine Herren,« sagte Sophie, den jungen Leuten entgegengehend, »Fräulein Frida war so unwohl, daß wir die Stille aufsuchten, und jetzt sogar auf mein Zimmer gehen müssen; Sie entschuldigen uns wohl freundlichst noch für eine Stunde.«

Mit lebhaftem Bedauern zogen sich die Herren zurück, die jungen Mädchen aber eilten durch eine Seitenthür in das Haus auf Sophie's Zimmer; denn Frida bedurfte in der That der Ruhe und Einsamkeit. Sophie selbst hatte noch keine Thräne vergossen; Scham und Empörung waren so heftig in ihr, daß sie den Schmerz übertäubten, und in dieser Stimmung eilte sie zu ihrem Onkel.

»Hm, hm, das ist ja eine saubere Geschichte!« sagte der alte Herr nachdenklich, als Sophie ihre Mittheilung beendet hatte. »Laß mich nur machen, mein Kindchen! Hat er Komödie gespielt, laß sehn, ob wir es nicht noch besser können.«

»Was willst du thun, lieber Onkel?« rief Sophie ängstlich.

»Nichts weiter, als dir ganz die Augen öffnen. Sorge dich nur nicht und laß mich machen!« entgegnete der Alte, sich vergnügt die Hände reibend. »=Den= Junker wollen wir heut los werden; eine bessere Geburtstagsbescheerung konntest du mir nicht machen, mein Töchterchen. Da, stell dich dort in das tiefe Fenster, da hörst du die ganze Geschichte mit an, ohne gesehen zu werden.«

Kaum hatte Sophie sich zurückgezogen, als Herr von Gablenz in seiner sorglosen, eleganten Manier in das Zimmer trat.

»Sie wünschen mich zu sprechen, Herr von Helldorf?« sagte er, sich leicht verbeugend.

»Allerdings, mein lieber Herr,« entgegnete dieser leutselig. »Meine Nichte sagte mir soeben, daß sie sich mit Ihnen verlobt habe, und da wollte ich doch der Erste sein, der Ihnen Glück dazu wünscht.«

Gablenz war sehr roth geworden und verbeugte sich tief, um seine Ueberraschung zu verbergen. Aber ehe er noch ein Wort des Dankes hervorbringen konnte, fuhr der alte Herr freundlich fort: »Es freut mich das für Sophie um so mehr, als ich dadurch über ihre unsichre Zukunft beruhigt bin; denn bei so wenig Vermögen ist die Lage einer Waise oft trübe genug.«

Gablenz fuhr bei diesen Worten leicht auf und umfaßte krampfhaft die Lehne des Stuhles, an dem er stand.

»Ich glaubte,« sagte er halblaut, »die Verhältnisse Ihrer Fräulein Nichte seien bessere.«

»Ja, so denken die Leute,« entgegnete der alte Herr, eine Prise nehmend. »Aber das ist ein Irrthum. Wer meine Nichte heirathet, muß sich schon mit ihren andern guten Eigenschaften begnügen. Aber ich denke ja, das versteht sich von selbst bei einer rechten Neigung. Also, mein lieber Herr, Sophie hat Ihnen gestern schon das Jawort gegeben, wenn ich nicht irre, nicht wahr?«

»O so bestimmt doch noch nicht, mein verehrter Herr von Helldorf,« sagte Gablenz, der jetzt wieder seine sichre Haltung gewonnen hatte. »Sie wissen ja, wie das bei jungen Leuten so geht! Man läßt sich im Augenblick oft wohl hinreißen und ein Wort entschlüpfen, das der Moment geboren; aber zu einer ernsteren oder gar bindenden Entscheidung ist es bis jetzt noch nicht gekommen. Auch würde ich einen solchen Schritt jetzt kaum wagen dürfen, so sehr mich Ihr Vertrauen ehrt, theurer Herr von Helldorf. Meine Lage ist durchaus im Augenblick derart, daß ich an keine ernstere Verbindung denken kann. Auch fürchte ich sehr, Fräulein Sophie nicht länger meine Verehrung darbringen zu können, da ich leider genöthigt bin, morgen schon Ihr werthes Haus zu verlassen, wie ein Brief mir heut die Nachricht bringt. Ich bin....«

»Halt, ich kann das nicht länger ertragen!« rief jetzt Sophie rasch, welche bleich und bebend aus der Fensternische hervortrat. »Wozu die Komödie, Onkel? Es ist unwürdig und ganz überflüssig. Herr von Gablenz,« wandte sie sich stolz an den jungen Mann, der wie vom Blitz getroffen vor ihr stand, »nicht Sie, sondern =ich= löse hiermit ein Verhältniß auf, das Sie die Dreistigkeit haben, als nicht bestehend anzusehen. Mein Vermögen habe ich =nicht= verloren, wie mein Onkel sagte, indessen....«

»Aber theure Sophie, höre mich doch erst!« rief Gablenz schnell, der wieder Leben erhielt, sowie Sophie die letzten Worte ausgesprochen hatte. »Ich meinte ja nur....«

»Was Sie meinen und denken, habe ich leider schon zu lange mit angehört!« rief Sophie sich hochaufrichtend. »Sie würden vielleicht besser thun, heut schon Hermsbach zu verlassen, es möchten sonst noch mehr peinliche Augenblicke für Sie eintreten.«

»Und bitte, nehmen Sie doch gefälligst diese Verschen auch wieder mit, die sich im Duplikat vorgefunden haben!« sagte Herr von Helldorf schmunzelnd, indem er Gablenz die beiden verhängnißvollen Gedichte überreichte. »Ich würde Ihnen rathen,« fügte er, abermals eine Prise nehmend, hinzu, »das Dingelchen gleich lithographiren zu lassen, da vertheilt es sich noch schneller an leichtgläubige Schönen. Und damit guten Tag, mein lieber Herr! Ihre plötzliche Abreise wird Sie wohl verhindern, sich bei der Gesellschaft zu verabschieden, ich übernehme das von Herzen gern. Empfehl' mich, empfehl' mich, glückliche Reise!«

Mit diesen Worten schloß er die Thür hinter dem bestürzten jungen Mann, dessen Dreistigkeit und Sicherheit während der letzten Augenblicke in der That völlig Schiffbruch gelitten hatten, und der nichts Eiligeres zu thun wußte, als sich schnell aus dem Staube zu machen. Bald hörte man einen Wagen zum Hofthore hinausfahren, der den lockern Patron davonführte. Sophie aber war jetzt von Schmerz und Aufregung überwältigt und lag weinend im Arme ihres braven Onkels, der ihr bald lachend, bald tröstend die Backen streichelte.

»Wein' doch nicht, mein herziges Kindchen!« sagte er schmeichelnd, »der schuftige Patron ist ja gar nicht werth, daß so liebe Guckaugen darum roth werden. Danke Gott, daß wir ihn los sind, ehe er noch mehr Unheil stiftete.«

Und dasselbe sagte Sophie, welche endlich wieder ihre Fassung erlangte, zu der trostlosen Frida, die ganz außer sich gerieth, als sie das weitere Benehmen dessen erfuhr, der ihr so unsäglich theuer gewesen war. Sie konnte sich nicht entschließen, wieder in der Gesellschaft zu erscheinen, und so dauerte es nicht lange, da kam Hannchen zu ihr, welche von ihrem Unwohlsein gehört hatte.

Frida sank ihr schluchzend in die Arme. »O Hannchen, Hannchen!« rief sie trostlos, »warum habe ich deine Warnungen verachtet und die meines Vaters; nun bin ich grausam dafür bestraft worden!« --

Wir verlassen jetzt unsere Frida für eine Weile und übergeben sie noch für einige Wochen der treuen Liebe und Sorge ihrer Cousinen und Tante, welche in ihrer liebevollen und zartfühlenden Weise es vortrefflich verstanden, das tief gekränkte junge Herz wieder mit Welt und Menschen zu versöhnen. Dann aber folgen wir ihr wieder nach dem Vaterhause, in welches sie nach langer Abwesenheit endlich zurückkehrte. Wir finden sie an der Seite Gertruds, mit der sie soeben ein langes, ernstes Gespräch gehabt hat, das sich noch immer auf Frida's lieblichem Gesicht wiederspiegelt. Das junge Mädchen blickt unendlich viel ernster und sinniger aus ihren schönen Augen, seit wir sie an jenem verhängnißvollen Tage in Hermsbach verließen, und ein ruhigeres, gehaltneres Wesen spricht aus ihrer ganzen Haltung. Das eitle, thörichte Kind, das der Vater einst seiner Schwägerin vertrauensvoll übergab, es ist seitdem zur verständigen Jungfrau herangereift, und auch ihr Aeußeres trägt den Stempel dieser Sinnesänderung.

Statt in der so äußerst eleganten Kleidung und übertriebenen Haartracht, in der wir sie zuerst kennen lernten, finden wir sie jetzt zwar zierlich und gut, aber doch höchst einfach gekleidet, und ihr reiches, blondes Haar in der Art um ihren Kopf geschlungen, wie Hannchen es an jenem ersten Morgen in Dahme geordnet hatte. Jetzt blickte sie auf, und plötzlich Gertruds Hand an ihre Lippen ziehend, sagte sie leise: »O Mama, nun aber ist alles, alles gut, und ich will ein neues Leben beginnen. Es war eine harte Schule, durch welche Gott mich zur Einsicht geführt; aber ich danke ihm jetzt dafür. Diese entsetzliche Täuschung hat mich viel älter und ernster, aber auch viel besser gemacht. Ich wollte meine eignen Wege gehen in diesen wie in allen andren Dingen, und widerstrebte sowohl meines Vaters Wünschen, als auch deiner liebevollen Führung, und daraus konnte nichts Gutes für mich erwachsen. Verzeih mir und habe Geduld, jetzt soll alles anders werden.«

Gertrud zog ihre Tochter liebevoll an sich und sprach gute Worte zu ihr voll Sanftmuth und Anerkennung. Da trat der Diener in das Zimmer mit einem Briefchen an Frida. Das junge Mädchen öffnete es, und ein Zug des Mißvergnügens flog über ihr Gesicht.

»Es ist eine Einladung von Franziska,« sagte sie mit einem leisen Seufzer.

»Willst du nicht zusagen, liebe Frida?« fragte Gertrud.

»Nein, Mama, ich möchte es nicht,« entgegnete Frida ernst.

»Es ist aber schon das zweite Mal, daß du es ihr abschlägst,« sagte Gertrud. »Sie wird es dir gewiß übel nehmen.«

»Mag sie doch, ich werde ihr einige Zeilen schreiben,« rief Frida rasch entschlossen und stand vom Stuhle auf. »Warum soll ich ein Verhältniß aufrecht erhalten, das mir in so hohem Grade unerträglich wird. Franziska hat es fast als eine Beleidigung ihrer Familie angesehen, daß Gablenz in dieser Weise aus Hermsbach entlassen wurde, da er selbst es ihnen als seinen freien Entschluß darzustellen wußte. Sie hat in dieser unglücklichen Geschichte, welche hauptsächlich durch ihr Zuthun so weit gedeihen konnte, jetzt nur spitze Reden für mich, die ich nicht länger ertragen will, und seit ich nicht mehr so viel Sinn wie einst für ihre Eitelkeiten und Thorheiten zeige, muß ich nichts als Spöttereien mit anhören über ländliche Einfalt und Tugend. Das kann und mag ich nicht länger, Mama, darum will ich ihr lieber klar und ehrlich gestehen, daß unsre Wege verschieden sind. Ueber lang oder kurz käme es doch zu einem Bruche, und ich begreife jetzt blos nicht, wie es zwischen uns überhaupt jemals zu solcher Freundschaft kommen konnte.«

Während Frida dies Briefchen schrieb, trat ihr Vater in's Zimmer.

»Hier, mein Töchterchen,« sagte er heiter, Frida ein Blatt Papier reichend, »da kommt Tante Marie's vorläufige Einladung zur Hochzeit. Hannchen schreibt dir wohl selbst das Nähere, sieh einmal nach.«

Mit leuchtenden Augen öffnete Frida das Briefchen.