Drei Erzählungen für junge Mädchen
Part 22
»Hannchen liebt den Justus?« rief Frida voller Entzücken. »O das ist ja köstlich, das muß ein Paar werden! Hannchen mit ihrem frommen, blonden Gesichtchen giebt eine wundervolle Pastorsfrau ab. Hat Justus denn eine Ahnung davon, und glaubst du, daß er sie auch liebt?«
»Das ist's ja eben, was mich quält!« sagte Charlotte niedergeschlagen »Früher, ehe -- nun daß ich es dir ehrlich sage, Cousinchen, ehe =du= kamst, zeichnete Justus unser Hannchen ganz entschieden aus. Das sahen auch seine Eltern, die es sehr wünschen; denn Hannchen ist ihr Liebling. Aber jetzt ist er so anders geworden. Jetzt gilt seine ganze Aufmerksamkeit dir, und das ist ja so natürlich, Hannchen verschwindet ja neben dir vollständig, wie wir alle. Da du nun so sehr freundlich gegen Justus bist und ihn so sehr auszeichnest, so -- -- --«
»Ja ja, so dachtet ihr, ich wollte ihn deshalb gleich heirathen!« rief Frida lachend. »O ihr guten, lieben Kinder! Wenn ich alle die heirathen wollte, die mir den Hof machen, dann hätte ich eine schöne Auswahl. Courmachen und Heirathen sind zwei himmelweit verschiedene Dinge, Liebchen!«
Charlotte war sehr ernst geworden. »Frida,« sagte sie, »weißt du, es ist vielleicht sehr altmodisch und ländlich von mir; aber mir scheint, man müßte nur demjenigen so freundlich entgegen kommen, als du es mit Justus gethan, den man wirklich lieb hat, sonst thut man ein Unrecht. Wenn Justus nun deine Liebenswürdigkeit anders auslegt und sich einbildet, du magst ihn leiden? Er würde dir dann vielleicht einen argen Vorwurf daraus machen, sobald er erführe, er habe sich geirrt.«
»Aber Lottchen, bin ich denn gegen Justus wirklich freundlicher, als gegen alle andern jungen Leute?« sagte Frida kopfschüttelnd.
»Ich weiß es nicht, Cousinchen,« entgegnete Charlotte plötzlich sehr roth werdend. »Aber es muß wohl so sein, sonst könnte Hannchen sich nicht so sehr grämen. Aber freilich, du bist so ganz anders erzogen, als wir. Bei dir ist alles Grazie und Anmuth; wir sind wahre Perückenstöcke neben dir, da mag solche Liebenswürdigkeit wohl anders beurtheilt werden. Niemand von uns hätte den Muth und die Gewandtheit, so unbefangen über alles zu scherzen, als du es thust, und so ungerührt sich die süßesten Schmeicheleien sagen zu lassen.«
Frida erröthete. »Gestehe es nur, Lottchen,« sagte sie schelmisch, »eigentlich findet ihr alle zusammen, daß ich eine ausgemachte, eitle Coquette bin, nicht wahr?«
»O nein, nein, Frida, um alles in der Welt, denke das nicht!« rief Lottchen eifrig.
»Nun, wenn auch nicht ganz so schlimm, so doch ein Bischen, nicht wahr, Schatz?« sagte Frida, Charlotten umschlingend und ihr herzlich in die Augen schauend.
»Nun ein Wenig zurückhaltender könntest du allerdings wohl sein, Frida, das ist richtig,« entgegnete Charlotte ehrlich. »Aber sei nicht böse drum. Ich las kürzlich ein Verschen in den Gedichten von Friedrich Rückert, die du mir geborgt hast; das fällt mir jetzt manchmal ein, wenn ich dich so sicher und selbstbewußt unter den jungen Leuten sehe.«
»Und wie ist dieser Vers, meine kleine Lotte?« fragte ihre Cousine lächelnd.
»Er heißt, aber sei nicht böse:
Schön bist du, Das weißt du Nur leider zu sehr; O wüßtest du's minder, So wär'st du es mehr.«
»Du ganz abscheuliches Mädchen!« lachte Frida tief erröthend, »du sagst mir da bittere Süßigkeiten. Aber ich danke dir dafür, ich werde daran denken. Bis jetzt hat mir kein Mensch gesagt, daß ich anders sein sollte; es ist aber möglich, du hast nicht unrecht.«
»Und du bist mir wirklich nicht böse, Frida?« sagte Charlotte flehend, ihre Cousine schüttelte aber halb lächelnd, halb ernsthaft den Kopf und küßte die hübsche Tadlerin herzlich. Dann versprach sie ihr, besonders gegen Justus zurückhaltender zu sein, damit er sähe, sie denke nicht daran, ihn für sich zu gewinnen.
Charlotte schien zwar noch etwas sagen zu wollen, schloß aber die schon geöffneten Lippen wieder mit einem kleinen Seufzer und folgte Frida, welche sie fröhlich plaudernd den Baumgang hinabführte.
Aber kaum waren die beiden Cousinen wieder in das Haus zurückgekehrt, so merkte Frida, daß Hannchen auch gern etwas mit ihr sprechen wollte, die Gelegenheit dazu sich aber immer nicht fand.
»Hannchen,« sagte Frida endlich unbefangen, »du hast gewiß wieder einmal deine bösen Kopfweh; komm ein Bischen mit mir in den Garten, mir ist heut auch gar nicht recht wohl.«
Hannchen war schnell bereit dazu, und bald umschattete jene ferne Laube, welche kurz zuvor Lottchens Geständnisse aufgenommen hatte, nun auch Hannchens Wangen, welche sich plötzlich sehr dunkel färbten.
»Weißt du, liebe Frida,« sagte sie plötzlich mit ihrer weichen, lieblichen Stimme und preßte die Hände fest in einander. »Es ist mir so lieb, daß ich einmal allein mit dir sprechen kann.«
Frida konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; denn sie ahnte, von wem ihr sanftes Hannchen mit ihr sprechen wollte. Sie versuchte ihrer Cousine auf halbem Wege entgegen zu kommen und sagte vertraulich:
»Du hast etwas auf deinem Herzen, Hannchen, ich habe es wohl gemerkt, was ist's? Welcher Bösewicht hat es gewagt, den Frieden deines sanften Gemüthes zu stören, mein schüchterner, kleiner Vogel?«
»Nicht doch, Frida, sag' doch so etwas nicht,« entgegnete Hannchen und schlug bang die Augen nieder, damit ihr Blick nicht die Worte strafen möchte. »Ich wollte dich gern etwas fragen, einen unsrer Nachbarn betreffend.«
»Sagt' ich's nicht?« rief Frida schelmisch, »ein Nachbar macht deinem sanften Herzchen zu schaffen! Heißt er mit dem ersten Anfangsbuchstaben etwa Justus Werder?«
Hannchen schrak leicht zusammen und blickte Frida scheu an.
»Wie kommst du darauf, von =ihm= so zu sprechen?« sagte sie herber, als sonst ihre Art war. Dann aber strich sie leicht mit der Hand über ihre Augen, und als bereue sie ihre Unfreundlichkeit fuhr sie in sanftem Tone fort: »Nicht von mir ist die Rede, liebe Cousine, sondern von jemand ganz andrem. Sage mir, Frida, meinst du nicht auch, daß jemand dich sehr, sehr gern zu haben scheint?«
»Mich? Von mir sprichst du, Hannchen?« rief Frida lachend. »Nun ich hoffe, ihr alle habt mich sehr, sehr gern.«
»Ach so meine ich es ja nicht, das versteht sich ja von selbst,« sagte Hannchen ausweichend. »Wie soll ich mich nur deutlich machen, ich bin so ungeschickt! Ich meine, hast du nicht gemerkt, daß jemand in Hermsbach dich sehr, sehr gern hat?«
Jetzt war es an Frida, zusammenzuschrecken und erröthend die Augen niederzuschlagen. Rasch aber faßte sie sich und sagte: »Ach die Galanterien der jungen Leute sind nicht so ernsthaft zu nehmen, liebes Hannchen. Herr von Gablenz hat ja für uns alle stets etwas Angenehmes auf den Lippen; mich zeichnet er wirklich nicht mehr aus, als jede von euch.«
»Ich meine auch gar nicht den Herrn von Gablenz,« fuhr Hannchen zögernd fort, »ich meine einen Anderen, der dich so auszeichnet, wie sonst niemanden. Erräthst du ihn nicht?«
Frida athmete froh auf und rief lachend: »Ich glaube gar, du sprichst von Walter Helldorf! Hab' ich's errathen, Cousinchen?«
Hannchen nickte ernst und sah vor sich nieder.
»Nun? Und warum beunruhigt es dich, daß ich den armen, blöden Jungen ein Bischen munter gemacht und ihm die Zunge gelöst habe? Ich denke, für deine Augen giebt es doch einen anderen Magnet, als Walters ehrliches Gesicht, oder ich müßte auf ganz falschem Wege sein.«
»Ach bitte, laß =mich= doch nur aus dem Spiele,« sagte jetzt Hannchen fast weinend. »Ich hätte dies Gespräch ja gar nicht begonnen, wenn nicht..... Ach siehst du, Frida, sage doch ehrlich, liebst du Walter Helldorf?«
Frida lachte hell auf. »Ihr seid ein paar wundervolle Kinder, du und Lottchen um die Wette. Die Eine denkt, ich..... Doch halt, das wollte ich nicht sagen. Nun Hannchen, und =wenn= ich ihn nun gern hätte, den guten, ehrlichen Jungen, was dann? =Dir= käme ich ja doch nicht in's Gehege damit, Kleine?«
Hannchen brach plötzlich in Thränen aus. »O Frida, ist es wahr, liebst du ihn wirklich?« rief sie angstvoll. »O bitte, bitte, sage die Wahrheit!«
Frida wurde jetzt ganz ernst und sagte weich: »Nein, nein, Hannchen, beunruhige dich nicht; Walter paßte so wenig zu mir, als etwa Justus Werder. Die brauchen alle Beide ganz andere Frauen, als ich eine abgäbe. Aber nun sage mir auch, was deine Frage zu bedeuten hat; denn ehrlich gestanden, ich werde nicht klug aus dir. Ist dir wirklich so viel an Walter gelegen, daß dich der Gedanke so unruhig macht, ich könnte ihn gern haben?«
»O nein, nicht meinetwegen ist's, Frida!« rief Hannchen jetzt durch ihre Thränen lächelnd. »Wäre dies der Fall, dann hätte ich nie den Muth gehabt, dich danach zu fragen. Nein, es ist wegen Lottchen. Ich weiß, sie hängt mit inniger Liebe an Walter, und ich glaube, er hatte sie wohl auch recht gern, ehe....«
»Aha, ich merke schon,« rief Frida rasch, »ehe die abscheuliche Frida zu euch kam, und mit ihrer unerträglichen Coquetterie sein armes, braves Herz umgarnte, ist's nicht so, Cousinchen? O gestehe es nur, so ist's! Seine blauen, ehrlichen Augen sind seitdem etwas aus ihrem Cours gewichen und meiner Spur gefolgt, statt daß sie den beiden Kornblumenäuglein nachschauen, die bis dahin ihr Ziel bildeten. Nicht wahr, mein armes Hannchen, das war's, was dich gekränkt hat?«
Hannchen blickte mit sanftem Flehen auf und wußte nichts zu erwiedern, Frida aber fuhr mit ironischem Lachen fort: »Jetzt fehlt nur noch, daß Helene und Sophie kommen und mich anklagen, ich bestricke den jungen Doktor und Herrn von Gablenz, die sie für sich bestimmt haben. O!« rief sie heftig und sprang vom Sitze auf, »warum jagt ihr die abscheuliche Coquette denn nicht zum Hause hinaus? Besseres verdient sie ja nicht für ihr schamloses Betragen.«
Hannchen umschlang das leidenschaftliche Mädchen weinend mit ihren Armen, denn sie verstand nicht recht, was Frida so heftig erregt hatte.
»O verzeih mir, Cousinchen, verzeih mir,« bat sie schluchzend, »es war unrecht von mir, dich durch meine Fragen so zu kränken, ich sehe es jetzt erst ein. Nur meine Sorge und Liebe für Lottchen ließen mich alle Rücksicht vergessen, sonst hätte ich nie den Muth gehabt, so etwas zu sagen. O nun bist du mir so böse, und wahrlich, ich habe es nicht anders verdient!«
Und bitterlich weinend sank sie wieder auf die Bank, das Gesicht mit den Händen bedeckend.
Frida, deren Heftigkeit so plötzlich hervorgebrochen war, nachdem sie eben noch über Hannchens Idee gescherzt, schämte sich ihrer Leidenschaft und setzte sich still neben Hannchen, ihr die Hände streichelnd und bemüht, sie zu beruhigen. Als ihr dies endlich gelungen, sagte sie, mit Gewalt ihre Aufregung bei der Frage niederkämpfend: »Nun sollst du mir zur Sühne aber noch etwas gestehen, liebes Hannchen. Was ich vorhin mit bitterem Hohn sagte, will ich jetzt noch einmal ruhig und gleichmüthig fragen, damit ich weiß, daß ich weiter niemanden unter euch mit meinem Betragen kränke. Glaubst du, daß auch Helene oder Sophie oder sonst jemand der Freunde Grund hat, mein Benehmen in ähnlicher Weise zu tadeln? Bitte, sage es mir ehrlich; ich will nicht wieder heftig werden, ich verspreche es dir!«
»Nein, das glaube ich kaum,« entgegnete Hannchen nachdenkend. »Helene und Sophie sind sich gegenseitig wohl mehr im Wege, als du es ihnen bist, das fürchte ich seit einiger Zeit.«
»Sich gegenseitig?« fragte Frida aufhorchend. »Wobei denn?«
»O sie sind Beide thöricht!« rief Hannchen ungewöhnlich streng, »mir scheint -- aber nein, ich will lieber nicht davon sprechen. Sie werden selbst bald genug sehen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, und daß so ein glatter Herr nicht gemacht ist für uns simple Dorfmädchen.«
»Sprichst du von Herr von Gablenz, Hannchen?« stammelte Frida leise.
»Freilich spreche ich von ihm,« sagte Hannchen achselzuckend. »Es verdrießt mich, daß ihr alle den eitlen Mann so vergöttert und ihn dadurch nur noch mehr verderbt, als er so schon ist.«
»Verdorben nennst du ihn?« rief Frida empört. »Was berechtigt dich sanftes Wesen denn zu einem so ungerechten und harten Urtheil über diesen so ungewöhnlich liebenswürdigen, jungen Mann?«
»Eben seine ungewöhnliche Liebenswürdigkeit,« entgegnete Hannchen ernst. »Ich bin einmal ein sehr ruhiges und nüchternes Mädchen und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen; mir gefällt Herr von Gablenz ganz und gar nicht, und wenn ich es ehrlich sagen soll, ich traue ihm nicht.«
»Aber warum denn in aller Welt, Hannchen? Was giebt dir denn nur Grund zu solcher Härte und solchem Mißtrauen?« rief Frida bebend; denn sie konnte ihren Zorn und ihre Aufregung kaum verbergen, den Mann von Hannchen schmähen zu hören, den sie so verehrte und liebte.
»Er ist glatt wie ein Aal,« sagte diese achselzuckend. »Er entschlüpft jedem ernsteren Gespräch, wie ich von den Herren gehört habe, und da er allen jungen Mädchen so übertrieben den Hof macht, meint er es mit keiner ernst. So etwas mag für die große Welt passen, für unser stilles Dorf paßt es nicht. Es geht das Gerücht, er werde Sophie Helldorf heirathen. Ich glaube es nicht. Aber wenn er es thun will, so kann er es nur wegen ihres Reichthums wünschen; denn ein so eleganter Herr wird sich nicht gerade die Unscheinbarste aussuchen; ihren hohen, innern Werth kennt er schwerlich. Sophie wäre eine große Thörin, wenn sie seine Werbung annähme. Gott mag wissen, wie es möglich ist, aber er hat es ihr mit seinem glatten Wesen angethan, wie auch der schwärmerischen Helene, ich habe es wohl gemerkt. Dich freilich ficht ein derartiges einschmeichelndes Wesen nicht an, Frida, du bist von zu Haus daran gewöhnt und weißt, daß nicht viel auf dergleichen zu geben ist. Bei uns schlichten Dorfkindern aber ist das anders. Helene und Sophie nehmen alle die schönen Reden als baare Münze und lassen sich den Kopf damit verdrehen. Warnen oder Schelten hilft nichts, sie sind wie bezaubert.«
Frida hatte stumm zugehört, denn jede Aeußerung würde sie verrathen haben. Aber ihr Herz klopfte so ungestüm, daß sie kaum athmen konnte. Jetzt stand sie rasch auf und sagte: »Du bist härter, als ich dich noch je gesehen habe, Hannchen. Aber ich will mich darüber nicht mit dir streiten. Ich glaube, wir müssen jetzt zum Abendbrod, es ist spät geworden. Was unser voriges Gespräch betrifft, Lottchen und Walter angehend, so verspreche ich dir, du sollst mit mir zufrieden sein, ich werde an deine Mahnung denken.«
Dann gingen die beiden jungen Mädchen schnell dem Hause zu. Aber ein unruhiges, gespanntes Wesen war seit diesem Gespräche über Frida gekommen. Hannchens klares, nüchternes Urtheil hatte sie aufmerksamer auf das Benehmen ihres Verehrers gemacht, und sie konnte ihrer Cousine in einigen Punkten nicht Unrecht geben. Vor allem aber beunruhigte sie das Gerücht, Gablenz werde Sophie von Helldorf heirathen und zwar um ihres Reichthums willen. Sie warf den Gedanken als abscheulich und unwürdig weit von sich; aber doch kam er immer von Neuem wieder in ihren Sinn und quälte sie unaussprechlich. Sie mußte wissen, ob auch nur der Schatten von Wahrheit an dem Gerücht war, und nur von Sophie allein konnte sie etwas darüber erfahren. Sie überwand deshalb ihre innere Abneigung und Eifersucht und suchte häufiger mit dem jungen Mädchen zusammenzutreffen.
Sophie von Helldorf war erst seit einiger Zeit im Hause ihres Onkels, der dem verwaisten Mädchen eine neue Heimath in seiner Familie gegeben, und ihre Unbekanntschaft mit den Freunden ihrer Verwandten sowohl, als auch etwas Scheues und Steifes in ihrem Benehmen, hatten sie bisher den andern jungen Mädchen etwas fern gehalten. Obwohl sie in ihrer äußeren Erscheinung unbehülflich und ungraziös erschien, so war der Kern ihres Wesens doch durchaus trefflich und edel, und bei einer äußerst abgeschlossenen Erziehung hatte sie eine sorgfältige innere Ausbildung erhalten. Obwohl sonst schüchtern und ängstlich, zeigte sie bei Gelegenheit ein entschlossenes, festes Wesen, das gar wohl seinen eigenen Weg zu finden wußte.
Bisher hatte sie ein ganz zurückgezogenes Leben geführt, durch die Krankheit ihres Vaters bedingt. Nach dessen Tode trat sie als Erbin eines großen Vermögens in des Onkels Haus und fing erst hier an, ihrer Jugend froh zu werden. Die Huldigungen, welche der einnehmende Herr von Gablenz ihr widmete, umstrickten ihr unerfahrnes Herz mächtig, waren es doch die ersten, welche ihr überhaupt je im Leben dargebracht wurden. Der Wunsch, die Seine zu werden, befestigte sich mehr und mehr in ihr trotz des Widerstrebens ihrer Angehörigen, welche dem gewandten, jungen Weltmanne nicht sehr günstig waren und gar wohl ahnten, was denselben so schnell und mächtig an das unscheinbare Mädchen fesselte.
Frida hatte es bald verstanden, sich das Vertrauen Sophie's zu erwerben, und allerlei gemeinsame Interessen verknüpften sie mehr und mehr. Lange Zeit aber, so oft auch Frida das Gespräch auf Herrn von Gablenz brachte, wurde Sophie ernst und einsilbig; denn eine stille Eifersucht, welche immer wieder lebendig wurde, sobald Sophie Herrn von Gablenz in Frida's Gesellschaft sah, schloß dieser gerade Frida gegenüber die Lippen doppelt fest.
Der Sommer war mit seinen warmen Tagen in das Land gezogen und hatte die Früchte der Felder in so reicher Fülle gereift, daß man einer gesegneten Ernte entgegenging. Diese für den Landmann so wichtige und bewegte Zeit brachte denn unendlich viel neues und reges Leben mit sich, und Frida griff wacker mit in das Räderwerk ein, das jetzt doppelte Geschäftigkeit und Arbeit für alle Hausbewohner brachte. Dies rege Treiben und diese Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend ward gerade jetzt zum unendlichen Segen für Frida. Es war unmöglich, den Tag über den eignen Gedanken nachzuhängen, oder über Dinge still zu grübeln, welche das Herz bewegten; denn unter doppelter Fröhlichkeit schaffte und wirkte jedermann von früh bis spät zum Wohle des Ganzen, und Abends war Frida so müde und erschöpft von der ungewohnten Thätigkeit, daß sie sogleich von den Armen des Schlafes umschlungen und in dessen stilles Reich getragen wurde, sobald sie nur die Augen geschlossen hatte.
Der Ernte folgte alsdann in den verschiedenen Dorfschaften die fröhliche Kirchweih, und es war eine alte Sitte, daß die Nachbarschaft zur Feier dieser Feste einander besuchte. Da gab es denn ein munteres Treiben bald in Dahme, bald in Hermsbach oder einigen anderen befreundeten Nachbardörfern, und die jungen Mädchen hatten nicht mit Unrecht Frida gleich am ersten Abend von dieser fröhlichen Zeit, als der schönsten des ganzen Jahres, erzählt. Tanz und Jubel und fröhliche Spiele vereinigten Jung und Alt unter den weiten Lauben, die überall zu diesem größten Feste der Dorfbewohner errichtet wurden. Herrschaft und Gesinde verkehrte in gemüthlicher, ungebundener Weise mit einander, und wenn sich die anmuthige Frida jetzt lustig im Arme des stattlichen Großknechtes im Rundtanz drehte, so dachte sie nicht im Entferntesten mehr daran, daß sie einst solche Zumuthung als eine Beleidigung stolz von sich gewiesen hatte.
Seit Frida's geheimen Gesprächen mit ihren beiden Cousinen in jener fernen Laube des Gartens achtete das junge Mädchen fast mit Aengstlichkeit darauf, ihr Benehmen zu ändern und besonders gegen die jungen Herren vorsichtiger und zurückhaltender zu sein, als sie es bisher gewesen. Einestheils wurde sie hierzu durch den Wunsch bestimmt, sowohl Justus als Walter ihren Cousinen weniger zu entziehen; anderentheils aber war es Charlottens leise Mißbilligung ihres zu freien Benehmens, was sie beeinflußte; denn bei ihrer wachsenden Liebe und Achtung für ihre Cousinen hatte auch deren Urtheil einen größeren Einfluß auf Frida, als ehemals aller Tadel und alle Vorstellungen von Seiten ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter. In dem stillen Wunsche, Hannchens und Lottchens Glück ihrerseits möglichst zu fördern, gelang es ihr zwar häufig, Walter und Justus an die Seite ihrer Cousinen zu führen; aber ihrer Ungeduld gingen die Sachen viel zu langsam. Freilich waren Hannchen und Charlotte auch von einer peinlichen Zurückhaltung, und um keinen Preis hätten sie ahnen lassen, was ihr Herz bewegte. Aber eben so wenig verstanden es auch ihre gar steifen, schwerfälligen Verehrer, die Gelegenheit beim Schopf zu erfassen, um den Sternen näher zu kommen, die augenscheinlich das Ziel ihrer Wünsche bildeten.
Dies Interesse für ihre Cousinen zog Frida jetzt häufig von den Beobachtungen ab, welche ihre eigne Herzensneigung betrafen. Herr von Gablenz war in unveränderter Weise ihr ergeben; aber in ebenso unveränderter Weise umschwärmte er auch die andern jungen Mädchen, deren durch diese ländlichen Feste eine noch größere Anzahl zugegen waren. Den Schluß der Vergnügungen sollte die Feier des Geburtstages des alten Herrn von Helldorf bilden, und die ganze Umgegend war eingeladen, derselben beizuwohnen.
»Helfen Sie mir, Fräulein Frida, etwas Abwechslung in die Freuden dieses Tages zu bringen,« sagte Herr von Gablenz halblaut. »Wenn wir Beide die Sache nicht in die Hand nehmen, wird sie langweilig wie die ganze liebe Gesellschaft hier zu Lande.«
Frida erröthete froh, denn der Vorzug, den Gablenz ihr vor all den Andern einräumte, machte für sie ja wieder alle Gerüchte und alle Befürchtungen zu Schanden.
»Von Herzen gern,« entgegnete sie hellen Blickes. »Aber wie fangen wir es an?«
»Was meinen Sie zu einem improvisirten Valentinstage,« sagte Gablenz leise. »Mir scheint, das würde unserm Verkehr einen pikanteren Beigeschmack geben. Ein _tête à tête_ mit meiner holden Valentine, nach dem mich seit langen schon so unaussprechlich verlangt, wäre das Ziel meiner Wünsche.«
Frida schlug erglühend das Auge nieder vor dem kecken Blick des jungen Mannes, dessen Sprache sie nicht mißdeuten konnte. Während sie nach Fassung rang, fuhr Gablenz vertraulich fort: »Blumen sind, wie die schöne Frida von früher weiß, die besten Dolmetscher unsrer Gefühle. Wie wäre es, wenn wir sie auch hier sprechen ließen?«
Frida preßte mit klopfendem Herzen ihr Tuch an die Lippen; dann sagte sie, den Kopf leicht abwendend: »Gewiß, das wäre ein hübscher Gedanke. Bringen Sie die Sache in Vorschlag und hören wir, ob unsere zaghaften Damen sich den kleinen Freiheiten auszusetzen wagen, welche das Verhältniß zu ihrem Valentin mit sich bringt.«
Anfangs schien es allerdings, als ob der Vorschlag Bedenken erregte; die jungen Männer aber waren Feuer und Flamme für diesen Plan, und so wurde er schließlich angenommen. Für den Abend bereitete Herr von Gablenz ein brillantes Feuerwerk vor, vorher aber sollte Tanz im Freien, sowie allerlei Spiel und Scherz die Gäste unterhalten.
Am Morgen dieses Festtages fand Justus Werder, welcher, wie gar oft, zum Besuch in das Vaterhaus gekommen war, eine frische blaue Kornblume auf seiner Tasse, als Helene sie ihm beim Kaffee überreichte. Verwundert schaute er auf, sah aber, daß seine hübsche Schwester rasch den Finger auf die Lippen legte. Justus nahm die Blume schweigend an sich; da fiel ein Streifchen Papier herab, das am Stiel derselben gehangen. Unbemerkt öffnete es der junge Mann und las folgende Worte:
»Kornblume und blau Aeugelein »Sie harren heut im Stillen dein.«
Ein glückliches Lächeln flog über Justus frisches Gesicht, und Blume und Zettelchen zu sich steckend nickte er seiner Schwester dankend zu; denn was die Botschaft heißen sollte, ahnte er recht wohl.
Eine ähnliche hatte auch Walter Helldorf an diesem Morgen erhalten, er wußte nur nicht von wem; sein Zeichen aber war ein rothes Tausendschön, das ihm die Worte zuflüsterte:
»Von tausend Schönen gieb den Preis »Ihr, die dein Herz zu finden weiß.«