Part 4
Ein Zufall schloß ihn in eine ins Hotel einkehrende größere Gesellschaft ein. Sie deckte ihn. Er sah beim Bureaufenster den alten Herrn eine Depesche hastig aufreißen. Das Lesen hielt jenen fest.
Wenk hatte Zeit, sich einen deckenden Beobachtungsposten auszuwählen. Er sah von dort aus, wie der alte Herr verstohlen über sein Telegramm hinweg den Vorraum musterte. Dann ging jener rasch zum Lift, riß die Tür auf und verschwand hinein. Aber Wenk sah, daß im Innern ein Führerjunge gesessen hatte.
Er wartete, bis an der kleinen Lichtscheibe das Stockwerk aufleuchtete, an dem der Lift hielt. Er sah ihn im Zwischengeschoß durchfahren, im ersten Stockwerk halten. Dann läutete er den Lift herab.
»Erster!« sagte er dem Bediener. Sie fuhren allein hinauf.
»Ist das nicht der Herr aus Zimmer Nr. 15 gewesen, der grade hinauffuhr?« fragte Wenk den Jungen.
»Nein, mein Herr, es ist der holländische Professor von Nr. 10.«
»Dann hab ich mich verschaut! Danke!« sagte Wenk.
Langsam schlenderte er durch den Flur. Er kam an 10 vorbei, verweilte einen Augenblick, indem er sich vorsichtig gegen die Tür hinüber beugte, ging dann weiter und lauschte rückwärts nach der Tür von Nr. 10. Er hörte eine Tür sich öffnen. Es konnte 10 sein. Er verweilte, indem er etwas an seinen Hosen richtete, und als die Tür sich wieder geschlossen hatte, drehte er sich um.
Da sah er, daß vor 10 ein Paar Schuhe stand.
Er ging zurück und hatte einen ungewöhnlichen Einfall. Er wollte bei 10 anklopfen und den alten Herrn fragen, ob sein Unwohlsein vorüber sei. Ihn so überrumpeln. Denn es war sicher, daß dieser Mann für eine Verhaftung reif sei.
Dieser Gedanke schien Wenk sehr kühn und aussichtsreich zu sein. Aber als er vor 10 stand, sah er, daß die Schuhe, die hinausgestellt worden, ein Paar Damenschuhe waren. Da gab er den Gedanken auf, begab sich hinunter und verlangte den Direktor des Hotels zu sprechen. Er zeigte ihm die nötigen Ausweise und erkundigte sich nach dem Bewohner von Nr. 10.
Man brachte das Gastbuch. »Nr. 10, sehen Sie hier, Herr Staatsanwalt, Professor Groich, Haag.«
»Nach ihrem Buch wohnt er allein.«
»Jawohl.«
»Wohnt er immer oder nur vorübergehend allein und gelegentlich mit weiblicher Gesellschaft?«
»Ich übernehme jede Garantie, Herr Staatsanwalt. Wir sind sehr streng darin gegen unsere Gäste.«
»Dann hat dieser Gast trotz seines beträchtlichen Körperbaus sehr kleine Füße.«
»Wie meinen Herr Staatsanwalt?«
»Er trägt nämlich Damenschuhe!«
»Herr Staatsanwalt belieben zu scherzen.«
»Kommen Sie mit, Herr Direktor.«
Die beiden fuhren zusammen hinauf. Vor Nr. 10 standen Damenschuhe mit hohen Stöckeln, elegante Lackschuhe mit Einlagen von hellem Rehleder.
Da entsicherte Wenk seinen Browning und öffnete ohne zu klopfen die Tür. Er trat rasch ein. Der Direktor folgte ihm. Das Licht brannte. Aber das Zimmer war leer. Die beiden Fenster waren geschlossen. Das Badezimmer, das offen stand, hatte kein Fenster. Wenk durchsuchte sofort alle Schränke, das Bett, die Läden. Nirgends lag mehr ein Faden. Er hastete auf die Straße hinab. Das Auto des Fremden war verschwunden.
Er ließ den Direktor fragen, wer in den letzten zehn Minuten das Hotel verlassen habe. »Nur der Bureauchef!« sagte der Portier.
In dem Augenblick aber kam der Bureauchef aus einem hinteren Raum und wollte davongehen. Der Portier sah ihn betroffen an. »Sie sind ja eben schon weggegangen!« rief er.
»Ich? -- Ich war bis vor einer Minute im Bureau!« antwortete der Angestellte.
Da wußte Wenk genug und suchte nicht mehr weiter. Der Zusammenhang war ihm sofort klar. Der Verschwundene hatte sich für den Fall der Not die Maskierung eines im Hotel bekannten Mannes vorbereitet. Die Damenschuhe hatte er vor die Tür gestellt, weil er richtig berechnete, daß der Verfolger, bevor er ins Zimmer eindränge, auf die unerwarteten Damenschuhe hin noch einmal ins Bureau nachfragen ginge. Und diese Zeit hatte er dann gut genutzt. Wenk hatte es mit einem Meister zu tun. Er bewunderte die Schlagkraft, mit der jener arbeitete. Es lag nahe, dabei an den rotblonden Mann von Schramms zu denken und an den Herrn Balling von Hull.
Wenk durchforschte auf der Heimfahrt und dann zu Haus in der Erinnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch vorhanden war, und versuchte es zu vergleichen mit dem, was er von dem Professor behalten hatte. Aber sonderbarerweise, so viele Einzelheiten ihm von dem Manne bei Schramms haften geblieben waren, ganz deutlich und unverwischbar, so verschwommen, ändernd und ungewiß war das, was er von dem alten Professor in seinem Hirn zurückfand, obgleich diese Begegnung kaum eine Stunde hinter ihm lag.
Über dem wurde er schläfrig. Es war ihm, als habe er sich von einer ungeheuren Strapaze, die er im Verlauf des Tages ausgestanden hatte, zu erholen. Er zog sich aus. Eine Mattigkeit überfiel ihn wie nach einem starken Blutverlust. Jenes Gefühl von einem inneren Leichtergewordensein, das er vom Schluß von Mensuren so wohlig in der Erinnerung behalten hatte: die Abspannung der Nerven nach dem letzten Gang zusammen mit dem Blutverlust nahm ihn vollständig in Besitz.
Er ergab sich ihr und schlief ein, noch bevor er vermocht hatte, sich ganz auszukleiden. Er fühlte sich dabei leise umbaut wie von einem rätselvollen Schloß. Und er wußte, in den drei Zauberlauten »Tsi nan fu«, wenn man sie richtig deutete, oder wenn man das Loch in der Wand erkennen konnte, wohin sie aus dem Mund des Haager Professors zielten, lag der Schlüssel, um das Tor des verzauberten Schlosses zu öffnen.
* * * * *
Wenk ging die nächsten Abende in kein Spielhaus. Er fuhr als sein eigener Chauffeur in Lederjoppe und Sturmkappe in der Stadt herum, stellte seinen Wagen vor eines der bekannten Lokale und beobachtete im Schutz des Führersitzes die Menschen, die eintraten oder gingen.
Einmal, als er auf der Fahrt zu dem ersten der Häuser war und langsam die Dienerstraße hinabfuhr, wurde er durch eine Verkehrsstockung aufgehalten. Als er so dastand, sah er in einem Zigarrenladen, an dem er gerade hielt, etwas, das ihm einen zweiseitig geschärften Schrecken durch den Leib trieb. Denn das war er! Der Blondbärtige! Er drehte den Rücken und kaufte Zigarren. Aber das war er! Er suchte langsam und wählerisch, als ob er der Gefahr, entdeckt zu werden, trotze. Ein Auto hielt vor der Tür. Wenk besah es sich genau. Aber es war ihm unbekannt. Er schrieb sich die Nummer auf.
Der Chauffeur verließ es einmal, um hinten am Wagen etwas nachzusehen. Wenk, der hinter ihm hielt, rief ihn an. Der Chauffeur schaute auf, machte aber mit den Händen Zeichen an seinen Mund, als ob er stumm sei.
Der im Laden nahm sein Paket auf, drehte sich um, der Tür zu. Da war es aber ein ganz anderes Gesicht. Wenk hatte es nie gesehen. Leute schoben sich zwischen den Fremden und seine Blicke. Er sah ihn nur eine Sekunde. Die Verkehrsstockung war in demselben Augenblick behoben. Die Reihe der Wagen fuhr an. Das Auto vor ihm nahm einen mächtigen Sprung, als wolle es ihm enteilen.
Wenk aber wollte sich nicht trennen von seinem Glauben. Er folgte ihm. Sobald das andere Auto aus der Kette los war, nahm es gleich eine größere Schnelligkeit und bog in die Maximilianstraße. Wenk vermochte nicht Schritt zu halten. Die Straße war weithin leer. Er sah, als er selber noch auf dem Maximilianplatz war, daß das Auto die Wiedenmeierstraße nahm. So fuhr er, immer weiter zurückbleibend, aber in der hellen Nacht ihn nie aus dem Blick verlierend, hinter ihm die ganze Wiedenmeierstraße her. Als Wenk auf der Max-Josef-Brücke ankam, sah er, wie das andere Auto um den freien Platz auf der anderen Isarseite eine sausende Kurve fuhr und plötzlich mit donnerndem Motor auf die Brücke zurück und an ihm vorbeistürzte. Er fuhr wieder die Wiedenmeierstraße hinab, die er gerade heraufgekommen war.
Das war natürlich verdächtig, und Wenk gab sich nun alle Mühe, den Anschluß an ihn zu behalten. Noch auf der Brücke machte er kehrt. Wieder bog der andere Wagen in die Maximilianstraße hinein. Diese war nun von Fuhrwerken belebt, und es gelang Wenk, mit seinem Wagen an den andern heranzukommen.
Das fremde Auto hielt vor einem Varietétheater. Wenk sprang jenseits der Straße aus dem Wagen, und wie der andere sein Auto verließ und, Wenk den Rücken kehrend, in das Theater hineinging, bekam Wenk wieder den därmezerreißenden Schrecken: Das war er doch! der Blondbärtige! ... Das ist er doch!
Von einem Fieber gepackt, schob er durch die Menschen ihm nach ins Theater hinein. Er sah, daß er den Fremden im Foyer überholte. Dann wartete Wenk mitten zwischen Menschen, drehte sich auf einmal um, als der andere bei ihm angekommen sein mußte ...
Aber Wenk sah ein breites, bartloses Gesicht mit einem brutalen Mund und brennenden großen Augen. Es war ihm fremd. Und fremd und gleichgültig schauten ihn die großen Augen an. Wenk, zornig und enttäuscht, drückte sich beiseite und wollte wieder hinaus zu seinem Auto.
Einige Verspätete hasteten um ihn herum zur Garderobe. Es war genau acht Uhr, und die Klingeln gingen zum Zeichen des Beginns. Wenk malte sich in diesem Augenblick aus, was für ein Taumel es für ihn geworden wäre, und was für ein Aufsehen es erregt hätte, wenn er ihn mitten aus den Menschen heraus verhaftet hätte.
Unfähig, sich von dem enttäuschenden Fremden zu trennen, wandte er sich noch einmal um. Er sah, wie sich der andere gerade aus einem Rudel Menschen trennte, die in den Saal stoben, und ruhig nach der linken Seite der Logen ging. Dort waren die fünf Parterrelogen. Das wußte Wenk. Da entschloß er sich kurz und kaufte einen der Logenplätze. Er bekam den letzten. In jeder Loge waren fünf Sitze, sah er auf dem Plan.
Er ging zu seinem Auto zurück, schmuggelte sich hinein, kleidete sich drin in den Frack, telephonierte vom Theaterbureau seinem Chauffeur, das Auto holen zu kommen, und begab sich zu den Logen.
Es war dunkel, als er eintrat. Er versuchte gleich, in dem ungewissen Licht die Gesichter zu unterscheiden und den Fremden herauszufinden. Aber er fand ihn nicht.
Als die Nummer vorbei war und das Licht wiederkam, gelang es ihm jedoch ebensowenig, den Fremden unter den zwanzig Herren und Damen zu finden, die in der Loge saßen. Das war durchaus unglaubhaft. Der Flur führte nur auf die fünf Logen. Die Logen waren über mannshoch höher als der Saal.
Wo war jener Mann hingekommen?
Von einem Argwohn erfaßt und unruhig eilte Wenk auf die Straße, um zu schauen, ob das Auto des Fremden noch da sei. Ja, es stand noch da. Gott sei Dank!
Wenk atmete auf und wollte zu seinem eigenen Fahrzeug gehen und in ihm abwarten, wohin der fremde Wagen später fahren werde. Da sah er, daß der Wagen auf einmal eine Taxameteruhr hatte. Er hatte sich vorhin das Auto genau angeschaut. Es hatte bestimmt keine Uhr gehabt.
Wenk, schon im Vorbeigehen, überlegte nicht mehr lange, trat auf den Chauffeur zu und fragte: »Sind Sie frei?«
Der Chauffeur sagte: »Jawohl!«
Da stieg Wenk ein, indem er seine eigene Adresse nannte. Er wollte sich auf der Fahrt überlegen, was er weiter tun müsse. Da fiel ihm auf, daß der Führer, der in der Dienerstraße stumm gewesen war, hier auf einmal gesprochen hatte.
Das Auto fuhr an. Ein süßlicher Duft begann sich im Innern auszubreiten. Wenk fühlte von ihm seine Schleimhäute gereizt.
Also etwas war doch los! Vorhin stumm, jetzt kann er sprechen, überlegte Wenk. Vorhin privat ... jetzt Taxameter. Wonach roch es so stark? Es brannte ihm förmlich in Nase und Augenwinkel.
Wenk zog, um das herauszufinden, einige volle Züge ein. Er wollte dann das Fenster öffnen. Er hielt den Geruch nicht länger aus. Wonach roch es denn? Er hob seinen Arm. Aber er sah, der Arm ging nicht hoch, gehorchte einfach nicht. Zugleich war ihm, als sei ihm ein Brett vor die Augen gepreßt.
Da bekam er eine Angst, die wie ein glühender Ball ihn durchplatzte. Nicht mehr fähig, sich zu wehren, begann er laut zu brüllen, warf sich hin und stieß mit dem Fuß nach der Klinke der Tür. Er traf sie nicht.
Er lag nur noch wenige Augenblicke am Boden, in denen rasch sich verdunkelnde Lichtfetzen von Bewußtsein sein Blut durchflogen. Dann erloschen auch sie, und eine Ohnmacht, die sein Gehirn wie mit Blei ausgoß, preßte ihn auf den Bodenteppich des bald in rasender Fahrt die Straßen durchtobenden Automobils.
Der Chauffeur fuhr mit dem betäubten Staatsanwalt von Wenk in der Nacht nach Schleißheim. Dort lud er ihn auf eine Bank und fuhr nach München zurück. Er fuhr zur Xenienstraße und hielt vor einer alleinstehenden Villa. Auf einem Schild war zu lesen:
_Dr. Mabuse_ Psycho-analytische Behandlung.
Gleich kam ein Mann von massiger Gestalt, pelzverhüllt aus der Tür und rasch durch das Gärtchen auf die Straße. »Er liegt im Schleißheimer Park. Hier ist das Notizbuch,« sagte der Chauffeur.
»Haben Sie die Gasflaschen aus dem Wagen entfernt?«
»Jawohl, Herr Doktor!«
»Fahren Sie!«
Doch in diesem Augenblick trat eine verhüllte Frau aus der Nacht auf das Auto zu, hielt die Tür an und flüsterte bettelnd: »Du.« Mabuse zuckte unwillig auf: »Was willst du? Betteln?«
Die Frauenstimme antwortete mild und traurig: »Ja, du weißt es, um Liebe!«
»Du kennst meine Antwort.«
»Es ist doch einmal gewesen! Weshalb ...?« flehte die Frauenstimme.
Mabuse, erbost: »Gewesen ist gewesen! Du hast zu folgen. Mein Befehl ist klar. Es gibt nichts zwischen Nein und Ja! Du weißt von Georg, was ich will. Georg, fahren!«
Er war schon im Wagen. Die Frau sank ans Geländer des Gartens, barg sich in ihre Pelerine und schluchzte dem rasenden Auto nach: »Und wenn ich nicht aufhören kann zu lieben? ...«
Da schlug ein zweites Auto dicht bei ihr in die Bremsen. Ein Mann sprang ab, auf sie zu: »Was wollen Sie hier?« fragte er drohend. »Ach so! Cara, du! Nun denn! Hast du mit dem Doktor gesprochen?«
Sie nickte nur verzweifelt.
»Da ist nichts zu machen. Sein Wille ist wie ein Keulenschlag vor die Stirn. Also folge! Adje, ich muß ihm nach!«
Und Cara Carozza hob sich in den dunklen Kleiderhüllen hoch, ging davon, schmerzhaft gefaßt, dumpfwillig und opferte sich für ihn. -- --
»Wo sind wir?« fragte Mabuse durch das Sprachrohr.
»Landsberg vorbei!« antwortete Georgs Stimme.
Die Pläne in Mabuses Kopf wuchsen aneinander wie Wälder, in denen er weiter jagte und die nicht aufhören wollten. Immer neue Halden, immer neue Schluchten! Pläne? Sind es Pläne? Sind es nicht Träume? fragte er sich mit einem plötzlichen Erkalten seiner heißgelaufenen Gedanken.
... Fünf Millionen Schweizer Franken sind jetzt etwa 25 Millionen Lire, sind fünf Millionen italienische Fünf-Lire-Stücke. Ein jedes im Gewicht von 20 Gramm. Fünf Millionen, genügt das? Der Gedanke ist gut. Es ist dabei brutto zu gewinnen auf jedes Fünf-Lire-Stück, das ich nach dem heutigen Kurs mit einem Schweizer Franken kaufe, vier Franken; ganzer Gewinn also vier Millionen Schweizer Franken. Abgehen 30 Prozent Spesen. Gut! Ein jedes 20 Gramm, wie gesagt ... Fünf Millionen mal 20 Gramm, wieviel Kilogramm sind das? Hundert Millionen Gramm? Weshalb kann ich so einfache Rechnungen nicht klar ausdenken? Habe ich Angst?
Ja, da stand er in einem neuen Wald. Habe ich Angst? Angst? Wenn ich Angst habe, stürze ich schon. Wer ist denn Hull? Wer ist Wenk? Das sind Lachhaftigkeiten! Angst?
Er faßte seine Gedanken wie mit der Faust zusammen und stürzte sie zurück auf den Weg, von dem sie sich entfernt hatten ...
... Hundert Millionen Gramm sind 100000 Kilo. Ein Schmuggler trägt jedesmal, je nach der Gegend, 10 bis 15 Kilo. Wieviel Menschen lasse ich leben auf diesem einzigen Geschäft? In einem Monat muß die Summe aus Italien in Südtirol und von dort in der Schweiz sein. Über Österreich ist die Grenze leichter, wenn ich auch zweimal Personal haben muß. Das Risiko hat Spoerri, nach den Polizeiberichten, mit nur 3 Prozent berechnet, gegen 10 Prozent über den Bodensee oder auch über die Tessiner Grenze, wo die Grenzwächter ja schon im Frieden alle glaubten, sie müßten Füchse sein.
Mabuses Vorstellungen drohten wieder auseinanderzuwachsen. Soll ich nicht versuchen, doch zu schlafen? »Wo?« rief er ins Sprachrohr.
»Buchloe!«
... Buchloe bis Röthenbach sind 18 Kilometer. Zwei Stunden. Das täte wohl. Um zwei Uhr müssen wir in Schachen sein. Dazwischen Spoerri in Opfenbach und Pesch in der Lindauer Steige. Dann sind wir gleich in Schachen. Dann gibt es keinen Schlaf mehr.
Aber er fand doch keine Macht über sich. Er stand unter dem Druck von Wenks Verfolgungsversuchen. Im Palasthotel war er ihm nur um zehn Minuten voraus.
Er wollte es sich nicht eingestehen. Er rechnete aus, daß der Schmuggel von fünf Millionen Fünf-Lire-Stücken von Italien und Südtirol über Vorarlberg nach der Schweiz zweihundertfünfzig Menschen am Tage beschäftigte an jeder Grenze. Das waren fünfhundert Menschen für den Schmuggel allein. Rechnete er die Aufkäufer dazu und die Sammler in Bozen, so kam er auf siebenhundert Menschen. Mit ihren Familien rund viertausend Menschen, die er erhielt. Das war eine kleine Stadt. Eine kleine Stadt stand in seiner Faust, gebannt im Bösen, und schlich durch lichtlose Nächte, ausgetrocknete Bergbäche hin und durch verwachsene und vereiste Winterwälder unter dem Hammer seines Willens und an den Gewehröffnungen der Grenzwächter vorbei. Und hatten keine Gedanken in sich als ihn, den Besitzer des Silbers, den Ernährer, den Befehlshaber, den Herrn der Macht.
Ihr Leben wagten sie für ihn. Er hatte nie einen von ihnen gesehen. Wie wäre es erst, wenn sie ihn sähen, wenn er mit ihnen spräche, auf einmal auf ihrem Schmuggelweg aus der fremden Nacht auf sie stoßend, und sie glaubten, sie seien abgefaßt, und es sei dann gerade er, der sie im Dienst hatte, ihr Herr!
Viertausend Menschen, eine ganze Gegend. Aber in Eitopomar wird es noch anders sein! Wenn er über den gestürzten Urwald ritte und die Waldmenschen, die Botokuden, und wie sie alle heißen, unter seine Peitsche nähme und das aasige kleine Europa hinter ihm versunken läge! Da wäre weitum nichts anderes als sein Wort. In Eitopomar, wo der Traum sich erfüllen wird, der ihn seit seiner Knabenzeit beschlich ... und der sich einst zu erfüllen begonnen hatte drüben auf der einsamen großen Insel, die in die Freiheit der Meere gespannt lag wie in eine wollüstige Schaukel, deren Seile aus Wellenbändern bestanden. Da hatte er Menschen besessen, da war die Natur sein gewesen, da siegte er mit seinen Segeln über das Meer, mit seinen Muskeln und seinem Blut über die Menschen, mit seinem Willen über die Natur, die Palmen seiner Pflanzungen überwuchsen ihn mit einem Reichtum, wachsendes Gold, er konnte es verachten, weil er es nicht nötig hatte, da er so, so frei war, König und Gott ...
Aber der Krieg stöberte ihn aus seinem Paradies und trieb ihn in das verhaßte kleine Europa zurück. Er konnte nicht leben in diesen Ländern. Er fühlte sich, wie in eine Weide eingespannt, Gras fressen wie die dummen Kühe! Das vorgeschriebene, eingehagte Gras! Nein! so vermochte er nicht zu leben. Deshalb hatte er unterhalb der Organisation des Staates einen Staat für sich gegründet mit Gesetzen, die er allein ausgab, mit Macht über Leben und Tod von Menschen. Mit seiner Hilfe wollte er Geld erraffen, um sein Kaiserreich in den Urwäldern Brasiliens zu gründen, das Reich Eitopomar.
Er war sich selber genug. Was waren ihm die Menschen? Sein Wille zerspritzte sie. Aber drüben in der Zukunft, in Eitopomar, gab es niemanden, der seinem Willen vorgesetzt war.
Allmählich, unter den gesteigerten Vorstellungen, war Mabuse in einen Schlaf geglitten, der seine Glieder, geballt zwischen die Polster, und seine Phantasie verloren an Träume fesselte, die alles Schwergewicht der Materie aufhoben. Zwei Stunden lang schlief er, in die schwarzen Meere seiner Träume versunken.
Dann war es ihm, als schlüge ein Hämmerchen auf seinen Schädel. Immer auf dieselbe Stelle seines Schädels. Es war lästig. Es war unerhört. Er hatte nur zwei Stunden zu schlafen zwischen Buchloe und Röthenbach. Wer wagte, diesen Hammer an seinen Kopf zu schlagen?
Mit einemmal war er wach. Der Hammer war die Signalpfeife des Sprachrohrs. »Ja!« rief Mabuse in den Sprecher.
»Ein Auto ist hinter uns!«
»Gezeichnet?«
»Grauer Fleck auf der rechten Laterne.«
»Wie spät?«
»Halb eins!«
»Wo sind wir?«
»Zwei Kilometer vor Röthenbach!«
»Halten Sie! Es ist Spoerri!«
Das Auto hielt. Gleichzeitig verloschen die Scheinwerfer. Sofort verloschen auch die des folgenden Autos. Dieses fuhr dicht auf. Dann stoppte es. Eine Stimme hustete herüber.
»Kommen Sie!« rief Mabuse.
Einer kam durch die Nacht heran. Mabuse hatte die Mauserpistole aus der Manteltasche genommen. Der Wagenführer setzte eine kleine elektrische Lampe an, und man sah im Lichtkegel einen mantelverhüllten Menschen.
»Spoerri?«
»Ja, Herr Doktor!«
Die Hand ließ die Pistole in die Tasche zurückgleiten. »Spoerri, halten Sie hier eine Viertelstunde oder fahren Sie auf einem andern Weg nach Schachen. Sie müssen kurz nach mir dort sein, halb zwei bis zwei. Ich bin zu großen Änderungen entschlossen, die ich Ihnen mitteilen muß, bevor wir in die Schweiz hinüberfahren. Sonst? ...«
»Alles in Ordnung. Ich habe noch hundert Kilogramm Cer-Eisen im Wagen.«
»Los! Halb zwei bis zwei!«
Sie fuhren wieder. Die Scheinwerfer blieben eine Weile, wo die Landstraße sich der österreichischen Grenze näherte und Grenzwächter patrouillierten, gelöscht. In Schlachters brannten sie wieder an, und das Dorf sank mit hastiger Gespensterhaftigkeit in ihren Lichtkegeln zurück.
Halbwegs Lindau, wo der Wald auf die Lindauer Steige stößt, hielt es wieder. »Niemand da?«
»Nein, Herr Doktor!«
»Pesch?«
»Ich sehe niemanden!«
Mabuse verließ ungeduldig den Wagen. »Ich will ihn züchtigen. Ich will absolut, daß alle pünktlich sind!«
Er wartete weiter. Die Minuten krochen. Mabuse schlug mit der Faust in der Manteltasche auf die Schenkel. Warten lassen! ... Warten lassen ... der Schmuggler! Ungeduld verbrannte ihn. Er war tief beleidigt, irgendwie an seiner Ehre gekränkt. Ein Schmuggler ließ ihn warten ... den Herrn.
Nach fünf Minuten tönte ein Auto über den Nebenweg. Es fuhr mit schwachen Lichtern. Auf der Landstraße hielt es. »Pesch!« schrie Mabuse.
Ein Mann wand sich aus dem offenen Wagen. »Ja, hier! Ich bin es, Herr Doktor! Pesch!«
»Es ist 1 Uhr 45. Um 1 Uhr 35 sollten Sie hier sein.«
»Auf zehn Minuten kommt es nicht an. Ich habe auch schon gewartet!« antwortete auflehnend die Stimme aus der Finsternis.
»Wenn ich eine Peitsche hier hätte, würde ich Sie durchprügeln. Zehn Minuten sind fünfzehn Kilometer Vorsprung vor einer Verfolgung, Sie Esel! Sie verdienen in dieser Nacht zweitausend Mark von mir.«
Der andere entgegnete frech: »Und Sie mit meiner Hilfe zwanzigtausend!«
Mabuse: »Schwachkopf -- fünfhunderttausend! Das geht Sie jetzt nichts an. Es ist nur, um zu sagen, wer hier Herr und wer Knecht ist.«
Der andere: »Sie sind nicht mein Herr!«
Da bäumte Mabuse sich auf. »Ich bin nicht ... sagen Sie!« Er brüllte: »Doch! Sie können heimfahren. Ich brauche Sie nicht mehr. Nie mehr!«
Er wandte sich schon in sein Auto hinein. Da sagte er noch hastig und drohend: »Sollten Sie etwa Lust verspüren, eine anonyme Anzeige zu versenden, so wissen Sie, daß in einem Wald eine Tanne wächst. Bis der Strick vermorscht und Sie in Ihren eigenen Dreck fallen läßt. Wie der Kollege Haim. Fahren, Georg!«
Das Auto stürzte weiter.
In der Gegend von Bad Schachen, wo Villen mit üppigen Anlagen Automobile unauffällig machten, war ein Parktor offen, und ohne sich zu besinnen, fand Georg den Weg in die schwarze Allee, die zur Villa führte. Die Lichter waren gelöscht.
Spoerri kam, noch während Mabuse und Georg an der Haustür standen.