Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Part 4

Chapter 43,484 wordsPublic domain

Die Listen entfesselten den Strom der Betrachtungen und der herbsten, abfälligsten Kritiken. Allerorts frug man sich: Wie so es möglich geworden, wie so es gekommen, dass erst nach 35 Minuten des Ausbruches des Feuers darauf gedacht worden ist, dass Menschenleben noch gerettet werden könnten? Wer war es, der eine solche Autorität genoss, dass man seinen Worten unbedingt Glauben schenkte, als er versicherte, Niemand befindet sich im Theater, Niemand in den Garderoben, Niemand auf der Bühne und in Zuschauerraum, so dass die Feuerwehr viel später den Versuch machte, das Innere des Theaters zu betreten, trotzdem die Leute über die Balcons springen mussten? Wer ist der Urheber dieses Gerüchtes, das so vielen heiteren, friedlichen Menschen auf so grässliche Art das Leben kostete? Denn wäre man, statt das Feuer zu löschen, allsogleich eingedrungen, die Verlustliste existirte vielleicht gar nicht, oder doch nur sehr — sehr reducirt. Hat es an Wackeren gefehlt, die bereit gewesen wären, einzudringen? Gewiss nicht, denn wie ich früher gezeigt, hatten sie den Muth, nachdem der Brand die grösste Ausdehnung gewonnen, einzudringen, um Leichname zu Tage zu fördern! Alle, alle Opfer sind diesem schrecklichen Gerüchte zuzuschreiben, und jenen Personen in Amt und Stellung, die «diesem» Gerüchte auf’s Wort glaubten und die Rettungsversuche unterliessen — sie sind, wenn auch nur moralisch, dafür verantwortlich, denn eine böse Absicht ist ja von Vornherein auszuschliessen. — Warum haben die Oellampen, die doch von Seite des vorsorglichen Stadtbauamtes angeordnet waren, nicht gebrannt, als das Gas verlöscht wurde? Wären die Leichen gleich Hekatomben vor einer Stiegenabsatzmauer zu finden gewesen, wenn ein rettendes Oelflämmchen den dem Erstickungstode Nahen die Treppe gezeigt hätte? Nein, und tausendmal nein, es wären vielleicht einzelne Menschen zertreten worden, aber zu Hunderten und Hunderten wären sie niemals um’s Leben gekommen! War die Antwort Jauner’s auf die Anfrage des Herrn Ministerpräsidenten, der im Auftrage Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers einen Bericht an diesen absenden musste, wirklich convenirend, dass die Oellämpchen in Reparatur sind, alle, nicht ein einziges ausgenommen, befänden sich in Reparatur? Wem erzählt man das, und wer soll’s glauben, der Kaiser und das Volk? Dort, wo man einer Sarah Bernhardt 6.000 Francs allabendlich auszahlte, soll man auf die in Reparatur befindlichen Lämpchen warten müssen, und nicht stets eine gleiche oder dreifache Zahl allabendlich in Bereitschaft haben? Die Bevölkerung wagt es heute nicht mehr, das Theater zu besuchen, denn dieses Vergnügen kann das Leben kosten, wenn Zufälligkeiten, wie im Ringtheater, zusammentreffen.

Selbst ich, der ich mir vorgenommen, objectiv die Thatsachen der Schreckensnacht in diesem Büchlein wiederzugeben, falle aus meiner Rolle und die Hand erzittert, der Gedanke verwirrt sich, die Zornesader schwillt bei dem Gedanken, dass vielleicht zehn Liter Oel und um 200 fl. Lampen hunderten Menschen hätten das Leben retten können!

Im Corridor des Todes.

Die zweite Leidensstation bildete für den im Dienste der Publicistik wirkenden Menschen der Besuch des Anatomiegebäudes im allgemeinen Krankenhause. — Der Berichterstatter am Schlachtfelde sieht der Gräuel und Entsetzen gewiss mehr; aber das Bewusstsein: sie alle starben als Männer und Helden für ihr Vaterland, für Gott und Kaiser, sie zogen in die Schlacht mit dem Gefühle in der Brust, nicht jede Kugel trifft und wenn auch — was weiter — stärkt seine Nerven, stählt seinen Sinn. Aber wir friedlichen Menschen, denen die Sinne zu schwinden drohen, wenn vor unseren Augen ein Tramwaywaggon einen Menschen rädert, wir — ich meine den Zeichner dieser Illustrationen und meine Wenigkeit — wir haben eine Leidensstation vor uns, indem wir die grässlich verstümmelten Leichenreihen abschreiten müssen, um Notizen und Skizzen zu machen mit blutendem Herzen — und ich schäme mich nicht, es auszusprechen — mit Thränen in den Augen — Thränen der tiefsten Wehmuth, des Schmerzes und des Mitleidens! Da lagen sie Alle vor mir, Männer, Frauen, Jungfrauen, Jünglinge und Kinder, schwarz und starr. Da zur rechten Hand eine wohlgenährte weibliche Gestalt, ihre Figur ist mit einem silberdurchwirkten Theaterschleier überdeckt, ein grellrother mit schimmernden Borten eingefasster Rock, das Knie des rechten Fusses in feinen Strumpf eingehüllt, ist noch ganz unversehrt, während der andere Fuss, ausgestreckt, ohne Vorderfuss, blos den halbverbrannten Knochen des Schien- und Wadenbeines ohne Strumpf präsentirt, um welchen, an einer Spagatschnürchen befestigt, eine Blechmarke mit Nr. 87 hängt! Das Gesicht aufgedunsen und russgeschwärzt, die Hände an die Augen gepresst, die Kleider zerrissen und eine blendend weisse Brust den Blicken präsentirend — da lag das ausgelöschte Leben, noch nicht agnoscirt, mit Nummer 87 versehen! — Ihre Nachbarin zur Rechten, ruht ohne Hände und Füsse neben ihr, das Haupthaar ist weggebrannt sammt der Kopfhaut, nur das Mieder aus blauer Seide ist unverletzt und zwängt den Körper in die ihm verliehene Form. Die Blechmarke ist in Ermanglung von Extremitäten an das Schnürband des Mieders befestiget! Die Gestalten weiter abwärts, die in einer endlosen Reihe daliegen auf einem mit Kalk übertünchten schräg an die Wand gelehnten langen Bretterladen, sind mehr oder minder arg verbrannt und fast unkenntlich; bei Einigen ist durch die furchtbare Gluthhitze, der sie höchst wahrscheinlich ausgesetzt waren, der Bauch aufgesprungen und die Gedärme hiedurch blosgelegt worden, welche brannten! Arme, arme Frauen! Ihr dem zarten Geschlechte angehörend, warum musstet gerade Ihr in diesen Raume des Todes in der Majorität vertreten sein? — Hier die beiden Knaben, die man nicht zu trennen wagte — der kleinere ruht auf dem Steinpflaster des Corridors, in dem wir uns befinden, der grössere ist über ihn gebeugt und hält ihn fest umschlungen, fest presst er ihn an sein Herz für die Ewigkeit. Hier eine krampfhaft die geballten Hände in die Luft streckende Gestalt eines nahezu sechs Schuh hohen Mannes; er hat den rauchgeschwärzten Kopf unnatürlich verdreht; auf seiner Brust ruht seine Brieftasche aufgeschlagen, auf deren einen Seite das Bildniss eines circa 8jährigen Mädchens in photographischer Ausführung ruht, frisch und schön, als hätte es nicht den Brand im Ringtheater mitgemacht. Dort ruht Einer an der Wand, die Hände ober dem Kopf gefaltet haltend, den Kopf sanft nach rechts geneigt, als schliefe er im Schatten einer Linde an einem heissen Sommertage. — Meine Feder versagt mir den Dienst, mein Gemüth ist krank, ich fühle mich zu schwach für den Reporterdienst. Ein Leichenfeld, auf welchem Frauen, Mädchen und Kinder in solcher Zahl liegen, könnte selbst ein Wereschagin nicht naturgetreuer wiedergeben und der Leser mag aus unseren Skizzen den Schluss ziehen, dass wir geleistet, was menschlich fühlende Wesen nur immer leisten konnten.

Frauenleichen.

Wir verlassen gebrochen und gebeugt die Stelle, an der nur der eine Trost herrscht, dass die Leiden Derjenigen, die hieher gebettet wurden, nur kurz gewesen sein können.

In den Sälen des Anatomiegebäudes begannen die fünf Sectionen der dort am 9. December um 2 Uhr Nachmittags eingetroffenen Commission mit der polizeilichen Beschau der Agnoscirten. Die Zahl derselben belief sich Abends 8 Uhr auf circa 180. Im Ganzen wurden circa 100 Todte beschaut. Jeder derselben ward in dem Locale der betreffenden Section auf die grosse Marmorplatte gelegt und dann eine genaue Beschreibung seiner Person, sowie der Kleider vorgenommen. Die bei den Leichen vorgefundenen Werthsachen, wie Uhren, Geldbeträge u. s. w., nahm die Commission in Verwahrung. Es war bereits halb neun Uhr Abends vorüber, als die beiden letzten Sectionen, welchen die Commissäre Köllner, Bauer und Buresch als Vertreter der Polizei angehörten, ihre Arbeiten beendigt hatten.

Am 10. December um 8 Uhr wird mit der polizeilichen Beschau fortgefahren und gleichzeitig die gerichtliche Agnoscirung der bisher beschauten Leichen begonnen werden. Zu diesem Behufe hatten Jene, welche die einzelnen Todten zu erkennen erklärten, sich vor der gerichtlichen Commission einzufinden, und zwar jeder derselben mit zwei Zeugen, welche gleich ihm eidlich die Identität des betreffenden Verunglückten behaupten können. Diese gesetzlich vorgeschriebene Massregel erscheint in diesem Falle um so gebotener, als bezüglich mancher der agnoscirten Todten gerechte Bedenken obwalten, ob sie thatsächlich mit jenen Personen, für die man sie seitens der Agnoscirenden ausgegeben, identisch sind.

Während die Sectionen ihres traurigen Amtes walteten, war draussen in den Gängen, auf deren Steinfliessen die Menge der grässlich entstellten Leichen lag, ein unaufhörliches Gedränge, aus welchem jeden Augenblick die Jammerrufe Derjenigen ertönten, welche hier umherirrten, um ihre vermissten Angehörigen aufzusuchen. Dabei machte sich, wie überhaupt in dem ganzen Anatomie-Gebäude, ein jede Brust beklemmender intensiver Geruch nach verbranntem Fleische bemerkbar.

In den Ruinen.

Der 10. December gestaltete sich nicht minder aufregend für Wien und die Wiener. In der Nacht vom 9. auf den 10. brach abermals das bereits in Abnahme und als «gedämpft» bezeichnete Feuer aus. Helle Flammen schlugen klafterhoch empor. Die Feuerwehr, da nur mehr eine Spritze auf dem Platze verblieb, konnte dem Umsichgreifen des Brandes nicht Herr werden, die Schubleitern waren wieder zu kurz gewesen und man arbeitete mit später eingetroffenen Löschtrains bis gegen Morgens, um der Zerstörungswuth des Elementes Einhalt zu thun. Es sind nunmehr die Appartements des Directors vernichtet, und eine Stiege stürzte in den glühenden Krater. Es stehen nur mehr die vier Wände des einst so herrlich ausgestatteten Theaters.

Nachdem die Befürchtung ausgesprochen wurde, dass die Mauern einstürzen könnten, zog eine Abtheilung Cavallerie auf, um das immer mehr zuströmende Publikum aufzuhalten und einer eintretenden Katastrophe vorzubeugen. — Das Interesse des Tages absorbirten immer die Todten; selbst im Schoosse des Gemeinderathes entspann sich ein heftiger Kampf, auf welche Art das Begräbniss der Opfer des 8. December stattfinden soll. Gemeinderath Lueger wollte die 200 Särge über die Ringstrasse getragen sehen, damit man den Todten gebührende Ehre bezeige; dessen Gegner hingegen beantragten die Ueberführung der Särge mit den Cadavern der Besucher des Ringtheaters bei Nacht und wenn möglich bei Nebel, um die unteren Classen der Bevölkerung nicht aufzureizen. Der Vorschlag Dr. Lueger’s wurde verworfen und der Gegenantrag angenommen, und zwar soll das Leichenbegängniss am Montag den 12. December 1881 am Centralfriedhofe selbst stattfinden und die nichtagnoscirten Leichen auf Kosten der Commune Wien zur letzten Ruhe in ein gemeinsames Grab bestattet werden. Ein feierliches Requiem soll in der St. Stefanskirche die Ceremonie eröffnen, bei welchem sich die Spitzen der Behörden, Parlamente, Gesellschaften und Vereine einfinden werden. Sämmtliche Angehörige der Verbrannten sind speciell einzuladen, und nach dem Centralfriedhofe zu geleiten, meldete man aus dem Rathhause.

Graf Taaffe, der Ministerpräsident, hat an diesem Tage zur Bevölkerung gesprochen, und seine Worte widerhallten in den Herzen der Wiener nicht. Er hatte über das grösste Unglück, das Wien seit vielen Jahren getroffen, und das, wenn man die besonderen Verhältnisse in Betracht zieht, in der Geschichte unserer Stadt überhaupt ohne Beispiel dasteht, eine eigene Ansicht.

Er hat zu einer in Trauer gehüllten Stadt, zu einer Bevölkerung, in deren Herzen die Ruhe nicht einzukehren vermag, gesprochen. Das Leben hat seine trüben Stunden, man kann darüber nicht hinwegkommen, aber das Unglück im Ringtheater erscheint in eigener Gestalt, es ist, als ob der Wahnsinn alle Dämonen losgelassen hätte. Immer und immer stellt sich die Frage ein, ob es denn nicht möglich gewesen wäre, das Unglück zu verhüten oder es doch in seinem Umfange wesentlich zu begrenzen. Der Minister antwortete — bevor noch das Abgeordnetenhaus seine Interpellation, die aus einem Meere von Thränen emporgetaucht, eingebracht hat — und sprach von einem furchtbaren Versäumnisse — einem Versäumnisse, welches ebensowenig gutzumachen ist, als es möglich ist, die verflossene Stunde zurück zu erkaufen; — das riesengrosse Leichentuch, das über Wien liegt, hat Graf Taaffe nicht gehoben, seine Rede erwärmte die Schreckensstarre nicht und wird sie niemals erwärmen können, denn seine Worte kamen nicht vom Herzen und gingen nicht zum Herzen; er hat ein besseres Herz als Mensch, denn als Staatsmann, und nicht der Mensch, sondern der Staatsmann hat gesprochen.

Ein Beispiel von der aufgeregten Stimmung dieser Tage lieferte das in Wien coursirende Gerücht, dass die Truppen in den Casernen consignirt und in Marschbereitschaft gehalten würden. Die Wiener Zeitungen, allen voran das Tagblatt und die Wiener Allgemeine Zeitung, thaten aber auch ihr Möglichstes, um die Bevölkerung noch mehr aufzuregen. Um ein Bild von deren Stimmung zu entwerfen, muss ich die betreffende Zeitung selbst reden lassen. In mehr als 100.000 Exemplaren wurde folgender Aufsatz verbreitet.

«Von Schauer und Schauder ist unser Herz erfasst, und erstarrt von unaussprechlichem Leid. Auf den qualenreichen Tag des Todes folgt der furchtbare Tag der Beerdigung: Wir stehen vor dem Leichenbegängnisse der Todten vom Schottenring.

Alles, was Ausdruck gibt dem Gefühle der unermesslichen Trauer, an der die ganze civilisirte Welt Theil nimmt, muss ausgeführt werden, nichts darf verabsäumt werden, nichts verkleinert. Sollte man glauben, dass in solchen Tagen des Elends es nothwendig ist, den Ruf auszustossen: Ehret die Todten!

Es ist nothwendig. Leider, leider! Die Vertretung der Wiener Bürgerschaft, der Gemeinderath, will in grosser Majorität, von der nur wenige zur Einstimmigkeit fehlen, ein grossartiges Leichenbegängniss veranstalten. Andere aber wollten kein feierliches Leichenbegängniss; in aller Heimlichkeit wollten sie all’ die Leichen der Nichtagnoscirten hinausführen lassen. Auf welcher Seite ist das richtige Gefühl, die verständige Auffassung, auf welcher Seite trägt man Rechnung dem Herzen von Wien? Was geschieht? Nein, was ist geschehen? Man wollte bereits eine vollendete Thatsache schaffen; man wollte, dass alle die Nicht-Agnoscirten in aller Stille hinausgeführt werden nach dem Centralfriedhofe, zu abendlicher Stunde, im Dunkel, ohne dass Wien davon erst etwas erfährt. Was da geschehen, ist keine Unbegreiflichkeit allein, es ist weit mehr, und Wien sagt sich selbst, was es ist. Wir erheben lauten Protest gegen die heimliche Bestattung der Todten. Wir verlangen die letzte Ehre für die Todten!

Umsonst bemühen wir uns, ausfindig zu machen, wieso man auf diesen Gedanken gerathen konnte, der Stadt Wien nach dem Tage seiner Schande in Folge der unverantwortlichen Nachlässigkeit diverser Organe, auch noch einen Tag von Fühllosigkeit und Rohheit aufzubürden. Fürchtet Ihr Euch etwa vor dem Leichenzuge? Denkt Ihr vielleicht an eine Parallele? Wisst Ihr Euch zu erinnern an das Massenbegräbniss der Opfer vom 13. März 1848? Ihr wisst Euch zu erinnern, und da Ihr es wisst, müsst Ihr auch zugestehen, dass es keine friedlichere Trauerdemonstration in den wildbewegten Tagen gegeben hat, als es eben jene gewesen. Vergesst nicht, dass Ihr selbst mit der modernen Ordnung der Dinge aus jenen Tagen herausgewachsen seid, Ihr selbst könntet nicht mit stolzen Schritten durch das neue Wien wandern, wenn es nicht jene Tage gegeben! Oder glaubt Ihr, dass unsere prunkende Ringstrasse nur für das Glück bestimmt ist und nicht mit demselben Rechte für das Unglück? Dort wo der Festzug der Stadt Wien in blitzender Pracht geführt worden, dort muss auch der Trauerzug der Stadt Wien seine Bahn finden. Schafft Sühne! Oder glauben die Herren, dass sich solche Ereignisse wegwischen lassen wie mit einem Schwamme? Oder, dass sich das Urtheil mildern lässt durch Verheimlichung der Thatsache? Ist denn das um des Himmels willen möglich? ~Lässt sich da noch etwas vertuschen?~

Eine grosse Verantwortung vor dem öffentlichen Gewissen laden sich Alle auf, welche meinen, dieses öffentliche Gewissen liesse sich irgendwie beruhigen. Wir schlagen uns ja Alle an die Brust, wir sagen es ja offen und vernehmlich: Wir Alle sind schuld und wir wollen Asche streuen auf unser Haupt und hinten hergehen hinter den hunderten von Särgen! Oder glaubt Ihr, dass die Schuld geringer wird, wenn wir das Haupt verhüllen und feige zu Hause bleiben?

Es war ein furchtbarer Festtag, der achte December. Wir haben einen traurigen Sonntag — den Tag, an dem das Leichenbegängniss stattfinden sollte. Der verdienstvolle Antragsteller auf eine Leichenfeier der Stadt, Dr. Lueger, proponirte selbst den Montag als den Tag der Trauerfeierlichkeit. Wir schlagen vor, dass Wien ihn zu einem Trauertage öffentlich declarire durch Sperrung der Gewölbe überall dort, wo der Leichenzug vorbeigehen wird. Er wird nicht mehr vorübergehen, er ist schon besorgt durch die scheue Angst Derjenigen, denen das Herz abgeht für das umermessliche Leid der Stadt Wien. So muss denn in anderer Weise für diese Trauerfeier gesorgt werden. Und wenn es ein einziger Leichnam ist, dem wir Alle folgen, wir wollen Wiens Herzensehre retten,» schrieb das Tagblatt.

Särgetransport.

In den Strassen Wien’s sah es aber auch ganz merkwürdig aus. Aller Welt las man den Kummer, die Niedergeschlagenheit von den blassen Gesichtern herab. Galt es doch, um den verbrannten Freund oder Bekannten zu trauern, und den nun verwaist Dastehenden mit Rath und That zu helfen. Die Passanten blieben oft stehen, wenn sich durch die Strassen ein unheimliches Gepolter vernehmlich machte, man konnte bestimmt darauf rechnen, dass wieder ein Zug letzter transportabler Wohnhäuser dem allgemeinen Krankenhause zugeführt werde. Unser Bild ist grausig, aber lebenswahr, leider nur zu lebenswahr.

Am Abend des 10. December lief die Frist des Unterstandes für die nicht agnoscirten Opfer des Ringstrassenbrandes ab; man beschloss ja, diese nicht erkannten, nicht erkannt werden könnenden menschlichen Ueberreste in der Stille der Nacht, während Wien schläft — wenn es vor Aufregung und Mitleid schlafen kann, auf den Centralfriedhof zu expediren. Die Namenlosen bekommen ihre Nummer und das ist auch eine ordnungsmässige Leistung.

Der schwarze Tod hat wenige Tage gewüthet und sich bei dem Wiener ein gewisses Ansehen, einen gewissen Respect zu verschaffen gewusst. Viele hundert Menschenleben hat er im Zeitraume von kaum einer Stunde hinweggefegt, und dieses verdienstvolle Genie macht nicht einmal Anspruch auf Auszeichnung für seine verdienstliche Leistung der Massentödtung in kürzester Zeit. Der Rasenplatz nächst dem Leichenhofe im allgemeinen Krankenhause ist der Ausstellung seiner Erzeugnisse allerdings gratis zur Verfügung gestellt worden. An einem hübschen Hintergrunde fehlt es auch nicht, der Narrenthurm ist die geeignetste Staffage für diese Ausstellung des Todes; der Narrenthurm für die Lebenden rechts und die langgestreckte Façade des Gebäudes, allwo durch Vivisectionen auch Jahr aus und Jahr ein Lebende zerschnitten werden, links. Einige Stufen aus diesem Gebäude führen in den Hof respective Garten, allwo die Todten lagern. In mehreren Reihen standen da an die 200 Särge aneinandergereiht, die Deckel vorne abgehoben, oder doch zurückgezogen, damit die schwarzen Gesichter der Armen zu erkennen wären.

Ich kam gegen Mittag aus dem Innern des Krankenhauses dorthin. Man passirte den letzten Hof und ein Thor, wo das Militär-Spalier Unberufene am Weitergehen verhinderte. Dann gelangte man plötzlich auf den Absatz einer der vorhin erwähnten Treppen und überschaute mit Einem Blick die Sargreihen mit den schwarzen Todten. Ich gestehe, dass ich im ersten Momente entsetzt zurückprallte. Vor meinen Augen verloren die Linien der Sargreihen die feste Richtung, sie geriethen in Bewegung und mit ihnen die schwarzen Köpfe und Rümpfe. Ich glaubte, die weissschimmernden Gebisse schnappen, die wildgereckten Gliedmassen jene Kampfbewegung vollenden zu sehen, in der sie der Tod unterbrochen. Die gebräunten, losgelösten Gliedmassen, zu Hauf geschichtet auf Bretter-Unterlagen, schienen auseinander zu stieben und im wirbelnden Lufttanze die einsam in Hobelspäne gebetteten Rümpfe erreichen zu wollen, um sich einzufügen, wohin sie gehörten: in die klaffenden Achselhöhlen und entblössten Schenkelpfannen. Die klare heitere Mittagssonne schien auf den grausigen Spuk herab, und ich dachte noch: Wie kann die Sonne in die Hölle scheinen? ... Mir war auch, als ob viele Menschen unten sich über die schwarzen Todten bückten, und dabei zuckte eine Kindheitserinnerung mir durch den Kopf, ein rauchiges Bild im Hausflur, das jüngste Gericht darstellend, wo dunkle Oberkörper aus der Erde tauchen, verzweifelt die Arme schwingend und die Fäuste ballend ...

Die Särge im Narrenhofe.

Es gelang mir, das aus Schauder und Entsetzen sich herauskrampfende Unwohlsein niederzukämpfen. Ich dachte an die Unglücksnacht vom Donnerstag, als ich Leiche auf Leiche aus dem brennenden Hause tragen und im Hofe der Polizeidirection aufschichten sah, und ich sprach mir selbst zu, wie unmöglich jetzt am hellen Mittag das grässlicher sein könne, was ich zuletzt nächtlicher Weile bei Glühschein der Fackeln gesehen. Ich stieg hinab mitten unter die Todten. Jetzt lagen sie wieder ruhig da. Es gibt eine Ruhe, die blos versteinerte Bewegung ist. Man findet sie ausgedrückt in den Verschütteten von Pompeji, man findet sie hier hinter den schwarzen Masken, die der Brand über die Gesichter der Todten geworfen. Die Männer sind fast ausnahmslos in wüthendem Kampfe und Grimme dem Tode unterlegen; die Frauen sanft, ergebungsvoll, zerfleischt von Anderen, aber nicht selbst zerfleischend, geduldig und im Tode noch so milde blickend, als wäre der letzte Blick nicht in undurchdringliche Nacht, sondern auf das Antlitz eines geliebten Wesens gefallen.

Mit dem Grauen war es nun vorbei. An seine Stelle trat ein neuerliches Mitleid und unsagbare Trauer. Da lag in drei Särgen nebeneinander die Familie Pawlik: Vater, Mutter und Tochter; der Mann noch mit schirmend erhobener rechter Hand, die linke Hand mit ausgespreitzten Fingern nach den Angehörigen tappend. Alle Drei haben sehr entstellte, schwarze Gesichter. Unweit davon lag Max Ritter v. Bittner, ein junger hübscher Mann, wenig entstellt. Er hält beide Hände vor die halbgeöffneten Augen. In derselben Reihe befand sich der Leichnam des Handelsakademikers Duschinsky. Sein ohnehin starker Leib ist aufgebläht und das Gesicht zur schauerlichen Fratze geworden. Das Ehepaar Professor Löw zeigt schmerzhafte Mienen, aber nicht jene grauenvolle Gliederbewegung, wie hundert andere Leichen. Es gibt solche, welche in dem schwarzen Gesichte die Zähne fletschen und in den bacchantisch geschwungenen Händen noch die Fetzen halten, welche sie Anderen vom Leibe gerissen. In vielen geöffneten Augen ist noch die wahnsinnige Todesangst festgebannt. Nur bei wenigen Leichen ist es gelungen, die emporgereckten Gliedmassen in den Sarg hineinzuzwängen.

Reihenweise lagen auch die nackten, gedörrten Rümpfe im Sonnenschein da. Eine Tragbahre enthielt den kopflosen Leichnam eines Verbrannten, dessen Leib vorne geborsten ist. Nichts von seiner Kleidung war übrig geblieben, nur seine lederne Geldtasche hatte dem Feuer getrotzt und sie lag der Agnoscirung wegen neben der Mumie ihres Eigenthümers ....

Es gibt eine Grenze in der Berichterstattung. Ich kann nicht niederschreiben, was ich Alles gesehen habe in den zweihundert Särgen und auf den Brettern und auf den Bahren: vielleicht vermag es der neben mir seines Amtes waltende Zeichner.