Dr. Mabuse, der Spieler

Part 20

Chapter 202,026 wordsPublic domain

Die Stimme ging fort, wie ein Geist. Wenk spürte, wie sich das Flugzeug grade richtete. Als es eine kurze Weile so geflogen war, kam eine Hand an seinen Kopf. Sie riß hastig und mit heftigen Stößen die Binde fort.

Da sah Wenk, wie sich weit über seinen Kopf das Gesicht Mabuses vorbeugte. Er blieb stumm. Aber die Züge waren wie auseinandergerissen von einer Lust, die Entsetzen verbreitete. Die grauen Augen hatten keine Form und keine Iris mehr. Sie waren wie alte verwitterte Steine. Sie waren hart und voll von einem Tod, der sich Wenk gleich einem spaltenden Hieb durch den Körper schlug.

Dann sagte der verdehnte Mund und öffnete sich wie der Spalt einer Klamm, die ins Rutschen kam: »Sie haben gewagt, meinem Weg entgegenzutreten. Sie stehen vor Ihrem letzten Augenblick. Ich habe Ihnen den Knebel vom Munde gerissen, daß ich mich an dem Schrei ergötze, mit dem Sie die viertausend Meter zurück zu Ihrer Welt fallen!«

Wenk hörte die Stimme wie einen über einen Blitz einkrachenden Donner. Er spürte, wie die Hände Mabuses die Stricke an den Beinen lösten. Er zerrte und riß daran. Auf einmal waren seine Beine frei. Sie fielen hinab, einen Augenblick nur, dann hielt der Strick, der den Leib umschlang, sie wieder an. Die Hände rasten um diesen. In kurzen Sekunden war er gelöst.

Wenks Leib im weiteren Fall richtete sich aufrecht, nur noch gehalten von den Stricken, die seine Brust an die Wand anschnürten. Er fühlte plötzlich, daß seine Hände frei waren, und mit diesem Gefühl schlug eine jähe Hoffnung durch sein Blut.

Aus dem Verhüllten seiner Phantasie stieg, wie ein Märchen, prangend, mit Wollust und Sehnsucht beladen, mit Glück durchstrahlt, die Erinnerung, daß er die Schönheit und Menschlichkeit der seinem Ende jetzt so nahen Gräfin Told einmal angebetet und nicht vergessen hatte. Eine wundersame Macht ging von diesem Gefühl aus, das sich im nächsten Blutschlag schon, in der Kraft des letzten Augenblicks vor dem Tod, zu einer unlösbaren Blutsbrüderschaft gesteigert hatte und wie ein Gewölbe voll Stolz und Mut über den wilden Schädel des Mörders hinweg auf der anderen Seite auf das menschliche Herz dieser Frau einen Fuß absetzte.

Er sah, wie auf einmal die Augen der Gräfin irr, wie Vögel, die aus dem Äther abgeschossen werden, über Mabuses weit und gierig vorgebeugten Kopf sich errichteten ... Er sah, wie die Hände aus den Pelzhandschuhen zuckten und weiß funkelten, so nackt, als böte sich ihm ihr ganzer Leib in keuschem, heißem Opfer dar, sich an Mabuses Schulter krallten und ihn zurückreißen wollten.

Aber Mabuse schüttelte die Frau mit einem Ruck seines Körpers zurück. Er hob die Hände mit einer tobenden Wut an den letzten Strick. Sie rissen die ersten Knoten auf ... der Körper Wenks rutschte etwas tiefer ... schlugen Wenks Hände, die nach dem Rand der Gondel irrten, mit geschlossenen Fäusten zurück ...

Da erhob sich ein letzter Widerstand aus einem flutenden Schein von Lebenswillen heraus, und Wenks Stimme brüllte in die Luft hinauf, die das Flugzeug brausend umschwankte: »Der ist der Mörder des Grafen Told. Der ließ ihn falsch spielen! Der gab ihm das Rasiermesser in die Hand, um sich die Kehle zu durchschneiden!«

Eine Faust schlug ihn in den Mund. Er spürte Blut hinter der Zunge fließen, und es schmeckte in diesen vorletzten Augenblicken, in denen er noch sein Leben besaß, voll von einer seinen Geist vulkanisch durchbrausenden Süßigkeit.

Dann war es, als wollte ihn eine letzte Gewalt aus dem Strick stoßen. Ein furchtbares Gewicht preßte sich auf seinen Kopf, rollte über seinen Leib, um ihn abzudrücken. Das Gewicht war grenzenlos, schwarz, von einer tosenden Eile erfüllt.

Aber mit einemmal war das eiserne Gewicht von ihm abgerutscht. Ein Teil löste sich vom Flugzeug ab, unerkenntlich, und versank. Wenks Hände hielten den Rand der Gondel umklammert wie Schrauben. Das Flugzeug schwankte, als sei es von der hohen dünnen Luft betrunken.

* * * * *

Es war folgendes geschehen:

Als der Name des Grafen Told durch die Luft klang, wie hergeworfen von der raum- und zeitlosen Höhe, war es der Gräfin, als erwache sie aus einem Traum auf dem Grund eines Moores. Seit jener Nacht, die sie von ihrem Mann gerissen und an den bösen Willen Mabuses gefesselt hatte, war dieser Name von ihr nicht mehr gesprochen und nicht mehr gedacht worden. Er hatte sich in ihr Inneres, tief in das Chaos, aus dem sich ihr Leben nährte, verkrochen. Er war da hineingeschlagen worden von der dämonenhaften Gewalt des Herrschwillens Mabuses, und die Frau hatte es geduldet, in einer Art unbewußter Selbstwehr. Sie wäre sonst ganz und ohne Rettung dem Werwolf verfallen gewesen.

Dort im Innern hatte der Name nun gelegen und gewartet, hatte gelauert, bis er wieder emporsteigen konnte, um ihre Seele zu retten.

Wenks letzter Schrei hatte ihn aus dem Unterdunkel hervorgerissen. Die Gräfin hatte ihn empfangen wie eine erste Waffe gegen die geheime Kraft des Mannes, der ihren Willen und ihre ganze Persönlichkeit so lange vergewaltigt hatte. Sie war auf einmal wieder zu sich selber emporerwacht. Das Erstarrte zerschmolz. Die Finsternis, in die sie eingekrallt lag, erleuchtete sich. Es ward Tag in ihr.

Und da bekam sie all die stolze junge Kraft ihres Gemüts wieder in die Hand. Sie geriet in einen Grimm, den Gott ihr einflößte. Ihre Muskeln nährten sich an ihm unüberwindlich. Ihre Hände wurden eisern wie ihr Herz, und sie nahm die erste Waffe, die herumlag, den schweren Schraubenschlüssel, und schlug dem Verbrecher zur Rache und zur Befreiung mit ihm von hinten den Schädel ein.

Mabuse, gerichtet, bekam das Übergewicht und stürzte über Wenk hinüber in die Tiefe, die ihn gleich begrub ...

* * * * *

Wenk erreichte mit den Beinen eine Querstange, schob sich blitzschnell hoch, der Knoten über der Brust, gelockert, löste sich von selber. Wenk fiel in die Gondel. Das Flugzeug stürzte schon in irren Schwankungen im Raum. Da bekam Wenk noch rechtzeitig die Hebel zu fassen. Der Motor tobte weiter. Das Flugzeug errichtete sich wieder, und nach einer raschen Orientierung den Motor ausschaltend, ließ es Wenk im Gleitflug zur Erde zurück und auf das Ufer zu sinken.

Es landete an den Dünen der ostfriesischen Küste.

Wenk half der Gräfin aus der Gondel. Sie war bleich, aber bei vollem Bewußtsein. Sie fiel vor ihm nieder und drückte ihr Gesicht an seine Hände.

Er hob sie auf und sagte: »Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet. Wir wollen schweigen! Und versuchen zu vergessen. Trennen wir uns!«

Aber da sagte die Gräfin: »Nein! Ich habe nichts zu verschweigen und nichts zu vergessen. Das Blut, das ich vergießen mußte, kam vom Bösen. Ich habe ihn von sich selber und die Menschen von ihm befreit. Wer kann gegen mich zeugen?«

Wenk schaute sie stumm an. Langsam begriff er. Dann gingen Schauer durch ihn. Wie stolz! wie kühn sie ist! wollte er sich sagen. Aber sein Herz warf Strahlen auf in ihm. Er breitete die Arme aus in einer selbstopfernden und sich hingebenden Gebärde. Das Leben, jung, wiedergewonnen, überstürzte ihn, und in demselben Augenblick brach die von so vielen Geschehnissen verschüttete Liebe wieder auf, die sich nie erfüllt hatte.

Dann stiegen sie zusammen über die Dünen dem nächsten Dorf und wieder den Menschen zu.

Von Norbert Jacques erschien ferner im Verlag Ullstein

DIE ZWEI IN DER SÜDSEE Ein Abenteuer unter Wilden

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Zwei deutsche Freunde werden Stewards auf einem australischen Dampfer, lassen sich als Pflanzer einstellen, wirken unter alkoholisierten Schwarzen, die sie mit Tod bedrohen, und fahren mit einem chinesischen Koch auf einem kleinen Segelkutter kreuz und quer über das Weltmeer. Bunt und abenteuerlich wie Kapitel aus dem »Lederstrumpf« hat Jacques diesen Stoff gestaltet.

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Preis 4 Mark

ULLSTEIN-BÜCHER

DAS INDISCHE GRABMAL von Thea von Harbou

Abendland und indische Wunderwelt fließen seltsam ineinander. Bauwerke von himmelanstürmender Großartigkeit ragen empor; Palasträume und Tempelhallen werden von spukhaftem Grauen durchwebt.

DAS RECHT DER MUTTER von Helene Böhlau

Dieser Roman ist das Hohelied der von der Natur geheiligten Mutterschaft. In einem stillen Thüringer Walddorf läßt die Dichterin von Alt-Weimar, Helene Böhlau, die romantisch verschlungene Handlung enden.

DAS EXPRESSKIND von Fedor von Zobeltitz

Das Expreßkind ist der Inhalt des Gepäckstücks Nr. 666, in dem ein junger Hund befördert werden sollte. Eine Komödie der Irrungen hat zwei Pakete vertauscht. Das ist die Lustspielidee, die das Schicksal des kleinen Mädeli und ihres unfreiwilligen Finders und Vormundes, des Studiosus Werner von Ewekerken, trägt.

DER ENGEL ELISABETH von Hans Reimann

Elisabeth, der Engel, läßt sich auf die Erde beurlauben und versucht, trotz Mühsal und Niedrigkeit, des Himmels würdig zu bleiben. Wie es ihr gelingt und wieder nicht gelingt, das schildert Hans Reimann mit Phantasie, mit grotesker Lustigkeit und empfindsamer Güte.

In gleicher Ausstattung

ULLSTEIN-BÜCHER

SCHLOSS VOGELÖD von Rudolph Stratz

Überraschend im Stoff, überraschend in der Psychologie der Hauptgestalten ist diese »Geschichte eines Geheimnisses«. In die Vergangenheit hat Stratz sie zurückverlegt. Aber durch die eigentümliche Technik des Berichts macht er uns zu unmittelbaren Zeugen von Ereignissen, die dunkel und drohend herannahen.

STRANDKORB 57 von Friedel Merzenich

Der Strandkorb 57 steht im Sand von Bansin, und drei Paare finden sich darin fürs Leben. In diesem heiteren Roman gibt es allerlei Leutchen, Gäste der Pension Sommerlust, eine Zufallsgesellschaft: liebenswürdige Menschen und auch andere.

FRAU DOLDERSUM UND IHRE TÖCHTER von Clara Ratzka

Von Frau Doldersum und ihren drei Töchtern erzählt Clara Ratzka, von den Erinnerungen der Mutter, deren Gatte verschollen ist, und die in Soest, der alten westfälischen Stadt, eine Zuflucht sucht, und von den Liebesabenteuern der Mädchen.

FLAMMEN von Helene Kalisch

Im Titel des Werkes klingt das Motto an; und zugleich deutet er auf die roten Flammen, die zuletzt, im Schweigen eines sommerlichen Kiefernwaldes, aus einem Fabrikgebäude bei Berlin emporschlagen. Andere Kapitel spielen im ältesten Berlin, im Köllnischen Viertel, wieder andere, reizvoll in den zerfließenden Stimmungen von Luft und Licht, an der Ostsee.

In gleicher Ausstattung

Bücher von Norbert Jacques

Im Verlag S. Fischer, Berlin:

DER HAFEN Roman / 42. Tausend

PIRATHS INSEL Roman / 32. Tausend

LANDMANN HAL Roman / 10. Tausend

HEISSE STÄDTE Eine Reise nach Brasilien

AUF DEM CHINESISCHEN FLUSS Reisebuch / 4. Auflage

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Im Drei Masken-Verlag, München:

DIE FRAU VON AFRIKA Roman

SÜDSEE Reisebuch

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Im Verlag W. Seifert, Stuttgart:

MARIENS TOR Erzählungen

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Im Wegweiser-Verlag:

DIE HEILIGE LANT Roman

Ullstein A. G. Berlin

Anmerkungen zur Transkription

In der Vorlage fehlen in der Kapitelnumerierung die Nummern V und XVI. Dies wurde wie im Original belassen. Ebenso wurde die offensichtlich falsche Entfernungsangabe Buchloe-Röthenbach (18 Kilometer, S. 51) nicht korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren, wurden ^so^ markiert.

Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 8]: (mehrfache Fälle) ... Es war ein Aß, eine Zehn und ein Bube! ... ... Es war ein As, eine Zehn und ein Bube! ...

[S. 23]: ... Man spielte Baccarat. ... ... Man spielte Bakkarat. ...

[S. 45]: ... der Erinnnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch ... ... der Erinnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch ...

[S. 60]: ... Ȇber Bord. Sie bekommen mit niemanden Streit. Der ... ... Ȇber Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der ...

[S. 62]: ... daß Säuli das Zeichen nicht pünklich gab. Die Grenzer-Automobile ... ... daß Säuli das Zeichen nicht pünktlich gab. Die Grenzer-Automobile ...

[S. 64]: ... können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebäude! ... ... können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebärde! ...

[S. 67]: ... Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit dem Lehen ... ... Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit dem Leben ...

[S. 78]: ... geiistgen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir nicht. ... ... geistigen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir nicht. ...

[S. 82]: ... Wie Sie wollen. Solo, indem sie sich wie in ein Domino in ... ... Wie Sie wollen. Solo, indem Sie sich wie in ein Domino in ...

[S. 100]: ... »Noch sind! Ja, daß ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ... ... »Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ...

[S. 149]: ... um viewiel Uhr?« ... ... um wieviel Uhr?« ...

[S. 165]: ... »Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mubuse ... ... »Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mabuse ...

[S. 217]: ... Tod sie stören konnte. Sein Fürstentum Eitepomar wartete mit ... ... Tod sie stören konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit ...

[S. 228]: ... Weltmann hatte den Schurrbart schwarz und dicht und an ... ... Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an ...