Dr. Mabuse, der Spieler

Part 19

Chapter 193,854 wordsPublic domain

Weshalb, fragte sich Wenk unter dem Strom von Bildern, die aus diesen Erinnerungen aus ihm auftrieben, denke ich jetzt an diesen verkleideten Professor? Weshalb gerade an den Professor und nicht an Mabuse in einer andern Gestalt, zum Beispiel in seiner wirklichen Gestalt, wie ich sie von dem Abend im Saal der Vier Jahreszeiten gut in Erinnerung habe?

Mabuse als Suggestor! Welche Kühnheit! Als öffentlich auftretender Suggestor! Ob Mabuse von ebenso verblüffenden Fähigkeiten war wie Weltmann, und ob Weltmann ein ebenso von Abgründen durchhöhlter Verbrecher war wie Mabuse? fragte sich Wenk. Immer weiter, unklarer und unwirklicher verglitten ihm die Gedanken. Es waren keine Gedanken. Es waren Dunstgebilde, die aus einem Druck dieser zerreibenden Augen da oben seiner Phantasie entströmten und vor seinem Hirn durchtrieben.

Er versuchte und richtete dabei seine Blicke mit zwingender Starrheit auf Weltmann, diesem einen langen, rotblonden Bart umzuhängen, wie jene erste Form, in der Mabuse an seinen Weg getreten war, sie gehabt hatte.

Und da wußte Wenk auf einmal über einen Weg unerkenntlicher Zusammenhänge, woher er die Situation mit dem Spieler kannte, der seine Karten, ohne zu halten, wegwarf, obschon er einundzwanzig und von vornherein gewonnen hatte. Er kannte sie aus der Erzählung des ermordeten Hull. Er hatte sie nach der ersten Unterhaltung mit Hull in seinem Notizbuch wörtlich aufgezeichnet. Sie standen auf einer der ersten Seiten des Buches, das der Chauffeur Mabuses ihm aus der Tasche genommen, als er ihn nachts im Schleißheimer Park abgesetzt hatte. Ja, die Form, an der es blutete, war Hull selber. Sie lehnte sich jetzt über Wenks Stirn wie eine Trauerweide. Leise rannen und raunten die bluttropfenden Blättlein: Von mir ... Hull! Von mir ... Hull!

Da geschah es in dem bewegten Nebelgebäude, das sich in Wenk ruhelos und so vielgestaltig zusammenbaute, daß, wie ein Knochen aus dem astralhaften Schatten, mit dem die Röntgenstrahlen das Gebein aus dem durchleuchteten Fleisch hervortreten ließen, etwas aufwuchs ... ein dunkler Kern, ein wilder, todgeladener Stein ... so schwarz ... ein Mann!

Die Fürstin reichte ihm den Block Weltmanns. Es schob sich in seinen Vorstellungen etwas zurück. Er kämpfte, um die Worte zu fassen, die er las: »Der Bankhalter gewinnt jedes Spiel. Hat einer der Spieler eine bessere Karte als der Bankhalter, so ist er unfähig, gegen ihn zu halten.«

Kaum hatte Wenk das gelesen, so rief Weltmann mitten aus dem Spiel mit einer Stimme, die Wenk wie ein niederbrechender Felsen durchschlug: »Blatt zwei lesen!«

Entsetzt drehte Wenk um. Er las: »Unter der Macht des Suggestors versucht einer der Mitspieler die Karten falsch zu geben und sich ein As nach unten zu legen. Er wird erwischt!«

Da raste Wenk alles Blut ins Herz. Wie eine Lawine riß es ihm durch die Adern. Seine Augen wurden kalt und vereist. Seinen Händen, zitternd, entfiel das Blatt. Eine grauenhafte Erkenntnis wälzte sich über ihn: Das Geheimnis des Falles Told!

Mabuse hatte den Grafen unterhalb des Bewußtseins gezwungen, falsch zu spielen, um ihn vor seiner Frau zu zerstören, die der Verbrecher haben wollte! Das war es, daß die Gräfin damals nachts aus der Wohnung Mabuses kam. Mabuse hatte den Grafen getötet!

Was auf dem Blatt stand, geschah auf der Bühne. Die Dame, die inzwischen die Bank wieder übernommen hatte, mischte falsch und wurde erwischt.

Damit schloß Weltmann dieses Experiment. Er erlöste die vier Leute aus dem Zustand, und sie suchten, verstört und mit Augen, die irgendwo fern sich noch verloren, ihre Stühle wieder auf.

Weltmann schaute auf Wenk herab.

Wenk wußte: Du bist Mabuse!

Die Plötzlichkeit der Erkenntnis hatte seinen Willen gelähmt. Er rang mit sich um Ruhe und Überblick. War er in eine Falle gelockt worden? War der Ungar ein bestellter Zutreiber? War dies ganze, von Siedlungen entfernte Haus, die Gesellschaft drin ... ein Hinterhalt, nur seinetwegen geschaffen?

Langsam kämpfte er sich durch.

Er stand zwischen zwei Polen. Entweder war alles um ihn im Bund mit Mabuse. Dann gab es für ihn keine Rettung. Dann war, was er hier erlebte, die Vorbereitung einer Rache, an deren Ende nur sein Tod stehen konnte.

Oder es war nur ein Zufall, daß er in eine Gesellschaft geraten war, in der ebenfalls durch einen Zufall Mabuse auftrat? Es konnte ja sein, daß Mabuse Ungar war. Es konnte ja sein, daß er früher Rechtsanwalt in Pest gewesen. Seine Beziehungen zu Geheimrat Wendel bewiesen, welches Doppelleben er geführt hatte. Das war also alles nicht von vornherein ohne Übereinstimmung mit der Annahme, ein Zufall habe ihn und den Verbrecher hier zusammengebracht.

Die nächste Frage, über die Wenk Klarheit zu bekommen versuchte, war die, ob Mabuse ihn kannte.

Da sagte er sich, rasch, erbleichend: Ja, er kennt mich. Er hat mich bei Schramms gesehen und in den Vier Jahreszeiten. Das ist sicher.

War dieser Mann so tollkühn und über sich gewiß, daß er trotzdem, ja wie zu einer teuflischen Verspottung Wenks, das aufführte, was Wenk soeben droben auf der kleinen Bühne gesehen hatte ... ihm geradezu Aufschluß über all die Rätsel gab, mit denen er seine verbrecherischen Handlungen eingekleidet hatte ...

An Hilfe der Polizei war nicht zu denken; denn Wenk wußte nicht einmal, wo er war. Aber wenn er den Fürsten ins Einverständnis zöge? Aus der Gesellschaft heraus sich Hilfe holte, um den Mörder dingfest zu machen?

Das aber könnte er nur tun, wenn er der Gesellschaft vollkommen sicher wäre; sonst wäre von vornherein alles verloren. Stimmte es schon mit dem Haus, so war ihm durch Erfahrung bekannt, daß dieser Verbrecher stets von einem Teil seiner Bande schützend umgeben war, und daß dies Leute waren, die vor keinem Teufel zurückschreckten. Um ihn saßen gewiß zahlreiche Helfershelfer Mabuses.

Aber wenn Wenk sich wie unabsichtlich irgendwo an eine Tür machte, hinausginge und im Schutz der Nacht entflöhe, den Gang mit Mabuse für eine Gelegenheit aufsparend, bei der Wenk bessere Waffen zur Verfügung hätte ... Oder wenn er unauffällig ein Telephon aufsuchte, im Hause und die Polizei um Hilfe riefe? Aber wohin sollte er sie rufen?

»Grandios, haben der Herr Staatsanwalt jemals Ähnliches gesehen?« fragte Vörös.

Wenk vergaß zu antworten. Er hatte die Frage gehört und sich, noch war sie nicht ausgesprochen, vorgenommen, dem Ungarn harmlos und umständlich begeistert zu antworten. Aber der Vorsatz war rasch in der Flut der Überlegungen und Pläne, die ihn durchtobte, davongeschwommen. Er merkte es nicht einmal.

Vörös warf ihm einen raschen Blick zu. Da erbat der Suggestor neue Mitwirkende.

Wenk, plötzlich zu einem Entschluß kommend, wie mit einem Ruck gefaßt, kühl und kühn, eilte selber hinauf als der erste. Lieber den Wolf im Gesicht als im Rücken!

Da sah er, wie der Baron Prewitz, den man vergessen hatte, ihm folgte. Mit automatisch dem seinen angepaßten raschem Schritt sprang er hinter ihm her, den Browning in der Hand. »Sie wagen sich nur unter Bedeckung in mein Land, Herr Staatsanwalt,« lächelte der Suggestor.

Das ist Hohn! sagte sich Wenk. Er kennt dich!

Wenk verbeugte sich nur, wie um zu sagen, er heule mit den Wölfen. Er stand nun neben dem Suggestor. Die beiden Gestalten maßen sich aneinander. Wenk hatte diesen Werwolf gehaßt und mit der Rachsucht verfolgt, die er dem Feind der Ordnung, in der allein das Volk gesunden konnte, entgegenbringen mußte.

Wie er sich nun aber neben ihm erhob, eine Weile allein mit ihm auf dem Podium, abgesondert von allen andern, und sie beide auf dem Gipfel des Kampfes umeinander standen, war ihm, als seien sie zwei gleich starke Kräfte, die nur nach verschiedenen Richtungen gingen. Die Begriffe Gut und Böse verwelkten an diesem heimlichen Optimismus und fielen ab. Es war nur mehr: Mensch zu Mensch!

Und aus seinem bedrängten Blut stieg etwas wie ein Vertrauen auf die Ritterlichkeit seines Gegners ... ein Vertrauen, das auf einen schwingenden, kaum wahrnehmbaren Instinkt zurückging: sie mußten beide kämpfen stets unter dem Einsatz ihres Lebens. Sie hatten sich wohl einer gegen den andern gewandt; aber das mußten sie sich nachsehen jetzt, in dieser aufs letzte getriebenen, feierlichen, heißen Minute.

Wenn ich schlafen könnte, sagte sich Wenk mit einer innigen und zarten Sehnsucht.

Er sah Weltmann von nahe in die Augen. Er übersah sein ganzes Bild. Es war die aus Muskeln zusammengereckte Gestalt, und Wenk riß in Gedanken den aufgeklebten Schnurrbart weg und die Augenbrauen und die schwarze Perücke, und darunter sah er den kahlgeschorenen, hochgeschwungenen Schädel des Dr. Mabuse.

Wenk hätte ihn jetzt unter allen Verkleidungen erkannt. Er schaute Mabuse ruhig an. Die Blicke des andern flackerten gegen ihn. Die grauen Augen verzehrten sich selber in ihrer Größe und dem kalten Feuer, das sie von sich gaben.

Der Suggestor schien dann eine Weile Wenk nicht mehr zu beachten. Er widmete sich den Heraufkommenden. Kaum hatte einer die Bühne betreten, so machte er unversehens kehrt und begann zurück in den Saal zu laufen. Einer nach dem andern! Ein Dutzend, mehr ...

Die unten blieben, lachten. Der kleine Saal wollte entzweibrechen vor Gelächter. Es kamen immer mehr. Einer machte es wie der andere.

Wenk erfaßte mit einer Hand das Gelenk der andern Hand und fühlte, ob er noch Bewußtsein über seine Nerven und Muskeln hatte. Er wollte widerstehen. Die Aufwallung von Herzensgröße und Edelmut war rasch verkältet. Er haßte, bedrohte, verwünschte jetzt. Er nahm den letzten Kampf auf.

Sein begieriges Blut flammte den Gegner an, überwachend und zugleich auf Selbstwehr bedacht. Irgendwo in seinem Körper klang eine Saite an, wie von einer Mandoline. Er begann dieser sonderbaren Musik hinzuhorchen. Sie war so zart und fern. Aber gleich schlug er sich zurück auf seinen Posten der Wehr und Wache.

Da überfiel ihn ein geradezu wunderbarer Einfall: Wenn er jetzt so täte wie die andern und liefe wie im Zwangstraum, da ... an den Stühlen vorbei ... die Allee von Stühlen, die süße, rettende Allee ... die Tür war offen, groß, verheißungsvoll ... Rettung und Pflicht zugleich ... ans erste Telephon draußen in der Nachbarschaft ... Polizei rufen ... eine glänzende List! und schauen, wie die andern es machten, und es denen gleichtun und harmlos traumumfaßt tuend, zurück in den Saal kommen und warten ... auf die Polizei, die helfende ... Eine wunderbare List!

Ein Muskel schon zog sich in einem Bein an ...

Da rief Weltmann dem Baron streng zu: »Weshalb passen Sie nicht auf? Revolver hoch! Sehen Sie denn nicht, daß dieser Verbrecher fliehen will?«

Er wies auf Wenk, und Prewitz hob den Browning mit einer traumverlorenen Lässigkeit, mit einer Entsetzen gebenden stupiden Gleichgültigkeit. Er hob die Waffe Wenk vors Gesicht. Wenk sah das kleine Loch, und schwarz, tief gefährlich tobte die Hölle da drinnen. Er wußte, die Waffe war entsichert.

»Sie schießen beim ersten Schritt, den er tut, ohne meinen Befehl,« sagte Weltmann mit einem vieldeutigen strengen Lächeln.

Wieder klang aus diesem furchtbaren Augenblick heraus die feine Zupfsaite in Wenk an, an einer andern Stelle als vorhin. Eine milde, wehmütige, gut gekannte Weise erklang, als bliese sein Vater an seiner Wiege auf einer Flöte ein Schlaflied.

Er horchte hin und er rutschte in diesen paar Blutschlägen, wo er sich so an das Horchen nach den rätselvollen Klängen verlor, zwei Handbreiten von der Wirklichkeit ab, die er noch gerade ganz klar mit der einen Hand am Puls des andern Handgelenkes gespürt hatte.

Die Flöte ward die Zauberflöte. Was rundum diese eine Vorstellung einbettete, ward ein Zaubergarten; eine hohe, wilde Hecke umschloß seine beängstigende Wirrnis. Aber ein Loch in dieser Hecke war offen. War von ganz weitem offen, unbewacht ... der Himmel der Freiheit flutete herein und kam auf ihn zu, wie mit silbernen Zangen aus Äther, um ihn an sich zu reißen und zu befreien.

Und da lief er trotz der Pistole des Barons. Er machte springende Sätze über die Bühne ... der Revolver entsank der Hand des Barons ... Wenk hetzte mit einem Sprung die Treppen hinab. Er durchraste die Allee der Stühle auf die Tür zu, warf die Beine wie ein Füllen, das auf der Wiese den Sommer spürt.

Der ganze Saal brüllte vor Ergötzen über diesen Streich des Suggestors. Aber Mabuse sandte ihm ein Lachen nach, das greulich berstend an den Saalwänden zerschellte.

XXI

Wenk lief spornstreichs zwischen den Dienern an der Tür durch, die hinter dem Handrücken mit ernsten Gesichtern lachten. Er lief durch die Halle, die offene Tür auf die Freitreppe, purzelte die Stiegen hinunter, riß die Tür des Autos auf, das dort stand ... Schon sprang das Auto an und war in wenigen Augenblicken in der Allee und der Nacht verschwunden.

Im Saal sagte Mabuse, sein Lachen auf einmal unterbrechend: »Er fährt ins Café Hölle, Ihnen eine Weizensemmel holen!«

Der Schlag, mit dem das Auto anfuhr, warf Wenk in den Polstersitz. Aber kaum berührte er den Sitz, so war ihm, als öffnete sich das Leder. Wenk sank rasch zurück in ein Loch hinein. Etwas schlug über ihm zusammen. Es krachte wie von Eisen.

Da erwachte er aus der Hypnose. Er lag unglücklich und unwissend, wie er hingekommen, den Kopf hintenüber, scheinbar in einer Vertiefung des Rücksitzes. Er wollte sich erheben, verstört, nach Ruhe und Erkennen suchend. Aber er vermochte nicht aus der Vertiefung hochzukommen. Etwas preßte ihn immer wieder zurück. Eine harte, unnachgiebige Fessel lag über ihn mehrfach gekreuzt.

Das Auto fuhr mit einer werfenden Tobsucht. Es schüttelte ihn gegen die Eisenstäbe, als die er bald die Fesseln erkannte, die ihm das Aufstehen unmöglich machten. Sie lagen eng über ihn gepreßt.

Er stemmte sich in einer aufflammenden Verzweiflung gegen sie. Aber er merkte gleich, das war alles vergebens. Das war alles für die Katze! Also war er verkauft und verloren. Er war auf den Leim gegangen.

Mit einem bösen Trotz wandte er sich gegen sich selber: So ist es recht! Der Stärkere gewinnt! So warst du der Schwache!

Weshalb war er der Schwache? Weil er etwas unternommen hatte, das von vornherein den Rand seiner Fähigkeiten überstieg. Ein jeder bescheide sich zu sich selber.

Was hatte ihn verführt, über sich selbst hinaus zu wagen? Weshalb konnte er jetzt, im verlorensten Augenblick, den sein Leben jemals besessen hatte, und der ihm so unglaubhaft schien, daß ein letzter süßer Zweifel, es möchte alles böser Traum sein, ihn nicht verlassen wollte ..., weshalb konnte er seine Gedanken führen wie kleine, kühle, wohlgezirkelte arithmetische Probleme und Lösungen? Was hatte ihn verführt?

Er wußte es. Das Gute in ihm war es gewesen. Die Einordnung in die fließende Macht des Gewissens, das er gegen sein Volk hatte. Er hatte diesem helfen wollen. Und weil sein Gewissen mächtiger war als seine Fähigkeiten, war er dem Verderben entgegengegangen.

Wenn dies Erlebnis seinen Tod am Ausgang hatte, so starb er einen Tod, der edel war. So waren die seelischen Atome, die aus seinem Vergehen in neu entstehendes Leben hineinschwebten, von edler Fruchtbarkeit ... Er lebte im Geist weiter unter den Menschen ...

Der Schall des Motors pochte durch den Wald. Das hörte Wenk.

Was hatte der Feind mit ihm vor?

Das Auto schlug sich mit einer Raserei durch die Nacht wie ein Schiff durch einen Taifun.

Wozu? Wohin brachte man ihn?

Nach München? Aber weshalb?

Wenn man ihn richten wollte, weil er die Wege böser Kräfte gestört hatte und ihnen unterlegen war, weshalb setzte man die Rache noch aufs Spiel, indem man ihn stundenlang verschleppte?

Er sah, die Fenster des Autos waren nicht verhängt. Er erblickte Sterne, die mit bebenden Sprüngen die Scheiben durchtanzten. Nach München kam man nicht bis zum Morgen. Bei Tageslicht aber konnte man es unmöglich wagen, ihn gefesselt hinter unbedeckten Scheiben durch halb Deutschland zu fahren.

Man verschleppte ihn irgendwohin. Wohin? Wohin? flehte er inbrünstig.

Es mochte Mitternacht gewesen sein, als er die Villa verließ. Aber auch das war nicht ganz sicher. Denn er wußte gar nichts mehr von dem, was mit ihm geschehen war, während er noch mit der einen Hand den Puls der andern gefaßt gehalten hatte.

Da stand eine raum- und lichtlose Kluft in ihm. Er kam nicht hinein und nicht hindurch. Der Puls war das letzte, was er jenseits noch in der Erinnerung erblicken konnte.

Ja, er wurde zur Richtstätte geführt.

Er erinnerte sich mit einer Sehnsucht, die keine Grenzen hatte, und die ihn wie in ein Meer warf, an seinen toten Vater. Mit allen Sinnen und allen Nerven klammerte er sich an diese von einer schreienden Melancholie hingepeitschten Erinnerungen.

Das Werfen seines haltlosen Körpers im Auto durch Stunden zusammen mit der Erregung seines Innern machte ihn krank. Er besudelte sein Gesicht. So wurde er hilflos und verzagt. Sein Gehirn verließ die Kraft, den Vorstellungen genaue Umrisse zu geben. Spuk trieb aus ihm auf. Teufel spielten Ball mit ihm zwischen dem Gaurisankar und dem Aconcagua, ließen ihn fallen und erhaschten ihn wieder, einen Augenblick, bevor er auf dem einsamen Kap der Guten Hoffnung zerschellte.

Dann wieder war ihm, als sei er von einer riesenhaften schwarzen Hand in eine Höhle gestopft worden wie ein Sack. Die Wände der Höhle waren so eng, daß er sich nicht einmal umlegen konnte. Aber plötzlich, langsam und ohne Unterbrechung, begannen die Wände zu wachsen. Sie wuchsen aber nicht auseinander. Sie bewegten sich von allen Seiten mit demselben Maß auf ihn zu. Und vor ihm stand greifbar schon der Augenblick, in dem die Felsen zwischen sich seine Knochen bersten und sein Hirn zerplatzen ließen.

Das Bewußtsein verließ ihn in einem traumähnlichen Zustand, den eine dumpfe, aus der Tiefe gellende, unsichtbare Todesangst beherrschte.

Als er erwachte, lag er ausgestreckt auf einem Ledersitz. Die eisernen Bänder waren nicht mehr über ihm. Aber seine Arme waren an seinen Rücken gefesselt und seine Beine übereinander gebunden. Über das Gesicht war ein breites Tuch mit schmerzendem Druck geknüpft, das ihm den Mund fest verschloß und ihm den Atem schwer machte.

Es war Tag.

Er hörte ein Brausen, das in gleichen Absätzen aufscholl und verklang. Bald wußte er: es ist das Meer!

Ein Mann schaute herein und über ihn. Das Tuch verhüllte Wenk nur ein Auge. Er sah mit dem andern über den Rand der Binde halb die Dinge, die auf gleicher Höhe lagen. Er kannte den Mann nicht.

Der Mann rief einen zweiten an: »Komm! Er ist wach!«

Da kam auch der zweite schauen. Jedoch auch diesen hatte Wenk nie gesehen.

Er hörte die beiden zusammen sprechen. »Es geht auf fünf Uhr. Der Doktor muß bald da sein!«

Der andere antwortete: »Wenn er gesagt hat, kurz nach fünf, so kommt er dann auch! Wir müssen uns parat machen!«

»Sieht man noch nichts?«

Die Männer entfernten sich.

Wenk versuchte, den Kopf zu heben. Aber er sah nicht über den Rand des Fensters. Die Landschaft mußte flach sein. Nur Himmel stand draußen.

»Gib das Glas! Da ist er!« hörte Wenk auf einmal rufen. Jetzt kommt die Entscheidung, sagte er sich. Er sammelte alle Kraft, den Vorstellungen zu widerstehen, die mit grauenmachenden Fragen seine Phantasie bestürmten und aus dem Dunkel heraus Züge von Bildern zu zerren versuchten, vor denen ihn graute.

Was nun geschah, ging sehr rasch vor sich.

Die Tür des Autos wurde aufgerissen. Hände faßten ihn an der Schulter. Die Schulter lag in der Nähe der Tür. Die Hände zerrten sie hinaus. Seine Füße schlugen schmerzend auf das Trittbrett und dann auf den Boden. Der zweite Mann hob die Beine auf, und sie trugen ihn ein Stück weit.

Da sah Wenk kurz vor sich Dünen. Nur ein paar Schritte waren es bis zu ihrem Kamm. Diesem kletterten die Männer nun mit ihm entgegen.

»Rascher!« rief der hinten, indem er sich umdrehte und rückwärts in die Landschaft schaute.

Wenk hörte einen Motor. Er wußte, das ist Mabuse, der Motor! Auf einmal baute sich ein lichtes Gewölbe über ihn. Erst nach einer Weile erkannte er, daß es die Tragflächen eines Eindeckers waren.

Die beiden Männer verrichteten alles mit hastigen Bewegungen. Wenk wurde auf den Sand gelegt. Zwei Stricke wurden ihm unter Brust und Armen durchgeknüpft. Ein Mann hob ihn an den Beinen hoch, und auch diese wurden mit zwei Stricken, die irgendwo am Gestänge schon vorbereitet waren, hochgebunden. Ein dritter Strick wurde dann um seinen Leib geschlungen.

Es dauerte nicht lange, bis Wenk erkannte, daß er mit dem Rücken an die Wand der Gondel des Flugzeuges angebunden hing. Er lag da, angepreßt wie ein Paket, das mit auf die Reise genommen wurde. Mit dem freien rechten Auge sah er über den Rand der Binde hinweg, daß das Flugzeug auf einem vorbereiteten Platz über einer sanft ins Meer fallenden Laufbahn stand. An ihrem Fuß lief der Strand weiter. Es war Ebbe.

Ich werde eine Reise übers Meer machen! sagte eine traurige Stimme in ihm. Wie lang ist es seit meiner letzten Seereise her! Der ganze Krieg liegt dazwischen. Aber jetzt kommt für mich erst der Krieg ... erst die Granate.

Aus der Tiefe seiner Muskeln brüllte eine Antwort gegen dieses kleine, wehmütige Stimmlein. Die Muskeln lehnten sich gegen die Fesseln auf. Sein Körper warf sich in den Stricken hin und her. Die Tragfläche bebte unter den Schlägen und schwankte über ihm.

Da neigte sich ein breites Gesicht und ein hochgeschwungener Schädel über ihn, und zwei Augen brannten seinen ganzen Leib an. »So!« preßte sich ein Laut aus dem Mund des Mannes, der sich über ihn neigte.

Ja, das ist der Feind! Mabuse! durchfuhr es Wenk.

»Steig' ein!« rief dann Mabuses Stimme.

Man hörte ein Rauschen wie von Frauenkleidern. Dann stieg aus dem Rauschen eine Stimme ... eine Stimme, die ihm unter dem Fleisch auf die Knochen bebte. Er kannte sie! Das Kleiderrauschen wurde heftig und nah, die Frauenstimme rief: »Was ist das?«

Wenk hörte Entsetzen, Qualen und Grausen aus dieser Stimme und Frage.

»Was ist das?« rief die Stimme schrill und versagend nochmals.

»Steig' ein!« schrie Mabuse dagegen.

Da fragte die Stimme der Frau, diese wohlbekannte, süße und dunkle Stimme der Gräfin Told, wie verschüchtert in sich zurückgesunken: »Was geschieht mit diesem Mann?«

Wenk sagte sich: Sie kennt dich nicht!

»Steig' ein! Er geht mit auf die Reise! Es ist kein dritter Sitz da! Steig' ein, rasch!« rief Mabuse.

Wenk sah, wie Mabuses Arme die Frau erfaßten und über ihn hinweg in die Gondel hoben. Dann stieg Mabuse nach. Er benutzte als Tritt Wenks angebundenen Leib, und wie er im Führersitz saß, keine zwei Finger breit über Wenk, beugte sich Mabuse herüber zu seinem Kopf und sagte mit rauhem Hohn: »Der Herr machen die Reise mit. Wohin? Glück auf!«

»Fertig?« fragte Mabuse dann rückwärts.

»Alles in Ordnung!«

Der Propeller klopfte, und unversehens rutschte das Flugzeug in die Bahn, und mit dem Augenblick, wo Wenk den Motor stoßen fühlte, waren die Räder schon vom Boden frei, und die Erde fiel unter seinem halben Auge hinab ins Grausige.

Das Flugzeug stieg jäh aufwärts. Es war Wenk, als stünde sein Körper fast aufrecht. In der Gondel wurde kein Wort gesprochen. Die Luft prallte brutal an ihn, als sei sie aus fliegendem Holz. Bald begann ihn zu frieren. Die Kälte schlug ihm durch den breiten Ausschnitt des Frackhemds mitten ins Herz. Er spürte nur, daß die Kälte immer tiefer in ihn eindrang, wie mit wühlenden Messern. Seine Haare waren starr und standen aufrecht. Sie waren wie Nadeln schmerzhaft in seine Haut gestoßen.

Von aller Fähigkeit zu denken war nichts mehr in ihm als eine mit dunklen Farben aufgemischte, fließende Scheibe. Eine kleine, unklare Vorstellung sprang ihm daraus nun wieder in die Hände: als erleide er ein Martyrium und als erleide er dieses Martyrium der Gräfin Told zuliebe, die er einmal geliebt habe, wo es nicht erlaubt war.

Dann fühlte er einen kurzen Fauststoß an seinen Kopf. Eine Stimme fragte roh wie ein Holzknüttel auf ihn hernieder: »Ist Ihnen viertausend Meter hoch genug?«

Nach wenigen Augenblicken fragte es nochmals: »Oder haben Sie sich aus Angst schon vorher verabschiedet?«