Dr. Mabuse, der Spieler

Part 5

Chapter 53,768 wordsPublic domain

Als Mabuse aufschloß und im Flur das Licht andrehte, sah er, daß Spoerri in der Tracht eines Mönches war. »Es ist nebensächlich,« sagte Spoerri. »Ich mußte heute rasch in die Schweiz hinüber, und drüben im Rheintal ist die Kutte besser als ein ungefälschter Grenzschein. Der letzte von mir liegt in St. Gallen. Sie wissen ja, daß ich dort vorzeitig abreisen mußte. Ich hatte aber bei Xaver die Listen. Die brachte er mir heute nach Altstätten. Das kann man doch nicht mit der Post schicken, heutzutage.«

Sie saßen dann in dem großen getäfelten Speisezimmer. Georg brachte ein Nachtessen, das er zubereitet aus München mitgenommen hatte. Er hatte es auf dem elektrischen Herd aufgewärmt. Noch essend, sagte Mabuse: »Wir liquidieren am Bodensee. Die Verluste sind fünf Punkte höher als an Land, nach den Listen, die geführt wurden. Ich habe fünf Millionen Stücke italienischer Fünf-Lire-Stücke aufkaufen lassen. Sie kommen nach Südtirol, müssen über Vorarlberg nach der Schweiz geschafft werden. Organisieren Sie das, Spoerri. Der italienische Mittelsmann ist Dalbelli in Meran. Sie müssen morgen hinreisen. Ich gebe einen Monat Zeit. Damit fangen wir dann zugleich das neue Gebiet an. Die Schweiz ist jetzt scharf gegen Silbereinfuhr. Darum ist die Konkurrenz im Einkauf schwächer. Man bekommt genug Fünf-Lire-Stücke in Italien. Ich habe es auch mit französischem Silber versucht. Aber seit dem Frieden von Versailles ist in Frankreich eine unmögliche Bande in die Geschäfte hineingekommen, die niemandem etwas gönnt, weil sie früher keine Kaufleute gewesen sind. Haben Sie sich gemerkt?«

Spoerri nickte und rechnete heimlich.

»Warten Sie mit dem Rechnen, bis ich alles gesagt habe,« fuhr Mabuse ihn scharf an.

Spoerri schaute verwirrt auf.

Mabuse fuhr fort: »Mein Vertrauensmann in der Regierung hat mich darüber unterrichtet, daß die Zwangswirtschaft auf Fleisch im nächsten Monat in Bayern beseitigt wird. Die Tatsache wird noch geheimgehalten. Die Preisunterschiede zwischen Bayern und Württemberg sind enorm und werden die erste Woche wenigstens nach der Aufhebung bedeutend bleiben. Aber gut ist, man kauft jetzt schon auf. Notieren Sie sich, daß ich bis zehn Millionen Mark darin anlege. Soviel man bekommt, kaufen. Baldauff ist tüchtig. Sie fragen Mägerle in Stuttgart wegen der Abnahme an. Daß beizeiten für die Kleinarbeit des Hinüberbringens genügend Leute mobil sind! Es muß alles am dritten Tage nach der Ausgabe der Verordnung erledigt sein. Es wird sich um tausend bis zwölfhundert Stück Großvieh handeln. Man schaut wieder etwas auf Qualität. Kein Kleinvieh. Das Risiko ist zu groß. Rechnen Sie es selber aus, bevor Sie Weiteres darin vornehmen. Es sind 30 Prozent mehr zu lösen. Davon können 10 Prozent als Ausgaben verwandt werden. Sie müssen genauer rechnen als das letztemal beim Salvarsan.«

»Ich hatte dabei nicht ...«

»Ich weiß; wie gesagt, nicht genau gerechnet. Pesch scheidet aus. Lassen Sie ihn von der Beseitigungskommission scharf bewachen. Er ist impulsiv. Es darf bei dem geringsten Anzeichen nicht gefaxt werden. Er kann zu Haim gehenkt werden. Man hat den noch heute nicht gefunden ... Wie teuer haben Sie das Cer-Eisen bezahlt?«

»Es war teurer als ...«

»Es ist immer alles teurer, als ... Polen oder die Sowjets können es draufschlagen. Wie teuer?«

»Fünfzig Mark!«

»Also fünfzig Schweizer Franken. Sie müssen es haben. Keinen Rappen nachgeben!«

Es pfiff im Sprachrohr unter dem Tisch. »Ja, Georg,« rief Mabuse hinein. »So ... gut. Die >Rhein< ist da, Spoerri. Georg, Sie steuern. Die Wertpapiertasche nicht vergessen. Schluß! Sie reisen doch ohne jede Gefahr nach Zürich, Spoerri?«

»Sobald ich über die Grenzkontrolle bin, ja! Ich reise dann weiter als Pater.«

»Wenn Sie mit der >Rhein< fahren, brauchen Sie doch keine Grenzkontrolle, Sie übernehmen die Aktentasche und bringen ihren Inhalt auf meine Bank. Konto: Ingenieur Salbaz de Marte. Hier ist die Liste: eine Million Deutsch-Luxemburger, zwei Millionen Deutsch-Überseer, fünfhundert Stück Tausendmarkscheine. Diese gleich in Milreis umwechseln. Es ist günstiger als über Dollars oder Schweizer Franken. Benachrichtigen Sie Doktor Ebenhügel, daß neue Papiere im Depot sind. Ich lasse ihm sagen, die erste Konjunktur benutzen und verkaufen, gegen Milreis ... Es ist noch eine schwierige Sache zu erledigen: die Ablösung der Leute am Bodensee, die für mich tätig waren. Wenn sie verdienstlos werden ...«

»Viele wollen sowieso nicht mehr mitmachen,« sagte Spoerri.

»Ich weiß. Das sind die, die satt geworden sind. Sie sind nicht zu fürchten. Sie haben sich mit meiner Hilfe ihre Häuser schuldenfrei gemacht. Aber die Not zwang mich manchmal wahllos zu sein. Alle, die kein eigenes Haus haben, nicht aus den Augen lassen! In Konstanz ist das Pulverfaß. Da wohnen die jungen Burschen. Wenn wir ihnen den üppigen Verdienst entziehen, sind sie plötzlich nichts mehr als Gauner, sitzen in acht Tagen im Gefängnis und reden in der Wut. Sprechen Sie noch mit Georg darüber, was dort zu machen ist. Er soll morgen hin. Am sichersten wäre, sie in die Fremdenlegion abschieben. Gehen Sie Magnard aufsuchen, sobald Sie von Zürich und Meran zurück sind. Auf das Kopfgeld verzichten Sie natürlich nicht. Sie geben es Georg, damit er es unter die Betroffenen verteilt ... Beauftragen Sie Böhm, die drei Motorboote zu verkaufen, die wir außer der >Rhein< noch auf dem See haben. Der trägt noch immer an der Mütze die Fassade des Königlich Württembergischen Yachtklubs. Darunter geht das unauffällig. >Rhein< bleibt in der Nähe, für alle Fälle. Das Boot kann sechzig Kilometer machen, wenn es ihm aufs Steuer brennt. Wir gehen!«

Georg wartete draußen. Die drei Männer tasteten sich durch die Dunkelheit des Parks zum Steg. Sie hörten schon den Motor leis atmen.

»Man hat meinen Befehl ausgeführt: Es ist nichts an Bord?« fragte Mabuse.

»Außer dem Cer-Eisen, nichts!«

»Hinaus damit. Ich bin kein Alteisen-Trödler!«

Georg lief voran. Drei Männer arbeiteten in der Finsternis. Dann stiegen Mabuse und Spoerri ein, und das Boot fuhr gleich los. Es fuhr vorsichtig unter der niederen Nacht. Kaum wagte der Motor zu pusten. Leis schütterte die Kabine, in der Mabuse sich in seinen Pelz hüllte. Dann ging er auf die hintere Plattform hinaus und dann ungeduldig zum Motor nach vorn.

Als sie eine Weile fuhren, horchte er hinaus. Es war ihm, als hörte er einen Lärm. Der Lärm perlte durch die Geräusche des eigenen Bootes an sein Ohr. »Halt!« befahl er.

Georg stoppte. Da verging der Lärm draußen. Man fuhr wieder an. Es geschah alsbald, daß auch der Lärm auf dem See um sie von neuem klang ... bald rechts, bald links ... Mabuse ging auf die Plattform, wo das Geräusch des Motors weniger stark war. Da hörte er es ganz deutlich.

Wir sind verfolgt oder wenigstens beobachtet, sagte er sich. Ist das schon der Staatsanwalt Wenk? Ruhig und trotzig bereitete er seine beiden Pistolen. Er überlegte, was er tun sollte, wenn ihn die Verfolger anriefen. Er bemühte sich, in der Finsternis die kleine Flagge zu erkennen, die am Heck der >Rhein< flatterte. Aber es war zu dunkel.

»Spoerri!« rief er leise in die Kabine.

Als Spoerri kam, fragte er: »Als was fahren wir? Horchen Sie, wir sind verfolgt!«

»Nein, nein,« sagte Spoerri, »wir fahren als Schweizer Wachtboot. Ich habe Warnung, daß die Deutschen heute mobil sind. Da habe ich die drei anderen Boote herbeordert. Eines fährt hinter uns, die beiden anderen rechts und links. Es käme niemand durch. Wir sind schon im Schweizer Fahrwasser.«

»Wieviel verdienen Sie im Jahr bei mir, daß Sie soviel Sorge um mich haben?« fragte Mabuse mit einem gehässigen Ton.

»Genug!« antwortete Spoerri. »Aber es ist nicht deshalb.«

»Es ist aus Liebe!« geiferte Mabuse. »Wollen Sie mit mir schlafen gehen? Oder ist es die reine Nächstenliebe, die seit dem Kriege euch Schweizern so gut steht?«

»Nun ja«, sagte Spoerri nur.

»Ich habe dreiundeinehalbe Million bei mir in der Aktentasche. Wenn Sie wagten, mich zu erwürgen, täten Sie es. Aber Sie wagen es nicht. Das ist alles. Das ist die ganze Menschlichkeit und Liebe, Sie haben im letzten Jahr von mir 85677 Mark bekommen, und nebenbei ... genügt das Ihnen, kein Mordsgelüst gegen einen Menschen zu haben?«

»Ja!« antwortete Spoerri einfach.

»Dann sind Sie ein Knecht. Mein Knecht. Hören Sie: mein Knecht!«

»Ich höre!«

»Soll ich dich ins Gesicht schlagen? Nein, ich bringe meine Haut nicht in Berührung mit deinem Knechtsfell. Ich spucke nur durch die Luft!«

»Über Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der Bodensee hat keinen ^point d'honneur^.«

»^Point d'honneur^ ist ein fabelhafter Ausdruck. Ein Point ist so groß wie eine halb ausgetretene Wanze. Genau so groß wie die Ehre der Menschen. Was? Ihre auch, ha? Sie haben wohl solch eine Ehre, wie sie der Bodensee nicht hat?«

»Ich habe sie nie gemessen!«

»Sprechen Sie anständig mit mir. Ich vertrage Ihren Käsewitz nicht ...«

»Wir kommen aufs Ufer zu.«

»Weichen Sie nicht aus, Sie!«

»Nein!«

»Sie!« rief Mabuse unterdrückt, aufquellend in jäher Erbosung. »Ich spüre, wie der Haß aus meinen Fingerspitzen sprüht. Ich drücke Sie Ihnen an den Hals, Sie ... Sie Hund ... Sie Menschengehunds. Als seien Sie ein elektrischer Draht in einem amerikanischen Hinrichtestuhl. So fallen Sie um, Sie jämmerliche Kreatur.«

In diesem Augenblick stellte der Motor ab. Der Lärm der Boote hinter ihnen war seit einer Weile verstummt. »Weshalb fährt er nicht mehr. Habe ich befohlen?« fragte Mabuse jähzornig.

»Es ist kein Signal am Ufer!«

Da kam Mabuse zu sich. Er stand auf, knirschte mit den Zähnen und fragte: »Was ist los?«

»Wir müssen warten. Säuli ist sonst zuverlässig. Es ist etwas los.«

»Warten wir! Haben Sie die Waffen bereit?«

»Ja, wenn das Signal nicht kommt, wäre es besser, wir gingen ins Beiboot. Wir könnten dann zu den anderen Booten zurückrudern.«

Hinter Romanshorn begann ein Scheinwerfer aufzudrehen. Er warf einen Lichtbalken in den Himmel. Der Balken senkte sich, die Finsternis durchtastend, genau suchend und verweilend, nach der Seemitte aufs Wasser. Bald stieg er wieder rasch in den Himmel und fiel erbarmungslos auf die Stelle zu, wo Mabuses Boot hielt.

Mabuse zitterten die Fußgelenke vor Spannung.

Aber auf einmal blieb die Säule von Licht an einem hervorstehenden Haus in Romanshorn hängen, dort, wo auf dem Hügel am Ufer die neue Kirche war. Daraus sahen sie im Boot, daß das andere Fahrzeug weit hinter Romanshorn sein mußte und keine Gefahr bedeutete. Ihr Boot blieb im Dunkel. Im Bahnhof am Ufer hingen weit verteilt einige Bogenlampen. Ihr Schein spielte fern auf dem schwarzen Wasser, wie blaßleuchtende Leichen schaukelnd, vergehend, wieder emportauchend.

Da sagte Mabuse streng: »Nein, wir bleiben! Sagen Sie Georg, er solle die Luftdruck-Mitrailleuse an den Motor anschalten.«

Spoerri ging.

Unter dem Polster war ein Giftgas-Apparat. Mabuse zog den Schlauch hervor. Der Wind kam von Südosten, also dafür aus guter Richtung. Er bereitete für sich und seine Begleiter die Masken und versuchte den Öffnungshahn.

Da erschien am Ufer ein Licht, verging schnell, kam wieder, zuckte fort und blieb dann.

Der Motor knurrte wieder an. Bald fuhr das Boot in den Bach hinein, zwang sich zwischen Bäumen weiter und stieß dann sacht an. Der Motor schwieg, und ein Mann reichte vom Land aus ein Tau.

Dann hörte Mabuse den Namen Dr. Ebenhügel. »Ja,« sagte Mabuse, »er soll ins Boot kommen.«

Eine Gestalt trat aufs Boot herüber. »Doktor Mabuse, ich, Ebenhügel. Ich komme gerade von Zürich. Mein Auto ist schuld, daß Säuli das Zeichen nicht pünktlich gab. Die Grenzer-Automobile spuken jetzt jede Nacht herum. Bekamen Sie mein Telegramm? Es ist etwas los. Der Schreiber hat gewarnt. Er konnte nicht sagen, was es ist. Er erfuhr nur aus einer Antwort seines Bureauvorstandes, daß es über das Generalkonsulat in Zürich von der Münchner Staatsanwaltschaft kam.«

»So,« sagte Mabuse, mit zusammengedrückten Zähnen, »das ist der Staatsanwalt von Wenk. Warte, Herr Staatsanwalt von Wenk!« Dann wandte er sich an Ebenhügel: »Ich war nie ohne Gefahr und bin nie darin untergegangen.«

»Ich wollte sagen, daß man nur von München aus die Gefahr neutralisieren kann. Es soll nicht heißen, wenn etwas schief geht, wir in Zürich seien schuld daran.«

Mabuse antwortete schroff: »Wie sprechen Sie?«

»Die Sache ist für mehrere Menschen wichtig.«

»Für wen denn noch?«

»Zum Beispiel für mich!«

Mabuse zog eine weitläufige wegschiebende Gebärde durch die Luft. Ebenhügel sog geräuschvoll die Luft ein.

»Ich habe nicht getrunken,« fuhr ihn Mabuse an. »Wie können Sie mich wegen einer solchen Nichtigkeit diese Reise machen lassen!«

»Ich hielt es für wichtig, Sie selber zu unterrichten. Alle Post wird heute kontrolliert, Menschen sind unzuverlässig.«

»Wer bezeugt mir, daß Sie zuverlässig sind? Sie sind auch ein Mensch.«

»Unsere gemeinsamen Interessen, Herr Doktor. Ich wollte nur sagen, die Gefahr droht von München aus. In der Schweiz wären Sie sicher. Sie haben ja Reichtümer aufgestapelt, die Ihnen erlauben, in jedem Land zu leben. Bleiben Sie hier. Bei uns sind Sie sicher.«

»Was wissen Sie davon? Sie haben mein Vermögen zu verwalten, sonst nichts. Nur zu verwalten! Basta! Noch etwas?«

Der Rechtsanwalt berichtete über seine letzten finanziellen Operationen für Mabuse. Mabuse nahm die Aufzeichnungen, die jener mitgebracht hatte, an sich. Er schritt dann am Bachufer fünf Minuten auf und ab, allein, um sich nach dem langen Fahren zu ergehen.

»Ist Spoerri noch da?« fragte er. »Sie brauchen dann nicht nach Zürich zu reisen,« sagte er ihm. »Ebenhügel nimmt die Mappe mit. Wir fahren zusammen nach Schachen zurück.«

Auf der Rückfahrt vermochte Mabuse nicht sitzen zu bleiben. Er ging ununterbrochen auf der kleinen Plattform hin und her. Ein Lichtzeichen blitzte vor ihm auf. Die drei Konvoiboote pochten wieder um sie. Ihr Lärm ging verborgen in der Finsternis wie von Geistern.

Mabuse telephonierte durchs Sprachrohr nach vorn: »Georg, Kognak!« Das hörte Spoerri, und er erschrak.

Mabuse trank in der halben Stunde, die die Fahrt dauerte, die Flasche leer. Er war betrunken, als sie an Land gingen. Er torkelte durch die Finsternis dem Hause zu, den andern voran, die nach seinem Befehl fünf Minuten warten mußten, bevor sie ihm folgten. »Wir trinken weiter,« befahl er im Speisezimmer. »Bring! Georg!«

Spoerri überfiel ein Gruseln. Er wußte, wie es ging. Der Doktor wurde, je mehr er trank, immer nüchterner und grausamer. Spoerri selber mußte sich bis zur Bewußtlosigkeit betrinken. Sie tranken nun Sekt zur Hälfte mit Kognak gemischt.

»Das ist aufgelöstes Gold,« stammelte Mabuse. »Her! Größere Gläser! Georg! Die Pokale! Spoerri, ein Zug! Reisläufer-Sohn! auf einen Zug! Hundeblase, hinab! In deine Hundeblase!« Er trank vor. »Gefehlt!« schrie er, da er vor Spoerri fertig war. »Noch einen! Du mußt kotzen! Ich muß dich kotzen sehn! Deine Seele ausspucken sehn, du halbverdautes Menschenaas!«

Spoerri trank, und in den Augwinkeln drehte alles kopfüber in eine Tiefe hinab, in die er selber zu fallen drohte.

»Hast du gehört, der Herr von Wenk? Staatsanwalt in München! Dein Notizbuch! ... Beseitigungskommission ... Befehl des Generals, nein des ... Fürsten ... Staatsanwalt Wenk. Nein, warte ... Zuerst der Herr Hull. Der fing an ... Spoerri, Landsknecht, Gedärm, sauf'! So wie ich! ... Ja ... Hull, Hull, schreib': Gerhard Hull! Hubertusstraße 34. Ab mit ihm! Der Reihe nach. Der zuerst! Wie sie's selber gemacht haben. Georg macht es. Du hilfst! Die Carozza fädelt es ein. Such' Helfer! Schreib'! Befehl des ... Fürsten! Trink' ... Du ... des Fürsten, hast du? Hä, welches Fürsten, Gedärm, beschmierter Stiefel, welches Fürsten? du ... des Fürsten, des Kaisers von Eitopomar in Süd-Brasilien. Ein Wort aus seinem Mund, und tausend Weibern bluten die Rippen, und fünfhundert Männer können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebärde! Grinse nicht, oder ich kastriere dich mit dem Glasscherben!«

Er zerschlug seinen Pokal und bedrohte Spoerri mit den Scherben. »Schreib' i... ich,« stöhnte der, »schreib' i... ich schon.«

»Tausend Weiber und fünfhundert Männer!« schrie Mabuse.

»Doktor?« fragte Spoerri zaghaft und durch seine sinnenfressende Betrunkenheit voll Dumpfheit erschreckend. »Weiß i... ich jetzt nicht ... weiß ... Hull! Ich? Hubertusstraße 34 ... Ich? Ist dir ernst, Doktor?«

Da stand Mabuse auf einmal, so betrunken er war, kerzengrad. Er brüllte: »Dir?« Dann schlug er Spoerri von oben herab mit der Faust auf die Stirn, daß der mit seinem Stuhl langhin auf den Boden fiel.

»Will schlafen gehn, Georg!« schrie er hinaus, von Wut zersprengt. Er ließ Spoerri bewußtlos liegen, wie er hingefallen war, und ging.

Am nächsten Morgen saß Spoerri schon im Eßzimmer, als Mabuse kam. Mabuse hatte im Bett gefrühstückt. »Zeigen Sie Ihre Notizen!« befahl er barsch.

Er durchflog sie, fand Hulls Adresse mit trunken fallenden Buchstaben dazwischen geschrieben und gab Spoerri das Buch zurück.

»In Ordnung!« sagte Mabuse.

Spoerri umkroch ihn wie ein Hund auf der ängstlichen Lauer vor der Stiefelsohle.

Das tat Mabuse wohl. Das beruhigte und versöhnte ihn. Er wurde gesprächig. Spoerri ging es auf wie ein taubes kleines Glück, daß der Herr freundlich zu ihm ward, daß der furchtbare Wille, der aus dem großen Kopf dieses machtvollen Mannes auf ihn hämmerte, freundliche Worte für ihn herausbrachte und ihm Anerkennung gab.

»Spoerri,« sagte Mabuse, »ich geh' mit Ihnen nach Konstanz. Es ist wichtig, daß die jungen Leute uns keine Dummheiten machen!«

Da leuchtete Spoerri. »Ja, wenn sie den Herrn Doktor sehen, dann ist nichts zu fürchten.«

Die beiden blieben tagsüber in der Villa. Mabuse trank, zwang Spoerri aber nicht mehr mitzutun. Vor dem Mittagessen schon war er betrunken.

Spoerri war, müd in Hirn und Blut von dem schweren Rausch der vergangenen Nacht, auf eine überweiche Art um Mabuse besorgt. Er versuchte heimlich mit naiven Kniffen, ihn vom Trinken abzuhalten. Aber Mabuse merkte das bald. »Weg da! Die volle Flasche her! Daß das nicht noch einmal versucht wird!« sagte er.

Er mußte trinken. Er trank und feuerte seinen bösen, starken Geist an. Seine Phantasie fand im Rausch die Einfälle der großen Geschäfte, wenn sie von seinem Willen alle Ablenkung nach außen fernhielt und der Rausch ihn in sich selber einschloß wie in eine Burg aus Tausendundeiner Nacht.

Das verstand niemand. Der Alkohol war ihm ein Märchenerzähler, war ihm der Strom, der in der Tiefe den Saft des Lebens trug und zum Schöpfen hinreichte. Er badete in ihm wie in der Liebe zu einer Frau, in fließenden Abspannungen, neue Bahnen erspringend, ununterbrochen. Löste alle Gesetze auf und ließ ihn im Eignen uneingeschränkt, hemmungslos wachsend, über alle Grenzen sich dehnen ... sein eignes System, seine eigne Welt und Sonne.

»Spoerri, wie gefällt dir Europa?« lallt er.

»O gut, Herr Doktor!« antwortet Spoerri entgegenkommend unbesonnen.

Da brüllt Mabuse ihn an: »Du gehst nicht mit nach Eitopomar, meinem Reich! Europa ist eine Filzlaus. Einer kriecht dem andern ins Fell. Alle überkriechen sich. Sie ertränken sich mit Petroleum. Alle die Filzläuse, die Schmarotzer, die Stinker, die Heimlichen, die Hautjucker. Mit Petroleum, weil sie wissen, daran krepiert man nicht. Eine Hautpore ist schon ein Krater für sie. Aber wenn ich in Eitopomar sein werde ... Spoerri, du gehst nicht mit! Ich geh' jetzt schlafen. Bis nachher.«

Mabuse torkelte hinaus. Im Schlafzimmer auf seinem Bett, angekleidet, ließ er noch einige Minuten, als sei er selber Weltall, befreit von Grenzen und Räumen, die Ausbrüche seines Willens über sich fließen, Lava und Urschlamm, kochend durch tausend Nächte dem einen Tag entgegen, der ihm in dem fernen Reich alle Macht über Leben und Tod von Tieren, Wäldern und Menschen in seine beiden gierigen Hände geben sollte.

Abends, als die Dämmerung eingebrochen war, fuhren sie nach Konstanz.

Mabuse war nüchtern, schweigsam und mürrisch. Seine Vorstellungen bearbeiteten schon mit harten Schlägen, die in seinen Nerven fühlbar widerzitterten, das Rudel junger Burschen, das in dieser Stadt, die in die Grenze eingespießt lag wie eine Zecke, seit dem Waffenstillstand für ihn tätig gewesen war. Von dieser selben Stadt aus hatte er begonnen, als der Krieg ihn aus dem eignen und selbstherrlichen Reich seiner Pflanzung auf der Salomonen-Insel nach Europa zurückgeworfen hatte und er sich hier mit der sprengenden Macht seines Willens nicht besser zurechtfand als damals, da er, nach dem Examen, die Südsee gegen eine Arztkarriere in einer süddeutschen Stadt getauscht hatte.

VI

Wenk erwachte an einem Gefühl von Kälte, das ihn mit Schauern überhüpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich. Ein taumeliges Gefühl bohrte sich, noch Erinnerungen erstickend, durch seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die Schloßgebäude durchleuchteten die Nacht.

Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mußte rechts und links und hin und her springen, um seinem Körper wieder Wärme zuzuführen. Wie spät war es?

Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen. Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein Notizbuch. Er war einem Räuber in die Hände gefallen. Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit dem Leben davongekommen war?

Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er faßte sich an den Kopf und drückte die Schläfen fest, um des verzweifelten Gefühls Meister zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Pläne ... Das erste, was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze Geschichte mit Hulls 20000 Mark stand ...

Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen könnte! Er stürmte, daß ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nächsten Bahnhof? Aber wie spät ist es? Vielleicht ist es fünf Uhr, vielleicht erst eins! Und der erste Zug? Warten ... vier, fünf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof warten!

Sollte er nicht jemand im Schloß wecken? Dann müßte er erzählen.

Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen, als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von seinem Sitz aus. Natürlich war es so!

Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte.

Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen! Weshalb nur in ein betäubendes Gas?

Sollte es eine Warnung sein?

Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde! Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.