Die vom Niederrhein

Part 2

Chapter 23,518 wordsPublic domain

Mit gefalteten Händen stand er, den Hut unterm Arm, feierlich, unbeweglich, staunend, als hätte er nie zuvor das Himmelsschauspiel genossen. Tönten nicht auch Harmonien um ihn her? Er horchte gespannt und erschauerte. Was war das? Hatten sich seine Sinne verfeinert? Konnte er die Sonne singen hören und die Farben gleichsam als Duft empfinden? Seit wann, seit wann — —? Darüber grübelte er nach und hörte sein Herz schwere Schläge tun.

Der Sonnenball war gesunken und entschwunden. Aber die Luft war noch vollgesogen von dem Licht, das erst mählich zerfloß. Dann blinzelten ein paar Sterne, und das Wasser warf ihr Bild zurück. Es sah aus, als ob auf dem Rhein Irrlichter schwämmen, kein Hauch weit und breit.

Behutsam, als ob er den Gottesfrieden nicht stören dürfe, glitt Hans Steinherr auf einen Weidenbaum zu, der in phantastischer Gestaltung aus dem Ufersande ragte. Hier stand er, den Arm um den Stamm geschlungen und lauschte. Er belauschte die neue Welt, die sich vor ihm aufgetan und die ihn doch vor kurzem noch die alte dünkte. Und er belauschte den neuen Menschen, der sich da heimlich in ihm regte und dehnte und alles mit seinem Wesen zu erfüllen trachtete.

In der Ferne sah er ein Licht auftauchen. Es kam stromab und wuchs schnell heran. Jetzt unterschied er die Laterne eines Dampfers, der verspätet zum Hafen eilte. Morgen, in junger Sonne, würde er seine Fahrt zu Tal wieder aufnehmen, dem Meere zu. Mit können — mit können! Und mit den Atemzügen des Rheins, mit den leisen, schmalen Wellen, die das Ufer küßten und entflohen und wiederkamen und wiederkamen, ohne sich greifen zu lassen, durchzitterte ihn die Sehnsucht nach dem Leben.

Er war ganz wach, so wach, daß er sogar den Rhythmus des Rheins mit dem Rhythmus seines Herzens verglich. Das däuchte ihn so wunderlich, daß er am liebsten laut über sich selbst gelacht hätte. Aber er traute sich nicht. Er hatte auch gar keine Zeit dazu, denn er mußte ja die Rhythmen in Worte kleiden. Er mußte, mußte! Es war ein Zwang und eine Befreiung. Süß, herb; trotzig, weich. Dann sprach er eine Weile atemlos vor sich hin, und plötzlich sprang er auf.

Beschämt; selig. Heiß bis unter die Haarwurzeln.

Er, Hans Steinherr, der Primaner, der Ostern ins Examen steigen würde, hatte ein Gedicht vollbracht, sein erstes, allererstes — —! Es handelte vom Rhein, dem alten, dem geliebten Rhein. Und — überdies noch von — — Liebe — Liebe? Was war denn das für ein Begriff? Wie? He? Antwort!

»Ach was, ich weiß nicht,« lachte Hans laut hinaus, und einem neuen jähen Übermutsdrange folgend, rannte er wie ein Füllen durch die im Mondschein glänzende Wiese und rastete nicht, bis er den ersten Tanzsaal Oberkassels an der Schiffsbrücke erreicht hatte, aus dem Juchzen und Stampfen in die Nacht hinaus scholl.

»Wenn die Mama ihren wohlerzogenen Sohn so sehen würde,« dachte er. »Sie würde es nicht glauben.«

»Und ich glaub’s fast selber nicht,« fügte er laut hinzu. »Herr Gott, ich war doch den ganzen Nachmittag in Gesellschaft von Offizieren. Bis — nun — bis — Ach, was geht mich die kleine Kröte an? Frech war sie und — Donnerwetter, wie lieb so ’n Ding ist, wie — wie — — Hans, du hast einen Schwips!«

Nun wollte er sich vor Lachen ausschütten. Er war wie ausgewechselt. Dann hörte er aufmerksam der Tanzmusik zu, die aus den geöffneten Fenstern des Wirtshauses drang; ganz ernsthaft, als horchte er auf eine Offenbarung. Er unterschied deutlich die Uniformen der Husaren, der Ulanen, der Infanteristen, sah die gebräunten Gesichter der wackeren rheinischen Jungens, die, stolz auf ihr »zweierlei Tuch«, den Ballsaal beherrschten und den Kopf so dicht über die brennendroten Wangen ihrer Tänzerinnen gereckt hielten, daß diese nicht wußten wohin damit, um den vielen genierlichen Tanzküßchen zu entgehen. Mitten im Saale entstand eine Stockung. Ein Zivilist hatte die Kühnheit gehabt, von der Schönen eines kleinen, windigen Neununddreißigers eine Extratour zu begehren. Der Soldat lehnte verächtlich ab. Ein Wortwechsel folgte, in dem der Soldat »Rheinkadett« und der Zivilist »Sandhase« schimpfte; eine kurze, aber umso schnellere Prügelei — und alles tanzte mit verdoppelter Hingebung weiter. Die Leute hatten nicht viel Zeit, sie mußten pünktlich, zur Sekunde, in den Kasernen sein.

Hans Steinherr lauschte mit glänzenden Augen. Was war das für ein Tag! Und heute mittag erst hatte er ein Loblied auf das niederrheinische Land angestimmt und sich einen Heimatsmenschen genannt. Kannte er denn diese Heimat? Mit Ausnahme der Szenerie? War das nicht vielleicht, rein äußerlich, der ererbte Stolz auf die Vaterstadt, auf sein Düsseldorf gewesen?

Und plötzlich packte ihn der Wunsch nach lauter, lustiger Kumpanei.

Es fiel ihm ein, daß er sich als Schüler des Gymnasiums des Wirtshausbesuches zu enthalten habe. Bisher hatte er das nicht als Entbehrung empfunden. Zu Hause herrschte genug geselliges Treiben, und die Mama liebte keine Extravaganzen an ihrem Sohne. In diesem Augenblicke kam ihm das gesellschaftliche Leben daheim wie bestellte Schablonenarbeit vor. Er hätte die Komplimente und Gesprächsthemen am Schnürchen hersagen können. Alles sehr hübsch, sehr witzig sogar. Aber das wahrhaft Rassige, das durch alle sieben Himmel Jauchzende, das Ursprüngliche fehlte. Der Inhalt und Ausdruck der Jugend. — Hans verspürte zum ersten Male seine neunzehn Jahre.

»Verwünschtes Pennal,« murrte er. »Na warte, noch ein Semester, und ich habe dich für ewig im Rücken.«

Wohin also nun?

Ihm fiel der »Malkasten« ein. Sein Vater gehörte der Künstlergesellschaft als passives Mitglied an. Bei Tisch hatte er davon gesprochen, heute abend, wenn das Wetter sich klären würde, im Garten des Malkastens, dem alten, schönen Jacobischen Park, in dem auch Goethe einst gelustwandelt, mit einigen Herren eine Bowle zu trinken.

Also zum »Malkasten«, so schnell ihn die Füße trugen.

Der Brückenwärter auf der Düsseldorfer Seite, an dem er vorüberrannte, schien ihn wiederzuerkennen. »Hä ’s ömmer noch jeck,« knurrte er und machte ironisch einen Sprung beiseite. —

Außer Atem langte Hans vor dem Malkasten an. Hastig öffnete er das Gittertor und prallte heftig gegen einen Herrn, der es ebenso eilig zu haben schien, hinauszukommen, wie der andere hinein.

»Hoppla, Verehrtester!« rief der Herr lachend und faßte ihn mit beiden Händen um die Taille. »Um ein Haar, und Sie hätten sich ins Unglück gestürzt. Sagen Sie mal, Sie wollen doch nicht ernsthaft da hinein? Zu den Neunmalweisen in der phrygischen Mütze mit der Troddel dran? Junger, junger Mann!«

»Das beabsichtige ich freilich,« versetzte Hans Steinherr kurz.

Der andere aber ließ sich durch den Ton des Gekränktseins nicht abschrecken. Er führte den Jüngling unter die nächste Laterne und sah ihm mit gemachtem Ernst eindringlich in die Augen. Dabei parodierte er die Schülerszene des Faust: »Ihr seid allhier erst kurze Zeit und kommet voll Ergebenheit. — Denn ich sah Sie noch nie vordem, Verehrtester. — Ihr kommt mit allem guten Mut, leidlichem Geld und frischem Blut. Möchtet gern was Rechts hier außen lernen. — Sehen Sie, wenn ich der Mephistopheles wäre, für den sie mich da drinnen verschreien, so müßte ich jetzt mit Salbung sagen: Da seid Ihr eben recht am Ort. Aber das wäre verdammt gelogen. Weisheit ist nicht verdaulicher, wenn sie altbacken genossen wird. Und nun entscheiden Sie sich. Wollen Sie hinein zu den Perücken, die Simson, als er die Philister erschlug, übersah, weil er sie für Haubenstöcke hielt, oder wollen Sie mit mir, in irgend eine Vagabundenschenke, aber unter Geschöpfe Gottes, die lebendiges Fleisch auf dem Gebein haben.«

»Vorwärts,« bestimmte Hans und schob resolut den Arm in den des Unbekannten. Nach den vielen Wundern des Tages hatte er das Verwundern verlernt. Zudem: der Mann imponierte ihm.

Der aber streifte den schnell Vertraulichen von oben herab mit einem kurzen, prüfenden Blick und schritt, ohne von seinem Begleiter vorderhand weiter Notiz zu nehmen, eine italienische Opernarie summend, durch die Straßen, die zur Altstadt führten.

Hans Steinherr hatte unterwegs Gelegenheit genug, den ihm so plötzlich bescherten Wandergefährten mit Muße zu betrachten. Es war eine schlanke, sehnige Figur, nach neuester Mode gekleidet. Aber die Eleganz wurde mit solcher Selbstverständlichkeit getragen, daß sie nicht weiter auffiel. Der Kopf war der eines vornehmen Mannes; scharf geschnitten, mit vorspringender Hakennase, unter die sich ein weicher, blonder Schnurrbart schmiegte; mit blauen, echten Germanenaugen, deren Blick Kühnheit und Intelligenz, und einem Munde, dessen weiche und doch charakteristische Linie Lebenslust und Spottsucht verriet. Das Alter war unbestimmbar. Vielleicht, daß die Schätzung von vierzig Jahren die richtige war, doch sah der Fremde jünger aus. Hans war es übrigens, als müßte er die auffallend vornehme Erscheinung schon des öfteren in Düsseldorf gesehen haben.

Vor ihnen lag die Ratingerstraße, winklig und unregelmäßig, mit ihren engbrüstigen Gebäuden, vorspringenden Erkern und altmodischen Giebeldächern im Mondlicht einem Bilde gleich, das aus der Versunkenheit längst entschwundener Zeiten emporgestiegen schien. Ihre Schritte hallten auf dem holprigen Pflaster und weckten das Echo an der Häuserzeile entlang.

»Was meinen Sie, Verehrtester, dieser Ausschank macht einen höchst vertrauenswürdigen Eindruck.«

Hans fand zwar im stillen, daß das gepriesene Haus eher einer Räuberherberge ähnlich sähe, aber er nickte energisch und trat hinter seinem Begleiter ein.

In dem Tabaksqualm, der, in dichten Streifen übereinander lagernd, die Stube füllte, hielt es schwer, die Umgebung festzustellen. Erst, als sie hinter einem weiß gescheuerten Tisch auf handfesten Holzstühlen saßen, gelang es Hans allmählich, sich zu orientieren. Das Zimmer war mäßig groß, die Decke aus schweren Balken gebildet, die Alter und Rauch tiefbraun gebeizt hatten, die Wände zeigten kaum eine Handbreit der ehemaligen weißen Tünche, mit Kohle, Rötel und Farbe hatten sich Generationen werdender Maler hier =al fresco= verewigt. Neben dem Eingang prangte das primitive, peinlich sauber gehaltene Büfett, hinter dem das Wirtspaar thronte, der »Baas« in gestrickter Weste und schneeweißen Hemdärmeln, die »jung’ Frau«, eine behäbige Matrone, mit weißer Latzschürze über dem mächtigen Busen. Ein Küferjunge mit vorgeschnalltem Lederstück bediente. Von der Decke hingen große Petroleumlampen nieder, um die sich der Tabakrauch wie der Hof um die Mondscheibe sammelte. Sie leuchteten nieder auf Gerechte und Ungerechte, auf gestikulierende Arbeitsleute im Sonntagstaat und auf gesetzte Bürger; und unter diese mischten sich Prachtexemplare von Düsseldorfer Künstlern, trunkfeste Männer, die mit lautem, nimmermüdem Humor die ganze Wirtschaft dirigierten. Man neckte sich und log sich gegenseitig die unglaublichsten Geschichten vor, mit glänzenden Schalksaugen den Reinfall des Gegners erwartend, und irgend einer bestellte immer wieder eine Runde des köstlich bitterlichen, einheimischen Bieres. Der gehobenen Künstleratmosphäre entsprechend, trugen die beliebtesten Speisen — die Speisekarte wies die stattliche Auswahl von vier Nummern auf — besonders vollklingende Namen. Hans Steinherr wunderte sich, wie häufig am Büfett »ein halber Hahn« beordert wurde, bis er dahinter kam, daß dies hochtönende Gericht aus einem halben Roggenbrötchen mit Holländer Käse bestand.

Hansens Begleiter schien hier eine wohlbekannte und von allen respektierte Erscheinung zu sein. Die älteren Maler begrüßten ihn mit kräftigem Händedruck und ebenso kräftigem Scherzwort. Einige der jüngeren, die sonst der Ansicht huldigten, das echte Künstlertum müsse unbedingt durch rauhbeinige Manieren bewiesen werden, verstiegen sich sogar zu einer Bewegung, die eine Verbeugung ausdrücken sollte.

Hans traute seinen Augen nicht. Der Kellnerjunge brachte eine Flasche Sekt, und keiner der mundfertigen demokratischen Geister ringsum schien gegen diese Reglementswidrigkeit auch nur das geringste einzuwenden zu haben. Der Gastgeber schenkte die beiden Gläser voll und stieß mit dem jungen Manne an.

»Entschuldigen Sie,« stotterte Hans, »ich habe mich noch nicht vorgestellt — —«

»Sind Sie ein anständiger Kerl? Na also! Ich bin’s auch, schmeichle ich mir. Prosit!«

Aber Hans fand es dennoch passender, seinen Namen zu nennen.

»So, so — —. Steinherr. Hm. Übrigens, wenn Ihnen so viel an der Etiketteaufschrift gelegen ist: von Springe. Sagen Sie mal, junger Freund, Sie sind ein Sohn der hochedlen Firma Steinherr, Grafenbergerchaussee? Und wollen Maler werden?«

»Ich habe noch nicht daran gedacht,« antwortete Hans bescheiden. »Vorläufig werde ich zu Ostern ins Abiturientenexamen steigen.«

Herr von Springe fuhr erstaunt mit dem Stuhl gegen die Wand.

»Wie? Was? Hör’ ich recht? Ein Pennäler? Sie schlagen sich noch mit Fibel und Schiefertafel herum? Und ich Volksverführer hielt Sie für einen wackeren Lehrling des heiligen Lukas und schleppe Ihre zarte Jugend in diesen Rauchfang? Ah, ich werde Ihrer Frau Mama morgen eine Entschuldigungsvisite machen, damit es keine strammen Hosen setzt. Bitte tausendmal um Verzeihung.«

Purpurne Röte stieg in dem feinen Gesicht des jungen Mannes auf. Dann, sich gewaltsam beherrschend, sagte er so ruhig, wie es ihm nur möglich wurde: »Sie schmeichelten sich vorhin, auch ohne Namensetikettierung als anständiger Mensch zu erscheinen. Nach diesem Überfall muß ich freilich annehmen, daß der Schein trügt. Guten Abend.«

Aber der Effekt seiner Rede entsprach nicht seinen Erwartungen. Herr von Springe lachte, daß die Gäste von ihren Stühlen auffuhren.

»Bravo, bravo, gut gebrüllt, Löwe! So lieb’ ich meine Pappenheimer! Das Kerlchen hat, weiß Gott, Rasse. Hier geblieben, mein Junge, kein schiefes Maul mehr gezogen, du hast vollkommen recht, ich bin ein Verbrecher und gebe dir hiermit feierlichst eine Ehrenerklärung.«

Er hielt ihm das Glas hin, und, halb widerstrebend, halb unwiderstehlich angezogen von dem bannenden Wesen des lachenden Mannes vor ihm, stieß der junge Heißsporn an.

Bevor eine Stunde vergangen war, hatte Hans Steinherr dem Fremden mit den sieghaften Augen alle die rätselvollen Eindrücke des Tages anvertraut, die sein junges Leben erregt hatten wie nie zuvor. Auch das Gedichtchen stammelte er, und von Springe lachte nicht. Er ließ nur seine Augen über ihn hinblitzen, und die Freude an der Unberührtheit dieser jungen Seele, die unbewußt zu Taten drängte, stand ihm auf der Stirn.

»Du bist ein Dichter, mein Sohn.«

»Ich möchte ein Künstler werden, Herr von Springe. Sie — Sie müssen ein großer Künstler sein.«

»Herzlichen Dank für die gute Meinung.«

»Spotten Sie nicht über mich. Aber wer als Mensch so über den Situationen steht —«

»Kindskopf, was weißt du davon!«

Er blickte schweigend in sein Sektglas.

»Die Hauptsache ist, für den Künstler und den Menschen, den Humor an der Sache nicht verlieren.«

»Darf ich Sie besuchen?« schmeichelte Hans.

»Du darfst. Aber jetzt zu Bett, Kleiner, deine Schlafenszeit muß längst da sein.«

Und sie gingen.

* * * * *

So endete der ereignisvollste Tag in Hans Steinherrs bisherigem Leben.

Zweites Kapitel

Der alte Philipp Steinherr, Fabrikbesitzer und Stadtverordneter, hatte klein angefangen. Grauköpfige Düsseldorfer Bürger erinnerten sich sehr wohl noch der kleinen Blechschmiede auf freiem Felde beim Dorfe Bilk, in der er als junger Mann selbst das Handwerk ausgeübt. Mit nie rastendem Ehrgeiz hatte er seinen Hammer geführt. Seine Bildung hatte er mit zähem Eifer in abendlichen Fortbildungsschulen und durch unablässiges Selbststudium vervollkommnet. Kein Gebiet der über Nacht emporblühenden Technik durfte ihm verschlossen bleiben, sein Spürsinn witterte das goldene Zeitalter, das die Technik zur Wissenschaft und diese Wissenschaft zur Macht stempeln würde, er sah bereits die neue Morgenröte und richtete sich auf ihren Empfang ein, als alles um ihn her noch im Gleise der alten, guten Zeit fortschlenderte, mit echt rheinischem Leichtsinn die Tage hinnahm, wie sie kamen, und — als Hauptsache dieses Erdendaseins — die Feste feierte, wie sie fielen. Philipp Steinherr hatte wenig Feste gefeiert. Seine Gedanken waren zeitlebens auf den Erwerb gerichtet gewesen, auf den Erwerb mit allen Mitteln, die er für seinen Zweck tauglich befand. Der aber war eben der Erwerb, der Konkurrenzkampf, der Aufstieg aus den Niederungen des Lebens zu den Höhen der Besitzenden. Das Wort des Marschalls von Danzig, der auf die hochmütige Frage eines Junkers, ob er sich in der Zahl der Ahnen mit ihm messen könne, schlagend erwiderte: »Nein, aber ich ~bin~ ein Ahne,« hatte ihn nicht mehr losgelassen, als er es bei der Lektüre eines Buches gefunden. Der Ahnherr seines Geschlechtes wollte er werden, der bei der Arbeit grübelnde Blechschmied, obwohl er damals noch den Gedanken an Hochzeit machen mit einem geringschätzenden Lächeln abtat. Eins aber wußte er: ein neues Wappenschild richtet man am leichtesten auf heruntergerissenen alten auf, im Kampf der Schlachten wie im Kampf der Industrie. Nur keine Sentimentalitäten beim Geschäft! Man konnte über Leichen schreiten und dennoch ein achtbarer Mann bleiben.

Das hatte Philipp Steinherr in seinem ganzen Leben bewiesen. Als junger dreißigjähriger Meister erfand er ein billigeres Fabrikationssystem. Er unterbot die Marktpreise so lange, bis er die kleinen Betriebe in der Runde zum Auffliegen gebracht oder von sich abhängig gemacht hatte. Er sog die Kräfte seiner Leute bis zum letzten Blutstropfen aus, entledigte sich ohne Bedenken der verbrauchten, ohne sich über das weitere Schicksal der abgerackerten Alten auch nur einen Gedanken zu machen, und arbeitete, um jeden bösen Leumund zu verstopfen und gleichzeitig seine Leute zur Hergabe der letzten Muskelkraft anzuspornen, mitten unter ihnen mit nie versagender Rüstigkeit. Wenn er an Sonn- und Feiertagen die Messe gehört, gebeichtet und kommuniziert hatte, verschloß er sich tagsüber in seinem kleinen Laboratorium, um Versuche über Versuche anzustellen, und saß Abends über seinen Büchern oder trieb Sprachstudien.

Die Kriegsjahre 1864 und 1866 trugen ihm große Lieferungsaufträge ein. Er hatte durch Zufall die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn gemacht, der sich zuweilen hier draußen auf den Feldern erging. Wenigstens erschien ihm dazumal der Herr sehr vornehm. Er besaß die kordialen Allüren des etwas heruntergekommenen Edelmannes, die für die unteren Stände stets etwas Bestechendes haben. Dem Meister erzählte er, daß er inspizieren gehe, ob man ihm in der Nacht sein Königreich nicht fortgetragen hätte. Einst habe das ganze Wiesen- und Ackerland, so weit das Auge reiche, seinen Vorfahren gehört, aber der Letzte dieser Biedermänner, sein Herr Vater, habe so gründlich damit aufgeräumt, daß ihm zu tun fast nichts mehr übrigbliebe. Dieser kleine Fetzen Land, einen Steinwurf groß und völlig unkultivierbar, sei der Rest eines einst fürstlichen Vermögens. Vorläufig aber immer noch viel zu geräumig, um sich jetzt schon darin begraben zu lassen.

Dieser lustige Junker, stets in Geldverlegenheit und nie in Sorge um den kommenden Tag, wurde der Mittelsmann zwischen Philipp Steinherr und den Militärbehörden. Die Konnexionen aus den Zeiten der Väter hatten noch vorgehalten, dem Sprossen der alten, niederrheinischen Familie ein paar kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Als die Schlacht von Königgrätz geschlagen war, hatte Philipp Steinherr den Grundstock zu seinem Vermögen gelegt. Nun konnte er daran denken, eine vorteilhafte Ehe zu schließen. Ihm, dem Fabrikanten, standen die Häuser offen. Er heiratete eine blutjunge Dame, die ihm zwar keine Barmittel, dafür aber einen hochgeachteten Düsseldorfer Namen als Mitgift einbrachte. Er hatte ganz richtig gerechnet. Diese Verbindung brachte ihn vorwärts.

Frau Margot beschenkte ihn im nächstfolgenden Jahre mit einem Sohne und schien damit ihre Pflichten als erledigt zu betrachten. Sie richtete sich mehr und mehr auf die Weltdame ein, was für die im Grunde gut spießbürgerlichen Kreise der Stadt immerhin ein Ereignis war, erhöhte ihre Bedeutung in den Augen der Damenwelt noch durch einen wöchentlichen »Jour«, zu dem sich bald die jungen Offiziere der Garnison und die bessergestellten Elemente der Künstlerschaft drängten, schöngeisterte und flirtete und gewöhnte sich bald an, ihren wenig unterhaltenden Mann lediglich als notwendiges Übel zu betrachten.

Der aber lächelte nur zu dem Tun und Treiben seiner kindischen Gemahlin. Er brauchte ja die Leute, die sie um sich sammelte und durch Koketterien zu fesseln wußte, dann aber — so sehr er sich gegen das Eingeständnis sträubte, fürchtete er sich auch ein klein wenig vor der spöttisch überlegenen Miene der jungen Frau, die so trefflich den Unterschied zwischen Geburt und Erziehung anzudeuten wußte und ihm die mangelnde Lebensart fast greifbar zur Erkenntnis zu bringen vermochte. So ließ er sie gewähren, lebte fürder als Hofmarschall neben ihr hin und machte aus jeder Not eine zinstragende Tugend.

Der Deutsch-französische Krieg brachte den gewaltigen Umschwung und Aufschwung in der Industrie, den Philipp Steinherr seit Jahren vorausgesehen hatte. Die große Zeit fand ihn vorbereitet. Ganz in der Stille war ihm ein epochemachendes neues Verfahren in der Herstellung von Eisenblech geglückt. Als der Tag von Sedan vorüber war und die deutschen Armeen auf Paris rückten, ging auch er zum Angriff über, kühl wie ein Börsenspieler. Es galt, so schnell wie möglich Terrain anzukaufen, das beste, das sich zu großen Fabriksanlagen eignete. Mit mathematischer Sicherheit rechnete er aus: war erst der Krieg siegreich beendet, würde eine wilde Spekulation losbrechen und die Werte der Grundstücke ums Vielfache multiplizieren. Dem galt es zuvorzukommen. Er hatte sein Bargeld und den Kredit für die sofortige, jeden Mitbewerb überflügelnde Inangriffnahme und steigernde Unterhaltung eines weit um sich greifenden Betriebs nötiger.

Aber die Bauern von Bilk waren mißtrauisch. Sie wollten zu Kriegszeiten keine Grund- und Bodengeschäfte machen. Ihr Instinkt gab ihnen Witterung von größeren Verdiensten. Schon nach wenigen Tagen merkte Steinherr, daß ein schlauer Spekulant gleich ihm an der Arbeit war, denn die Bauern nannten unerhörte Preise. Bis zum Winter schlug er sich mit der hartnäckigen Bande herum, dann gab er es auf. Jedoch nur, um nachdrücklich einen anderen Plan durchzuführen, den er bisher nur, einem feinbohrenden Schamgefühl nachgebend, in ganz einsamen Stunden zu streicheln gewagt hatte.

Durch die Freunde seiner Frau, die zur Zernierungsarmee gehörten, hatte er die unumstößlichsten Nachrichten, daß der Fall von Paris nur noch eine Frage von Tagen sein könne. Da opferte er skrupellos die Regungen der Freundschaft. Der fröhliche Mittelsmann, der ihm einst durch die Verschaffung von Armeelieferungen zur Grundlegung seines Wohlstandes verholfen hatte, mußte mit seinem Erbe daran glauben. Das »Königreich«, die paar Hufen Landes, lagen zu beiden Seiten des Bilker Baches langhin gestreckt. Sie waren, wenn die Industrie zur Blüte gelangte, weitaus das günstigste Terrain, nahe genug den Bahnhöfen der Bergisch-Märkischen und der Köln-Mindener Bahn, um sich an diese durch kurze Anschlußgleise anzugliedern.

Philipp Steinherr verließ an diesem Tage die Fabrik vor Feierabend. Er begab sich auf dem kürzesten Weg nach Hause, sicher, den Freund als lustigen Gesellschafter seiner Frau anzutreffen. Er hatte sich nicht getäuscht.

»Du kommst so früh schon?« begrüßte ihn Frau Margot.

»Ich verspürte Lust, ein Stündchen zu verplaudern. Hast du Nachricht von deinem Heinrich?« wandte er sich an den Gast.