Part 3
Unter den Gesprächen über den gestrigen Abend hörte man auf zu spielen.
Die Carozza sagte: »Es gibt Menschen, die sind zum Spielen geboren, und wenn sie nur eine Karte in die Hand nehmen, ist es ein As. Sie können tun, was sie wollen. Es ist stärker als sie. Es ist ihr Geist, ihr Gott.«
Aber das glaubte die Escha nicht. Sie meinte, ein jeder Spieler treffe einmal in seiner Laufbahn auf die Serie der Glücksstunden. Sie lägen vorbereitet vor ihm, langerhand hingehängt von seiner guten Fee. Denn sie glaube an die gute Fee eines jeden Menschenkindes. Man dürfe es nicht aufgeben, diesen Stunden entgegenzuspielen. Man werde sie einmal pflücken können wie Äpfel im Herbst vom Baum ...
Den Blonden kannte keiner. Basch hatte ihn mitgebracht. Am ersten Abend seien sie auch zusammen fortgegangen. Am zweiten Abend zusammen gekommen. Man hielt ihn für einen entthronten Fürsten. Er war so herrenhaft und so kurz in der Sprache. Für einen entthronten Fürsten, der Geld brauche.
»Es ist mir sonderbar mit ihm,« sagte Hull, »es ist mir, als ob ich schon einmal mit ihm gespielt hätte ...«
»Blödsinn!« sagte die Carozza.
In seinem Innern jedoch lebten diese Vorstellungen sich weiter aus: Nicht, als ob ich mit ihm gespielt hätte. Als habe er mich in irgendeiner Weise beleidigt, ganz schwer, bis ins Blut hinein. Aber wie? wo? wann? das weiß ich nicht. Es ist mir fast, als sei es in einem Traum gewesen.
»Böse Augen hat er,« sagte eine Frauenstimme.
Die Stimme schien Wenk bekannt. Er schaute hin. Vor dem hellen Licht über dem Tisch war der Winkel so finster wie ein Loch. Er sah niemanden darin.
Die Carozza sagte gegen die Stimme im Dunkeln mit einem Ton, der Wenk gereizt vorkam: »Böse Augen! Was will das sagen! Beim Spiel schaut niemand darein wie der heilige Aloysius.«
Aus der finsteren Ecke kam es zurück: »Er sah Basch an wie ein Raubtier seine zu Tode gehetzte Beute!«
Wenk rief: »Genau denselben Eindruck hatte ich!«
Lebhaft erhob er sich und ging auf den Winkel zu, trat in die dunkle Nische und schrak zurück. Denn die Sprecherin war die schöne fremde Frau. Wenks Gesicht überströmte Blut. Sein Herz begann zu klopfen, daß ihm war, als ob die Schläge aus der Brust heraus rundum in den Raum klopften. Da faßte er sich. Er sagte sich: Das ist nun ganz toll! Ich suche Verbrecher und bin im Begriff, mich in jemand zu verlieben, den ich morgen vielleicht ins Gefängnis bringen muß. Das ist blöde! Er nahm seine Geistesgegenwart zusammen, verbeugte sich vor der Fremden und fragte: »Es würde mich interessieren, wieso die Gnädigste zu einem Eindruck kommen, der bis aufs Bild meiner Vorstellung entsprach?«
»Das kann nichts anderes sein,« entgegnete die Frau lächelnd, »als eine ungewöhnliche innere Übereinstimmung zwischen mir und dem Herrn Staatsanwalt!«
Staatsanwalt? Wenk erschrak. War er hier bekannt? Aber ja doch, durch die Carozza! Ein Staatsanwalt, Hüter des Gesetzes, Rächer der gestörten Ordnung und ... selber die Gesetze übertretend. Das war malerisch. Ja, die Carozza! Er sah aus der Nische in das feurig beleuchtete Zimmer. Der gefärbte Schopf der Tänzerin flammte zwischen den Köpfen. So, du! schimpfte er ergrimmt bei sich. Du willst mir meine Mühe verderben, du ...
Da erinnerte er sich des Blickes, den der Blondbärtige auf sie geworfen hatte, an jenem ersten Abend, und er vollendete: Du Anreißerin! Denn nun war ihm der Zusammenhang klar. Die Carozza schleppte dem Blondbärtigen Opfer herbei. Er drohte: Warte du, ich passe auf!
»Unsere Übereinstimmung scheint Sie betroffen zu machen,« sagte die fremde Dame in seine Gedanken hinein.
»Meine Gedanken wurden in der Tat abgelenkt. Verübeln Sie, bitte, das mir nicht, gnädige Frau,« bat Wenk, »es ist unverständlich, daß eine fremde Macht die Kraft Ihrer Nähe zu durchbrechen vermag. Aber es ist erklärlich ...«
Er vollendete nicht. Zwei Vorstellungen drängten sich plötzlich in ihm herauf: Diese Frau war zweifellos eine vorzügliche Beobachterin. Wenn er eine solche Frau zur Helferin hätte! Aber die andere Vorstellung kam weit her aus seinem Blut: Wäre es nicht lohnender, all dies Suchen, Spähen, Listen hinter schlechten Menschen aufzugeben und diese Frau zu lieben? Sie ist schön wie eine Königin! Sie sieht stolz aus wie eine Göttin!
Da spürte er, wie mit einer heftigen Bewegung ihre Hand seinen Arm traf. »Still!« zischte sie, »bitte!« Zugleich sah Wenk drei Herren in den hellen Kreis des Zimmers treten. Voran ging ein junger Mann, den er vom Sehen kannte, weil vor einigen Tagen in einer Ausstellung kubistischer Maler ihm aufgefallen war, daß jemand die ungewöhnlichsten dieser Bilder zusammenkaufte. Er fragte nach dem Namen des Käufers. Der Saaldiener sagte: »Der Graf Told ist es. Dort steht er.« Dieser Graf Told war der junge Mann, der den anderen voranging.
»Herr Staatsanwalt,« hörte er die Frauenstimme flüstern, »wollen Sie mir einen großen Dienst erweisen?«
»Ich stehe Ihnen zur Verfügung!«
»Herr Staatsanwalt, ich will ungesehen in den nächsten Minuten diesen Saal verlassen haben. Können Sie mir dazu verhelfen?«
»Ja,« antwortete Wenk.
»Wie kann ich dies machen?«
»Das ist einfach. Merken Sie sich den Durchgang zur Treppe. Es sind nur einige Schritte, sehen Sie. Sie müssen sich ihn so merken, daß Sie ihn im Dunkeln finden. Ich habe mich vergewissert, wie das elektrische Licht funktioniert. Die Anschalter sind über dem ersten Treppenabsatz. Ich gehe hin, drehe aus, Sie benutzen die Dunkelheit, um auf die Treppe zu kommen. Sind Sie an mir vorbei, stelle ich mich jedem in den Weg, der zur Treppe will, um Sie zu verfolgen oder um an die Schalter zu kommen.«
»Gut! Ich danke Ihnen!«
Die Flucht glückte. Als Wenk die Frau unten ankommen sah, drehte er wieder an, trat mit einem Lächeln ins Zimmer zurück und sagte: »Eine Spielerei, die nicht die Folgen der gänzlichen Finsternis voraussah. Verübeln Sie, bitte, es mir nicht.«
Man lachte. Aber die Carozza stand bleich am Ausgang zur Treppe, wohin sie mit einem Sprung in der Dunkelheit gekommen war. Sie erholte sich rasch und begab sich zu Hull zurück, ihn auffordernd, sie heimzuführen. Wenk schloß sich ihnen an.
Im Begriff, die Speiseräume zu durchschreiten, sah er, wie der Oberkellner Hull einen Brief übergab. Hull trat an einen leeren Tisch unter eine Lampe, riß die Umhüllung auf und zog einen kleinen Zettel hervor.
Dann war es, als ob ihn ein unsichtbarer Hieb auf den Sessel niedergeschlagen hätte. Die Carozza trat auf ihn zu. Er knüllte den Zettel in die Tasche, erhob sich und folgte der Gesellschaft.
Draußen trennte man sich.
Hull kam nochmals zu Wenk zurück und sagte ihm mit hastiger, aufzitternder Stimme: »Ich muß mit Ihnen sprechen. Noch heute nacht! Können Sie mich in Ihrer Wohnung empfangen in einer Stunde? Es ist furchtbar. Ich werde verfolgt!«
»Da schauen Sie!« sagte Hull, als er kam.
Er warf mit einer verzweifelten Gebärde ein Kuvert auf Wenks Tisch. Der öffnete es und entzog ihm ein Kärtchen. Darauf stand:
»Bestätige, Herrn Balling
20000 Mark (_Zwanzigtausend_)
zu schulden, zahlbar bis 21. November 4 Uhr nachmittags.
_Gerhard Hull._«
»Mein Schuldschein,« sagte Hull tonlos. Und nach einer Weile: »Drehen Sie um!«
Auf der Rückseite las Wenk: »Sie sind gewarnt. Meine Sache allein ist es, daß ich die 20000 Mark nicht einkassierte. Spiel ist Spiel! Eine Angelegenheit zwischen Ihnen und mir, und kein Staatsanwalt hat etwas dabei zu suchen.«
Wenk war erschüttert. »Ja, ja, ja,« rief er immer wieder und fand keinen andern Laut, um den inneren Sturm auszudrücken.
Dann nach einer Weile, in der er um Fassung kämpfte: »Wir haben neben ihm gesessen. Sie, ich! Wir hätten ihn am Arm fassen können, ein jeder an einem Arm! Sie ... ich! Begreifen Sie?«
»Ich bin verfolgt!« flüsterte Hull, der für nichts anderes als für seine eigene Bedrängnis Gefühl hatte.
»Begreifen Sie! Wissen Sie, wer Balling ist? Ihr Balling? Ihr alter vornehmer Herr? ... Der mit dem blonden Bart ist es, von Schramms der. Das ist auch Ihr Balling! Himmel ... Himmel ... Wir hätten ihm die Hand auf die Schulter legen können!«
Hull öffnete nur den Mund. Jetzt wußte er, weshalb ihm der Blondbärtige bekannt vorgekommen war: die großen grauen, brutalen Augen! »Ja,« sagte er nur, »es ist derselbe!«
»Er ist entwischt!« rief Wenk. »Jetzt kommt er nicht mehr zu Schramms. Und Sie, Herr Hull, müssen wir weiter unter unsere Obhut nehmen. Aber kommen Sie uns entgegen und seien Sie nie unvorsichtig.«
IV
Hull ging, und Wenk, allein gelassen mit dem Eindruck des Erlebnisses dieses Abends, fragte sich: Weshalb hat die schöne Frau auf die geheimnisvolle Weise fortgehen müssen? Habe ich wiederum versagt vielleicht? Habe ich mit der Hilfe zur Flucht selber vielleicht die Hand gegeben gegen mich und mein Werk? Er geriet in eine steigende Bewegung. Er schob den zweifelnden Gedanken an die Frau fort. Nein, er fühlte, ihrer konnte er sicher sein. Und nun setzte das Erkennen der Zusammenhänge, die sich zwischen Hull und dem Spieler und anderen Erscheinungen und diesem aufgedeckt, sein ganzes Hirn in eine beschwingte Fruchtbarkeit. Er hörte über seinem Leben den Flügelschlag eines neuen, starken und vergrößerten Daseins. Er bestand Kämpfe des Leibes, der Phantasie, der Nerven, des Spürsinns, der Energie und Ausdauer, der Menschenkenntnisse und des Menschenbeherrschens.
Aus seinem Mund lösten sich die Rauchwölkchen der Zigarre, die er eine nach der anderen verbrannte, und schwebten über ihm. Es lenzte, stürmte, Sonne schien, Sturm prallte ihm durchs Blut. Seine Muskeln tanzten in eingebildeten, heldenhaft überstandenen Kämpfen mit dunklen großen Riesen, die Mitmenschen erwürgen wollten. Er hatte jemanden bei einem falschen, rotblonden, Männlichkeit vortäuschenden Bart gefaßt.
Aus der nachtbesessenen Stadt stürzte die Zeit herauf in das Zimmer, die mit Gefahren, Forderungen, neuen Spannungen wie eine Hochstromleitung geladene Zeit. Verlangte Menschen. Verlangte von allen Menschen allen Ehrgeiz, alle Selbstzucht, Intelligenz, Selbstverleugnung ... Selbstverleugnung ... Ihn sollte sie nur nehmen! Da war er, entkleidet allen Dünkels wie aller Bequemlichkeit! Er wußte nicht, sagte er sich in seinen ekstatischen Selbstgesprächen, war das eine neue, erlösunggebende Demokratie? War das jenes Ziel, zu dem das Dunkel dieser Zeit die Menschen erzog? Hob er sich auf die sturmrollenden Wogen?
Nicht mehr in dem blassen Idealismus, dem Vaterland zu dienen, floß er nun. Nein, er stand auf eigenen Beinen: Kampf! Kampf! Nicht dienen! Selbstlos und bis zum letzten Tropfen Bluts das zu sein, was er gelernt hatte, und bis zum letzten roten Tropfen das herzugeben, was er herzugeben hatte.
Er hatte nicht seine Laufbahn, aber dies Einzige einzusetzen, was Menschen gemeinsam haben, gemeinsam im Kampf gegeneinander, gemeinsam in der Hilfe des einen zum andern: dies rote schäumende Meer, das an den Küsten des Menschseins in einer Dunkelheit, über die niemand Herr war, zu Gut oder Böse verbrannte. Ein Verbrecher hörte auf für den Staatsanwalt von Wenk in dieser Nacht ein Mensch niederer Ordnung zu sein. Er wurde ein Wesen mit gesteigerten Impulsen, mit von der Kraft der Hölle gespeisten Sinnen, deren gelüstige, dämongesättigte, sich selber übertrumpfende Taten in der Hand des Staatsanwalts ins Nichts zurückgebrochen wurden, so wie Jesus die Sünden der Menschheit in seinem Wesen ertrinken ließ. Der Kämpfer wuchs am Gegner.
Mit der Phantasie hatte Wenk den Blondbärtigen nun ins Genick gebissen. Wenk hatte in ihm einen großen Gegner. Das ahnte er noch mehr, als er es bereits wußte. Konnte er ihn von der Menschheit abtrennen, so hatte er ein Werk geleistet, an dem er sich zu Weiterem nährte.
Das Lied, das so zwei Stunden lang durch Wenks Herz sang, schien ihm auf einmal vertraut. Und staunend erkannte er, daß der Zustand, in den er geraten war, aus seiner Jugend hervorlief, vor Universität, Korps und Examina, als nichts von Menscheneinrichtungen noch sein Blut gemischt hatte. Da war er betroffen, und durch sein Leben, das er unbeweibt geführt hatte, stieg, wie ein Saft, eine starke, wehmütige Sehnsucht nach seinem Vater, der nicht mehr lebte.
* * * * *
Von Hull erbat sich Wenk am nächsten Tage eine Liste aller heimlichen Spielhäuser, deren Adressen mit Hilfe der in diesen Dingen bewanderten Carozza zu erfahren waren. Er bekam von Hull aber das Versprechen, dem Mädchen gegenüber dabei nicht genannt zu werden.
Wenk besuchte die Häuser Abend für Abend. Er ging dabei in der Verkleidung eines reichen älteren Herrn aus der Provinz. Diese Verkleidung hatte er als die erste gewählt, weil er für sie in einem Onkel ein Modell hatte, das er sich bloß zu kopieren bemühte. Der ältere Herr gab sich den ungezwungenen Anschein, die Großstadt aus vollen Zügen zu genießen.
Wenk hatte einige Helfershelfer aus Karstens Bekanntschaft. Er bat sie, unter der Hand zu verbreiten, daß er, der Provinzonkel, von einem unglaubhaften Reichtum sei, von dem er, einmal in den Sattel gehoben, in der rechten Weise Gebrauch mache. Er dachte sich, der Spieler von Schramms und andere, die auf Raub ausgingen, könnten so, wie eine Nachtmotte von der Lampe, angelockt werden. Ab und zu spielte er nun eine halbe Stunde lang unsinnig und der Laune des Spiels angemessen, gewann er dann feste Summen, die er das nächstemal wieder dem Spiel ins Maul warf. Dabei verlor er aber niemals mehr den Überblick über sich und die Mitglieder, und sein Hirn arbeitete über Karten und Spiel hinweg mit einer Schärfe, die ihm Genugtuung verschaffte.
Als er an einem Abend der zweiten Woche, in der er dies Leben führte, in ein Spielhaus der inneren Stadt kam, das ihm durch die Zusammensetzung der Besucher, die hier noch unvermittelter war als anderswo, etwas zu versprechen schien, sah er am Spieltisch einen alten Herrn sitzen, der ihm durch seine Hornbrille auffiel. Diese Hornbrille hatte ein ganz ungewöhnliches Ausmaß. Der alte Herr wurde mit Professor angeredet. Als der alte Herr seine Karten in die Hand nahm, setzte er die Hornbrille ab und tauschte sie gegen einen Kneifer von ungewöhnlicher Form.
Da bemerkte Wenk, daß die Brille, die nun auf dem Tisch lag, keine der üblichen modernen Hornbrillen, sondern aus Schildpatt sehr kunstvoll geschnitzt war. Der alte Herr versenkte sie dann in eine geräumige Dose, die mit grüngepunkteter Haifischhaut überzogen war. Er machte alle Bewegungen mit einer eindringlichen Langsamkeit, so daß Wenk viel Zeit zum Beobachten blieb. Das ist ja eine chinesische Brille, sagte er sich auf einmal, sich an China erinnernd, wohin er vor dem Krieg einmal eine Reise gemacht hatte. Die plötzlich auftauchende Erinnerung war so heftig, daß er laut aussprach, was er sich eigentlich nur hatte für sich selber sagen wollen.
Der Professor saß ihm gegenüber, nickte ihm ernst zu und sagte mit einer Stimme, die hart war und die er nicht aus so greisenhaftem Mund erwartet hatte: »Sie ist aus Tsi nan fu!«
Er wiederholte betonend und skandierend: »Tsi ... nan ... fu ...« Als sei der Name ein Lied und Erinnerung dahinter, die hart auf ihn einströme und die er im Klang des fremden Wortes genösse. Er schaute dazu Wenk an, als werfe er ihm einen Schlag zu aus seinen hinter den Gläsern vergrößerten Augen.
Wenk war sofort in einem besonderen Verhältnis zu dem alten Professor.
»Tsi nan fu!« sagte die harte Stimme nochmals, wie mit einer besonderen Bedeutung; ja so, als wolle er mit den drei Silben nach etwas werfen, nach immer demselben unsichtbaren Ziel hinter Wenk. Dreimal denselben unsichtbaren Punkt in der Dunkelheit treffen, die sich jenseits des Lichtkreises der Lampen über seiner Stirn errichtete wie eine Öffnung in der Wand.
Wenk griff unwillkürlich mit der Hand an seinen Hinterkopf und schaute sich einmal um. Schaute er nach dem Ziel der drei Silben? Hatten die drei Silben, fremd und aus fremdem Mund wie rote Bälle kommend, das Ziel getroffen?
Wie Wenk sich so umschaute, sah er, daß hinter seinem Spielnachbar die Frau saß, der er bei Schramms zu der sonderbaren Flucht verholfen hatte. Es schien ihm, als blicke sie ihn spöttisch an. Er wußte nicht, wie er sich zu ihr benehmen sollte. Da fühlte er an seinen Fingern die Spielkarten, die ihm inzwischen hingelegt worden waren. Aber als er sich daraufhin dem Tisch wieder zukehrte, um die Karten aufzunehmen, ward er schläfrig. Dunkel spürte er, daß die starren Augen des Professors schuld an dieser Schläfrigkeit waren. Er vergaß die schöne Frau.
Wenk verscheuchte diese Schläfrigkeit. Er setzte sich steif auf und schaute auf die grüne Haifischhaut der chinesischen Brillenschachtel. Es war ihm, als lägen die durch das Glas so sehr vergrößerten Augen des alten Gelehrten auf ihm, verschwimmend, und eine dämmerige Erinnerung an einen Reisetag entstieg ihnen und verflog in Wenks Bewußtsein. Eines Morgens auf seiner Reise nach China schaut er durch das Ochsenauge seiner Kabine und sieht ein dünnes Ufer wie ein Staubband zwischen dem Meer und dem Himmel. Das ist die Mündung des Jangtsekiang. Ja, des Jangtsekiang ...
Wenk nannte eine Summe, der Erinnerung folgend. Er gewann und ließ das Geld stehen. Eine wohlige Erschlaffung begann sich in seinem Körper einzunisten. Wenk streckte sich aus und genoß sie.
Dann wurde er wieder wach, spielte und beobachtete. Das Bankhalten ging reihum. Es war Wenk, als erwarte er nur den Augenblick, daß der alte Herr die Bank übernehme. Er fragte sich: Weshalb erwarte ich das? Das ist sonderbar, daß ich das erwarte! Es gibt Regungen, die man nicht bis zu ihren letzten Wurzelfasern verfolgen kann.
Wenk entschied sich, daß er das erwarte, weil ihm der Professor durch die chinesische Brille, durch seine ganze hier so fremde Erscheinung interessanter sei als alle andern, und daß dies Erwarten einem Gefühl der Anteilnahme und Sympathie entspränge.
Je weiter der Abend voranschritt, um so inniger und vorherrschender wurde die geheime Bindung, in die er zu dem Unbekannten geriet. Es ist kindisch, sagte er sich noch, es ist sentimental. Es ist jugendlich! Wohin wird das geraten?
Da übernahm der alte Herr die Bank, und es ging wie eine Erlösung durch Wenk ... wie die Erlösung von einer unsinnigen und unnatürlichen Spannung. Jetzt wird alles in Ordnung ausgehen, sagte er sich. Er setzte eine kleine Summe und wollte damit betonen, daß er sich nicht als Gegner des Bankhalters empfinde, daß er nur für die Form gegen ihn mitmache ...
Er gewann. Er hatte acht. Und stellte dann fest, daß er eine viel höhere Note gesetzt, als er beabsichtigt hatte. Deshalb schob er Einsatz und Gewinn zu neuem Einsatz hin.
Er zog einen König und eine Fünf. Er kaufte bei einer Fünf nie eine Karte hinzu. Das war so feststehend in ihm, daß, als die Reihe an ihm war, Ja oder Nein zu sagen, er überhaupt nichts sagte.
»Sie nehmen!« hörte er auf einmal in seine Zerstreutheit hinein. Es war eine große, gewaltvolle Stimme, die das sprach. Sie klang fast wie ein ihn bedrohendes Erbrausen. Aber es war ihm sonderbarerweise, als käme sie von dort, wo vorhin die drei Laute »Tsi nan fu« das unsichtbare Ziel getroffen hatten.
Da flüsterte Wenk verschüchtert: »Bitte!« Im selben Augenblick fuhr er gegen eine innere Zersplitterung auf. Aber es war zu spät. Er hatte eine Fünf bekommen, die, zu den fünf gezählt, sein Spiel wertlos machte.
Der Bankhalter deckte für sich eine Vier mit einer Dame auf, zu denen er keine Karte genommen und infolgedessen gewonnen hatte. »Der Onkel aus der Provinz verliert!« hörte Wenk eine Frauenstimme.
Wenk war erstaunt über die flüchtige Begebenheit. Er drehte sich noch einmal herum und schaute in die Dunkelheit hinauf. Dann wurde er unruhig. Und zugleich war es ihm, als senkte sich ein Flügelschlag über seine Augen. Flügelschlag, sagte er sich, als das Bild erschien. Ja, er saß doch in einem Vogelkäfig. Er bekam sieben.
Das ist nichts, redete ihm etwas ein, obschon es fast sicher gewonnenes Spiel war. Aber Wenk widerstand und sagte deutlich: »Keine Karte!«
Ihm war es, als fielen ihm die Augen zu über der Anstrengung, dieses Nein gesagt zu haben ... Dünne Stäbe versuchten sich wie Gitter durch seine Augendeckel zu rammen, um sie ganz zu schließen.
Da, in einer letzten Auflehnung seines Willens gegen die unnatürliche Müdigkeit erkannte er, wie die Hand des Professors auf den Karten lag. Sie drückte sich mit einem leisen Erzittern an die obere Karte an, inbrünstig sie an ihn abgeben wollend, und es ging ein heimlicher, heißer Strom von dieser Hand auf ihn über, der ihn zwingen wollte, die Karte zu nehmen, obgleich er schon Nein gesagt hatte.
Mit dieser Erkenntnis wurde er plötzlich ganz wach. Er empfand, als sänken hinter seinen Augen Ketten durch, die bestimmt gewesen waren, seinen Geist zu fesseln, und mit offenen Augen schaute er den Professor an, auf einmal von einem unbegreiflichen, gierigen und aufreizenden Mißtrauen gegen ihn befallen. Er war versucht, aufzuspringen und die bebenden Finger von der Karte fortzuschlagen.
»Sie nehmen!« sagte die harte, große Stimme, wie einen Befehl. Es war dieselbe Stimme, die er vorhin gehört hatte.
Da antwortete Wenk, übermäßig laut, sich vergessend und unwillig: »Nein, ich habe schon gedankt!«
Die vergrößerten Augen in den Scheiben der Gläser blieben stehen, lagen einen Blutschlag lang auf ihm, sprangen zurück wie Hunde vor einem mächtigeren Angreifer. Der alte Herr legte sich etwas nach vorn, bat um Wasser und Kognak und in rascher Folge darum, das Spiel aufgeben und die Bank abtreten zu dürfen. Ein plötzliches Unwohlsein ...
Alle kümmerten sich um ihn, scharten sich um seinen Platz.
Wenk blieb sitzen. Er war betroffen durch den Zusammenhang seines kleinen Erlebnisses mit dem Schwächezustand des Greises. Hing das zusammen? Er fühlte sich verantwortlich für das Zusammenklappen des alten Herrn. Irgendwo in seinem Unterbewußtsein deckte sich verdunkelt eine Vorstellung auf, als habe er mit jenem einen Kampf ausgefochten, und die Folge sei nun das Unwohlsein. Er überlegte, wie er helfen könne ...
Da langte er in die Westentasche und suchte das Fläschchen mit Englischem Salz hervor. Er nahm den Stöpsel ab und hielt es hinüber, indem er sagte: »Vielleicht Englisches Salz? Ich habe grade ...«
Aber da war er sehr erstaunt zu sehen, daß der alte Herr schon fort war.
Das jähe Mißtrauen von vorhin kam zurück. Er erhob sich rasch und drängte sich durch die herumstehenden Spieler. Er wollte dem Manne nach und ihn einholen. Einer erhob die Hand gegen ihn und sagte etwas Unverständliches, als sei er, Wenk, schuld am Zustand des alten Herrn Professors. Aber Wenk fuhr mit der Hand zu seinem Revolver in die Brusttasche. Die Carozza trat ihm entgegen. Er umging sie hastig, den anderen mitziehend. Mit der freien Hand löste er dann den fremden Griff gewaltsam, all seine Kraft einsetzend, von seinem Arm. Befreit eilte er in den Flur hinaus, der lang und halb verdunkelt seitwärts aus dem Haus ging. Er hörte, sobald er ihn betreten hatte, Schritte hinter sich, hastete weiter, schloß eine Tür hinter sich ab, die er durchgehen mußte, und mündete bald in die Nebengasse, wo die Automobile warteten.
Im Schein einer Laterne bemerkte er noch den alten Herrn, nun keineswegs mehr gebückt, sondern mit kräftiger Eile in eines der Autos steigend.
Seinen eigenen Chauffeur sah er auch schon das Fahrzeug ankurbeln. Er rief ihm leise zu: »Hinter dem dort her!«
Sie flogen ihm nach. Es war ein großer, überlegener Wagen. Aber da es noch früh am Abend war, war viel Verkehr in den Straßen. Der andere konnte seine volle Schnelligkeit nicht geben, und sie blieben hintereinander hängen. Bald wurden sie in eine Kette von Autos und Wagen eingeschlossen, die von einem Theater kamen, und Wenk konnte bequem und unverdächtig bis zum Palasthotel folgen. Vor diesem Hotel hielt der Wagen des Professors. Bevor noch Wenks Fahrzeug stoppte, sah Wenk den andern hastig in die Hotelhalle hineingehen. Er drehte sich einmal ganz flüchtig um. Wenk eilte ihm nach.