Dr. Mabuse, der Spieler

Part 15

Chapter 153,867 wordsPublic domain

Er suchte die Adresse des Dr. Mabuse im Telephonbuch nach. Sie stand nicht darin. Aber Mabuse hatte ein Telephon; denn der Graf hatte ihn ja von hier aus angerufen. Der Geheimrat Wendel wußte die Nummer.

Als jedoch Wenk, nachdem er sich bei Wendel erkundigt, die Nummer anrief, meldete sich niemand. Er fragte auf dem Auskunftsamt des Fernsprechers nach und hörte, die Nummer sei aufgehoben.

Wer denn die Nummer bis vor drei Wochen gehabt habe?

Das ließ sich so schnell nicht feststellen.

Wenk fragte nochmals Wendel an. Dr. Mabuse habe seine Rufnummer geändert. Ob er seine Adresse kenne? Nein, die kannte Wendel nicht. Er habe von Mabuse nur die Rufnummer gehabt und stets telephonisch mit ihm verkehrt.

Auf dem Meldeamt der Polizei fragte Wenk nach der Adresse des Dr. Mabuse.

Man fand diesen Namen nicht unter den in München angemeldeten Personen.

Auf dem Fahndungsamt ließ Wenk alle alten Telephonbücher nach dem Namen Mabuse durchsuchen. Nirgends wurde dieser Name gefunden.

Da ging Wenk zum Direktor des Fernsprechamts, um die Nachforschungen dort zu beschleunigen. Der Direktor führte ihn ins Auskunftsbureau. Dort waren zwei Fräulein. Die bat er nachzusuchen, worum er schon telephonisch gebeten hatte.

»Was wollten Sie wissen?« fragte die eine ältere der Damen.

Die Adresse des Dr. Mabuse, der vor drei Wochen unter einer Nummer, die nicht im Telephonbuch stand, in München angeschlossen gewesen sei.

Das Mädchen sagte, es lasse sich nichts finden.

Mit diesem Bescheid ging Wenk zum Direktor zurück. Der Direktor sagte, das sei ganz ausgeschlossen, und begleitete Wenk selber zu dem Bureau mit den beiden Damen. Er schaute zusammen mit ihnen nach und fand nichts.

Aber während der Direktor sich so vergeblich über die Listen beugte, kam Wenk ein Einfall.

Als der Direktor ihm meldete, ein Dr. Mabuse sei im Laufe dieses Jahres überhaupt nicht in München angeschlossen gewesen, bat Wenk, dann nachzuschauen, unter welcher Nummer und Adresse ein Mann namens Poldringer eingetragen sei. Da sah er, wie die ältere der Frauen aufzuckte und sich gleich wieder beherrschte. Doch einen Augenblick später sagte sie ihm grob, Poldringer gebe es viele in München, und ohne Vornamen und genaue Adresse könne sie nichts sagen.

Wenk wandte sich an den Direktor: »Herr Direktor, es tut mir leid, Ihnen die Unannehmlichkeit bereiten zu müssen: ich verhafte diese beiden Damen!«

Er trat gleich zwischen die Frauen und die Weckapparate. »Bitte nehmen Sie Platz auf diesen beiden Stühlen, bis die Beamten kommen. Sie hier, Fräulein, Sie dort!«

Das eine der Mädchen wurde kreideweiß. Das andere errötete zuerst und begann dann zu weinen.

Wenk sagte, mehr zu ihm gewandt: »Es ist nur eine Formalität. Sie werden mir durch Ihr Benehmen ermöglichen, die Angelegenheit ohne Aufsehen sich entwickeln zu lassen, und es ist wahrscheinlich, daß Sie nicht lange ohne Aufklärung bleiben!« Dann rief er die Kriminalpolizei an und erbat sich drei Beamte.

Der Direktor sah die Listen nach Poldringer durch. Unter diesem Namen waren mehrere Eintragungen. Die meisten waren Geschäftsleute. Ein anderer ohne nähere Bezeichnung wohnte Xenienstraße und ein zweiter ohne Berufsangabe Ludwigstraße.

Die Mädchen wurden fortgeführt. Wenk ging zur Ludwigstraße. Er kam in ein Mietshaus, sah sich die Umgebung und das innere Haus an und ging weiter zur Xenienstraße.

Ihm blieb das Herz stehen, als er in der Xenienstraße an dem Haus, dessen Nummer unter dem Namen Poldringer im Telephonamt angegeben worden war, das Marmorschild sah:

Dr. _Mabuse_ _Psychopathologische Behandlung_.

Er eilte davon, den Kopf zwischen den Schultern. Er merkte sich nur rasch die Nummern der gegenüberliegenden Häuser. Die Straße bestand nur aus freistehenden Villen.

Das Blut trommelte in seine Augen. Das Herz blies Posaunen, in seinen Ohren war Geschützbrausen. Er hatte den Verbrecher. Nein, er hatte ihn noch nicht. Er kannte ihn nur!

Bevor er Weiteres tat, fuhr er zum Gefängnis. Denn die Frist, die die Carozza erbeten hatte, war um, und was sie ihm nun mitteilen sollte, konnte ihm die letzten Sicherungen auf das Glücken des Werks geben.

* * * * *

Am frühen Morgen dieses Tages, als der Wärter im Frauengefängnis die erste Runde zu machen hatte, wurde die Tür zur Zelle der Carozza geöffnet. Die Carozza schlief noch. Sie wurde geschüttelt, und als sie rasch erwachte, sah sie den Wärter über sich gebeugt. Aber es war nicht der Wärter, es war Spoerri. Doch nein, sie träumte. Sie war doch im Gefängnis. Wie kam Spoerri an ihr Bett? Sie wollte die Erscheinung wegwischen. Doch ihre Hand blieb am Gesicht hängen. Da erhob sie sich entsetzt. Sie erwachte sofort ganz. Ja, es war Spoerri. Er sagte: »Du weißt, ich stehe mit dem Wärter im Bund!«

Die Carozza nickte.

»Damit wirst du auch wissen, daß er mir gesagt hat, was gestern hier zwischen dir und dem Staatsanwalt vor sich ging.«

Die Frau fragte fahrig: »Was war das denn?«

»Daß du den Doktor verraten willst!«

Die Carozza sprang aus dem Bett. »Wer sagt das?« schrie sie.

»Bitte nicht schreien. Der Wärter sagte es.«

»Es ist nicht wahr!«

»Der Wärter hat kein Interesse zu lügen!«

»Hat er dem Doktor es gesagt?« fragte angstvoll die Carozza.

Da log Spoerri: »Ja, der Doktor schickt mich zu dir, natürlich!«

»Es ist nicht wahr!« rief, dem Weinen nahe, die Carozza. »Ich wollte ihn retten!«

»Kannst du das beweisen?«

»Ich wollte ihn retten. Spoerri, er ist bedroht!«

»Er ist immer bedroht. Das ist Unsinn. Kannst du beweisen, was du sagst?«

Die Carozza erzählte heftig, was zwischen ihr und dem Staatsanwalt vorgegangen war. Spoerri entgegnete gleichgültig: »Ich meine, so beweisen, daß nichts mehr daran zu tüfteln ist? Rasch, bitte. Ich muß in fünf Minuten aus dem Flur heraus sein.«

»Was soll ich tun, daß der Doktor mir glaubt?« fragte entsetzensvoll die Carozza.

»Der Doktor ist sehr in Sorge, muß ich dir sagen. Er hatte so was nicht von dir erwartet.«

»Nein, nein,« stammelte fassungslos die Carozza. »Wie soll ich beweisen ... wie soll ich ... Du weißt doch, Spoerri ...«

Da zog Spoerri mit einem feinen Lächeln ein Fläschchen aus der Tasche. »Da drin«, sagte er, »liegt der Beweis.«

»Wo?« fragte Carozza aufgelöst.

»Hier drin, meine Liebste, nicht wahr?«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte die Carozza.

»Ho, das brauchst du auch nicht. Nur zu trinken, weißt du, bloß ein Schlückchen. Dann glaubt dir der Doktor aufs Wort.«

Da sah die Carozza das Fläschchen entsetzt an. »Was ist es?« stotterte sie.

»Ein Himmelstränkli, meine Liebe. Tut nicht im mindesten weh. Vom Doktor selber gebraut. Aber wirf es noch rasch zum Fenster hinaus! Ich mache dir das Fenster schon auf. Vergiß das nicht! Aber ganz rasch, nicht wahr? Sofort werfen! Denn ohne die Flasche merkt kein Mensch, was dir geschah. Ja, das erwartet der Doktor. Das ist dann ein Beweis, an dem nichts mehr zu tüfteln ist. Im übrigen, du kennst uns ja. Selbst ist der Mann ...«

Dabei hob er ein Messer aus der Tasche und spielte leichthin mit ihm. Er warf es an die Tür, und es blieb mit der Spitze wagerecht darin stecken. Er riß es zurück und sackte es wieder ein.

»Siehst du,« sagte er. »Aber nun muß ich. Also auf Wiedersehen!«

Er wollte gehen. Die Carozza sprang ihm nach und krallte sich an sein Bein an. Sie sank in die Knie. Sie schluchzte: »Ich bin doch jung. Ich lieb' doch das Leben. Ich habe ihm doch genützt. Ich hoffte befreit zu werden. Von ihm. Wenigstens befreit, wenn er mich schon nicht lieben kann.«

»Na ja,« sagte Spoerri, »aber wie gesagt, er fühlt sich seitdem beunruhigt. Du kannst es ja halten, wie du willst.«

Die Carozza: »So befrei' du mich von hier. Ich werde es ihm tausendmal beweisen, daß er meiner sicher sein kann. Ich gebe mein Leben für ihn ...«

»Bitte!« warf Spoerri roh hinein.

Aber die Frau, losgelassen: »Was bin ich denn? Ein Schatten, der hinter ihm hergeht und sich vor ihm verbirgt, ohne sich von ihm trennen zu können. Tausendmal ... tausendmal ... Befrei' mich ...«

»Und wenn wir dabei erwischt werden, hängen wir beide, hat er gesagt. Und wer weiß, ob sie dann nicht auch an ihn kommen.«

Da war die Carozza auf einmal gefaßt und sagte: »Gut, es ist wahr! Geh! Und sage ihm ... Nein, du brauchst nichts zu sagen. Ich will dann ja nichts mehr von ihm ...«

Spoerri ging rasch. Das Fläschchen blieb in der Hand der Carozza. Es war an ihren fiebrigen Fingern warm geworden. ... Er glaubt mir nicht, sagte sie zaghaft. Der Doktor glaubt mir nicht mehr. Sonderbar -- gibt es für irgend etwas auf der Welt mehr Beweise als dafür, daß meine Gedanken ihm treu waren? O, dies Leben, dies schmutzige, unverständliche, zerstörende Leben! Dies furchtbare Leben! ...

»Komm!« sagte sie zur Flasche. »Nein, daran brauchst du nicht mehr zu tüfteln, du ... Mann! Du süßer Mörder! Du Erwürger ... Scheusäligkeit, Seligkeit, du ...«

Das schrie sie.

Dann erschrak sie vor ihrem Schreien, als ob sie damit das geliebte Leben in Gefahr bringen könnte. Sie riß den Stöpsel vom Fläschchen, und mitten in der Zelle stehend, trank sie, warf einen Augenblick darauf die Flasche in das feurige Fensterloch, in das der Morgen der freien Welt draußen wie die Mündung einer losgehenden Kanone hereinschoß ...

* * * * *

Wenk stand vor dem Verwalter des Gefängnisses. »Ja, Herr Staatsanwalt, wir haben Sie leider nicht verständigen können. Sie waren nicht zu erreichen. Ein Herzschlag scheinbar, sagt der Arzt. Sie lag heute früh tot in der Zelle.«

Wenk ging zwischen Enttäuschung und Grauen in die Zelle. Sie war leer. Die Pritsche noch unaufgeräumt. Die Kleider der Carozza lagen auf einem Schemel. Wenk sah sich um und wollte wieder gehen. Da war ihm, als habe auf dem Fenstergesims etwas aufgeleuchtet. Er trat zurück, untersuchte das Fenster und fand einen kleinen Glasscherben, der gerundet war und einen starken Geruch ausströmen ließ. Wenk stieg auf einen Stuhl. Draußen fand er noch einen Splitter. Er ging in den Hof hinab, und bald hatte er die Überreste des Fläschchens zusammen. Es hatte sich an einem Eisenstab des Gitters zerschlagen. Wenk ließ die Glasreste untersuchen. Es waren Spuren von Giften daran.

Er ging zu Fuß nach seiner Wohnung zurück. Ein neues Opfer, sagte er ununterbrochen. Ein neues Opfer ... Dann, auf dem Wort Opfer weiterspielend: Ein wirkliches Opfer. Denn diese hat sich selbst geopfert! Das fühlte er. Diese Dirne war als ein Opfer ihrer Liebe gestorben. Sie hätte mir doch nichts gesagt, ahnte er nun. Sie wollte mich bloß irreführen, um Zeit zu haben, jenen zu warnen. Ich habe kein Glück bei Frauen.

Er war tief ergriffen. Weshalb, fragte er sich, sind diese starken Seelen immer nur auf der andern Seite zu finden? Immer beim Bösen? Und als am nächsten Tag die Carozza begraben wurde, stand er als einziger Leidtragender am Grab. Langsam nur fand er sich zur Arbeit zurück.

Aber dann war er Hals über Kopf in sie hineingesunken. Er stellte Pläne auf, den Dr. Mabuse in seinem Hause zu fangen. Das erste, was zu geschehen hatte, war, daß man auskundschaften mußte, wann ganz sicher jener sich in seinem Hause befand. Dann mußte man wenigstens sich die beiden Hauptleute sichern, parallel in der Xenienstraße und in Schachen vorgehen, keine Zeit lassen, daß einer den andern benachrichtigen konnte.

Die Vorbereitungen mußten bis aufs äußerste ausgearbeitet werden. Und dann mit einer Überrumpelung, die nicht länger als drei Minuten dauern durfte, losgeschlagen werden. Denn ein Mann, der mit einer solchen Kühnheit mitten in der Stadt bis in die Domäne der staatlichen Justiz hinein solche Verbrechen durchführen ließ, hatte sich in seinem Hause gegen Überfälle aufs beste gesichert. Das war unumstößlich.

Über diesen Vorbereitungen verging Zeit.

Zuerst mußte sich Wenk eine der beiden gegenüberliegenden Villen als Beobachtungsposten sichern. Er nahm dazu die Hilfe des alten Hull in Anspruch. Er fuhr gleich zu ihm.

»Können Sie mir einen großen Dienst leisten?« fragte er. »Lassen Sie durch einen Vertrauensmann in einer der Villen Nr. 26 oder 28 in der Xenienstraße ein Stockwerk oder besser die ganze Villa mieten. So wie sie ist. Es muß übermorgen beziehbar sein. Kosten spielen keine Rolle. Ich brauche das Haus für zwei oder drei Wochen. Das Frühjahr ist da. Vielleicht wünscht eine Partei eine kleine Reise zu finanzieren.« Hull begab sich gleich ans Werk.

Von Lindau erbat Wenk den sofortigen Besuch des Kommissars von der Straßenwalze. Der Kommissar kam mit dem Schnellzug um elf Uhr nachts.

»Herr Kommissar, die Sache ist reif!« sagte ihm Wenk. »Sie müssen sich bereithalten, in jedem Augenblick loszuschlagen. Ich überlasse Ihnen den Plan. Sie haben ja reichlich Zeit gehabt, die Geographie und die Gelegenheiten kennen zu lernen. Nur müssen Sie mit dem Augenblick des Eintreffens meines Befehls: Villa Elise verhaften! was gehst du, was hast du, vom Leder ziehen. Tot oder lebendig. Man wird ein zweites Boot auf den See legen. Für die Landseite verdoppeln Sie die Zahl Ihrer Leute. Die Straßenwalze führen Sie fort. In Schachen beginnt jetzt die Frühjahrssaison. Halten Sie sich mit sechs bis acht Mann als Strandgäste dort auf!«

Um sieben Uhr am andern Morgen reiste der Kommissar zurück.

Um elf Uhr kam der alte Hull mit einem Mietsvertrag für die Villa 26 in der Xenienstraße. »Es wohnt ein junges Paar da,« sagte er, »dem mein Vorschlag, wie es scheint, sehr zu recht kam. Sie wollten nach der Schweiz, wo die Eltern wohnen, und hatten nur vor der Valuta zurückgeschreckt. Ich bot ihnen fünftausend Mark für den Monat. Diese werden sie in Franken umwechseln. Ich schädige unsere Valuta ...«

»Aber Sie nützen der Heimat, Herr Hull! Sie werden sich bald davon überzeugen,« sagte Wenk.

»Sie können von heute abend sechs Uhr an die Villa beziehen!«

Um sechs Uhr hielt Wenk in der Kleidung eines grünen Radlers seinen Einzug in die leere Villa. Er ließ das Rad draußen stehen und suchte sich gleich ein Fenster aus, das ihm paßte. Er war ganz allein im Haus. Er verdeckte sich hinter einem Spitzenvorhang und schaute auf die Straße.

Das erste, was er sah, war, nachdem er so eine Viertelstunde Posten gestanden hatte, daß jemand das Rad draußen stahl und damit fortsauste. Er hatte niemals einen Verbrecher bei der Tat gesehen. Dies Letzte seines Berufs war ihm erst heute vergönnt. Er leitete es als eine gute Vorbedeutung in sein Gemüt und lachte über die komische Hast, mit der der Dieb Umschau hielt, aber schon auch das Rad zwischen den Schenkeln hatte.

Er überblickte zwei Stunden lang in einem Stück die Haustür und die Gartentür, die Fenster, das Dach der Villa Mabuses. Kein Mensch kam noch ging. Wenk blieb bis Mitternacht. Nichts! Er schlief am Fenster ein, wachte wieder auf, schaute und schlummerte wieder ein bißchen und erwachte dann erst, gerädert, im hellen Morgenlicht.

Wenks Diener als Ausläufer von Oberpollinger brachte ihm das Frühstück.

Es wurde ein langer Tag. Wenk zog sich den Fernsprechapparat ans Fenster und rief mehrere Bekannte und Ämter an.

Endlich, abends sechs Uhr, hielt gegenüber ein Auto. Kaum hielt es, so fuhr es wieder an und davon. Ein Herr schritt auf die Haustür zu. War es aber Mabuse? Nein -- denn es war ein alter Herr, der die unverkennbaren Schritte eines Tabetikers machte. Vielleicht ein Patient.

Dann sah Wenk bald darauf einen Kaminfeger das Haus verlassen. Der Kaminfeger ging rasch und lustig, eine Zigarette hoch in die Luft dampfend. Wenk hatte den Kaminfeger nicht ins Haus hineingehen sehen. Das war ein Zufall gewesen. Der alte tabetische Herr blieb lange. Wartete er so lange auf den Arzt? Oder war es ein Helfer Mabuses? Das war zweifelhaft. Aber es durfte nichts überstürzt werden.

Die Dämmerung waltete bereits stark, als ein Mann mit einem Paket drüben an der Haustür klingelte, die mit einer überraschenden Schnelligkeit sich öffnete. Nach einer halben Stunde kam dieser Mann wieder heraus.

So ging es noch einmal. Auch in der Nacht kamen und gingen ab und zu Menschen. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag.

Am dritten Tag wurde Wenk in der Frühe angerufen. Es war sein Diener. Die Kriminalpolizei habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Es sei in der Nacht etwas in einem Spielsaal vorgefallen. Ob er einen Beamten zum Berichte wünsche?

Ja, er solle nur in irgendeiner Lieferanten-Uniform kommen.

Der Beamte kam eine halbe Stunde später, als Telephonarbeiter gekleidet, und berichtete: Gestern nacht kam ein junger Mann auf die Wache und erzählte, in dem geheimen Spiellokal von Schmitz hätten sie Bakkarat gespielt. Ein alter Herr, der zweifellos Tabetiker sei, habe mitgespielt und immer verloren. Als es drei Uhr morgens war, habe der alte Herr einen Wutanfall bekommen, habe etwas gerufen, und da seien auf einmal drei Männer, die mitgespielt hatten, auf den Tisch gesprungen. Mit vorgehaltenen Revolvern hätten sie »Hände hoch!« gerufen. Ein vierter sei dann von Mann zu Mann gegangen, habe das Geld vom Tisch und alles Geld aus den Taschen der Mitspieler genommen. Ihm hätten sie zwölftausend Mark geraubt. Den alten Herrn aber hätten sie ruhig gelassen. Der sei dann aufgestanden und sei fortgegangen und war auf einmal ganz gesund. Zwei von den Räubern haben ihn hinausbegleitet. Die andern haben den Rückzug gedeckt. Draußen hatten die Räuber zwei Automobile.

Diese Meldung erregte Wenk.

Seinen Plan störte das Ereignis nicht. Im Gegenteil zeigte seine Verwegenheit, daß Mabuse sich sicher fühlte. Aber Wenk hing hier in dem fremden Haus an der Gardine wie eine schlafende Fledermaus, und der Verbrecher ging in der Stadt seine Wege mit einer Kühnheit, als habe er niemanden und nichts zu fürchten.

Er nahm sich sein Recht. Wie konnte es anders sein, wenn er, der Staatsanwalt, der damit betraut war, ihn zu fangen, sich hier an die Fenstervorhänge klebte!

Wenk verließ kurz entschlossen seinen Posten und kam erst abends zurück. Er hatte den Befehl gegeben, die Laterne vor Mabuses Haus zu löschen, indem man die Scheibe einwarf und den Glühkörper zerstörte.

Es war eine dunkle Nacht. Wenk schlich sich in den Garten der Mabuse benachbarten Villa, sobald sich deren Fenster verdunkelt hatten. Er hatte einen Behälter mit geschwärztem Mehl bei sich. Er kletterte über den Zaun in Mabuses Grundstück, schlich vorsichtig zum Gartenweg und verteilte das Mehl in einer dünnen Schicht über ein Stück des kurzen Dammes zwischen Gartentür und Haus. Darauf eilte er über den Zaun in den Nachbargarten zurück und von dort in seine Nummer 26.

Eine halbe Stunde später verließ jemand das Haus Mabuses. Wenk erkannte nichts von der Person.

Anderthalb Stunden nachher kamen Schritte in der Straße unter seinem Fenster vorbei. Er sah einen Mann, der Soldatenuniform trug. Der Mann ging plötzlich zum Haus Mabuses hinüber. Er verschwand in dessen Tür.

Wenk stieg wieder hinab und klemmte sich wieder in einen Busch der Mabuse benachbarten Villa. Nach einer langen Weile hörte er Mabuses Tür gehen. Er sah im Sternenschein, daß eine ältere, beleibte Dame das Haus verließ. Sie ging auf die Straße. Fast im selben Augenblick tauchte dort ein Auto auf. Die Dame stieg rasch hinein, und das Auto jagte davon.

Wenk überkletterte wieder vorsichtig den Hag, der zwischen ihm und Mabuses Garten war, kroch auf allen vieren über den Rasen zum Weg, den er mit dem Mehl bestreut hatte, und beleuchtete eilig mit einer kleinen elektrischen Taschenlaterne den Boden. Da sah er, daß die Sohlenabdrücke von allen drei Personen von genau denselben Schuhen herrührten.

Also, der zuerst herausgekommen war, der Soldat und die Dame waren ein und derselbe Mensch. Und gestern und vorgestern, ging es Wenk auf, der Kaminfeger, der Tabetiker, der Mann mit dem Paket ... alle dieselbe Person und alle -- Mabuse!

Wenk blies vorsichtig den Mehlstaub fort.

Diese Nacht mußte die Entscheidung bringen. Sturmtrupps der Polizei lagen auf den beiden nächsten Wachen bereit. Sie waren gerüstet, in jeder Sekunde aufzubrechen. Wenn Wenk Mabuse sicher im Hause wußte, eilte er in seine Nr. 26 hinüber, rief an, und drei Minuten später konnten die Polizisten das Haus Mabuses umstellt haben. Das Sprengen der Tür kostete eine halbe Minute. Sechs Mann blieben draußen und umstellten in drei Minuten das Haus. Sechs stürmten mit ihm hinein. War Mabuse in seiner Hand, flog der Befehl nach Schachen.

Wenk schlich rasch in den Nachbargarten zurück. Er legte sich flach auf die Erde und wartete. Die Erde atmete die Wärme, mit der sie sich aus dem Spätfrühjahrstag vollgesogen hatte, um seinen Leib. Er spürte die Kraft des Bodens. Und in einem Gefühl der höchsten Spannung, jetzt, zwei Stunden, eine Stunde, vielleicht nur Minuten vor dem Gelingen seines Werkes, war ihm, als durchbrauste eine Musik, in der alle Geheimnisse des Menschenblutes tobten, sein Herz. Tränen füllten seine Augen. Mit Liebkosungen suchten seine nackten Finger den dunstenden Erdboden. Es war ihm, als fühlte er das entblößte Herz der Menschheit, für die er sein Leben aufs Spiel setzte.

Sein Entschluß war, hier zu liegen und zu warten, bis Mabuse in irgendeiner Verkleidung zurückkam. Er konnte nicht mehr fehlgehen. War jener drinnen ... wie in einer Mausefalle drinnen im Hause ... so eilte Wenk hinüber und rief seinen Befehl in den Fernsprecher.

Aber bevor es soweit war, sollte er noch eine Erfahrung machen, die ihm das Herz still stehen und einen Schrei in seinen Mund treiben ließ, durch den er sich beinahe verraten hätte. Ein Auto kam die Straße herauf. Es hielt mit einem schreienden Ruck vor Mabuses Gartentür. Aber niemand stieg aus. Nein, die Tür Mabuses öffnete sich, und es kam jemand die Stiegen herunter, und als dieser Mensch ins Licht der Scheinwerfer trat, sah Wenk, daß es die Gräfin Told war.

Wenn er nicht im selben Augenblick seinen Mund in den Erdboden gepreßt hätte, wäre sein Schrei gehört worden.

Das Auto raste den Weg zurück, den es gekommen war. Frauenräuber! Gattenmörder! tobte Wenks Blut auf.

Das also war das Geheimnis vom Tode des Grafen Told! Ein Teufel und ein Werwolf! rief es durch ihn.

Wenk fühlte auf einmal die Kühle der Nacht unter seinen Kleidern. Er zitterte. Bekam er Fieber vor der letzten Minute? Er kämpfte alles in sich nieder. Er hörte in der Stille der Nacht sein Blut wie einen Wasserfall am Trommelfell rauschen; so war er mit aller Energie auf der Lauer und lauschte dem, was kommen sollte.

Es schlug zwölf Uhr. Ihm war, als bebte die Stadt vom Schlag der Glocken. Als müßte dieser Glockenschlag in das unbekannte Haus eindringen, in dem irgendwo gerade das Scheusal war, und jede Tonwelle werde ein wogendes Messer, das ihn zerfleischte.

Der Glockenschlag der Mitternacht ging vorüber. Ein Schritt hallte nah oder fern. Wenk konnte es nicht unterscheiden. Von der Stille und der erwartenden Gespanntheit trommelten seine Ohren laut.

Auf einmal kreischte die Gartentür. Im Sternenlicht war eine breite weiße Hemdenbrust zu sehen. Sie leuchtete. Ein Mann kam rasch auf die Haustür Mabuses zu ... und in dem einen Augenblick, wo vor dem Öffnen der Tür die Gestalt des Mannes da oben stand, erkannte Wenk trotz der Dunkelheit ganz genau, daß diese Gestalt der Dr. Mabuse war.

So schloß sich das Netz.

Wenk wartete drei, vier Minuten. Stürzte die Stadt nicht ein in diesen etlichen Minuten? Quoll das Pflaster nicht auf? Tobte der Jüngste Tag nicht vom Himmel herunter?

Dann raffte er sich auf und, steif wie ein Blech, überkletterte er den Zaun auf die Straße und eilte hinüber zu Nr. 26. Er stürzte in der Finsternis hinauf, fiel an den Fernsprecher, rief die Nummer und dann an die Wache die Befehle, die er vorbereitet hatte. Er hatte nur die Straße und die Hausnummer zu nennen, die er bisher der Sicherheit wegen geheimgehalten hatte.

Ein Motorfahrer sollte gleich beim Eintreffen der telephonischen Meldung zur zweiten Wache. Unmittelbar nach ihm sollte das Auto mit der ersten Mannschaft ihm folgen, an der zweiten Wache mußten die vom Motorfahrer alarmierten Leute gleich auf das Auto und zusammen mit dem inzwischen angekommenen Fahrzeug der ersten Wache zu dem Haus rasen. So war es abgemacht.