Part 16
Wenk hastete, nachdem er telephoniert hatte, wieder hinab. Er stellte sich in die dunkle Haustür und wartete darauf, den Klang der Automobile die Straße herauf zu hören. Verbrannte er nicht? Nein, er biß sich auf die Zähne. Er krampfte alle Muskeln. Er mußte kalt und hart sein. Stahl! Stahl! Stahl!
Er brauchte nicht lange zu warten.
XVII
Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, während Wenk an der Spitze der andern zur Haustür hinaufeilte und auf die Klingel drückte.
Doch schon war die Sprengbombe bereitet.
Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lärm, der unerwartet die Straße erfüllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der geschlossenen Läden über der Haustür angebracht war. Er sah im ersten Blick: es war die Polizei!
Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefäßen zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert hatte.
Während er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem entgehen ließ, was draußen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine Polizistenuniform heraus.
Er hörte die Hausglocke läuten.
In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen mit Georg während einiger Nächte durch den Boden zu einer Villa gelegt hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstück zusammenstieß. Er drückte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. »Spoerri?«
»Ja!«
»Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach verabredetem Programm. Die Gräfin holen. Das neue Auto für mich bereiten. Zündung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schluß.«
Während er noch sprach, begann er eilig über seine Kleider die Polizistenuniform anzuziehen.
Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustür öffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur.
Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk war für sich gegen die Treppe abgeschlossen.
Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tür ins Haus drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen Reichtum waren die Täfelungen aus edeln Hölzern ausgearbeitet, mit den kostbarsten alten asiatischen Teppichen behängt. Er sah das im Laufen im ersten Blick.
Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Türen, die aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die Löcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle elektrischen Lampen waren ausgeschaltet.
Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestürmt. Die Tür, die in den getäfelten Wänden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus abschloß, war offen. Die Männer stürzten hinein in einen dunkeln Flur. Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwühlten mit den Spitzen ihrer Revolver die Gegenstände, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten. Nirgends ging das elektrische Licht.
Es dauerte eine Weile, bis genügend elektrische Taschenlampen zur Verfügung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Türen, die auf den Flur führten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie zogen die Schlüssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den Räumen sahen, über die Kisten her und brachen sie mit den Äxten auf.
Mabuse lauschte dem Lärm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine Fabrik erschütterte.
Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tür, die ins erste Stockwerk hineinführte, in das Täfelwerk eine Kabine einbauen lassen. Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehörte, hatte ihm die Arbeiten gemacht.
Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltung des Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tür, die vom innern Flur in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getäfels eingefaßt, daß niemand eine Öffnung dort vermuten konnte.
In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustür gehört hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen Villa. Während die Treppen noch den Lärm der Heraufstürmenden durch die Holzwände über ihn warfen, drückte er auf den Weckknopf und nahm das Hörrohr.
Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa.
Spoerri war also schon fort.
Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich nah waren.
Die Kabine hatte eine zweite Tür. Diese, ebenso wie die innere, in die Architektur des Getäfels eingepaßt, dem Auge unauffindbar, öffnete sich unmittelbar auf die Treppe. An diese Tür legte Mabuse das Ohr.
Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines Bluts, um nur Trommelfell sein zu können. Geräusche, Stimmen, Axtschläge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer atmeten, empfing er wie ein Mikrophon.
Aber nur auf eines mußte sich das Trommelfell einstellen: auf die erste Sekunde, auf die erste Abbröckelung einer Sekunde, in der es keinen Schritt, keinen Lärm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen eines Menschen auf der Treppe hörte.
Dieser Splitter eines Augenblicks mußte eintreten, bevor sämtliche Räume des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte.
Dann konnte ... dann würde die Flucht gelingen!
Es war ihm, als spüre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut versprühn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendünnen Strahl niedergehn, der sein Gehör für diese notwendige Fähigkeit vorbereitete. Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Riechens. Sein Wille schlug sich wie eine triumphierende rote Bande durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so groß wie der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem Bröckchen Erde, das er an seinen dünnen Lackschuhsohlen kleben fühlte. Alles andre in ihm ward ein Eis, ward anästhetisiert. Aber sein Ohr eine vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte.
Und da hörte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte.
Er stieß die schmale Tür zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn nicht getäuscht. Aber er sah gleich: es glückt!
Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: »Er hat sich im Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...«
Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die Treppe anstürmen. In der Haustür stehn zwei Männer. Sie stehn mitten in der zertrümmerten Tür, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Körper hervorragend, scheinen ihnen wie die Spieße eines Heiligenkranzes in die Rücken einzudringen.
»Verstärkung holen ...,« schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, »... im Badezimmer verschanzt ...«
Sie lassen ihn durch. Er läuft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend, mit der andern den Browning haltend.
... Ja, er kommt hinaus ...
Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und der Beglückung um ihn. Entzückte, flammende Visionen besprühen seinen Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht draußen in vollen Zügen in die Augen.
»Was ist?« schreit einer der Männer draußen auf den Einstürmenden.
»Befehl des Staatsanwalts ... Verstärkung holen! Badezimmer verschanzt!« schreit Mabuse zurück.
»Nimm das Motorrad!« brüllt der andre.
Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fällt hinein, er bettet sich hinein. Er fällt wie von einem Turm herab in ein weltengroßes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn fangen wollten.
Eine Viertelstunde später wirft er das Rad in den Würmkanal und schwingt sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen streckt den Schnabel nach Südwesten und rast schnaubend und wie ein vor Entzücken der Schnelligkeit zirpendes Geschoß die Chaussee dahin. Der Wagen ist gepanzert ...
* * * * *
»Was ist los?« rief Wenk den davonstürmenden Polizisten nach.
»Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt!« schrie einer zurück.
Wenk raste die Treppen hinauf. »Wo?«
»Im Badezimmer!« brüllte es von allen Seiten.
»Alle Mann zum Badezimmer!« kommandierte Wenk.
Man lief. Die kleinen Scheinwerfer der Taschenlaternen rasten an den Wänden ineinander und durcheinander. Wohin läuft man? Zum Badezimmer! Fünfzehn Mann stürzten zum Badezimmer.
Da fragte Wenk: »Wo ist denn das Badezimmer?«
Aber niemand wußte, wo das Badezimmer war.
Und nun schrie es durch alle: Was war das? Was war das?
Die Zimmer wurden kopfüber gestellt. Die losgeschraubten Sicherungen wurden am Schaltbrett wieder angedreht. Helligkeit wirft sich durchs Haus. Die Räume glänzen ... Reichtum und Pracht, Gemälde, Teppiche, Bronzen, Möbel. Das Badezimmer wurde gefunden. Es hatte eine Wanne aus Marmor.
Aber das ganze Haus war leer!
Wenk raufte sich die Haare. Ihm war, als sei er ein leerer Schacht, und alles Gute, Schöne, aller Erfolg, Stolz, alles sei durch den Schacht hinab in ein unauffindbares Loch gefallen.
Man ging mit den Äxten an die Wände. Man vermutete etwas. Und bald hatte man die Lösung des Rätsels und die geheime rettende Kabine gefunden.
Aber Wenk faßte sich. Es stand noch irgendwo eine zweite Mausefalle. In Schachen! Die Villa Elise!
Der Staatsanwalt brauste zur Zentrale des Fernsprechamts. Alle Linien wurden für ihn geschlossen. Er hatte alles bis aufs letzte vorbereitet. In Strahlen um München herum waren die Landstraßen unter den Augen der Polizei! Die Strecke München-Lindau hatte acht Posten und jeder einen Fernsprecher, der in einer Minute die Ereignisse, die vor ihm geschahen, durch die Nacht nach München warf.
Wenk gab Alarm nach allen Richtungen.
Er hatte durch den Kniff Mabuses reichlich eine halbe Stunde versäumt. Wenn es ginge, wie er es sich dachte, und wenn er das Auto des Fliehenden auf achtzig bis neunzig Kilometer schätzte, so blieben zehn Minuten, bis Buchloe den Durchgang melden mußte.
Aber kaum hatte er das berechnet, mit dem Bleistift am Rand der Kilometertafel, so meldete Buchloe.
Wenks Herz sang auf.
»Hier Buchloe! Ein Auto gerade durch! Polizeiwidrige Schnelligkeit. Richtung Kempten. Großer gedeckter Wagen!«
Es war 2 Uhr 10. Eine Viertelstunde später kam Kaufbeuren.
»Großer gedeckter Wagen etwa achtzig Kilometer Geschwindigkeit soeben durch. Richtung Kempten.«
Es war 2 Uhr 25.
Wenk begann rasch die Schnelligkeit auszurechnen, mit der der Wagen fuhr.
Aber da meldete sich Buchloe ein zweites Mal: »Ein zweiter Wagen soeben durch! Kleiner offener Wagen mit einer Person!«
Und zehn Minuten später folgte Kaufbeuren mit derselben Meldung.
Sie fliehen truppweise. Der zweite Wagen fuhr schneller. In ihm wird Mabuse sein. Im ersten Helfershelfer!
Ober-Günzburg meldete die Durchfahrt der Wagen schon in einem Gespräch. Der zweite Wagen folgte dem ersten, als der Beamte gerade den Durchgang des ersten angezeigt hatte.
Einen ähnlichen Bericht brachte Buchenberg.
Da hielt Wenk es an der Zeit, Schachen anzurufen. Er gab die Anweisung, das Eintreffen von zwei Wagen abzuwarten und dann nach dem vorgezeichneten Plan loszuschlagen. Der Mann, auf den es vor allem ankäme, trage wahrscheinlich die Uniform eines Münchener Polizisten. Man solle sich dadurch nicht irremachen lassen. Das sei Mabuse!
Wir haben sie sicher, sang alles in Wenk, als weiter Meldung auf Meldung folgte. Und alle Meldungen ihm versicherten, daß der Weg der Fliehenden auf Schachen ginge.
Ortsnamen auf Ortsnamen glühten vor Wenk an der Namenstafel auf. Aus der Nacht riefen ihn Dörfer und Städtchen an und banden sich an ihn. Unsichtbares Geisterband warf er über Landschaften, die bis an die Grenzen des Reiches gingen. Die heimliche Tat einer weiten Landstraße riß er so aus der Finsternis an sich, und die Landstraße wußte nichts davon. Er hatte mit dem kleinen Hebel diese ganze ungemessene, in Finsternis gehüllte Chaussee, über die die Tat tobte, in seiner Hand.
Die Etappen, die er eingerichtet, hatten ihm nicht versagt ... ihm, dem Feldherrn. Keine einzige!
»Hergatz« leuchtete es auf, und das kleine Geräusch des Weckers in der Maschine vor ihm erscholl ihm so vertraut, als sei es sein Name, der gerufen wurde.
»Ja!« sagte er, »Staatsanwalt Wenk, München!«
»Ein kleines offenes Auto mit großer Schnelligkeit vorbei auf Lindau zu. Zwei Personen drin. Doch nicht sicher erkannt.«
»Danke. Lassen Sie die Verbindung offen! Es wird noch ein Auto kommen!«
Wenk wartete. Er hörte in den verstummten Drähten alle Geräusche, die die Nacht zwischen München und einem kleinen Ort Hergatz, in dem er nie gewesen, summte.
»Sind Sie noch da?« fragte Wenk nach einer Weile.
»Jawohl!«
»Ist das zweite Auto noch nicht vorbei?«
»Nein!«
Nach einer Weile fragte Wenk wieder. »Nein!« hörte er nochmals.
Eine Viertelstunde rief er Hergatz von neuem an.
Es kam kein anderes Auto, antwortete der Beamte.
Da warf Wenk erregt die Landkarte vor sich auf. Er suchte fieberhaft. Buchenberg -- Isny -- Gestratz -- Opfenbach ... da Hergatz! Und hinter Isny bog eine Landstraße nach Wangen und dem Württembergischen oder links eine andere nach dem Österreichischen.
Wenk rief Wangen an. Aber es antwortete nicht. Er wiederholte. Er ließ zehn Minuten im Sturm läuten. Es war vergeblich. Wangen hatte er nicht in seine Berechnungen und nicht in seine Vorbereitungen gezogen. Nach dem Österreichischen aber konnte er keine Weisungen geben. Über diese Gebiete erstreckte sich die Macht seines Hebels nicht mehr. Ein Auto entwand sich ihm. Ein Auto wurde ihm von der Nacht gestohlen, von den fremden, feindseligen, in Finsternis gehüllten Straßen entrissen.
Aber dann überlegte er sich, es könnte eine Panne den großen Wagen auf den Weg gelegt haben. Ja natürlich war es so. Denn deshalb hatte der kleine Wagen auf einmal zwei Personen, der bis Hergatz immer nur mit einer gemeldet worden war. Der neue Umstand durfte nicht mehr stören. Durfte ihn nicht aus der Glückserie herausdrängen. Er vertraute, und es mußte losgeschlagen werden.
Er rief Schachen an.
»Wahrscheinlich kommt nur ein Wagen. Lassen Sie ihn einfahren! Warten Sie zwanzig Minuten, ob nicht der zweite folgt, und umstellen Sie die Villa dicht. Und dann Schlag auf Schlag!«
Kaum war sein letztes Wort im Sprachrohr verklungen, als der Weckapparat wieder rief. Die letzte Etappe -- der Bahnhof von Enzisweiler!
Ein kleines offenes Auto sei in rascher Fahrt von der Landstraße Lindau-Friedrichshafen abgebogen und fahre Schachen zu. Zwei Personen!
Es war vollbracht! Weiteres konnte Wenk selber nun nicht mehr tun!
Er mußte warten. Vielleicht begann in wenigen Augenblicken die Schlacht am Bodensee, die seine Strategie vorbereitet hatte. Er befahl noch, auf den zweiten Wagen nicht erst zu warten, sondern beim Eintreffen des ersten gleich hinter seinen Insassen in die Villa einzudringen, sie zu fesseln, die Lichter zu löschen und eine Stunde lang noch auf den zweiten Wagen zu warten.
Wenk schaute auf die Uhr. Er legte sie vor sich. Es war 3 Uhr 18 Minuten.
Eine Unruhe bebte ihm in den Hand- und Fußgelenken und verzitterte in sein Hirn. Er fühlte sie wie einen schmerzenden Wirbelwind aus seinen Lenden in den Kopf rasen. Dort blieb sie stehen, ein Weilchen nur. Dann pumpte sie sich wieder denselben Weg durch und ungezählte Male immer denselben Weg von den Lenden ins Hirn.
XVIII
Spoerri hatte die Gräfin aus der Villa im Westen, in der sie eine halbe Stunde lang gewohnt hatte, ins Auto gerissen.
Mabuse hatte mit seinem neuen kleinen Wagen das große Fahrzeug zwischen Kaufbeuren und Günzburg eingeholt. Sie fuhren, ohne anzuhalten, weiter. Es war alles zwischen ihnen seit langem so festgelegt.
Als die Straße nach Wangen von der Lindauer Chaussee abbog, hielt mit einem Schlag der vorfahrende große Wagen. Das kleine Auto fuhr dicht an. Die Gräfin wurde herübergehoben. Mabuse raste weiter. Spoerri fuhr nach Österreich.
Mabuse hatte angeordnet, von hier aus die Flucht geteilt vorzunehmen. Spoerri sollte über den Rhein in die Schweiz. Ein jeder mußte Dr. Ebenhügel in Zürich seine Adresse geben, der sie dann beiden austauschen könnte. Mabuse und die Gräfin fuhren nach der Villa Elise. Dort wartete Georg, der durch Brieftauben unterrichtet war, mit dem Koffer, in dem die Dokumente und Edelsteine gesammelt waren, die Mabuse mit auf die Flucht nahm. Sie sollten dann zu dreien ohne Verzug über den See in die Luxburger Ach fahren und mit einem Auto, das dort wartete, auf der Romanshorner Straße weiter nach Zürich. Für Zürich war nur ein kurzer Aufenthalt vorgesehen, in dem Geschäfte erledigt wurden.
Es war zu erwarten, daß die bayerischen Behörden die Schweiz baten, nach den Flüchtigen zu fahnden. Mabuse wollte deshalb den Aufenthalt in der Schweiz so kurz wie möglich halten und gleich zur italienischen Grenze weiter eilen. Pässe hatte er für sich und die Gräfin auf einen portugiesischen Namen anfertigen lassen.
Ein italienischer Beamter war gekauft. Von ihm an fielen alle Schwierigkeiten zu Boden wie Blätter im Herbst.
Die Gräfin lag im Hintersitz des Wagens. Sie war verborgen von der auffallend hohen Karosserie. Vor sich sah sie unbewegt wie ein Urgestein Mabuse sich über das Steuer errichten. Das werfende Federn des rasenden Wagens und die ungewisse Nachtdüsternis ließen die Umrisse seiner breiten Gestalt ins Gespenstische verfließen. Nur diese Umrisse hatten Leben. Mabuse machte nicht die geringste Bewegung. Er war dort vor ihr herausgewachsen wie ein Felsblock aus einer Wiese.
Straßenalleen, Bauerngehöfte, Dörfchen flogen zurück. Der Bodensee kam in die Nacht. Einige Lichter, an fernen Ufern verteilt, Flächen, versinkend in der Finsternis, von der Ahnung der Menschen ertastet, ein Wechsel der Luft, die man einatmete und die das Gesicht badete ... Zwei ferne Städtchen schwammen wie erleuchtete Schiffe auf dem Meer. Das war schon die Schweiz.
Lindau blieb abseits. Villenstraßen bogen sich über das sausende Fahrzeug.
Und dann kam die letzte Minute. Der Wagen prallte über das Geleis am Enzisweiler Bahnhof, tobte auf die Villa Elise zu. Mabuse sah von weitem durch die Nacht mit seinen scharfen und geschulten Augen, daß das Gartentor weit offen stand.
Die Tauben waren also richtig und rechtzeitig angekommen. Ihm war, als ob er aus dem Brausen der Schnelligkeit heraus, das hinter ihm zusammenschlug, in der Finsternis eine fremde Bewegung empfunden hätte. Es war kurz nach halb vier Uhr. Er paßte mit allen Sinnen rund um sich, ohne die Schnelligkeit zu bremsen.
Als er ins Tor einbiegen sollte, warf er, und er ließ dem Wagen seinen vollen Lauf dabei, die Bremsen alle mit äußerster Kraft einen Augenblick lang zu. Der Wagen schlug wie ein Fisch hinten auf, warf herum und schoß, wieder losgelassen, grade ins Tor hinein und in den Gartenweg. Eine bleierne Finsternis fiel über Mabuse.
Da fühlte er, daß etwas den Wagen angesprungen war. Eine Gestalt schwang von der Bremserseite über die Tür, preßte sich zwischen die Seitenlehne und Mabuse. Zwei Hände fuhren über seine Hände, entrissen ihm das Steuer. Ein heißer Mund, wild, schwarz, hinreißend wie die Nacht, flüsterte in ihn hinein:
»Herr Doktor! Ich. Georg. Geben Sie das Steuer. Wir sind umstellt. Gleich in den See ...«
Mabuse ließ das Steuer, warf sich von den Bremsen. Der Wagen in der neuen Faust dröhnte wie Schnellfeuergeschütze an die nachtgrauen Wände der Villa, schnob um eine Ecke, setzte auf einen Rasen, tollte halb über den Rasen, halb durch den Kies eines Gartenweges auf die Mauer zu, die sich vor dem See errichtete, niedrig, den hohen Garten vom Wasser abhaltend. Der Wagen schwänzelte einmal wie ein wildes Pferd und tobte einen geneigten Holzsteg hinab, dessen Bretter unter ihm donnerten wie ein Gewitter.
Einen Augenblick später schlug er die Nase ins Wasser. Der See kreischte auf.
Georg machte einige blitzschnelle Griffe, von Mabuse unterstützt. Den Schrei der Gräfin warf die Nacht zurück. Dann fuhr das Fahrzeug, mit einigen wilden Schwankungen zuerst, aber bald ruhig, nur vorwärts drängend, im Wasser weiter.
»Es funktioniert wie Zauber!« rief Georg.
Denn dieser Wagen war eine Erfindung von ihm. Man konnte ohne Aufenthalt mit ihm von der Landstraße ins Wasser; ein paar Hebelgriffe verwandelten ihn in ein Motorboot.
»Die Tauben sind schuld!« sagte Georg, als er das Fahrzeug ganz in seiner Gewalt hatte. »Als sie in der Dunkelheit kamen, vor einer Stunde, da hörte ich auf einmal, als ginge eine flüsternde Stimme in einem Buschwerk. Ich paßte scharf auf. Ich glaubte zu bemerken, daß eine Bewegung um den ganzen Park herumschlich. Hier ... dann zwanzig Schritte weiter ... dann wieder zwanzig Schritte weiter ... im Kreis herum, ganz im Kreis herum, und da wußte ich, daß wir umstellt seien. Na, ich kam unbemerkt wenigstens bis ans Gartentor. Fünfzig Minuten habe ich gebraucht für die hundert Meter. Wenn wir den Bootwagen nicht hätten, säßen wir jetzt mit Handschellen drinnen in der Villa Elise ...«
Die Polizeibeamten, die sich mit aller erdenklichen Vorsicht um die Villa herum verteilt und bis zum Schließen des Ringes vier Stunden gebraucht hatten, da einer nach dem anderen gekommen war, hörten das Auto durch die Nacht heranbrausen. Sie lagen gespannt auf ihren Posten und warteten auf den Pfeifenruf, der sie über das Haus und die Verbrecher loswerfen sollte.
Es war ein kleines Intermezzo vor einer Stunde eingetreten. Ein Vogel war auf einmal durch einen Baum geflogen und im Dachwerk des Hauses verschwunden. Einer der Beamten, die dem Haus zunächst lagen, hatte ihn wahrgenommen. Er hatte gesehen, wie der Vogel am Dach herumflatterte und auf einmal irgendwie verschwand, ohne daß er das Dach wieder verlassen hätte. Seine Vermutung, es könnte eine Brieftaube gewesen sein, wurde bald durch die Erscheinung eines zweiten Vogels bestätigt, der auf dieselbe Weise im Dachwerk verschwand.
Der Beamte schlich sich zum Kommissar zurück und meldete, was er gesehen und vermutete. Der Kommissar erfaßte sofort die Bedeutung, die diese Boten haben konnten: daß Poldringer von München her und von den dort Geflohenen gewarnt wurde.
Er ließ deshalb mit großer Vorsicht einen Beamten von Posten zu Posten gleiten und die Tatsache mitteilen, daß der Hausinsasse nun wahrscheinlich gewarnt sei und daß man mit doppelter Vorsicht, aber auch vervielfältigter Schlagkraft in der gegebenen Minute los müsse.
Diese Bewegung, die der Bote des Kommissars um das Haus zog, war es, die Georgs feine Witterung empfunden hatte.
... Das Auto Mabuses sprang in den Park. Der Kommissar mit zitternden Fingern hob schon die Signalflöte an die Lippen. Er wollte im Augenblick, wo die Insassen den Wagen verlassen und die Tür der Villa hinter sich zuziehen wollten, das Zeichen geben.
Zwei Beamte lagen in den Sträuchern links des Hauseinganges und waren an der Tür, bevor im Innern der Schlüssel umgedreht werden könnte. Aber der Kommissar war nicht zum Flöten gekommen.
Das Auto umbrauste die Ecke und hielt nicht an der Tür. Es stürzte ums Haus herum, als wollte es Hals über Kopf sich in den See werfen. Der Kommissar, in der Aufregung und Enttäuschung alle Vorsicht aufgebend, sprang hervor, ihm nach und sah nun wirklich, daß das Auto in den See hinein verschwand. Es hob sich gleich einem unheimlichen Amphibium über das Mäuerchen, donnerte den Holzsteg hinab und sprang in die Nachtflut.
Da erst pfiff er. Die Beamten liefen von allen Seiten herbei und eine Weile durcheinander. »Ans Ufer!« brüllte der Kommissar.