Die vom Niederrhein

Part 16

Chapter 163,728 wordsPublic domain

»Diesmal gilt es den anderen. Schwupp — und sie hat ein Dutzend Triumphstühle übergossen. Empfinden Sie nicht das Groteske des Vorspiels? Ganz wie bei den alten Meistern. Erst die Rüpelkomödie, dann das Drama. Ach du mein lieber Gott, das Publikum hier ist ja viel zu ungebildet für die ganze Veranstaltung, oder zu dekadent. Wenn sich die Natur einen Witz erlaubt, nennen sie’s Gemeinheit; und wenn sie selbst sich Gemeinheiten gestatten, nennen sie’s einen Witz. Treten Sie näher, meine schöne Dame. Entree gänzlich frei.«

»Na,« lachte sie zornig, »Tribut scheint mir doch zur Genüge gezollt zu werden.«

»Ja,« bestätigte er, »die Ästhetik ist vorläufig von der Tagesordnung abgesetzt. Sehen Sie nur, wie die tadellosen Helden und Heldinnen vom Turf und Tennisplatz sich verzweifelt winden, um ihrem Schicksal zu entrinnen. Hilft nichts. Jetzt grassiert das reine Menschentum. Dort ziehen flinke Stewardshände die Erblassenden aus den Salons auf Deck — denn die Smyrnateppiche sind kostbar, und Holzplanken noch nie diffizil gewesen. Gehen wir hin, kondolieren.«

»Um Himmels willen, hören Sie auf. Gleich wird sich der Spieß umkehren.«

»Unbesorgt. Ich setze meinen rheinischen Dickkopf auf.«

»Und ich?«

»Sie —?« gab er zurück, ließ einen Augenblick den Eisenring los, schob ihr die Kapuze aus der Stirn und sah ihr in die Augen. »Sie sind bis auf weiteres ein Teil von mir.«

Wieder sprühte ein Salzwasserregen über sie hin. Die Wellen fegten über das Bugspriet; auf Vorderdeck war der Aufenthalt unmöglich geworden, und auf Promenadendeck wurden starke Seile gezogen als Halt für die tastenden Hände. Wie Mumien eingepackt, still und starr und frierend, lagen die Reisegenossen in langer Reihe in den Triumphstühlen. Aber die horizontale Lage war auf die Dauer nicht zu ertragen. Einer nach dem anderen erhob sich wieder, mit übernatürlich glänzenden Augen, um, wie weiland Graf Ernst von Mansfeld, stehend und in voller Rüstung zu sterben. Und endlich schwankten sie hinweg, von samariterhaften Matrosen geleitet.

Der rundliche Herr, der am Mittag so enthusiastisch die Wonnen der Dampfer vor allen anderen Transportmitteln gefeiert hatte, war wie eine Kugel an Steinherr und seiner Gefährtin vorbeigeschossen. Nun klammerte er sich, ohne den Kopf zu wenden, mit einer Innigkeit an die Bordbrüstung, als hätte er tiefe Geheimnisse mit der zu ihm aufspringenden See. Als er sich endlich mit schwerem Atemzug dem Bann des Meeres entriß, drückte er erloschenen Auges Steinherr die Hand.

»Doch, doch! =D=-Zug ist auch was Schönes. — Glauben Sie’s mir. Jetzt versteh’ ich mich darauf.«

Ein Matrose brachte ihn unter Deck.

Die Nacht brach herein, und der Sturm tobte mit voller Kraft. Kein Passagier war an Deck zurückgeblieben. Nur Steinherr stand mit seiner Gefährtin an der Bordbrüstung. Er hatte ein Tau durch die Eisenringe gezogen, so daß sie fest angeseilt gegen die Planke gedrängt waren.

Die Frau an seiner Seite sprach schon seit langem nicht mehr. Sie trieften beide vor Nässe, und bei jeder neuen Sturzwelle spürte er, wie sie erschauerte, wie sie sich unwillkürlich an ihn preßte. Dann beugte er sich zu ihr hinab und sah ihr starr in die Augen. Der Wind heulte um die fauchenden Schlöte des Schiffes herum.

»Nun, meine gnädige Frau,« fragte er leise, »was sagen Sie zu diesem Pendant der gestrigen Nacht? Nach dem weichen Sehnen die tolle Leidenschaft. Haben Sie ein Gefühl für die wilde Größe?«

Sie hob den Kopf, und ihre Nasenflügel vibrierten.

»O — —« stieß sie hervor, »Sie sind ein Lehrmeister — —«

»Wir Menschen müssen Künstler sein,« sagte er, »und wenn nicht mehr, dann doch Lebenskünstler. Damit betrügen wir uns selbst, zu unserem Heil, als hätten wir wahrhaftig Gottähnlichkeit.«

»Wir haben sie,« entgegnete sie, »wir brauchen nur zu wollen.«

Er überhörte den Einwurf. Der Künstler in ihm war geweckt.

»Was für ein Pathos liegt in dem Bilde vor uns! Man denkt nicht daran, über den Stil zu lachen, man wird selbst pathetisch. Aber Größe verspürt man. Wie sie aus weiter Ferne heranrollen, die Wellenungetüme, näher und näher jagen, von anderen gefolgt. Und wie ein Kommandeur in der Schlacht links und rechts die Regimenter an sich reißt, zum Sturm auf die feindliche Hauptmacht, so schlingt die heranstürmende Woge links und rechts kleinere Wellenberge in sich hinein, wächst wie eine Lawine, bäumt sich dicht vor dem Bug des Schiffes haushoch empor, unten die schwarzen Massen, darüber eine kristallgrüne Kappe, die wieder von schneeweißem Gischt gekrönt, der sich in sausenden Fontänen auflöst — heißa! jetzt fegt’s über Deck wie ein Schwarm von nadelscharfen Pfeilen. Sind Sie getroffen, meine Allergnädigste?«

Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Der Sturm hatte ihr die Kapuze heruntergeweht, und sie griff mit beiden Händen in den Nacken. In ihrem schwarzen Haar glitzerten die Salzspuren wie Diamanten. Brust an Brust standen sie.

»Wissen Sie noch, was Sie mir heute mittag zuriefen? ›Hoffen wir, daß Sturm kommt.‹ Der Sturm ist da! Und ich warte.«

»Nein, ~ich~ warte!«

Sie küßten sich unter dem Sprühregen der See auf den Mund, auf die Augen, und wieder auf den Mund. Kein Wort hatte Raum zwischen ihnen. Kaum, daß sie sich sahen in der Dunkelheit. Nichts von Erblassen, nichts von Erröten. Mitten im Meersturm: zwei Menschen.

»Wohin mit uns?«

»Wohin? Willst du vor meiner Kajütentür Schildwacht stehen?«

»O, selbst Tristan —«

Sie hielt ihm den Mund zu.

»Ja, wenn ein König Marke existierte. Nur die Gefahr entzückt. Wart’s ab, bis sie kommt.«

»Hüte dich.«

»Hüte du dich.«

Und wieder küßten sie sich.

»Auf morgen denn.«

»Nein, nicht hier. Das wäre eine blasse Kopie. Nicht eher, als bis ich daheim bin.«

»Du reisest weiter, ohne in Hamburg zu bleiben?«

»Übermorgen bin ich in Berlin. Vielleicht — weißt du mich zu finden?«

»Und unterdes? Das ist eine Wartezeit von Jahrhunderten!«

»Voneinander träumen. Lebenskünstler sein, wie du sagtest.«

Er zog das Tau aus den Ringen, um sie frei zu geben. Sie tat ein paar Schritte, blieb stehen, öffnete den durchnäßten Wettermantel und schöpfte, die Arme dehnend, Atem.

Da war er bei ihr und riß den Mantel ganz herab. »Ich muß deine Gestalt noch einmal sehen. Ob du dich nicht in eine fischschwänzige Nixe verwandelt hast. Das ist jetzt mein Eigentum.«

»Verteidige es,« lachte sie und wollte ihm entfliehen.

Aber er fing sie in den Armen und preßte sie an sich. Sie schloß die Augen in der ungestümen Umarmung.

»Gute Nacht, wilder Mensch!«

»Gute Nacht, Sturmfrau!« — — — —

Am nächsten Tage sah er sie wieder. Der Morgen war sonnendurchleuchtet.

Hoheitsvoll, in eleganter, duftiger Toilette, schritt sie, wie eine unnahbare Fürstin von einer alten Exzellenz geleitet, an ihm vorbei. Kaum merkbar zuckte es in ihren Wimpern, als sie ihn erblickte, und die Spitzen um den zarten Halsausschnitt zitterten eine Sekunde lang. Sie war, wie vorher, die Dame der großen Welt.

Und Steinherr, den alten ironischen Zug um den Mund, zog mit kalter Höflichkeit den Hut.

Als sie zum zweiten Male an ihm vorüberkam, kannten sie sich nicht mehr ....

Das Schiff war in die Elbmündung eingelaufen. Mit der einbrechenden Flut ging es stromauf. Am Abend war der Sankt Pauli-Landungsplatz erreicht; die Schiffsbrücken rasselten nieder und bildeten den Steg.

Hans Steinherr stand mitten im Gedränge. Die Passagiere stießen an ihn an und machten Bemerkungen über den Sonderling, der sich durch seine Art auch beim Abschied nicht verleugnete. Er hörte nichts.

Jetzt erschien Frau Bettina, von einem ganzen Kreise eskortiert. Er streifte sie mit gleichmütigem Blick. Er hatte sich völlig in der Gewalt.

Als sie neben ihm war, tat sie, als würde sie von dem Menschenstrom gegen ihn zurückgedrängt. Wie unbeabsichtigt lehnte sie sich einen Moment fest an seine Schulter. Da spürte er ihre suchende Hand in der seinen. Er biß die Zähne zusammen. Sie hatte ihm die Nägel in die Handfläche gedrückt.

Um den Wagen, der sie zum Bahnhof brachte, sammelte sich die Gesellschaft. Sie erteilte gnädig Abschiedsaudienz. Hans Steinherr reckte sich in den Schultern: ~Ich~ hab’ sie in den Armen gehabt!

Aus der Ferne flatterte ihr Tuch. Das galt ~ihm~: Folge mir!

Lange noch stand er an der stiller werdenden Hafenstelle. — —

Zweites Kapitel

Hans Steinherr hatte es nicht sonderlich eilig gehabt, Frau Bettina Wittelsbach wiederzusehen. Die ersten Tage in Berlin waren damit hingegangen, eine Wohnung zu suchen und das Ameublement auszuwählen, das dem Geschmack eines verwöhnten Junggesellen zu entsprechen vermochte.

Er konnte nicht müde werden, die Stadt zu durchstreifen und sich die Gegenstände Stück für Stück zusammenzuholen. So schuf er sich ein Heim, so ruhig und vornehm in Form und Farbe, als hätte ein kunstsinniger Geist schon seit einem Menschenalter in diesen Räumen geweilt.

Die Wohnung lag in der Viktoriastraße nahe der Potsdamerbrücke. Wenige Schritte, und er war mitten im Leben der Großstadt; wenige Schritte zurück, und die Brandung war verrauscht, Weltabgeschiedenheit umfing ihn. Seine Stimmung brauchte sich von der Laune Berlins nicht abhängig zu machen.

Vierzehn Tage hatte er benötigt, um die Einrichtung zu vollenden. Von früh bis spät war er in freudiger Tätigkeit gewesen, und das Schaffen und Anordnen, das stetige Sichversenken in jeden neuen Gegenstand und das heitere Bekanntwerden mit den Dingen, die nun seine Umgebung bildeten, hatte seine andrängenden Gedanken und Erinnerungen in ruhige Bahnen abgezogen.

Es war ein Vormittag zu Anfang Oktober. Hans Steinherr stand an dem weitgeöffneten Fenster seiner Parterrewohnung und blickte über die sonnenbeschienene Potsdamerbrücke hinaus. Was nun? Er hatte sich fertig eingerichtet und mußte nun wohl an die Regelung eines weiteren Tagewerks gehen. Das fiel ihm zum ersten Male ein. Weshalb hatte er sich sonst seßhaft gemacht!

Er erinnerte sich der hohen Meinungen seiner einstigen Kommilitonen. Ihres Schwärmens von seiner Zukunft. Man hatte doch eine Karrière von ihm erwartet, die in gerader Linie unter Volldampf vorwärts wies, und nun war er, eben vom Start gelassen, in breiter Kurve ausgewichen und hatte den Anschluß nicht wieder aufgesucht. Wo war der kalt wägende Ehrgeiz geblieben, für den es keine Hindernisse geben sollte, dem er als ersten Tribut seine töricht süße Jugendliebelei geopfert hatte?

Töricht — —? Süß, o ja, das war sie gewesen. Aber töricht? — Was war denn in der Empfindung später ernsthafter gewesen? Oder nur gleich ernsthaft? Jede Spanne des Lebens nahm das ernsthaftere Gepräge der Empfindungen für sich in Anspruch, aber das der aufwachenden Jugend war das erste und damit das ursprünglichste gewesen. Das, was folgte, hatte sich darauf aufgebaut, dem Geschmack der Welt, den Zeitströmungen nachgebend.

So schnell er gelaufen war, sein Schatten lief mit.

Das hatte sich hemmend auf den Sturmlauf seines Ehrgeizes gelegt. Das niederrheinische Gemüt wurzelte tiefer als alle anerlernte Form. Das Wesensinnere einer Heimatscholle, die einen ausgesprochenen Charakter besitzt, läßt sich nicht abschütteln wie der Staub von den Stiefeln. Durch sie, durch das Festhalten an ihr, werden ihre Söhne in der Ferne zur Kraft gelangen wie Eichen im Buschwald, ohne sie, unter Preisgabe ihrer Art, werden sie unkennbar im Niederholz verschwinden.

Hans Steinherr sah über die sonnige Straße hin. Noch war er da!

Anders, als er es sich vorgestellt hatte beim letzten Abschied von Düsseldorf, vor fünf Jahren ... Aber er war da! Er war ~wieder~ da! Und eine neue Heimat zu schaffen, mußte gelingen.

Als er es in seinem Studium zum Doktor der Rechte gebracht, hatte er resigniert. Durch den jähen Abbruch der Beziehungen zur Vaterstadt, zur Mutter, den Freunden, der Freundin, war es mählich und mählich beklemmend still in ihm geworden. Er hatte Stunden gehabt, in denen es ihn mitten in fröhlicher Gesellschaft fror. Und die Stunden waren wiedergekommen und kamen wieder. Dann vermochte er sich nicht zu wehren: die Vergleiche drängten sich ihm unabweisbar auf. Dann entsann er sich des Abends am Rheinufer, als er, noch ein Primaner, vom Schützenfestplatz gekommen war und ihm die Ursprünglichkeit des Heimatlandes zum ersten Male jubelnd aufgegangen war. Auch damals hatte er Vergleiche gezogen, zwischen dem gesellschaftlichen Leben im Hause seines Vaters, das sich, wenn auch Schablonenarbeit, zeitweilig doch so hübsch, ja sogar witzig abspielte, und der Glückseligkeit, die ihm die nahe Berührung mit der Rassigkeit der ureigensten Scholle bereitet hatte. Nun fehlte ihm selbst das schwache Abbild, das das Vaterhaus ihm bot. Von allem anderen zu schweigen ...

Immer wieder waren die Erinnerungen gekommen wie der Dieb in der Nacht. Sie verschönten sich in seiner Einbildung, ließen ihn oft die Gegenwart vergessen und gaukelten ihm Perspektiven vor, in denen er als nimmer müder Genießender stand. Wenn er erwachte, fragte er sich: Wozu arbeite ich, wozu leb’ ich denn überhaupt? Das ist ja eine regelrechte Komödie, die ich mitmache. Nur weil andere aus Gründen ihr Gesicht unter Schminke verstecken? »Wenn der Mensch schon etwas ›aus Gründen‹ tut ...!« hatte Heinrich Springe einmal gewettert.

Aber der harte Kopf, der niederrheinische Eigensinn hatte ihn abgehalten, den Schritt zurück zu tun. Wenigstens nicht als Schiffbrüchiger sollte es geschehen. Der Schein des Siegers, der sich großmütig und menschlich erweist, sollte gewahrt werden. In den Gedanken, so widerspruchsvoll er war, hatte er sich verbissen.

Wo der Siegerlorbeer für ihn zu holen sei, war ihm dabei nicht klarer geworden. Den Ehrgeiz auf eine hohe gesellschaftliche oder Staatsstellung hatte er quittiert, seitdem ihm die Masken als Masken erschienen und ihm der Gedanke, eines Tages als Marionette zu funktionieren, kalten Schauder einjagte. Also zurück zu den Jugendträumen, der Kunst! Aber die Poesie floß ihm dickflüssig aus der Feder, sie wurde geschraubt, unwahr und schematisch, weil sich sein innerer Mensch noch immer im Widerspruch zu dem äußeren befand. Er war zu gründlich in die Schule der Salons gegangen. Die Natürlichkeit schien ihm mit einem peinlich lächerlichen Beigeschmack behaftet. In seinem Gefühlsleben war alles durcheinander gestürzt.

Da hatte er es mit der Flucht in die Einsamkeit versucht. Er, der Anwärter des Menschenglücks, war menschenscheu geworden, hatte die Wüsten durchwandert und die Meere befahren. In jungen Jahren waren seine Züge schärfer geworden und sein Sarkasmus größer als seine Jugendfreude. Wieder hatte er sich eine neue Welt gebaut, und wieder umgürtete sie nicht die chinesische Mauer, die den großen, fragenden Augen der Heimat den Einblick verwehrt hätte.

Nicht, daß er von daheim mit vielen Briefen behelligt worden wäre. Nur das unabweisbar Notwendige kam zu seinen Ohren. Die geschäftlichen Berichte und Bilanzen, die ihm der neue Leiter der Firma Philipp Steinherr regelmäßig einsandte, würdigte er kaum eines Blickes. Das mußte der Mann ja besser verstehen als er. Von privaten Geschehnissen wußte er nur, daß seine Mutter Heinrich Springes Gattin geworden war, daß sie sich an der Seite des herrlichen Menschen unsagbar glücklich fühlte, daß sie die Wohnung in der Immermannstraße gewählt hatten, und die Villa an der Grafenbergerchaussee unter einer tüchtigen Verwalterin täglich für ihn bereit stand. Einmal hatte die Mutter den Namen Hannes in den letzten Jahren erwähnt. Er hatte Wunderdinge aus dem Briefe herausgelesen. Sie sollte, nachdem sie Düsseldorf bald verlassen und in Frankfurt am Main unter Meister Stockhausens Leitung ihre Studien vollendet hatte, eine Konzertsängerin von weitreichendem Ruf geworden sein und draußen in der Welt zu den gesuchtesten Künstlerinnen zählen. Nach Düsseldorf käme sie selten, und nur zu Gast.

Die Nachwirkung dieser Kunde war größer gewesen, als er sich zuerst gestehen wollte. Es war etwas wie Scham und Stolz, was in ihm stritt. Die kleine Jugendliebste schien dort eingesetzt zu haben, wo er aufgehört hatte. ~Sie~ hatte gehalten, was ~er~ versprochen hatte. Und noch eins: sie zeigte, daß jeder Name, und sei es der geringste, adlig ist, wenn er von seinem jeweiligen Träger adlig gehalten wird.

Ah, das war ganz der alte Hannes. Das war schön und — das war niederdrückend.

Sie hatte sich den Inhalt ihrer Jugend gerettet, ihn veredelt; er hatte ihn verloren, nachdem er ihn verleugnet hatte.

Eine Ausgleichung konnte nicht mehr in Betracht kommen.

Nein, dachte der Mann am Fenster ruhig, wir sind auseinander gewachsen, der Boden unter unseren Füßen ist nicht mehr der gleiche. Die alten Gespenster müssen endlich einmal geknebelt werden, und endgültig.

Er trat zurück, nahm Hut und Handschuhe und verließ die Wohnung. Ein eigentümliches Flimmern kam in seine Augen, als er über die Straße schritt und sein Ziel nahm. Es glitt plötzlich wie schwerer Wein durch seine Adern, und seine Männlichkeit dehnte sich in den Gelenken. Die Sturmnachtstimmung von der Nordsee war über ihn gekommen, und er spürte die wilden Küsse des Bereitseins. Das war eine andere Stimmung wie weiland die Hofgartenstimmung in Düsseldorf mit den keuschen Küssen der Vorbereitung. Das Herz hatte sich als ein läppischer Bundesgenosse bewiesen. Es wimmerte bei der geringsten Zumutung. Frau Bettina aber ... Ah, diese Frau hielt es mit den Sinnen. Sie lachte und genoß.

»Um Sechse des Morgens ward er gehenkt, Sie aber schon um Achte Trank roten Wein und lachte ...«

klang ihm die Heinesche Romanze in den Ohren. Unwillkürlich blieb er stehen und zog die Brauen zusammen. Was war dies für eine wahnsinnige Reminiszenz? Mußte er denn schon wieder ins Extravagante verfallen? Sie hatte Leidenschaft, Frau Bettina!

Er schritt weiter, bis er den Kurfürstendamm erreicht hatte. Aus dem Adreßbuch wußte er ihre Wohnung. Der Portier öffnete und wies ihn nach der ersten Etage.

Feierlich still war es in dem hochschössigen Treppenhaus. Der dicke Teppich dämpfte jeden Lebenslaut.

Hans Steinherr mußte eine momentane Verlegenheit niederkämpfen, bevor er dem Stubenmädchen in den Salon folgen konnte. Er hatte sich ein ganz anderes Bild von Frau Bettinas Umgebung gemacht, ein farbenfroheres, ein genußfreudigeres. Hier war ja alles auf Harmonien gestimmt.

Die Dame des Hauses ließ auf sich warten. Er hatte schon die Bilder ringsum an den Wänden studiert, als er hinter sich das Rauschen eines Kleides vernahm.

»Guten Morgen, mein lieber Herr Doktor! Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht in Toilette empfange, aber ich hätte dann Ihre kostbare Zeit allzusehr in Anspruch nehmen müssen. Wie geht es Ihnen? Was führt Sie her? Bitte, dort den Sessel!«

Er ärgerte sich über die Begrüßung, und sie sah es ihm an.

Ihre Augen schlossen sich ein wenig, als wollten sie eine geheime Freude unterdrücken.

»Sie sehen übrigens ausgezeichnet wohl aus. Ich fühle mich leider etwas abgespannt. Die vielen Verpflichtungen hier —«

»Frau Bettina —«

»Aber so setzen Sie sich doch, Herr Doktor!«

Er setzte sich, blickte sie an und schwieg. Eine Ernüchterung kam über ihn.

Und wieder bemerkte sie es, schloß die Augen halb und lächelte.

»Sie sind wohl ungehalten, daß ich Sie so =sans gêne=, im Hauskleid, empfange?«

Er antwortete nicht gleich, aber der leise ironische Zug um seinen Mund, der sie schon auf dem Schiffe gereizt hatte, kehrte wieder, als er mit fragendem Blick ihre weich herniederwallende Gewandung betrachtete und mit gut gespielter Naivetät dann das Auge zu ihr erhob.

»Ich kann mir nicht helfen, ich finde Sie ganz hübsch, gnädige Frau.«

»Nein — wirklich? Ganz hübsch? — Sie nehmen mir eine Last vom Herzen.«

»Sollte Ihnen daran gelegen sein, mir gegenüber noch hübscher zu erscheinen? Das wäre doch undenkbar.«

»Gott, liebster Doktor, man hat zuweilen so seine Launen.«

»Das versteh’ ich vollkommen. Wer in dieser Beziehung frei von Schuld, der werfe den ersten Stein.«

Sie öffnete weit die Augen. Was fiel dem Manne ein? Wollte er den Spieß umkehren? Trotzte er noch oder spottete er bereits ...

»Sie haben sich wohl noch in Hamburg von den Strapazen der Seereise erholt?« fragte sie mit erzwungener Ruhe.

»Nein. In Hamburg hielt mich nichts. Es zog mich nach Berlin, und seit zwei Wochen bin ich hier.«

»Würde es unbescheiden sein, zu fragen, was Sie so sehr nach Berlin zog und Sie hier so fesselte, daß Sie sogar darüber vergaßen, sich nach dem Befinden einer Ihnen nicht ganz unbekannten Dame zu erkundigen?«

»Die nicht ganz unbekannte Dame war es.«

»Ah,« lachte sie auf und lehnte sich weit zurück, »das muß ich sagen: Sie haben eine Art, Ihre Bewunderung an den Tag zu legen, die einem Dichter Ehre machen würde.«

»Gnädige Frau haben die Güte, anzunehmen, daß ich etwas erdichte?«

»Ja, gnädige Frau haben diese Güte.«

»Das ist — verzeihen Sie — sehr unrecht, gnädige Frau. Ich konnte der mir nicht ganz unbekannten Dame die Aufrichtigkeit meiner Bewunderung nicht besser beweisen, als dadurch, daß ich ihr Zeit ließ, sich ebenso über ~ihre~ Aufrichtigkeit klar zu werden. Wie mir scheint, ist das geschehen. Das Schiff streicht durch die Wellen, Fridolin — —«

»Sie erwarteten wohl gar noch eine Art rührender Familienszene, Herr Doktor?«

»Fehlgeraten, meine allergnädigste Frau. Über die Tage der Rührung bin ich hinaus. Mich gelüstet es mehr nach dem Starken, dem Kräftemessen, dem — aber =pardon=, ich langweile Sie wohl.«

»Ich wüßte nicht, daß ich Sie unterbrochen hätte. Bitte, fahren Sie fort. Es gelüstet Sie —?«

»Nach dem Weib — dem Vollweib.«

Sie lag noch immer, den Kopf weit hintenüber gelehnt, in ihrem Sessel.

»Sie sprechen von diesen Dingen,« sagte sie gedehnt, »als ob es sich um Spielzeug handelte. Orientieren Sie sich.«

»Ich spreche von Dingen,« entgegnete er, »denen ich gewachsen bin. Vorausgesetzt, daß mir die Partnerschaft paßt.«

Mit einem Ruck stand sie auf den Füßen. Ihre Brust wogte, und über ihre elfenbeinfarbene Haut zog sich blitzschnell eine fliegende Röte.

»Das — das ist — eine Kühnheit von einer Beispiellosigkeit —« brachte sie hervor.

»Hassen Sie die Kühnheit?« fragte er mit einem Gleichmut, der sie noch mehr empörte. »Nun, meine gnädige Frau, Kühnheit oder Feigheit, Haß oder Liebe: eine Frau wie Sie, die nur zuweilen eine Laune hat, ist doch selbstredend =hors concours=. Und von der anderen zu sprechen, lohnt sich nicht.«

»Wie Sie befehlen, Herr Doktor.«

Sie ging mit erzwungener Gelassenheit an ihm vorüber, und die Schleppe ihres weichen Kleides strich über seine Füße hin. Wie ein magnetischer Strom ging es von der Berührung aus.

»Sie bedienen sich da eines Ausdrucks, meine allergnädigste Frau, den Sie mir einmal verwiesen. Sie betonten damals als erlesenste Freude das freiwillige Entgegentragen ohne Befehl.«

»Sie täuschen sich, Herr Doktor. Das muß wohl die andere gewesen sein.«

»Verzeihung wegen meiner Vergeßlichkeit. Es war die andere.«

Sie stand an dem Fenstervorhang, den Rücken ihm zugewandt, und blickte durch die Stores. Wie prachtvoll sich diese Rückenlinie schwang. Ein Frauenkörper ohne Fehl.

Eine Minute zögerte Steinherr noch, um das Bild zu genießen. Dann erhob er sich.

»Sie verabschieden mich, meine gnädige Frau? Da muß ich wohl meiner Erziehung Ehre machen und — gehen?«

Sie blickte weiter durch die Stores, als ob auf der Straße sie etwas ungewöhnlich fesselte.

Da trat er hinter sie und küßte sie auf den weißen Nacken, dicht unter den Haaransatz des schlanken Kopfes.

Sie fuhr herum mit vor Entrüstung flammenden Augen.

»Was erdreisten Sie sich!«

Da beugte er sich über sie und küßte sie auf den gewölbten Hals.

»Ich verbiete Ihnen — —«

Und er beugte sich zum zweiten und dritten Male über sie und küßte sie genau auf dieselbe Stelle.

»Du!« stieß sie erregt hervor, »du! Ich will nicht! Ich — ah, ich verspreche mich.«

Er führte langsam ihre Hand an die Lippen, zum Abschied.

»Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich hoffe, ich habe Ihnen keine Aufregung bereitet.«

Noch eine Verneigung, und er ging.

»Hans!«

Er wandte sich an der Tür um. »Sie befehlen, meine gnädige Frau?«

»Nichts, nichts!« rief sie zornig und stampfte wie ein wildes Kind mit dem Fuße auf.