Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Part 3

Chapter 33,325 wordsPublic domain

Jauner war zusammengebrochen und von einem Herrn, von dem ich nachträglich hörte, dass es der schwedische Consul Kendler gewesen, ohnmächtig fortgetragen worden. Ich selbst eilte wieder nach dem rückwärtigen Eingange, um mich über die Theaterstiege in die Garderoben zu begeben. Ich wollte nachsehen, ob hier nicht zu helfen, nicht zu retten wäre. Die Garderoben waren alle intact. Ich konnte mich meiner Tricots und meines grünen Fracks entledigen und kam nun auf den Gang. Hier hörte ich Hilferufe. Choristinnen stürzten geschminkt und in ihren Costümen die Treppe hinunter; mehrere von ihnen, die ihre Theatertoilette noch nicht beendet hatten, waren blos mit Hemd und Unterrock bekleidet. Ich wies die Schreienden und Jammernden nach dem sicheren Ausgange hin und begegnete dem Feuerinspector Nitsche, der im obersten Stockwerke des Theatergebäudes wohnt. Seine Wohnung war natürlich im höchsten Grade gefährdet, wir liefen hinauf, Nitsche fand seine Frau ohnmächtig, nahm sie auf den Rücken und trug sie fort. Ich selbst ergriff die beiden Kinder der Nitsche’schen Eheleute und eilte ihm nach.

Im zweiten Stocke angelangt, sah ich Flammen aus dem Theaterraume auf die Stiege hinausbrechen. Die eiserne Thüre, welche hier die Stiege von der Bühne abschliesst, war offen und da drang Feuer und Qualm hinaus. Mit einem Ruck stiess ich die Thüre zu und wir waren in Sicherheit, denn nun war das Feuermeer der Bühne von der Stiege abgeschlossen.

Noch einmal drang ich auf die Theaterstiege bis in den dritten Stock. Hier bot sich mir der erste entsetzliche Anblick. Auch vom dritten Stock führt eine eiserne Thüre in den Bühnenraum. Eingezwickt in diese Thüre fand ich die Leiche eines Garderobiers. Der Unglückliche war offenbar zu dem rettenden Ausgange geeilt, hatte noch die Kraft gehabt, die Thüre aufzustossen, war aber, erstickt von Qualm, niedergestürzt und die wieder zuschnappende Thüre hatte die Leiche in die Stellung eingezwängt, in der ich sie fand.

Endlich war ich überzeugt, dass in dem rückwärtigen Theile des brennenden Gebäudes Niemand mehr vorhanden war. Die Theaterarbeiter waren mit grösstem Muthe so lange als möglich auf der Bühne geblieben und hatten die Flucht der im Theater selbst beschäftigten Personen beschützt. Im Orchester waren, als die Katastrophe ausbrach, erst wenige Musiker anwesend und diese versuchten sich durch den unteren Gang zu retten.[2]

[2] Was nur zweien gelungen.

Der Autor.

Ich trat nun abermals in’s Freie und begegnete hier dem Herrn Polizeirath Landsteiner. Auf dem kleinen Rasenplatze hinter dem Abgeordnetenhause, wo der Zugang zu den Galerien desselben ist, standen die Herren Erzherzoge Albrecht und Wilhelm, zu denen ich geführt wurde, um ihnen zu erzählen, was ich gesehen und was ich erlebt.

Hier erst erfuhr ich die ganze Grösse des Unglücks. Die Feuerwehr war von vorne in die Logengänge und in die Gänge hinter den Galerien eingedrungen und hatte da massenhaft Todte gefunden. Der Qualm muss sich aus diesen Räumen mittlerweile wahrscheinlich dadurch, dass die Fenster gesprungen waren, verzogen haben, wodurch das Eindringen in dieselben möglich wurde».

* * * * *

Das ist die Erzählung des Schauspielers über den Untergang seines Theaters.

Ein Arzt erzählte: «Das Schauspiel, das der Hof des Polizeigebäudes ungefähr eine Viertelstunde nach Beginn der Katastrophe bot, war folgendes: Es kamen zuerst drei bis vier Leute aus dem Publikum, die offenbar im Herunterrennen über die letzten Absätze der Treppen und im Durchzwängen durch die Eingangsthüre sich leichte Verletzungen und Abschürfungen zugezogen und sich dabei auch die Kleider zerrissen hatten. Während wir diese Wenigen verbanden, wurde der Ruf laut: «Verwundete kommen!» Man brachte zuerst drei Körper, über die die anwesenden Aerzte sich warfen, in’s Rettungszimmer. Aber man kann sagen, dass von Secunde zu Secunde die Zahl der herübergeschafften Menschen wuchs.

Und als in diesem Augenblicke der Raum des kleinen Rettungszimmers absolut unzulänglich war, wurde sofort die Verfügung getroffen, dass alle Herübergebrachten im Hofe der Reihe nach nebeneinander niedergelegt wurden. Bald wurden die Aerzte gewahr, dass man es nur mit Todten zu thun habe. Und zwar wurden unendlich wenig Brandwunden constatirt, hingegen waren die meisten Leichen vom Rauch geschwärzt und theils verkohlt, dadurch, dass sie bereits als Todte durch brennende Räume hindurchgetragen wurden. Der Tod wurde bei den meisten durch Ersticken herbeigeführt, und konnte man deutlich erkennen, wie die Menschen aneinander dicht gedrängt, die Arme im Ellbogengelenk gebeugt, in dieser Situation erstickt waren.

Die Hauptarbeit der Aerzte, unter denen sich Polizei-Arzt Dr. Marktbreiter, Jurie, Anthofer, Schiff, Bauer, Kohn, Lustgarten, nebst vielen Anderen befanden, musste sich darauf beschränken, die geradezu unvergleichlich heldenmüthigen Feuerwehrmänner, Rauchfangkehrer und Sicherheitswachleute, welche fast unter den colossalsten Anstrengungen aus Feuer, Rauch, Hitze und niederdonnerndem Gebälke die Leichen mit unglaublicher Todesverachtung heraustrugen, zu laben, und zu zwingen, eine kurze Zeit zu rasten, denn diese braven Männer, und unter ihnen Allen voran der Staatsanwalt Graf Lamezan, den ich selbst unzählige Male Leichen in den Polizeihof tragen und sofort wieder in das brennende Gebäude zurückeilen sah, sie wollten von Ruhe nichts hören, sie riefen Alle: «Wir müssen in’s Haus, wir haben keine Zeit, im dritten und vierten Stock verbrennen sie.» Statthaltereirath Karajan, der gegen 9 Uhr erschien und der die grosse Anzahl von Leichen im Polizeihofe liegen sah (es waren zu jener Stunde bereits über achtzig da), verfügte sich von da sofort in’s allgemeine Krankenhaus, um für genügenden Platz in der, für derlei Katastrophen unzulänglichen Leichenkammer zu sorgen. Gleichzeitig wurden aus den Kasernen sämmtliche Tragbahren requirirt, auf denen nun der Reihe nach der traurige Zug in die Alserstrasse hinauswanderte.»

Soweit die Erzählungen von Augenzeugen.

Ein Bild des Jammers bot in der Nacht auch noch das Thor des allgemeinen Krankenhauses, wohin die Leichen gebracht worden. Die Direction des Krankenhauses durfte die sofortige Agnoscirung der Leichen über stricten Befehl des Polizei-Präsidiums in der Nacht nicht vornehmen lassen. Das Thor war geschlossen, aber bis gegen Mitternacht standen weinende Menschen dort, welche Einlass begehrten und zurückgewiesen wurden, oder welchen, wenn man sie schon einliess, vom Portier gesagt wurde, dass sie am nächsten Morgen wiederkommen sollten. Eine junge Frau, welche ihren Gatten suchte, schluchzte herzzerreissend vor dem diensthabenden Secundararzte; ein ältlicher Herr, dessen Sohn sich im Ringtheater befunden haben sollte, weinte, dass ihm die Thränen über den grauen Bart rannen; hunderte Verzweifelte flehten mit aufgehobenen Händen, ihnen Zutritt zu den Leichen zu gewähren. Alles vergebens.

Vor dem Thore draussen begann die Menge zu murren ob dieser Verordnung, zumal sich Aller, welche sahen, was da vorging, eine unbeschreibliche Aufregung bemächtigte. Von Minute zu Minute fast wurde eine Todtenbahre herbeigetragen. Jedesmal rüttelten die Träger heftig an der Klinke, dass es unheimlich im Thorbogen widerhallte.

«Die Todten begehren Einlass», flüsterten die Wartenden und traten scheu zur Seite, wenn die Bahre vorüberkam. Ein grässlicher Brandgeruch entströmte den meisten derselben.

«Ist’s ein Todter?» fragte immer der Portier.

«Es gibt keine Lebendigen da, woher wir kommen,» lautete die dumpfe Antwort der Träger und sie verschwanden mit ihrer verhüllten Last im Dunkel des Gartens.

Viele Personen wollten ihnen nachstürzen, aber man verwehrte es ihnen.

Wien ist vor Schreck betäubt! Dieses ist die richtige Bezeichnung des Gefühlszustandes der Bevölkerung. Als seit 5 Uhr Morgens die Zeitungen die Nachricht in die Familien brachten, was im Herzen der Stadt vorging, ertönte ein Schrei des Schreckens und — der Entrüstung gegen Himmel! Allerorts hat man dies schreckliche Feuer am Horizonte der Stadt gesehen, in den Vororten Wiens, soweit die Tramway ihr Netz ausdehnt, hatte man schon Kunde am Abend, dass das Ringtheater brenne, dass aber kein Menschenleben zu beklagen sei, wie die Sicherheitswache männiglich kund und zu wissen that, der darum frug. Was sind Millionen Gulden Verlust für Wien, Nichts, und tausendmal weniger als Nichts gegen den Verlust eines einzigen Menschenlebens auf so grauenerregende Art. Das gute Herz der Wiener wollte schier brechen, als die Zeitungen selbst eingestanden, 300 Menschenleichen sind bis zum Schlusse der Blätter aus den Flammen geschafft worden! Allerorts widerhallten die vom Tagblatte an der Spitze gebrachten Worte: Grauenhafte, furchtbare, entsetzliche Katastrophe! «Wahr ist’s» hörte man sagen, «kein so grauenvolles, niederschmetterndes, beschämendes Ereigniss hat unsere Stadt seit Jahrzehnten betroffen!» Der Eindruck, den die Schilderung allein machte, war erschütternd bis in’s Mark hinein, und der helle Tag beleuchtete schreckensbleiche, bestürzte Menschen, die alle Arbeit, alle Pflichten vergassen und hinein in die Stadt rannten und eilten, sich an die Waggons der Tramway anklammerten, weil sie keinen Platz mehr finden konnten, nur um möglichst rasch den Ort des Schreckens zu erreichen. Unser Zeichner skizzirte ein Bild einer solchen Völkerwanderung durch eine Linie am Morgen des Unglückes, Freitag den 9. December 1881, als es zur Gewissheit wurde, dass Menschen während des Brandes im Ringtheater waren, ohne dass man zu deren Rettung auch nur eine einzige Fackel rechtzeitig entzündet hätte!

Völkerwanderung durch die Linie.

Die Frage um die Entstehungsursache bildete das Hauptgespräch der Hunderttausende, die tagsüber das Ringtheater besichtigten. Ich benütze die Erzählung des jungen Komikers Lindau vom Ringtheater, die folgendermassen lautet:

Als das Feuer ausgebrochen war, wurden sofort die Gasflammen abgelöscht ... Die Feuermasse, welche sich von der Bühne über den Zuschauerraum ergoss, erleuchtete denselben, beleuchtete die drängenden, stossenden, stürmenden, schreienden, jammernden, entsetzten Massen, welche den Ausgängen zustürzten in wilder Flucht. Auf den Treppen herrschte Dunkel, man hatte die Oellampen, welche vorhanden waren, nicht angezündet. Auf den engen, dunklen Treppen nun tobte ein wilder Kampf — ein Kampf um’s eigene Leben, der zum Kampfe gegen das fremde Leben werden musste.

Viele Leute gelangen von der Treppe glücklich bis zum neuen Foyer; von der Strasse draussen weht durch die offenen Fenster des Balcons frische würzige Luft ... ein Hoffnungsstrahl für die fast Sterbenden, für die Halbtodten. Die Glücklichen, die zuerst das Foyer erreicht, stürzen auf den Balcon. Hier herrscht noch Sicherheit — für wie lange? Wer weiss es? Die Leute auf dem Balcon hörten das Knistern der Flammen, sie sehen, wie der Himmel sich immer mehr roth färbt, sie fühlen den heissen Dunst aus dem Innern des brennenden Theaters auf sie eindringen, immer mehr füllt sich der Balcon; wem es möglich ist, sucht sich ein Plätzchen. Es dauerte lange, bis das «einzige» Rettungstuch kam; eine peinvolle Ewigkeit. Da fasst sich Einer ein Herz, er ruft den vor dem brennenden Theater angesammelten Menschenmassen zu: «Ich springe hinunter ohne Tuch» ... Die Menge trennt sich nicht. Tausende Arme werden emporgestreckt, um den Mann aufzufangen, der den kühnen Sprung wagt ... er springt und gelangt in Sicherheit. Ihm folgten Andere rasch; fast Alle, die kühn genug waren, vom Balcon herabzuspringen, kamen in Sicherheit und trugen blos einige leichte Abschürfungen davon.

Da springt ein Mann hinunter — ein stark gebauter, untersetzter Mensch, er hat das Malheur, mit dem Opernglasriemen an dem Geländer hängen zu bleiben, aber er reisst sich los und lässt sich zu Boden fallen; zerschunden und blutend wird er von der Menge aufgenommen — er heisst Friedrich und ist in der Oelfabriks-Gesellschaft bedienstet. Im Café Mocca, wohin der Mann gebracht wird, erhält er einen Verband auf seine leichte Wunde.

Endlich kommt das ersehnte Falltuch, es nimmt viele Menschen, zumeist Weiber, auf, welche heil in Sicherheit kommen.

Aber die Anderen? Die Hunderte auf der Treppe? Wer rettet die? Sie ersticken oder werden zerdrückt, wenn es ihnen nicht gelingt, sich in’s Freie zu retten über die Nothtreppen. Das Dunkel erschwert, wie schon erwähnt, das Vorwärtskommen, die Verwirrung und der Jammer sind unbeschreiblich.

Ein junger Mann, der sich gerettet, erzählt halb sinnlos, er habe seine Cousine verloren. «Bis zum zweiten Stock habe ich mich bei ihr erhalten, in dem Gedränge wurden wir getrennt ... ich habe sie noch von Weitem liegen gesehen, sie ist gewiss todt ... ich Unglücklicher, sie wurde mir von den Eltern anvertraut .. sie ist erst seit zwei Tagen in Wien». Man sucht den trostlosen Mann zu beruhigen, vergebens, er schreit und weint und ruft den Namen Minna, Minna unzählige Male, er bestürmt alle Commissäre, natürlich fruchtlos; er läuft zur Polizei, da kann man ihm keine Auskunft geben; er besichtigt die Todten und die Verwundeten, sie ist nicht darunter; er gibt ihren Namen an, Niemand kennt ihn. «Vielleicht ist sie mit den fünf Verwundeten in’s Krankenhaus gebracht worden?» meint ein Commissär. «Nein, nein», ruft er, «sie war so weit oben, sie ist todt, todt!»

Die aufgeregte Menschenmenge, das heisst halb Wien, wollte, sei es aus Theilnahme, sei es aus sträflicher Neugierde, die Leichname der Verbrannten sehen. Alles nun drängte und belagerte das Polizeigebäude, um — nach einer affichirten Kundmachung — Einlasscertificate behufs Agnoscirung der im anatomischen Gebäude im allgemeinen Krankenhause ausgestellten Leichname der Verbrannten zu begehren. Von vielen solchen leichtfertigen Personen wurden der Polizeibehörde Namen von Leuten bekanntgegeben, die gar nicht vermisst wurden, nur um Einlass zu erlangen und so kam es, dass die Liste der Vermissten in erschreckender Weise wuchs. Das Unglück war leider ohnedies gross genug und wurde durch dieses sträfliche Vorgehen seitens des Publikums für den Moment noch grösser gemacht. Das Portal des allgemeinen Krankenhauses bot einen merkwürdigen Anblick. Um dasselbe schaarten sich tausende Einlassbegehrende, eine doppelte Reihe Infanterie-Soldaten bildete einen Kreis um das Thor und es durfte nur Jener passiren, der die behördliche Legitimation vorweisen konnte.

Am 9. December Abends spielte sich auch ein officieller Act der Pietät ab, der verzeichnet zu werden verdient. Das hohe Haus der Abgeordneten sah sich veranlasst, die Katastrophe vom Schottenring in die Discussion zu ziehen, und ich bringe diesen Sitzungsbericht als ehrendes Angedenken für die Verunglückten und für unser Parlament.

Das Parlament soll seine Arbeiten sistiren — so beantragt die Vereinigte Linke, welche überdies eine gemeinsame Interpellation mit der Rechten vereinbart .... Das Unglück führt die Menschen zusammen.

In der am 9. December Abends abgehaltenen Sitzung des Clubs der Vereinigten Linken constatirte der Vorsitzende Dr. Herbst, dass diese Sitzung vor dem entsetzlichen Unglück einberufen worden sei, welches die Bewohner Wiens getroffen. An die Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeiten wollte man bei der Ergriffenheit aller Abgeordneten, die auch den Tod eines Collegen (des Abgeordneten Pengowski) zu beklagen hatten, erst dann wieder denken, wenn alle jene Unglücklichen, welche das Opfer der Katastrophe geworden sind, zur Ruhe bestattet sein werden.

Abgeordneter Friedmann beantragte die Einsetzung eines Comités zur Vorbereitung von Anträgen, durch welche ein Gesetz geschaffen werden soll, betreffend die Sicherheitsvorkehrungen für Theater und andere öffentliche Orte gegen Feuersgefahr.

Abgeordneter Schaup sagte: Dieser Gegenstand gehört in die Competenz der Landtage.

Vorsitzender Dr. Herbst meinte: Die Partei müsse bei jedem Schritte, den sie in dieser Angelegenheit thue, mit grösster Vorsicht zu Werke gehen. Sie dürfe sich nicht dem Scheine aussetzen, als wollte sie aus diesem namenlosen Unglücke politisches Capital schlagen und sie dürfte auch nichts thun, wodurch die ohnedies aufgeregte Bevölkerung noch mehr aufgeregt werden könnte.

Abgeordneter Dr. Weitlof theilt mit, dass er und die übrigen Vertreter der Stadt Wien bereits zum Entschlusse gekommen seien, in der nächsten Sitzung eine Interpellation einzubringen. Die Einsetzung eines Comités nach dem Antrage Friedmann hätte vorläufig keinen Zweck. Unter allgemeiner Zustimmung constatirte der Redner, welch’ peinlichen Eindruck es in allen Kreisen machte, dass am 9. December, unmittelbar nach der furchtbaren Katastrophe, in den Theatern gespielt wurde.

Abgeordneter Löblich meinte, es dürfte sich weniger darum handeln, neue Vorkehrungen für die Sicherheit zu treffen, als vielmehr darum, dass die bestehenden Vorkehrungen in Zukunft besser überwacht werden.

Abgeordneter Alter wünscht, dass in dieser Angelegenheit gemeinsam mit der Rechten vorgegangen werde. Der Club möge sich dahin aussprechen, dass der Vorstand mit den übrigen Clubs ein Einvernehmen pflege.

Abgeordneter Eduard Suess sagte: In dieser entsetzlichen Angelegenheit denkt Keiner von uns daran, seinen oppositionellen Standpunkt hervorzukehren, denn wir sind Alle überzeugt, dass Graf Taaffe in dem grossen Unglücke Alles nur Mögliche thun werde. Redner ist der Ansicht, dass man die Rechte auffordern soll, sich einer Interpellation der Vereinigten Linken anzuschliessen, durch welche die Regierung aufgefordert würde, legislative und administrative Massregeln zu ergreifen, um, soweit dies durch menschliche Voraussicht erreicht werden kann, die Bevölkerung Wiens und alle übrigen Bewohner des Reiches vor einem ähnlichen Vorkommnisse zu bewahren.

Abgeordneter Schaup stellt den Antrag, zwei Mitglieder des Clubs an den Obmann des Executiv-Comités der Rechten, Grafen Hohenwart, abzusenden, welche ihm die Anschauungen des Clubs mittheilen und zu einen gemeinsamen Schritt des ganzen Hauses einladen sollen.

Abgeordneter Dr. Edlbacher erklärt unter allgemeiner Zustimmung, der Club selbst müsse der Auffassung entgegentreten, als ob er irgend eine politische Demonstration beabsichtige. Hierauf wurde einstimmig beschlossen, die angeregte Interpellation gutzuheissen und den Grafen Hohenwart hievon sogleich durch die Abgeordneten Sturm und Ed. Suess in Kenntniss zu setzen. Das Executiv-Comité der Rechten, welches eben versammelt war, erklärte sich mit dem Vorgehen der Linken sofort einverstanden. Letztere setzte ein Comité, bestehend aus den Abgeordneten Suess, Sturm und Tomaszczuk, ein. Bezüglich des Antrages Friedmann wird beschlossen, erst nach erfolgter Interpellations-Beantwortung sich zu entscheiden. Die sodann im Club der Linken erschienenen Abgeordneten Hohenwart und Heinrich Clam theilten mit, dass die vom Abgeordneten Ed. Suess entworfene Interpellation mit geringen Abänderungen die Zustimmung der Rechten gefunden habe. Es wurde hierauf vereinbart, dass die Interpellation vom Abgeordneten Eduard Suess, den Vorständen der Vereinigten Linken und den Obmännern der vier Clubs der Rechten am 10. eingebracht und von sämmtlichen Mitgliedern des Hauses unterzeichnet werden soll. Die Abgeordneten erwarten, dass die Interpellation sofort beantwortet wird.

Der Gemeinderath und die Katastrophe.

Auch die Väter unserer Stadt haben in feierlicher Weise ihre Beileidskundgebung dargethan.

Unter dem Eindrucke der entsetzlichen Katastrophe des 3. Decembers versammelte sich am 9. December der Gemeinderath zu einer Sitzung, um eine der Stadtvertretung würdige Kundgebung zu erlassen. Die Mitglieder des Gemeinderathes waren lange vor Beginn der Sitzung erschienen. Es fanden früher Besprechungen der Clubobmänner statt, um bezüglich der in der Finanzsection zu stellenden Anträge über die Unterstützung der Hinterbliebenen unbemittelter Opfer der Katastrophe eine Einigung zu erzielen. Gemeinderath Dr. Mandl hatte den Antrag vorbereitet, dass von Seiten der Stadt jene Leichen, welche nicht reclamirt werden, dann die Leichentheile, bezüglich deren eine Agnoscirung unmöglich ist, in einem gemeinsamen Grabe feierlich auf Kosten der Gemeinde bestattet werden mögen. Der Antrag konnte, indem die vorhergegangene Sitzung nur der Beileids- und Trauerkundgebung gewidmet war, nicht in Verhandlung gezogen werden, aber von Seite des Bürgermeisters wurde die Durchführung des Antrages zugesagt.

Präcise fünf Uhr erschien der Bürgermeister Dr. v. Newald, begleitet von dem Vicebürgermeister Uhl und den Schriftführern Bärtl und Dr. Landsteiner.

Bürgermeister Dr. v. Newald erklärte die Sitzung für eröffnet und richtete folgende Ansprache an die Versammlung:

«~Meine Herren!~

Es gibt Momente, in welchen es schwer fällt, dem überwältigenden Gefühle, welches die Herzen von Tausenden durchzittert, Ausdruck zu geben. Ein solcher ist wohl der, in welchem ich zu Ihnen spreche. Erschüttert von der Katastrophe des gestrigen Tages, sind wir Alle ausser Stande, die Grösse der schmerzlichen Theilnahme in Worte zu fassen, welche uns und die gesammte Bevölkerung Wiens in diesem Augenblicke erfüllt. Zu jeder Zeit hat der Gemeinderath der Stadt Wien bei ausserordentlichen Unglücksfällen in thatkräftiger Weise eingegriffen, und glaube ich deshalb gewiss nur in Ihrem Sinne und nach Ihren Intentionen zu handeln, wenn ich die Finanzsection ersuche, die erforderlichen Anträge zur Linderung des Schmerzes und der Noth der betreffenden Familien schleunigst dem Gemeinderathe vorzulegen. (Zustimmung.)

Seine kaiserliche Hoheit Kronprinz Rudolf hat folgendes Telegramm an mich gerichtet: «Meiner Frau und mein innigstes Beileid zu der schweren Katastrophe, die gestern Wien getroffen hat».

Wir Alle sprechen hiermit Ihren kaiserlichen Hoheiten für diesen neuen Beweis des erhebenden Wohlwollens für unsere Stadt den ehrerbietigsten Dank aus».

Zeitungsausträger.

In der Bevölkerung gährte eine gewaltige Aufregung; die halbe Million Einwohner der Vororte und Vorstädte wallte in den Nachmittagsstunden in unübersehbaren Reihen nach dem Schottenringe; Personen, die vielleicht ein Decennium die innere Stadt nicht betraten, sie kamen, durch die Schreckensnachricht allamirt, nach der Stadt, und der Ring bot ein groteskes Bild der Bewohner der Residenzstadt an der Donau. Die Aufregung erlangte ihren Höhepunkt zur Zeit der Ausgabe der Abendblätter. Ich liefere eine Skizze der Erstürmung eines harmlos seines Weges wandernden Zeitungsausträgers, der von einem Rudel Menschen überfallen wurde und seiner Bürde im Nu enthoben war; galt es doch endlich einmal die Liste der Todten und Vermissten zu durchfliegen! Die Ueberraschung war eine peinliche, die erste Liste war mit weit mehr als hundert Agnoscirten ausgestattet und eine ebenso hohe Zahl enthielt die Namenliste der Vermissten — also ebenfalls Todter.

Es wurden harte Anklagen gegen unsere öffentlichen Institute laut, herbe Worte erpresste der Schmerz und nicht selten schallte der Vorwurf an mein Ohr, dass immer und immer der Aermste, der nur über wenig Geld verfügen kann, zum Opfer falle, denn vom Parterre und den Logen sind Wenige verunglückt, sondern das Gros derselben recrutirt sich aus den Besuchern der billigeren Plätze auf den Galerien.