Dr. Mabuse, der Spieler

Part 18

Chapter 183,797 wordsPublic domain

Wenk hatte diesen Tag über mit einem jüngeren Kollegen von der Berliner Polizei seine Akten über den Fall Mabuse durchgesprochen. Sie hatten sich über einen Wirkungsplan unterhalten, waren aber in ihren Gesprächen zu keinem Ergebnis gekommen als zu dem Entschluß, in der ersten Zeit den Spieler selber handeln zu lassen. Ins Blinde hinein nach ihm zu zielen, war höchstens angetan, den Stand des Jägers vorzeitig zu verraten.

Abends, nachdem Wenk in der »Traube« zu Nacht gegessen hatte, ging er in ein Café und dann, ermüdet von den langen Gesprächen, durch die Taubenstraße seiner Wohnung zu. Da hielt ihn ein Mann an, in einer Haustür, entfernt von der Laterne. »Bitte!« sagte der Mann.

»Was wollen Sie?« fragte Wenk unwillig zurück.

»Ist dem Herrn vielleicht Äther gefällig?«

Wenk ging weiter, ohne zu antworten. Er sah, der Mann folgte. Er kam dann aber in das Leben der Friedrichstraße und verlor ihn.

Wenk machte sich bald Vorwürfe, so davongegangen zu sein. Er hätte mit diesem Hausierer der Lasterhaftigkeit sprechen sollen. Denn der kam aus dem Land, in dem Mabuse daheim war. Er wollte wieder zurück, ließ sich aber von seiner Müdigkeit abhalten und ging nach Hause.

Am nächsten Abend kam er denselben Weg von der »Traube« durch die Taubenstraße. Aber der Mann war nicht da. Wenk verweilte noch hin und her. Wie er dann in die Nähe seiner Wohnung am Gendarmenmarkt kam, trat ihm ein Mann aus einer Haustür entgegen und flüsterte: »Wünschen Sie Nackttänze zu sehen?«

Wenk blieb stehen. Er sagte: »Sie kommen mir gerade recht. Ich bin kein Berliner. Ja, so ein echtes Berliner Nachtleben möchte ich einmal mitmachen. Wo sind Ihre Tänzerinnen? Los!«

»Foljen Sie mir. Ick jeh voran! Und wo ick rin mach, da man fix hinterher vonwejen die Polizei!«

Wenk versprach es zu tun.

Der Mann ging um die Ecke, horchte stehenbleibend, ob er folgte, und ging dann weiter. Auf einmal war der Mann verschwunden. Wenk ging noch einige Schritte geradeaus. Der Mann mußte doch in eine der nächsten Haustüren eingetreten sein. Wenk verlangsamte seine Schritte, als er ihn nicht fand. Er schaute dann spähend rundum.

Plötzlich sagte in seinem Rücken die Stimme des Mannes leis und vorwurfsvoll: »Det nenn ick nu jar nich fix. Sie wollen sich wohl von die Polypen rankriejen lassen. Also man rasch herin!«

Der Mann schob ihn in ein Haus weit zurück, zog ihn in eine Tür. Die Tür öffnete sich in einen finstern Flur. Unversehens und geräuschlos schloß sie sich sofort hinter ihm, und im selben Augenblick war der Flur beleuchtet. Vom Flur ging es in ein Wohnzimmer, von dort in einen kleinen Saal, der gedrängt voll Menschen saß.

Zwei Herren, nahe der Tür, machten Wenk liebenswürdig Platz.

Der Mann war verschwunden.

Was Wenk sah, war eindeutig und hatte nur Interesse in der Heimlichkeit, in der es geschah.

Er horchte den Gesprächen seiner Tischnachbarn zu. Der eine sagte: »Also mich interessiert daran nur, wie dieser Unternehmer hundert und mehr Personen so jahraus, jahrein in das Haus locken läßt, ohne daß die Polizei es merkt. Nu, sag' du mir das mal als Mann vom Fach!«

Der andere antwortete in einem fremden Deutsch: »Das weißt du ja nicht, ob das Lokal der Polizei bekannt ist oder nicht. Es gibt solche Anstalten, die die Polizei duldet, weil sie für sie Verbrecherfallen sind, ja geradezu Verbrecherfallen! Bei uns in Budapest ...«

Wenk horchte gespannt zu.

Die Herren zogen ihn in ungezwungener Weise bald selber ins Gespräch. Man nannte sich Beruf, dann Namen.

Der eine der Herren war, wie Wenk aus dem Gespräch gleich vermutet hatte, ein höherer Polizeibeamter. Man traf sich öfter.

Der Ungar erzählte interessante und verwickelte Fälle aus seiner Praxis. Er erzählte von den Lasterhöhlen von Budapest, streifte auch die heimlichen Spielhäuser, die seit Kriegsausgang überall so überhand genommen hätten, und ereiferte sich gegen die immer unverschämter werdende Kühnheit, mit der Verbrecher und Gesindel hervorträten.

Wenk, in einem letzten uneingestandenen Mißtrauen, verhielt sich vorsichtig und behauptete, er sei nur auf Urlaub in Berlin. Seine Tätigkeit liege in München. Aber Berlin, als das größte Sumpfnest, sei gerade für ihn als Münchener Staatsanwalt eine gute Schule.

Wenk streifte das Dasein Mabuses, ohne seinen Namen zu nennen und nur einige seiner grauenhaften und frechen Taten erzählend.

»Wir haben,« nahm ihm der Budapester das Wort ab, »bei uns jüngst einen ähnlichen Abenteurer festgemacht, und zwar auf eine etwas extravagante und nicht gerade gesetzmäßige Weise. Aber wir kamen anders nicht mehr weiter. Wie bei Ihnen ist auch in Ungarn die Zuhilfenahme der Hypnose als rechtliches Zwangsmittel verboten. Wir hatten den Mann, von dem wir ziemlich genau wußten ... aber Herr Staatsanwalt, Sie verraten mich nicht, doch mich rechtfertigt das Interesse, das Sie solchen abseitigen Existenzen entgegenbringen, beruflich entgegenbringen müssen ... also ziemlich genau wußten, daß er derjenige sei, der eine Bande leitete, auf deren Lasten schon mehrere Morde lagen. Wir hatten ihn, wie gesagt, im Gefängnis. Er stellte sich taubstumm. Wir konnten seine Papiere nicht nachkontrollieren. Niemand kannte ihn. Aber wir waren fast sicher. Das ist eine ganz scheußliche Lage für einen Fachmann, wie? Denn wenn er vor die Geschworenen gekommen wäre, wäre die Gefahr eines Freispruchs aus Mangel an Beweisen Sicherheit geworden. Das wollte mir nun gar nicht schmecken. Ich hatte über ein halbes Jahr drangesetzt, ihn hochzukriegen. Sein Unschädlichmachen war meine Leistung. Da hab' ich ganz etwas Verwegenes unternommen. Einer meiner Freunde hatte hypnotische Gaben. Er war Rechtsanwalt und hatte manchmal einiges von seinen Fähigkeiten in Privatgesellschaften vorgeführt. Ich überredete ihn, mit ins Gefängnis zu kommen. Er sagte aber: Ich mach's von draußen! Und wirklich: eine Viertelstunde später wußte ich, daß wir wirklich den Bandenchef hatten, und es wurden mir Dinge verraten, die mir erlaubten, ihn in kurzem an den Strick zu liefern.«

Der Ungar wurde Wenk bei dieser Erzählung unangenehm. Er empfand einen starken seelischen Widerwillen gegen ihn. Aber er konnte sich nicht erklären, was einen solchen Umschwung in seinem Gefühl verursacht hatte. »Interessieren Sie dergleichen mit suggestiver Kraft ausgestattete Persönlichkeiten?« fragte der Polizeidirektor.

»Ungemein!« antwortete Wenk.

»Möchten Sie einmal mit meinem Freund zusammenkommen und etwas von seinen Gaben sehen?«

»Ist er denn in Berlin? Gewiß, das wünsche ich aufs lebhafteste!«

»Ja, er ist hier. Er hat seine Praxis aufgegeben und zeigt seine Fähigkeiten öffentlich. Er ist rasch berühmt geworden. Den Namen Weltmann haben Sie gewiß schon gehört!«

Wenk genierte sich Nein zu sagen. Er antwortete mit einem halb unterdrückten: »Gewiß!«

»Nun, dieser berühmte Weltmann ist es. Sie wissen, er ist bekannt, weil er nur eine Hand hat. Die andere liegt in den Karpathen -- 1915! Also abgemacht! Ich werde ihn morgen benachrichtigen. Haben Sie Telephon?«

Wenk nannte seine Nummer.

Die beiden Herren gingen dann in ein Haus, in dem Äther, Kokain und Opium zu bekommen waren, im Durchschnitt aber viel handgreiflichere Laster gepflogen wurden.

Am nächsten Tag schon wurde Wenk gerufen. »Hier Polizeidirektor Vörös! Es trifft sich wie bestellt für Sie, Herr Staatsanwalt. In einem Privathaus bei einem Landsmann von uns, über den ich Ihnen lieber ^entre nous^ etwas Persönliches sage, gibt Weltmann heut abend eine Soiree. Es genügt, daß Sie den Wunsch äußern, und Sie können sich als eingeladen betrachten. Ohne weitere Formalität. Es ist ein sehr gastliches Haus. Sie werden sich nicht im geringsten als Fremder fühlen. Es sind mindestens sechzig bis siebzig Leute geladen. Ich übernehme alles Weitere, und wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie per Auto um neun Uhr ab. Die Villa liegt etwas weit draußen. Hinter Nikolassee.«

»Ich danke Ihnen vielmals. Sie überhäufen mich mit Liebenswürdigkeiten,« antwortete Wenk zurück. »Und ich kann es Ihnen gar nicht entgelten.«

»Wir Ungarn halten es immer so. Es macht uns Freude,« lachte die andere Stimme zurück. »Also es ist abgemacht!«

»Abgemacht!«

Wirklich, wie liebenswürdig die Ungarn sind! sagte sich Wenk. Er fand sich undankbar, daß er auf einmal seine Sympathie für den Kommissar aufgegeben hatte. Es war ihm peinlich vor sich selber.

Den Nachmittag verbrachte Wenk im Archiv der Kriminalpolizei, wo er zusammen mit dem Herrn, der mit ihm den Fall Mabuse behandelte, die Lichtbildersammlung des Erkennungsdienstes durchschaute. Gesicht an Gesicht zog an seinen Augen vorbei. Er wollte nicht aufhören, bis er die ganze Sammlung durchgesehen hatte, und als er nach Hause kam, ganz ermattet von der langwierigen Arbeit, hatte er gerade nur noch Zeit, den Gesellschaftsanzug anzulegen.

XX

Der Polizeidirektor Vörös war pünktlich.

»Wissen Sie, ich muß Ihnen nun noch einiges über unsere Gastgeber und meine Landsleute draußen bei Nikolassee sagen,« begann er gleich, als das Auto anfuhr. »Es ist ein ehemaliger Fürst von Komor und Komorek, und er hat eine Tänzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie natürlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, daß er ihnen eines Tages sagte: >Gut! Da habt's ihr euern Fürsten. Ich pfeif' euch drauf. Von heut an heiß' ich Komorek.< Und ist dann ausgewandert. Reich war er sowieso und nicht von der Familie abhängig. Das einzige, was er noch vom Fürsten hat, ist eine fürstliche Villa da draußen. Sie werden sie ja sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick und apart. Aparter als eine Fürstin. Nur natürlich nicht mehr ganz jung. Haben Sie schon zu Nacht gegessen?«

»Nein!«

»Ist auch nicht nötig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an Delikatessen erleben.«

Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprächig? und ließ den peinlichen Gefühlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf.

Wenk war heimlich erregt. Es war schwül in seinem Gemüt. Die Augen schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr. In ihren Winkeln saß eine unaufhörlich siechende Wundheit, die ihn unglücklich machte. Die tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrückt gehandhabte Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen, obschon es unmöglich zu machen war.

»Läge ich doch in meinem Bett!« flehte er.

Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar. Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er früher oft gemacht, und er dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und die seit dem Krieg so spärlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine innere Stimmung schuld daran?

»Wir müßten doch eigentlich schon in Nikolassee sein!« sagte er.

»Ich kenne mich nicht aus!« antwortete Vörös.

»Früher hatte ich Freunde draußen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber das war ja vor dem Krieg!«

»Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders!« Dann schwiegen sie.

Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine mehr.

Nach längerem Schweigen sagte Wenk: »Der fährt doch nicht etwa drüber hinaus!«

»Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut aus.«

Wenk nahm das Sprachrohr: »Chauffeur, Sie wissen doch, Nikolassee ... Villa Komorek?«

In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der Tiefe einer Allee.

»Wir sind da!« sagte der Polizeidirektor.

Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastüren, die sich auf sie öffneten.

Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vörös führte ihn zur Garderobe, die stark mit Kleidungsstücken überfüllt war. Eine Uhr in der Halle schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mühsam mit Zählen nachkommen.

Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fünfundvierzig Kilometer machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwölktes Mißtrauen erfüllte ihn.

Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie auf die große Flügeltür los.

»Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Fürstin bringen!«

Ein Diener zog die Tür auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in einen mäßig großen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bühne klein und halbrund sich aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Stühle und ein Tisch standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal füllten, bewegten sich Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren waren es, und die Damen waren alle auf eine auffällige Art modisch gekleidet.

Da sagte Vörös: »Die Fürstin!« Er stellte Wenk vor.

»Ihr Freund, den Sie uns ankündigten?« fragte die Dame mit einem gewinnenden Lächeln. »Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich glaube, wir brauchen nicht in Sorge darüber zu sein, daß Sie den Abend in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem Mann übergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr! ...«

Die Frau trat einen Schritt näher in den Kreis eines der Lichter, die in tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, daß die Frau, die er für sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr Kleid war entsetzlich grell, so daß er erschrak, als sie ihn plötzlich, sich von ihm trennend, mit einem übermäßig freundlichen Lächeln anblickte.

»Mein Gatte!« sagte sie dann.

»Fürst, grüß' Gott!« lärmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse zusammengestellt hatte.

Die Dame des Hauses war verschwunden.

Der Fürst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewöhnlichkeit, war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe, zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprächsstoffe lagen sozusagen außerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen eine Form zu geben. Sonst wären sie unbeachtet liegen geblieben.

Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mäßige Gaben, aber diese feine Sehnsucht nach Form, die die größte Trivialität mit solcher Grazie schaumig macht. Aber wie er aussieht!

Der Fürst leitete ihn in die erste Stuhlreihe.

Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war Weltmann, den Wenk an der Einhändigkeit ja erkannt hätte, nicht zu sehen.

Wenk saß zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien.

Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehänge, und es trat ein breiter, großer Mann mit einem etwas gewölbten Rücken heraus. Er war mit bester Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gästen, die alle im Frack und Dekolleté waren, einen dunkelgrauen Straßenanzug aus englischer Wolle. Man sah gleich, daß die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich Wenk. Trotz des deutschen Namens.

Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an den Enden hängend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen, dunkeln Winkeln rasch über den Aughöhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekämmt und umgelegt.

Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte: Die Gaben, die er vor den Gästen der Fürstin und des Fürsten Komorek zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, daß den Gästen Tatsachen nähergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas zu erklären zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklärt werden könne.

Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorführen und jemanden bitten, einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Fürstin sei vielleicht bereit.

Die Fürstin rief: »Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!«

»Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Fürst die Dame!«

Der Fürst sagte ohne langes Besinnen: »Wen soll ich anders bezeichnen als meine Gattin?«

Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die künstliche Hand in auffälliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der Tasche seiner Jacke.

»Frau Fürstin,« sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt hatte, »habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?«

»Ich wüßte nicht!« antwortete die Fürstin.

»Diese Uhr hat die Nummer 56403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!«

Die Fürstin zog die Uhr heraus, öffnete den Deckel, schaute und nickte. Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: »Es stimmt!«

»Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!«

Die Fürstin überlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel.

Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zögernd: »Es ist eine Farbe, die Sie in Ihrer Nähe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie ist durchsichtig, also wahrscheinlich von einem Stein. Ich kann nicht genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett ist dabei!«

»Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk,« bat die Fürstin, und man sah, daß der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein durchsichtiges Blauweiß umfärbte.

»Welchen Herrn nannte die Fürstin?« fragte Weltmann.

»Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!«

»Mein Herr, Sie haben,« sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, »in Ihrer Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65045 der eine und der andere Serie E, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst kontrollieren, ob es stimmt?«

Wenk griff lächelnd nach der Tasche. »Nein,« sagte Weltmann, »ich habe die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.«

Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Fürstin neigte sich herüber. Er roch das Parfüm ihres Puders. Sie sagte: »Nun, Herr von Wenk?«

Der Suggestor lächelte auf ihn herab und sagte noch: »Sie können den Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe erlaubt. Er ist in München erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen zu lassen.«

Höhnte dieser Mensch ihn in einem Traum?

Er legte alles heraus. Es stimmte alles.

»Genug!« sagte Weltmann. »Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der Willensübertragung überzugehen. Bitte einen der Herren!«

Jemand kam auf die Bühne. »Ist der Herr Ihnen bekannt, Fürstin?«

»Ja, es ist der Baron Prewitz!«

»Genügt das allen Herrschaften, daß der Baron der Fürstin bekannt ist, um etwa den Glauben an ein Einverständnis zwischen dem Herrn und mir fernzuhalten?«

Es wurde »Ja« gerufen.

Inzwischen schrieb schon Weltmann etwas auf einen Block so, daß der Baron unmöglich lesen konnte, und warf den leichten Block in den Saal. Er schaute Prewitz an, ganz ruhig und nicht lange. Dann setzte sich Prewitz in eine schleichende Bewegung, verließ die Bühne und ging vorsichtig und langsam von Stuhl zu Stuhl, indem er jedem eine Weile ins Gesicht schaute.

Weltmann rief: »Ich bitte vier Herren oder Damen sich rasch zu mir heraufzubegeben. Rasch!«

Ein Rudel stürzte vor. Drei Herren und eine Dame wurden oben behalten; die anderen gingen zu ihren Sitzen zurück. Der Suggestor setzte sie um den Tisch. Er wies auf ein Spiel Karten, das auf dem Tisch lag.

»Sind diese Dame und die drei Herren der Gesellschaft bekannt?«

Die Fürstin winkte Ja. Viele Stimmen riefen: »Jawohl!«

Prewitz näherte sich allmählich dem Stuhle Wenks.

Weltmann schrieb lange wieder auf einen Block und schaute in kurzen, gedrängten Pausen die vier auf den Stühlen Sitzenden an.

Einer von ihnen sagte plötzlich: »Einundzwanzig oder Poker?«

Weltmann schrieb stumm weiter.

Man einigte sich auf Einundzwanzig und begann gleich zu spielen.

»Es fehlt einer,« sagte die Dame.

»Ich komme gleich!« antwortete Weltmann. »Halten Sie die Bank, Gnädigste!«

Inzwischen war Prewitz an Wenk herangekommen. Er schaute ihn lange an, griff ihm dann mit großer Sicherheit in die linke Brusttasche und zog den Browning heraus. Er stellte sich, die Waffe in der Hand, seitlich von Wenk auf.

Weltmann sagte von der Bühne herab: »Weil Sie so unvorsichtig sind, einen nicht gesicherten Browning in der Tasche herumzutragen! Bitte,« wandte er sich in den Saal, »vorlesen, was ich auf den Block geschrieben habe!«

Jemand las vor: »Der Baron soll die erste Reihe abgehen, Stuhl für Stuhl, und wo jemand einen unentsicherten Browning in der Tasche hat, diesen herausnehmen und sich seitlich damit aufstellen.«

Man klatschte. Weltmann, mit einer kurzen Handbewegung, verbat sich das. Er hielt mit Schreiben ein, reichte der Fürstin den Block hinab und setzte sich zu den Spielenden.

»Seite eins!« sagte er der Hausfrau.

Sie las es für sich, hielt dann ihrem rechten Nachbar den Block hin und schaute gespannt auf die Bühne. Dort ging folgendes vor sich:

Der Suggestor gewann Spiel auf Spiel. Manchmal schaute er fort vom Tisch, und es war dann Wenk, als zwinkerte er ihm zu, heraufzukommen. Wenk wußte wohl, es war eine Täuschung. Irgendein Licht, das sich so sonderbar in Weltmanns Auge brach, mußte schuld daran sein. Aber er fühlte sich dennoch beunruhigt. Es nistete sich dann, immer stärker drängend, bei ihm die Vorstellung ein, hinaufzugehen und dem Mann von nahe in die Augen zu schauen, um sich zu versichern, daß die blinzelnden Blicke nicht ihm galten. Aber das wäre ja närrisch! sagte er sich.

Er versuchte, den Zwang von sich abzuschütteln.

Plötzlich, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre, lehnte sich einer der Spieler zurück und sagte mit kurz aufbellender Stimme, wie laut aus einem Traum sprechend: »Was habe ich jetzt getan? Ich hatte einundzwanzig. Da hat jemand gesagt mit meiner Stimme: Ich habe wieder nichts!«

Er griff seine weggeworfenen Karten wieder auf und zeigte ein As, einen Buben und einen Zehner.

»Zu spät!« sagte Weltmann, der Bankhalter.

Wenk faßte sich an die Schläfen. Dieses Begebnis hatte er schon einmal erlebt. Wann? Wo? Mit wem? Er zersiebte seine Erinnerungen. Er quälte sein Hirn ab. Das Bild stand wie eingeschnitten in ihm. Aber es war losgelöst von aller Atmosphäre des Wann und Wo und mit wem?

Hinter seiner Stirn wuchs eine Form auf in einer Gleichzeitigkeit mit dem Nachgrübeln hinter der nicht zu erfassenden Erinnerung, die ihn geisterhaft bedrückte. Die Form ... war es ein Mensch, eine leblose Säule, ein Untier ... er hätte es nicht sagen können ... Da blutete die Form irgendwo, und Wenk sah nun durch die flüchtigen, wie Nebel hingehauchten Bilder dieser neuen Vorgänge, daß die Form einen Mund hatte und diesen Mund plötzlich spitzte und skandierend das Wort sprach: »Tsi ... nan ... fu!«

Dieses Wort erinnerte sich Wenk nun ganz genau aus dem Mund des alten Professors gehört zu haben, der kein anderer war als der Dr. Mabuse, dessentwegen er nach Berlin gekommen war.

Dr. Mab... Dr. Mab... flüsterten die heimlichen Stimmen. Wenk versuchte sich das Bild des alten Professors zu vergegenwärtigen und fand es nicht mehr genau zurück. Nur der Mund ward ihm deutlich, der den Namen der chinesischen Stadt so sonderbar eindringlich gesprochen hatte.