Die vom Niederrhein

Part 3

Chapter 33,631 wordsPublic domain

»Soeben überbrachte ich der schönen Hausfrau Botschaft von meinem Jungen. Zum Leutnant befördert, vor dem Feinde, und als Marschsoldat ausgerückt. Ja, mein Lieber, so weit hätten wir es mit kaum zwanzig Jahren nicht gebracht, das ist meine Erziehung! Von meinem Alten — Gott hab’ ihn selig — hatte ich, als ich zwanzig zählte, nichts, als mein Königreich im Bilker Feld und einen gehörigen Schuß von seinem Podagra im Blut.«

»Und wenn er zurückkommt? Was wird er beginnen?«

»Er wird sich dieser schönen Hausfrau zu Füßen legen, ganz wie bisher. Das ist ~auch~ meine Erziehung,« und er küßte galant die Hand der jungen Frau.

»Margot wird,« entgegnete Steinherr, »vorausgesetzt, daß sie ernstliches Interesse an dem hoffnungsvollen jungen Manne nimmt, die Tändeleien abstellen und für seine Zukunft bedacht sein. Wie ich weiß, bereitet sich Heinrich vor, die Kunstakademie zu besuchen.«

»Ach du leew Herrgöttche!« seufzte der Sorglose humoristisch, »der Jong wird Möler, un der Alte hät auch nix! Die Rechnung wird schon auf die Dauer stimmen.«

»Ich will dir einen Vorschlag machen,« sagte Steinherr nachdenklich.

»Lieber Freund,« fiel der andere lachend ein, »wenn du mir etwas pumpen willst — gnädige Frau verzeihen wohl diese gräßliche Wendung des Gespräches — so muß ich dich darauf aufmerksam machen, daß, solange mein Heinz und ich dieser schönen Frau um die Wette den Hof machen, wir uns nicht noch obendrein von dem Gatten besolden lassen können.«

Frau Margot lachte wie eine Turteltaube und reichte dem Schwerenöter die Hand zum Kuß. Sie empfand den lustigen Kavalierdienst des Alten fast so entzückend wie die heißen Huldigungen des Jungen, der ihr Gespiele gewesen war.

»Pardon,« sagte Steinherr kalt, »ich dachte, du könntest, wenn es sich um die Zukunft deines Sohnes handelt, auch einmal fünf Minuten ernst sein. Ich beabsichtige nicht im Traume, dir etwas zu schenken, aber ein für dich profitables Geschäft möchte ich dir vorschlagen. Wirklich, aus Freundschaft.«

»Aus Freundschaft? Ein Geschäft? Meines Jungen wegen? Hm, das läßt sich hören.«

»Wieviel, glaubst du, wird die Ausbildung deines Sohnes kosten?«

»Na, gut wär’ es, wenn man zweitausend Taler bar in der Hand hätte. Aber die paar Zinsen, die ich beziehe, lassen nicht daran denken.«

»Siehst du,« sagte Steinherr und zog seine Brieftasche heraus, »ich möchte dir, deinem Jungen und meiner Frau, ja auch mir, eine Freude machen und dich bitten, mir dein Königreich zu verkaufen. Ich habe Lust auf ein Stückchen Feld. Vielleicht, daß ich mir einen Gemüsegarten und eine Grasbleiche dort anlege, einige Obstbäume und eine hübsche Laube. Margot wünschte sich lange schon derartiges. Hier sind zweitausend Taler. Einverstanden?«

Der joviale Freund stutzte. Dann lachte er schallend hinaus.

»Philippus, du machst Witze? Da lebst du nicht mehr lange, alter Sohn! Einen Gemüsegarten von fünf Morgen, für euch zwei Leute, denn das Baby rechnet noch nicht mit. Und ich verstehe doch recht: Gemüsegarten? Auf einem Stück Land, auf dem der Herrgott nur nackte Schnecken und Regenwürmer wachsen läßt. O Philippus, du dauerst mich!«

Steinherr lachte mit. Dann, ernst werdend, meinte er ruhig: »Das Bedauern schenk’ ich dir gern. Jeder Mensch hat seine Marotte.«

»Wie? Du sprichst im Ernst? Du wolltest wirklich?«

»Hier liegen die zweitausend Taler. Wenn du einverstanden bist, kann die Regierung deines Königreichs morgen schon auf mich übergegangen sein.«

Der Freund hatte sich erhoben und ging im Zimmer auf und ab.

»Philippus,« sagte er dann und blieb vor Steinherr stehen, »du meinst es gut mit mir. Und ich — hm — ich werde dir jetzt wie ein ganz gemeiner, undankbarer und gieriger Rabe erscheinen. Aber, siehst du, wenn ich auch ein einigermaßen flottes Tuch bin: etwas bin ich doch auch meinem Jungen schuldig. Na, also kurz: Glaubst du nicht, daß das Land da draußen nach dem Krieg Grundstückswert bekommen wird, daß sich die Stadt ganz dort hinüber ausdehnen wird? Wenn erst die Milliarden ins Land kommen, wird selbst die ordinärste Plebs von der Bauwut befallen werden, geschweige denn die Mammonspächter und die Herren von der Industrie.«

»Ah — du mißtraust mir? Gut, gut.«

»Sagt’ ich es nicht? Nun bin ich der schäbige Rabe! Donnerlütsch, Minsch! Ich? Einem Freunde mißtrauen? Ich wende mich an Sie, schöne Hausfrau. Bin ich denn wirklich schon so tief gesunken?«

Da er nicht weiter wußte, nahm er seinen Marsch durch das Zimmer wieder auf. Ganz kleinlaut, weil ihn das Gefühl peinigte, nicht ritterlich verfahren zu sein, fügte er nur hinzu: »Ich meinte ja auch bloß, wegen der Kriegsentschädigung. Vielleicht hast du die Folgen davon noch gar nicht so ins Auge gefaßt. Ich Tagedieb habe ja genügend Zeit dazu, Luftschlösser zu bauen und in meinem Königreich nach Gold zu schürfen.«

Steinherr setzte die überlegene Miene des Geschäftsmannes auf.

»Ihr werdet euch mit euren Milliardenerwartungen gründlich in die Nesseln setzen. Der Beweis? Nun, was hat uns das Siegesjahr Sechsundsechzig gebracht? Das trägt ein Hund auf dem Schwanze fort. Dem Herrn von Bismarck schien es doch geratener, die gute Laune des Herrn Nachbarn für künftige Zeiten zu schonen. In Geldangelegenheiten sind alle Leute nun einmal am kitzlichsten. Frankreich gegenüber wird der Herr von Bismarck zum guten Schluß auch keine andere Politik einschlagen. Die deutsch gewesenen Provinzen zurück, sonst aber den französischen Geldbeutel nach Möglichkeit geschont. Er wirft jetzt nur mit Zahlen um sich, um nachher durch seine Großmut umso nachhaltiger zu versöhnen. Übrigens würde auch England eine solche Schröpfung Frankreichs nicht zulassen. Zum dritten und letzten aber: wer bürgt dir dafür, daß dieser Krieg so bald zu Ende geht und ~wie~ er zu Ende geht? Die Franzosen stempeln ihn zum Volkskrieg. Schau mal nach dem Norden, nach Amiens zum Beispiel, welche Heeresmassen dieser Monsieur Faidherbe da wieder aus dem Boden gestampft hat. Eure Milliarden haben einstweilen nur auf dem Monde Kurs. Hier unten könnt ihr damit verhungern.«

Er trommelte einen kurzen Marsch auf dem Tisch. Dann trat Stille ein.

Diese Stille wirkte auf den Hausfreund beklemmend. Er räusperte sich, schritt nach der schönen Hausfrau, die ihm zulächelte, nach dem Hausherrn, der mit einer geradezu beleidigenden Gelangweiltheit nach der Decke starrte und die Daumen umeinanderlaufen ließ, räusperte sich nochmals und trat dann entschieden vor.

»Philippus,« sagte er, »wir kennen uns jetzt ein halbes Dutzend Jahre. Ich hab’ dir, wie du behauptest, ein paar Gefälligkeiten erwiesen. Du mir auch. Als Geschäftsleute wären wir ja — nehmen wir mal so an — quitt; aber als Freunde — nee! Schön. So muß das ja auch sein. Und nun, wo du mir deine Freundschaft mal wieder da offenbaren willst, wo sie bei anderen Leuten aufhört, am Portemonnaiechen, da komme ich, ich netter Bruder, dir mit allerhand Eigennützigkeiten, die sich weiß Gott im Ohre eines Fremden beinahe wie Verdächtigungen ausnehmen müßten. Gib mir deine Hand, du wackerer Eisenblechmensch, und laß mich sie drücken. Nichts wie Vertrauen hab’ ich zu dir, Vertrauen und Dankbarkeit. ’raus mit dem kalten Mammon und der warmen Liebe! Dafür sei es zehnmal dein, mein Königreich. Nur noch die Zustimmung meines Jungen, und das Geschäft ist perfekt und die Thronfolge geregelt.«

Er schüttelte Steinherr die Hand, daß die Gelenke knackten.

»Heinrichs Zustimmung?« meinte der Geschäftsmann nachdenklich. »Hältst du denn die für nötig?«

»Du wirst mich vielleicht auslachen. Aber es war nun einmal mein Ehrgeiz — und du weißt, in diesem Artikel unterhalte ich nur ein bescheidenes Lager — daß der Junge zum wenigsten eine Scholle Heimatsboden sein eigen nennen sollte. Daß ich es konnte, das war ja auch für mich ein sogenanntes ›erhebendes Bewußtsein‹. Grundbesitzer! Na ja ... =Tempora mutantur=. Da bin ich nun zu Ende mit meinem Latein.«

Philipp Steinherr bemerkte die Weichheit des Freundes mit Besorgnis. Jetzt nur keine Sentimentalität aufkommen lassen, sondern Trumpf spielen!

»Ja,« machte er kopfschüttelnd, »wenn du das deinem Sohn schreibst, wird er in dem ganzen Handel natürlich nichts als ein Opfer sehen, das du ihm darbringen willst, sich an Großmut nicht übertreffen lassen wollen und dankend verzichten.«

»Entschuldige, aber für so’n Jammermann wirst du mich doch wohl nicht halten.«

»Hm — — was meinst du, wenn — wenn — meine Frau ihm schriebe? Sie malt ihm seine Zukunft, den Künstlerruhm, den er sich erringen kann, und — na, das wird sie schon selbst am besten wissen. Wie denkst du, Margot?«

»Herr Heinrich wird mir gewiß folgen,« sagte Frau Margot träumerisch. Was verstand sie von den Geschäften der Männer!

»Bis ans Ende der Welt, bis in die Hölle, nee, nee, bis in den Himmel, das Leckermaul!« begeisterte sich der lebensfrohe Causeur, heilfroh, daß er nicht mehr von Geschäften zu reden brauchte. »Und ich alter Krippensetzer werde das Fingerlecken haben. O Philippus, weshalb mußtest du dir eine so charmante Frau nehmen!«

Philipp Steinherr hatte eine Flasche Rheinwein beordert.

»Trinken wir auf eine glückliche Zukunft,« sagte er bedeutsam.

Doch der andere hatte, den gefüllten Römer in der Hand, vor der Frau des Hauses das Knie gebeugt.

»Majestät,« sprach er, »ich habe bisher nur Eurer Schönheit gehuldigt. Lasset mich heute als erster Euch huldigen als der Herrscherin meines Euch zu Füßen liegenden Königreichs. Ich bin Euer Gefangener. Lang lebe und blühe Königin Margot die Erste!«

Die alte, fröhliche Haut ahnte nicht, daß er wirklich eingefangen war.

Eine Woche später traf Antwort aus dem Lager vor Paris ein. Heinrich dankte der Jugendfreundin für das große Vertrauen, das sie in ihn setze und dessen er sich durch seine Kunst und durch seine Anhänglichkeit würdig zeigen werde.

Das Terrain am Bilker Bach ging in den Besitz Philipp Steinherrs über.

Es folgte der Fall von Paris und der Friedensschluß. Wie ein Sturmwind kam die neue Zeit ins Land, das Kapital wurde mobil, die Städte empfanden ihre Enge und reckten sich und dehnten sich aus, industrielle Unternehmungen schossen überall zu Dutzenden empor und suchten der Bauspekulation den besten Boden abzugewinnen, und die Grundstückswerte verdoppelten, verdreifachten, verzehnfachten sich.

In Philipp Steinherrs neuen, mächtigen Eisenwerken dampften die Schlote bei Tag und Nacht. Er war der erste auf dem Platze gewesen. Und als nach wenigen Jahren das einst so einsame Terrain durch lange Straßenzüge der Stadt angegliedert war, als sich die Spekulation durch die unsinnigen, überhetzten Ausgaben zu Grunde gerichtet hatte und das mangelnde oder festgelegte Kapital auch der Industrie den gewaltigen Rückschlag brachte: Philipp Steinherr spürte nichts von schwerer Zeit. Er wuchs und wuchs und war längst Millionär, bevor sein Sohn Hans die ersten Gymnasialklassen hinter sich hatte.

Von dem einstigen Freunde wußte der mit Ehrenämtern überladene Mann seit langem nichts mehr. Der Name klang im Steinherrschen Hause wie das Märchen von der Blechschmiede, die einem Gerüchte nach der Hausherr einstmals draußen im Feld bewirtschaftet haben sollte. An dem Tage — und der Tag war sehr schnell gekommen — an dem der einstige Besitzer des »Königreichs« erfahren hatte, daß er mit kalter Überlegung um hunderttausend Mark geprellt worden war, hatte er das Steinherrsche Haus zum letzten Male betreten. Er war gekommen, seinen Sohn abzuholen, der ahnungslos mit dem Fabrikanten plauderte und nicht dabei vergaß, Frau Margot anzuschwärmen.

»Heinrich,« hatte der alte Junker gelassen gesagt, »mach der Dame dein Kompliment, wie es sich für einen Kavalier gebührt. Und dann setz deinen Hut auf, bevor du an dem kleinen Spitzbuben da vorübergehst, — wie es sich für einen Kavalier gebührt!«

Der Vater war dem Sohne mit der Tat vorangegangen. Er hatte sich zeremoniell vor Frau Margot verbeugt, sich umgewandt, den Hut auf den Kopf gesetzt und war an Philipp Steinherr vorüber zur Türe hinausgeschritten, als sähe er in Luft. Und der Sohn, der bei aller leichten Sinnesart und den Zechgewohnheiten seines Erzeugers die unbedingte Ehrenhaftigkeit seines alten Herrn kannte, war ihm, ohne zu fragen, mit demselben Zeremoniell, auf den Hacken gefolgt.

Trotz des überlauten Lachens ihres Gatten über die »Komödiantenallüren« hatte Frau Margot doch des Gefühls sich nicht erwehren können, daß in diesem scheinbaren Komödiantentum eine erkleckliche Dosis überlegenen Rittersinns gelegen habe. Sie empfand die Demütigung umso stärker, als die beiden einstigen Freunde und Verehrer den Grund des Bruches mit keinem Wort in der Öffentlichkeit laut werden ließen und nicht im Traume daran dachten, die gesellschaftliche Stellung der Steinherrs zu gefährden. Von diesen armen Schluckern einfach übersehen zu werden, hatte sie beschämt, ihre Eitelkeit verletzt und ihren Zorn erregt. Diese Wunde wollte sich auch im Laufe der Zeit nicht schließen.

Hin und wieder hörte sie über die originelle Zigeunerwirtschaft der beiden reden, die hinfort wie Kameraden zusammen hausten, las in den Zeitungen von dem wachsenden Ruhm des Jungen, der in seiner Kunst mehr und mehr ein Eigener wurde, oder stand wohl auch in den Ausstellungen vor seinen Bildern, die bei aller Realistik einen bannenden Farbenrausch zur Schau trugen. Dann fühlte sie ein feines, feines Bohren in ihrem Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete. Und wenn sie darüber grübelte, tauchte aus verschollenen Jugendtagen das Bild eines Jünglings vor ihr auf, dessen heißes Knabentum sie einst geliebt hatte. Die verwöhnte Weltdame, die seit Jahren die Grenzen ihrer Jugend künstlich zu erweitern trachtete, fand in solchen Stunden keinen Spott über ihre Gefühle. Ein einziges Mal in ihrem so rein äußerlichen Leben hatte die Liebe sie gestreift. Die Liebe zu ihrem Pagen.

Sie hatte sie geopfert, aus Bequemlichkeit, aus Egoismus; in der Hoffnung auf Ersatz.

Die elegante Frau mit den müden Zügen, die in ihrem Rosengarten draußen im Villenviertel der Grafenbergerchaussee unter einem Zeltdach ruhte, strich mechanisch mit der Hand über die Augenlider.

»=Long, long ago= — —« murmelte sie. »Der Page ist jung geblieben und seine Königin wird alt. Wir hätten miteinander jung bleiben können ...«

Sie schloß die Augen und horchte auf das feine, feine Bohren in ihrem Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete — — —.

Bei der Mittagstafel hatte ihr Sohn von seinem neuen Freunde erzählt. Der Name von Springe hatte die Konversation der Ehegatten verstummen gemacht.

»Von Springe? — Ach, das war ja der tolle, alte Junker. Hm ...«

»Von Springe?« — — Das war ja einst die Jugend ...

Drittes Kapitel

Auf der breiten, baumbestandenen Allee, der Hauptpromenade Düsseldorfs, auf welche die Nachmittagsonne heiß herniederbrannte, wurde es plötzlich lebendig. Es hatte soeben vier Uhr geschlagen. Das graue, kastenartige Gymnasium entließ seine Schutzbefohlenen.

Sexta und Quinta stürmten zuerst hervor. Kleine Halbwilde, noch bar jeden wissenschaftlichen Ernstes, hatten sie bei dem ersten Luftzug, der sie traf, die tiefe Bedeutung der Deklination von =mensa= und der Konjugation von =amare= vergessen, erfüllten bereits Korridore und Schulhof mit ihrem Lärm, inszenierten schleunigst ein paar Raufereien, um den »Stärkeren« festzustellen, schlugen wild mit den am Riemen geschwungenen Tornistern um sich, sausten im Wettrennen über den aufstäubenden Reitweg, von den Schimpfworten der für die Lungen ihrer Pfleglinge besorgten Kindermädchen verfolgt, und trennten sich an den Straßenecken mit der würdevollen Grandezza ihrer vergötterten Lederstrumpfgestalten. Ein Knirps rief dem anderen das Stelldichein zu: »Mein großer Bruder Falkenauge wolle nicht vergessen, daß der springende Panther ihn erwartet. Die Hunde von Sioux sind auf dem Kriegspfad wider uns. Hör, Schrüwken, dene müsse mer ens ordentlich dat Fell verjücke.«

Quarta und Tertia folgten. Hier hatte schon das Leben mit seinen Forderungen eingesetzt. Man tauschte Briefmarken, alte Münzen, Quarze; man handelte um all die tausend Dinge, die die unergründliche Hosentasche eines Lateinschülers nur zu fassen vermag. Einige ganz Betriebsame hielten sich abseits und besprachen den Plan einer Lotterie, in der ein lebendiges Eichhörnchen ausgelost werden sollte. Dieses Eichhörnchen demnächst zu fangen, war der Hauptpunkt der heimlichen Konferenz. Einer schlug eine aufregende Jagd im Ellerbusch vor. Ein Phlegmatiker wies darauf hin, daß an der Mühle in Wersten, ganz nahe der Stadt, ein Eichhörnchen frei in einem Kasten hinge und ein kleines Rad triebe. Es wäre doch viel bequemer und auch sicherer, wenn man — »Schuft!« hieß es empört. Aber man ging doch zunächst nach Wersten.

Nun nahte Sekunda. Eine Gattung für sich. Mannbar gewordene Leute, ihren Empfindungen nach; dicht davor, bei Erlangung des Zeugnisses zum einjährigfreiwilligen Dienst ihre Bildung ein für allemal als abgeschlossen zu betrachten oder doch, sofern sie die Prima zu absolvieren gedachten, in dem erhebenden Gefühl, daß die Büffelei fürs Abiturientenexamen bei der immensen Länge der Zeit besser erst im nächsten Jahre vorzunehmen sei. Selbstverständlich sprach man nur vom »Weib«. Etwas Selbstverständlicheres gab es nicht, höchstens — die Verachtung für die, die nicht mitzusprechen vermochten. Man sprach über »meine, deine, seine Poussage« in der geläufigen Art, in der sich Besitzer von Serails unterhalten mögen. Nahte ein weibliches Wesen — und zählte es auch nicht mehr als zehn treubewachte Lenze —, so kniff man die Augen ein und zupfte nervös an der Haut über der Oberlippe. Dienstmädchen und das, was nicht die Töchterschule besuchte, galt als Freiwild. Hier waren Augenrollen und laute Bemerkungen am Platz. »Donnerwetter, gut gewachsen.« — »Unsinn, zu kurze Taille.«

Den Beschluß machte Prima. Jünglinge von Erziehung, das reinste Produkt der neunmaligen Filtration einer neunklassigen Schule. Zwei Welten vereinigten sich in ihnen: die gegenwärtige, mit ihren jugendfrohen, schwärmerischen Idealen für die Freuden des jungen Lebens, die Schönheiten der Kunst und die Erhabenheiten der Dichtung, und die künftige, mit ihrem Hinweis auf den Beruf und die Stufenleiter der Erstrebungen. Diese Verschmelzung prägte sich deutlich in den Augen, den Bewegungen, der Haltung aus. Sonnenschein und Frühreife. Der künftige Student, der künftige Offizier, der künftige Kunstjünger wurde bereits markiert, unbewußt fast, aber dennoch untrüglich. Aufmerksame Beobachter vermochten selbst den gelinden Übergang zu den Feinheiten der Klassifizierungen zu erkennen, wie sie zwischen Korpsstudenten und Burschenschaftern, zwischen den Herren der Infanterie und der Kavallerie bestehen. Trotz ihrer Gemessenheit hatten sie im Rassigen die meiste Ähnlichkeit mit Sexta. Die Treffpunkte des Kreises offenbarten sich. Der Sturm war auch in ihnen lebendig, wie bei jenen Knirpsen, nur gezügelt durch die Erziehung; er war aufs neue lebendig geworden im Wonneschauer der Erwartung, an der Schwelle der zweiten Jugendhälfte. Ihre Disputationen waren von einer inneren Leidenschaftlichkeit erfüllt. Ihre Ansichten, ihre Aussprüche über antike Kunst und modernes Theater, über die soziale und pekuniäre Stellung eines Amtsrichters zu der eines Hauptmanns, über die Berechtigung eines philosophischen Systems, die Billigkeit einer Kneipe und die Tugend der Frauen waren kategorisch.

Als einer der letzten verließ Hans Steinherr das Schulgebäude. Er ging allein, trug die Bücher unter den Arm geklemmt und schlenderte langsam die Allee entlang. Den weißen Strohhut in den Nacken gerückt, die Hände in den Taschen seines hellen Sommeranzuges, summte er vor sich hin und horchte, ob es ein Liedvers wurde.

Ein paar Klassenkameraden schauten sich nach ihm um. Dann gingen sie weiter. Der junge Steinherr war den meisten von ihnen zu apart, er legte ihnen durch sein zurückhaltendes Wesen zu großen Zwang in der Unterhaltung auf.

Als Hans dicht hinter ihnen in die Elberfelder Straße einbog, schwenkte einer der Primaner die Mütze und rief einem jungen Mädchen, das in diesem Augenblicke ihren Weg kreuzte, ein paar Worte zu. Hans blickte auf. Dann spannten sich seine Züge, er fühlte, daß er flammend rot wurde und daß sein Atem plötzlich ganz kurz geworden war. Instinktiv machte er eine Bewegung nach dem Hute, aber sein Arm blieb in der Luft hängen. Dabei starrte er auf das junge, schlanke Geschöpf in dem fadendünnen Sommerkleidchen, mit dem altmodischen Schäferhut auf den schwer herabhängenden Flechten, bis sie vorbei war. Sie hatte die Augen gesenkt gehalten, als sie an ihm vorüberschritt, aber eine leise Röte, die sich von den flaumweichen Wangen bis in den kleinen Halsausschnitt stahl, zeigte an, daß auch sie ihn bemerkt und erkannt hatte.

Sein Abenteuer von der Golzheimer Insel ...

Sie war verschwunden, und er atmete tief auf; und nochmals und wieder. Mitten auf dem Trottoir blieb er stehen, ließ sich von den Passanten stoßen und lächelte in die Luft hinein. Alles um ihn und in ihm streichelte und schmeichelte. Sein Wesen verspürte tausend kosende Berührungen und drängte unerklärlich, sie zu erwidern. Ein Unnennbares, eine grenzenlose Verwunderung lag über ihm ausgebreitet.

Dann kam es ihm zum Bewußtsein, wie linkisch, wie überaus hölzern er sich soeben dem Kinde gegenüber benommen hatte. Und nun färbte die Scham seine Wangen so rot, wie vorhin die Überraschung. Er hätte sich prügeln mögen dafür, daß er nicht wenigstens den Hut heruntergerissen, gleichviel, ob sie seinen Gruß bemerken wollte oder nicht. Was war er doch für ein steifleinener Bursche! Ob sich das Ding insgeheim nicht über ihn lustig machen würde?

Der Zorn rüttelte ihn gänzlich wach. Mit langen Schritten eilte er hinter seinen Klassenkameraden her und gesellte sich zu ihnen.

»Heiß heute, was?« und er nahm seinen Hut ab und wischte sich die Stirn, um seine Verlegenheit zu bemänteln.

»Nanu,« erwiderte der Angeredete erstaunt und ironisch, »ich dächte, deine so wohl temperierte Natur wäre über so was erhaben.«

Hans ging über den Spott hinweg.

»Doll heiß!« fuhr er fort. »Wie wär’s, Hüsgen, wenn wir nachher irgendwo eine Kneiperei veranstalteten?«

»Was gefällig? Kneiperei? Steinherr und Kneiperei? Ich hab’ mich wohl verhört?«

»Du hast ganz recht gehört. Natürlich, wenn du vor einem Anker Bier kneifst — —«

»Nu schlag einer lang hin! Steinherr, wahrhaftig, ich glaub’s jetzt selber, daß dir heiß ist. Seit wann gestatten dir denn deine vornehmen Grundsätze solche Extravaganzen? O Steinherr, du steigst bergab, du mischest dich unter das Volk. Laß das gemeine Vergnügen uns gewöhnlicheren Sterblichen.«

Der stämmige Bengel schüttelte wie in tiefem Schmerz das von einer Künstlermähne umwallte Haupt. Es amüsierte ihn königlich, den Kameraden, der sich von allen Streichen mehr als nötig und üblich zurückhielt, derb zu hänseln.

»Hör mal, Hüsgen,« antwortete Steinherr ruhig, »du tust dich etwas groß. Ich hab’ zwar nicht das Zeug zu einem Kneipgenie, aber Leute wie dich trink’ ich, wenn ich will, dreimal unter den Tisch.«

»Ach nee, wenn du willst? Wirklich? Schön, du sollst wollen. Daran kommst du jetzt nicht mehr vorbei.«

»Gut. Heute abend.«

»Heute abend kann ich nicht. Aber morgen.«

»Du willst dich wohl präparieren? Oder hast du ein Rendezvous? Du grüßtest da vorhin so ’n kleines Mädel.«

Hans Steinherr hielt inne. Diese tastende Diplomatie war ihm bisher fremd gewesen, und er ärgerte sich über sein Vorgehen. Aber er scheute sich, von dem großtuerischen Kameraden, der zu Ostern die Kunstakademie beziehen wollte, seiner zaghaften Neugier wegen verspottet zu werden. So wartete er denn mit Spannung auf die Antwort.

»Ein kleines Mädel? Gott, ich kenn’ so viele. Wo denn?«

»An der Ecke der Elberfelder Straße.«

»Ach so — —. Du meinst den Hannes?«

»Den Hannes? Ich sag’ dir doch, ich mein’ ein Mädel!«

»Behaupte ich denn, daß es ein Junge ist? Hör doch zu, Mensch!«

»Also Hannes heißt sie ...?«

»Hannes.«

Hans Steinherr gab sich einen Ruck. Er mußte mehr erfahren.