Die vom Niederrhein

Part 17

Chapter 173,755 wordsPublic domain

»Entschuldigung. Mir war’s, als hätte ich meinen Namen gehört,« und er griff nach der Klinke.

»Wann du wiederkommst, will ich wissen!«

»Also war es doch keine Halluzination.« Er lachte, drehte sich um und sah sie mit seinen strahlenden grauen Augen an, die sonst so geheimnisvoll das Feuer behüteten. »Die andere war kein Phantom. Sie lebt!«

»Wann du wiederkommst, frag’ ich doch.«

»Wenn Bettina sehr lieb zu sein gedenkt — morgen!«

»Morgen,« sagte sie hastig, »morgen abend.«

Er verbeugte sich und ging, ohne sie noch einmal zu berühren.

Fassungslos blickte sie ihm nach. Dann lachte sie nervös auf. Also — geschlagen!

Geschlagen? Der Anfang eines Gefechtes entscheidet nicht. Und — und — war es denn gar so unangenehm? Sie sah mit einem verträumten Lächeln an sich herab.

Wie er mich auf den Hals geküßt hat! Das brennt wie Feuer.

Leise wischte sie mit der Hand über die Stelle.

Sie durchtändelte den Tag, ohne sich zu einer bestimmten Beschäftigung aufraffen zu können, nahm hundert verschiedene Dinge in die Hand und entsann sich im selben Augenblick nicht mehr, zu was sie ihr dienen sollten, fühlte sich einsam, ließ dennoch jeden Besuch abweisen und saß zuletzt ganz still in einer Ecke des Diwans, zusammengekauert, mit glänzenden Augen.

Am Abend dieses Tages schrieb Hans Steinherr zum ersten Male nach langen Jahren wieder ein Gedicht. Es war ein Impuls, dem er folgte. Etwas trieb ihn an, die Spannung, die wie eine Gewitterschwüle in ihm lag, zu entladen. Und der junge, heiße Siegestaumel kam hinzu, das Begehren nach Frauenliebe, nach großer Leidenschaft, in deren Lichtfülle alle kleinen Gestirne erblassen. Er glaubte in der zwingenden, sinnenstarken Frau, der Geben und Nehmen nur ~ein~ Begriff war, das Weib, die Verkörperung des Weibes entdeckt zu haben, und in dem Sturm der beiderseitigen Gefühle sah er die beiderseitige Sehnsucht nach der Ruhe. Nach der Ruhe Brust an Brust.

Er wußte, daß sie ihn liebte; und in ihm loderte alles empor, wenn er nur ihren Namen vor sich hinsprach. Er wollte nachdenken, wie von nun an sein Leben zu gestalten wäre, er wollte einen Plan entwerfen, seinem täglichen Tun einen vernünftigen Inhalt zu geben. Er dachte an seine Fabrik, an die Eisenwerke in Bilk; er dachte an Arbeit. Denn ihm schien es, als ob solche Liebe ein Äquivalent verlange, als ob er in kühnem, erfolggekröntem Schaffen der königlichen Frau tagtäglich ein Bild seiner Unwiderstehlichkeit bieten müsse, damit sie die Herrenhand sähe, die für sie das Eisen zu Gold münzte, damit das Staunen vor seiner Kraft sie wiederum ansporne, die Kräfte ihrer Liebe auszulösen.

Aber in seine Grübeleien fuhr ihr Bild hinein wie ein Wirbelwind und riß ihn mit über Höhen und Tiefen, und alle ehrgeizigen Pläne, alle Vernunftgründe stoben auseinander vor dem einen Gedanken an den Besitz, den unumschränkten Besitz dieser Frau.

Das ist die Liebe, sagte er sich. Sie duldet keine Götter neben sich. Als ich jung war, war ich ein Schwärmer, der die Seele suchte, wie Saul des Vaters entlaufene Eselin. Und als er auszog, fand er ein Königreich. Da flogen die opferseligen Hirtengefühle auf die Heide. Für den verlorenen Jugendhimmel die königliche Glückseligkeit der Erde!

Und ist das vielleicht keine Schwärmerei? dachte er lachend und sprang vom Tisch auf. Ehrlich, alter Hans, du gibst dem Kind nur einen größer tönenden Namen. Beschwindle deinen eigenen Menschen nicht. Du bist verliebt, verliebt, verliebt! Nun ja — — und das ist mehr als alle großen Worte.

Von dieser Sekunde an versuchte er seine Gefühle nicht mehr zu zergliedern und zu analysieren. Er nahm sie als ein Unbedingtes, als eine feststehende Zahl, als ein untrennbares Element. Der Mann in ihm erhob seine Stimme, und er sah nur Helena. Bettina-Helena — —. Nam’ und Art zu wägen, wäre ihm als Sakrileg erschienen.

Er beobachtete es nicht, daß er unmerklich in eine neue Phase geraten war ...

Am nächsten Abend, zur Teestunde, war er bei Bettina.

Sie hatte ihn vom Fenster aus kommen sehen, und ihre Ungeduld war so groß gewesen, daß sie selbst auf den Korridor hinausgeschlüpft war, um die Entreetür für ihn offen zu halten.

»Endlich, endlich ... So komm doch nur ... Nennst du das Abend? ... Das ist ja Nacht.«

»Kaum sechs vorbei.«

Sie zog ihn ins Zimmer und hing, bevor er ablegen konnte, an seinem Halse.

»Du läßt mich ja zu Tod’ schmachten. So küss’ mich doch!«

Sie sprachen kein Wort mehr. Sie küßten sich, bis daß es sie schmerzte. Da ließen sie sich mit einem Seufzer los.

Frau Bettina strich ihr Haar zurecht. Mechanisch, mit einer wohligen Mattigkeit. Als er aufs neue auf sie zutreten wollte, um sie in die Arme zu schließen, wehrte sie horchend ab.

»Wir sind Kinder,« murmelte sie. »Wenn das Mädchen servieren kommt und dich sieht —«

Rasch ging sie auf den Korridor hinaus, ließ die elektrische Klingel draußen ertönen und kam zurück.

»Lassen Sie nur, Anna,« rief sie dem herbeieilenden Mädchen zu, »ich habe schon selbst geöffnet. Sie können den Teetisch richten. In einer Viertelstunde etwa melden Sie.«

Hans Steinherr war überrascht beiseite getreten. Der Vorgang war ganz natürlich, aber der schnelle Wechsel von alles verlachender Unvernunft zur peinlich überlegenden Vernunft hatte ihn beklommen gemacht.

Ihr weiblicher Instinkt witterte sofort den Grund seiner Umwandlung. Der Ton ihrer Stimme bekam eine schmeichelnde, mütterlich besorgte Klangfarbe, und als ob sie es mit einem großen Jungen zu tun habe, nahm sie ihn beim Ohr und zupfte es.

»Willst du wohl gleich ein anderes Gesicht machen? Wenn Bettina nicht für dich mit dächte! Jetzt bist du doch offiziell gemeldet, ganz gleich, ob du den Abend offiziell oder inoffiziell gestalten willst. Siehst du wohl? Ja, jetzt lächelst du. Ich verwöhn’ dich.«

Sie hob sich auf den Zehen und legte ihre weichen Lippen auf das mißhandelte Ohr.

Er hielt ganz still. In seinem Hirn begann ein Sausen und Brausen. Und plötzlich faßte er sie um die Taille, trug sie wie ein zappelnd Nixlein zum Diwan, kniete schnell nieder und hob sein erhitztes Gesicht zu ihr auf.

»Wie du die Menschen verjüngst. So hatte ich es mir gedacht. Du bist das Leben.«

»Du hast an mich gedacht? Wann? Wo? Ich muß jede Regung in dir kennen.«

»Gestern abend, zu Hause. Ich kramte in Erinnerungen umher, in toten Geschichten. Da kamst du ...«

»Und weiter? Was tat ich? Was tatst du? So erzähle doch. Du sprichst schön.«

»Ich sagte es ja: du verjüngtest mich.«

»Und die toten Geschichten? Legten sie sich nicht zwischen uns? Wurden sie nicht lebendig?«

»Du hattest ihnen ein neues Leben gegeben. Sie trugen deinen Stempel.«

Sie atmete tief auf und zog die Brauen dicht zusammen.

»Ich bin von einer unbändigen Eifersucht,« murmelte sie. »Das hast du davon.«

Er zog ihren Kopf herab und küßte sie auf die finsteren Augen.

»Hättest du mich lieber als den Spötter gemocht, dem nichts mehr heilig war?«

»Nichts soll dir heilig sein als ich!«

»Nun, ich meine: daß du diese Ausnahme in mir geweckt hast, beweist alles. Eine andere kenne ich nicht.«

Sie griff links und rechts in sein Haar.

»Schnell, schnell, was hast du jetzt gedacht? Liebster, so sprich doch ...«

»Du wirst mich nicht auslachen, wenn du hörst, wie jung ich geworden bin?«

»Nein, aber nein. Ich könnte dich eitel machen und sagen: ich will nur dein sonores Organ hören. Du hast einen Klang in der Stimme, der aufwühlt. Nun gib dem Klang Begriffe, an denen man sich halten kann.«

»Ich werde beichten,« sagte er, und das selbst-ironisierende Lächeln spielte um seinen Mund. »Erschrick nicht allzu sehr. Ich bin so jung geworden, daß ich wie in der Jugend holden Wahnsinnstagen das — Dichten wieder aufgenommen habe! Sage und schreibe: das Dichten!«

Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, richtete sich auf und blickte ihn lange an.

»Ich habe es ja gewußt,« sagte sie endlich, »o ich habe es ja gewußt, daß etwas Eigenes in dir war.«

Ein triumphierendes Leuchten stand in ihren Augen.

Im Nebenzimmer klirrte ein Servierbrett.

»Steh auf!« flüsterte sie.

Als das Mädchen erschien, saß Hans, durch den Tisch von der Hausfrau getrennt, gelassen in seinem Sessel.

»Stellen Sie nur alles hin, Anna; ich werde das übrige selbst besorgen.«

»Sehr wohl, gnädige Frau.«

Sobald das Mädchen gegangen war, hatte sich Frau Bettina erhoben.

»Hans,« schmeichelte sie und legte ihm die Arme um den Hals, »vorlesen; bitte, bitte, vorlesen!«

»Du wirst mir nachher keinen Tee mehr geben wollen,« lachte er.

»Sei lieb, Hans. Ich will ~auch~ verwöhnt sein. Ich will einen Sänger, meinen Sänger haben.«

»Gut, dein Wille geschehe! Wollte ich mich noch weiter sträuben, würdest du am Ende noch glauben, es handle sich um ein unerhörtes Meisterwerk. Es ist nichts als eine Impression.«

Er entnahm seiner Brieftasche ein Blatt und wollte lesen. Aber sie legte ihre schlanken Hände über die Zeilen.

»Trag mich erst auf den Diwan zurück.«

Er gehorchte auf der Stelle. Aber sie ließ ihn nicht wieder los, bis er auf dem früheren Platze kniete.

»So — —« sagte sie gedehnt, und dann kroch sie lauschend in sich zusammen.

Er nahm die Spitzen ihrer Finger in seine Hand und las. Wenn er eine Pause machte, hörte er ihre tiefen Atemzüge und spürte das Klopfen des Blutes in ihren Fingerspitzen.

»Der Tag erlischt ... Was war’s, was die Sibylle, Die schöne Frau, einst sprach?: Es tut nicht gut, Daß du allein bist in der Dämmerstille. Dann fließt zu schwer dein Abenteurerblut. — —

Der Tag erlischt ... Gestreckt in meinen Sessel Schau träumend ich empor ins dichte Grau, Das mich umstrickt wie eine enge Fessel.... Hüt’ vor dem Traum dich — sprach die schöne Frau. — —

Ich blätterte heut’ lang’ in alten Briefen; Noch spielt die Hand mit dem vergilbten Tand. Es wurden Bilder wach, die längst entschliefen; Ein Rufen scholl aus fernem Heimatland.

Ich hör’ den Rhein an seine Ufer rauschen; Das Wellenlied reißt meine Sehnsucht wund. Du meine Jugend, komm, laß dich belauschen; Drück’ deine Lippen auf des Träumers Mund.

Sieh dort, sieh dort: die alte Lieblingsstelle — Ein Streifen Moos im dichten Erlenstand. Fern fließt der Rhein; es lockt und lockt die Welle; Ein Sommerduften zittert durch das Land.

Zwei Händchen, wie sie sonst nur Kinder zieren, Sie pressen sich an meine Schläfen an, Und junge Lippen wollen sich verlieren Im ersten Kuß, im Kuß von Weib und Mann. — —

— Wenn Jahr für Jahr die Winterstürme bliesen, Wenn meine Seele nach dem Sommer schrie, Nach meinem Rhein, nach meinen Erlenriesen: Ich sucht’ die Händchen, und ich fand sie nie.

Durch Abenteuer bin ich durchgeritten, Und Lieder sang, just wie mein Mund, mein Schwert. O wüßtet ihr, um die ich heiß gestritten, Nach welchen Rosen nur mein Herz begehrt’!

— Du sollst dich hüten vor der Dämmerstille, Kein Sieger träumt! — Wer trat in mein Gemach? Wer wagt es, mit den Worten der Sibylle Zu wandern meinen Seelenpfaden nach?

Gib Antwort, du! Die Jugend ist verklungen! Kein weicher Schwärmer spannte hier sein Zelt! Halt’ ich mit diesem Arm ein Weib umschlungen, So bring’ dies Weib mir eine ~neue~ Welt!

Aus Gräbern müßt’ ihr wundertät’ger Wille Mir wecken Heimat, Jugend, Liebeskraft! — Seh’ ich dich recht — —? Du, zaubrische Sibylle? Du hast zum Wunder ~selbst~ dich aufgerafft?

Du, schöne Frau ...? Die Prüfung ist zu Ende? Du trägst die Fackel in die Dämmerung? Ich spür’ zwei Hände, schlank wie Kinderhände, Und einen Mund wie wilde Rosen jung,

Und deines Blutes sturmbewegte Welle! — O andre Wellen sind’s, wie einst am Rhein — Ein Lebender, ich fühl’s, in Sonnenhelle Kann nur des Lebens Auserwählter sein.

Komm an mein Herz! Es ward dein Adelswille, Des Rätsels stolze Lösung mir bewußt! ... Du sollst nicht ~träumen~ in der Dämmerstille, Doch ~siegen~ sollst du, — siegen Brust an Brust!«

Die Dämmerstille lag über ihnen. Es begann stärker zu dunkeln, und keiner von ihnen bemerkte es.

Da führte Hans Steinherr die widerstandslose Frauenhand an seine heißen Lippen, so fest, daß sie den Druck schmerzhaft verspürte, und daß Bettina mit einem kurzen Aufschrei auffuhr.

»Tu’ ich dir weh?«

»Weh? — Weh? — Fragt mich dieser Mensch auch noch, ob er mir weh tut! Ja, du ~tust~ mir weh, aber nicht weh genug. Brust an Brust! Hast du das nicht eben selbst gerufen? Brust an Brust! Wo bleibst du denn nur?«

»Bettina! Ob du mich lieb hast, sag!«

»Lieb, lieb! Das ist ein Ausdruck für kleine Mädchen! Wenn du ~mich~ meinst, erfinde einen anderen!«

»Ich habe keine Zeit dazu. Das einzige Wort, das ich ausdenken kann, heißt: Bettina. Meine, mir gehörige — Bettina.«

»Das ist nicht viel für einen Dichter. Sag mehr, mehr —«

»Jetzt hat der Mensch in mir das Wort. Nimm dich in acht: wenn er mehr redet, steigert er seine Ansprüche.«

»Ah, laß ihn doch, laß ihn doch,« rief sie laut und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. Dann rann die Woge langsam zurück — — —

»Ich bin rasend,« sagte sie und fuhr sich über die Augen. »Ich muß Licht machen, damit wir zur Besinnung kommen.«

Sie ging zur Wand und tastete nach dem Knopf der elektrischen Leitung.

Das Zimmer schwamm in blendender Helle, und die beiden Menschen standen und staunten sich an.

Er trat ihr einen Schritt entgegen, ungewiß, zögernd. Aber es schob ihn vorwärts.

Und sie schüttelte den Kopf über sich selbst, wollte entweichen und lief auf ihn zu.

»Hans, Hans, sei doch vernünftig! Du siehst doch, ich kann es nicht sein.«

»Weshalb hast du Licht gemacht? Jetzt seh’ ich erst, was ich alles vergessen habe.«

Sie glitt unter seinem Arm hinweg, zurück zur Wand. Ein Ruck, und es war dunkel.

Bevor er sich von seiner Überraschung erholen konnte, spürte er ihre Lippen auf seinem Mund und ihre Hände an seinen Schläfen.

Worte seines Gedichtes wirbelten ihm durch das Hirn.

»Ein Lebender kann nur des Lebens Auserwählter sein!« —

Jetzt lebte er ein auserwähltes, ein doppeltes Leben. Das ihre war das seine.

Die umschwärmteste Frau, die Dame der großen Welt war wie ein zärtliches Kind und bedeckte ihn mit ihren Liebkosungen.

»Bettina, kleine, süße, wilde Bettina, sprich nur ein Wort. Noch existiert der Schmied von Gretna-Green. Noch ist Helgoland nicht aus der Welt. Morgen, übermorgen kannst du meine Frau sein.«

»Nicht den Zauber brechen,« murmelte sie, »das kommt nicht wieder.«

»Wir werden es in der Hand haben, ihn jede Stunde zu beschwören, wenn wir nicht mehr getrennt sind.«

»Ach, du, diese Heimlichkeit — das ist das Schöne. Das Gefühl haben: wenn’s morgen aus wäre — diese Stunde raubt uns niemand mehr, mag die Zukunft sein wie sie will. Das Gefühl laß mir, bring es mir, so oft du kannst, tagtäglich; das spannt unsere Nerven, das macht so närrisch jung und so rasend verliebt; das ist, als könne es ein Jahrhundert dauern. Das ist eine Brautzeit, wie sie für uns paßt. Ein Fest nach dem anderen. Die Ehe bringt ja doch den unausbleiblichen Schlafrock.«

»Du, du, werde nicht tragisch. Soll ich wieder Licht machen, damit du siehst, was du dir zutrauen kannst?«

»Horch,« entgegnete sie unvermittelt, »eins — zwei — drei — neun Uhr! Unmöglich! Was ist aus der Zeit geworden? Das Mädchen wird kommen, um den Tisch abzuräumen. Ich habe alles vergessen.«

»Wer an der Tafel der Götter gesessen hat, kann doch keinen Tee mehr trinken, Bettina.«

»Du mußt; hörst du, du mußt. Ich kann doch das ganze Arrangement nicht unberührt fortschaffen lassen. Die Dienstboten würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Liebster, sei gut. Ein klein, klein wenig Aufopferung, weil es nicht anders geht. Da — ah, da ist Licht. Nein, ich will dich jetzt nicht anschauen. Hier, an den Tisch mit dir! Lach nicht so mokant. Du mußt ja doch, wie ich will.«

»Ich bin dein ergebenster Diener. Wenn du befiehlst, verschling’ ich dich mit.«

»Vorwärts, die Küche will ihr Recht. Ach Gott, der Tee ist kalt!«

»Nein,« sagte er verwundert, »und steht doch erst seit zwei Stunden.«

Sie warf sich im Sessel zurück, griff in ihr Haar und lachte ohn’ Aufhören.

»Du, Bettina, ich möchte auch lieber lachen als essen. Das ist eine Tortur.«

Und jubelnd weiter lachend, fuhr sie mit Messer und Gabel durch den Inhalt der Platten, warf die Delikatessen der Saison wild durcheinander und lehnte sich ausatmend zurück.

»So,« sagte sie, »das Abendessen wäre zu Ende. Wenn du jetzt auch nur noch eine Viertelstunde bleibst, mache ich jede Dummheit.«

»Dann laß mich ungezählte Viertelstunden bleiben. Und noch länger.«

»Mein Herr — so gern ich Ihrem Wunsche willfahrte: der Ruf Ihrer Dame verlangt —«

Er erhob sich sofort.

»Ich habe Ihnen nur noch zu danken, meine allergnädigste Frau; nur noch zu danken.«

Sie sah die kühne Mannesfröhlichkeit in seinem Blick, faßte seine Hand und schloß die Augen.

»Ich mach’ Dummheiten,« sagte sie.

Er küßte sie auf die Lippen, die sich ihm boten.

»Auf morgen!«

»Und — vergiß nicht! — Gedichte will ich haben, Gedichte. Von mir, für mich. Du sollst mich stolz machen.«

Sie stand hinter den Stores und sah ihm nach, wie er jugendlich elastisch über die Straße schritt. Dann ging sie langsamen Schrittes und vor sich hin grübelnd zum Diwan. In eine Ecke gekauert saß sie und sah vor sich hin, immer auf denselben Punkt.

»Ich darf nur Dummheiten machen, die mich vorwärts bringen. Einstweilen, einstweilen — —«

Drittes Kapitel

Mit der fortschreitenden Saison entwickelte sich auch das gesellschaftliche Leben in den Salons Frau Bettina Wittelsbachs. Nicht, daß sie das Prinzip der »offenen Tür« in ihrem Hause einführte. Die schöne Frau, welcher ihr Gatte Verbindungen mit den ersten Häusern hinterlassen hatte, hielt sehr auf eine erlesene Auswahl, und die kleinen, vornehmen und doch künstlerisch bewegten Abende, die sie mit nie trügendem Geschmack zu arrangieren verstand, erfreuten sich in der weltkundigen Gesellschaft bald eines Rufes, daß es für eine besondere Bevorzugung galt, hinzugezogen zu werden. In wenigen Monaten hatte die zielbewußte und starkgeistige Frau erreicht, wozu andere eines Einlebens von Jahren bedurften: ihr Salon bildete einen Machtfaktor. Nicht offenkundig, nicht vor den Augen der Welt; noch weniger aber insgeheim. Die Herren und Damen, die sich an jedem Mittwoch abend bei ihr zu versammeln pflegten, gehörten durchweg Kreisen an, die eine gewisse Bedeutung in sich schlossen: maßgebende Staatsbeamte, hohe Offiziere, Künstler von Einfluß, alle mit ihren Damen, deren Beziehungen wiederum weit durch die Salons der Hauptstadt reichten. Handelte es sich darum, einen Wunsch, eine Persönlichkeit an die Öffentlichkeit zu bringen, so spannen sich die Fäden der Protektion von hier aus bald nach allen Seiten.

Es war nicht allein Frau Bettinas reizvolle Art, jeden Menschen einzeln seiner Individualität gemäß zu behandeln und in jedem den Glauben zu erwecken, daß er vor allen die besondere Sympathie der Hausfrau genösse, was der vielvermögenden Frau so schnell die Ausnahmestellung schaffte. Unter den Näherstehenden war es ein stilles Geheimnis, daß sich ein hoher Herr aus der Seitenlinie eines regierenden Hauses stark um die Gunst der jungen, reichen Witwe bewerbe und lediglich deshalb in diesem Winter fern von Berlin und in der langweiligen mitteldeutschen Residenzstadt weile, um den Chef des Hauses seinen Heiratsplänen zugängig zu machen. Hatte doch der Prinz, der sich gelegentlich der Frühjahrsrennen der damals ins Leben zurückkehrenden Dame hatte vorstellen lassen, ihretwegen sogar an der Nordlandsfahrt teilgenommen und nur deshalb während der Reise ein mehr zurückhaltendes Wesen zur Schau getragen, um die Dame nicht in vorzeitiges Gerede zu bringen und dadurch die Chancen einer Verbindung mit Frau Bettina zu erschweren.

Man hielt in den Kreisen um Frau Bettina mit großem Zartgefühl darauf, daß dieser Gegenstand nicht mit Worten erwähnt wurde. Einerseits geschah es aus dem natürlichen gesellschaftlichen Takt, anderseits aber stand die Person des in Frage Kommenden immerhin so hoch, daß man sich die für später sicher nützlichen Verbindungen nicht leichtfertig verscherzen wollte.

Hans Steinherr war wohl der einzige, dem von dem stillen Geheimnis nichts bekannt war und auch nichts bekannt wurde. Er trat den einzelnen des Kreises nicht sonderlich näher, beschäftigte sich fast ausnahmslos mit der Dame des Hauses und galt bald als das Protektionskind, als ein junger, talentvoller Dichter, dem man sich bemühte, durch freiwillige Herolddienste die Wege zu ebnen. Den Austausch eines wärmeren Blickes zwischen ihm und Frau Bettina hätte man vergeblich zu erspähen versucht. Nur auf dem Nachhausewege pflegten zuweilen einige der Herrschaften ihre Gedanken über die Beziehungen zwischen Steinherr und der Dame des Hauses laut werden zu lassen. Dann zerbrach man sich den Kopf, ob dem Verhältnis wirklich das Rückgrat einer Liebschaft anhafte, oder ob die kluge und ehrgeizige Frau es nur inszeniere, um, wie sich ein diplomatisch geschulter Geheimer Rat ausdrückte, »Hoheit scharf zu machen«.

Eines stand jedenfalls fest: Frau Bettina hatte der Person Hans Steinherrs ein Relief gegeben, das bald über die Grenzen des gesellschaftlichen Lebens hinaus seinen Wert erhielt.

An den Abenden, die in ihrem Heim den Künsten gewidmet waren, bedrängte sie ihn, seine starken, leidenschaftlichen Poesien vorzulesen, und ihr äußerlich vornehm heiteres, innerlich drängendes, begehrendes Wesen fand einen verfeinerten Genuß darin, vor aller Augen und Ohren Verse zu hören, die ebensoviele Liebesbeteuerungen und Liebesschilderungen enthielten, die einzig und allein ~sie~ angingen und die sie inmitten des buntesten geselligen Treibens all die Stunden heimlichen Glückes noch einmal durchschwelgen ließen. Sie lächelte unmerklich, wenn ein spontaner Beifall sich über den Dichter ergoß, wenn Steinherr, nur für sie erkenntlich, sich und die Situation ironisierend, eine Sekunde lang den Blick auf sie heftete.

Aber Frau Bettina blieb hierbei nicht stehen. Durch Schmeicheln, Trotzen und Befehlen veranlaßte sie den Geliebten, die Gedichte in den ausschlaggebenden modernen Zeitschriften zu publizieren, und da ihr Namen von Bedeutung zur Seite standen, so war es ihr ein leichtes, ihren Wünschen bald die Erfüllung folgen zu sehen.

Als die Saison im Februar ihren Höhepunkt erreicht hatte, war der Name Hans Steinherr unter den literarischen Feinschmeckern bekannt wie in den unzähligen Salons, die sich in Berlin zu den Treffpunkten der ~oberen~ Zehntausend rechnen, weil Neugier und Nachahmungssucht das Tun und Lassen der wirklichen Oberen hier zu beklatschen pflegt, als stände man mit den so hoch interessanten Vorbildern familiär auf du und du.

Hans Steinherr war eine der plötzlich aufschießenden Saisongrößen geworden und wußte selbst nicht, wie er zu der Ehre kam. Wenn er an der Seite Frau Bettinas, die durch ihre blendende Erscheinung und nicht weniger durch ihre aparten, geschmackvollen Toiletten stets die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, zu den Premieren in der Theaterloge erschien, erregte er den Hauptteil des Interesses. Dann sprach man in Logen und Parkett über seine Persönlichkeit, die berufen war, dieser Dame =de grande tenue= als bevorzugter Kavalier zu dienen, und der Neid schuf ihm ein noch größeres Renommee als die Freundschaft.

»Wer ist denn dieser Günstling der schönen Wittelsbacherin?«

»Aber, gnädige Frau, das ist doch Hans Steinherr!«

»Hans Steinherr? Also von der Kunst, weil Sie den Vornamen nennen.«

»Meine Gnädige: Hans Steinherr, der bedeutende und eigenartige Lyriker! Treiben Sie denn nicht die neueste Literatur? Allerverehrteste, wie können Sie nur so unmodern werden!«

So wurde Hans Steinherr der »bedeutende und eigenartige« Lyriker, und hatte kaum ein Dutzend Gedichte veröffentlicht, die er nicht einmal für die Öffentlichkeit niedergeschrieben hatte. Man gab ihm einen Ruf, damit es umso interessanter würde, ~über~ seinen Ruf Andeutungen mit kleinen Pointen loszulassen. Irgend ein Dutzendmensch hätte sich nicht gelohnt.