Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Part 5

Chapter 53,054 wordsPublic domain

Wenige Glückliche sind dem Elemente entronnen. Hier eine Scene des Wiederfindens einer bereits todt Geglaubten.

Mit diesem Eindrucke schloss der Tag des 10. December.

Wiedergefunden.

Sonntag den 11. December 1881 wurden die ersten Gräber für die Opfer des Ringtheaterbrandes am Centralfriedhofe geöffnet, die Mutter Erde nahm sie freudig auf, ihnen die ewige Ruhe verleihend, der sie so bald nicht bedurft hätten.

Wie zu Allerseelen, so trüb und traurig war der Tag; der Anblick der Stadt glich einem Trauerhause. Zahllose Wagen fuhren mit weinenden schwarzgekleideten Insassen durch die Strassen, Kränze in allen Dimensionen wurden Strass’ auf Strass’ ab gefahren und getragen. Wenn ein solcher Trauerwagen vorbeirollte, zog es förmlich die Hand zum Hute. Wie viel Schmerz schleppte sich da hinaus zur Begräbnissstätte! Am Centralfriedhofe gähnten schon vom frühen Morgen an 65 frische Gräber um die Leichen Derjenigen aufzunehmen, welche durch ihre Anverwandten zur letzten Ruhe geleitet wurden.

Die Tragödie des fluchbeladenen Hauses, wie man das Ereigniss in Wien nannte, nahte sich ihrem Ende. Noch brennen hunderte von menschlichen Körpern in dem grossen Flammengrabe am Schottenring, aber der Mensch entriss selbst den Flammen die Körper einer grossen Anzahl Todter und für diese öffnete sich die Erde an diesem Tage, um diese in sich aufzunehmen. Die Schollen Erde, welche von den die Särge Begleitenden hinabgeworfen wurden, hallten dumpf grollend herauf zur Oberwelt. Schlaft ruhig, ihr erstbegrabenen Märtyrer der furchtbaren Versäumniss! Ihr seid die Opfer für eine bessere Zukunft der Hinterbliebenen. Wesshalb bei diesen ersten fünfundsechzig Todten keine officielle Persönlichkeit am Friedhof anwesend war, ist mir nicht gut verständlich. Sind sie denn durch eigenes Verschulden um’s Leben gekommen, oder haben sie ihr Leben eingebüsst, vertrauend auf den persönlichen Schutz, der jedem Staatsbürger garantirt wird? Wesshalb die Absentirung der officiellen Persönlichkeiten? Sie hätten da weinen gehört, wie sie noch niemals, niemals, niemals weinen gehört haben können.

An der Ostseite der Leichenhalle, auf dem Podium aus schwarzem Marmor, über welchem mit goldenen Lettern Hiob’s Worte zu lesen sind: «Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen», standen die Functionäre zur Trauerfeierlichkeit bereit; die Rabbiner und Cantoren in ritueller Tracht, die Mitglieder des Tempelchores, brennende Kerzen tragend, im Halbkreise. Da öffneten sich auf ein gegebenes Zeichen die hohen Flügelthüren, vier Männer brachten einen schwarzverhängten Sarg in den Saal und liessen ihn auf dem Podium nieder. Hinter dem Sarge schritten in resignirtem Schmerze die Eltern dieses ersten Todten — des Handelsakademikers Leopold Duschinsky. In der Menge entstand eine Bewegung unendlichen Schmerzes und als Rabbiner Schmiedel (aus Fünfhaus) mit Hiob’s ergebungsvollem Spruche seine Rede einleitete, brach Alles in lautes Weinen aus. Ein alter Mann an der Thüre brach ohnmächtig zusammen; es war Herr Kreissl, der unglückliche Schwiegervater des Dr. Groag. Rabbiner Schmiedel sagte:

«Alle Eure Brüder, das ganze Haus Israel, beweinen den grossen Brand, den Gott angezündet hat. (Grosse Bewegung.) Unzählige Male stand ich schon auf dieser Trauerstätte, jedesmal mit von Theilnahme erfülltem Herzen. Aber so bis in’s innerste Mark hinein erschüttert war mein Herz noch niemals wie heute, denn eine grosse Stadt mit Hunderttausenden von Bewohnern trägt heute Trauer, kaum Eine Familie ist in dieser Stadt, die nicht einen Angehörigen oder einen Freund vermisst. Ach, an der Stätte des Schauers hörte man so häufig Worte, gleich jenen, welche zu dem jammernden Patriarchen gesprochen wurden: «Ist das vielleicht das Kleid, das Dein Kind getragen hat?» (Grosse Bewegung; lautes, minutenlanges Schluchzen.) Sind das vielleicht die Züge seines Antlitzes, welche mitten im verzweifelten Kampfe noch unentstellt geblieben sind? Und mitten in diesem aufgethürmten Leichenberge von entseelten Leichen war dieser junge Mann hier der Erste, der aufgefunden wurde, gestern noch ein blühender, von Kraft und Gesundheit strotzender Jüngling, der einzige Sohn, die einzige Freude seiner gottgesegneten Eltern. Sein Vater erkannte das Kleid seines Sohnes. Gleich dem Patriarchen sprach er: «Mein Sohn ist zerrissen worden.»

Nach der Grabrede hoben die Leichenbestatter den Sarg und brachten ihn nach dem für ihn bestimmten Grabe. Drei Schollen warf der Vater, drei Schollen die Mutter dem todten Sohne in’s Grab — das waren die ersten Schollen. Zwei andere Särge: sie bargen die Leichen des Doctor Jaques ~Groag~ und seiner Gattin Clementine. Die Einsegnung wurde von Dr. ~Jellinek~ vorgenommen. Nachdem Prediger ~Jellinek~ dem Ehepaare ~Groag~ einen warmen Nachruf gehalten hatte, fuhr er in seiner Todtenrede fort:

«An diesen Särgen fühle ich mich verpflichtet, als Lehrer des Judenthums, als Lehrer der Religion der Milde und Liebe, eine ernste Mahnung zu richten an Alle ohne Unterschied, eine Mahnung, die tief in die Herzen eindringen möge: Lasset uns die Todten ehren; wir wollen nicht die Trauer, die unsere Residenz erfüllt, entweihen, bannen wir aus unseren Herzen jeden Groll, erheben wir keine Anklage, weisen wir zurück jede Beschuldigung! Mögen die Todten ruhen, möge kein Hass sich erheben, kein Groll unseren Schmerz entwürdigen. Liebe und Versöhnung möge die Bewohner unserer Stadt ohne Unterschied der Confession mit einander verbinden! Wir sehen es ja, wie hinfällig jedes Menschenleben ist! Lasset uns also die Todten ehren, die Trauer nicht entweihen; Liebe, Milde und Versöhnung seien es, die von den Särgen sich erheben und die Gemüther beruhigen; Friede und Ruhe den Dahingeschiedenen, Friede und Trost den Hinterbliebenen, Versöhnung Allen in unserer Stadt! Das ist der dreifach gewundene Kranz des Friedens, des Trostes und der Versöhnung, den ich als Lehrer der Religion auf diese Särge hinterlege!»

In ununterbrochener Reihe wurden dann noch siebzehn Leichen, und von 1 bis 3 Uhr fünfundvierzig Leichen, je acht auf einmal, eingesegnet und bestattet.

* * * * *

Weniger zahlreich waren Sonntags die Separatleichenbegängnisse der Angehörigen christlicher Confession. In der Spitalscapelle wurden eingesegnet und dann nach dem Centralfriedhofe zur Beerdigung überführt:

Vormittags: Richard ~Fischer~, Carl ~Seidler~.

Nachmittags: Victor ~Ranagl~, Therese ~Hein~, Carl ~Rigal~, Leopoldine und Maria ~Seifert~, Anna und Caroline ~Schatten~, Camillo ~Schmeidel~, Florian ~Hofstetter~, Hildegard ~Wach~, Johann ~Strommer~.

Während der Leichenfeier dieser Opfer spielten sich in den Aufbahrungskammern und in der Capelle wahrhaft herzbrechende Jammerscenen ab. Besonders als die Leiche Camillo ~Schmeidel’s~ in die Capelle getragen wurde und der «Wiener Männergesangverein», dessen Mitglied der Verunglückte war, Reissiger’s erschütterndes «Nachtlied» anstimmte, ertönte aus der grossen Schaar der Leidtragenden lautes Schluchzen, so dass kein Auge trocken blieb. Fast im selben Augenblicke brachen drinnen in der Aufbewahrungskammer zwei Frauen an dem Sarge ihrer Schwester, welcher gleichfalls der unselige Abend des 8. December den Tod gebracht, halb ohnmächtig zusammen.

Hohenlohe und Tewele.

Und also schloss der Schmerzens-Sonntag, der 11. December 1881, reich an erschütternden Scenen, aber noch reicher an Thränen! — Einer Episode sei noch Erwähnung gethan. Der Director des Carltheaters, Herr Tewele, versuchte es, die Theater-Directoren Wiens zu bewegen, die Theater an diesen traurigen Tagen zu schliessen, um, während Wien in Jammer, Schmerz und Thränen aufgelöst ist, nicht Komödie spielen zu lassen. Die Theater-Directoren unserer Vorstadt-Bühnen hatten zugesagt: Tewele möge dem ersten Obersthofmeister Sr. Majestät Kaiser Franz Josef I., Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst, sein Anliegen vortragen; was die kaiserlichen Theater thun, werden sie auch thun. Die Audienz fand statt, die Bitte, Seitens Tewele vorgebracht, wurde vom Obersthofmeister — abgeschlagen. So kam es, dass Wien, mit Ausnahme des Carltheaters, an diesen Tagen Komödien spielte, an denen die Leichen der Opfer eines Theaterbrandes agnoscirt und — die ersten Todten in die Grube gesenkt wurden. Ueber Befehl Sr. Majestät des Kaisers blieben die Wiener Theater am Montag den 12. December geschlossen. Nur in dem Tingl-Tangl, genannt Danzer’s Orpheum, jodelte man, als ganz Wien weinte.

Leichenfeier im Stephansdome.

Der 12. December 1881. — Die Politik ruht, Streit und Hader der Parteien im Parlamente ruhen, diese selbst vertagen ihre Sitzungen, Wien, das lebensfrohe Wien trägt Trauer. Vom Dome zu St. Stephan tönen schwer und bang die Glocken und gegen das Riesenthor drängt sich Alles, was Einladungen zu dem grossen Requiem erhielt, und Infanterie und Cavallerie hielt Jene ferne, welchen von Seite des löblichen Gemeinderathes der Reichs-Haupt- und Residenzstadt keine specielle «Parte» zugestellt wurde. — Doch Kritik zu üben ist nicht meine Sache. Wir Alle stehen noch zu sehr unter dem Eindrucke, den die Trauer von Tausenden auch auf die Nichtbetroffenen ausübt. Da umstanden die Lenker, Schirmer und Hüter des Volkswohles den Katafalk, die wahrhaftige Trauer spiegelte sich in ihren Gesichtern ab, denn trotz ihrer Grösse und Stellung fühlten sie sich an diesem denkwürdigen 12. December klein und unbedeutend vor dem unbegreiflichen Etwas, was wir mit «Zufall» bezeichnen wollen. Jedes Licht, das den Katafalk in zehnfachen Reihen umstand, versinnlichte ihnen ein Menschenleben, das jählings von dem Sturme ausgeblasen wurde, weil weder Schutz noch Schirm dasselbe bewahrte!

Schiller’s herrliches Lied von der Glocke fand hier leider keine Anwendung. Der Bürgermeister von Wien, der Vater der Stadt, er mag wohl die Häupter seiner Lieben gezählt haben, und siehe ihm fehlten ~viele, viele, viele theure Häupter~, an deren Sarge er nun trauernd stand. — Wie wenig grossstädtisch dieser Schiller doch damals gedacht, als er im Verlaufe seines Gedichtes die Glocke «um ~eines~ Todten» willen klagen lässt, hatte man an diesem 12. December Gelegenheit zu beachten. Einen Todten! Für wie Viele haben die Glocken zu St. Stephan an diesem Tage geklungen und geklagt? Und ihr Klang, den die Winde hinaustrugen bis vor das Weichbild der Stadt, kann den Jammer nicht zum Schweigen bringen, von dem Wien, die lebensfrohe Stadt, voll ist. — Und hätten alle Glocken des Landes mit ihrem ehernen Schalle die Luft erzittern gemacht, hätten alle Kanonen in Oesterreichs Arsenalen, Festungen und auf Oesterreichs Schiffen ihren Flammenmund geöffnet, der Schrei einer einzigen Mutter, die am Grabe ihres Kindes weint, hätte alle übertönt, ja selbst das leise Wimmern eines Kindes, das die Eltern verloren, hätte sie Alle verstummen gemacht. — Man wollte nicht getröstet sein; die, die geliebt wurden, sind nicht mehr, und keine, wenn auch noch so aufrichtige Trauer kann sie uns wiedergeben. — Auf den Katafalk zu St. Stephan stützte ein Mann in Kummer und Trauer sein Haupt, das berufen ist, einst die Krone Oesterreichs zu tragen. Der Sohn ersetzte den in den Schreckenstagen ferne von Wien weilenden Vater, und an diesem Tage dürfte er kennen gelernt haben, was es heisst, an der Spitze einer Bevölkerung zu stehen! —

Vor dem Riesenthore der Stephanskirche grenzte die Sicherheitswache ein weites Carré ab, um das sich lautlos, ohne Drängen und Hasten, wie man es sonst bei solchen Gelegenheiten sieht, eine grosse Menschenmenge gruppirte. Das Tageslicht war so glanzlos, die Fenster rundum waren von Menschen in dunkler Kleidung besetzt, dazu die schwarze Wagenburg, die hinter der Kirche aufgefahren war, das gab ungewollt ein den traurigen Anlass bezeichnendes, düsteres Bild.

Um 10 Uhr klangen alle Glocken in dumpfem Tone zusammen, die ernste Feier begann, welche die Spitzen der Bevölkerung Wiens ihren einem furchtbaren Geschicke erlegenen Mitbürgern brachten. Die Staffage des trüben Bildes bildeten keine Neugierigen; es waren Theilnehmende. Die spaliermachende Menschenmenge fehlte auf den Strassen; wer eben auf dem Wege war, den der Zug passirte, der hielt an in seinem geschäftigen Treiben, bis der lange, lange Wagenzug vorüber war. Wien hat sich ruhig verhalten, der Würde des Tages angemessen.

Der Gottesdienst, der in der Stephanskirche am 12. December abgehalten wurde, wird für immer denkwürdig bleiben. Die Stadt Wien, das Land, das Kaiserhaus, haben ihre tiefe unauslöschliche Trauer in wahrhaft erhebender Weise zum Ausdrucke gebracht. Der ehrwürdige Dom hat niemals eine solche Menschenmenge gefasst, wie an diesem Tage. Aufrichtige Andacht beherrschte jeden Einzelnen der viel tausendköpfigen Gemeinde, was die Grabesstille in dem weiten Raume dargethan. Jede Note der Kirchenmusik, jedes Wort des Priesters wurde bis in die entlegensten Winkel gehört. Die höchsten Ehren erwies die Kirche den bürgerlichen Opfern dieses bürgerlichen Dramas; solche Ehren werden sonst nur den allervornehmsten Spitzen der geistlichen und weltlichen Hierarchie erwiesen. Die höchsten Würdenträger der Kirche functionirten bei der solennsten Feier der Neuzeit — der Sohn des Landesvaters, Kronprinz Erzherzog Rudolf, und die Erzherzoge Carl Ludwig, Rainer, Albrecht, Wilhelm, Carl Salvator und Johann Salvator wohnten dem Requiem in tiefer Ergriffenheit bei.

In der Mitte der Kirche erhob sich ein hoher Katafalk, reich mit Kränzen geschmückt, von Kerzen in vielen Reihen umgeben. Die Diener der «Pietät» umgaben denselben und Sicherheitswachleute en parade bildeten Spalier. Der Hochaltar im Presbyterium, die Seitenwände desselben und die Bänke waren schwarz decorirt, und die ganze Kirche feierlichst beleuchtet.

Das Presbyterium, wo in den Seitenbänken Leidtragende Platz nahmen, war überfüllt. Unter den Anwesenden befanden sich die Vice-Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Fürst ~Lobkowitz~ und ~Gödel-Lannoy~, der Präsident des Herrenhauses Graf ~Trauttmannsdorff~, der Bürgermeister der Stadt Wien Dr. ~v. Newald~ und der Vicebürgermeister ~Uhl~, der Ministerpräsident Graf ~Taaffe~, der Reichs-Kriegsminister Graf ~Bylandt-Rheidt~, ferner die Minister ~Welsersheimb~, ~Dunajewski~ und ~Ziemialkowski~, Herrenhausmitglied ~Gögl~, zahlreiche Mitglieder des Abgeordnetenhauses, unter Anderen Professor ~Suess~, Dr. ~Rechbauer~, ~Clumecky~, Dr. ~Russ~, Graf ~Hohenwart~, Dr. ~Rieger~, Dr. ~Jaques~, Graf ~Coronini~, Fürst ~Liechtenstein~, der Statthalter Freiherr ~v. Possinger~, der Oberststallmeister G. d. C. Prinz Emerich ~Thurn-Taxis~, G. d. C. Graf ~Pejacsevic~ und die sämmtlichen übrigen dienstfreien Generale der Wiener Garnison; der Gemeinderath war sehr stark vertreten; man sah ferner den Director ~Jahn~ von der Hofoper und Angehörige anderer Theater. Der Kronprinz und die Erzherzoge wurden von dem Fürst-Erzbischof ~Cölestin Josef~ und dem Weihbischof Dr. ~Angerer~ unter Assistenz der geistlichen Alumnen empfangen und zum Hochaltar geleitet, in dessen unmittelbarer Nähe die Mitglieder des kaiserlichen Hauses Platz nahmen.

Der Chor brachte das Gottfried Breuer’sche Requiem zur Aufführung. Das Todtenamt wurde vom Fürst-Erzbischof celebrirt; den Rundgang am Schlusse vollführte der Weihbischof. Um 10 Uhr war das Requiem zu Ende; das gesammte Domcapitel geleitete den Kronprinzen und die Erzherzoge zum Ausgang.

Die grosse, schweigsame Menschenmenge verliess hierauf die Kirche in derselben musterhaften Ordnung, in welcher sie gekommen war. Die tiefe Stille wurde plötzlich durch lautes Gekreische einer Frauenstimme unterbrochen, welches schrill und verletzend vom Thore her durch die Kirche drang und grosse Aufregung hervorrief. Man wusste anfänglich nicht, ob es ein Singen oder ein lautes Wehklagen oder ein gellendes Lachen war. Vor dem Thore erfuhr ich, dass zwei leidtragende Frauen ihren wilden Schmerz auf solche Art geäussert hatten, dass dieselben mit sanfter Gewalt aus der Kirche entfernt, gelabt und mittelst Wagen fortgebracht wurden. Einige erzählten die schreckliche Version, eine dieser Frauen sei in ein Gelächter ausgebrochen, welches den Eindruck beginnenden Wahnsinns machte.

Die Trauerfeier auf dem Central-Friedhofe.

Die grossartige Trauerfeier, welche die Stadt Wien den Opfern des unseligen Brandes veranstaltete, hat Tausende dem weiten Leichenfelde zugeführt, auf dem Wien seine Todten der Erde übergibt. Von allen Eingängen her strömte die Menge dem Raume bei den Arcaden zu, welcher schon zeitig Morgens durch Sicherheitswache und Militär abgesperrt wurde. Der für die Feier bestimmte Raum war vor den Arcaden gewählt worden. Die 93 Särge, welche im Halbkreise längs der Arcadenbogen, und zwar mit den Hauptenden erhaben auf einem mit schwarzem Tuche bedeckten Podium aufgestellt waren, hatte man mit Kränzen bedeckt.

In der Mitte des Platzes hatte man ein prachtvolles Castrum doloris errichtet, an welchem mit Sorgfalt alle Symbole der einzelnen Confessionen vermieden wurden. Ein Zelt aus schwarzem Tuche mit Silberverzierung erhob sich über dem reich mit Blumen und Kränzen geschmückten Castrum doloris, im Hintergrunde flatterte eine riesige Trauerfahne. Neben dem Katafalk brannten auf langen Reihen von silbernen Candelabern unzählige Lichter. Vor dem Castrum doloris hat man ein mit schwarzem Tuche bedecktes Podium errichtet, von welchem die Redner sprechen sollen.

Eine gleichfalls mit schwarzem Tuche überdeckte riesige Tribüne nimmt die Kränze auf, welche von allen Seiten einlaufen. Allen voran liegt ein colossaler, prachtvoller Kranz aus Theerosen, Veilchen, Camelien, Hyazinthen und Tulpen. Die Schleife trägt die Inschrift: «Erzherzog ~Karl Ludwig~ und Erzherzogin ~Maria Theresia~». Ihn umgibt eine schwere Last von Kränzen; die Schleifen tragen folgende Inschriften:

«Erzherzog Karl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia»; «Das Haus der Abgeordneten»; «Den unglücklichen Opfern — das Ringtheater»; «Den Verunglückten — der Schubertbund»; «Der Kaufmännische Verein seinem treuen Mitgliede»; «Das Infanterie-Regiment Baron Kuhn Nr. 17, gewidmet von den Feldwebeln»; «Ihren Commilitonen — die «Deutsche Lesehalle» an der technischen Hochschule»; «Das Burgtheater den unglücklichen Opfern des Ringtheaters»; Kränze von den Angehörigen auf den einzelnen Särgen in unmittelbarer Entfernung vom Katafalk; ein Kranz mit schwarz-roth-goldenen Schleifen: «Der Deutsch-österreichische Leseverein den verunglückten Commilitonen»; «Der Touristen-Club».

An den Särgen und um den Katafalk sammelte sich eine nach Tausenden zählende Menschenmenge an. Herzzerreissend war der Jammer der Hinterbliebenen an den Särgen. Die Feder ist ausser Stande, all die entsetzlichen und jammervollen Scenen zu beschreiben, deren Schauplatz der Raum vor den Arcaden war. Ein Vater, dessen einer Sohn in den Sarg gebettet war, während der andere noch in dem grossen Feuergrabe auf dem Schottenringe ruhte, sank halbohnmächtig auf dem Sarge nieder, der die Leiche barg. Sein Jammer war herzzerreissend, und Tausende weinten und schluchzten mit ihm. Kinder weinten am Sarge der Eltern, Väter und Mütter am Sarge der Kinder, Brüder und Schwestern, Freunde und Bekannte sanken vor den Särgen auf die Knie. Die schrecklichste Scene ereignete sich während der Einsegnung der Leichen durch den griechischen Priester. Eine Frau fand den Sarg eines theuren Todten. Sie begann zu weinen und zu jammern. Ihr Schmerz äusserte sich aber bald in lauten Ausrufen, unter denen nur der Ruf: «Feuer!» verständlich war. Sie begann zu kreischen, zu rasen — sie war wahnsinnig geworden! Sechs Männer waren kaum im Stande, die Unglückliche wegzutragen, welche sofort den Aerzten übergeben wurde.

Es hiesse in dem ungeheuren Schmerze wühlen, der die Stadt Wien zu einem grossen Trauerhause macht, wollte ich all’ den herzzerreissenden Jammer, all’ die Aeusserungen des masslosesten Schmerzes schildern, deren Zeuge ich war.

Gegen 11 Uhr intonirte die hinter dem Katafalk aufgestellte Militär-Capelle den Beethoven’schen Trauermarsch. Düster und feierlich zogen die Klänge durch die Hallen der Arcaden und hallten schaurig an den Wänden der im Hintergrunde gelegenen Friedhofsgebäude wieder.

Der Zug der Priester erschien und nahm seinen Platz vor dem Katafalk ein, wo sich die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, die Generalität, die Spitzen der Behörden und Corporationen, sowie der Bürgermeister mit dem Gemeinderathe der Stadt Wien versammelt hatten.

Der Todten-Choral, unter dessen Klängen die Priester der katholischen, griechischen, protestantischen und israelitischen Kirchengemeinde nahten, wurde von den Mitgliedern des Opernhauses gesungen. Auch die Sänger fanden kaum die Kraft, ihre Stimme zu erheben, und viele derselben weinten laut.

Vor dem Castrum doloris begann Propst Marschall die Einsegnung nach katholischem Ritus. Nach den ersten Gebeten und Absingung der Busspsalmen schritt der Propst im bischöflichen Ornate die lange Reihe der Särge ab, um die Einsegnung vorzunehmen. Er wurde von dem Obmanne der Friedhofs-Commission, Gemeinderath Nikola, welchem eine schwarze Trauerfahne vorgetragen wurde, geleitet.

Das «Dies irae, dies illa», welches der Chor anstimmte, hat wohl niemals eine grossartigere Wirkung auf die Gemüther hervorgebracht, als an diesem Tage, und wie ein Schauer lief es durch die schluchzende Menge, als in einem der folgenden kirchlichen Gesänge die Worte des Propheten erschallten: «Judicavit saeculum per ignem».

Nach dem Propst Marschall trat der griechische Priester an den Katafalk, um nach seinem Ritus die Einsegnung vorzunehmen.

Hierauf trat der evangelische Pfarrer Formey an den Katafalk und sprach: