Die vom Niederrhein

Part 9

Chapter 93,784 wordsPublic domain

Und jedesmal, wenn der Junge nach solch einer Szene gegangen war, hatte der Maler die Arbeit beiseite geschoben und war auf die Veranda hinausgetreten, an der das Weinlaub rubinrot schimmerte und tausend dringendere Fragen stellte, als der Mund des mannbar gewordenen Knaben ...

Und nun war Sonntag. Ein Herbsttag von jener Schönheit und tiefen Schwermut, die noch einmal alle Erinnerungen des enteilenden Sommers zusammengreifen möchte zu einem lang nachschwingenden Akkord. Aus Hoffen und Bangen gemischt: Was wird der Tag bringen, was wird nach ihm kommen? Nütze den Tag! Er trägt in sich, was über den Winter hilft. Sein Zittern ist dein Zittern. — —

Hans Steinherr stand am Bahnhof. Er hatte sich bei den Eltern mit einem Ausflug entschuldigt, ohne die Namen der Teilnehmer anzugeben, und wartete nun schon seit einer Viertelstunde auf Frau Stahl und ihre Enkelin. Für jede der Frauen trug er ein paar Rosen in der Hand. Er war so aufgeregt, als gälte es eine Weltreise.

»Hier!« rief er plötzlich aus Leibeskräften und schwenkte den Hut. Da waren sie neben ihm.

Frau Stahl war nicht sonderlich modern gekleidet. Er merkte es nicht. Er war nur dankbar, daß sie gekommen war. Und Hannes? War das denn Hannes? Ja, war sie denn gewachsen in den acht Tagen und umsoviel reifer geworden? Er kam sich fast wie ein Knabe neben ihr vor.

»Wie geht es Ihnen?« murmelte er und stopfte ihr die Rosen in die Hand. »Wie ich mich freue! Sie sind also wieder ganz gesund? Freuen Sie sich denn auch ein wenig auf die Tour? Hier, Frau Stahl, bitte, nehmen Sie doch auch die Blumen. Da kommt der Zug. So, bitte, hier können wir einsteigen.«

Frau Stahl hatte den Griff des Coupés gefaßt. Jetzt ließ sie ihn wieder los.

»Herr Gott,« lachte sie, »da wären wir beinah falsch eingestiegen. Das ist ja die erste Klasse.«

»Dann stimmt’s doch. Bitte, Fräulein Hannes.«

Das junge Mädchen blickte fest auf die Coupénummer. Dann preßte sie die Lippen zusammen und stieg ein, als ob sie’s anders nicht gewöhnt sei. Frau Stahl folgte schweigend, und als letzter Hans. Während der kurzen Fahrt bis zur Station Benrath wollte kein Gespräch zu stande kommen.

Steif schritten die Frauen die Feldwege einher, die zum Schloß führten. Auch Hans war verstimmt. So zogen die drei Menschen fürbaß.

»Soll ich den Pedell rufen, damit er uns das Schloß zeigt?« fragte Hans, als sie vor dem Rokokobau standen und die Blicke über die Rasenfläche schweifen ließen, die sich vor ihm ausbreitete.

»Bitte,« sagte Hannes kurz.

Der Pedell kam und übernahm die Führung. Aber was er auch von dem Erbauer, dem kunstsinnigen pfälzischen Herzog Karl Theodor und seinem fröhlichen Hofstaat zu erzählen wußte, was er berichtete von allerhand Zeitläuften und Schicksalen, von hohen und höchsten Herrschaften, die geruht hatten, in diesen und jenen historischen Betten zu ruhen: er fand nicht das mundaufsperrende Verständnis, das er bei diesen Gästen zu finden gehofft hatte. Erst das Trinkgeld stimmte ihn um. Er empfahl angelegentlich, nicht zu versäumen, den Park zu besuchen. »Der herrlichste Park, den der Niederrhein besitzt. Mit der Dunkelheit wird er geschlossen. Sonst müssen Sie übers Gitter klettern.«

Wieder standen die drei Menschen draußen und blickten stumm über die Rasenfläche.

»Sind Sie müde, Frau Stahl? Wir hätten wohl erst die Wirtschaft aussuchen sollen. Entschuldigen Sie, daß ich nur an mich dachte.«

»Großmutter hat sich in den letzten Tagen überarbeitet,« sagte Hannes kurz.

Hans blickte auf die alte Frau und errötete. Hannes gewahrte es und wandte sich finster ab.

»Komm, Großmutter, es ist nicht weit. Nur ein paar Schritte bis zum Grund.«

Durch die lockende Sonntagspracht gingen sie mit lässigen, müden Bewegungen.

Im Wirtshaus im Grund saßen sie, bis die Sonne im Westen zu flammen begann. Da drängte die alte Frau, die jungen Leute sollten den Tag nicht vertrauern und noch einmal hinausgehen. Sie fühlte sich bereits wieder wohler. Das Stillsitzen und der Abendfriede täten ihr am besten.

Da gingen die beiden jungen Menschenkinder den Weg zurück zum Schloß und traten durch das Gittertor in den gepflegten Garten und gingen weiter, an den Sandsteingöttern vorbei, vorüber an den Wasserspielen und dem mit Seerosen bedeckten Bassin, die laubenartig verwachsenen und künstlich verschnittenen Heckengänge entlang, in denen es einsam war wie in stillen Grotten, und weiter, bis der Park sie aufnahm mit seinen Baumriesen und wundervollen Landschaftsbildern, bis sie den Rhein in der Ferne aufblitzen sahen und sein heimatliches Gemurmel hörten.

Es war ein Duften um sie her nach kräftigem Waldboden.

Und sie blieben beide stehen und schlossen die Augen und sogen den Duft ein. Den Duft von niederrheinischer Scholle, deren Kinder sie waren.

Als sie die Augen öffneten, hatte die flammende Abendsonne den Park mit Glut gefüllt, die Bäume schillerten in goldenen Konturen, und die Wipfel waren wie purpurne Baldachine. Das Gras zu ihren Füßen war ein persischer Teppich geworden in bunten Farben und phantastischen Mustern.

»Wie — schön — —« stammelte fassungslos das junge Mädchen.

Und der junge Begleiter ergriff ihre Hand, als müßte er ihr zeigen, daß sie ritterlichen Schutz genösse in diesem Zaubermärchen.

Als die tiefen Schatten fielen und das Licht auslöschten, behielt er die Hand in der seinen, und so gingen sie wie Kinder, die sie waren: Hand in Hand.

Es wurde nicht dunkel heute. Ein silbriger Schimmer spielte in dem Dämmer und durchdrang es. Der Mond kam herauf. Durch den flüsternden Park gingen die Kinder Schulter an Schulter, bis sie in den Laubengängen waren, in denen einst die Liebe des Rokoko geseufzt. Drüben, im Garten, lächelten die verschwiegenen Sandsteinfiguren, die allwissenden Heidengötter, wie ehedem; auf den Teichen träumten die Wasserrosen; durch die Hecken glitt ein Singen wie von einer Harfensaite, immer derselbe, einzige, sehnende Ton; und der Park dort öffnete wie eine Mutter die Arme weit.

Die Kinder spürten ein Zittern in den Händen, an denen sie sich gefaßt hielten. Sie blieben stehen. Da lief das Zittern durch ihren Körper.

Und das Mädchen legte den Kopf zurück und blickte mit weitgeöffneten ergebungsvollen Augen dem Knabenkopf entgegen, der sich mit bebendem Mund über sie beugte und ihre Lippen suchte.

Sie berührten sich wie ein Hauch, staunend blieben sie übereinander gebeugt, und in ihre kalten Wangen strömte das junge, warme Leben zurück.

Die Hände lösten sich und hingen schlaff herab. Dann hoben sich die Arme, scheu und ungelenk, und eines umschlang den Nacken des anderen, und die Lippen, halbgeöffnet, neigten sich zueinander und drängten sich fest aneinander und kehrten, wenn sie sich lassen wollten, immer wieder hastig, durstig zueinander zurück. Keines sprach ein Wort. Aber wenn sie innehielten, zählte eines des anderen Herzschläge. Bis die Herzschläge durcheinander jubelten.

»Hannes, Hannes, ich habe dich so lieb, daß ich es nicht sagen kann.«

»Ich hab’ dich lieb gehabt, wie ich dich sah, und werde nur dich lieb haben,« murmelte das Mädchen, und ihre Finger zitterten auf seinem Haar, seinen Augen, seinen Wangen.

»Weshalb warst du immer so böse zu mir?«

»Sprich doch nicht,« flehte sie und hob die feuchten Augen und die jungen, verlangenden Lippen.

Da faßte er sie um den biegsamen Leib und preßte sie an sich, daß ihnen beiden schwindelte.

»Komm, komm, du sollst dich setzen,« und er führte sie behutsam zu einer Bank.

Sie saß auf seinem Schoß, seinen Kopf in beiden Händen, und sah ihm ganz nahe in die Augen.

»Du!« stieß sie jäh hervor und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Du! Du! Du!« stammelte er. »Wenn du mich vergessen solltest!«

»Hans!« rief sie, und sie lachte und schluchzte durcheinander.

»Weshalb hast du mich immer so gequält? Sag es mir doch, damit ich ruhig werde,« bat er.

»Ich kann es nicht. Ich kann es wahrhaftig nicht.«

»Aber ich leide darunter. Ich habe ja nie einen anderen Menschen so lieb gehabt.«

»O, du! Und ich? — Und ich werde auch nie einen anderen Menschen lieb haben können. Nie! Hörst du? Ich habe nicht und ich werde nicht. Hans, Hans!«

»So mußt du es mir auch sagen können. Erst heut nachmittag — o, du weißt — da warst du so kalt.«

»Sei nicht böse,« sagte sie beschämt und drückte ihr Gesicht an seine Brust.

Und plötzlich, unaufgefordert, begann sie zu sprechen. Ohne ihr Gesicht von seiner Brust zu heben.

»Ich war ja so kindisch. Siehst du, als ich dich sah, und immer wieder sah, da warst du für mich so vornehm. Und ich wollte nicht, daß du vornehmer wärst als ich. Und ich hatte solche Angst, du könntest es merken, daß du vornehmer seist als ich und könntest dich über mich lustig machen wollen. Deshalb war ich so trotzig. Lieb hatt’ ich dich ja längst. Und du mich auch; das merkte ich. Aber ich wollte, daß du dich nicht schämen solltest. Ich wollte werden wie du, und ich will es auch werden. Ich will es! Du darfst dich nie, nie meiner schämen. Ach, du, es kann dich ja keiner so lieb haben wie ich. Auf der ganzen Welt nicht! Im ganzen Leben nicht!«

Hans kniete vor sie hin, umschlang ihre Kniee und drückte seinen Kopf in ihren Schoß.

»Wie gut das tut,« sagte er aus Herzensgrund. »Wie lieb du bist!«

Er küßte ihr Kleid, und sie schmiegte die Wange auf sein Haar.

»Schwöre mir, daß du mein Weib wirst. Daß du auf mich warten wirst, was auch kommt!«

Sie schwur es, mit einem stillen Lächeln in der Stimme.

Und er gab tausend heiße Knabenschwüre zur Antwort.

»Komm, Hans,« sagte sie endlich, »Großmutter wartet. Sie vertraut auf mich.«

Da stand er von dem kühlen Boden auf, und sie gingen wieder Hand in Hand, wie Kinder gehen. Durch den lauschenden Garten, vorbei an den lächelnden Sandsteingöttern.

Sie hatten lange zu suchen, bis sie eine Stelle im Parkzaun fanden, durch die sie hindurchschlüpfen konnten. Das Parktor war verschlossen. Doch der Spaß des Suchens war größer als die Angst. Und alles Kindische kehrte in ihnen zurück. Ausgelassen tollten sie den Weg zum Wirtshaus im Grund zurück.

Frau Stahl war im Garten eingenickt. Der Wirtssohn spannte eine Kalesche an und fuhr die Gäste nach der Stadt zurück. Die alte Frau schlummerte im Fonds, müde von der Last der Arbeit, der Sorge und der Jahre. Ihr gegenüber saß das Märchen, das sich Jugend nennt, und schaute selig lächelnd in die ewigen Sterne.

Siebentes Kapitel

Der Spätherbst setzte mit endlosem Regen ein. Es regnete fort bis in den Dezember. Verdrießlich eilten die sonst so lebensfrohen Düsseldorfer über die Straßen, verdrießlich über das Wetter und die allgemeine schlechte Geschäftslage. Selbst in den Narrensitzungen, die wie alljährlich pünktlich mit der elften Abendstunde des elften November begonnen hatten, um mit weiser Gründlichkeit den Karneval, den »Fastelowend«, für den Monat Februar vorzubereiten, wurde mehr gallige Bosheit als blanker Humor gezeitigt. Im Hofgarten war das Herbstlaub an den Bäumen verfault. Harte Windstöße rissen es von den Zweigen und klatschten es auf den Boden, wo es zu einer breiigen Masse ward. Die Schwäne auf den Teichen ruderten zerzaust am Ufer entlang, als wären sie in der Mauser. Kein Mensch bekümmerte sich um die sonst so verwöhnten Tiere. Über den Rhein, den das aufgewühlte Grundwasser der Nebenflüsse lehmiggelb gefärbt hatte, pfiffen die Winde, daß jeder die Kaimauer mied. Die Schiffahrt war eingeschränkt. Die Frachtkähne wagten sich bei dem rapid wachsenden Pegelstand nicht aus den Heimatshäfen, und die paar kleinen Lokalboote fuhren meist ohne Passagiere. Große Geschäftskrisen standen vor der Tür, und der unaufhörliche Regen machte die Stimmung immer noch grauer.

Hans und Hannes gewahrten von alledem nichts. Die Not der Zeit blieb ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wußten nicht anders, als daß das goldene Zeitalter hereingebrochen sein müsse. Und wenn sie an jeder Straßenecke über das erbärmliche Hundewetter schelten hörten, so lachten sie und segneten das Hundewetter. Unter demselben Regenschirm, eng aneinandergeschmiegt, unternahmen sie ihre Streifzüge durch die entlegenen Viertel der Altstadt oder setzten den Brückenwärter in Erstaunen durch stundenlange Promenaden auf der menschenleeren Schiffsbrücke.

»Nu säg ehner, wat en Rejen is!« brummte der Alte kopfschüttelnd. »Dene hät et dörch et Dach jerejent, da sind se öwerjeschnappt. Knatsch jeck.« — — —

Hans und Hannes hörten und sahen nichts, als nur sich selbst. Jedem ging im anderen eine neue Welt auf, und sie suchten sie sich zu eigen zu machen und aus der Vermischung eine einheitliche mit erweiterten Grenzen aufzubauen. Das Mädchen war dem jungen Manne in der schnelleren Anpassung weit voran. Als hätte ihre Seele nur darauf gewartet, daß einer an die verriegelte Pforte poche und das »Sesam, öffne dich« spräche, so breitete ihr Empfinden und ihr Verständnis die Schwingen. Mit dem unausgesprochenen Fraueninstinkt fand sie heraus, was in ihrer ungebundenen Natur den guterzogenen Freund verwirrte, sie las ihm sein ganzes Formentalent ab, das sie bisher als den Ausdruck angeborener Vornehmheit angestaunt hatte, und zitterte insgeheim vor Freude, wenn sie seinen verwunderten Blick bemerkte. Aber sie sprach nie ein Wort über ihre Lerntätigkeit. Sie hatten auch so viel anderes zu besprechen ...

Regelmäßig trafen sie sich zwischen der sechsten und siebenten Abendstunde, wenn Hans das notwendigste Aufgabenpensum der Schule erledigt hatte. Die Ecke am Pempelforter-Stall, neben Schloß Jägerhof, galt ihnen als Rendezvous, aber meist trafen sie sich, da Hannes als erste zur Stelle war, halbwegs der Jakobistraße und bogen sofort in den triefenden, aufgeweichten Hofgarten ein. Als Hans im Gummimantel erschien, erschien auch Hannes im Gummimantel. Daß sie ihn aus dem Erlös ihres Francesca-Gewandes erstanden hatte, verschwieg sie. Der elastische Stoff legte sich fest um den schlanken Mädchenleib, hob die feinen Formen und gab der Figur etwas über die Jahre hinaus Vollendetes und Reifes.

»Wie wunderschön du bist!« sagte Hans. »Wie ein verkleideter Page. Man wagt gar nicht, dich anzufassen.«

Dann nahm sie seinen Arm, drückte sich an ihn und versuchte, mit ihren zierlichen Füßen seinen Schritt einzuhalten.

Kam ein Tümpel, so hob sie die Röckchen, prüfte erst mit der Spitze des Stiefels die Tiefe und schritt hindurch wie eine kleine Bachstelze.

»Du sollst mir nicht so nach den Füßen schauen, Hans,« sagte sie drüben.

»Ach, Hannes, liebster, süßer Hannes, in ein paar Jahren bist du ja doch meine Frau.«

»Ich will es aber nicht, Hans. Oder riskierst du das auch bei den jungen Damen, die in eurem Hause verkehren?«

Dann ging er verstimmt neben ihr her. Bis die Bäume sich lichteten und die Alleestraße sichtbar wurde, und sie sich plötzlich mit einer jähen Bewegung an seine Brust warf und sich von ihm herzen, drücken und küssen ließ und den Kuckuck danach fragte, ob er das auch bei den jungen Damen, die in seinem elterlichen Hause verkehrten, »riskierte«.

»Hans, ach, du, du!«

»Hänschen, Hänschen, weshalb bin ich nicht schon was geworden!« — —

Mit der gleichen, jähen Bewegung machte sie sich los, und mit der sicheren Eleganz, als wäre sie die Schwester des so apart erscheinenden jungen Menschen, überschritt sie mit ihm die Straße, um durch die Altstadt oder an der Kunstakademie vorbei den Weg zum Rhein zu nehmen.

Sie führten keine tiefen Gespräche, die beiden. Und doch war ihnen jedesmal, wenn sie sich trennten, als hätten sie die Tiefen der Weltweisheit erschöpft, und sie fühlten sich in ihrer Lebensklugheit bereichert mehr denn von allen Schuljahren.

Im stürmenden Wetter, unter dem schwankenden Regenschirm dicht aneinandergeschmiegt, blieben sie oft mitten auf der Straße stehen und horchten, halb selig, halb verängstigt, auf etwas Unerklärliches, Beunruhigendes, Wunderbares — —. Und es war nur das Pulsen ihres Blutes, das sie in der dichten Berührung verspürten.

* * * * *

Nun war Frost eingetreten. Es ging auf Weihnachten zu. Manchen verregneten Sonntagnachmittag hatte sich Hans von der alten Frau Stahl erbettelt, ihn in dem primitiven Wohnzimmer der Pempelforterstraße zubringen zu dürfen. Denn an den Sonntagen verließ die Enkelin die Großmutter nicht. Über den einzigen freien Tag, den die alte Frau besaß, hatte sie auch allein zu verfügen. Seit in dem jungen Mädchen das Geheimnis der Frauennatur zur Offenbarung rang und unbewußt nach Betätigung drängte, umschloß sie mit verdreifachter Liebe die einzige Frau, die, wenn auch alt und greis, ihrem Leben näher stand und ihr das gleiche Geschlecht verkörperte. Dann wandelte sich der Liebeshunger in eine Liebesverschwendung.

Und in der Greisin stieg es jung und heiß empor.

»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle,« murmelte sie und reckte sich auf.

Mit Hans saß sie oft und plauderte. Ruhig, ernst, auf ihre Weise. Sie ließ ihn Blicke in ihr Leben tun, und ihr Leben, ihr siebzigjähriges, spiegelte siebzig Jahre der Menschheit. Alle Kreuz- und Quersprünge der Zeit und der Zeitgenossen, das Trotzen, Aufbegehren, Himmelstürmen, das Nachgeben, Erkennen, Resignieren, die Inzucht des Egoismus wie das Sichfeilhalten des Strebertums, alle Narrheiten und alle Tugenden des Menschengeschlechts hatten der alten Frau ein Spiegelbild lassen müssen, und sie mischte die Bilder in ihrem Kaleidoskop und hielt es dem stumm Aufhorchenden hin und sagte: »In all dem suchte die Menschheit das Glück. Schauen Sie nach, ob Sie es sehen.«

Und Hans sah es nicht.

»Ich sehe es in ganz etwas anderem,« sagte er mit seiner warmen Knabenstimme.

»Das taten die anderen von Haus aus auch. Aber sie waren zu schwach, ihre Meinung vor den Leuten festzuhalten. Links und rechts lockte es, akkurat wie das Glück. Und obenein schien es bequemer oder ruhmreicher, oder vornehmer und eleganter; und sie brachen von der Bahn aus und nahmen Richtwege. Da fanden sie die Bequemlichkeit, den Ruhm, die Vornehmheit, die Eleganz. Und das Glück, das dumme, kindische, einfältige, und doch über alles, alles, alles triumphierende Menschenglück? Ich bin siebzig Jahre. Fragen Sie Leute, die so alt sind wie ich, was sie an Orden und Ämtern bieten für das, was sie — als sie jung waren — auf der geraden Bahn liegen sahen. Damals, als sie sich ihrer Jugendmeinung, ihres Impulses schämten. Wissen Sie auch, was das ist: sich schämen? Scham ist Feigheit.«

Über das Wort hatte er lange nachgegrübelt. Er empfand sehr wohl, daß es nur bedingungsweise gebraucht worden war und auch nur bedingungsweise seine Anwendung finden konnte. Aber gerade deshalb wurde es ihm zum Sporn, den Motiven nachzuspüren und sich zu prüfen, wenn er drauf und dran war, sich einer Sache, eines Menschen wegen zu schämen. Bevor er dem Gefühl der Scham Gewalt über sich ließ, sezierte er mit Gedankenschnelle die treibenden Gründe. Waren sie ideeller Natur, gaben sie ihm ein Recht, mit sich oder anderen unzufrieden zu sein, so schämte er sich für sich und die anderen mehr denn früher. Ging ein egoistischer Zug hindurch, vor allem der, der zur grundlosen Überhebung und jener eigensüchtigen Art der Verleugnung drängt, aus der Petrus nach des verlästerten Nazareners Gefangennahme die Worte sprach: »Ich kenne den Menschen nicht,« so versuchte er mit Gewalt Herr über sich selbst zu werden und murmelte es nach wie eine Beschwörung: »Scham ist Feigheit.«

An einem Dezemberabend war es, als Hans der Gedanke kam, mit Hannes gemeinsam das Springesche Atelier aufzusuchen. Es sollte ein Überfall in aller Form sein. Er wollte, daß Springe das Mädchen sehen, daß er im stande sein sollte, sich ein Urteil zu bilden. Nie hatte er mit dem älteren Freunde über seine Neigung mehr gesprochen, als in losgelösten Andeutungen, nie einen Namen genannt. Nun aber trieb ihn der jugendliche Renommierstolz, ein Zipfelchen des Schleiers, den er über den selbstentdeckten Schatz gebreitet hatte, geheimnisvoll zu lüften. Er kam sich mit seinen neunzehn Jahren unendlich kavaliermäßig vor, als er, das sechzehnjährige Mädchen am Arm, die Treppe des Hauses in der Immermannstraße hinaufstieg und die Klingel zur Springeschen Wohnung zog.

Der alte Herr öffnete wie gewöhnlich. Er blinzelte überrascht, als er das Pärchen erblickte.

»=Parbleu=,« sagte er und machte eine Verbeugung wie aus einem graziösen, altmodischen Menuett. »Die verdammten Kalendermacher! Machen die Kerle einem weiß, Dezember sei; und vor der Tür steht der Frühling! Treten Sie ein, meine schöne, kleine Gnädige.«

Das junge Mädchen, im molligen, schwarzen Krimmerjackett, die Pelzmütze auf dem Kopf, trat errötend näher. Die chevalereske Begrüßung hatte ihr sensitives Schönheitsgefühl erregt und sofort die Brücken geschlagen zwischen ihr und dem jovialen alten Herrn. Als er ihr die Hand zum Gruße reichte, machte sie ihm unwillkürlich einen so tiefen, ehrerbietigen Knicks, wie er ihr vorher wohl nie in ihr kapriziöses Köpfchen gekommen war, und als er, erfreut, ihre derb behandschuhten Händchen hob, um ihr wie einer Dame den Zoll des Handkusses zu entrichten, kam sie ihm zuvor und berührte mit ihren warmen, jungen Lippen seine schönen, weißen Aristokratenhände.

Mit einem Griff nahm er das feine Kind um die Taille.

»Sommervögelchen,« sagte er mit lächelndem Drohen, während sie schelmisch seinem Blick stand hielt, »das bitt’ ich mir aber aus. Sparen Sie sich das Küssen, bis es für den Mund reicht. Gelt? Das ist abgemacht.«

Dann ließ er sie mit einer Verbeugung los und nahm die Hacken zusammen.

»Gestatten Sie, meine allergnädigste Kleine: von Springe. Übrigens der Ältere. Aber nur dem Geburtsschein nach.«

Da trat Hans vor und übernahm schnell die Vorstellung seiner Freundin.

»Fräulein Johanna Stahl. — Verzeihen Sie, Herr von Springe, daß ich Sie am Abend noch mit einem Besuch überfalle. Aber ich hatte Fräulein Stahl so viel von dem Atelier des Herrn Heinrich erzählt — und — und — am Tage habe ich wegen der Vorbereitung zum Examen so wenig Zeit — daß — daß — —«

»Wie denn nur? Die Freude ist auf unserer Seite. Burg Springe ist entzückt. Mein liebes Fräulein, lassen Sie sich von dem korrekten jungen Mann da nicht ihre köstliche Natur verderben. Erstens mal ist es erst sechs Uhr, und daß im Winter die Sonne früher untergeht als im Sommer, ist ihr eigenes Pech. Und zweitens bitte ich überhaupt, Burg Springe als Ihr Eigentum zu betrachten. So eine Lehnsherrin habe ich mir schon lange gewünscht. Meinen Respekt, schöne Gönnerin.«

»Donnerwetter noch mal!« entfuhr es ihm, als er sie an sich vorbeischreiten ließ und sie ihn mit ihren großen Augen kinderfroh anlachte. »Bitte, hier einzutreten. Verzeihen Sie eine kurze Weile, ich werde sofort Licht machen. Die jüngere Generation von Springe verrichtet im Nebenzimmer gerade ihr Abendgebet. Pardon also für wenige Minuten. Religiöse Handlungen soll man nicht stören.«

Er ging, um einen Kerzenfaden herbeizuholen, mit dem er die Lichter anzünden wollte.

Aus dem Nebenzimmer drangen die Klänge eines meisterhaft gespielten Flügels. Sie suchten sich mit sehnsuchtsvoller Friedlosigkeit, in durstiger Leidenschaft und tauchten unter in plötzlicher, zärtlicher Erinnerung genossener Träume, um dann ihre Stimme aufs neue zu erheben und von der großen Liebe zu sagen, die da gleich ist in der Nähe und in der Ferne, im Leben und im Sterben. Und die horchenden jungen Menschenkinder erschauerten vor der ungeahnten Menschenherrlichkeit. Sie waren blaß geworden, blaß in der Erkenntnis der Größe der Liebe, und ihre Hände kamen sich scheu entgegen, und als sie sich hielten, verkrampften sie sich. Der Mann am Flügel spielte Tristan und Isoldens Liebestod.

Und in der Dunkelheit des Zimmers, in dem sie warteten, von demselben Gedanken getrieben, hoben sie beide gleichzeitig die Arme und umschlangen sich und preßten in Angst und Wonne Mund auf Mund, wie sie noch nie einen Kuß geküßt.

Ebenso hastig ließen sie voneinander ab. Die Musik rauschte auf.

»Das ist wie ein Brautbesuch,« flüsterte Hans stockend.

»Wie ein Brautbesuch,« wiederholte das Mädchen und suchte den schweren Atem zu bändigen.