Dr. Mabuse, der Spieler

Part 14

Chapter 143,813 wordsPublic domain

Da ging Wenk ganz plötzlich, in der Meinung, es sei gut, sie in dieser Stimmung nicht zu stören, sondern sie sich weiter in sie hineinhüllen zu lassen. Als er die Tür aufriß, fiel ein Mann gegen ihn, doch war es nur der Wärter. »Ich wollte gerade nach der Gefangenen schauen,« sagte er.

»Verzeihen Sie!« entgegnete Wenk und ging davon.

* * * * *

Kurz darauf geschah folgendes:

Bei Hengnau an der württembergischen Grenze war ein Mann angehalten und verhaftet worden, der Kühe nach Württemberg treiben wollte. Der Mann stellte sich in den ersten Tagen stumm, dann tobte er. Der Untersuchungsrichter, um ihn einzuschüchtern, sagte ihm eines Tages: »Gestehen Sie nur bald, bevor das neue Gesetz kommt. Wenn Sie vorher abgeurteilt werden, kann es Ihnen mild gehen. Nachher kann es Ihnen den Kopf kosten.«

»Was ist das für ein neues Gesetz?« fragte er.

»Auf die Vergehen, die die Ernährung des Volkes gefährden, kann Todesstrafe gestellt werden.«

»Wie wird man getötet?«

»Mit dem Beil wahrscheinlich!«

»Und wenn ich vorher abgeurteilt werde?«

»Bekommen Sie höchstens ein Jahr Gefängnis.«

Da gestand er auf einmal. Er öffnete alle Schleusen. Er gestand alles, was er seit Jahren getrieben hatte, und nannte alle Namen von Schmugglern, die er kannte.

Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Angelegenheit wuchs sich immer breiter aus, und es wurde schließlich eines Tages auch der Name jenes Mannes genannt, den Mabuse nachts auf der Lindauer Landstraße aus seinem Dienst entlassen hatte -- Pesch!

Pesch wurde verhaftet.

Er verbrachte die erste Nacht im Gefängnis von Wangen, aus welcher Gegend er war. Als der Wärter aber am nächsten Morgen seine Zelle öffnete, war der Verhaftete verschwunden. Wenige Stunden später wurde der Gendarmerie nach Wangen telephoniert: im Wald an der Lindauer Straße liege ein Mann. Es sei zweifellos ein Mord vorgekommen.

Das Gericht begab sich an die Stelle. Der Tote war Pesch. Er war erdolcht worden. Als man seine Leiche forthob, sah man, daß auf dem großen hellen Stein, auf dem sie gelegen, Zeichen mit Blut gemalt worden waren. Sachverständige entzifferten am selben Tage die Zeichen.

Sie hießen: Villa Elise ...

Die Bürgermeister sämtlicher Ortschaften in der Nähe wurden angefragt nach einer Villa dieses Namens. So hatte man bald herausgefunden, daß in Schachen es eine Villa Elise gab, die von der Polizei bewacht wurde.

Es wurde sofort Wenk gemeldet. Er fuhr nach Lindau. Die beiden Beamten, die die Straßenwalze führten, hatten festgestellt, daß Poldringer am Tage, an dem Pesch ins Gefängnis gebracht worden war, Schachen mit einem Rad verlassen hatte. Er war erst nach drei Uhr in der Frühe zurückgekommen.

Da setzte es Wenk durch, daß zwei Motorboote auf den See gelegt wurden. Man gab ihnen den Schein, als gehörten sie zu den Zoll-Überwachungsbooten. Sie wurden mit Scheinwerfern ausgestattet.

Es war wieder ein Menschenleben draufgegangen. Aber der neue Mord hatte Weiteres verraten ... viel Gefährlicheres, als man bisher wußte. Es war zweifellos, daß die Bande sich auch mit Schmuggel befaßte; man sah auch, daß unsichtbar zwischen dem Leben und Treiben der Mitmenschen diese Kraft des Bösen einen Staat für sich gebildet hatte, der von ihm und der für ihn lebte und seinem Willen Tat angedeihen ließ.

Pesch hinterließ eine Frau mit fünf Kindern. Da das Vermögen eingezogen wurde, waren sie dem Elend preisgegeben.

Wenk ging zum alten Hull, um dessen Hilfe für diese zu erbitten, und sagte ihm in einem raschen Einfall: »Ein Erziehungsheim für Kinder von Verbrechern gründen ... unter einem verbergenden Namen ... das wäre vielleicht eine gute Anlage für Ihr Geld. Man kann die Kinder, auf die sich ja öfter die Eigenschaften der Väter weiter vererben, von klein an beobachten, ihre Neigungen erkennen, bessern, wenn es geht, oder wenn es nicht geht, der menschlichen Gesellschaft diese Elemente fernhalten ... noch bevor sie die Gesellschaft geschädigt haben. So würde von vornherein ein großer Teil der Verbrecher unschädlich gemacht und viele Menschen gerettet ...«

»Ich will das tun,« sagte Hull. »Ich danke Ihnen.«

* * * * *

Am selben Abend ging Wenk durch die Marstall- auf die Maximilianstraße. Als er am Vier-Jahreszeiten-Saal vorbeikam, war ihm, als sähe er in der Menge von Menschen, die in den Eingang sich drängten, einen Bekannten. Aber er kam nicht drauf, wer es war, und ging gleich weiter. Er durchforschte sein Gedächtnis im Gehen, wem dieser so auffallende bekannte Rücken wohl angehören möchte. Er fand aber die Person nicht zurück.

Gleich nachher kam er an einem Schaufenster vorbei, in dem ein Plan der Klassenlotterie hing. Eine fette Schrift war im dunkeln Fenster zu erkennen. Das Wort »Spielerglück!« stach aus ihr hervor.

Dies Wort warf die Erinnerungen Wenks mit einem Schlag auf den Weg. Es war der Rücken des blondbärtigen Spielers gewesen.

Wenk erschrak vor dieser Entdeckung. Er suchte diesen Mann durch Tage und Nächte und durch ganz Deutschland, und da war er so nahe an ihm vorbeigegangen, daß er ihn hätte an der Schulter festhalten können. Er kehrte gleich um, ging zum Saal zurück und las an der Eingangstür ein kleines Plakat:

_Experimenteller Abend des_ Dr. _Mabuse_.

Er beorderte einen der anwesenden Polizisten, sofort sechs Zivilbeamten herbeizuholen, ließ sie in unauffälliger Weise alle Ausgänge schließen, und als die Beamten aufgestellt waren, ging er in den Saal. Der Saal war leicht zu überwachen. Er ging von Reihe zu Reihe. Der Experimentierer war gerade mit Vorbereitungen beschäftigt.

Wenk setzte sich hin und her und überblickte Gesicht um Gesicht, Menschen um Menschen. Aber er fand niemanden, der diesen Rücken hatte, dessen Bild sich ihm so stark eingeprägt.

Er sah Bekannte. Der Geheimrat Wendel saß da, gleich in der vordersten Reihe. Ein Kollege vom Gericht mit seiner Frau und seiner erwachsenen Tochter. Er tat, als kenne er niemanden, und suchte fieberhaft. Aber es war alles vergeblich.

Da stürzte er sich hitzig kopfüber in das Unternehmen, ging zu den Beamten hinaus und erteilte ihnen folgende Weisungen:

Alle Türen werden verschlossen, bis auf diese eine. Zwei Beamte gehen in den Saal. Einer von ihnen sofort auf die Bühne und bittet das Publikum, in Ruhe einer nach dem andern den Saal zu verlassen. Beide passen auf, daß niemand zurückbleibt. Die vier andern stellen sich an der Tür auf und lassen die Leute durch, Person für Person. Von der Tür wird nur ein Flügel geöffnet.

Wenk selber wollte an der Tür stehenbleiben, und wenn er den Verhaftungsbefehl gegen einen Mann ausspräche, sollte der Betroffene von zwei Beamten sofort beiseite gezogen und gefesselt werden. Die beiden andern Beamten hatten dann nichts anders zu tun, als aufzupassen, daß keine Person sich den verhaftenden Beamten nähere. Die Dienstrevolver seien schußbereit zu halten.

Im Saal entstand bei der Verkündung des Beamten zunächst ein heiteres Erstaunen. Dann hörte man einige unwillige Rufe. Der Beamte versuchte zu beruhigen.

Das erste, was sich in Mabuses Vorstellungen zeigte, als er die Botschaft des Geheimpolizisten hörte, war, ob es nötig gewesen, sich der Gefahr des öffentlichen Auftretens auszusetzen. Aber er schob diese Vorstellung gleich als etwas Lästiges weg.

Es war nötig, denn es war für seine Seele die Kugel, in der sich Ernährungsstoff in konzentriertester Form zusammenpreßte. So mußte er mit seinen suggestiven Fähigkeiten immer in Berührung mit einer namenlosen Allgemeinheit bleiben. Dann spürte er seine Macht über die Grenze des Kreises hinaus, der ihm verpflichtet war, und von dem er jeden kannte, schier ins Ungemessene wachsen. Und sein Geist übte sich vieles zu umfassen, viele Menschen auf einmal in die Hand zu nehmen und in den irren Dingen, die seine geheime Gabe ihnen auferlegte, ihre Wenigkeit und seinen Haß und seine Gewalt über sie auszukosten ...

Hier auf dieser Bühne war er neu geboren worden. Hier hatte er sein Leben der Macht begonnen, als der Krieg ihn von seinen Pflanzungen in der Südsee als einen ruinierten Mann nach seiner Heimat zurückgetrieben hatte. Dieses gab er nicht auf.

Noch während mit traumhafter Schnelle diese Überlegungen ihn durchzogen, ging er zum Beamten hin und fragte, was geschehen sei. »Sie müssen sich an Herrn Staatsanwalt Wenk wenden,« sagte der. »Er ist draußen!«

Da erblaßte Mabuse, wandte sich weg und stieg raschen Schritts zum Geheimrat Wendel hinab, den er in der ersten Reihe noch immer sitzen sah. Im Gehen entsicherte er mit der Hand in der Tasche seinen Browning und zielte, von einer Blutwelle überlaufen, die Haß und Kampf durch seine Muskeln warf wie einen Brand, mit seiner Phantasie Wenk mitten in die Stirn.

Du zuerst und dann! sagte er bei sich.

Aber schon lächelte er den Geheimrat an.

»Ihre suggestiven Kräfte,« sagte der Geheimrat, »scheinen den Staatsanwalt Wenk zu beunruhigen!«

»Wenk?« fragte Mabuse erstaunt tuend zurück.

»Ich sah ihn nämlich mit Luchsaugen vorhin von Stuhl zu Stuhl schleichen und jeden Besucher durch Jacke, Weste, Hemd und Unterkleid hindurch auf sein kriminalistisches Gewissen prüfen. Er scheint seinen Mann aber nicht gefunden zu haben.«

Mabuses Brust dehnte sich von einem schnaufenden Gefühl des Glücks. Er war wie ein Pferd, das nach langem Hungern und Ziehen den Kopf in die Krippe senkt.

Trotzdem er sofort klar verstand, fragte er den Geheimrat: »Weshalb meinen Sie das?«

»Einfach! Wenn er ihn gesehen hätte, hätte er sich ihn von seinen Beamten herausholen lassen, ohne Ihre Sitzung zu stören!«

»Das ist wahr,« sagte Mabuse. »Gehen wir!«

Mabuse drängte zur Tür, den Geheimrat mit sich ziehend. Mit allen Sinnen paßte er um sich auf, in seinen Rücken, wo er den Anschluß an Wendel nicht verlieren durfte, nach vorn, wo die Gefahr drohte, der er entweichen wollte.

Bewegungen ließ er, wenn sie ihn von dem alten Professor zu trennen drohten, mit allerlei Listen und einem Einsetzen seines ganzen Muskel- und Gliederapparats anders verlaufen, als er sie begonnen hatte.

Es kam ihm nur auf eines an: nicht als ein Besonderer durch die Tür vor den Staatsanwalt zu treten. Der berühmte alte Geheimrat mußte von ihm die Aufmerksamkeit des Spürhundes draußen wegsaugen.

Wendel war ein alter Herr. Auf Eile kam es ihm nicht an. Aber Mabuse durfte nur nicht als der letzte draußen vorbeigehen, bestrahlt von Auffälligkeit, doppelt beäugt von der Enttäuschung, daß jener den Gesuchten nicht gefunden hatte. Es kamen noch welche hinter ihm, unter denen er sein konnte, wenn er nicht als der letzte den Saal verließ.

Eines war sicher: Er war es, den der Staatsanwalt suchte, und kein anderer! Wenk wußte nicht, daß es Mabuse sei, den er haben wollte, sonst hätte er ihn von der Bühne herunter verhaftet. Wie war er ihm auf die Spur gekommen? Ein Rätsel, das ihn reizte! Verrat? Er wurde nicht verraten! Hatte Wenk irgend etwas an ihm erkannt von den Abenden in den Spielsälen her? Nein! Er wußte, seine Masken machten ihn unkenntlich. Also ...

Da berührte eine Hand die seinige. Mabuse sah in das fragende Auge Spoerris, erblickte neben ihm einen andern Mann seiner Sicherheitsgarde und lenkte seine Augen sofort unbeteiligt weg.

Spoerri und der Genosse drängten sich vor ihm durch die Tür.

Mabuse rechnete weiter: Also ja, es konnte nur sein, daß irgendein Zufall Wenk auf seine Spur gehetzt hatte. Vielleicht die Erinnerung einer Ähnlichkeit ... Bewegung oder Erscheinung ... Wenk durfte also möglichst wenig von ihm sehen. Und da sein Rücken Wenks Augen am längsten ausgesetzt war, zog er den Mantel zwischen den Ellbogen durch und verbarg damit diesen Rücken.

Da war er mit dem Geheimrat an der Tür. Rasch schob er Wendel vor und klebte sich an ihn.

In dem Augenblick, wo der Geheimrat in die Tür trat, befahl Wenk einem Beamten, zwei Männer, die in der Treppe verweilten, zum Gehen zu nötigen. Mabuse hörte den Beamten sagen: »Soll ich sie verhaften?«

Da gewann er den Blick hinaus. Er sah, daß die Drohung Spoerri und seinem Genossen galt. Mabuse versuchte seinen Blick heraufzulenken. Er schlug sein Taschentuch mit einer großen Bewegung durch die Luft und schneuzte sich laut. Spoerri sah, verstand und zog den andern mit.

Wenk hatte den Geheimrat an der Hand. Das sah Mabuse.

Da sollte er hinaustreten.

Der Geheimrat stellte vor: »Herr Doktor Mabuse!«

Wenk, ohne das Auge von der Tür zu lassen, hinter der er den Saal schon stark gelichtet sah, nahm Mabuses Hand und entschuldigte sich: »Sie verübeln mir die Erfüllung einer Pflicht nicht, Herr Doktor?«

Mabuse antwortete mit einer verbissenen Freundlichkeit, bereit, die Hand in der Tasche an die Waffe zu werfen: »Nicht im geringsten. Ich trete selbstverständlich zurück, wenn es sich wie hier zweifellos um das Wohl der Allgemeinheit handelt, die Sie von einem Verbrecher zu befreien haben.«

Schon war er weitergeschoben. Wenk winkte ihm noch zu, schaute aber nicht mehr um, da er die Tür nicht freigeben durfte.

Der Geheimrat nahm Mabuses Arm für die Treppe. Mabuse geleitete ihn rasch zur Garderobe und verabschiedete sich. Eines seiner Autos hielt in der Maximilianstraße. Rechts und links von der Ausgangstür des Foyers standen die Leute, die zu allem bereit waren, ihn stets begleiteten ... Spoerri hatte sich mitten in den Ausgang gestellt, um die Treppe zu überwachen.

Er ging dann hinter Mabuse her. Die andern in gelösten Gruppen, aber immer bereit, zusammenzuspringen, folgten. Erst als Mabuse im Auto davonfuhr, gingen sie auseinander und ein jeder seinen Weg.

Im Auto heimrasend, sagte Mabuse sich auf einmal: Ich habe eine Dummheit gemacht. Ich hätte wenigstens fragen sollen, ob ich den Abend fortsetzen dürfte.

Das machte ihn niedergedrückt. Es hatte etwas an ihm versagt. Früher wäre ihm ein solcher Fehler nie unterlaufen, sann er weiter und quälte sich: Bin ich am Niedergang? Ist es Zeit für Eitopomar?

Aber auf einmal schrie er dumpf und tierisch auf: »Nein. Es ist das Weib! Wenk wird mich hängen. Das Weib macht mich alt und liefert mich seinem Strick aus.« Weshalb machte die Frau ihn alt, die so jung und schön war und sich ihm mit einem wehmütigen Fatalismus ergeben hatte? Er trank diese Ergebenheit wie einen Wein, sagte ein anderer Zug von Vorstellungen.

Er wurde uneins mit sich. Er fand keinen Genuß mehr darin, daß er der großen Gefahr entronnen war. Und in seine kreuz und quer pflügenden Gedanken schlug unselig und den Atem raubend wie eine Katastrophe die Vorstellung:

Weil ich sie liebe!

Da haßte er sich. Da führte er die Ballen von Haß, mit denen er den Menschen zusetzte, gegen sich und lud sie über sich aus. So stark litt er, daß er unter dem Druck, den dieses Chaos an Gefühl auf seine Adern trieb, röchelte.

Er war vor seinem Haus.

Sein breites Gesicht hatte alle Furchen vertieft. Aber das Schreckliche waren seine Augen. Die Gräfin erschrak vor ihnen, als er in ihr Zimmer kam. Sie waren nicht mehr von dem großen steinernen Grau eines Achats. Sie waren wie mit kupfern grellen Runen bezogen. »Was ist geschehen?« fragte sie.

Da erzählte er nicht, was er eigentlich erzählen gewollt. »Weißt du, wer ich bin?« fragte er. Seine Stimme klang in einer tobenden Wildheit. »Ich bin ein Werwolf. Ich sauge Menschenblut in mich! Jeden Tag brennt der Haß alles Blut auf, das mir in den Adern läuft, und jede Nacht sauge ich sie mit einem neuen Menschenblut voll. Wenn mich die Menschen fangen, zerreißen sie mich in vierundsechzig Stücke. Ich beiße dir die Kehle durch, du weißes Tier, das mich zerstören will!«

Die Gräfin, aufgepeitscht, irr vor Schmerz und Zerrissenheit, stöhnte: »Töte mich! Was gäbe es Besseres?«

»Ich liebe dich!« schrie die Stimme des besessenen Mannes über ihr.

Die Frau barg den Kopf in ihre Hände. Sie hörte dieses eingestehende Wort zum erstenmal aus dem gewaltsamen Mund. Ertränkend wogte unter ihm der Rausch des Blutes durch ihr Gemüt, das sich von der Welt fort in die Schlucht eines Gefängnisses verloren hatte, aus dem es kein Hinaus mehr gab.

Ihr Leben war tot. Ihr Blut aber lebte in einer starren Grellheit, in einer künstlichen, furchtbaren und geisterhaften Entzündung an der Gewalt dieses Mannes und brannte durch ihre tote Seele wie eine Flamme durch verschlossene Türen. Sie brannte, und es gab nichts mehr zu verbrennen. Wovon lebte die Flamme?

Mabuse verließ die Frau, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben. Ich habe ihr genug gesagt! sprach er bei sich.

Er legte sich zu Bett, fand keinen Schlaf. Es war, als sei etwas Neues in sein Leben gekommen, das so unveränderlich geschienen hatte. Es war, als habe die Gefahr, die er schon mit der Hand anfassen gekonnt, in dem dunkeln, kalten Loch aufgewühlt, von dessen Grund er sein Leben und seine Taten wie aus einem Brunnenschacht heraufzog. Stundenlang quälte er sich, dies Neue zu fassen, in sich einzuordnen. Es entwich ihm.

Da ging er zu der Frau zurück, die schlaflos und in Kleidern auf dem Bett lag.

Er sagte ihr: »Wir müssen uns aussprechen! Unsere Schicksale sind ineinandergelaufen, und wir müssen sie durch unser Leben weitertragen. Ich habe aus irgendeinem Brunnen meiner Abstammung einen Schuß ins Blut bekommen, der mir ein Leben in der staatlichen Ordnung einer Gemeinschaft unmöglich macht, in der Kräfte über meinen Kräften stehen. Ich bin deshalb so etwas wie ein Räuberhauptmann geworden. Ich kenne nur zwei Dinge: Herrschenwollen und Hassenmüssen! Seit diesem Tag kommst du dazu. Ich dachte anfangs: die verbrennt mit in den zwei Flammen meines Gemüts. Es ist aber nicht wahr. Hundert sind drin verbrannt. Du nährst dich davon. Dir ist es Speise. Wenn ich betrunken bin und den Haß nicht vergessen, aber etwas beiseitestellen kann, weil es dann schönere Dinge gibt, nenn' ich dir oft den Namen: Eitopomar.

Eitopomar ist kein Weindunst. Es ist ein Urwald in Brasilien. Er ist hoch im Land drinnen. Er wird für mich gerodet. Alles Geld, was ich hier dieser nichtigen Gesellschaft von Jammerkerlen abnehme, lege ich dort an. Dort entsteht mein Land. Dort will ich mein Leben beschließen. Erst dachte ich: mit meinem Harem! Jetzt weiß ich aber: mit dir! Vierzig Tage muß man reiten, bis man zur nächsten Wohnung von Menschen kommt. Und auch das sind welche, die es hier nicht aushielten. Man kommt aber nie hin, weil die Botokuden einen nicht durchlassen. Es ist möglich, daß meine Agenten, die das Geschäft geordnet haben, mich betrügen, und daß, wenn wir hinkommen, es kein Fürstentum Eitopomar gibt. Aber um dich betrügt mich niemand!

Meine Lebensart hier hat inzwischen zu ausgedehnte Kreise gezogen, als daß ich noch viel länger neben und unter der Ordnung und Macht des Staates und der Gesellschaft mich erhalten könnte. Ich habe heut den Beweis bekommen, daß man mir auf der Spur ist. Es gilt von nun an also Vorsicht.

In Genua wird für mich ein Schiff gebaut. Ich fahre nicht auf fremden Schiffen. Ich bin mein Fürst. Das Schiff ist am ersten Juni abzuliefern. In der Nacht vom ersten auf den zweiten Juni schiffen wir uns ein. Aber bis dahin sind es fast noch zwei Monate. Ich kann nicht ruhen. Ich werde bis zu der Nacht unserer Abreise Räuberhauptmann sein.

Wir wollen klug sein. Du beziehst eine andere Wohnung. Sie ist so sicher wie diese hier. Aber wenn sie mir diese hier ausspionieren, fangen sie dich. Ich bin in der Lage, mit aller Wahrscheinlichkeit zu entkommen. Morgen um Mitternacht siedelst du um. Spoerri führt dich hin.«

Ohne Widerstand, ohne Beteiligung ihrer Sinne, verzehrt von der Flamme dieses über sie hereingebrochenen männlichen Willens nahm die Gräfin Worte und Befehl hin ... Schicksal.

* * * * *

Um neun Uhr war Dr. Mabuse beim Grafen Told.

Mabuse, wo er zur Flucht sich jede Stunde bereithalten mußte, wollte jetzt mit dem Gräflein abschließen.

Er nötigte ihn zum Trinken. Das tat Told seit einigen Tagen mit einer düsteren Leidenschaft. Schweigend sah Mabuse zu. Als Told betrunken war, sagte ihm der Arzt: »Sie sind ein durchaus widerstandsloses Individuum. Wo haben Sie Ihr Rasiermesser?«

Told zeigte lallend auf den Waschtisch.

»Ist es geschärft?« fragte Mabuse mit einem lastenden Nachdruck. »Scharf genug?« fragte er nochmals mit einer Betonung, so scharf, als wollte er dem Grafen die Frage durch die Kopfhaut einschneiden.

Mabuse nahm es in die Hand, ergriff einen Papierbogen und schnitt einen scharfen Riß hinein. Drohend sagte er dann: »Es ist scharf genug. Ja!«

Darauf legte er das Messer zurück, schob es aber nicht mehr ins Etui. Er rief den Diener herein und sagte ihm: »Der Zustand des Herrn Grafen hat sich verschlechtert. Der Herr Graf trinkt Kognak und Tokaier. Gegen einen leichten Mosel hätte ich nichts einzuwenden. Aber diese schweren Spirituosen sind nicht erlaubt. Entfernen Sie, was der Graf übriggelassen hat. Der Herr Graf will ... sich ... zur Ruhe ... begeben!«

Das sprach er mit einem auseinandergezogenen, befehlshaberischen Ton. Er ging dann vor dem Diener aus dem Zimmer und verließ das Haus.

Eine halbe Stunde später durchschnitt sich der Graf Told den Hals. Er wußte nicht, was er tat. Er hatte die Empfindung, als hindere etwas in seinem Hals ihn an einem unerhörten Glück. Er wollte nur dieses lästige Hindernis entfernen.

Um zwei Uhr kam ein Bote Mabuses, um sich nach dem Befinden des Grafen zu erkundigen. Der Diener sagte, er schlafe. Aber er wollte lieber noch einmal nachschauen. So fand er ihn blutbesudelt, vom Sessel auf den Boden gerutscht, kalt schon und tot. Der Bote des Arztes kam ins Zimmer, sah die Leiche und ging.

Der Diener wußte nicht, was er tun sollte. Er hatte die Meinung, da keine Verwandten des Grafen in der Nähe waren und die Adresse der Gräfin ihm unbekannt war, er müsse den Selbstmord zuerst der Polizei anzeigen. Dann wußte er aber wiederum nicht recht, an welches Amt man solche Meldungen zu geben hätte, und es fiel ihm ein, daß der Staatsanwalt von Wenk ja ein Bekannter des Grafen gewesen sei und als letzter ihm nachgefragt hatte. Er fuhr nach München, suchte den Staatsanwalt auf und erzählte.

»Ist der Herr Graf denn immer zu Hause gewesen?« fragte Wenk.

»Ja, immer!«

»Weshalb sagten Sie mir denn damals, der Herr Graf sei ohne Adresse verreist?«

»Der Arzt hatte mir befohlen, im Interesse des Zustandes des Herrn Grafen niemanden zu ihm zu lassen und alle Anfrager mit dieser Antwort abzuweisen. Der Herr Graf empfing niemanden als den Arzt.«

»Wie hieß der Arzt?«

»Sein Name wurde nie genannt. Ich weiß es nicht!«

Da erinnerte sich Wenk, daß der Geheimrat Wendel ihm doch den Brief an den Dr. Mabuse gegeben hatte, und daß der Graf an seinem eigenen Fernsprecher jenem telephoniert und mit ihm eine Zusammenkunft abgemacht hatte.

Wenk zitterte, als er, von den Schauern eines unerhörten Verdachtes gestreift, dem Diener das Bild des Dr. Mabuse, wie er es von dem Vier-Jahreszeiten-Saal her in der Erinnerung hatte, vorzeichnete: ein großer Mann, etwas vorgebeugt, glatt rasiert und geschoren, ein breites Gesicht mit einer großen Nase und grauen großen Augen.

Wie der Diener sagte: »Ja, genau so sah er aus,« wurde Wenk aschfahl. Mit einem Schlag sammelten sich auseinanderliegende Eindrücke ... nur angeflogene Vorstellungen, halb angedachte Gedanken, Bilder, die sich verschleiert, aber nicht verloren hatten ...

Weshalb hatte der Dr. Mabuse, als Wenk den Saal räumen ließ, nicht gefragt, zu welchem Zweck das geschehe? Nicht gefragt, ob er nicht nach der vollbrachten Durchsuchung die Experimente wieder aufnehmen könnte? Weshalb hatte Wenk, der doch den bekannten Rücken hatte in den Saal gehen sehen, ihn drinnen nicht wieder zurückgefunden? Weshalb hatten die zwei Männer, die der Anordnung, davonzugehen, nicht folgen wollten, mit dem Augenblick, wo Mabuse aus dem Saal trat, dem Beamten plötzlich gehorcht? Weshalb hatte das Auge dieses Mabuse, so kurz er hineingeschaut, so eindringlich in ihm nachgewirkt, als suche es etwas, was verschollen oder nicht aufgefunden tief in seinem Innersten lag?

Er entließ den Diener.