Part 10
Herr Friedrich Leopold von Springe kam mit dem brennenden Kerzenfaden und zündete die großen Atelierlampen an. Auch die Kerzen in den Bronzeleuchtern mußten heute daran glauben.
»Ein bißchen festlichen Glanz muß Burg Springe doch hergeben,« meinte er schmunzelnd. »Ein Turnier kann ich in der Kürze der Zeit leider nicht abhalten lassen. Hoffentlich haben Sie sich vorhin im Dunklen nicht allzusehr gefürchtet.«
Der alte Herr schob die augenfällige Ergriffenheit der Kinder auf die aufwühlende Tristanmusik.
»So,« sagte er lakonisch, als drinnen der Deckel des Flügels klappte, »er hat ausgerungen.«
In der Tür stand Heinrich Springe. Er konnte sich in dem Lichtmeer nicht gleich zurechtfinden und beschattete einen Augenblick lang die Augen mit der Hand. Dann warf er den Kopf zurück, sah fest auf das Bild vor sich und ging mit ausgestreckten Händen auf seinen Besuch zu.
»Meine Freundin, Fräulein Johanna Stahl, würde sich so sehr freuen, wenn sie Ihr Atelier sehen dürfte ...«
»Herzlich willkommen. Das ist ja beinahe wie eine Weihnachtsbescherung. Gelt, Papa?«
»Wahrhaftig, mein Sohn, ich werde unsere Tanne um drei Tage zu früh anzünden. Man soll die Tage nicht nach dem Datum, sondern nach dem Inhalt feiern.«
Und der alte Herr verschwand händereibend im Nebenzimmer, in dem der Flügel stand.
Heinrich Springe hielt die Hände des jungen Mädchens. Wie entzückend die Kleine war, wie biegsam und weich, und doch wie stark und selbstsicher an der Seite ihres jungen Freundes! Es ging ein Duft von ihr aus, so frisch wie von einer Waldblume. Glückliche Jugend, dachte er, wer die Zukunft so sähe wie ihr!
»Darf ich Ihnen aus dem Jackett heraushelfen?« fragte er. »Es wird Ihnen zu warm werden, und ein Stündchen müssen Sie nun schon bei uns alten Junggesellen aushalten. Ergeben Sie sich nur gleich auf Gnade und Ungnade.«
»Ja, ja, mein Sohn,« fuhr er fort und schob Hans scherzend beiseite, »das hättest du wissen sollen, als du dich in dies Nest wagtest. Die alten Springes von ehedem waren arge Raubritter und Schnapphähne, und die jungen kitzelt zuweilen auch noch das Blut. Jetzt erfind nur schnell ein Lösegeld. Das Fräulein aber zahlt für ~sich~.«
»Und wenn ich mich sträube?« lachte das Mädchen und reckte sich in ihrem blauen mit weißen Litzen besetzten Tuchkleidchen nachdrücklich auf.
»So stehle ich Ihnen Ihr Konterfei und laß es zu Weihnachten an böse Kinder verteilen mit der Unterschrift: ›Die unartige Johanna‹.«
»Da muß ich mir doch erst Ihre Malkunst ansehen,« meinte sie würdevoll, »damit ich mir klar werde, was vorzuziehen ist.«
»Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Arm reiche, meine Gnädigste?«
»Sie sind sehr aufmerksam.«
Hans war sprachlos. War das sein wilder, scheuer Hannes aus der Zweizimmerwohnung der Pempelforterstraße? War das dasselbe Mädchen, das noch vor wenigen Monaten nichts vom gesellschaftlichen Ton gewußt und sich feindselig gegen alles, was aus den ihr fremden Kreisen kam, gesträubt hatte? Wer hatte das in sie hineingelegt? Der gute Junge ahnte ja nicht, daß er es selber gewesen war. Er wußte ja so gar nichts von der geheimnisvollen Kraft der Frauennatur, die, wo sie liebt, spielend bewältigt, wozu sonst Jahre der Erziehung oft nicht ausreichen wollen. Hannes aber war nur von einem Gedanken beherrscht: ihrem Freunde keine Unehre zu machen, tapfer die erste gesellschaftliche Probe zu bestehen, zu zeigen, daß sie es wert war, aus der dunklen Ecke herausgeholt zu werden, und daß sie das Licht jetzt nicht mehr scheute. Es wurden Kräfte in ihr frei, vor denen sie sonst gezagt hätte, aber ein urplötzlich erwachter starker Wille spornte sie an, sich ihrer zu bedienen, damit der Freund jede ängstliche Besorgnis verliere, sich ihrer an anderer Stelle einmal schämen zu müssen, damit sich sein Vertrauen wie sein Stolz aus seinen kleinen, namenlosen Schatz stärke.
Sie lächelte ihm zu, als sie an des Malers Arm von Staffelei zu Staffelei wanderte. Halb Kinderlächeln war es, und halb süße, frauliche Überlegenheit.
Heinrich von Springe war nicht weniger überrascht als Hans Steinherr. Er hatte nach den wenigen Andeutungen seines jungen Freundes geglaubt, es handle sich um eine der unausbleiblichen Kinderliebeleien mit einem der kleinen, nicht gar zu prüden rheinischen Mädel. Und nun fand er ein Geschöpf, das zwar die ganze Rasse und die ganze Anmut der Rheinlandstöchter in sich verkörperte, dem aber eine Tiefe innewohnte, vor deren ernstem Grundspiegel er fast erschrak. Mit seinem geschärften Künstlerauge sah er in diesem Spiegel, welche Flut von Gefühlen die Tiefe bewegte, wie sich diese Mädchenseele ängstete und wie sie sich trotzig mühte, wie sie selig erzitterte und wie sie tapfer kämpfte. Und er sah, wie auf dem Grunde sich schon die Wandlung vom Kinde zum Weibe vollzogen hatte und ein grenzenloses Vertrauen rührend klar bis zur Oberfläche stieg. Jede Antwort, die sie ihm gab, jede freie Äußerung, die von einem feinen weiblichen Empfinden für Kunst und Schönheit Zeugnis ablegte, bestärkte seine schnelle Zuneigung zu dem seltsamen Mädchen, dessen zierliche Schönheit sein Entzücken herausforderte und dessen ungehobener innerlicher Reichtum sein Mitgefühl entzündete. Würde Hans Steinherr der Mann sein oder doch der Mann werden, den Schatz zu heben, ohne die Form zu zerstören? Die Form zu erkennen, ohne den Schatz verkümmern zu lassen? Was wußte der junge, unerfahrene Mensch von dem Wert des Geschenkes, das er wie ein blindtappendes Sonntagskind am Wege gefunden hatte! Noch hatte er keinerlei ernste Probe im Leben zu bestehen gehabt.
Heinrich von Springe streifte den jungen Mann zum ersten Male mit einem sorgenvolleren Blick.
»Kinder,« sagte er dann, »wie schön, daß ihr gekommen seid!«
»Sie sind also nicht böse?« schmeichelte Hans. »Eigentlich gehörte es sich ja nicht, Sie zu überfallen.«
»Mein Fräulein,« wandte sich der Maler an die Kleine, die, ganz Kind wieder, bei Hans’ Worten beschämt die Augen gesenkt hatte, »gewöhnen Sie diesem jungen Herrn doch die Salonsprache ab, wenn er sich unter Freunden befindet. Von Ihnen nehme ich als ganz gewiß an, daß Sie sich ebenso freuen wie ich. Stimmt’s?«
»Ja,« sagte sie ehrlich, und es wurde ihr so frei zu Sinn, daß sie klar und ruhig die Augen zu ihm erhob.
»Sie müssen mich nicht schelten, Herr Heinrich,« bettelte Hans. »Ich konnte doch nicht wissen, wie Sie meine Eigenmächtigkeit aufnehmen würden.«
»Auch nicht fühlen?« meinte der Maler und strich ihm über das Haar. »Bin ich dein Freund, he? Und bin ich ein blutwarmer Mensch oder ein verknöchertes Monstrum, das sich selbst zum Sterben mit Albertis Anstandsbuch in den Händen niederlegt? Kleiner Dummkopf du!«
»Ha,« entfuhr es Hannes, »das war famos!«
»Freut mich, mein Fräulein, daß ich mich zum Dolmetscher Ihrer Empfindungen machen durfte.«
Er ergriff mit übertriebenem Zeremoniell ihre Hand und führte sie an die Lippen, und Hans, glückselig, ergriff ihre andere Hand und führte sie ebenso an die Lippen, und das Mädchen stand zwischen ihnen, errötend und doch ihrer Freude nicht Herr; wie ein Weihnachtsengel, der seine Flügel ausspannt.
»Was ist denn das?« fragte Heinrich Springe und hob den Kopf.
Alle drei horchten sie auf. Aber ihre Stellung behielten sie inne.
Drinnen im Nebenzimmer suchte jemand auf dem Flügel eine Melodie. Jetzt hatte er sie, wenn auch etwas klapperig, weil er sie nur mit einem Finger zu spielen verstand.
»Ihr Kinderlein, kommet, O kommet doch all — — —«
Die Musik wurde von einer brüchigen, aber sehr gefühlvollen Stimme begleitet.
»Die Kinderlein sind wir,« flüsterte der Maler. »Weiß Gott, Herr Friedrich Leopold hat Ernst gemacht und das Geburtstagsfest des Herrn Jesus um drei Tage vordatiert!«
»Ihr Kinderlein, ~kommet~!« mahnte die Singstimme des alten Herrn dringend von neuem, denn seine musikalischen Kenntnisse waren mit den beiden Verszeilen erschöpft.
»Also kommen wir,« entschied der Maler. »Man kann Weihnachten nie ausgiebig genug feiern.«
Noch immer hielten sie das Mädchen links und rechts bei den Händen, und so führten sie es hinein, just, als würde das stimmungsvolle Kindheitsfest nur für das fremde Mädchen gefeiert.
Auf dem Tisch strahlte eine kaum drei Schuh hohe, sattgrüne Tanne in buntem Kerzengeflimmer. Eine Schale, hochaufgetürmt mit Früchten aller Art, war neben einer bauchigen Champagnerflasche und langgestielten Kelchen aufgebaut. Durch das Zimmer zog der harzige Duft des Waldes.
Herr Friedrich Leopold saß am Flügel. Er hatte nun schon dreimal seinen Vers gesungen, und als er jetzt den reizenden Weihnachtsengel hereinschweben sah, überkam ihn eine andere poetische Erinnerung aus der Kinderzeit. Da der Finger auf den Tasten streikte, so klatschte er kurz entschlossen den musikalischen Rhythmus mit den Händen und sang dazu begeistert und aus Leibeskräften:
»Christkindchen, komm in unser Haus, Pack die große Tasche aus — —«
»Donnerwetter,« unterbrach er sich bestürzt und sprang eilig auf die Beine. »Das war natürlich nur ein Versehen, meine Allergnädigste, ein bloßes Vergreifen in meinem Liederschatz. Sie werden mir im Ernst nicht die bodenlose Unhöflichkeit zutrauen, von meinem lieben Gast das Mitbringen und Auspacken einer großen Tasche zu ergieren. Was singen wir nun?«
Heinrich Springe setzte sich auf den Klavierstuhl, sann einen Augenblick nach, und bald begann der Flügel unter seinen Händen zu jauchzen und zu jubeln. Der Maler sah Hannes an, die neben ihm stand. »Kennen Sie das?« fragte er, ohne sich im Spiel zu unterbrechen.
»Aus den Weihnachtsliedern von Peter Cornelius.«
»Ah — — das überrascht mich. — — Die Lieder sind nicht sehr bekannt.«
»Die Musiklehrerin, von der Schule her, hat sie mich gelehrt. Ich durfte zuweilen zu ihr kommen.«
»Bitte, singen Sie,« und er begann von neuem.
Ihr Blick fuhr blitzschnell von einem zum anderen; hilfesuchend, verwirrt. Ihr Herz begann in rasendem Tempo zu schlagen. Der Maler wartete, die Hände auf den Tasten; der alte Herr und Hans standen gespannt neben der Tanne. Da hob sie sich in den Schultern und trat, die Stirn zusammengezogen, dicht an das Instrument heran.
»Wie schön geschmückt der festliche Raum. Die Lichter funkeln am Weihnachtsbaum. O fröhliche Zeit! O seliger Traum!«
Der Maler wandte während des Spiels den Kopf und nickte ihr zu: »Bravo!« Das half ihr über die Angst. Und sie sang so frisch und unbekümmert das Lied zu Ende, als wüßte sie von keinem Zuhörer.
Heinrich Springe reichte ihr die Hand.
»Sie haben ein schönes Organ,« sagte er, »und was mehr ist, Sie haben Seele. Wir müssen mehr miteinander musizieren. Topp, schlagen Sie ein!«
»Sie spielen wundervoll,« stammelte sie und suchte mit den Augen den Geliebten.
Den aber hatte Herr Friedrich Leopold bei den Rockaufschlägen genommen, ihn wach zu rütteln.
»Sie sind an der Reihe, mein Sohn! Es geht ein Rundgesang an unserem Tisch herumvidiwum!«
»Ich lebe seit Jahren im Stimmbruch, Herr von Springe.«
»Sie brauchen auch gar nicht zu singen; lassen Sie Ihre Muse singen; die ist doch so Gott will über den Stimmbruch erhaben. Sie Drückeberger sind der einzige, der heute abend nichts geleistet hat.«
»Ich habe Ihnen Fräulein Stahl gebracht,« sagte Hans mit einer Verbeugung.
»Wahrhaftig,« beeilte sich der alte Herr und erwiderte die Verbeugung tief. »Ich werde beim Papst darum einkommen, daß man Sie für diese Tat heilig spricht.«
Darauf ließ er mit einem Knall den Sektpfropfen an die Decke springen.
»Noch nicht, Vater,« bat der Maler. »Horcht! Das paßt in die Stimmung.«
Vom nahen Klösterchen in der Oststraße klangen die Glocken zu einer weihnachtlichen Messe.
»Hast du wirklich kein neues Gedicht verfaßt, Hans?« fragte der Maler. »Wir bilden doch eine Familie.«
»Hans dichtet?« rief Hannes überrascht. »Ach — ich meinte — Herrn Steinherr.«
»Herrn Steinherr?« versetzte der alte Herr trocken. »Hier gibt es nur einen Hans; und der dichtet in der Tat.«
»Ein Weihnachtsliedchen,« sagte Hans mit leiser Stimme, und es trat feierliche Stille ein.
»Komm, komm — — — — —! Die Weihnachtsglocken läuten. — — Du sollst das Lied mir deuten, Ganz leis, ganz fromm. Dort auf dem Tannenmoos, Von Zweigen überhangen, Laß, Liebste, dich umfangen Auf meinem Schoß.
Still, still — — —! Was können Worte sagen? Ich spür’s an seinem Schlagen: Dein Herz, es will —
Will aus dem Glockenklang Mir eine Mär’ verkünden, Die ich nicht konnt’ ergründen Ein Leben lang.
Du! Du! — — — O, laß mich weiter hören! Mit keinem Hauche stören Will ich die Ruh’. Weich nicht verwirrt zurück — Ein Lachen und ein Singen Will dich und mich bezwingen Von innrem Glück.
Bald, bald — — —! Und wieder brennen Kerzen, Und Glockenruf im Herzen Uns widerhallt. Was heiß in uns gegärt, Die Wünsche, die wir spannen Zu Weihnacht unter Tannen — Gewährt, gewährt!
Dann, dann — — — — —! O jetzt noch schweigen müssen! Sprich’s aus in tausend Küssen, Was ich gewann. — — Horch, in den Lüften blieb Der Weihnachtsglocken Klingen, Und unsre Seelen singen: Ich hab’ dich lieb. — — —«
Er blieb unter der Tanne stehen und blickte, weltvergessen, sein Mädchen an, dem die Kniee zitterten. Sie hätte sich ihm an den Hals geworfen, trotz des fremden Ortes, trotz der fremden Menschen, wenn sie vermocht hätte, sich von der Stelle zu rühren. Ihr ganzes Wesen war in Aufruhr.
Heinrich Springe schenkte die Gläser voll und wortlos reichte er sie herum. Dann trat er auf Hans zu und legte ihm den Arm um die Schulter.
»Das soll das Wort sein, das diesem Tag die Weihe gibt: ›Ich hab’ dich lieb.‹ Komm, nenne mich du.« —
Noch ein halbes Stündchen blieben sie beisammen. Dann ging der Maler an den Flügel.
»Noch ein Abschiedslied,« sagte er und intonierte die Melodie. »Kennen Sie es wiederum, Fräulein Johanna?«
»Aus den Brautliedern von Cornelius,« erwiderte sie leise und setzte ein.
»Nun, Liebster, geh und scheide — — — Morgen ist auch noch ein Tag. — Morgen, morgen, morgen ...«
Und das »morgen« klang liebeschwer, sehnsuchtsvoll und wunderbar trostreich. — —
»Mein Dichter,« flüsterte sie erregt, als sie durch den Winterabend heimschritten, »du wirst so groß, so berühmt werden ...«
»Ich habe ja alles von dir!« rief er leidenschaftlich und preßte ihren Arm. »Ich dürfte dich nie verlieren.«
Da stieg ein seltsam neues Gefühl in ihrer jungen Brust auf. Das zärtliche Muttergefühl des Weibes für den Geliebten. —
Achtes Kapitel
Die Abiturienten des Düsseldorfer Gymnasiums standen im Examen, während sich die Stadt zum Empfang des Prinzen Karneval rüstete.
Hans Steinherr stürmte aus dem Schultore heraus auf die Alleestraße. Ohne sich zu besinnen, eilte er quer über die Straße nach der Droschkenhaltestelle am Alleeplätzchen.
»Grafenbergerchaussee,« rief er dem Kutscher zu. »So schnell Sie können.«
Er rasselte am Gymnasium vorüber und warf einen triumphierenden Blick auf den nüchternen, grauen Kasten. Dann lehnte er sich wie ein Grandseigneur in die Polster zurück und musterte stolz die Passanten der Schadowstraße. Der Wagen fuhr dicht am Trottoir vorbei.
»Halt!« rief Hans plötzlich und war mit einem Sprunge aus der Droschke heraus. Er hatte Hannes gesehen.
»Bestanden!« jubelte er ihr zu. »Vom Mündlichen dispensiert! Als einziger!«
Sie konnte nicht sprechen. Sie faßte scheu nach seiner Hand und umklammerte sie. Das Gefühl seiner Bedeutung wuchs bei ihr ins Abenteuerliche.
»Nun? Keinen Glückwunsch?« lachte er obenhin. Seine Gedanken waren noch bei der Zensurenverkündigung.
»Doch, doch,« stammelte das Mädchen und hielt noch immer die Hand umklammert.
»Ich habe Eile,« belehrte er sie. »Meine Eltern warten. Wenn ich eben kann, bin ich heute abend bei euch.«
Sie sah ihm nach, wie er mit einer wichtigen Miene, die sie nie an ihm gekannt hatte, im Wagen davonrollte. Als sie weiter ging, traf sie auf Willibald Hüsgen.
»He, Hannes, weißt du schon? Der Kerl, der Steinherr, hat mal wieder Dusel entwickelt. Ach so« — unterbrach er sich mit einem hämischen Ton — »seitdem wir so feinen Umgang haben, wollen wir wohl Fräulein und Sie genannt werden. =O, excusez!= Soll prompt geschehen.«
»Wie steht es mit ~Ihrem~ Examen?« fragte Hannes freundlich.
»Gott, der Blödsinn! Wird gemacht. Das ist doch sonnenklar. Alles auf natürlichem Wege, ohne gegenseitige Aufregung. Der Streber, der Steinherr, nee, wie sich der Mensch hatte! Wie ’ne Petroleumlampe mit Explosionsgefahr. Ich hab’ Tag für Tag nicht einen Schoppen weniger getrunken. Weshalb auch? Als das Schriftliche vorüber war, hört’ ich den Direx zum Schulrat sagen: ›Er will nur Maler werden.‹ — So’n Esel! Als ob man im Vollbesitz der griechischen Grammatik auch nur ’nen ollen griechischen Gipskopp zeichnen könnte!«
Sie nickte, ohne weiter hinzuhören, ihm zu und wollte an ihm vorüber.
»Hören Sie mal, Hannes, was ich noch sagen wollte.« Er vertrat ihr den Weg. »Nun werden Sie doch wieder vernünftig werden, wie? Die Fisimatenten mit dem Bengel, dem Steinherr, die sind doch nun ex? Der wird jetzt irgend ein feines Korpsstudentchen und fragt den Deubel nach Ihnen. Bei uns aber, im Gaudeamus, da wird’s jetzt fidel, wenn ich erst von der Penne los bin. Lassen Sie mich nur in acht Tagen statt des Abiturientenkittels die Sammetjacke anhaben. Ich glaub’, ich könnt’ Sie gut brauchen.«
Sie sah ihn eine Sekunde lang starr an, drehte ihm schweigend den Rücken zu und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Mit offenem Munde staunte ihr Hüsgen nach.
»Na wart, du!« knurrte er und schaute sich um, ob keiner sein Fiasko bemerkt hätte, »dir werd’ ich deinen dämlichen Hochmut anstreichen. Hat sich was mit deinem Getue. Alberne Gans!«
Und er wippte, den Gang des Mädchens nachahmend, hinter ihr her und verschwand in der väterlichen Wirtschaft.
Hans Steinherr war, zu Hause angelangt, sofort in das Eßzimmer gestürmt. Herr Philipp Steinherr befand sich bereits daheim. Er sah darauf, daß pünktlich um halb eins zu Mittag gespeist wurde. Grämlich saß er bei Tisch und las in einer englischen Zeitung.
»Nun?« begrüßte er den Sohn. »Du bist ja ausnahmsweise von einer unheimlichen Pünktlichkeit. Bitte, Margot, klingle, damit sofort serviert wird. Die Fabrik wartet auf mich.«
»Bestanden, Papa! Ich habe das Examen bestanden!«
»Das ist doch wohl selbstverständlich. Zu dem Zweck geht man nämlich auf die Schule.«
»Aber glänzend bestanden, Papa, summa cum laude, und vom Mündlichen dispensiert!«
»Sieh mal an, unser junger Mann!« Die steinernen Züge Philipp Steinherrs hellten sich ein wenig auf. »So ist’s recht. Ahm deinem Vater nach. Immer aufs Ganze, und dem kleinen Gelichter den Daumen aufs Auge, so nur kommt man hoch. Man soll die Steinherrs noch einmal adeln — wenn wir wollen.«
»Mama,« begann Hans aufs neue, »ich weiß nicht, ob du zugehört hast, ich bin Student!«
Frau Margot winkte ihn herbei und reichte ihm die Hand.
»Das ist ja schrecklich,« versuchte sie zu scherzen. »Ein so großer Sohn, ein erwachsener Student, das kompromittiert mich ja geradezu. Nimmst du denn gar keine Rücksicht auf deine junge Mama?«
»Margot,« unterbrach Philipp Steinherr verstimmt, »ich hatte doch schon vor geraumer Zeit gebeten, daß serviert würde. Vielleicht hast du jetzt die Güte, das Zeichen zu geben.«
Das Mahl wurde, wie immer, einsilbig verzehrt. Herr Philipp Steinherr hatte die kleinbürgerliche Sitte, die in den Stunden der Mahlzeit nicht eine freundliche Erholung, sondern nur eine notwendige hastige Stoffzufuhr sieht, aus jenen Tagen beibehalten, da er selbst noch zu den kleinen Leuten zählte. Sie saß wie ein Flicken auf einem Gesellschaftsrock, und Frau Margot sah mit kühler Überlegenheit darüber hinweg.
Hans war es von Kind an nicht anders gewöhnt. Und doch hatte er im stillen gehofft, daß heute, an seinem Ehrentage, die Tischregel durchbrochen werden würde. Er hatte das Herz so übervoll, und er empfand eine leise Enttäuschung, daß keiner es gewahren wollte, daß man ihn nicht zum Schwatzen und Lachen animierte, daß alles blieb wie an Werkeltagen.
Beim Dessert übergab der Diener dem Hausherrn einen Brief. Philipp Steinherr las ihn, sah scharf zu seinem Sohn hinüber und steckte das Papier in die Tasche. Dann schälte er seine Orange weiter, aß die Frucht bis auf die Kerne und erhob sich.
»Mahlzeit,« sagte er zu seiner Frau, und sie neigte leicht den Kopf.
Als er schon in der Tür stand, wandte er sich noch einmal um.
»Du kannst nachher mal auf mein Zimmer kommen, Hans. Ich möchte einiges mit dir besprechen.«
Wenige Minuten später stand Hans im Arbeitszimmer seines Vaters.
Philipp Steinherr saß, das Fenster im Rücken, in einem Lehnstuhl. Sein Gesicht war beschattet, aber die Augen durchforschten scharf den vor ihm Stehenden. Eine Weile blieb es still zwischen Vater und Sohn. Dann sagte der Großfabrikant und deutete lässig auf einen Stuhl: »Du kannst dich setzen.«
Hans nahm Platz. Er wartete respektvoll, was der Vater ihm zu sagen haben würde.
Noch einmal musterten die scharfen Augen den Sohn. Aber die Stimme klang ruhig und geschäftsmäßig.
»Du wirst also zu Ostern zur Universität abgehen. Selbstverständlich wählst du das Studium der Jurisprudenz. Ein Großindustrieller muß heute so gut Jurist sein, wie der Leiter einer großen Bank.«
»Papa,« warf der junge Mann kleinlaut ein, »Jurist —?«
»Ja, Jurist. An etwas anderes hattest du doch wohl nicht gedacht?«
»Doch, Papa; ich will dir die Wahrheit gestehen. Die Juristerei hat nie etwas Anziehendes für mich gehabt.«
»Du sollst sie auch nicht zum Vergnügen erlernen, sondern für das Geschäft.«
»Ach, Papa, fürs Geschäft bist du doch da. Mich brauchst du doch wahrhaftig nicht.«
»Und wenn ich ~nicht~ mehr da bin? Daran hast du wohl gar nicht gedacht?«
»Nein, Papa, daran will ich auch nicht denken.«
»Das macht deiner Pietät Ehre, nicht aber deinem praktischen Verstand. Laß dir sagen, mein Junge, daß man bei der wirtschaftlichen Stellung, die wir im Staate einnehmen, nicht mit Gefühlen rechnet, sondern mit der stahlharten Erkenntnis der Pflichten. Umso besser wirst du alsdann die Pietät pflegen können, wie ich sie verstehe.«
»Welche Pflichten meinst du, Papa? Wenn ich mich bestrebe, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden —«
»Nützliches Mitglied der Gesellschaft! Was sind das wieder für jugendtörichte Phrasen. Die Gesellschaft soll ~uns~ ein nützliches Mitglied werden. Verstehst du den kleinen Unterschied? ~Wir~ sind in erster Linie die Erhalter und Ernährer des Staates, wir, die größte Steuerkraft des Landes. Wir sind die Ernährer und damit auch die Bändiger der Arbeitermassen, wir, die Großindustrie. ~Wir~ halten das Zünglein an der Wage. Und dafür gebührt es sich, daß man uns Äquivalente zahlt. Freiwillig geschieht das nicht. Das ist ein beständiges Markten und Feilschen, und es kommt darauf an, wer die hellsten und härtesten Köpfe hat, den Profit zu erzwingen.«
»Den Profit? Ich denke, du sprichst von Idealen?«
»Ideale? Im Volksleben? Im Wirtschaftskampf? Ach, du armer Schwarmgeist, es ist Zeit, daß deine Kathederweisheit unter den Schmiedehammer kommt. Ideale! Das ist auch so ein Ding, das noch niemand je mit Augen gesehen hat, so wenig wie den lieben Gott. Ein jeder macht sich ein Bild davon, aber just immer ein Bild, wie es ihm in seinen Kram paßt. In diesem Sinne lass’ ich die Ideale gelten. Als gesunde Selbstsucht nämlich. Das stellt zwar deine Begriffe von der Sache auf den Kopf.«
»Wie kannst du nur so sprechen, Papa!«